Großstädte? Alter, die überfordern mich komplett. Allein schon beim bloßen Zuschauen. Nicht einmal wegen der Menschenmengen. Eher wegen dieser permanenten Gleichzeitigkeit von allem. Die Polizei brettert irgendwo durch die Innenstadt. Lieferdienste bringen irgendwelche Sachen in Windeseile. Und dann diese Menschen mit AirPods und einem Gesichtsausdruck, als würden sie gleichzeitig eine Firma leiten, einen Podcast aufnehmen und innerlich kurz vorm Nervenzusammenbruch stehen. Natürlich Presslufthammer. Eine Straßenbahn klingelt schon fast aggressiv. Jemand telefoniert auf Lautsprecher. Warum machen Menschen das eigentlich? Niemand hat jemals gedacht, hoffentlich bekomme ich heute noch das komplette Streitgespräch zwischen Hubert und seiner Rentenkasse mit. Jeder Hubert steht natürlich kurz vor der Rente, muss man dazu sagen. Der Name ist so alt, der schuldet Jesus noch drei Ziegen. Naja. Jedenfalls glaube ich, mich überfordert vor allem, dass Großstädte keine Pausen machen. Dörfer haben Pausen. Wälder sowieso. Selbst kleine Städte wirken manchmal, als würden sie gegen halb acht kollektiv beschließen, dass ab 18:38 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. Großstädte dagegen wirken selbst nachts noch wie Menschen, die zu viel Kaffee hatten und sich dann eingeredet haben, Schlaf wäre lediglich eine Meinung. Keine Notwendigkeit.
Und trotzdem verstehe ich die Faszination von Großstädten. Wirklich. Dieses Gefühl, dass jederzeit irgendetwas passieren könnte. Irgendwo eröffnet ein neues Restaurant. Neue Menschen ziehen in die Stadt. Neues Leben vielleicht. In der Seitenstraße neben dem Gemüseladen gibt es dieses angesagte Café, in dem der Cappuccino ungefähr so viel kostet wie früher ein kleiner Gebrauchtwagen. Natürlich nur Kartenzahlung und die Bestellungen laufen auf englisch. Zwei Straßen weiter sitzt jemand morgens um elf mit Sonnenbrille und Aperol draußen, als hätte er beruflich einfach beschlossen, keinen Stress mehr mit der Realität zu haben. Hinter dem Bahnhofsgebäude haben zwei Menschen Sex, während sich vorne am Taxistand gleichzeitig ein Ehepaar anschreit, weil irgendwer „schon wieder nichts gesagt hat“. Großstädte schaffen es erstaunlich leicht, gleichzeitig nach frischen Croissants, teurem Parfum, Urin und leicht feuchter U-Bahn-Station zu riechen. Irgendwo probiert eine High-Society-Dame in einem perfekt ausgeleuchteten Geschäft gerade Düfte aus, die Namen tragen wie „Midnight Velvet“ oder „Bois Impérial“, während drei Straßen weiter ein Mann mit nacktem Oberkörper einen Einkaufswagen durch die Gegend schiebt und sehr laut Diskussionen mit Menschen führt, die vermutlich nur er sehen kann. Alles existiert gleichzeitig. Reich. Kaputt. Schön. Laut. Einsam. Genau das fasziniert Menschen wahrscheinlich daran.
Ich merke jedenfalls ziemlich schnell, dass ich dort eigentlich nicht hingehöre. Ich bin auf dem Land groß geworden. Zwischen Ackerflächen, die so groß waren, dass man als Kind dachte, dahinter würde eh nie etwas Neues beginnen. Menschen sah man dort eher selten. Höchstens auf Traktoren. Bei der Ernte. Beim Güllefahren oder irgendwo am Feldrand während der Jagdsaison. Wenn bei uns jemand hupte, hatte das meistens einen konkreten Grund und war kein emotionaler Dauerzustand. Vielleicht fühlt sich für mich genau deshalb in Großstädten alles permanent ein bisschen zu schnell an. Zu dicht. Zu laut. Menschen laufen dort oft herum, als wären sie auf dem Weg zu etwas unglaublich Wichtigem. Immer mit diesem Blick, als würden die nächsten fünf Minuten über ihre komplette Zukunft entscheiden. Ich dagegen suche nach ungefähr zwanzig Minuten meistens hektisch irgendeinen ruhigen Ort. Einen kleinen Park. Einen Baum. Irgendetwas, das aussieht, als dürfte ich dort kurz normal atmen. Und sobald irgendwo zwischen Beton plötzlich ein Stück Grün auftaucht, freue ich mich bereits völlig unangemessen darüber. „Ach guck. Eine Bank im Schatten.“ Mehr brauche ich manchmal gar nicht. Das ist vermutlich auch eine Art Persönlichkeitstest.
Am anstrengendsten finde ich allerdings Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen. Diese Mischung aus Hektik, Musik aus offenen Ladentüren und Menschen, die plötzlich mitten im Weg stehen bleiben, als hätten sie zwischen H&M und Douglas gerade eine spirituelle Erleuchtung erfahren. Dazu Rollkoffer auf Kopfsteinpflaster. Ätzend. Ein Geräusch, das innerhalb von ungefähr vier Sekunden Aggressionen auslösen kann, die sonst vermutlich nur beim Kontakt mit Druckern oder Hotlines entstehen. Und dann diese seltsame Anspannung, die Großstädte nachts manchmal haben. Vielleicht bilde ich mir das ein. Wahrscheinlich sogar. Aber es gibt dort Menschen, denen man automatisch lieber aus dem Weg geht. Menschen, bei denen der Kopf sofort irgendwelche Geschichten erfindet, obwohl sie vermutlich einfach nur nach Hause wollen. Trotzdem läuft man plötzlich aufmerksamer. Blickt kurz über die Schulter. Wechselt vielleicht sogar die Straßenseite. Eher instinktiv. Ich merke dann immer, wie unterschiedlich Angst eigentlich sein kann. Im Wald habe ich nie dieses Gefühl. Selbst nachts nicht. Ein dichter, dunkler Wald fühlt sich für mich oft sicherer an als eine beleuchtete Fußgängerzone in irgendeiner Großstadt. Vielleicht weil Wälder ehrlich sind. Dort raschelt es und entweder ist es ein Reh oder im schlimmsten Fall etwas, das mich in Ruhe lassen will, sobald es merkt, dass ich genauso wenig Lust auf Stress habe. Städte dagegen wirken manchmal, als würden Menschen dort permanent kurz davor stehen, entweder eine Karriere zu starten oder völlig grundlos auszurasten. Und ehrlich gesagt begegne ich dann lieber einem Wolf im Wald als irgendeinem aggressiven Typen vor einem Späti nachts um halb eins.
Ich bin einfach kein Großstadtmensch. War ich nie. Werde ich nie sein. Ich mag Orte, an denen man morgens noch Vögel hört und nicht direkt irgendeinen Lieferwagen rückwärts piepen. Orte, an denen Luft nach Regen riecht und nicht nach heißem Asphalt, Frittierfett und Stress. Ich mag Cafés, in denen einfach Kaffee verkauft wird und nicht gleichzeitig noch handgetöpferte Tassen, fermentierte Hafermilch und ich einen Workshop zur persönlichen Entfaltung buchen kann. In Großstädten hat man manchmal das Gefühl, selbst ein einfaches Weizenbrötchen muss erstmal ein Konzept besitzen, bevor es verkauft werden darf. Ich mag Orte, an denen Menschen auch mal die Fresse halten können, ohne sofort hektisch aufs Handy zu schauen, als hätte die Welt in den letzten sieben Sekunden eventuell aufgehört zu existieren. Orte, an denen ein Spaziergang einfach ein Spaziergang ist und keine „Mindful Walking Experience“. Vielleicht liegt das wirklich daran, wie ich aufgewachsen bin. Mit Feldern. Mit Wind. Mit diesen riesigen Ackerflächen, auf denen manchmal stundenlang einfach gar nichts passiert ist. Außer vielleicht irgendwo ein Trecker. Und ehrlich gesagt fand ich genau das immer ziemlich beruhigend. Finde ich immer noch. In Großstädten dagegen wirkt Ruhe oft wie etwas, das man teuer buchen muss. Dachterrasse. Rooftop-Bar. Urban Retreat. Irgendwelche Menschen sitzen dann zwischen Betonpflanzen und Designerlampen und tun so, als hätten sie gerade die Stille erfunden, während unter ihnen drei Krankenwagen, zwei Polizeiautos und ein Mann namens Kevin emotional eine Work-Life-Balance-Diskussion führt.
Ganz ehrlich? Ich finde es vollkommen okay, dass ich das nicht brauche. Manche Menschen wollen Skyline. Clubs. Menschenmengen. Dieses Gefühl, dass jederzeit irgendetwas passieren könnte. Ich dagegen brauche eher einen Feldweg. Rehe, Wälder, Flüsse. Vielleicht einen Kaffee in der Hand und irgendwo einen Baum, der seit hundert Jahren exakt dieselbe entspannte Energie ausstrahlt. Jedenfalls sind das exakt die Gedanken, die ich mir momentan mache, während ich abends durch Immobilienportale scrolle und Wohnungen vergleiche. Großstadt ist dabei inzwischen komplett raus. Ehrlich. Eher hänge ich tot über einem Weidezaun, als freiwillig jeden Morgen zwischen E-Scootern, Presslufthämmern und Menschen aufzuwachen, die ihren Matcha-Latte behandeln wie ein Persönlichkeitsmerkmal.
Das Leben ohne Auto ist ein anderes geworden. Langsamer vor allem. Früher stieg ich einfach ein, fuhr los und erledigte Dinge unterwegs. Einkaufen. Baumarkt. Hund einladen. Wald. Alles, ohne groß darüber nachzudenken. Das Auto stand vor der Tür wie ein sehr zuverlässiger, aber leicht überteuerter Freund, der immer Zeit hatte. Erst später begann ich auf die Spritpreise zu achten. Irgendwann kostete Tanken gefühlt ungefähr so viel wie ein kleiner Wellnessurlaub in Brandenburg. Wobei ich nicht weiß, ob Brandenburg schön ist. Mag sein. Egal. Ich fuhr trotzdem weiter. Menschen rechnen sich erstaunlich viel schön, solange sie dabei sitzen können.
Heute lebe ich ohne Auto. Deswegen plane ich anders. Nicht mehr anhand von Dieselpreisen, sondern anhand des Wetterberichts. Das klingt vernünftig. Ist es wahrscheinlich auch. Gleichzeitig hat es etwas Merkwürdiges, mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit vor einer Regen-App zu sitzen und darüber nachzudenken, ob drei Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit bereits als persönlicher Angriff gelten. Auf dem Land bedeuten Besorgungen zu Fuß schnell zehn Kilometer. Mindestens. Regen an sich ist dabei gar nicht das Problem. Wenn man erstmal nass ist, wird es irgendwann egal. Man akzeptiert erstaunlich viel, sobald die Schuhe erstmal durch sind. Schwieriger wird es bei Einkäufen. Zucker zum Beispiel verhält sich bei Regen ungefähr so stabil wie ein Pappkarton im Hochwassergebiet. Und mein Rucksack sieht zwar aus, als hätte er schon zwei Weltkriege, mehrere Zeltlager und mindestens einen sehr schlechten Festivalbesuch überlebt, aber ob er tatsächlich wasserdicht ist, bleibt für mich eine offene Frage.
Vermutlich nicht. Dinge, die wirklich wasserdicht sind, sehen meistens deutlich langweiliger aus. Also plane ich mehr. Schaue auf Wolken. Auf Windrichtungen. Auf diese kleinen Symbole in Wetter-Apps, die grundsätzlich immer optimistischer aussehen als die Realität draußen vor dem Fenster. Und obwohl man sich auf Wetterberichte nur bedingt verlassen kann, geben sie wenigstens eine Richtung vor. Vielleicht ist das überhaupt das Entscheidende. Eine Richtung zu haben. Dieses planlose Loslaufen, unterwegs überlegen, was man eigentlich braucht und auf dem Rückweg feststellen, dass man doch die Cola Zero vergessen hat, verliert mit der Zeit seinen Charme. Besonders dann, wenn man bereits sieben Kilometer hinter sich hat und plötzlich einfällt, dass Klopapier ebenfalls keine schlechte Idee gewesen wäre.
Ein Leben ohne Auto hat aber einen weiteren Vorteil. Ich sehe mehr. Nicht im romantischen Sinn. Eher im echten. Ich kenne jetzt die Geräusche bestimmter Straßen zu bestimmten Uhrzeiten. Ich weiß, bei welchem Haus der Hund immer bellt und wo es morgens nach Waschmittel riecht. Und ich begegne des Öfteren Menschen. Dem älteren Mann mit der grünen Schirmmütze zum Beispiel, der grundsätzlich aussieht, als würde er heimlich die Ordnung im Dorf kontrollieren. Oder der Frau, die jedes Gespräch mit „Na?“ beginnt und damit bereits ungefähr neunzig Prozent aller norddeutschen Kommunikation abgedeckt hat. Ich glaube, genau das ist der Unterschied. Mit dem Auto fährt man meistens nur durch irgendwas hindurch. Zu Fuß gehört man plötzlich ein kleines bisschen dazu. Und ehrlich gesagt wirkt ein Mensch mit Rucksack auf dem Land grundsätzlich verdächtig beschäftigt.
Heute bestand diese Form von Alltagsplanung übrigens daraus, Unterwäsche zu kaufen. Keine Ahnung, wie der offizielle männliche Fachbegriff dafür lautet. Unterhosen klingt nach Bundeswehrspind, Feinripp und einem Mann namens Dieter, der samstags pünktlich seinen Rasen mit einer Nagelschere nachschneidet, damit die Nachbarn nicht tuscheln. „Pants“ wiederum sagen meistens Menschen, die vermutlich auch ihren Balkon „Outdoor-Lounge“ nennen und ihre Wohnung nach Farben sortieren. Und alles andere klingt, als würde man versuchen, zwanghaft cool zu wirken. Also bleiben wir einfach bei Unterwäsche. Jeder weiß ohnehin, was gemeint ist. Jedenfalls stand ich heute vor diesem Regal und fragte mich plötzlich, worauf Männer dabei eigentlich achten. Natürlich auf die Größe. Klar. Aber darüber hinaus? Farbe? Schnittform? Material? Gibt es Menschen, die ernsthaft sagen: „Die sitzt im Schritt einfach hervorragend“ oder „Die hat mich emotional sofort abgeholt“? Ich weiß es nicht. Ich greife seit Jahren ungefähr immer zum selben Modell. Schwarz. Ausschließlich schwarz. Weiß funktioniert nur bei Menschen, die ihr Leben vollständig im Griff haben oder sehr viel Vertrauen in Waschmittel besitzen. Braun wirkt dagegen immer leicht verdächtig. Als würde man im Vorfeld bereits etwas vertuschen wollen. Also schwarz. Neutral. Sicher. Die Schweiz unter den Unterwäschefarben.
Boxershorts trage ich nicht. Ich habe das versucht, aber irgendwie fühlt sich das an, als würde man nachts eine Turnhose tragen. Grundsätzlich nehme ich immer die engen. Aber ohne Eingriff. Diesen Eingriff habe ich ohnehin nie verstanden. Wer benutzt den wirklich? Vermutlich dieselben Männer, die in Baumärkten freiwillig Beratungsgespräche führen. Und obwohl wirklich jeder Mensch auf diesem Planeten Unterwäsche trägt, fühlt sich der Kauf immer irgendwie unangenehm an. Vielleicht, weil Männerunterwäsche grundsätzlich nie nach Leben aussieht. Frauenunterwäsche wird präsentiert wie ein französischer Sommerabend. Weiches Licht. Spitzenstoff. Menschen auf Balkonen trinken Wein und treffen wahrscheinlich emotional stabile Entscheidungen. Männerunterwäsche dagegen liegt unter grellem Neonlicht zwischen Tennissocken und Multipack-Unterhemden. Verpackt in Plastik. Daneben ein Schild mit „3er-Pack 12,95“. Das gesamte Regal wirkt, als hätte man beschlossen, Erotik vorsorglich auszuschließen.
Naja, ich stand also mit meinem schwarzen Dreierpack in der Schlange vor der Kassiererin und plötzlich begann dieser vollkommen bescheuerte innere Dialog. Nicht meiner. Ihrer. Zumindest in meinem Kopf. Sie scannt die Packung. Blickt auf die Größe. Dann kurz zu mir hoch. Wieder zur Packung. Vielleicht denkt sie jetzt: „Aha. Schwarz. Natürlich schwarz. Einer von denen.“ Vielleicht erkennt sie an exakt dieser Kombination aus Drei-Tage-Bart, leicht müdem Blick und günstiger Basic-Unterwäsche sofort, dass ich vermutlich alleine wohne, Kaffee schwarz trinke und schon mindestens einmal nachts um halb eins überlegt habe, ob Tiefkühlpizza eigentlich auch Frühstück sein kann. Vielleicht denkt sie auch: „Interessant. Keine Markenlogos. Kein Calvin Klein. Der Mann hat längst aufgegeben. irgendwas Mitte vierzig, geschieden und entweder kurz vor der Midlife-Crisis oder schon mittendrin.“ Oder schlimmer: „Der sieht aus, als würde er Funktionsjacken besitzen.“ Das wäre hart. Vor allem, weil es stimmt. Und während sie wahrscheinlich in Wahrheit einfach nur ihren Scanner bedient und gedanklich längst beim Feierabend oder einem Glas Wein zu Hause ist, entwickelt mein Gehirn bereits komplette Charakteranalysen. Menschen überschätzen sich in solchen Situationen völlig. Niemand interessiert sich wirklich für die Unterwäsche fremder Leute. Trotzdem steht man da, hält diesen Dreierpack fest und hat kurz das Gefühl, die Kassenschlange könne anhand der Schlüpper Rückschlüsse auf die eigene Lebenssituation ziehen.
Der Mann hinter mir kauft Batterien, Energydrinks und eine Familienpackung Erdnussflips. Vermutlich deutlich interessanter. Trotzdem bin ich überzeugt, dass alle heimlich denken: „Der da vorne hat definitiv seit Jahren dieselbe Sorte Unterwäsche.“ Was wahrscheinlich sogar stimmt.
Christi Himmelfahrt. Vatertag. Oder einfach der einzige Feiertag, an dem Männer morgens um zehn bereits aussehen, als hätten sie die Nacht in einer Mischung aus Getränkemarkt, Tankstelle und mittelschwerer Lebenskrise verbracht. Ich glaube ja, so ganz genau weiß niemand, welches der beiden Feste mittlerweile eigentlich mehr gefeiert wird. Offiziell geht es um die Himmelfahrt Christi. Inoffiziell ziehen Männer mit Bollerwagen über Feldwege, grillen irgendwo, trinken warmes Bier, kalten Schnaps und liegen irgendwann nachmittags irgendwo halb in der Böschung, während einer versucht, sehr emotional „Country Roads“ zu singen. Später wird gekotzt. Irgendwer verliert einen Schuh. Und mindestens einer sagt den Satz: „Mir geht’s eigentlich noch erstaunlich gut.“ Natürlich haben alle Bluetooth-Boxen dabei, die bereits morgens um elf klingen, als hätte jemand schlechte Entscheidungen in Schlagerversion vertont. Das eigentlich Bekloppte daran ist aber, dass es oft genau dieselben Männer sind, die zwei Wochen vorher, am Muttertag, sehr überzeugt erklärt haben, wie wichtig gemeinsame Zeit als Familie sei. Frühstück zusammen. Mittagessen zusammen. Kaffee und Kuchen natürlich auch. Alles möglichst harmonisch und ruhig. Während die Mutter selbstredend organisiert, deckt, aufräumt und vermutlich noch fragt, ob alle genug Brötchen haben. Am Vatertag hingegen reichen plötzlich ein Bollerwagen, zwei Kasten Bier, Schnaps und schlechte Musik aus, um das Konzept Familie für einige Stunden vollständig neu zu interpretieren.
