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KANNSTE DIR NICHT AUSDENKEN.

Ein Newsletter mit Geschichten von Menschen, die ihre Brille suchen, während sie sie tragen. Von tollen Nachbarn. Von Schwiegermüttern mit unbegrenzter Sendezeit, die auf jede Frage eine Antwort haben und auf jede Antwort noch eine bessere. Von Kaffee, Zigaretten, Zugfahrten und dem ganz normalen Wahnsinn des Alltags.

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Unterwegs gesehen.

Fotos

Am Nebelhorn.

https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/05/oberstdorf-im-mai-17.jpg 1707 2560 AltenoytherTorsten https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/06/torstenluttmann2026.svg AltenoytherTorsten2026-05-10 15:28:052026-05-10 15:28:50Am Nebelhorn.

Roman

In Arbeit.

Es gibt Momente, die wirken zunächst vollkommen harmlos. Ein Montag im Januar, an dem es selbst morgens um acht aussieht, als hätte der Himmel gekündigt. Die Kinder diskutieren über irgendetwas mit Minecraft-Bezug, der Hund sitzt unter dem Tisch und hofft auf Wurst und man selbst glaubt noch, das größte Problem des Tages sei ein Toilettensitz im Gäste-WC, der leicht nach links kippt. Später merkt man, dass genau dort bereits etwas begonnen hat.

Niemand wirft Teller gegen Wände. Draußen fahren weiterhin Autos durch die Siedlung. Menschen kaufen Brötchen. Irgendwo mäht jemand trotz Januar seinen Rasen, was vermutlich weniger mit Notwendigkeit als mit Persönlichkeit zu tun hat. Die Welt besitzt eine fast beleidigende Fähigkeit, einfach weiterzumachen. Und während alles normal aussieht, verschwindet ein Leben langsam aus dem eigenen Alltag. Man hält sich an Routinen fest. An Brotdosen. Hundespaziergänge. Einkaufszettel. Dinge, die funktionieren. Wahrscheinlich weil es einfacher ist, weiterzumachen, als sich einzugestehen, dass längst etwas kaputtgegangen ist. Und irgendwann sitzt man nachts in einem fremden Zimmer und hört einem Mann beim Atmen zu, der einem kurz vorher noch erklärt hat, wie leicht Menschen zu töten seien.

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Früher dachte ich immer, Erwachsene hätten einen P Früher dachte ich immer, Erwachsene hätten einen Plan. So einen richtigen Plan. Mit fünfzehn war ich sogar überzeugt, dass man mit fünfundvierzig morgens aufsteht, Kaffee trinkt und dann ziemlich genau weiß, was man mit seinem Leben anfangen möchte.

Tja. Heute bin ich fünfundvierzig.

Und wenn ich ehrlich bin, verbringe ich immer noch einen großen Teil meines Lebens damit, Dinge herauszufinden, von denen ich glaubte, sie in meinem Alter längst begriffen haben zu müssen. Pustekuchen. Habe ich nicht.

Ich glaube mittlerweile sogar, dass die meisten Menschen deutlich weniger im Griff haben, als sie nach außen zeigen. Man sieht das nur nicht. Man sieht Urlaubsfotos. Beförderungen. Neue Küchen. Autos. Die glücklichen Familienbilder. Was man nicht sieht, sind die Zweifel. Die schlaflosen Nächte. Die Entscheidungen, bei denen man keine Ahnung hat, ob sie richtig sind. Die Momente, in denen man im Auto sitzt, aus dem Fenster schaut und denkt: „Und jetzt?“

Naja. Je älter ich werde, desto mehr habe ich den Eindruck, dass wir alle improvisieren. Die einen etwas eleganter. Die anderen etwas auffälliger. Aber wir improvisieren trotzdem. Nicht immer. Aber oft. Und manchmal sitzt man dann in einem Café, trinkt einen Kaffee, schaut Menschen zu und stellt fest, dass vermutlich gerade jeder hier versucht, sein Leben irgendwie vernünftig auf die Reihe zu bekommen. Und die meisten schaffen das erstaunlich gut. Zumindest sieht es von außen so aus.

Ich jedenfalls bin noch längst nicht fertig damit, herauszufinden, wie das alles funktioniert. Und alles auf die Reihe kriege ich nicht immer.

Egal.

Ich lebe ja auch zum ersten Mal.
Heute saß ich in einer Buchhandlung auf einer Trep Heute saß ich in einer Buchhandlung auf einer Treppe und war anderen Leuten im Weg. Dabei hielt ich eine Bucket List in der Hand. So ein fertiges Buch. Früher fand ich solche Listen ehrlich gesagt irgendwie albern. Dinge aufschreiben, die man irgendwann mal machen möchte. Als würde man Abenteuer verwalten wie Termine beim Zahnarzt. 

Inzwischen sehe ich das anders. Nicht weil ich plötzlich Fallschirmspringen möchte. Höhenangst kickt immer noch. Sondern weil ich gemerkt habe, wie viele Dinge ich schon auf später verschoben habe. 

Die Reise. Das Konzert. Den Sonnenaufgang auf einem Berg. Den Anruf. Das Wochenende allein irgendwo am Meer. Den Halbmarathon. Das Buch. Das Abenteuer. Immer irgendwann. Das Problem ist ja nur, dass irgendwann erstaunlich selten im Kalender auftaucht. Eigentlich nie. 

Naja, mittlerweile glaube ich, der Sinn einer Bucket List ist nicht, spektakuläre Dinge aufzuschreiben. Der Sinn ist, sich selbst dabei zu erwischen, wie oft man „mache ich irgendwann“ sagt und wie oft daraus am Ende „hätte ich gern gemacht“ wird. Aber dann ist es zu spät. 

