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Torsten Luttmann

Also gut, über mich…

Auf dem Schreibtisch liegt ein Stapel alter Fotos. Leicht schief. Natürlich. Ordnung wäre an dieser Stelle auch wirklich verdächtig. Sommerabende. Straßen im letzten Licht. Gesichter von Menschen, die damals mitten im Leben standen und heute längst irgendwo anders weitermachen. Manche sind noch nah. Manche weit weg. Manche leben nur noch auf Papier. Damals waren das echt keine großen Momente. Niemand hat feierlich rausgehauen, dass hier gerade eine Erinnerung entsteht. Es war einfach ein Abend. Jemand hat gelacht. Irgendwer hat vermutlich Unsinn erzählt. Gesoffen wurd auch. Die Sonne ging unter, weil sie das jeden Tag macht und dafür bis heute keinen Applaus verlangt. Aber heute halte ich diese Bilder in der Hand und merke, dass genau darin der ganze verdammte Zauber steckt. Scheiße. Ja. Nicht im großen Auftritt. Nicht im perfekten Plan. Nicht in den Tagen, auf die man monatelang hinarbeitet und die dann trotzdem irgendwie anders laufen.

Sondern in diesem kleinen Kram, der nebenbei passiert, während wir gedanklich schon wieder beim nächsten Termin, beim nächsten Problem oder bei irgendeiner Nachricht sind, die hoffentlich gleich noch kommt. Neben den Fotos liegt ein Stift. Bereit für den nächsten Gedanken. Oder für eine Einkaufsliste. Bei Stiften weiß man das nie so genau. Draußen Schritte auf dem Gehweg. Stimmen irgendwo. Ein Auto fährt vorbei. Der Tag macht einfach weiter, als hätte er noch irgendwas vor. Und ich sitze da, zwischen alten Bildern und neuen Ideen, und denke: Scheiße, war da viel Leben.

Ist da viel Leben. Man muss nur manchmal kurz aufhören, daran vorbeizurennen. Schön. Richtig schön.

Mein Name ist Torsten.

Torsten Luttmann. Aber Torsten reicht. Jahrgang 1981. Seitdem ist einiges passiert. Gute Entscheidungen. Schlechte Entscheidungen. Entscheidungen, bei denen man sich bis heute fragt, ob damals eigentlich niemand im Raum war, der kurz hätte sagen können: „Hey Spacko, lass das vielleicht lieber.“

War aber keiner da. Also weiter.

Mit den Jahren kamen ein paar graue Haare dazu, Linien im Gesicht und Geschichten, die vorher noch nicht da waren. Manche ziemlich deutlich. Manche beschissen. Manche ziemlich großartig. Die meisten allerdings so unscheinbar, dass man erst viel später merkt, dass sie geblieben sind. Nach dem Realschulabschluss machte ich eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel. Baustoffe. Frühe Morgen. Holzstaub. Diesel. Lkw an der Rampe. Paletten, Lieferscheine und Männer, die ihre gesamte Kommunikation mit einem Kopfnicken erledigen konnten. Es war nicht so spektakulär, als dass ich damit angeben könnte. Oder wollte. Aber echt.

Später kamen Zivildienst, verschiedene Jobs und irgendwann eine Bank. Ich werde hier keine Werbung machen. Definitiv nicht. Marketing. Glasfassaden. Sitzungen. Konzepte. Präsentationen. Menschen erklärten anderen Menschen in Räumen mit viel zu großen Tischen, warum eine Farbe jetzt doch etwas weniger blau sein sollte, obwohl sie eigentlich genau festgelegt war. Auch das gehört offenbar zum Leben. Egal. Da habe ich trotzdem etwas gefunden, das bleiben durfte. Spoiler: Mathe ist es nicht. Es ist meine Begeisterung für Kommunikation. Für Bilder, die nicht nur nett aussehen. Für Texte, die nicht einfach Platz ausfüllen. Für Ideen, die bei Menschen etwas auslösen.

Nicht zwangsläufig eine Revolution. Ein Gedanke reicht manchmal schon.

2014 nahm ich die Kamera endgültig nicht mehr nur nebenbei in die Hand. Ich fotografierte Hochzeiten, Unternehmen, Veranstaltungen, Werkstätten, Büros, Cafés und Menschen, die meistens behaupteten, sie seien überhaupt nicht fotogen.

Was fast immer Quatsch war. Fast.