Und spätestens abends zeigt sich dann vermutlich doch wieder, dass Männer am Ende tatsächlich das schwächere Geschlecht sind. Denn irgendwo zwischen Grillplatz, Feldweg und der drölfzigsten völlig unnötigen Runde Schnaps sitzt irgendwann mindestens einer mit glasigem Blick auf einer Bordsteinkante und sagt sehr leise, dass er „kurz frische Luft braucht“. Meistens endet der Tag dann damit, dass die Frau ihn später irgendwo einsammelt. Vollkommen besoffen. Völlig fertig. Vielleicht sogar angekotzt. Während er auf der Rückfahrt versucht zu beteuern, dass es ihm gut geht, dass er kaum etwas getrunken hat und dass es eigentlich ein richtig guter Tag gewesen sei. Am nächsten Morgen liegt genau dieser Mann jammernd auf dem Sofa, trinkt Cola ohne Kohlensäure und erzählt allen mit letzter Kraft, wie unfassbar schlecht es ihm geht, während die Frau nebenbei vermutlich längst wieder Frühstück macht und den ganz normalen Wahnsinn des Familienlebens organisiert. Alles Gute zum Vatertag.
Und vermutlich wird genau dieser Mann nächstes Jahr wieder sehr überzeugt sagen, dass man Vatertag „einfach mal braucht“. Für die Männer. Für die Freundschaft. Für den Ausgleich. Während er gleichzeitig weder weiß, wo sein linker Schuh geblieben ist, noch warum sein Handy voller verwackelter Videos von Männern ist, die „Atemlos“ grölen, als hinge der Fortbestand der Menschheit davon ab. Irgendwo wird dann wieder einer mit Fleischgabel in der Hand behaupten, früher seien Vatertage noch „legendär“ gewesen. Obwohl alle Beteiligten mittlerweile Rücken haben, spätestens ab 22 Uhr frieren und am nächsten Morgen zwei Ibuprofen wie ein religiöses Ritual einnehmen müssen. Scheißegal. Trotzdem passiert es jedes Jahr wieder. Vielleicht, weil Männer sich tief im Inneren immer noch für sechzehn halten, sobald jemand einen Bollerwagen organisiert und „Nur ein Bier“ sagt.
Und gleichzeitig gibt es eben auch die Väter, die diesen Tag ganz anders verbringen.Die, die morgens keine Bluetooth-Box einpacken, sondern Brotdosen. Die in der Küche stehen, Kaffee machen und versuchen, leise zu sein, damit wenigstens einer im Haus noch ein bisschen schlafen kann. Die mit ihren Kindern irgendwo hinfahren. Tierpark. Spielplatz. Badesee. Vollkommen egal. Hauptsache zusammen unterwegs. Männer, die später mit kleinen Schuhen neben ihren eigenen über Waldwege laufen und sich anhören wollen, warum ein Stock unbedingt mit nach Hause genommen werden muss, obwohl er objektiv betrachtet einfach nur ein normaler Stock ist. Diese Väter sitzen dann mittags irgendwo auf einer Bank und teilen sich Pommes, obwohl sie am Ende meistens keine einzige davon wirklich selbst essen. Sie bezahlen voller Hingabe fünf Euro für ein Eis, welches anschließend zu gleichen Teilen auf den Händen, dem T-Shirt und auf dem Autositz verteilt wird. Sie schubsen Schaukeln an, schauen sich zum zwölften Mal dieselbe Rutsche an, reagieren begeistert auf völlig unverständliche Sätze und tragen irgendwann Jacken, Trinkflaschen und halb aufgegessene Butterbrote gleichzeitig durch die Gegend.
Und ehrlich gesagt wirken genau diese Männer am Ende des Tages meistens deutlich zufriedener als die Gruppe, die später versucht, gleichzeitig geradeaus zu laufen und einen Bollerwagen zu ziehen. Vielleicht, weil sie irgendwann verstanden haben, dass das eigentliche Leben nicht auf irgendwelchen Feldwegen zwischen Bierkasten und Schlagermusik stattfindet, sondern genau da. Zwischen klebrigen Kinderhänden. Zwischen zu lauten Kinderliedern im Auto. Zwischen diesen völlig absurden Gesprächen darüber, ob Enten eigentlich Freunde haben oder warum Dinosaurier eigentlich nie hätten aussterben dürfen. Und manchmal reicht dann schon dieser eine kurze Moment. Wenn ein Kind einen einfach ansieht, als wäre man der größte Held der Welt. Ohne irgendetwas beweisen zu müssen. Einfach nur, weil man da ist. Weil man die Schaukel angeschubst hat. Weil man zugehört hat. Weil man mitgegangen ist. Für Kinder sind das keine großen Gesten. Es ist einfach nur Papa. Und genau deshalb bedeutet es ihnen vermutlich alles.
Später schlafen sie müde auf dem Rücksitz ein. Mit zerzausten Haaren, klebrigen Fingern und geschmolzenem Eis auf dem T-Shirt. Vorne läuft leise irgendein Kinderlied, draußen ziehen Bäume und Straßenlaternen vorbei und vom Rücksitz kommt irgendwann nur noch dieses ruhige Atmen. Diese völlige Erschöpfung nach einem Tag, der für Erwachsene vielleicht klein wirkt, für Kinder aber ein echtes Abenteuer war. Und Jahre später sitzen genau diese Kinder vielleicht selbst irgendwo am Steuer. Mit eigenen Kindern auf der Rückbank. Und plötzlich erinnern sie sich wieder daran, wie es war, damals hinten einzuschlafen. Wie Papa gefahren ist. Wie das Auto roch. Wie sich Sicherheit angefühlt hat. Vielleicht erinnern sie sich nicht mehr an jedes Detail. Nicht an den Spielplatz oder das Eis oder den genauen Ort. Aber an dieses Gefühl. Daran, dass jemand da war. Wirklich da. Und wahrscheinlich sind genau das am Ende die Dinge, die bleiben. Nicht die Bollerwagen. Nicht die Suffgeschichten. Sondern diese Tage, die vielleicht damals völlig unspektakulär wirkten und die man erst viele Jahre später als das erkennt, was sie eigentlich waren: Kindheit.
Zu Hause. Dort wartete diesmal allerdings nicht einfach nur Alltag. Eher dieses merkwürdige Gefühl, irgendwo zwischen Abschied und Neuanfang zu stehen. Viele Dinge, die vor ein paar Monaten noch selbstverständlich wirkten, tun das plötzlich nicht mehr. Keine eigene Wohnung. Die Erkenntnis, dass sich in den nächsten Monaten vermutlich vieles verändern wird. Ein anderer Ort vielleicht. Ein neuer Job. Neue Routinen. Andere Wege morgens. Andere Geräusche vor dem Fenster. Und irgendwo zwischen all diesen Gedanken auch die Vorstellung von einem Leben ohne Hund. Ein Gedanke, der noch immer seltsam klingt.
Während ich gestern im Zug saß und draußen langsam wieder die norddeutsche Landschaft vorbeizog, merkte ich irgendwann, dass mir all das erstaunlich wenig Angst macht. Früher dachte ich ja immer, Stabilität würde bedeuten, alles festzuhalten. Beziehungen. Orte. Gewohnheiten. Hauptsache, es bleibt, wie es war. Heute glaube ich langsam, dass Menschen sich manchmal verändern wie Landschaften hinter Zugfenstern. Erst merkt man es kaum. Ein paar Häuser weniger. Mehr Felder. Andere Straßen. Und irgendwann schaut man raus und versteht, dass man längst woanders angekommen ist. Vielleicht ist genau das gerade dieser neue Lebensabschnitt. Wie eine Tür, die irgendwann zufällt, während ich längst aufgehört habe, sie offen halten zu wollen. Und ehrlich gesagt liegt in diesem Gedanken auch etwas Erleichterndes. Dieses gute Gefühl, manchen Menschen wahrscheinlich nie wieder wirklich begegnen zu müssen. Keine künstlichen Gespräche mehr. Kein ständiges Erklären. Kein Festhalten an Dingen, die innerlich längst vorbei sind. Gestern zwischen Ulm, Bremen und einem viel zu teuren Bordbistro-Kaffee hatte ich irgendwann nicht mehr das Gefühl, irgendwohin zurückzufahren. Sondern eher das Gefühl, langsam Anlauf für etwas Neues zu nehmen. Vielleicht braucht es manchmal genau solche langen Zugfahrten, damit der Kopf überhaupt hinterherkommt. Stunden, in denen draußen Landschaft vorbeizieht und man selbst merkt, dass man gedanklich längst dabei ist, Dinge loszulassen, die man viel zu lange mit sich herumgetragen hat.
Als ich um 20:11 Uhr schließlich wieder in Bad Zwischenahn ausstieg, war alles wie immer. Der Bahnsteig. Die Luft. Die Straßen. Und trotzdem fühlte es sich anders an. Nicht traurig. Eher ruhig. Fast so, als hätte diese Reise nicht nur Kilometer hinter sich gelassen, sondern auch ein paar Dinge, die ohnehin nicht mehr mitkommen sollten. Gertrud öffnete den Kofferraum, als wäre es der selbstverständlichste Moment der Welt. Und vielleicht war genau das gestern das Schönste überhaupt. Nach fast elf Stunden Zugfahrt von jemandem abgeholt zu werden, der einfach da ist.
Dieser Mittwoch fühlt sich heute seltsamerweise wie ein Montag an. Ich sitze am MacBook, gestalte eine Verpackung für ein „Schwarzer Peter“-Spiel, lese E-Mails, plane einen Beitrag für den morgigen Feiertag und schreibe Texte. Im Grunde mache ich genau das, was ich jeden Tag mache. Und trotzdem fühlt sich gerade vieles anders an. Zwischendurch klicke ich mich durch Jobportale, schaue mir Wohnungen an und frage mich, wie dieses neue Leben eigentlich aussehen soll. Welche Region, welcher Ort. Welche Wohnung. Welche Menschen. Seltsamerweise fühlt sich genau diese Unsicherheit gerade deutlich ehrlicher an als vieles, das vorher vermeintlich sicher war. Vielleicht sollte ich spazieren gehen. Einfach raus. Den Kopf freibekommen. Der Nachmittag ist ohnehin längst verplant. Termine. Dinge erledigen. Antworten schreiben. Alltag eben. Und trotzdem merke ich, wie sehr mir diese Ruhe aus den Bergen fehlt. Nicht Freizeit. Eher dieses Gefühl von Weite im Kopf. Dieses Gefühl, morgens aufzuwachen und für einen Moment nicht sofort an Probleme, Entscheidungen oder die nächsten Wochen denken zu müssen.
Vielleicht suche ich gerade genau das. Keine perfekte Wohnung. Kein perfektes Leben. Sondern einfach einen Ort, an dem wieder Ruhe möglich wird. Ein Ort, an dem sich Dinge nicht ständig schwer anfühlen. An dem ich nicht ständig das Gefühl habe, Platz wegzunehmen oder mich erklären zu müssen. Ich glaube, das wird jetzt mein nächstes Ziel.
Draußen scheint inzwischen die Sonne. Dieses warme Licht, das plötzlich durch Fenster fällt und Räume sofort freundlicher wirken lässt, obwohl sich eigentlich nichts verändert hat. Auf dem Tisch steht noch eine halbe Tasse Kaffee. Der Bildschirm leuchtet. Irgendwo wartet noch Arbeit. E-Mails. Entscheidungen. Dinge, die erledigt werden müssen. Und trotzdem fühlt sich gerade alles etwas leichter an als noch vor ein paar Wochen. Vielleicht, weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr versuche, irgendetwas mit Gewalt festzuhalten. Vielleicht, weil diese Reise mir gezeigt hat, dass sich selbst größere Veränderungen irgendwann einfach wie Leben anfühlen. Nicht wie Katastrophen. Eher wie Wege, die man lange nicht gehen wollte und die plötzlich trotzdem ganz okay aussehen.
Die Berge sind weit weg. Der Alltag wieder da. Aber irgendwo zwischen Oberstdorf, langen Zugfahrten und diesem seltsamen Mittwoch habe ich gemerkt, dass meine Vorfreude langsam zurückkommt. Auf neue Orte. Neue Routinen. Neue Geschichten vielleicht. Und ehrlich gesagt fühlt sich genau das gerade ziemlich gut an. Ich glaube, ich ziehe jetzt gleich einfach meine Schuhe an und gehe noch eine Runde raus. Vielleicht kaufe ich Schokolade. Vielleicht auch nicht.
Dienstag. 6:30 Uhr. Oberstdorf. Marktplatz 5. Draußen beginnt der Ort langsam wach zu werden. Irgendwo fährt bereits ein Lieferwagen über das Pflaster. Kisten klappern. Wahrscheinlich Brötchenlieferung oder Getränkekisten. In Orten wie diesem klingt selbst der Morgen irgendwie nach Handwerk. Die Berge selbst, stehen noch halb im Schatten und wirken so ruhig, als hätten sie mit menschlicher Hektik grundsätzlich nichts zu tun. Hier in der Wohnung riecht es nach frischer Luft und ein wenig nach Reinigungsmittel. Dieser sehr spezielle Geruch, der entsteht, wenn jemand kurz vor der Abreise beschlossen hat, plötzlich ein erstaunlich verantwortungsvoller Mensch zu sein. Im Ernst. Die Wohnung ist sauber. Wirklich sauber. Ich habe gesaugt, gelüftet, Oberflächen abgewischt und vermutlich gründlicher gereinigt als manche Menschen ihre eigene Wohnung vor Weihnachten. Die Betten sind gemacht. Der Müll ist rausgebracht. Selbst der Wasserkocher sieht aus, als hätte er nie gearbeitet. Falls hier irgendwo noch Fingerabdrücke von mir existieren, dann wahrscheinlich nur an der Türklinke. Und selbst dort müsste man schon sehr motiviert suchen. CSI Oberstdorf hätte vermutlich wenig Freude an dieser Wohnung, wäre sie ein Tatort.
Ich weiß nicht einmal genau, ob man Ferienwohnungen überhaupt so verlässt. Wahrscheinlich werfen manche Menschen morgens einfach den Schlüssel auf den Tisch und verschwinden Richtung Autobahn. Aber hier war es mir wichtig. Vielleicht weil diese Reise mehr war als nur ein paar Tage wegfahren. Vielleicht weil Orte, an denen man plötzlich wieder ruhig schlafen kann, automatisch etwas mit einem machen. Und genau das ist vermutlich der schwierige Teil am Reisen. Nicht die Ankunft. Nicht das Unterwegssein. Sondern das Gehen. Niemand erzählt einem vorher, wie seltsam es sich anfühlt, einen Ort zu verlassen, an dem der eigene Kopf plötzlich wieder leiser geworden ist. Einen Ort, an dem man morgens aufgewacht ist, ohne sofort sämtliche Probleme des eigenen Lebens wie ein internes Krisenmeeting abzuhalten. Hier oben zwischen Bergen, Regen, Sonne Wanderwegen und diesen wahnsinnig gut aussehenden Wiesen funktionierte das plötzlich erstaunlich gut. Vielleicht liegt es an den Bergen. Vielleicht daran, dass sie Menschen automatisch wieder in die richtige Größe rücken. Man läuft stundenlang bergauf, schwitzt in Kleidung, die morgens noch nach einer hervorragenden Idee aussah, setzt sich irgendwann auf eine Holzbank und schaut auf Täler hinunter, die aussehen, als hätte jemand versucht, Ruhe als Landschaft zu bauen. Und plötzlich wirken viele Dinge kleiner. Nicht unwichtig. Aber kleiner.
Die letzten Tage haben etwas verändert. Kein großes Kino. Kein „ich habe mich neu erfunden“. Eher leiser. Ehrlicher. Mehr wie: Da ist wieder Hoffnung. Wieder Lust auf Geschichten. Auf Fotos. Auf Wege. Auf Leben. Und ehrlich gesagt hätte ich selbst vor ein paar Wochen nicht gedacht, dass ich das mal so schreiben würde. Jetzt steht der Rucksack an der Tür. Die Reisetasche daneben. Der Schlüssel liegt bereit. Die Wohnung wirkt, als wäre nie jemand hier gewesen. Und trotzdem bleibt etwas zurück. Wahrscheinlich immer. Vielleicht hinterlässt jeder Mensch an Orten, die er wirklich mochte, irgendeine unsichtbare Spur. Etwas zwischen Erinnerung und Gefühl. Selbst wenn die Fingerabdrücke längst weggewischt sind. Und der schwierige Teil beginnt vermutlich ohnehin erst nach der Rückfahrt. Alltag. Realität. Alles, was wartet. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich das nicht mehr ausschließlich schwer an. Auf diesem Blog werde ich das zukünftig festhalten. Nicht geschniegelt. Nicht perfekt. Sondern ehrlich. Weil ich glaube, dass ich jetzt aufhören muss, ständig nur zu funktionieren und anfangen sollte, mich selbst wieder wichtig zu nehmen. Ich denke, genau das ist hier oben passiert. Zwischen Oberstdorf, Regenwolken, Sonnenstrahlen, Kuhglocken, Mittagessen vom Netto und Männern in Wanderjacken mit genug Taschen für eine mittelgroße Existenzkrise. Ich glaube, ich habe hier oben wieder angefangen, mich selbst ernst zu nehmen. Endlich wieder.
Was ich außerdem mitnehmen werde, ist Dankbarkeit. Ehrliche Dankbarkeit. Für das Erlebte. Für die Menschen, die mir diese Reise überhaupt erst ermöglicht haben. Für Gespräche. Für Wege. Für diese paar Tage Abstand und diesem seltsamen Gefühl, plötzlich wieder klarer denken zu können. Vielleicht sogar Dankbarkeit für Dinge, die nicht funktioniert haben. Und das hätte ich vor einiger Zeit wahrscheinlich selbst noch für ziemlichen Kalenderspruchquatsch gehalten. Ich habe irgendwo einmal gelesen, dass nicht die Glücklichen dankbar sind, sondern die Dankbaren glücklich. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger klingt das nach einem Satz aus einem Wandtattoo-Regal. Vielleicht stimmt das wirklich. Vielleicht besteht ein großer Teil des Lebens nicht darin, ständig irgendetwas zu erreichen, sondern zu lernen, Dinge anzunehmen, ohne sofort mit ihnen zu kämpfen. Loszulassen, ohne alles direkt als Niederlage zu empfinden.
Als ich mich am ersten Tag hier verlief, kam ich nicht bei der Breitachklamm an. Ich stand irgendwann irgendwo zwischen Wiesen, Wanderwegen und meinem offensichtlich nur mittelmäßig ausgeprägten Orientierungssinn und musste feststellen, dass Berge Menschen sehr zuverlässig daran erinnern, wie wenig Kontrolle sie eigentlich besitzen. In der Nacht darauf regnete es. Und genau deshalb erlebte ich die Breitachklamm am nächsten Tag mit deutlich mehr Wasser, mehr Kraft und diesem dumpfen Donnern zwischen den Felsen, das man nicht nur hört, sondern beinahe spürt. Später wurde mir sogar gesagt, dass sie nach Regen am beeindruckendsten sei. Wahrscheinlich hatten sie recht. Wie meistens Menschen, die ihr ganzes Leben in den Bergen wohnen und wetterfeste Gesichter besitzen.
Und als ich mit der Nebelhornbahn fahren wollte, war sie außer Betrieb. Wartungsarbeiten nach dem Gesetz. Natürlich war ich enttäuscht. Ich wollte auf den Gipfel. Ich wollte ankommen. Wahrscheinlich mögen Menschen deshalb überhaupt Berge. Wegen dieses Gefühls, oben zu stehen und sagen zu können: geschafft. Stattdessen ging ich zu Fuß und entdeckte diese Wasserfälle am Rand des Wanderweges. Klares Wasser. Laut. Kalt. Vollkommen unbeeindruckt von jeglichen, menschlichen Plänen. Ohne die gesperrte Bahn hätte ich dort vermutlich nie gestanden. Ich habe den Gipfel am Ende nicht erreicht. Und natürlich fühlt sich so etwas erstmal wie Scheitern an. Es gibt ja Menschen, die reden sich gern ein, sie wären völlig entspannt mit Niederlagen. Aber die meisten ärgern sich schon, wenn ein Joghurtdeckel schief aufgeht. Ich auch. Trotzdem vergisst man bei all diesen Vorstellungen vom „es schaffen“ oft einen wichtigen Teil, und zwar das Dinge manchmal auch deshalb nicht passieren, weil sie nicht passieren sollen.
