Sechs Monate.

Einfach aus Spaß!

Fuck ey. Ich habe keinen Plan. Für einen Moment habe ich sogar vergessen, welchen Wochentag wir haben. Mittwoch? Donnerstag? Keine Ahnung. Ich sitze auf einem Gartenstuhl, habe die Füße hochgelegt und gucke in einen ziemlich blauen Himmel. Das ist einer von diesen Nachmittagen, an denen Zeit plötzlich keine besonders wichtige Rolle mehr spielt. Welches Datum wir haben? Weiß ich doch nicht. Wie spät es ist? Häh? Vielleicht fünf. Vielleicht halb sechs. Vielleicht auch vollkommen egal. Mein Kopf ist ruhig. Und rattert trotzdem. Das kann er gut. Ich greife zu meinem Smartphone. Nicht, weil es dafür irgendeinen vernünftigen Grund gäbe. Eher aus Gewohnheit. Der moderne Mensch hält ungefähr zwölf Sekunden innere Ruhe aus und denkt dann, scheiße Karl-Otto, Vielleicht ist inzwischen irgendwas Geiles auf Instagram passiert. Ich scrolle. Natürlich. Ein Video. Zwei Videos. Vierundsiebzig Videos. Und dann spricht da so ein Typ direkt in die Kamera. Gut aussehend. Aber nicht so unangenehm gut aussehend, dass man sofort davon ausgeht, er habe für dieses Video vorher drei Stunden sein Gesicht ausgeleuchtet. Einfach ein normaler, sympathischer Typ. Aber keiner dieser Sorte Mensch, die einem erklären wollen, wie man mit drei Euro Startkapital und einer Morgenroutine bis 38 finanziell frei wird. Wäre eh zu spät. Egal. Er erzählt irgendwas von sechs Monaten. Sechs Monate, sagt er sinngemäß, würden reichen, um sich ein Leben aufzubauen, das man wirklich haben möchte.

Ah. Moin Ham. Natürlich. Wieder so ein Coach. Denke ich jedenfalls sofort, ohne ihm überhaupt richtig zuzuhören. Wahrscheinlich erzählt er mir gleich, dass ich nur um 4:30 Uhr aufstehen, kalt duschen, mein Dopamin resetten und anschließend seinen beschissenen Onlinekurs für 392,46 Euro kaufen muss. Early-Bird. Natürlich. Nur heute. Sonst bleibt mein Leben vermutlich für immer mittelmäßig. Ich wische weiter. Das geht ja schnell. Finger hoch. Mensch weg. Urteil gefällt. Und ungefähr im selben Moment denke ich: Kacke. Hör ihm doch wenigstens erstmal zu.

Das ist nämlich auch so eine Sache, die ich an mir selbst inzwischen ziemlich gut beobachten kann. Ich möchte gerne, dass Menschen mich nicht vorschnell vorverurteilen. Dass sie erst zuhören. Nachfragen. Versuchen zu verstehen, bevor sie irgendeine Schublade aufziehen und mich dort zwischen „komisch“, „anstrengend“ und „hat sein Leben nicht im Griff“ einsortieren. Ey. Und dann mache ich selbst genau das Gleiche. Geil Luttmann. Also scrolle ich zurück. Der Typ ist wieder da.

„Please never underestimate how quickly your life can change.“

Bitte unterschätze niemals, wie schnell sich dein Leben verändern kann. Musst du mir nicht erzählen, denke ich. Mir nicht. Echt nicht. Das weiß ich längst. Wenn ich in diesem Jahr irgendetwas gelernt habe, dann vermutlich genau das. So ein Leben kann sich erstaunlich schnell verändern. Dafür braucht es keinen Fünfjahresplan und manchmal nur einen verfickten Montag. Oder ein paar Entscheidungen. Die reichen. Ein Gespräch. Eine Trennung. Ein Anruf. Eine Nachricht. Ein Mensch. Ein verdammter Moment. Und plötzlich sieht das komplette Leben anders aus als noch ein paar Wochen vorher. Also ja. Den Punkt bekommt er. 1:0