Ich schrieb Texte. Entwickelte Ideen. Begleitete Projekte. Stand auf Feldwegen, in Produktionshallen, auf Feiern und in Räumen, in denen der Kaffee deutlich schwächer war als das Selbstbewusstsein einiger Anwesender. Dabei entstanden immer geile Bilder und Geschichten. Vor allem aber Begegnungen. Unternehmer. Kreative. Geschäftsführer. Menschen mit Plänen. Menschen ohne Pläne. Menschen, die genau wussten, was sie wollten und andere, die erst beim Reden merkten, dass sie eigentlich etwas ganz anderes wollten. Irgendwo zwischen all diesen Orten, Gesprächen und Aufträgen entwickelte sich mein eigener Blick. Nicht auf die perfekte Oberfläche. Auf das, was darunter passiert.

2025 ging es zurück ins Angestelltenverhältnis. Wieder Marketing. Fotografie. Texte. Gestaltung. Kampagnen. Flyer. Große Drucksachen und kleine Ideen, die erst völlig unscheinbar aussahen und am Ende trotzdem funktionierten. Manchmal sogar besser als der große Plan.

2026 funktionierte dann allerdings nicht mehr besonders viel.

Ich hatte mich über die Jahre irgendwo zwischen Erwartungen, Verantwortung, Alltag und dem Versuch verloren, es möglichst vielen Menschen recht zu machen. Das fällt einem nicht sofort auf. Man wacht nicht morgens auf, schaut in den Spiegel und sagt:

„Ja. Moin. Ich bin übrigens nicht mehr da.“

Das passiert leiser. Man passt sich an. Hält durch. Funktioniert. Erklärt sich. Schluckt Dinge runter. Macht weiter, obwohl man längst keine Ahnung mehr hat, wofür eigentlich. Und irgendwann fährt das ganze Ding gegen die Wand und ist dann natürlich selber schuld. Man hätte ja auch mal die Fresse aufreißen können. Egal.

Bei mir war es 2026. Das Haus war weg. Der Hund war weg. Das Auto war weg. Ein Stück Familie war plötzlich auch nicht mehr da. So Sachen, von denen ich dachte, sie würden zu meinem Leben gehören, gehörten auf einmal zu einem vergangenen. Und ich stand mittendrin. Nicht obdachlose, aber ohne echtes Zuhause. Ohne Plan. Ohne eine vernünftige Antwort auf die ziemlich einfache Frage, wie es jetzt eigentlich weitergehen soll. Ganz großes Kino. Nur ohne Kino.

Ich könnte jetzt schreiben, dass darin natürlich eine riesige Chance lag. Dass alles aus einem Grund passiert. Dass man manchmal erst alles verlieren muss, um sich selbst zu finden. Kann man schreiben. Ist aber Quatsch. Manche Dinge passieren nicht aus einem höheren Grund. Manche Dinge gehen kaputt, weil man zu lange nicht hingesehen hat. Weil man falsche Entscheidungen getroffen hat. Weil Menschen sich verändern. Weil Beziehungen enden. Weil das Leben gelegentlich mit voller Wucht gegen die Tür tritt und danach nicht mal beim Aufräumen hilft. Ich hatte mein Leben ein gutes Stück an die Wand gefahren. Und mich selbst gleich mit.

Die Reise hatte plötzlich kein Ziel mehr. Keine Route. Nicht mal einen halbwegs brauchbaren Ersatzfahrplan. Ich wusste nicht, wo ich wohnen würde. Wie mein Alltag aussehen sollte. Welche Menschen bleiben würden. Was aus all den Ideen werden könnte, die vorher so sicher gewirkt hatten. Ich wusste gar nichts.

Aber gut. Dann eben von vorne.

Nicht vollständig. Nicht sauber. Nicht mit einem Fünfjahresplan und einer geilen Präsentation darüber, wie aus persönlichem Scheitern eine starke Marke wird. Einfach Schritt für Schritt. Kamera nehmen. Schreiben. Musik an. Menschen treffen, bei denen ich nicht überlegen muss, welche Version von mir gerade am besten in den Raum passt. Losfahren, auch wenn ich noch nicht weiß, wo genau ich ankomme. Ich habe keine Ahnung, wohin diese Reise führt. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sie sich wieder nach meiner an.

Und das ist geil.