Die Möglichkeit, auf dem Weg nach oben irgendwo auszurutschen, sich zu verletzen oder später von der Bergwacht eingesammelt zu werden, blendet man erstaunlich zuverlässig aus, solange man sich selbst gedanklich auf einem Gipfel stehen sieht. Vielleicht ist nicht jedes Scheitern automatisch ein Absturz. Vielleicht ist manches einfach nur eine Abzweigung. Eine Richtung, die man selbst nie gewählt hätte, die einen aber trotzdem irgendwohin führt, wo etwas Gutes wartet. Und vielleicht beginnt genau dort Dankbarkeit. Nicht wenn alles perfekt läuft. Sondern wenn man irgendwann versteht, dass selbst Umwege ihren eigenen Sinn haben können. Und vielleicht fängt Leben genau da erst richtig an.
Jetzt ist es kurz nach neun. Fast zweieinhalb Stunden habe ich hier gesessen, an diesem Text geschrieben, aus dem Fenster geschaut und zwischendurch Dinge wieder gelöscht, die plötzlich zu groß klangen. Gleich werde ich mein Macbook einpacken, den Tisch noch einmal abwischen und mich auf den Weg machen. Und wahrscheinlich werde ich später irgendwo im ICE nach Hannover einschlafen und einen großen Teil der Rückfahrt verpassen, weil ich seit vier Uhr wach bin. Ehrlich gesagt klingt selbst das gerade nach einem ziemlich guten Plan.
Über Oberstdorf liegt an diesem Morgen eine Art gedämpfte Ruhe. Alles wirkt leiser. Der Regen hängt zwischen den Häusern wie ein grauer Vorhang und irgendwo oberhalb der Dächer verschwinden die Berge halb in den Wolken. Auf den Straßen laufen trotzdem Menschen. Allerdings mit Schirmen und Regenjacken. Funktionskleidung scheint hier ohnehin weniger Mode zu sein als ein dauerhaft akzeptierter Lebenszustand. Manche tragen Jacken mit so vielen Reißverschlüssen, dass man darin vermutlich problemlos einen mittelgroßen Hausstand transportieren könnte. Neidisch bin ich irgendwie schon. Trotzdem wirkt nichts hektisch. Vor den Cafés sitzen immer noch ein paar Menschen unter Markisen, eingewickelt in Decken, mit Cappuccino vor sich, als wären zwölf Grad und Nieselregen exakt die Temperatur, auf die sie das ganze Jahr gewartet haben. Ich beobachte einen Mann, der völlig entspannt draußen sitzt und einen Eisbecher bestellt. Eis. Bei Regen. In Norddeutschland würde man so jemanden vermutlich erstmal nach seinem Gesundheitszustand fragen.
Vielleicht verändert einen dieser Ort tatsächlich nach ein paar Tagen. Vielleicht gewöhnt man sich daran, dass schlechtes Wetter in den Bergen nicht automatisch schlechte Stimmung bedeutet. Regen fühlt sich hier anders an. Weniger wie ein Angriff. Mehr wie eine Pause zwischen zwei klaren Tagen. Alles riecht intensiver. Der Wald. Die Wiesen. Holz. Erde. Selbst die Luft wirkt kräftiger. Gesünder. Und während unten der Regen auf Pflastersteine fällt, stehen die Berge einfach hinter den Wolken und wirken vollkommen unbeeindruckt von alldem. Als hätten sie in den letzten paar tausend Jahren deutlich dramatischere Montage erlebt. Gegen Mittag zieht der Geruch von Bratkartoffeln aus einer geöffneten Tür auf die Straße. Irgendwo klappert Geschirr. Ein Hund schüttelt sich vor einem Haus trocken und verteilt den Regen der letzten Stunde noch einmal über den Hof. Niemand regt sich auf. Man scheint hier eine gewisse Gelassenheit entwickelt zu haben. Wahrscheinlich bleibt einem zwischen Bergen, Regen und Touristen auch gar nichts anderes übrig. Und ganz ehrlich? Selbst ein verregneter Montag in Oberstdorf hat noch mehr Atmosphäre als manche Städte an ihrem schönsten Sommertag.
Heute ist mein letzter Tag hier. Morgen geht es zurück. Über Stuttgart. Hannover. Ein ganzer Tag zwischen Gleisen, Bahnhöfen und Menschen, Menschen, die im ICE schon kurz nach der Abfahrt konzentriert aus den Fenstern schauen oder ruhig vor ihren Laptops sitzen, als hätten Zugfahrten automatisch etwas Ernstes. Aber daran möchte ich gerade nicht denken. Nicht jetzt. Ich habe beschlossen, den letzten Nachmittag einfach in der Wohnung zu verbringen. Fotos sortieren. An einer Geschichte arbeiten. Irgendetwas essen, das zu viel Käse enthält und deshalb automatisch als Urlaub durchgeht. Zwischendurch auf dem Balkon sitzen, Kaffee trinken und den Menschen unten unter ihren Regenschirmen zuschauen. Manche laufen erstaunlich entschlossen durch den Regen. Andere schlendern so langsam durch die Fußgängerzone, als hätten sie heute wirklich absolut nichts mehr vor außer vielleicht noch ein richtig geiles Stück Kuchen.
Drinnen ist es ruhig. Die Berge verschwinden immer noch halb in den Wolken. Das und der Regen wird sich heute nicht mehr ändern. Und obwohl ich morgen abreise, fühlt sich das alles gerade nicht nach Abschied an. Eher nach dieser seltsamen Ruhe, die manchmal entsteht, wenn man weiß, dass sich bald etwas verändern wird. Später werde ich die Tasche packen. Wahrscheinlich viel zu ordentlich anfangen und am Ende trotzdem alles einfach irgendwie hineindrücken. Danach möchte ich den Abend einfach noch ein bisschen genießen. Vielleicht noch einmal durch den Ort laufen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht reicht es vollkommen, einfach noch eine Weile hier zu sitzen und diesem verregneten Montag zuzusehen. Ab Mittwoch beginnt dann wieder Alltag. Wohnung suchen. Bewerbungen schreiben. Entscheidungen treffen. Irgendwie einen neuen Lebensabschnitt planen und mich gleichzeitig trotzdem von allem treiben lassen. Klingt widersprüchlich. Ist es wahrscheinlich auch. Aber vielleicht funktioniert Leben genau so. Nicht immer nur komplett kontrolliert. Eher wie eine Zugfahrt durch Regen, bei der man manchmal einfach nur aus dem Fenster schaut und hofft, dass die Richtung schon irgendwie stimmt.
Ich habe noch diesen einen Tag hier, aber ein Fazit kann ich trotzdem schon ziehen. Alleine reisen ist wirklich etwas Besonderes. Nicht dieses große „sich selbst finden“, von dem immer alle sprechen. Eher etwas viel Einfacheres. Man verbringt plötzlich wieder Zeit mit sich selbst. Ohne dauernde Gespräche. Ohne Absprachen. Ohne dieses permanente „Was machen wir jetzt?“ oder „Wo wollen wir essen gehen?“. Der Tag gehört plötzlich nur noch einem selbst. Was erstaunlich ungewohnt sein kann. Ich habe erst hier gemerkt, wie laut mein Kopf eigentlich geworden ist. Zu Hause merkt man das oft gar nicht mehr, weil ständig irgendetwas passiert. Nachrichten. Termine. Gedanken. Menschen. Irgendwo klingelt immer etwas. Hier sitzt man morgens plötzlich mit einem Kaffee in einer fremden Stadt und merkt, dass niemand gerade irgendetwas von einem will. Kein Funktionieren. Kein Antworten. Keine Rolle, die erfüllt werden muss. Nur dieser Tag. Diese Berge. Dieser Regen. Und man selbst irgendwo dazwischen.
Vielleicht nimmt man deshalb plötzlich alles intensiver wahr. Geräusche. Schritte auf nassem Pflaster. Das Klappern von Geschirr aus Cafés. Den Geruch von Regen auf Holz. Menschen, die an einem vorbeilaufen. Ein älteres Paar unter einem viel zu kleinen Schirm. Wanderer mit roten Gesichtern und nassen Jacken. Eine Frau, die vollkommen entspannt draußen ihren Cappuccino trinkt. Und gleichzeitig passiert noch etwas anderes. Man wird automatisch offener. Einfach weil man muss. Man fragt nach Wegen. Nach Busverbindungen. Nach irgendeiner Hütte am Berg, deren Namen man fünf Sekunden später sowieso wieder vergessen hat. Man kommt mit Menschen ins Gespräch, die man zu Hause wahrscheinlich niemals angesprochen hätte. Nicht tiefgründig. Einfach normale Gespräche. Aber genau die bleiben manchmal hängen. Abends sitzt man dann irgendwann alleine irgendwo in einem Restaurant oder auf einem Balkon und denkt plötzlich überhaupt nicht mehr darüber nach, ob das komisch aussieht. Nach kurzer Zeit wird das normal. Und irgendwann fühlt sich genau das nach Freiheit an
Alleine reisen zeigt einem allerdings auch ziemlich ehrlich, wer man eigentlich ist, wenn niemand drumherum ablenkt. Ob man Stille aushält. Ob man sich selbst beschäftigen kann. Ob man ständig Bestätigung braucht oder ob es reicht, einfach irgendwo zu sitzen, den Regen zwischen Bergen zu beobachten und dabei vollkommen zufrieden zu sein. Vielleicht entstehen genau deshalb die besten Geschichten unterwegs. Draußen. Dann, wenn niemand danebensteht, um den Moment sofort einzuordnen. Falsch abgebogen. Im Regen irgendwo gelandet. Stundenlang durch die Gegend gelaufen. Zufällig einen Ort entdeckt, den man eigentlich nie gesucht hat. Vielleicht ist das überhaupt das Schönste am Alleinreisen. Es fühlt sich manchmal an wie ein kleines Leben außerhalb des normalen Lebens. Und wenn man zurückkommt, wirken viele Dinge plötzlich erstaunlich unwichtig, über die man sich vorher noch stundenlang Gedanken gemacht hat.
Wie gesagt, morgen geht es zurück. Zurück zu Terminen, Entscheidungen und all den Dingen, die da auf mich warten. Aber ich glaube, ich lasse hier oben zwischen Wäldern, Bergen und dieser Ruhe auch etwas zurück, das ich schon viel zu lange mit mir herumgetragen habe. Etwas, das schwer geworden ist. Zu schwer. Und ehrlich gesagt fühlt sich genau das gerade ziemlich gut an. Gleichzeitig nehme ich etwas anderes mit nach Hause. Nichts, das man fotografieren oder irgendwo hinstellen könnte. Eher dieses Gefühl, morgens wieder gerne aufzuwachen. Wieder Lust auf Dinge zu haben. Auf Wege. Auf Geschichten. Auf das Leben außerhalb von Gedanken, Sorgen und ständigem Funktionieren. Ich glaube, ich habe hier oben ein kleines Stück von mir wiedergefunden, das irgendwo zwischen Alltag und Kopf verloren gegangen war. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem ein Ort plötzlich mehr wird als nur ein Reiseziel. Ich weiß jedenfalls jetzt schon, dass ich wieder zurück ins Allgäu kommen werde. Nicht irgendwann vielleicht. Sondern ganz sicher.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-05-11 14:06:462026-05-11 14:06:48Allein im Allgäu.
Es ist Sonntagmorgen. Kurz nach sechs. Die Straßen von Oberstdorf wirken ruhig. Ich frühstücke ordentlich. Zwei Brote. Ein Stück Hefezopf. Kaffee natürlich. Sehr viel Kaffee sogar. Wandern ohne Kaffee ist im Grunde nur zielloses Gehen mit schlechter Laune. Gegen halb acht schnüre ich die Wanderschuhe ungewöhnlich motiviert fest. Draußen leert die Stadtreinigung gerade die Mülltonnen an der Kirche. Einer der Männer nickt mir zu. „Servus.“ Ich antworte ebenfalls mit „Servus“, obwohl ich bis heute nicht genau weiß, was das Wort eigentlich alles bedeutet. Bei „Moin“ kenne ich die Regeln. Ein einfaches „Moin“ ist korrekt. Ein „Moin Moin“ entlarvt zuverlässig Touristen. Aber „Servus“? Kann man das morgens sagen? Abends? Beim Wandern? Auf Beerdigungen? In Bäckereien? Ich habe keine Ahnung. Vermutlich sagt man es hier einfach immer.
Mein Plan für diesen Morgen ist klar. Mit der Nebelhornbahn fahren. Oben ein bisschen so tun, als wäre ich ein erfahrener Bergmensch. Gipfelkreuz. Foto. Aussicht. Persönlicher Triumph über die Höhenangst. Eventuell noch ein übertrieben nachdenklicher Blick in die Alpen für Instagram. Ordentliche Tagesplanung eigentlich. Schon auf dem Weg wundere ich mich allerdings über den ungewöhnlich leeren Parkplatz an der Talstation. Keine Reisebusse. Keine Senioren mit Wanderstöcken. Keine Menschen in Wanderklamotten. Vor der Tür der Talstation endet mein Plan dann ziemlich abrupt. Geschlossen. Wegen Instandhaltungsarbeiten. Irgendetwas Gesetzliches. Irgendetwas Technisches. Jedenfalls fuhr die Bahn nicht. Kein Stück. Ich stand davor wie jemand, der voller Vorfreude ins Kino geht und erst am Eingang erfährt, dass der Film gestern zum letzten Mal lief.
Kurz war ich genervt. Nicht dramatisch. Eher dieses Genervtsein, bei dem man zweimal langsam nickt und innerlich beleidigt auf eine Tür schaut. Dann dachte ich mir: Scheiß drauf. Dann eben zu Fuß. 10,5 Kilometer. Easy. Laufe ich doch ständig. Morgens. Nachmittags. Gehen kann ich. An die ungefähr 1.400 Höhenmeter dachte ich in diesem Moment nicht. Überhaupt nicht. Höhenmeter wirken auf dem Papier auch erstaunlich harmlos. Das Wort klingt fast freundlich. Meter eben. Was sollen Meter schon machen? Die Antwort darauf lautet übrigens: sehr viel. Vor allem bergauf. Doch wie gesagt, daran dachte ich nicht. Ich lief los. Voller Motivation. Die Luft war kühl. Wiesen leuchteten im Morgenlicht. Irgendwo läuteten Kuhglocken. Nur vereinzelt Menschen. Die ersten Meter liefen hervorragend. Zu hervorragend sogar. Ich begann innerlich bereits damit, mich selbst zu bewundern. Dachte Dinge wie: Siehst du. Läuft doch. Vielleicht steckt in dir doch ein richtiger Bergmensch. Vielleicht kaufst du dir irgendwann auch so eine ultraleichte Outdoorjacke für 480 Euro. Etwa eine Stunde später saß ich schwitzend irgendwo am Wegesrand, atmete wie ein überforderter Staubsauger und beobachtete eine Oma, die deutlich entspannt an mir vorbeiging. Sie nickte mir freundlich zu. Ich konnte nur noch zurückatmen.
„Langsam“, sagte ich irgendwann zu mir selbst. „Geh einfach langsamer. Du musst hier nichts gewinnen.“ Ein erstaunlich vernünftiger Satz für jemanden, der eine Stunde vorher noch dachte, 1.400 Höhenmeter seien im Grunde nur ein etwas längerer Spaziergang. Ich nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack, blieb kurz stehen und wartete, bis der Wind mein T-Shirt wenigstens ansatzweise getrocknet hatte. Danach ging ich weiter. Langsam diesmal. Wirklich langsam. Der Weg führte inzwischen über Strecken, die mit normalen norddeutschen Vorstellungen von „Weg“ nur noch begrenzt etwas zu tun hatten. Teilweise wirkte das eher wie eine Meinungsverschiedenheit mit dicken, nassen Steinen. Ich ärgerte mich kurz darüber, kein Geodreieck eingepackt zu haben, um den Steigungswinkel exakt zu bestimmen. Rein wissenschaftlich natürlich. Emotional war längst klar, dass es steil war. Sehr steil sogar.
Irgendwann kam ich an einem Wasserfall vorbei. Laut. Gewaltig. Dieses kalte, klare Wasser schoss zwischen den Felsen runter, als hätte es irgendwo einen wichtigen Termin. Ich blieb stehen und sah einfach eine Weile zu. Kurz darauf kam der nächste Wasserfall. Dann noch einer. Offenbar bewegte sich der Fluss hier von Wasserfall zu Wasserfall durch die Berge und hielt erstaunlich wenig von Ruhe oder Zurückhaltung. Überall rauschte und tobte es. Und genau das machte es so gut. Natürlich zog ich irgendwann mein Handy raus, weil man heute offenbar selbst mitten in den Alpen noch kurz dokumentieren muss, dass Wasser existiert. Ich filmte das Ganze für meine Story und stellte bereits währenddessen fest, dass dieses Naturschauspiel auf Video ungefähr achtzig Prozent seiner Wirkung verlor. Vielleicht sogar neunzig. Auf dem Display sah alles plötzlich kleiner aus. Flacher. Weiter weg. Es ist ein bisschen wie bei Konzerten. Menschen halten zwei Stunden lang ihr Telefon in die Luft, schauen die gesamte Show über ein sechs Zoll großes Display an und besitzen danach ein verwackeltes Video mit Soundqualität einer kaputten Auspuffanlage. Und trotzdem machen es alle. Mich eingeschlossen. Ich postete das Video. Und ein paar Minuten später ein Foto. Social-Media-Opfer.
Dann wechselte der Weg plötzlich in etwas, das ich vermutlich als Straße bezeichnen würde. Wobei „Straße“ hier ein dehnbarer Begriff ist. Für norddeutsche Verhältnisse sah das eher aus wie ein Wirtschaftsweg mit leicht aggressiver Haltung. Ich folgte ihm den Berg hinauf. Nicht besonders elegant, aber immerhin vorwärts. Wenige Minuten später verwandelte sich das Ganze allerdings wieder in einen schmalen Wanderweg. An einer Stelle ging es links und rechts ziemlich deutlich bergab. Nicht senkrecht. Aber doch in einem Winkel, bei dem man instinktiv etwas langsamer läuft und plötzlich sehr bewusst darüber nachdenkt, wo genau man seine Füße hinstellt. Unten standen Bäume. Viele Bäume. Sicherlich hätten sie mich beim Fallen irgendwann gebremst. Vermutlich allerdings auf eine Weise, die medizinisch eher kritisch bewertet wird. Ich entschied mich deshalb gegen einen Selbstversuch. Dabei musste ich an einen Satz denken, den mal jemand zu mir gesagt hatte: „Sterben ist das, was du als Letztes machen solltest. Mach vorher erstmal alles andere.“ Ich halte mich inzwischen ziemlich konsequent daran. Funktioniert bisher erstaunlich gut.
Während ich weiterging, dachte ich kurz darüber nach, vielleicht so eine Löffelliste anzulegen. Also eine Liste mit Dingen, die man unbedingt noch machen will, bevor man irgendwann den Löffel abgibt. Reisen. Orte sehen. Irgendwelche absurden Ideen umsetzen. Mehr draußen sein. Mit der Nebelhornbahn fahren. Solche Sachen eben. Allerdings hatte ich weder Papier noch Stift dabei. Außerdem fragte ich mich plötzlich, ob man das Anlegen einer Löffelliste eigentlich ebenfalls auf die Löffelliste schreiben müsste. Das Ganze wurde mir innerhalb von ungefähr zehn Sekunden deutlich zu philosophisch für jemanden, der gleichzeitig versuchte, nicht vom Berg zu fallen. Irgendwann sah ich weiter oben etwas, das aussah wie eine große Hütte. Und wie das bei Wanderungen manchmal so ist, entwickelte ich sofort eine emotionale Bindung zu diesem Gebäude, obwohl ich noch nicht einmal wusste, was es eigentlich war.