Dann erzählt er etwas von seinem Account. Von Wachstum. Reichweite. Zahlen. Irgendwelchen Dingen, bei denen mein Finger schon wieder Richtung Bildschirm wandert, weil ich langsam doch den Geruch von Onlinekurs wahrzunehmen glaube. Ich will weiterwischen. Mache es aber nicht. Dieses Mal höre ich zu. Und dann sagt er:

„That’s the power of this completely delusional belief in yourself.“

Ich muss kurz darüber nachdenken. Die Macht dieses vollkommen größenwahnsinnigen Glaubens an sich selbst. Okay. Denke ich. Okay. Jetzt hast du mich. Ein bisschen. Denn genau darum geht es ihm. Nicht darum, dass man innerhalb von sechs Monaten Millionär wird, morgens um fünf lächelnd Burpees macht und anschließend vom Balkon seines Lofts auf Dubai schaut. Sondern darum, sich für sechs Monate etwas zu erlauben, das Erwachsene irgendwann erstaunlich gründlich verlernen:

Vollkommen bescheuert an sich selbst zu glauben.

Nicht vernünftig. Auch nicht so vorsichtig. Auf keinen Fall dieses erwachsene „Mal gucken, wie sich die Dinge entwickeln“. Sondern wirklich zu glauben, dass man sein Leben verändern kann. Auch wenn die Faktenlage vielleicht noch ein bisschen ziemlich scheiße ist. Oder wenn andere Menschen kurz die Stirn runzeln. Auch wenn man selbst morgens aufwacht und denkt: Was zur Hölle mache ich hier eigentlich? Sechs Monate, sagt er. Sechs Monate mit diesem vollkommen übertriebenen, vielleicht sogar leicht größenwahnsinnigen Glauben daran, dass man etwas verändern kann. Dass man sich ein anderes Leben bauen kann. Nicht irgendwann. Jetzt. Moin Ham. Da werde ich natürlich erstmal stutzig.

Aber genau da wird es für mich schon irgendwie interessant. Nicht, weil ich plötzlich glaube, dass ich in sechs Monaten Millionär werde, einen perfekten Körper habe, in irgendeinem Loft wohne und morgens um fünf mit einem Proteinshake auf meinen persönlichen Erfolg anstoße. Um Gottes willen. Nee. Aber ich denke darüber nach, den Bums einfach auszuprobieren. Sechs Monate. Jetzt nicht als Challenge oder. Auch nicht als Selbstoptimierungsprogramm. Auf keinen Fall als „Ab jetzt werde ich die beste Version meiner selbst“. Nee. Bei solchen Sätzen zucke inzwischen körperlich zusammen.

Einfach als Experiment. Was passiert, wenn ich für sechs Monate so tue, als wäre ziemlich viel möglich? Und noch etwas anderes. Was passiert, wenn ich alles, was ich in diesen sechs Monaten mache, aus Spaß mache? Das klingt erstmal bescheuert. Vielleicht sogar ein bisschen saudumm. Schließlich gibt es Dinge, die man nicht macht, weil sie wahnsinnig viel Spaß machen. Steuererklärungen zum Beispiel. Oder Formulare. Oder Warteschleifen bei Krankenkassen. Aber ich meine etwas anderes. Ich könnte Bewerbungen schreiben, einfach auf Spaß. Vielleicht auch mal auf Stellen, für die ich eigentlich gänzlich ungeeignet bin. Einfach aus Spaß. Ich könnte doch einfach denken:
Mal gucken, was passiert. Bewerbung abschicken. Aus Spaß. Vielleicht werde ich ja eingeladen. Dann fahre ich hin. Auch aus Spaß. Setze mich da rein, rede mit Menschen, erzähle, was ich kann, höre mir an, was sie suchen, stelle Fragen und schaue anschließend, ob wir überhaupt zueinander passen.

Verrücktes Konzept eigentlich. Ein Bewerbungsgespräch nicht als Prüfung zu betrachten, bei der auf der einen Seite die Erwachsenen sitzen und auf der anderen ich. Sondern als Gespräch. Zwischen Menschen. Vielleicht wollen die mich. Vielleicht will ich da arbeiten. Vielleicht auch nicht. Aber dann war ich halt da. Ich könnte Projekte anfangen, weil ich Bock darauf habe. Texte schreiben, weil mir etwas durch den Kopf geht. Fotos machen, weil mich etwas interessiert. Irgendwohin fahren, weil ich wissen will, wie es dort ist. Dieses. Jenes. Einfach so einen Bums. Nicht alles müsste sofort einen Sinn ergeben. Nicht jede Entscheidung müsste Teil irgendeines genialen Masterplans sein. Nicht aus allem müsste ein Geschäftsmodell, ein Ziel oder eine persönliche Weiterentwicklung werden. Vielleicht darf das auch einfach nur Spaß machen. Und ich merke gerade, wie ungewohnt dieser Gedanke für mich ist.