Alles wirkte gedämpft, beinahe still. Als würde die Welt den Atem anhalten. In einem Dorf, irgendwo zwischen Warstein und Olsberg, stieg Rauch aus einem Schornstein. Es roch nach Holz, nach einem alten Ofen, der in einem Haus stand, in dem die Zeit langsamer verging. Vor der Tür standen Gummistiefel, die Spuren vom Acker trugen. Ein Hund bellte, einmal nur, dann war wieder Ruhe.
Torsten Luttmann

Ich habe mir vorgenommen, in zehn Tagen ein Buchma Ich habe mir vorgenommen, in zehn Tagen ein Buchmanuskript zu schreiben. Was vermutlich irgendwo zwischen guter Idee und komplett bescheuert liegt. Allerdings soll es nach diesen zehn Tagen fertig sein. Nicht perfekt. Nicht druckreif. Nur erstmal fertig. 

Arbeitstitel: WIEDER WOLLEN.

Es geht um ziemlich beschissene Jahre. Um Verlust. Angst. Trennung. Neuanfänge. Menschen. Ziele. Und um diese merkwürdige Sache, dass man irgendwann feststellt: Scheiße. Ich will wieder was.

Nicht alles. Nicht sofort. Aber wieder irgendwas vom eigenen Leben. Also schreibe ich den ganzen Bums jetzt auf. Zehn Tage. Ein Manuskript. Die ersten Kapitel sind fertig und eine Leseprobe ist bereits auch online. 

Und darunter gibt es etwas, das ich ziemlich spannend finde:

Eine öffentliche Liste mit Menschen, die nach der Leseprobe sagen: Ja Du Otto. Das würde ich lesen.  
Das ist kein Kauf. Keine Vorbestellung. Kein Newsletter. Kein Marketingbums. Name eintragen – gerne auch abgekürzt. Mail bestätigen. Fertig.

Warum?
Weil ich nächste Woche anfangen möchte, das Manuskript Verlagen vorzustellen. Natürlich veröffentlicht niemand ein Buch, nur weil auf irgendeiner Webseite ein paar Namen stehen. Der Text muss funktionieren. Das Buch muss überzeugen. Aber ich finde, es macht einen verdammt großen Unterschied, ob ich schreibe: „Ich glaube, dafür gibt es Leser.“ oder ob ich sagen kann: „Hey, guck mal. Da sind sie.“

Wenn du also die Leseprobe liest und danach wirklich denkst: Das Ding würde ich gerne irgendwann aus einem Buchladen tragen. Dann trag dich ein. Nicht, um nett zu sein. Nicht, um mich zu unterstützen. Sondern weil du es tatsächlich lesen willst.

Den Link findest du im Profil.

Und ich? Ich muss jetzt erstmal weiterschreiben. Die zehn Tage laufen.“
Letzten Freitag. Keine Bands. Keine volle Tanzfläc Letzten Freitag. Keine Bands. Keine volle Tanzfläche. Keine Menschen, die später irgendwelche Songs grölen, als hinge ihr Leben davon ab. Aber ein Garten am Fluss, eine ziemlich gute Idee, später Pizza und ein Lagerfeuer.

Tische wurde. geschleppt, Zelte aufgebaut, Kabel gezogen, Wohnwagen beschriftet, Lampen in Bäume gehängt und aus Holz, Kabelbindern, Klebeband und einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüber Perfektion langsam ein Ort aufgebaut, an dem einen Tag später sechs Bands spielen würden. 

Zwischendurch Kaffee. Irgendwann Bier. Später Pizza auf alten Holzpaletten. Kein Eventbauer. Keine Agentur. Kein Hochglanzkonzept. Einfach Freunde, die mal gesagt haben: geil. Lass uns das machen.

Und dann haben sie es gemacht. Vielleicht sind genau das meine Lieblingsbilder von diesem Wochenende. Weil darauf noch gar nichts passiert. Und gleichzeitig schon alles erzählt wird.
Ja. Moin. Guck, die ersten Stoppelfelder sind da. Ja. Moin. Guck, die ersten Stoppelfelder sind da. Wie so eine erste Erinnerung des Sommers, dass der Herbst längst irgendwo seine Jacke sucht. Schlimm finde ich das jetzt nicht. Ich war heute allein unterwegs. Kamera, Wasser und ein Rucksack voller Kram, den ich vermutlich nicht brauchen würde, die aber aus Gründen trotzdem mitmussten. Man will ja vorbereitet sein. Auf Motive. Durst. Wetterumschwünge. Oder den spontanen Zusammenbruch der Zivilisation auf einem Feldweg. Kann ja sein. 🤷🏻‍♂️

Es war warm, still und roch trotzdem schon ein bisschen nach Spätsommer. Nach trockenen Feldern, Staub und diesem ersten leisen Gefühl, dass die Tage bald wieder kürzer werden. Spoiler: werden sie.