Es war eine kleine Holzhütte, ganz in der Nähe der Gastwirtschaft Seealpsee. Die Gastwirtschaft selbst hatte geschlossen. Die Hütte natürlich auch. Trotzdem ging ich hin, sah mich ein wenig um und setzte mich kurz in die Sonne. Dort oben hatte sie erstaunlich viel Kraft. Diese Bergsonne, die sich erst angenehm anfühlt und ungefähr zwanzig Minuten später dafür sorgt, dass Menschen aussehen, als hätten sie einen Halbmarathon durch die Sahara absolviert. Ich nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack und trank den letzten Schluck. Danach schüttelte ich sie noch einmal leicht, als würde plötzlich doch wieder Wasser erscheinen, wenn man nur fest genug daran glaubt. Tat es natürlich nicht.
Bis zum Gipfel wären es von dort noch ungefähr zwei Stunden gewesen. Vielleicht etwas mehr. Vielleicht sogar viel mehr. Rein konditionell hätte ich das vermutlich irgendwie geschafft. Nicht schön. Aber irgendwie. Gleichzeitig begann sich das Wetter langsam zu verändern. Der Himmel zog etwas zu. Wind kam auf. Und irgendwo zwischen meinen Knien und meinem restlichen Körper entstand plötzlich dieses sehr deutliche Gefühl, dass Vernunft heute möglicherweise die bessere Geschichte schreiben würde. Also beschloss ich umzudrehen. Nicht frustriert oder enttäuscht. Eher erstaunlich zufrieden. Ich musste dort oben niemandem etwas beweisen. Und selbst wenn irgendjemand mein Scheitern mitbekommen hätte, wäre es vermutlich spätestens beim Abendessen wieder vergessen gewesen. Menschen sind schließlich hauptsächlich mit ihren eigenen Knien beschäftigt.
Für den Rückweg nahm ich dann allerdings eine echte Straße. Mit Asphalt. Mit Kurven. Mit einer Oberfläche, die nicht permanent versuchte, mich körperlich neu zu sortieren. Ehrlich gesagt war das auch völlig in Ordnung. Ich werde bald fünfundvierzig. Da darf man langsam akzeptieren, dass „vernünftig“ manchmal einfach die schönere Form von „nicht abgestürzt“ ist. Außerdem existierte meine Löffelliste zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal. Und es wäre wirklich ärgerlich gewesen, zu sterben, bevor man überhaupt aufschreiben konnte, was man vorher noch alles machen muss.
Eigentlich wollte ich mit der Nebelhornbahn aufs Nebelhorn fahren. Wirklich. Der Plan klang vernünftig. Fast erwachsen. Bis ich vor der Talstation stand und feststellen musste, dass die Bahn erst wieder am 23. Mai öffnet. Also dachte ich, dass ich dann eben zu Fuß gehe. Kann ja nicht so schlimm sein. Der Weg führte durch Wälder, vorbei an Wasserfällen, über Wiesen und diese steilen Anstiege, bei denen man irgendwann beginnt, mit den eigenen Beinen zu diskutieren. Dabei heißt es ja immer, 15 Kilometer seien 15 Kilometer. Das stimmt einfach nicht. 15 Kilometer in den Alpen fühlen sich an. Fast so, als hätten die Berge beschlossen, den Charakter eines Menschen überprüfen zu wollen. Irgendwann merkte ich dann, dass ich zu wenig Wasser dabeihatte und das Wetter langsam seine Meinung änderte. Eben noch Sonne, dann plötzlich Wind und diese frische Bergluft, die einem freundlich signalisiert, dass man vielleicht doch nicht komplett vorbereitet ist. Den Gipfel des Nebelhorns habe ich deshalb nicht erreicht. Halb so schlimm. Dann eben nächstes Jahr. Fotos habe ich trotzdem genug gemacht. Von alten Hütten, Bergen, Wegen und diesem Licht, das hier überall aussieht, als wäre es extra langsamer geworden. Am Ende saß ich ziemlich müde auf einer Bank irgendwo am Wegesrand. Die Bank wirkte dabei ehrlich gesagt frischer als ich. Aber genau dafür macht man solche Tage wahrscheinlich.
Die Breitachklamm sieht auf Fotos ein bisschen aus, als hätte jemand versucht, einen Fantasyfilm mit sehr viel Wasser und sehr wenig Geländer zu drehen. In echt wirkt sie ganz anders. Beeindruckender. Mächtiger. Riesige Felswände. Dunkles Gestein. Überall rauscht, tropft und drückt Wasser durch Stellen, als hätte der Fluss persönlich beschlossen, sich nicht an irgendwelche Regeln zu halten. Dazwischen laufen Menschen in Wanderschuhen erstaunlich konzentriert über schmale Wege und schauen dabei entweder nach oben, nach unten oder permanent auf ihr Smartphone. Vermutlich aus Angst, genau den einen spektakulären Stein zu verpassen, den bereits achttausend andere Menschen fotografiert haben. Ich bin da nicht anders. Nur eher mit Kamera als mit dem Smartphone. Und je weiter man hineingeht, desto kleiner wird alles Menschliche. Egal. Das Wasser läuft einfach weiter. Seit Jahrhunderten vermutlich. Vermutlich noch länger. Und ehrlich gesagt ist genau das beruhigend. Später, draußen vor der Klamm, stehen wieder Wiesen da, als wäre überhaupt nichts passiert. Kühe grasen. Irgendwo fährt ein Fahrrad vorbei. Menschen essen Apfelkuchen oder Kaiserschmarn, als hätten sie gerade keinen halben Tag zwischen tonnenschweren Felsen verbracht. Und vielleicht ist genau das das Schönste daran. Dass dieser Ort gleichzeitig gewaltig und vollkommen normal wirkt. Fast so, als würde das Allgäu sagen: Ja gut. Riesige Schlucht. Aber jetzt erstmal Kaffee. Und Kuchen.
Schon früh am Morgen klingt der Marktplatz, als würde irgendwo jemand irgendetwas ausschließlich aus Metall aufbauen. Stangen schlagen gegeneinander. Anhänger rumpeln über das Pflaster. Dazwischen Stimmen. Viele Stimmen. Menschen tragen Kisten durch die Gegend, bauen Pavillons auf, ziehen Planen glatt und stellen Waren so ordentlich hin, als hinge der Ruf ihrer gesamten Familie davon ab, dass der Bergkäse exakt im richtigen Winkel präsentiert wird. Vor der Kirche herrscht ein Durcheinander, das erstaunlich organisiert wirkt. Fahrer in groben Pickups rangieren Anhänger mit der Gelassenheit von Menschen, die seit Jahrzehnten nichts anderes tun, als samstags irgendwo rückwärts einzuparken. Die Luft ist kühl. Frisch auf eine Weise, wie man sie in Städten eigentlich nicht kennt. In der Nacht zog ein ordentliches Gewitter über Oberstdorf. Der Regen hat die Straßen gewaschen und diese klare Morgenluft hinterlassen, die nach Regen auf Asphalt und feuchtem Holz riecht. Selbst die Häuser wirken an diesem Morgen ein bisschen sauberer. Als hätte jemand den ganzen Ort einmal kurz ausgeschüttelt.
Bis der Bus der Linie 44 um 10:30 Uhr am ZOB abfahren sollte, blieb mir noch Zeit, langsam über den Markt zu gehen. Also tat ich genau das. Käse lag in großen Laiben auf Holzbrettern. Schinken hing neben Würsten, die aussahen, als würden sie jeden Vegetarier zumindest kurz ins Grübeln bringen. Honig von heimischen Imkern wurde verkauft. Marmeladen. Selbstgemachtes. Dinge aus Holz. Dinge aus Stoff. Dinge, bei denen man nicht sofort wusste, wofür sie eigentlich gedacht waren, die aber trotzdem hochwertig wirkten. Es war kein einziger Stand dabei, der nach billigem Flohmarkt aussah. Niemand versuchte hier, kaputte VHS-Player oder alte Kabel für sieben Euro loszuwerden. Stattdessen wirkte alles, als hätte irgendjemand beschlossen, dass selbst ein Markt in den Bergen eine gewisse Würde behalten sollte. Später fuhr sogar die Feuerwehr auf den Platz. Große Fahrzeuge standen am Rande des Marktgeschehens. Drei Jungs rissen sich von ihren Eltern los und liefen sofort dorthin. Wahrscheinlich haben Kinder einen eingebauten Sensor für große, rote Feuerwehrfahrzeuge. Erwachsene übrigens auch. Sie tun nur oft so, als wäre das Interesse rein zufällig. Man erkennt es in den Augen. Immer.
„Der Winter ist vorbei“, rief eine Frau irgendwann laut über den Platz und begrüßte kurz darauf eine der Verkäuferinnen mit einer Umarmung, die wirkte, als hätten sich beide seit Monaten nicht gesehen. Wahrscheinlich stimmte das sogar. Es gibt ja Orte wie diesen, da scheint der Winter Menschen manchmal komplett verschwinden zu lassen, bis sie irgendwann im Frühling plötzlich wieder zwischen Marktständen, Käse und Blumen auftauchen, als wäre nie Zeit vergangen. Und während sie lachten und kurz mitten zwischen Würsten stehen blieben, grinste ein älterer Mann ein paar Meter weiter heimlich mit. Einfach so. Vielleicht, weil gute Laune ansteckend ist.
Breitachklamm
Dieses Mal wollte ich mich nicht verlaufen. Zumindest nicht absichtlich. Also lief ich nicht, sondern nahm den Bus. Die Linie 44 fährt vom ZOB in Oberstdorf direkt zur Breitachklamm. Ein erstaunlich beruhigender Satz für jemanden, dessen Orientierungssinn sich in den letzten Tagen mehrfach als eher optimistische Einschätzung seiner selbst herausgestellt hatte. Nun gut. Um viertel nach zehn stand ich am Busbahnhof. Aber nicht allein. Dort warteten bereits andere Menschen in Wanderschuhen. Manche mit Trekkingstöcken. Andere mit diesen hochwertigen Outdoorrucksäcken, die aussehen, als könnten sie gleichzeitig einen Alpensturm, drei Wochen Wildnis und eine mittelschwere Scheidung überstehen. So einer würde mir vermutlich auch gut stehen. Finanziell spielten diese Rucksäcke allerdings eher in einer anderen Liga. Familien standen zusammen. Rentnergruppen verglichen vermutlich Wanderzeiten oder Knieprobleme. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich bei letzterem Thema später mit diskutieren könnte. Junge Paare hielten Thermobecher in den Händen und wirkten erstaunlich organisiert für einen Samstagmorgen. Und irgendwo mittendrin stand ich.
Die Breitachklamm kannte ich bis dahin eigentlich nur aus sozialen Netzwerken. Irgendwann tauchte zwischen völlig belanglosen Videos plötzlich ein Reel auf. Türkisfarbenes Wasser. Dramatische Felsen. Nebel zwischen den Wänden der Klamm. Dazu wahrscheinlich Indie-Folk-Musik und irgendein Mensch in beigefarbener Outdoorjacke, der bedeutungsvoll in die Natur blickte, als hätte er dort gerade den Sinn des Lebens entdeckt. Ehrlich gesagt verstand ich diese etwas übertriebene Dramaturgie bis dahin auch nicht wirklich. Später, unten zwischen den Felswänden der Breitachklamm, verstand ich sie plötzlich erstaunlich gut. Außerdem hatten mir am Mittwoch zwei liebe Menschen bei einer Tasse Ostfriesentee ziemlich eindringlich gesagt, dass ich dort unbedingt hin müsse. Also stand ich jetzt hier. Manchmal entstehen Reisen erstaunlich unspektakulär.
Um 10:32 Uhr kam der Bus. Leer. Gute fünf Minuten später war kein Platz mehr frei. Fast alle, die einstiegen, hatten offenbar dasselbe Ziel. Der Bus setzte sich langsam in Bewegung. Vorbei an Wiesen, kleinen Häusern und Straßen, die vom Regen der Nacht noch dunkel glänzten. Hinter den Fenstern zogen Berge vorbei. Kühe. Holzzäune. Irgendwo hing noch Nebel zwischen den Hängen. Und während der Bus durch das Allgäu fuhr, entstand langsam dieses merkwürdige Gefühl zwischen Ruhe und Vorfreude. Kein großes Abenteuergefühl. Eher dieses Wissen, gleich an einen Ort zu kommen, an dem Wasser seit Jahrhunderten einfach durch Felsen drückt und Menschen davorstehen, als würden sie so etwas zum ersten Mal sehen. Ist wahrscheinlich sogar so.
Nach einigen Minuten Busfahrt war ich da. An dem Ort, an dem sich die Breitach über Jahrtausende durch massiven Fels gearbeitet hat. Klingt erst einmal nach einer langweiligen Unterrichtsstunde kurz vor den Sommerferien, fühlt sich vor Ort allerdings deutlich beeindruckender an. Schon am Eingang der Klamm verändert sich etwas. Die Luft wird kühler. Feuchter. Es riecht nach nassem Stein, Holz und diesem klaren, kalten Wasser, das aussieht, als hätte jemand sämtliche Blautöne etwas zu stark aufgedreht. Die Felswände ragen hoch auf, dass man automatisch nach oben schaut. Nicht aus Angst. Eher aus diesem instinktiven Bedürfnis heraus, kurz zu überprüfen, ob wirklich alles noch da bleibt, wo es seit Jahrhunderten offenbar schon steht. Die Wände wirken nicht instabil. Eher einschüchternd ruhig. Trotzdem gibt es Warnhinweise, dass Steinbrocken mal eben runterfallen können.
Und genau das ist wahrscheinlich das Beeindruckende an der Breitachklamm. Nicht irgendein einzelner Aussichtspunkt oder ein besonders fotogener Moment. Sondern dieses Gefühl beim Hindurchlaufen. Überall tropft Wasser von den Felsen. Das Rauschen begleitet einen die ganze Zeit. Und nach dem Gewitter der Nacht drückte die Breitach mit ordentlich Kraft durch die enge Schlucht. Nicht dieses beruhigende Plätschern, das Menschen gern als Einschlafgeräusch auf Spotify hören. Eher ein konstantes Hämmern aus Wasser, Stein und Bewegung. Und weil die Wege direkt in die Felswände gebaut wurden, läuft man teilweise wie durch einen Tunnel aus Geräuschen. Mal eng. Mal offen. Dann wieder nur Fels, Wasser und dieses dumpfe Dröhnen der Strömung. Ich musste hin und wieder ganz schön den Kopf einziehen.
Allein war ich dort natürlich nicht. Viele Menschen liefen durch die Klamm. Was mich allerdings wirklich wunderte war, dass die meisten sich erstaunlich schnell hindurch bewegten. Während ich immer wieder stehen blieb, nach oben sah oder einfach nur diesem Wasser zuschaute, marschierten andere an mir vorbei, als würde am Ende der Strecke kostenlos Kuchen verteilt. Vielleicht gab es dort tatsächlich Kuchen. Ich habe nicht nachgesehen. Trotzdem verliert die Klamm dadurch nichts von ihrer Wirkung. Dafür ist dieser Ort schlicht zu massiv. Zu echt.
Ein älterer Herr bemerkte vermutlich mein etwas dauerhaftes Staunen und blieb kurz neben mir stehen. Im Winter, erzählte er, sehe die Breitachklamm komplett anders aus. Dann hängen riesige Eiszapfen an den Wänden. Wasser gefriert mitten im Lauf. Alles wirke stiller. Fast unwirklich. Er meinte sogar, dass die Klamm im Winter schöner sei als im Sommer. Dafür natürlich deutlich kälter. Dann lachte er kurz und ging weiter, während ich noch darüber nachdachte, wie kalt „deutlich kälter“ an so einem Ort vermutlich wirklich bedeutet. Historisch ist die Klamm übrigens schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts erschlossen. Habe ich später gegoogelt. Zugegeben. Und früher war das Ganze deutlich gefährlicher. Heute führen sichere Wege und Stege durch die Schlucht, trotzdem merkt man diesem Ort noch an, dass er ursprünglich einfach rohe Natur war. Kein künstlich gebautes Erlebnis. Kein perfekt geplanter Aussichtspunkt. Sondern im Grunde nur Wasser gegen Fels. Und irgendwann gibt der Fels eben nach.
Natürlich habe ich Fotos gemacht. Ich kann gar nicht anders. Wahrscheinlich würde ich irgendwann selbst bei einem Meteoriteneinschlag erst prüfen, ob das Licht gerade brauchbar ist. Und die Bilder sind auch gut geworden. Technisch zumindest. Schärfe passt. Farben auch. Das Wasser sieht beeindruckend aus. Die Felsen ebenfalls. Trotzdem habe ich beim Durchsehen gemerkt, dass keines dieser Fotos wirklich zeigt, wie sich die Breitachklamm anfühlt. Diese Kälte in der Luft. Das Dröhnen des Wassers zwischen den Wänden. Der Geruch von nassem Stein und Holz. Dieses leichte Gefühl von Ehrfurcht, das sich einstellt, wenn plötzlich mehrere Tonnen Fels über einem hängen und man hofft, dass die Natur heute weiterhin an Stabilität interessiert bleibt. Man kann die Klamm fotografieren. Aber erleben muss man sie selbst.
Trotzdem werde ich später ein paar der Bilder unter „Fotos“ hochladen. Wahrscheinlich mit irgendeinem Satz darunter, der so klingt, als hätte ich kurz versucht, besonders tiefgründig zu wirken. Vielleicht einfach: „Nicht nur gucken. Hingehen.“ Das reicht vermutlich sogar. Wie lange ich dort unterwegs war, kann ich gar nicht genau sagen. Irgendwo zwischen Wasser, Fels und diesem ständigen Rauschen habe ich komplett das Zeitgefühl verloren. Als ich irgendwann wieder auf die Uhr sah, war es bereits später Nachmittag. Mein geplantes Mittagessen hatte ich längst verpasst. Ärgerlich. Wirklich ärgerlich.
Wir können Cookies anfordern, die auf Ihrem Gerät eingestellt werden. Wir verwenden Cookies, um uns mitzuteilen, wenn Sie unsere Websites besuchen, wie Sie mit uns interagieren, Ihre Nutzererfahrung verbessern und Ihre Beziehung zu unserer Website anpassen.
Klicken Sie auf die verschiedenen Kategorienüberschriften, um mehr zu erfahren. Sie können auch einige Ihrer Einstellungen ändern. Beachten Sie, dass das Blockieren einiger Arten von Cookies Auswirkungen auf Ihre Erfahrung auf unseren Websites und auf die Dienste haben kann, die wir anbieten können.
Notwendige Website Cookies
Diese Cookies sind unbedingt erforderlich, um Ihnen die auf unserer Webseite verfügbaren Dienste und Funktionen zur Verfügung zu stellen.
Da diese Cookies für die auf unserer Webseite verfügbaren Dienste und Funktionen unbedingt erforderlich sind, hat die Ablehnung Auswirkungen auf die Funktionsweise unserer Webseite. Sie können Cookies jederzeit blockieren oder löschen, indem Sie Ihre Browsereinstellungen ändern und das Blockieren aller Cookies auf dieser Webseite erzwingen. Sie werden jedoch immer aufgefordert, Cookies zu akzeptieren / abzulehnen, wenn Sie unsere Website erneut besuchen.