Ich habe lange genug ziemlich viele Dinge mit einem inneren Taschenrechner gemacht. Was bringt mir das? Ist das vernünftig? Lohnt sich das? Was denken andere? Was, wenn es schiefgeht? Vielleicht nehme ich diesen Taschenrechner für sechs Monate einfach mal aus der Hand. Nicht komplett. Ich bin 45. Aber vielleicht muss Vernunft nicht jedes verdammte Treffen leiten. Vielleicht darf Spaß auch mal mit am Tisch sitzen. Und vielleicht ist genau das dieser größenwahnsinnige Glaube an sich selbst, von dem der Typ gesprochen hat. Nicht zu denken: Ich werde alles schaffen. Sondern: Ich darf alles versuchen.

Na gut. Es ist mittlerweile 18:00 Uhr. Der Tag heute ist gelutscht. Ich hab auch keinen Bock mehr. Müde bin ich auch. Und mir fehlt was Cooles zu trinken und Musik. Morgen. Morgen geht es los. Einfach so. Aus Spaß. Und vielleicht dreh ich Videos darüber. Auch einfach aus Spaß. Jeden Tag zehn Reels.

Warum eigentlich nicht? Einfach aus Spaß!

Der Lautsprecher knackt. Kurz. Dieses Geräusch, bei dem man normalerweise erwartet, dass gleich jemand mit hörbarer Begeisterungslosigkeit erklärt, warum dieser Zug heute leider nur bis irgendwo fährt, wo eigentlich niemand wirklich hinwill. Nee. Diesmal nicht.

„Guten Morgen. Ich bin Ihr Zugbegleiter. Herzlich willkommen im RS 30 von Bremen nach Bad Zwischenahn.“

Die Stimme klingt verdächtig gut gelaunt. Der Mann neben mir schaut mich sogar seltsam an. Es ist nicht dieses berufliche Guten-Morgen, das eigentlich bedeutet, dass da jemand seit halb fünf wach ist und man froh sein darf, dass dieser jemand überhaupt noch vollständige Sätze bildet. Nein. Der Mann meint das ernst.

„Das wird heute eine ganz flotte Nummer. Versprochen. Wir halten in Delmenhorst, Hude, Oldenburg und brettern die restliche Strecke dazwischen mit 160 km/h durch. Zack. Sind wir da. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und jede Menge Gaudi.“

Ich muss lachen. Gaudi. Montagmorgen. Kurz nach acht. Regionalbahn zwischen Bremen und Bad Zwischenahn. Und irgendwo vorne sitzt oder steht ein Mann, der offenbar beschlossen hat, dass dieser Tag nicht mit dem üblichen Gesichtsausdruck einer Steuererklärung beginnen muss. Draußen scheint die Sonne. Der Himmel ist blau. Die Landschaft zieht am Fenster vorbei und ich denke darüber nach, wie positiv ein einzelner Mensch eigentlich sein kann. Und vor allem, was das mit anderen macht. Keine zehn Sekunden hat dieser Mann gesprochen. Er kennt mich nicht. Ich kenne ihn nicht. Ich hab ihn nicht gesehen. Er mich nicht. Und trotzdem hat er gerade meine Stimmung angehoben. Einfach so.

Vielleicht unterschätzen wir solche Sachen. Einen gut gelaunten Satz zum Beispiel. Oder ein Lächeln. Jemanden, der montagmorgens nicht so tut, als wäre allein die Tatsache, dass eine neue Woche begonnen hat, bereits ein mittelschwerer Schicksalsschlag. Ich nehme mein Handy aus der Tasche und öffne Instagram. Keine Ahnung warum. Vermutlich Muskelgedächtnis. Andere Menschen meditieren morgens, ich lasse mir von einem Algorithmus Dinge zeigen, nach denen ich nicht gefragt habe.