Das Buch habe ich übrigens nicht gekauft. Ich mache die Liste jetzt selbst. Hundert Dinge, die ich noch erleben, ausprobieren oder einfach tun möchte. Nicht später. Nicht irgendwann. Sondern solange ich noch die Möglichkeit dazu habe.
Tankstellen sind die Wartezimmer der Reisenden. Tankstellen sind die Wartezimmer der Reisenden.
Eigentlich wollte ich nur ein paar Sachen aufschre Eigentlich wollte ich nur ein paar Sachen aufschreiben. Wie ich das immer mache. Kleine Szenen. Beobachtungen. So Sätze, die mir im Kopf geblieben sind. Nichts Großes. Zumindest nicht am Anfang. Irgendwann kamen Menschen dazu. Charaktere. Väter. Hunde mit Durchfall. Versicherungsbriefe mit schlechter Energie. Und ein weißer Volvo aus Pinneberg, der nachts langsam durch eine Wohnstraße fährt. Ach ja. Und Schwiegermütter.

Die sind ja oft eine eigene Naturgewalt. Ich mein die Art von Schwiegermüttern, die nur kurz vorbeikommen wollen und vier Stunden später immer noch da sind. Sie wissen alles. Das meiste besser. Und wenn man nicht aufpasst, übernehmen sie innerhalb weniger Wochen Aufgaben, von denen man vorher nicht einmal wusste, dass sie überhaupt vergeben werden konnten. Manche Familien haben einen Hund. Andere eine Schwiegermutter. Manche sogar beides.

Mit der Zeit kamen noch mehr Menschen dazu. Familien. Trennungen. Geheimnisse. Fragen. Und Figuren, die sich irgendwann einfach geweigert haben, das zu tun, was ich für sie vorgesehen hatte.

Die Sätze aus den Grafiken stammen übrigens daraus. Und ich glaube langsam, dass aus ein paar Notizen etwas deutlich Größeres geworden ist. Vielleicht sogar die größte Geschichte, die ich bisher geschrieben habe.

Würdet ihr gerne mehr davon lesen?
Während ich vor einiger Zeit in diesem Sessel saß Während ich vor einiger Zeit in diesem Sessel saß und Nachtzug nach Lissabon las, musste ich daran denken, wie oft ich Dinge nicht gemacht habe. Nicht weil ich sie nicht wollte. Sondern weil ich dachte, man müsste erst bereit sein. Bereit für den Aufbruch. Bereit für die Veränderung. Bereit für den nächsten Schritt. Oder weil ich glaubte, jemand anderes müsse es erst für eine gute Idee halten. 

In dem Buch jedenfalls steigt jemand einfach in einen Zug und lässt sein bisheriges Leben hinter sich. Warum, ist dabei gar nicht der entscheidende Punkt. Interessant fand ich etwas ganz anderes: Dass er überhaupt einsteigt.

Heute glaube ich, dass es immer schon Menschen gab, die genauso wenig wussten, was sie taten wie wir selbst. Sie fingen einfach an und machten es trotzdem. Sie buchten den Zug. Fuhren los. Verliefen sich. Lernten jemanden kennen. Verpassten eine Abzweigung. Nahmen die nächste. Und irgendwann wurde daraus ein Leben, das sie sich vorher wahrscheinlich nie hätten ausdenken können. Vielleicht ist das ja schon das ganze Geheimnis des Lebens. Vielleicht ist es ja deutlich einfacher, als wir denken. Manchmal muss man einfach losgehen.
Ich glaube wirklich, dass das Leben besser wird, w Ich glaube wirklich, dass das Leben besser wird, wenn nicht jeder weiß, wo man gerade ist. Kein „Ey, was machst du?“ Kein „Wo bist du?“ Einfach allein irgendwo draußen sitzen, Kaffee trinken und so tun, als wäre man ein Typ aus Kanada, der gleich Feuerholz hackt und seit ungefähr 14 Jahren niemanden mehr zurückgerufen hat.

Dabei ist man einfach nur kurz verschwunden. Rucksack. Deutschlandticket. Irgendwo draußen sitzen, die Luft riechen und den eigenen Gedanken dabei zuhören, wie sie nach drei Stunden langsam wieder normale Lautstärke erreichen. Dabei starre ich ohne ein Wort auf Bäume und esse ein Wurstbrötchen, als hätte ich kurz vorher selbst was erlegt.

Vielleicht braucht man ja manchmal einfach weniger Menschen und mehr frische Luft.

Torsten Luttmann

Geboren 1981. Ausbildung im Groß- und Außenhandel. Lagerhallen. Paletten. Staub in der Luft. Holzsplitter in den Händen. Zahlen auf Papier. Später Marketing in einer Bank. Stabsabteilung. Anzüge. Sitzungen. Termine. Jahre mit Ordnung, aber wenig Substanz. Das ist vorbei. Heute schreibt und fotografiert er. Meist aus der Nähe der Dinge. Ein Tisch. Eine Tasse Kaffee. Rauch im Licht. Hände, die etwas festhalten oder loslassen. Die Kamera ist dabei, aber nicht im Weg. Sie wartet, bis ein Moment still genug wird. Kein großes Ereignis. Eher ein Blick. Eine Bewegung. Eine Pause zwischen zwei Sätzen. Er schreibt darüber. Nicht als Erklärung. Mehr wie eine Spur. Kleine Augenblicke, die sonst verschwinden würden. Schwarzer Kaffee. Echte Momente. Geschichten, die bleiben, wenn der Lärm draußen kurz aufhört.

Alle Fotos © 2025 Torsten Luttmann - IMPRESSUM | DATENSCHUTZ
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