Wir respektieren es voll und ganz, wenn Sie Cookies ablehnen möchten. Um zu vermeiden, dass Sie immer wieder nach Cookies gefragt werden, erlauben Sie uns bitte, einen Cookie für Ihre Einstellungen zu speichern. Sie können sich jederzeit abmelden oder andere Cookies zulassen, um unsere Dienste vollumfänglich nutzen zu können. Wenn Sie Cookies ablehnen, werden alle gesetzten Cookies auf unserer Domain entfernt.
Wir stellen Ihnen eine Liste der von Ihrem Computer auf unserer Domain gespeicherten Cookies zur Verfügung. Aus Sicherheitsgründen können wie Ihnen keine Cookies anzeigen, die von anderen Domains gespeichert werden. Diese können Sie in den Sicherheitseinstellungen Ihres Browsers einsehen.
Andere externe Dienste
Wir nutzen auch verschiedene externe Dienste wie Google Webfonts, Google Maps und externe Videoanbieter. Da diese Anbieter möglicherweise personenbezogene Daten von Ihnen speichern, können Sie diese hier deaktivieren. Bitte beachten Sie, dass eine Deaktivierung dieser Cookies die Funktionalität und das Aussehen unserer Webseite erheblich beeinträchtigen kann. Die Änderungen werden nach einem Neuladen der Seite wirksam.
Großstadt.
Stress mit Straßenbahnanschluss.
Großstädte? Alter, die überfordern mich komplett. Allein schon beim bloßen Zuschauen. Nicht einmal wegen der Menschenmengen. Eher wegen dieser permanenten Gleichzeitigkeit von allem. Die Polizei brettert irgendwo durch die Innenstadt. Lieferdienste bringen irgendwelche Sachen in Windeseile. Und dann diese Menschen mit AirPods und einem Gesichtsausdruck, als würden sie gleichzeitig eine Firma leiten, einen Podcast aufnehmen und innerlich kurz vorm Nervenzusammenbruch stehen. Natürlich Presslufthammer. Eine Straßenbahn klingelt schon fast aggressiv. Jemand telefoniert auf Lautsprecher. Warum machen Menschen das eigentlich? Niemand hat jemals gedacht, hoffentlich bekomme ich heute noch das komplette Streitgespräch zwischen Hubert und seiner Rentenkasse mit. Jeder Hubert steht natürlich kurz vor der Rente, muss man dazu sagen. Der Name ist so alt, der schuldet Jesus noch drei Ziegen. Naja. Jedenfalls glaube ich, mich überfordert vor allem, dass Großstädte keine Pausen machen. Dörfer haben Pausen. Wälder sowieso. Selbst kleine Städte wirken manchmal, als würden sie gegen halb acht kollektiv beschließen, dass ab 18:38 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. Großstädte dagegen wirken selbst nachts noch wie Menschen, die zu viel Kaffee hatten und sich dann eingeredet haben, Schlaf wäre lediglich eine Meinung. Keine Notwendigkeit.
Und trotzdem verstehe ich die Faszination von Großstädten. Wirklich. Dieses Gefühl, dass jederzeit irgendetwas passieren könnte. Irgendwo eröffnet ein neues Restaurant. Neue Menschen ziehen in die Stadt. Neues Leben vielleicht. In der Seitenstraße neben dem Gemüseladen gibt es dieses angesagte Café, in dem der Cappuccino ungefähr so viel kostet wie früher ein kleiner Gebrauchtwagen. Natürlich nur Kartenzahlung und die Bestellungen laufen auf englisch. Zwei Straßen weiter sitzt jemand morgens um elf mit Sonnenbrille und Aperol draußen, als hätte er beruflich einfach beschlossen, keinen Stress mehr mit der Realität zu haben. Hinter dem Bahnhofsgebäude haben zwei Menschen Sex, während sich vorne am Taxistand gleichzeitig ein Ehepaar anschreit, weil irgendwer „schon wieder nichts gesagt hat“. Großstädte schaffen es erstaunlich leicht, gleichzeitig nach frischen Croissants, teurem Parfum, Urin und leicht feuchter U-Bahn-Station zu riechen. Irgendwo probiert eine High-Society-Dame in einem perfekt ausgeleuchteten Geschäft gerade Düfte aus, die Namen tragen wie „Midnight Velvet“ oder „Bois Impérial“, während drei Straßen weiter ein Mann mit nacktem Oberkörper einen Einkaufswagen durch die Gegend schiebt und sehr laut Diskussionen mit Menschen führt, die vermutlich nur er sehen kann. Alles existiert gleichzeitig. Reich. Kaputt. Schön. Laut. Einsam. Genau das fasziniert Menschen wahrscheinlich daran.
Ich merke jedenfalls ziemlich schnell, dass ich dort eigentlich nicht hingehöre. Ich bin auf dem Land groß geworden. Zwischen Ackerflächen, die so groß waren, dass man als Kind dachte, dahinter würde eh nie etwas Neues beginnen. Menschen sah man dort eher selten. Höchstens auf Traktoren. Bei der Ernte. Beim Güllefahren oder irgendwo am Feldrand während der Jagdsaison. Wenn bei uns jemand hupte, hatte das meistens einen konkreten Grund und war kein emotionaler Dauerzustand. Vielleicht fühlt sich für mich genau deshalb in Großstädten alles permanent ein bisschen zu schnell an. Zu dicht. Zu laut. Menschen laufen dort oft herum, als wären sie auf dem Weg zu etwas unglaublich Wichtigem. Immer mit diesem Blick, als würden die nächsten fünf Minuten über ihre komplette Zukunft entscheiden. Ich dagegen suche nach ungefähr zwanzig Minuten meistens hektisch irgendeinen ruhigen Ort. Einen kleinen Park. Einen Baum. Irgendetwas, das aussieht, als dürfte ich dort kurz normal atmen. Und sobald irgendwo zwischen Beton plötzlich ein Stück Grün auftaucht, freue ich mich bereits völlig unangemessen darüber. „Ach guck. Eine Bank im Schatten.“ Mehr brauche ich manchmal gar nicht. Das ist vermutlich auch eine Art Persönlichkeitstest.
Am anstrengendsten finde ich allerdings Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen. Diese Mischung aus Hektik, Musik aus offenen Ladentüren und Menschen, die plötzlich mitten im Weg stehen bleiben, als hätten sie zwischen H&M und Douglas gerade eine spirituelle Erleuchtung erfahren. Dazu Rollkoffer auf Kopfsteinpflaster. Ätzend. Ein Geräusch, das innerhalb von ungefähr vier Sekunden Aggressionen auslösen kann, die sonst vermutlich nur beim Kontakt mit Druckern oder Hotlines entstehen. Und dann diese seltsame Anspannung, die Großstädte nachts manchmal haben. Vielleicht bilde ich mir das ein. Wahrscheinlich sogar. Aber es gibt dort Menschen, denen man automatisch lieber aus dem Weg geht. Menschen, bei denen der Kopf sofort irgendwelche Geschichten erfindet, obwohl sie vermutlich einfach nur nach Hause wollen. Trotzdem läuft man plötzlich aufmerksamer. Blickt kurz über die Schulter. Wechselt vielleicht sogar die Straßenseite. Eher instinktiv. Ich merke dann immer, wie unterschiedlich Angst eigentlich sein kann. Im Wald habe ich nie dieses Gefühl. Selbst nachts nicht. Ein dichter, dunkler Wald fühlt sich für mich oft sicherer an als eine beleuchtete Fußgängerzone in irgendeiner Großstadt. Vielleicht weil Wälder ehrlich sind. Dort raschelt es und entweder ist es ein Reh oder im schlimmsten Fall etwas, das mich in Ruhe lassen will, sobald es merkt, dass ich genauso wenig Lust auf Stress habe. Städte dagegen wirken manchmal, als würden Menschen dort permanent kurz davor stehen, entweder eine Karriere zu starten oder völlig grundlos auszurasten. Und ehrlich gesagt begegne ich dann lieber einem Wolf im Wald als irgendeinem aggressiven Typen vor einem Späti nachts um halb eins.
Ich bin einfach kein Großstadtmensch. War ich nie. Werde ich nie sein. Ich mag Orte, an denen man morgens noch Vögel hört und nicht direkt irgendeinen Lieferwagen rückwärts piepen. Orte, an denen Luft nach Regen riecht und nicht nach heißem Asphalt, Frittierfett und Stress. Ich mag Cafés, in denen einfach Kaffee verkauft wird und nicht gleichzeitig noch handgetöpferte Tassen, fermentierte Hafermilch und ich einen Workshop zur persönlichen Entfaltung buchen kann. In Großstädten hat man manchmal das Gefühl, selbst ein einfaches Weizenbrötchen muss erstmal ein Konzept besitzen, bevor es verkauft werden darf. Ich mag Orte, an denen Menschen auch mal die Fresse halten können, ohne sofort hektisch aufs Handy zu schauen, als hätte die Welt in den letzten sieben Sekunden eventuell aufgehört zu existieren. Orte, an denen ein Spaziergang einfach ein Spaziergang ist und keine „Mindful Walking Experience“. Vielleicht liegt das wirklich daran, wie ich aufgewachsen bin. Mit Feldern. Mit Wind. Mit diesen riesigen Ackerflächen, auf denen manchmal stundenlang einfach gar nichts passiert ist. Außer vielleicht irgendwo ein Trecker. Und ehrlich gesagt fand ich genau das immer ziemlich beruhigend. Finde ich immer noch. In Großstädten dagegen wirkt Ruhe oft wie etwas, das man teuer buchen muss. Dachterrasse. Rooftop-Bar. Urban Retreat. Irgendwelche Menschen sitzen dann zwischen Betonpflanzen und Designerlampen und tun so, als hätten sie gerade die Stille erfunden, während unter ihnen drei Krankenwagen, zwei Polizeiautos und ein Mann namens Kevin emotional eine Work-Life-Balance-Diskussion führt.
Ganz ehrlich? Ich finde es vollkommen okay, dass ich das nicht brauche. Manche Menschen wollen Skyline. Clubs. Menschenmengen. Dieses Gefühl, dass jederzeit irgendetwas passieren könnte. Ich dagegen brauche eher einen Feldweg. Rehe, Wälder, Flüsse. Vielleicht einen Kaffee in der Hand und irgendwo einen Baum, der seit hundert Jahren exakt dieselbe entspannte Energie ausstrahlt. Jedenfalls sind das exakt die Gedanken, die ich mir momentan mache, während ich abends durch Immobilienportale scrolle und Wohnungen vergleiche. Großstadt ist dabei inzwischen komplett raus. Ehrlich. Eher hänge ich tot über einem Weidezaun, als freiwillig jeden Morgen zwischen E-Scootern, Presslufthämmern und Menschen aufzuwachen, die ihren Matcha-Latte behandeln wie ein Persönlichkeitsmerkmal.
Neutral. Sicher.
Schwarz.
Das Leben ohne Auto ist ein anderes geworden. Langsamer vor allem. Früher stieg ich einfach ein, fuhr los und erledigte Dinge unterwegs. Einkaufen. Baumarkt. Hund einladen. Wald. Alles, ohne groß darüber nachzudenken. Das Auto stand vor der Tür wie ein sehr zuverlässiger, aber leicht überteuerter Freund, der immer Zeit hatte. Erst später begann ich auf die Spritpreise zu achten. Irgendwann kostete Tanken gefühlt ungefähr so viel wie ein kleiner Wellnessurlaub in Brandenburg. Wobei ich nicht weiß, ob Brandenburg schön ist. Mag sein. Egal. Ich fuhr trotzdem weiter. Menschen rechnen sich erstaunlich viel schön, solange sie dabei sitzen können.
Heute lebe ich ohne Auto. Deswegen plane ich anders. Nicht mehr anhand von Dieselpreisen, sondern anhand des Wetterberichts. Das klingt vernünftig. Ist es wahrscheinlich auch. Gleichzeitig hat es etwas Merkwürdiges, mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit vor einer Regen-App zu sitzen und darüber nachzudenken, ob drei Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit bereits als persönlicher Angriff gelten. Auf dem Land bedeuten Besorgungen zu Fuß schnell zehn Kilometer. Mindestens. Regen an sich ist dabei gar nicht das Problem. Wenn man erstmal nass ist, wird es irgendwann egal. Man akzeptiert erstaunlich viel, sobald die Schuhe erstmal durch sind. Schwieriger wird es bei Einkäufen. Zucker zum Beispiel verhält sich bei Regen ungefähr so stabil wie ein Pappkarton im Hochwassergebiet. Und mein Rucksack sieht zwar aus, als hätte er schon zwei Weltkriege, mehrere Zeltlager und mindestens einen sehr schlechten Festivalbesuch überlebt, aber ob er tatsächlich wasserdicht ist, bleibt für mich eine offene Frage.
Vermutlich nicht. Dinge, die wirklich wasserdicht sind, sehen meistens deutlich langweiliger aus. Also plane ich mehr. Schaue auf Wolken. Auf Windrichtungen. Auf diese kleinen Symbole in Wetter-Apps, die grundsätzlich immer optimistischer aussehen als die Realität draußen vor dem Fenster. Und obwohl man sich auf Wetterberichte nur bedingt verlassen kann, geben sie wenigstens eine Richtung vor. Vielleicht ist das überhaupt das Entscheidende. Eine Richtung zu haben. Dieses planlose Loslaufen, unterwegs überlegen, was man eigentlich braucht und auf dem Rückweg feststellen, dass man doch die Cola Zero vergessen hat, verliert mit der Zeit seinen Charme. Besonders dann, wenn man bereits sieben Kilometer hinter sich hat und plötzlich einfällt, dass Klopapier ebenfalls keine schlechte Idee gewesen wäre.
Ein Leben ohne Auto hat aber einen weiteren Vorteil. Ich sehe mehr. Nicht im romantischen Sinn. Eher im echten. Ich kenne jetzt die Geräusche bestimmter Straßen zu bestimmten Uhrzeiten. Ich weiß, bei welchem Haus der Hund immer bellt und wo es morgens nach Waschmittel riecht. Und ich begegne des Öfteren Menschen. Dem älteren Mann mit der grünen Schirmmütze zum Beispiel, der grundsätzlich aussieht, als würde er heimlich die Ordnung im Dorf kontrollieren. Oder der Frau, die jedes Gespräch mit „Na?“ beginnt und damit bereits ungefähr neunzig Prozent aller norddeutschen Kommunikation abgedeckt hat. Ich glaube, genau das ist der Unterschied. Mit dem Auto fährt man meistens nur durch irgendwas hindurch. Zu Fuß gehört man plötzlich ein kleines bisschen dazu. Und ehrlich gesagt wirkt ein Mensch mit Rucksack auf dem Land grundsätzlich verdächtig beschäftigt.
Heute bestand diese Form von Alltagsplanung übrigens daraus, Unterwäsche zu kaufen. Keine Ahnung, wie der offizielle männliche Fachbegriff dafür lautet. Unterhosen klingt nach Bundeswehrspind, Feinripp und einem Mann namens Dieter, der samstags pünktlich seinen Rasen mit einer Nagelschere nachschneidet, damit die Nachbarn nicht tuscheln. „Pants“ wiederum sagen meistens Menschen, die vermutlich auch ihren Balkon „Outdoor-Lounge“ nennen und ihre Wohnung nach Farben sortieren. Und alles andere klingt, als würde man versuchen, zwanghaft cool zu wirken. Also bleiben wir einfach bei Unterwäsche. Jeder weiß ohnehin, was gemeint ist. Jedenfalls stand ich heute vor diesem Regal und fragte mich plötzlich, worauf Männer dabei eigentlich achten. Natürlich auf die Größe. Klar. Aber darüber hinaus? Farbe? Schnittform? Material? Gibt es Menschen, die ernsthaft sagen: „Die sitzt im Schritt einfach hervorragend“ oder „Die hat mich emotional sofort abgeholt“? Ich weiß es nicht. Ich greife seit Jahren ungefähr immer zum selben Modell. Schwarz. Ausschließlich schwarz. Weiß funktioniert nur bei Menschen, die ihr Leben vollständig im Griff haben oder sehr viel Vertrauen in Waschmittel besitzen. Braun wirkt dagegen immer leicht verdächtig. Als würde man im Vorfeld bereits etwas vertuschen wollen. Also schwarz. Neutral. Sicher. Die Schweiz unter den Unterwäschefarben.
Boxershorts trage ich nicht. Ich habe das versucht, aber irgendwie fühlt sich das an, als würde man nachts eine Turnhose tragen. Grundsätzlich nehme ich immer die engen. Aber ohne Eingriff. Diesen Eingriff habe ich ohnehin nie verstanden. Wer benutzt den wirklich? Vermutlich dieselben Männer, die in Baumärkten freiwillig Beratungsgespräche führen. Und obwohl wirklich jeder Mensch auf diesem Planeten Unterwäsche trägt, fühlt sich der Kauf immer irgendwie unangenehm an. Vielleicht, weil Männerunterwäsche grundsätzlich nie nach Leben aussieht. Frauenunterwäsche wird präsentiert wie ein französischer Sommerabend. Weiches Licht. Spitzenstoff. Menschen auf Balkonen trinken Wein und treffen wahrscheinlich emotional stabile Entscheidungen. Männerunterwäsche dagegen liegt unter grellem Neonlicht zwischen Tennissocken und Multipack-Unterhemden. Verpackt in Plastik. Daneben ein Schild mit „3er-Pack 12,95“. Das gesamte Regal wirkt, als hätte man beschlossen, Erotik vorsorglich auszuschließen.
Naja, ich stand also mit meinem schwarzen Dreierpack in der Schlange vor der Kassiererin und plötzlich begann dieser vollkommen bescheuerte innere Dialog. Nicht meiner. Ihrer. Zumindest in meinem Kopf. Sie scannt die Packung. Blickt auf die Größe. Dann kurz zu mir hoch. Wieder zur Packung. Vielleicht denkt sie jetzt: „Aha. Schwarz. Natürlich schwarz. Einer von denen.“ Vielleicht erkennt sie an exakt dieser Kombination aus Drei-Tage-Bart, leicht müdem Blick und günstiger Basic-Unterwäsche sofort, dass ich vermutlich alleine wohne, Kaffee schwarz trinke und schon mindestens einmal nachts um halb eins überlegt habe, ob Tiefkühlpizza eigentlich auch Frühstück sein kann. Vielleicht denkt sie auch: „Interessant. Keine Markenlogos. Kein Calvin Klein. Der Mann hat längst aufgegeben. irgendwas Mitte vierzig, geschieden und entweder kurz vor der Midlife-Crisis oder schon mittendrin.“ Oder schlimmer: „Der sieht aus, als würde er Funktionsjacken besitzen.“ Das wäre hart. Vor allem, weil es stimmt. Und während sie wahrscheinlich in Wahrheit einfach nur ihren Scanner bedient und gedanklich längst beim Feierabend oder einem Glas Wein zu Hause ist, entwickelt mein Gehirn bereits komplette Charakteranalysen. Menschen überschätzen sich in solchen Situationen völlig. Niemand interessiert sich wirklich für die Unterwäsche fremder Leute. Trotzdem steht man da, hält diesen Dreierpack fest und hat kurz das Gefühl, die Kassenschlange könne anhand der Schlüpper Rückschlüsse auf die eigene Lebenssituation ziehen.
Der Mann hinter mir kauft Batterien, Energydrinks und eine Familienpackung Erdnussflips. Vermutlich deutlich interessanter. Trotzdem bin ich überzeugt, dass alle heimlich denken: „Der da vorne hat definitiv seit Jahren dieselbe Sorte Unterwäsche.“ Was wahrscheinlich sogar stimmt.
Vatertag.
Papa fährt nach Hause.