Diesmal bleibt mein Daumen allerdings ziemlich schnell ruhig. Da ist ein Beitrag. Einer dieser Beiträge, bei denen ich normalerweise inzwischen vorsichtig bin, weil im Internet krass viele Menschen wissen, wie mein Leben funktioniert, obwohl sie mich noch nie getroffen haben. Drei Slides gelesen und zack, Kindheit aufgearbeitet, Bindungsmuster erkannt, finanzielle Freiheit hergestellt. Nur die Spülmaschine räumt weiterhin niemand aus. Aber dieser Satz erwischt mich. Sinngemäß steht dort, dass sich etwas verändert, wenn man selbst anfängt, den eigenen Wert anzuerkennen. Wenn man sich nicht mehr permanent sabotiert. Wenn man aufhört, sich kleiner zu machen, als man ist. Wenn man beginnt, gut mit sich selbst umzugehen, verändern sich irgendwann auch die Dinge, die man zulässt. Die Menschen. Die Möglichkeiten. Das eigene Leben.

Ich lese es noch einmal. Und plötzlich frage ich mich, was hier eigentlich gerade abgeht. Hinter mir liegt eines der besten Wochenenden seit langer Zeit. Vielleicht sogar eines der besten überhaupt. Nicht, weil irgendetwas Spektakuläres passiert wäre. Keine Reise. Kein Fallschirmsprung. Kein Champagner auf irgendeiner Dachterrasse, auf der Menschen weiße Hemden tragen und aussehen, als hätten sie ihre Altersvorsorge verstanden. Nichts davon. Im Gegenteil. Ich war sogar ein bisschen krank. Husten. Hitzewallungen. Schlapp. Irgendwo zwischen Erkältung und dem medizinisch weiterhin unterschätzten Krankheitsbild Männergrippe. Ich wehre mich gegen diesen Begriff seit Jahren, aber wenn wir ehrlich sind, war ich mindestens zweimal kurz davor, mein Testament zu aktualisieren. Und trotzdem war dieses Wochenende großartig.

Vielleicht sogar gerade deshalb, weil nichts Großes passieren musste. Es gab Essen. Gespräche. Ruhe. Nähe. Alltag. Dieses vollkommen unspektakuläre Zusammensein, das auf keinem Reiseführer der Welt unter „Dinge, die man unbedingt erlebt haben muss“ auftauchen würde und trotzdem manchmal mehr mit einem macht als irgendein verdammter Sonnenuntergang auf Bali. Nicht, dass ich den schon mal erlebt hätte. Hab ich nicht. Ist auch egal. Ich musste nirgendwo hin. Nichts beweisen. Niemandem zeigen, dass es mir gut geht. Ich musste nicht besonders lustig sein, nicht interessant, nicht stark und auch nicht die Version von mir, von der ich glaube, dass andere Menschen sie gerade brauchen könnten. Ich war einfach da. Und es war gut. Vielleicht ist genau das der Punkt, denke ich, während der Zug Richtung Oldenburg fährt. Vielleicht besteht Selbstsabotage nämlich nicht nur aus den offensichtlich beschissenen Entscheidungen. Nicht nur daraus, Chancen abzulehnen oder sich Dinge nicht zuzutrauen. Vielleicht ist Selbstsabotage manchmal viel unscheinbarer.

Vielleicht ist es dieses ständige Misstrauen gegenüber dem Guten. Dieses innere: Kann das wirklich sein? Dieses Warten auf den Haken. Dieses vorsorgliche Kleinreden von Dingen, die eigentlich schön sind. Bloß nicht zu sehr freuen. Bloß nicht zu sicher fühlen. Bloß nicht glauben, dass etwas bleiben wird. Lieber schon mal gedanklich den Notausgang suchen, bevor überhaupt irgendjemand Feuer gerufen hat. Ich kenne das ziemlich gut. Wenn etwas schön ist, kann ich erstaunlich schnell Gründe finden, warum es vermutlich bald nicht mehr schön sein wird. Wenn jemand mich mag, kann ich mich fragen, wann dieser Mensch seine Meinung ändert. Wenn etwas funktioniert, suche ich vorsichtshalber nach dem Teil, das wahrscheinlich gleich kaputtgeht.