Ich mag das. Die Vorfreude auf den Herbst. Allein loslaufen. Fotografieren. Nichts müssen. Nur gucken, was unterwegs passiert. Und falls nichts passiert, hat man immerhin Wasser dabei.

Seid ihr noch mitten im Sommer oder habt ihr auch schon Bock auf Herbst?
Manchmal sehe ich aus, als hätte mir gerade jemand Manchmal sehe ich aus, als hätte mir gerade jemand erklärt, dass man sein Leben in Quartalsziele einteilen sollte, und ich müsste kurz darüber nachdenken, was noch mal ein Quartal ist. Passiert mir öfter. 🤷🏻‍♂️

Das Foto ist natürlich gestellt. So ehrlich muss ich ja mal sein. Ich stehe nicht zufällig Freitags zwischen großen Blättern herum und denke über Quartalsziele nach. Obwohl man mir das vermutlich zutrauen würde.

Egal. Ich stehe dann jedenfalls irgendwo, gucke einfach in die Gegend und tue nach außen so, als hätte ich einen Plan. Aber innen läuft irgendeine Mischung aus Kaffee, Restmüdigkeit, Trotz und der Frage, ob man eigentlich noch rechtzeitig losfährt. Wohin auch immer. Keine Ahnung.

Vielleicht ist das am Ende gar kein schlechter Zustand. Nicht alles sortiert. Nicht alles fertig. Nicht alles verstanden. Trotzdem geschnallt, dass das Leben nicht immer ein Streichelzoo ist und echte Freunde auch nicht jeden Beitrag liken müssen, um echt zu sein. Wobei ich zu wenig Freunde habe, um das wissenschaftlich belastbar auszuwerten. Also eigentlich keine.

Aber gut.

Dafür habe ich Instantkaffee, Resttrotz und ein Gesicht, das in jeder Lebenslage aussieht, als würde es gleich eine unschöne Wahrheit aussprechen. Und vielleicht reicht das ja erst mal. Man muss nicht jeden Moment kapieren. Oder jeden Menschen verstehen. Man muss nicht immer wissen, wohin man fährt. Man muss nur irgendwann aufhören, am Rand zu stehen und auf den perfekten Augenblick zu warten.

Der kommt nämlich selten mit Ansage. Meistens steht er einfach da. Zwischen großen Blättern, halbem Licht und einem Gesichtsausdruck, der sagt: „Ich bin nicht schlecht gelaunt. Ich bin nur kurz dabei, mein Leben zu sortieren. Und leider gibt es da keine Bedienungsanleitung. Fuck.“
Es gibt ja Lieder, die hört man nicht einfach. Es Es gibt ja Lieder, die hört man nicht einfach. Es gibt Lieder, die laufen irgendwo im Hintergrund mit. Jahre lang. Bei Autofahrten. Im Zug. Nach guten Tagen. Nach beschissenen Tagen. Und irgendwann gehören sie nicht mehr nur in eine Playlist, sondern zum eigenen Leben.

Sweet Child O’ Mine ist für mich genau so ein Song. Und falls irgendwann der letzte Tag kommt, an dem ich die Augen schließe, dann wünsche ich mir, dass genau dieses Lied das letzte ist, das ich höre. 

Es gäbe deutlich schlechtere Möglichkeiten, sich zu verabschieden.
Ich stand bestimmt fünf Minuten vor dem Schaufenst Ich stand bestimmt fünf Minuten vor dem Schaufenster, was voll lange ist. Nicht, weil ich plötzlich beschlossen hatte, in die Dolomiten auszuwandern oder ab sofort nur noch Outdoorklamotten zu tragen. Wobei… gegen beides hätte ich ehrlich gesagt nichts einzuwenden. 

Nee. Ich mag diese Vorstellung einfach. Rucksack. Loslaufen. Keine Termine. Kein Zeitdruck. Einfach draußen sein. 

Vielleicht bin ich aber auch stehen geblieben, weil ich sowieso noch neue Hosen für den Herbst brauche. Ordentliche Hosen für draußen. Keine, die im Büro gut aussehen. Sondern solche, die Regen, Matsch, Geröll, Lagerfeuer, Bauwagen, Wald und so Freitags-los-und-Sonntags-zurück-Wochenenden mitmachen. Hosen, die dreckig werden dürfen, ohne dass man sich dafür entschuldigen muss.

@nichtirgendwann
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