Christi Himmelfahrt. Vatertag. Oder einfach der einzige Feiertag, an dem Männer morgens um zehn bereits aussehen, als hätten sie die Nacht in einer Mischung aus Getränkemarkt, Tankstelle und mittelschwerer Lebenskrise verbracht. Ich glaube ja, so ganz genau weiß niemand, welches der beiden Feste mittlerweile eigentlich mehr gefeiert wird. Offiziell geht es um die Himmelfahrt Christi. Inoffiziell ziehen Männer mit Bollerwagen über Feldwege, grillen irgendwo, trinken warmes Bier, kalten Schnaps und liegen irgendwann nachmittags irgendwo halb in der Böschung, während einer versucht, sehr emotional „Country Roads“ zu singen. Später wird gekotzt. Irgendwer verliert einen Schuh. Und mindestens einer sagt den Satz: „Mir geht’s eigentlich noch erstaunlich gut.“ Natürlich haben alle Bluetooth-Boxen dabei, die bereits morgens um elf klingen, als hätte jemand schlechte Entscheidungen in Schlagerversion vertont. Das eigentlich Bekloppte daran ist aber, dass es oft genau dieselben Männer sind, die zwei Wochen vorher, am Muttertag, sehr überzeugt erklärt haben, wie wichtig gemeinsame Zeit als Familie sei. Frühstück zusammen. Mittagessen zusammen. Kaffee und Kuchen natürlich auch. Alles möglichst harmonisch und ruhig. Während die Mutter selbstredend organisiert, deckt, aufräumt und vermutlich noch fragt, ob alle genug Brötchen haben. Am Vatertag hingegen reichen plötzlich ein Bollerwagen, zwei Kasten Bier, Schnaps und schlechte Musik aus, um das Konzept Familie für einige Stunden vollständig neu zu interpretieren.
Und spätestens abends zeigt sich dann vermutlich doch wieder, dass Männer am Ende tatsächlich das schwächere Geschlecht sind. Denn irgendwo zwischen Grillplatz, Feldweg und der drölfzigsten völlig unnötigen Runde Schnaps sitzt irgendwann mindestens einer mit glasigem Blick auf einer Bordsteinkante und sagt sehr leise, dass er „kurz frische Luft braucht“. Meistens endet der Tag dann damit, dass die Frau ihn später irgendwo einsammelt. Vollkommen besoffen. Völlig fertig. Vielleicht sogar angekotzt. Während er auf der Rückfahrt versucht zu beteuern, dass es ihm gut geht, dass er kaum etwas getrunken hat und dass es eigentlich ein richtig guter Tag gewesen sei. Am nächsten Morgen liegt genau dieser Mann jammernd auf dem Sofa, trinkt Cola ohne Kohlensäure und erzählt allen mit letzter Kraft, wie unfassbar schlecht es ihm geht, während die Frau nebenbei vermutlich längst wieder Frühstück macht und den ganz normalen Wahnsinn des Familienlebens organisiert. Alles Gute zum Vatertag.
Und vermutlich wird genau dieser Mann nächstes Jahr wieder sehr überzeugt sagen, dass man Vatertag „einfach mal braucht“. Für die Männer. Für die Freundschaft. Für den Ausgleich. Während er gleichzeitig weder weiß, wo sein linker Schuh geblieben ist, noch warum sein Handy voller verwackelter Videos von Männern ist, die „Atemlos“ grölen, als hinge der Fortbestand der Menschheit davon ab. Irgendwo wird dann wieder einer mit Fleischgabel in der Hand behaupten, früher seien Vatertage noch „legendär“ gewesen. Obwohl alle Beteiligten mittlerweile Rücken haben, spätestens ab 22 Uhr frieren und am nächsten Morgen zwei Ibuprofen wie ein religiöses Ritual einnehmen müssen. Scheißegal. Trotzdem passiert es jedes Jahr wieder. Vielleicht, weil Männer sich tief im Inneren immer noch für sechzehn halten, sobald jemand einen Bollerwagen organisiert und „Nur ein Bier“ sagt.
Und gleichzeitig gibt es eben auch die Väter, die diesen Tag ganz anders verbringen.Die, die morgens keine Bluetooth-Box einpacken, sondern Brotdosen. Die in der Küche stehen, Kaffee machen und versuchen, leise zu sein, damit wenigstens einer im Haus noch ein bisschen schlafen kann. Die mit ihren Kindern irgendwo hinfahren. Tierpark. Spielplatz. Badesee. Vollkommen egal. Hauptsache zusammen unterwegs. Männer, die später mit kleinen Schuhen neben ihren eigenen über Waldwege laufen und sich anhören wollen, warum ein Stock unbedingt mit nach Hause genommen werden muss, obwohl er objektiv betrachtet einfach nur ein normaler Stock ist. Diese Väter sitzen dann mittags irgendwo auf einer Bank und teilen sich Pommes, obwohl sie am Ende meistens keine einzige davon wirklich selbst essen. Sie bezahlen voller Hingabe fünf Euro für ein Eis, welches anschließend zu gleichen Teilen auf den Händen, dem T-Shirt und auf dem Autositz verteilt wird. Sie schubsen Schaukeln an, schauen sich zum zwölften Mal dieselbe Rutsche an, reagieren begeistert auf völlig unverständliche Sätze und tragen irgendwann Jacken, Trinkflaschen und halb aufgegessene Butterbrote gleichzeitig durch die Gegend.
Und ehrlich gesagt wirken genau diese Männer am Ende des Tages meistens deutlich zufriedener als die Gruppe, die später versucht, gleichzeitig geradeaus zu laufen und einen Bollerwagen zu ziehen. Vielleicht, weil sie irgendwann verstanden haben, dass das eigentliche Leben nicht auf irgendwelchen Feldwegen zwischen Bierkasten und Schlagermusik stattfindet, sondern genau da. Zwischen klebrigen Kinderhänden. Zwischen zu lauten Kinderliedern im Auto. Zwischen diesen völlig absurden Gesprächen darüber, ob Enten eigentlich Freunde haben oder warum Dinosaurier eigentlich nie hätten aussterben dürfen. Und manchmal reicht dann schon dieser eine kurze Moment. Wenn ein Kind einen einfach ansieht, als wäre man der größte Held der Welt. Ohne irgendetwas beweisen zu müssen. Einfach nur, weil man da ist. Weil man die Schaukel angeschubst hat. Weil man zugehört hat. Weil man mitgegangen ist. Für Kinder sind das keine großen Gesten. Es ist einfach nur Papa. Und genau deshalb bedeutet es ihnen vermutlich alles.
Später schlafen sie müde auf dem Rücksitz ein. Mit zerzausten Haaren, klebrigen Fingern und geschmolzenem Eis auf dem T-Shirt. Vorne läuft leise irgendein Kinderlied, draußen ziehen Bäume und Straßenlaternen vorbei und vom Rücksitz kommt irgendwann nur noch dieses ruhige Atmen. Diese völlige Erschöpfung nach einem Tag, der für Erwachsene vielleicht klein wirkt, für Kinder aber ein echtes Abenteuer war. Und Jahre später sitzen genau diese Kinder vielleicht selbst irgendwo am Steuer. Mit eigenen Kindern auf der Rückbank. Und plötzlich erinnern sie sich wieder daran, wie es war, damals hinten einzuschlafen. Wie Papa gefahren ist. Wie das Auto roch. Wie sich Sicherheit angefühlt hat. Vielleicht erinnern sie sich nicht mehr an jedes Detail. Nicht an den Spielplatz oder das Eis oder den genauen Ort. Aber an dieses Gefühl. Daran, dass jemand da war. Wirklich da. Und wahrscheinlich sind genau das am Ende die Dinge, die bleiben. Nicht die Bollerwagen. Nicht die Suffgeschichten. Sondern diese Tage, die vielleicht damals völlig unspektakulär wirkten und die man erst viele Jahre später als das erkennt, was sie eigentlich waren: Kindheit.
Elf Stunden.
Vielleicht beginnt genau jetzt etwas Gutes.
Zu Hause. Dort wartete diesmal allerdings nicht einfach nur Alltag. Eher dieses merkwürdige Gefühl, irgendwo zwischen Abschied und Neuanfang zu stehen. Viele Dinge, die vor ein paar Monaten noch selbstverständlich wirkten, tun das plötzlich nicht mehr. Keine eigene Wohnung. Die Erkenntnis, dass sich in den nächsten Monaten vermutlich vieles verändern wird. Ein anderer Ort vielleicht. Ein neuer Job. Neue Routinen. Andere Wege morgens. Andere Geräusche vor dem Fenster. Und irgendwo zwischen all diesen Gedanken auch die Vorstellung von einem Leben ohne Hund. Ein Gedanke, der noch immer seltsam klingt.
Während ich gestern im Zug saß und draußen langsam wieder die norddeutsche Landschaft vorbeizog, merkte ich irgendwann, dass mir all das erstaunlich wenig Angst macht. Früher dachte ich ja immer, Stabilität würde bedeuten, alles festzuhalten. Beziehungen. Orte. Gewohnheiten. Hauptsache, es bleibt, wie es war. Heute glaube ich langsam, dass Menschen sich manchmal verändern wie Landschaften hinter Zugfenstern. Erst merkt man es kaum. Ein paar Häuser weniger. Mehr Felder. Andere Straßen. Und irgendwann schaut man raus und versteht, dass man längst woanders angekommen ist. Vielleicht ist genau das gerade dieser neue Lebensabschnitt. Wie eine Tür, die irgendwann zufällt, während ich längst aufgehört habe, sie offen halten zu wollen. Und ehrlich gesagt liegt in diesem Gedanken auch etwas Erleichterndes. Dieses gute Gefühl, manchen Menschen wahrscheinlich nie wieder wirklich begegnen zu müssen. Keine künstlichen Gespräche mehr. Kein ständiges Erklären. Kein Festhalten an Dingen, die innerlich längst vorbei sind. Gestern zwischen Ulm, Bremen und einem viel zu teuren Bordbistro-Kaffee hatte ich irgendwann nicht mehr das Gefühl, irgendwohin zurückzufahren. Sondern eher das Gefühl, langsam Anlauf für etwas Neues zu nehmen. Vielleicht braucht es manchmal genau solche langen Zugfahrten, damit der Kopf überhaupt hinterherkommt. Stunden, in denen draußen Landschaft vorbeizieht und man selbst merkt, dass man gedanklich längst dabei ist, Dinge loszulassen, die man viel zu lange mit sich herumgetragen hat.
Als ich um 20:11 Uhr schließlich wieder in Bad Zwischenahn ausstieg, war alles wie immer. Der Bahnsteig. Die Luft. Die Straßen. Und trotzdem fühlte es sich anders an. Nicht traurig. Eher ruhig. Fast so, als hätte diese Reise nicht nur Kilometer hinter sich gelassen, sondern auch ein paar Dinge, die ohnehin nicht mehr mitkommen sollten. Gertrud öffnete den Kofferraum, als wäre es der selbstverständlichste Moment der Welt. Und vielleicht war genau das gestern das Schönste überhaupt. Nach fast elf Stunden Zugfahrt von jemandem abgeholt zu werden, der einfach da ist.
Dieser Mittwoch fühlt sich heute seltsamerweise wie ein Montag an. Ich sitze am MacBook, gestalte eine Verpackung für ein „Schwarzer Peter“-Spiel, lese E-Mails, plane einen Beitrag für den morgigen Feiertag und schreibe Texte. Im Grunde mache ich genau das, was ich jeden Tag mache. Und trotzdem fühlt sich gerade vieles anders an. Zwischendurch klicke ich mich durch Jobportale, schaue mir Wohnungen an und frage mich, wie dieses neue Leben eigentlich aussehen soll. Welche Region, welcher Ort. Welche Wohnung. Welche Menschen. Seltsamerweise fühlt sich genau diese Unsicherheit gerade deutlich ehrlicher an als vieles, das vorher vermeintlich sicher war. Vielleicht sollte ich spazieren gehen. Einfach raus. Den Kopf freibekommen. Der Nachmittag ist ohnehin längst verplant. Termine. Dinge erledigen. Antworten schreiben. Alltag eben. Und trotzdem merke ich, wie sehr mir diese Ruhe aus den Bergen fehlt. Nicht Freizeit. Eher dieses Gefühl von Weite im Kopf. Dieses Gefühl, morgens aufzuwachen und für einen Moment nicht sofort an Probleme, Entscheidungen oder die nächsten Wochen denken zu müssen.
Vielleicht suche ich gerade genau das. Keine perfekte Wohnung. Kein perfektes Leben. Sondern einfach einen Ort, an dem wieder Ruhe möglich wird. Ein Ort, an dem sich Dinge nicht ständig schwer anfühlen. An dem ich nicht ständig das Gefühl habe, Platz wegzunehmen oder mich erklären zu müssen. Ich glaube, das wird jetzt mein nächstes Ziel.
Draußen scheint inzwischen die Sonne. Dieses warme Licht, das plötzlich durch Fenster fällt und Räume sofort freundlicher wirken lässt, obwohl sich eigentlich nichts verändert hat. Auf dem Tisch steht noch eine halbe Tasse Kaffee. Der Bildschirm leuchtet. Irgendwo wartet noch Arbeit. E-Mails. Entscheidungen. Dinge, die erledigt werden müssen. Und trotzdem fühlt sich gerade alles etwas leichter an als noch vor ein paar Wochen. Vielleicht, weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr versuche, irgendetwas mit Gewalt festzuhalten. Vielleicht, weil diese Reise mir gezeigt hat, dass sich selbst größere Veränderungen irgendwann einfach wie Leben anfühlen. Nicht wie Katastrophen. Eher wie Wege, die man lange nicht gehen wollte und die plötzlich trotzdem ganz okay aussehen.
Die Berge sind weit weg. Der Alltag wieder da. Aber irgendwo zwischen Oberstdorf, langen Zugfahrten und diesem seltsamen Mittwoch habe ich gemerkt, dass meine Vorfreude langsam zurückkommt. Auf neue Orte. Neue Routinen. Neue Geschichten vielleicht. Und ehrlich gesagt fühlt sich genau das gerade ziemlich gut an. Ich glaube, ich ziehe jetzt gleich einfach meine Schuhe an und gehe noch eine Runde raus. Vielleicht kaufe ich Schokolade. Vielleicht auch nicht.
Fingerabdrücke.
Reisetagebuch VI
Dienstag. 6:30 Uhr. Oberstdorf. Marktplatz 5. Draußen beginnt der Ort langsam wach zu werden. Irgendwo fährt bereits ein Lieferwagen über das Pflaster. Kisten klappern. Wahrscheinlich Brötchenlieferung oder Getränkekisten. In Orten wie diesem klingt selbst der Morgen irgendwie nach Handwerk. Die Berge selbst, stehen noch halb im Schatten und wirken so ruhig, als hätten sie mit menschlicher Hektik grundsätzlich nichts zu tun. Hier in der Wohnung riecht es nach frischer Luft und ein wenig nach Reinigungsmittel. Dieser sehr spezielle Geruch, der entsteht, wenn jemand kurz vor der Abreise beschlossen hat, plötzlich ein erstaunlich verantwortungsvoller Mensch zu sein. Im Ernst. Die Wohnung ist sauber. Wirklich sauber. Ich habe gesaugt, gelüftet, Oberflächen abgewischt und vermutlich gründlicher gereinigt als manche Menschen ihre eigene Wohnung vor Weihnachten. Die Betten sind gemacht. Der Müll ist rausgebracht. Selbst der Wasserkocher sieht aus, als hätte er nie gearbeitet. Falls hier irgendwo noch Fingerabdrücke von mir existieren, dann wahrscheinlich nur an der Türklinke. Und selbst dort müsste man schon sehr motiviert suchen. CSI Oberstdorf hätte vermutlich wenig Freude an dieser Wohnung, wäre sie ein Tatort.
Ich weiß nicht einmal genau, ob man Ferienwohnungen überhaupt so verlässt. Wahrscheinlich werfen manche Menschen morgens einfach den Schlüssel auf den Tisch und verschwinden Richtung Autobahn. Aber hier war es mir wichtig. Vielleicht weil diese Reise mehr war als nur ein paar Tage wegfahren. Vielleicht weil Orte, an denen man plötzlich wieder ruhig schlafen kann, automatisch etwas mit einem machen. Und genau das ist vermutlich der schwierige Teil am Reisen. Nicht die Ankunft. Nicht das Unterwegssein. Sondern das Gehen. Niemand erzählt einem vorher, wie seltsam es sich anfühlt, einen Ort zu verlassen, an dem der eigene Kopf plötzlich wieder leiser geworden ist. Einen Ort, an dem man morgens aufgewacht ist, ohne sofort sämtliche Probleme des eigenen Lebens wie ein internes Krisenmeeting abzuhalten. Hier oben zwischen Bergen, Regen, Sonne Wanderwegen und diesen wahnsinnig gut aussehenden Wiesen funktionierte das plötzlich erstaunlich gut. Vielleicht liegt es an den Bergen. Vielleicht daran, dass sie Menschen automatisch wieder in die richtige Größe rücken. Man läuft stundenlang bergauf, schwitzt in Kleidung, die morgens noch nach einer hervorragenden Idee aussah, setzt sich irgendwann auf eine Holzbank und schaut auf Täler hinunter, die aussehen, als hätte jemand versucht, Ruhe als Landschaft zu bauen. Und plötzlich wirken viele Dinge kleiner. Nicht unwichtig. Aber kleiner.
Die letzten Tage haben etwas verändert. Kein großes Kino. Kein „ich habe mich neu erfunden“. Eher leiser. Ehrlicher. Mehr wie: Da ist wieder Hoffnung. Wieder Lust auf Geschichten. Auf Fotos. Auf Wege. Auf Leben. Und ehrlich gesagt hätte ich selbst vor ein paar Wochen nicht gedacht, dass ich das mal so schreiben würde. Jetzt steht der Rucksack an der Tür. Die Reisetasche daneben. Der Schlüssel liegt bereit. Die Wohnung wirkt, als wäre nie jemand hier gewesen. Und trotzdem bleibt etwas zurück. Wahrscheinlich immer. Vielleicht hinterlässt jeder Mensch an Orten, die er wirklich mochte, irgendeine unsichtbare Spur. Etwas zwischen Erinnerung und Gefühl. Selbst wenn die Fingerabdrücke längst weggewischt sind. Und der schwierige Teil beginnt vermutlich ohnehin erst nach der Rückfahrt. Alltag. Realität. Alles, was wartet. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich das nicht mehr ausschließlich schwer an. Auf diesem Blog werde ich das zukünftig festhalten. Nicht geschniegelt. Nicht perfekt. Sondern ehrlich. Weil ich glaube, dass ich jetzt aufhören muss, ständig nur zu funktionieren und anfangen sollte, mich selbst wieder wichtig zu nehmen. Ich denke, genau das ist hier oben passiert. Zwischen Oberstdorf, Regenwolken, Sonnenstrahlen, Kuhglocken, Mittagessen vom Netto und Männern in Wanderjacken mit genug Taschen für eine mittelgroße Existenzkrise. Ich glaube, ich habe hier oben wieder angefangen, mich selbst ernst zu nehmen. Endlich wieder.
Was ich außerdem mitnehmen werde, ist Dankbarkeit. Ehrliche Dankbarkeit. Für das Erlebte. Für die Menschen, die mir diese Reise überhaupt erst ermöglicht haben. Für Gespräche. Für Wege. Für diese paar Tage Abstand und diesem seltsamen Gefühl, plötzlich wieder klarer denken zu können. Vielleicht sogar Dankbarkeit für Dinge, die nicht funktioniert haben. Und das hätte ich vor einiger Zeit wahrscheinlich selbst noch für ziemlichen Kalenderspruchquatsch gehalten. Ich habe irgendwo einmal gelesen, dass nicht die Glücklichen dankbar sind, sondern die Dankbaren glücklich. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger klingt das nach einem Satz aus einem Wandtattoo-Regal. Vielleicht stimmt das wirklich. Vielleicht besteht ein großer Teil des Lebens nicht darin, ständig irgendetwas zu erreichen, sondern zu lernen, Dinge anzunehmen, ohne sofort mit ihnen zu kämpfen. Loszulassen, ohne alles direkt als Niederlage zu empfinden.