Das ist keine Bescheidenheit. Nee. Das ist anstrengend. Und vor allem verhindert es exakt gar nichts. Kein Verlust wird kleiner, nur weil man ihn vorher hundertmal im Kopf durchgespielt hat. Keine Enttäuschung tut weniger weh, weil man sich vorsorglich schon während der schönen Zeit Sorgen gemacht hat. Man bekommt für präventives Unglücklichsein am Ende keinen Bonuspunkt. Kein Sternchen ins Hausaufgabenheft. Man hat nur selbst viel weniger vom Guten gehabt. Vielleicht hat mich dieser Instagram-Beitrag deshalb erwischt. Nicht, weil irgendein fremder Mensch im Internet plötzlich mein Leben verstanden hätte. Sondern weil ich selbst in diesem Moment etwas verstanden habe.

Ich habe keine Lust mehr, gegen mein eigenes Leben zu arbeiten.

Keine Lust mehr, mich kleiner zu machen, damit bloß niemand denkt, ich hielte mich für etwas Besonderes. Keine Lust mehr, gute Dinge sofort auf ihre mögliche Haltbarkeit zu untersuchen. Keine Lust mehr, mich für Freude zu rechtfertigen, Nähe zu zerdenken oder bei jeder neuen Möglichkeit erst einmal eine interne Krisensitzung einzuberufen.

Alles darf auch einfach mal gut sein. Dieser Satz fühlt sich fast verboten an. Es darf gut sein. Nicht irgendwann, wenn alles geklärt ist. Nicht wenn die Wohnung da ist, der Kontostand stimmt, sämtliche offenen Fragen beantwortet wurden und irgendeine höhere Instanz mir schriftlich bestätigt hat, dass ich jetzt offiziell wieder am Leben teilnehmen darf.

Jetzt.

Mit Baustellen. Mit Unsicherheiten. Mit Husten. Mit Dingen, die ich noch nicht weiß. Mit einem Leben, das weiterhin nicht aussieht wie ein sauber ausgefüllter Fünfjahresplan. Aber eben auch mit Menschen, bei denen ich gerne bin. Mit Plänen, auf die ich mich freue. Mit Texten, die ich schreiben will. Mit Konzerten. Mit Zugfahrten. Mit Ideen. Mit diesem merkwürdigen Gefühl, dass gerade wieder verdammt viel möglich sein könnte, wenn ich nicht jedes Mal selbst im Weg stehen bleibe.

Der Zug fährt weiter. Delmenhorst. Hude. Oldenburg. Und während draußen die Sonne über die Felder fällt, denke ich noch einmal an den Mann aus dem Lautsprecher. An seine vollkommen unangemessen gute Laune für einen Montagmorgen. An seine 160 Kilometer pro Stunde. An sein „Zack. Sind wir da.“ Vielleicht brauche ich gerade gar keinen großen Lebensplan. Vielleicht reicht für den Anfang eine Entscheidung.

Schluss mit der Selbstsabotage. Schluss mit dem Kleinmachen. Schluss mit dem ständigen Warten darauf, dass irgendetwas schiefgeht. Der ganze Bums darf unterwegs passieren. Wenn etwas kommt, kümmere ich mich darum. Aber ich werde nicht mehr jeden guten Tag kaputtdenken, nur weil morgen etwas beschissenes passieren könnte. Vielleicht ist das gerade mein größtes Problem gewesen. Dass ich immer schon drei Bahnhöfe weiter war. Bei dem, was passieren könnte. Bei dem, was schiefgehen könnte. Bei Menschen, die irgendwann vielleicht gehen könnten. Während das Leben, um das es eigentlich ging, längst direkt neben mir saß.

Also gut. Montag. Kurz nach acht. Sonne. Oldenburg ist gleich da. Ein großartiges Wochenende hinter mir und keine Ahnung, was als Nächstes kommt. Muss ich auch nicht. Der Lautsprecher knackt noch einmal. Ich muss grinsen. Ganz flotte Nummer. Zack. Sind wir da. Ausstieg in Fahrtrichtung links.