Als ich mich am ersten Tag hier verlief, kam ich nicht bei der Breitachklamm an. Ich stand irgendwann irgendwo zwischen Wiesen, Wanderwegen und meinem offensichtlich nur mittelmäßig ausgeprägten Orientierungssinn und musste feststellen, dass Berge Menschen sehr zuverlässig daran erinnern, wie wenig Kontrolle sie eigentlich besitzen. In der Nacht darauf regnete es. Und genau deshalb erlebte ich die Breitachklamm am nächsten Tag mit deutlich mehr Wasser, mehr Kraft und diesem dumpfen Donnern zwischen den Felsen, das man nicht nur hört, sondern beinahe spürt. Später wurde mir sogar gesagt, dass sie nach Regen am beeindruckendsten sei. Wahrscheinlich hatten sie recht. Wie meistens Menschen, die ihr ganzes Leben in den Bergen wohnen und wetterfeste Gesichter besitzen.
Und als ich mit der Nebelhornbahn fahren wollte, war sie außer Betrieb. Wartungsarbeiten nach dem Gesetz. Natürlich war ich enttäuscht. Ich wollte auf den Gipfel. Ich wollte ankommen. Wahrscheinlich mögen Menschen deshalb überhaupt Berge. Wegen dieses Gefühls, oben zu stehen und sagen zu können: geschafft. Stattdessen ging ich zu Fuß und entdeckte diese Wasserfälle am Rand des Wanderweges. Klares Wasser. Laut. Kalt. Vollkommen unbeeindruckt von jeglichen, menschlichen Plänen. Ohne die gesperrte Bahn hätte ich dort vermutlich nie gestanden. Ich habe den Gipfel am Ende nicht erreicht. Und natürlich fühlt sich so etwas erstmal wie Scheitern an. Es gibt ja Menschen, die reden sich gern ein, sie wären völlig entspannt mit Niederlagen. Aber die meisten ärgern sich schon, wenn ein Joghurtdeckel schief aufgeht. Ich auch. Trotzdem vergisst man bei all diesen Vorstellungen vom „es schaffen“ oft einen wichtigen Teil, und zwar das Dinge manchmal auch deshalb nicht passieren, weil sie nicht passieren sollen.
Die Möglichkeit, auf dem Weg nach oben irgendwo auszurutschen, sich zu verletzen oder später von der Bergwacht eingesammelt zu werden, blendet man erstaunlich zuverlässig aus, solange man sich selbst gedanklich auf einem Gipfel stehen sieht. Vielleicht ist nicht jedes Scheitern automatisch ein Absturz. Vielleicht ist manches einfach nur eine Abzweigung. Eine Richtung, die man selbst nie gewählt hätte, die einen aber trotzdem irgendwohin führt, wo etwas Gutes wartet. Und vielleicht beginnt genau dort Dankbarkeit. Nicht wenn alles perfekt läuft. Sondern wenn man irgendwann versteht, dass selbst Umwege ihren eigenen Sinn haben können. Und vielleicht fängt Leben genau da erst richtig an.
Jetzt ist es kurz nach neun. Fast zweieinhalb Stunden habe ich hier gesessen, an diesem Text geschrieben, aus dem Fenster geschaut und zwischendurch Dinge wieder gelöscht, die plötzlich zu groß klangen. Gleich werde ich mein Macbook einpacken, den Tisch noch einmal abwischen und mich auf den Weg machen. Und wahrscheinlich werde ich später irgendwo im ICE nach Hannover einschlafen und einen großen Teil der Rückfahrt verpassen, weil ich seit vier Uhr wach bin. Ehrlich gesagt klingt selbst das gerade nach einem ziemlich guten Plan.
Allein im Allgäu.
Reisetagebuch V
Über Oberstdorf liegt an diesem Morgen eine Art gedämpfte Ruhe. Alles wirkt leiser. Der Regen hängt zwischen den Häusern wie ein grauer Vorhang und irgendwo oberhalb der Dächer verschwinden die Berge halb in den Wolken. Auf den Straßen laufen trotzdem Menschen. Allerdings mit Schirmen und Regenjacken. Funktionskleidung scheint hier ohnehin weniger Mode zu sein als ein dauerhaft akzeptierter Lebenszustand. Manche tragen Jacken mit so vielen Reißverschlüssen, dass man darin vermutlich problemlos einen mittelgroßen Hausstand transportieren könnte. Neidisch bin ich irgendwie schon. Trotzdem wirkt nichts hektisch. Vor den Cafés sitzen immer noch ein paar Menschen unter Markisen, eingewickelt in Decken, mit Cappuccino vor sich, als wären zwölf Grad und Nieselregen exakt die Temperatur, auf die sie das ganze Jahr gewartet haben. Ich beobachte einen Mann, der völlig entspannt draußen sitzt und einen Eisbecher bestellt. Eis. Bei Regen. In Norddeutschland würde man so jemanden vermutlich erstmal nach seinem Gesundheitszustand fragen.
Vielleicht verändert einen dieser Ort tatsächlich nach ein paar Tagen. Vielleicht gewöhnt man sich daran, dass schlechtes Wetter in den Bergen nicht automatisch schlechte Stimmung bedeutet. Regen fühlt sich hier anders an. Weniger wie ein Angriff. Mehr wie eine Pause zwischen zwei klaren Tagen. Alles riecht intensiver. Der Wald. Die Wiesen. Holz. Erde. Selbst die Luft wirkt kräftiger. Gesünder. Und während unten der Regen auf Pflastersteine fällt, stehen die Berge einfach hinter den Wolken und wirken vollkommen unbeeindruckt von alldem. Als hätten sie in den letzten paar tausend Jahren deutlich dramatischere Montage erlebt. Gegen Mittag zieht der Geruch von Bratkartoffeln aus einer geöffneten Tür auf die Straße. Irgendwo klappert Geschirr. Ein Hund schüttelt sich vor einem Haus trocken und verteilt den Regen der letzten Stunde noch einmal über den Hof. Niemand regt sich auf. Man scheint hier eine gewisse Gelassenheit entwickelt zu haben. Wahrscheinlich bleibt einem zwischen Bergen, Regen und Touristen auch gar nichts anderes übrig. Und ganz ehrlich? Selbst ein verregneter Montag in Oberstdorf hat noch mehr Atmosphäre als manche Städte an ihrem schönsten Sommertag.
Heute ist mein letzter Tag hier. Morgen geht es zurück. Über Stuttgart. Hannover. Ein ganzer Tag zwischen Gleisen, Bahnhöfen und Menschen, Menschen, die im ICE schon kurz nach der Abfahrt konzentriert aus den Fenstern schauen oder ruhig vor ihren Laptops sitzen, als hätten Zugfahrten automatisch etwas Ernstes. Aber daran möchte ich gerade nicht denken. Nicht jetzt. Ich habe beschlossen, den letzten Nachmittag einfach in der Wohnung zu verbringen. Fotos sortieren. An einer Geschichte arbeiten. Irgendetwas essen, das zu viel Käse enthält und deshalb automatisch als Urlaub durchgeht. Zwischendurch auf dem Balkon sitzen, Kaffee trinken und den Menschen unten unter ihren Regenschirmen zuschauen. Manche laufen erstaunlich entschlossen durch den Regen. Andere schlendern so langsam durch die Fußgängerzone, als hätten sie heute wirklich absolut nichts mehr vor außer vielleicht noch ein richtig geiles Stück Kuchen.
Drinnen ist es ruhig. Die Berge verschwinden immer noch halb in den Wolken. Das und der Regen wird sich heute nicht mehr ändern. Und obwohl ich morgen abreise, fühlt sich das alles gerade nicht nach Abschied an. Eher nach dieser seltsamen Ruhe, die manchmal entsteht, wenn man weiß, dass sich bald etwas verändern wird. Später werde ich die Tasche packen. Wahrscheinlich viel zu ordentlich anfangen und am Ende trotzdem alles einfach irgendwie hineindrücken. Danach möchte ich den Abend einfach noch ein bisschen genießen. Vielleicht noch einmal durch den Ort laufen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht reicht es vollkommen, einfach noch eine Weile hier zu sitzen und diesem verregneten Montag zuzusehen. Ab Mittwoch beginnt dann wieder Alltag. Wohnung suchen. Bewerbungen schreiben. Entscheidungen treffen. Irgendwie einen neuen Lebensabschnitt planen und mich gleichzeitig trotzdem von allem treiben lassen. Klingt widersprüchlich. Ist es wahrscheinlich auch. Aber vielleicht funktioniert Leben genau so. Nicht immer nur komplett kontrolliert. Eher wie eine Zugfahrt durch Regen, bei der man manchmal einfach nur aus dem Fenster schaut und hofft, dass die Richtung schon irgendwie stimmt.
Ich habe noch diesen einen Tag hier, aber ein Fazit kann ich trotzdem schon ziehen. Alleine reisen ist wirklich etwas Besonderes. Nicht dieses große „sich selbst finden“, von dem immer alle sprechen. Eher etwas viel Einfacheres. Man verbringt plötzlich wieder Zeit mit sich selbst. Ohne dauernde Gespräche. Ohne Absprachen. Ohne dieses permanente „Was machen wir jetzt?“ oder „Wo wollen wir essen gehen?“. Der Tag gehört plötzlich nur noch einem selbst. Was erstaunlich ungewohnt sein kann. Ich habe erst hier gemerkt, wie laut mein Kopf eigentlich geworden ist. Zu Hause merkt man das oft gar nicht mehr, weil ständig irgendetwas passiert. Nachrichten. Termine. Gedanken. Menschen. Irgendwo klingelt immer etwas. Hier sitzt man morgens plötzlich mit einem Kaffee in einer fremden Stadt und merkt, dass niemand gerade irgendetwas von einem will. Kein Funktionieren. Kein Antworten. Keine Rolle, die erfüllt werden muss. Nur dieser Tag. Diese Berge. Dieser Regen. Und man selbst irgendwo dazwischen.
Vielleicht nimmt man deshalb plötzlich alles intensiver wahr. Geräusche. Schritte auf nassem Pflaster. Das Klappern von Geschirr aus Cafés. Den Geruch von Regen auf Holz. Menschen, die an einem vorbeilaufen. Ein älteres Paar unter einem viel zu kleinen Schirm. Wanderer mit roten Gesichtern und nassen Jacken. Eine Frau, die vollkommen entspannt draußen ihren Cappuccino trinkt. Und gleichzeitig passiert noch etwas anderes. Man wird automatisch offener. Einfach weil man muss. Man fragt nach Wegen. Nach Busverbindungen. Nach irgendeiner Hütte am Berg, deren Namen man fünf Sekunden später sowieso wieder vergessen hat. Man kommt mit Menschen ins Gespräch, die man zu Hause wahrscheinlich niemals angesprochen hätte. Nicht tiefgründig. Einfach normale Gespräche. Aber genau die bleiben manchmal hängen. Abends sitzt man dann irgendwann alleine irgendwo in einem Restaurant oder auf einem Balkon und denkt plötzlich überhaupt nicht mehr darüber nach, ob das komisch aussieht. Nach kurzer Zeit wird das normal. Und irgendwann fühlt sich genau das nach Freiheit an
Alleine reisen zeigt einem allerdings auch ziemlich ehrlich, wer man eigentlich ist, wenn niemand drumherum ablenkt. Ob man Stille aushält. Ob man sich selbst beschäftigen kann. Ob man ständig Bestätigung braucht oder ob es reicht, einfach irgendwo zu sitzen, den Regen zwischen Bergen zu beobachten und dabei vollkommen zufrieden zu sein. Vielleicht entstehen genau deshalb die besten Geschichten unterwegs. Draußen. Dann, wenn niemand danebensteht, um den Moment sofort einzuordnen. Falsch abgebogen. Im Regen irgendwo gelandet. Stundenlang durch die Gegend gelaufen. Zufällig einen Ort entdeckt, den man eigentlich nie gesucht hat. Vielleicht ist das überhaupt das Schönste am Alleinreisen. Es fühlt sich manchmal an wie ein kleines Leben außerhalb des normalen Lebens. Und wenn man zurückkommt, wirken viele Dinge plötzlich erstaunlich unwichtig, über die man sich vorher noch stundenlang Gedanken gemacht hat.
Wie gesagt, morgen geht es zurück. Zurück zu Terminen, Entscheidungen und all den Dingen, die da auf mich warten. Aber ich glaube, ich lasse hier oben zwischen Wäldern, Bergen und dieser Ruhe auch etwas zurück, das ich schon viel zu lange mit mir herumgetragen habe. Etwas, das schwer geworden ist. Zu schwer. Und ehrlich gesagt fühlt sich genau das gerade ziemlich gut an. Gleichzeitig nehme ich etwas anderes mit nach Hause. Nichts, das man fotografieren oder irgendwo hinstellen könnte. Eher dieses Gefühl, morgens wieder gerne aufzuwachen. Wieder Lust auf Dinge zu haben. Auf Wege. Auf Geschichten. Auf das Leben außerhalb von Gedanken, Sorgen und ständigem Funktionieren. Ich glaube, ich habe hier oben ein kleines Stück von mir wiedergefunden, das irgendwo zwischen Alltag und Kopf verloren gegangen war. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem ein Ort plötzlich mehr wird als nur ein Reiseziel. Ich weiß jedenfalls jetzt schon, dass ich wieder zurück ins Allgäu kommen werde. Nicht irgendwann vielleicht. Sondern ganz sicher.
Servus, Nebelhorn.
Reisetagebuch Teil IV
Es ist Sonntagmorgen. Kurz nach sechs. Die Straßen von Oberstdorf wirken ruhig. Ich frühstücke ordentlich. Zwei Brote. Ein Stück Hefezopf. Kaffee natürlich. Sehr viel Kaffee sogar. Wandern ohne Kaffee ist im Grunde nur zielloses Gehen mit schlechter Laune. Gegen halb acht schnüre ich die Wanderschuhe ungewöhnlich motiviert fest. Draußen leert die Stadtreinigung gerade die Mülltonnen an der Kirche. Einer der Männer nickt mir zu. „Servus.“ Ich antworte ebenfalls mit „Servus“, obwohl ich bis heute nicht genau weiß, was das Wort eigentlich alles bedeutet. Bei „Moin“ kenne ich die Regeln. Ein einfaches „Moin“ ist korrekt. Ein „Moin Moin“ entlarvt zuverlässig Touristen. Aber „Servus“? Kann man das morgens sagen? Abends? Beim Wandern? Auf Beerdigungen? In Bäckereien? Ich habe keine Ahnung. Vermutlich sagt man es hier einfach immer.
Mein Plan für diesen Morgen ist klar. Mit der Nebelhornbahn fahren. Oben ein bisschen so tun, als wäre ich ein erfahrener Bergmensch. Gipfelkreuz. Foto. Aussicht. Persönlicher Triumph über die Höhenangst. Eventuell noch ein übertrieben nachdenklicher Blick in die Alpen für Instagram. Ordentliche Tagesplanung eigentlich. Schon auf dem Weg wundere ich mich allerdings über den ungewöhnlich leeren Parkplatz an der Talstation. Keine Reisebusse. Keine Senioren mit Wanderstöcken. Keine Menschen in Wanderklamotten. Vor der Tür der Talstation endet mein Plan dann ziemlich abrupt. Geschlossen. Wegen Instandhaltungsarbeiten. Irgendetwas Gesetzliches. Irgendetwas Technisches. Jedenfalls fuhr die Bahn nicht. Kein Stück. Ich stand davor wie jemand, der voller Vorfreude ins Kino geht und erst am Eingang erfährt, dass der Film gestern zum letzten Mal lief.
Kurz war ich genervt. Nicht dramatisch. Eher dieses Genervtsein, bei dem man zweimal langsam nickt und innerlich beleidigt auf eine Tür schaut. Dann dachte ich mir: Scheiß drauf. Dann eben zu Fuß. 10,5 Kilometer. Easy. Laufe ich doch ständig. Morgens. Nachmittags. Gehen kann ich. An die ungefähr 1.400 Höhenmeter dachte ich in diesem Moment nicht. Überhaupt nicht. Höhenmeter wirken auf dem Papier auch erstaunlich harmlos. Das Wort klingt fast freundlich. Meter eben. Was sollen Meter schon machen? Die Antwort darauf lautet übrigens: sehr viel. Vor allem bergauf. Doch wie gesagt, daran dachte ich nicht. Ich lief los. Voller Motivation. Die Luft war kühl. Wiesen leuchteten im Morgenlicht. Irgendwo läuteten Kuhglocken. Nur vereinzelt Menschen. Die ersten Meter liefen hervorragend. Zu hervorragend sogar. Ich begann innerlich bereits damit, mich selbst zu bewundern. Dachte Dinge wie: Siehst du. Läuft doch. Vielleicht steckt in dir doch ein richtiger Bergmensch. Vielleicht kaufst du dir irgendwann auch so eine ultraleichte Outdoorjacke für 480 Euro. Etwa eine Stunde später saß ich schwitzend irgendwo am Wegesrand, atmete wie ein überforderter Staubsauger und beobachtete eine Oma, die deutlich entspannt an mir vorbeiging. Sie nickte mir freundlich zu. Ich konnte nur noch zurückatmen.
„Langsam“, sagte ich irgendwann zu mir selbst. „Geh einfach langsamer. Du musst hier nichts gewinnen.“ Ein erstaunlich vernünftiger Satz für jemanden, der eine Stunde vorher noch dachte, 1.400 Höhenmeter seien im Grunde nur ein etwas längerer Spaziergang. Ich nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack, blieb kurz stehen und wartete, bis der Wind mein T-Shirt wenigstens ansatzweise getrocknet hatte. Danach ging ich weiter. Langsam diesmal. Wirklich langsam. Der Weg führte inzwischen über Strecken, die mit normalen norddeutschen Vorstellungen von „Weg“ nur noch begrenzt etwas zu tun hatten. Teilweise wirkte das eher wie eine Meinungsverschiedenheit mit dicken, nassen Steinen. Ich ärgerte mich kurz darüber, kein Geodreieck eingepackt zu haben, um den Steigungswinkel exakt zu bestimmen. Rein wissenschaftlich natürlich. Emotional war längst klar, dass es steil war. Sehr steil sogar.
Irgendwann kam ich an einem Wasserfall vorbei. Laut. Gewaltig. Dieses kalte, klare Wasser schoss zwischen den Felsen runter, als hätte es irgendwo einen wichtigen Termin. Ich blieb stehen und sah einfach eine Weile zu. Kurz darauf kam der nächste Wasserfall. Dann noch einer. Offenbar bewegte sich der Fluss hier von Wasserfall zu Wasserfall durch die Berge und hielt erstaunlich wenig von Ruhe oder Zurückhaltung. Überall rauschte und tobte es. Und genau das machte es so gut. Natürlich zog ich irgendwann mein Handy raus, weil man heute offenbar selbst mitten in den Alpen noch kurz dokumentieren muss, dass Wasser existiert. Ich filmte das Ganze für meine Story und stellte bereits währenddessen fest, dass dieses Naturschauspiel auf Video ungefähr achtzig Prozent seiner Wirkung verlor. Vielleicht sogar neunzig. Auf dem Display sah alles plötzlich kleiner aus. Flacher. Weiter weg. Es ist ein bisschen wie bei Konzerten. Menschen halten zwei Stunden lang ihr Telefon in die Luft, schauen die gesamte Show über ein sechs Zoll großes Display an und besitzen danach ein verwackeltes Video mit Soundqualität einer kaputten Auspuffanlage. Und trotzdem machen es alle. Mich eingeschlossen. Ich postete das Video. Und ein paar Minuten später ein Foto. Social-Media-Opfer.