Etelsen am Morgen

Es war ein besonderer Samstag. In der Nähe von Langwedel lag Nebel über den Wiesen. Nicht dieser dramatische Nebel, bei dem man erwartet, dass gleich irgendein skandinavischer Kommissar aus nem Volvo steigt und eine Leiche untersucht. Nee. Einfach Nebel. Flach. Über dem Gras. Ruhig. Fast unbeweglich. Kühe standen da und machten das, was Kühe seit Jahrhunderten machen, wenn niemand sie dabei stört. Fressen. Gucken. Wieder fressen. Ein paar Rehe standen zwischen den Bäumen. Von der Alten Aller kamen Wildgänse, flogen eine Weile Richtung Norden und drehten dann irgendwann wieder um. Keine Ahnung warum. Vielleicht hatten sie etwas vergessen. Vielleicht waren sie sich mit dem Norden plötzlich auch nicht mehr so sicher. Kann passieren. Egal. Auf der Bremer Straße, die irgendwann zur Verdener Straße wird, war kaum Verkehr. Das fiel auf. An einem normalen Samstag fahren dort Autos. Viele Autos. Menschen müssen einkaufen, irgendwohin, irgendwen besuchen oder wenigstens so tun, als hätten sie einen vernünftigen Grund, gerade unterwegs zu sein. An diesem Morgen war das anders. Fast nichts. Feiertag. Deshalb würde auch niemand um halb neun den Rasenmäher anschmeißen. Niemand würde mit seinem Audi A-Irgendwas an der Waschstraße stehen und mit diesem leicht angespannten Gesichtsausdruck darauf warten, endlich an der Reihe zu sein, damit das Auto anschließend für ungefähr elf Minuten sauber bleibt. Und vermutlich schlief sogar die Kassiererin vom Penny noch. Ich gönnte es ihr. Ich stand währenddessen irgendwo zwischen Wiesen, Bäumen und Fluss. Kein besonderer Ort. Kein Aussichtspunkt. Kein Schild mit „Sehenswürdigkeit“ drauf. Nichts, wofür jemand drei Stunden Autofahrt in Kauf nehmen und anschließend bei Google fünf Sterne vergeben würde. Einfach Landschaft. Und Ruhe.

Der Nebel zog langsam übers Gras. Die Luft war feucht und kühl. Vom Wasser kam dieser Geruch, den ich nicht vernünftig beschreiben kann. Erde vielleicht. Wasser. Pflanzen. Herbst. Irgendwas dazwischen. Meine VANS waren inzwischen nass. Erst nur außen, dann irgendwann so, dass man langsam merkte, wie die Feuchtigkeit durch den Stoff kam und sich an die Füße heranschlich. Früher wäre das der Moment, an dem mich so etwas nervt. Nasse Schuhe sind schließlich keine poetische Erfahrung. Nasse Schuhe sind einfach nasse Schuhe. Und irgendwie auch scheiße. Aber da? An diesem Morgen? Da war es mir egal. Komplett. Und erstaunlich, erstaunlich, es fühlte sich genau so gut an. Ich stand da und merkte, wie diese Ruhe nicht mehr nur um mich herum war. Sie kam langsam auch im Kopf an. Und das war vielleicht das Ungewöhnlichste an diesem Samstag. Da war für ein paar Minuten nichts, was dringend sortiert werden musste. Kein gestern. Kein morgen. Kein „Wie geht es weiter?“. Kein „Was musst du noch?“. Kein „Was wäre, wenn?“. Nicht einmal dieses ewige innere Gespräch, bei dem irgendein Teil des Gehirns ständig glaubt, er müsse Sitzungen einberufen, obwohl niemand darum gebeten hat.

Einfach Ruhe.

Ich wollte nirgendwo hin. Ich musste nichts erledigen, nichts beantworten, nichts klären und auch nichts verstehen. Ich musste aus diesem Augenblick nichts machen. Kein Foto mit Bedeutung. Keine Erkenntnis. Keinen Plan. Ich musste nicht überlegen, ob das gerade gut für mich war und warum. Es war einfach gut. Das müsste eigentlich reichen. Ich stellte meinen Verstand für eine Weile auf Flugmodus und sah mich um. Wirklich hin. Nicht dieses Gucken, das man inzwischen perfektioniert hat, während man gleichzeitig über drei andere Dinge nachdenkt. Ich sah auf die Wiese. Auf die Bäume. Auf den Nebel. Auf die Gänse. Auf das Wasser irgendwo hinter dem Gras. Und irgendwann kam mir dieser Satz in den Kopf.