Dann wechselte der Weg plötzlich in etwas, das ich vermutlich als Straße bezeichnen würde. Wobei „Straße“ hier ein dehnbarer Begriff ist. Für norddeutsche Verhältnisse sah das eher aus wie ein Wirtschaftsweg mit leicht aggressiver Haltung. Ich folgte ihm den Berg hinauf. Nicht besonders elegant, aber immerhin vorwärts. Wenige Minuten später verwandelte sich das Ganze allerdings wieder in einen schmalen Wanderweg. An einer Stelle ging es links und rechts ziemlich deutlich bergab. Nicht senkrecht. Aber doch in einem Winkel, bei dem man instinktiv etwas langsamer läuft und plötzlich sehr bewusst darüber nachdenkt, wo genau man seine Füße hinstellt. Unten standen Bäume. Viele Bäume. Sicherlich hätten sie mich beim Fallen irgendwann gebremst. Vermutlich allerdings auf eine Weise, die medizinisch eher kritisch bewertet wird. Ich entschied mich deshalb gegen einen Selbstversuch. Dabei musste ich an einen Satz denken, den mal jemand zu mir gesagt hatte: „Sterben ist das, was du als Letztes machen solltest. Mach vorher erstmal alles andere.“ Ich halte mich inzwischen ziemlich konsequent daran. Funktioniert bisher erstaunlich gut.
Während ich weiterging, dachte ich kurz darüber nach, vielleicht so eine Löffelliste anzulegen. Also eine Liste mit Dingen, die man unbedingt noch machen will, bevor man irgendwann den Löffel abgibt. Reisen. Orte sehen. Irgendwelche absurden Ideen umsetzen. Mehr draußen sein. Mit der Nebelhornbahn fahren. Solche Sachen eben. Allerdings hatte ich weder Papier noch Stift dabei. Außerdem fragte ich mich plötzlich, ob man das Anlegen einer Löffelliste eigentlich ebenfalls auf die Löffelliste schreiben müsste. Das Ganze wurde mir innerhalb von ungefähr zehn Sekunden deutlich zu philosophisch für jemanden, der gleichzeitig versuchte, nicht vom Berg zu fallen. Irgendwann sah ich weiter oben etwas, das aussah wie eine große Hütte. Und wie das bei Wanderungen manchmal so ist, entwickelte ich sofort eine emotionale Bindung zu diesem Gebäude, obwohl ich noch nicht einmal wusste, was es eigentlich war.
Es war eine kleine Holzhütte, ganz in der Nähe der Gastwirtschaft Seealpsee. Die Gastwirtschaft selbst hatte geschlossen. Die Hütte natürlich auch. Trotzdem ging ich hin, sah mich ein wenig um und setzte mich kurz in die Sonne. Dort oben hatte sie erstaunlich viel Kraft. Diese Bergsonne, die sich erst angenehm anfühlt und ungefähr zwanzig Minuten später dafür sorgt, dass Menschen aussehen, als hätten sie einen Halbmarathon durch die Sahara absolviert. Ich nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack und trank den letzten Schluck. Danach schüttelte ich sie noch einmal leicht, als würde plötzlich doch wieder Wasser erscheinen, wenn man nur fest genug daran glaubt. Tat es natürlich nicht.
Bis zum Gipfel wären es von dort noch ungefähr zwei Stunden gewesen. Vielleicht etwas mehr. Vielleicht sogar viel mehr. Rein konditionell hätte ich das vermutlich irgendwie geschafft. Nicht schön. Aber irgendwie. Gleichzeitig begann sich das Wetter langsam zu verändern. Der Himmel zog etwas zu. Wind kam auf. Und irgendwo zwischen meinen Knien und meinem restlichen Körper entstand plötzlich dieses sehr deutliche Gefühl, dass Vernunft heute möglicherweise die bessere Geschichte schreiben würde. Also beschloss ich umzudrehen. Nicht frustriert oder enttäuscht. Eher erstaunlich zufrieden. Ich musste dort oben niemandem etwas beweisen. Und selbst wenn irgendjemand mein Scheitern mitbekommen hätte, wäre es vermutlich spätestens beim Abendessen wieder vergessen gewesen. Menschen sind schließlich hauptsächlich mit ihren eigenen Knien beschäftigt.
Für den Rückweg nahm ich dann allerdings eine echte Straße. Mit Asphalt. Mit Kurven. Mit einer Oberfläche, die nicht permanent versuchte, mich körperlich neu zu sortieren. Ehrlich gesagt war das auch völlig in Ordnung. Ich werde bald fünfundvierzig. Da darf man langsam akzeptieren, dass „vernünftig“ manchmal einfach die schönere Form von „nicht abgestürzt“ ist. Außerdem existierte meine Löffelliste zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal. Und es wäre wirklich ärgerlich gewesen, zu sterben, bevor man überhaupt aufschreiben konnte, was man vorher noch alles machen muss.
Am Nebelhorn.
Eigentlich wollte ich mit der Nebelhornbahn aufs Nebelhorn fahren. Wirklich. Der Plan klang vernünftig. Fast erwachsen. Bis ich vor der Talstation stand und feststellen musste, dass die Bahn erst wieder am 23. Mai öffnet. Also dachte ich, dass ich dann eben zu Fuß gehe. Kann ja nicht so schlimm sein. Der Weg führte durch Wälder, vorbei an Wasserfällen, über Wiesen und diese steilen Anstiege, bei denen man irgendwann beginnt, mit den eigenen Beinen zu diskutieren. Dabei heißt es ja immer, 15 Kilometer seien 15 Kilometer. Das stimmt einfach nicht. 15 Kilometer in den Alpen fühlen sich an. Fast so, als hätten die Berge beschlossen, den Charakter eines Menschen überprüfen zu wollen. Irgendwann merkte ich dann, dass ich zu wenig Wasser dabeihatte und das Wetter langsam seine Meinung änderte. Eben noch Sonne, dann plötzlich Wind und diese frische Bergluft, die einem freundlich signalisiert, dass man vielleicht doch nicht komplett vorbereitet ist. Den Gipfel des Nebelhorns habe ich deshalb nicht erreicht. Halb so schlimm. Dann eben nächstes Jahr. Fotos habe ich trotzdem genug gemacht. Von alten Hütten, Bergen, Wegen und diesem Licht, das hier überall aussieht, als wäre es extra langsamer geworden. Am Ende saß ich ziemlich müde auf einer Bank irgendwo am Wegesrand. Die Bank wirkte dabei ehrlich gesagt frischer als ich. Aber genau dafür macht man solche Tage wahrscheinlich.
Breitachklamm
Die Breitachklamm sieht auf Fotos ein bisschen aus, als hätte jemand versucht, einen Fantasyfilm mit sehr viel Wasser und sehr wenig Geländer zu drehen. In echt wirkt sie ganz anders. Beeindruckender. Mächtiger. Riesige Felswände. Dunkles Gestein. Überall rauscht, tropft und drückt Wasser durch Stellen, als hätte der Fluss persönlich beschlossen, sich nicht an irgendwelche Regeln zu halten. Dazwischen laufen Menschen in Wanderschuhen erstaunlich konzentriert über schmale Wege und schauen dabei entweder nach oben, nach unten oder permanent auf ihr Smartphone. Vermutlich aus Angst, genau den einen spektakulären Stein zu verpassen, den bereits achttausend andere Menschen fotografiert haben. Ich bin da nicht anders. Nur eher mit Kamera als mit dem Smartphone. Und je weiter man hineingeht, desto kleiner wird alles Menschliche. Egal. Das Wasser läuft einfach weiter. Seit Jahrhunderten vermutlich. Vermutlich noch länger. Und ehrlich gesagt ist genau das beruhigend. Später, draußen vor der Klamm, stehen wieder Wiesen da, als wäre überhaupt nichts passiert. Kühe grasen. Irgendwo fährt ein Fahrrad vorbei. Menschen essen Apfelkuchen oder Kaiserschmarn, als hätten sie gerade keinen halben Tag zwischen tonnenschweren Felsen verbracht. Und vielleicht ist genau das das Schönste daran. Dass dieser Ort gleichzeitig gewaltig und vollkommen normal wirkt. Fast so, als würde das Allgäu sagen: Ja gut. Riesige Schlucht. Aber jetzt erstmal Kaffee. Und Kuchen.
Linie 44
Reisetagebuch Teil III
Schon früh am Morgen klingt der Marktplatz, als würde irgendwo jemand irgendetwas ausschließlich aus Metall aufbauen. Stangen schlagen gegeneinander. Anhänger rumpeln über das Pflaster. Dazwischen Stimmen. Viele Stimmen. Menschen tragen Kisten durch die Gegend, bauen Pavillons auf, ziehen Planen glatt und stellen Waren so ordentlich hin, als hinge der Ruf ihrer gesamten Familie davon ab, dass der Bergkäse exakt im richtigen Winkel präsentiert wird. Vor der Kirche herrscht ein Durcheinander, das erstaunlich organisiert wirkt. Fahrer in groben Pickups rangieren Anhänger mit der Gelassenheit von Menschen, die seit Jahrzehnten nichts anderes tun, als samstags irgendwo rückwärts einzuparken. Die Luft ist kühl. Frisch auf eine Weise, wie man sie in Städten eigentlich nicht kennt. In der Nacht zog ein ordentliches Gewitter über Oberstdorf. Der Regen hat die Straßen gewaschen und diese klare Morgenluft hinterlassen, die nach Regen auf Asphalt und feuchtem Holz riecht. Selbst die Häuser wirken an diesem Morgen ein bisschen sauberer. Als hätte jemand den ganzen Ort einmal kurz ausgeschüttelt.
Bis der Bus der Linie 44 um 10:30 Uhr am ZOB abfahren sollte, blieb mir noch Zeit, langsam über den Markt zu gehen. Also tat ich genau das. Käse lag in großen Laiben auf Holzbrettern. Schinken hing neben Würsten, die aussahen, als würden sie jeden Vegetarier zumindest kurz ins Grübeln bringen. Honig von heimischen Imkern wurde verkauft. Marmeladen. Selbstgemachtes. Dinge aus Holz. Dinge aus Stoff. Dinge, bei denen man nicht sofort wusste, wofür sie eigentlich gedacht waren, die aber trotzdem hochwertig wirkten. Es war kein einziger Stand dabei, der nach billigem Flohmarkt aussah. Niemand versuchte hier, kaputte VHS-Player oder alte Kabel für sieben Euro loszuwerden. Stattdessen wirkte alles, als hätte irgendjemand beschlossen, dass selbst ein Markt in den Bergen eine gewisse Würde behalten sollte. Später fuhr sogar die Feuerwehr auf den Platz. Große Fahrzeuge standen am Rande des Marktgeschehens. Drei Jungs rissen sich von ihren Eltern los und liefen sofort dorthin. Wahrscheinlich haben Kinder einen eingebauten Sensor für große, rote Feuerwehrfahrzeuge. Erwachsene übrigens auch. Sie tun nur oft so, als wäre das Interesse rein zufällig. Man erkennt es in den Augen. Immer.
„Der Winter ist vorbei“, rief eine Frau irgendwann laut über den Platz und begrüßte kurz darauf eine der Verkäuferinnen mit einer Umarmung, die wirkte, als hätten sich beide seit Monaten nicht gesehen. Wahrscheinlich stimmte das sogar. Es gibt ja Orte wie diesen, da scheint der Winter Menschen manchmal komplett verschwinden zu lassen, bis sie irgendwann im Frühling plötzlich wieder zwischen Marktständen, Käse und Blumen auftauchen, als wäre nie Zeit vergangen. Und während sie lachten und kurz mitten zwischen Würsten stehen blieben, grinste ein älterer Mann ein paar Meter weiter heimlich mit. Einfach so. Vielleicht, weil gute Laune ansteckend ist.
Breitachklamm
Dieses Mal wollte ich mich nicht verlaufen. Zumindest nicht absichtlich. Also lief ich nicht, sondern nahm den Bus. Die Linie 44 fährt vom ZOB in Oberstdorf direkt zur Breitachklamm. Ein erstaunlich beruhigender Satz für jemanden, dessen Orientierungssinn sich in den letzten Tagen mehrfach als eher optimistische Einschätzung seiner selbst herausgestellt hatte. Nun gut. Um viertel nach zehn stand ich am Busbahnhof. Aber nicht allein. Dort warteten bereits andere Menschen in Wanderschuhen. Manche mit Trekkingstöcken. Andere mit diesen hochwertigen Outdoorrucksäcken, die aussehen, als könnten sie gleichzeitig einen Alpensturm, drei Wochen Wildnis und eine mittelschwere Scheidung überstehen. So einer würde mir vermutlich auch gut stehen. Finanziell spielten diese Rucksäcke allerdings eher in einer anderen Liga. Familien standen zusammen. Rentnergruppen verglichen vermutlich Wanderzeiten oder Knieprobleme. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich bei letzterem Thema später mit diskutieren könnte. Junge Paare hielten Thermobecher in den Händen und wirkten erstaunlich organisiert für einen Samstagmorgen. Und irgendwo mittendrin stand ich.
Die Breitachklamm kannte ich bis dahin eigentlich nur aus sozialen Netzwerken. Irgendwann tauchte zwischen völlig belanglosen Videos plötzlich ein Reel auf. Türkisfarbenes Wasser. Dramatische Felsen. Nebel zwischen den Wänden der Klamm. Dazu wahrscheinlich Indie-Folk-Musik und irgendein Mensch in beigefarbener Outdoorjacke, der bedeutungsvoll in die Natur blickte, als hätte er dort gerade den Sinn des Lebens entdeckt. Ehrlich gesagt verstand ich diese etwas übertriebene Dramaturgie bis dahin auch nicht wirklich. Später, unten zwischen den Felswänden der Breitachklamm, verstand ich sie plötzlich erstaunlich gut. Außerdem hatten mir am Mittwoch zwei liebe Menschen bei einer Tasse Ostfriesentee ziemlich eindringlich gesagt, dass ich dort unbedingt hin müsse. Also stand ich jetzt hier. Manchmal entstehen Reisen erstaunlich unspektakulär.
Um 10:32 Uhr kam der Bus. Leer. Gute fünf Minuten später war kein Platz mehr frei. Fast alle, die einstiegen, hatten offenbar dasselbe Ziel. Der Bus setzte sich langsam in Bewegung. Vorbei an Wiesen, kleinen Häusern und Straßen, die vom Regen der Nacht noch dunkel glänzten. Hinter den Fenstern zogen Berge vorbei. Kühe. Holzzäune. Irgendwo hing noch Nebel zwischen den Hängen. Und während der Bus durch das Allgäu fuhr, entstand langsam dieses merkwürdige Gefühl zwischen Ruhe und Vorfreude. Kein großes Abenteuergefühl. Eher dieses Wissen, gleich an einen Ort zu kommen, an dem Wasser seit Jahrhunderten einfach durch Felsen drückt und Menschen davorstehen, als würden sie so etwas zum ersten Mal sehen. Ist wahrscheinlich sogar so.
Nach einigen Minuten Busfahrt war ich da. An dem Ort, an dem sich die Breitach über Jahrtausende durch massiven Fels gearbeitet hat. Klingt erst einmal nach einer langweiligen Unterrichtsstunde kurz vor den Sommerferien, fühlt sich vor Ort allerdings deutlich beeindruckender an. Schon am Eingang der Klamm verändert sich etwas. Die Luft wird kühler. Feuchter. Es riecht nach nassem Stein, Holz und diesem klaren, kalten Wasser, das aussieht, als hätte jemand sämtliche Blautöne etwas zu stark aufgedreht. Die Felswände ragen hoch auf, dass man automatisch nach oben schaut. Nicht aus Angst. Eher aus diesem instinktiven Bedürfnis heraus, kurz zu überprüfen, ob wirklich alles noch da bleibt, wo es seit Jahrhunderten offenbar schon steht. Die Wände wirken nicht instabil. Eher einschüchternd ruhig. Trotzdem gibt es Warnhinweise, dass Steinbrocken mal eben runterfallen können.
Und genau das ist wahrscheinlich das Beeindruckende an der Breitachklamm. Nicht irgendein einzelner Aussichtspunkt oder ein besonders fotogener Moment. Sondern dieses Gefühl beim Hindurchlaufen. Überall tropft Wasser von den Felsen. Das Rauschen begleitet einen die ganze Zeit. Und nach dem Gewitter der Nacht drückte die Breitach mit ordentlich Kraft durch die enge Schlucht. Nicht dieses beruhigende Plätschern, das Menschen gern als Einschlafgeräusch auf Spotify hören. Eher ein konstantes Hämmern aus Wasser, Stein und Bewegung. Und weil die Wege direkt in die Felswände gebaut wurden, läuft man teilweise wie durch einen Tunnel aus Geräuschen. Mal eng. Mal offen. Dann wieder nur Fels, Wasser und dieses dumpfe Dröhnen der Strömung. Ich musste hin und wieder ganz schön den Kopf einziehen.
Allein war ich dort natürlich nicht. Viele Menschen liefen durch die Klamm. Was mich allerdings wirklich wunderte war, dass die meisten sich erstaunlich schnell hindurch bewegten. Während ich immer wieder stehen blieb, nach oben sah oder einfach nur diesem Wasser zuschaute, marschierten andere an mir vorbei, als würde am Ende der Strecke kostenlos Kuchen verteilt. Vielleicht gab es dort tatsächlich Kuchen. Ich habe nicht nachgesehen. Trotzdem verliert die Klamm dadurch nichts von ihrer Wirkung. Dafür ist dieser Ort schlicht zu massiv. Zu echt.
Ein älterer Herr bemerkte vermutlich mein etwas dauerhaftes Staunen und blieb kurz neben mir stehen. Im Winter, erzählte er, sehe die Breitachklamm komplett anders aus. Dann hängen riesige Eiszapfen an den Wänden. Wasser gefriert mitten im Lauf. Alles wirke stiller. Fast unwirklich. Er meinte sogar, dass die Klamm im Winter schöner sei als im Sommer. Dafür natürlich deutlich kälter. Dann lachte er kurz und ging weiter, während ich noch darüber nachdachte, wie kalt „deutlich kälter“ an so einem Ort vermutlich wirklich bedeutet. Historisch ist die Klamm übrigens schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts erschlossen. Habe ich später gegoogelt. Zugegeben. Und früher war das Ganze deutlich gefährlicher. Heute führen sichere Wege und Stege durch die Schlucht, trotzdem merkt man diesem Ort noch an, dass er ursprünglich einfach rohe Natur war. Kein künstlich gebautes Erlebnis. Kein perfekt geplanter Aussichtspunkt. Sondern im Grunde nur Wasser gegen Fels. Und irgendwann gibt der Fels eben nach.
Natürlich habe ich Fotos gemacht. Ich kann gar nicht anders. Wahrscheinlich würde ich irgendwann selbst bei einem Meteoriteneinschlag erst prüfen, ob das Licht gerade brauchbar ist. Und die Bilder sind auch gut geworden. Technisch zumindest. Schärfe passt. Farben auch. Das Wasser sieht beeindruckend aus. Die Felsen ebenfalls. Trotzdem habe ich beim Durchsehen gemerkt, dass keines dieser Fotos wirklich zeigt, wie sich die Breitachklamm anfühlt. Diese Kälte in der Luft. Das Dröhnen des Wassers zwischen den Wänden. Der Geruch von nassem Stein und Holz. Dieses leichte Gefühl von Ehrfurcht, das sich einstellt, wenn plötzlich mehrere Tonnen Fels über einem hängen und man hofft, dass die Natur heute weiterhin an Stabilität interessiert bleibt. Man kann die Klamm fotografieren. Aber erleben muss man sie selbst.
Trotzdem werde ich später ein paar der Bilder unter „Fotos“ hochladen. Wahrscheinlich mit irgendeinem Satz darunter, der so klingt, als hätte ich kurz versucht, besonders tiefgründig zu wirken. Vielleicht einfach: „Nicht nur gucken. Hingehen.“ Das reicht vermutlich sogar. Wie lange ich dort unterwegs war, kann ich gar nicht genau sagen. Irgendwo zwischen Wasser, Fels und diesem ständigen Rauschen habe ich komplett das Zeitgefühl verloren. Als ich irgendwann wieder auf die Uhr sah, war es bereits später Nachmittag. Mein geplantes Mittagessen hatte ich längst verpasst. Ärgerlich. Wirklich ärgerlich.
Nein. Natürlich nicht.