„Hier ist überhaupt nichts los.“

So ein Satz, den Menschen gerne über Gegenden wie diese sagen. Hier ist nichts. Langweilig. Man kann nichts machen. Keine Innenstadt. Kein Kino. Keine Pommes. Kein Laden, in dem ein Kaffee sechs Euro kostet und irgendein Mensch dir erst mal erklärt, welche Hafermilch sie benutzen. Keine Attraktion. Kein Programm. Kein Grund, aufgeregt zu sein. Nur Wiesen. Nur Wasser. Nur Tiere. Nur Nebel. Und genau da merkte ich, wie bescheuert dieser Satz eigentlich ist.

Hier war nämlich eine ganze Menge los.

Rehbock in Etelsen

Die Gänse flogen über den Fluss und entschieden sich offenbar unterwegs noch einmal um. Die Rehe bewegten sich zwischen den Bäumen. Der Nebel wanderte langsam über die Weite. Irgendwo floss Wasser. Gras war nass. Blätter bewegten sich. Kühe kauten mit einer Ruhe vor sich hin, für die andere Menschen wahrscheinlich drei Wochen Retreat buchen würden, inklusive Klangschale und irgendeinem Mann namens Juan, der erklärt, man müsse wieder lernen, bei sich anzukommen. Die Kühe waren längst da.

Vielleicht ist das unser Problem. Vielleicht glauben wir inzwischen, dass nur dann etwas passiert, wenn es laut ist. Wenn irgendwo Menschen stehen. Wenn Musik läuft. Wenn das Handy vibriert. Wenn etwas geplant wurde. Wenn etwas Geld kostet. Wenn man später erzählen kann, was man gemacht hat. Wenn ein Termin im Kalender steht und man anschließend das Gefühl hat, den Tag vernünftig genutzt zu haben. Wir haben uns daran gewöhnt, Leben mit Beschäftigung zu verwechseln. Ein freier Nachmittag braucht plötzlich ein Programm. Ein Wochenende eine Unternehmung. Ein Spaziergang Schritte. Ein Lauf Kilometer. Ein Essen ein Foto. Ein Urlaub Beweise. Und wenn einfach mal nichts davon passiert, wenn niemand etwas von uns will und nichts blinkt, klingelt oder dringend erledigt werden muss, entsteht erstaunlich schnell dieses Gefühl, hier ist nichts los.

Vielleicht halten wir Ruhe inzwischen einfach nicht mehr besonders gut aus. Vielleicht macht sie uns sogar nervös, weil plötzlich nichts mehr zwischen uns und dem eigenen Kopf steht. Kein Termin. Kein Geräusch. Kein Bildschirm. Kein nächstes Ding.

Nur man selbst.

Kann unangenehm sein. Kann aber auch verdammt geil sein. Ich stand noch eine Weile da. Die Schuhe nass. Die Hände kalt. Irgendwo vor mir die Alte Aller. Es passierte nichts Spektakuläres. Niemand kam vorbei. Niemand sagte etwas. Es gab keinen besonderen Moment, den man später groß erzählen müsste. Und trotzdem war da alles. Bewegung. Geräusche. Gerüche. Licht. Tiere. Wasser. Zeit. Vielleicht ist „Hier ist überhaupt nichts los“ deshalb einer dieser Sätze, die weniger über einen Ort erzählen als über uns selbst.

Denn nichts war dort nicht. Es war nur leise. Und vielleicht ist das manchmal genau der Unterschied. Das hier hieß nicht Veranstaltung. Es hieß einfach Leben.

Und als ich zurück kam, stand da jemand mit einem heißen Kaffee für mich in der Hand:

„Na? Hast du alles gesehen.“

Ich lachte. „Ja. Alles.“

Ich erinnere mich noch ziemlich genau daran, wie einmal jemand zu mir sagte, dass alles Schöne endlich sein müsse. Ich weiß sogar noch, wer es war. Wo wir waren. Wie dieser Satz fiel. Wahrscheinlich habe ich damals genickt, weil man bei solchen Sätzen eben nickt. Sie klingen richtig. Nach einer dieser Wahrheiten, die Menschen schon so oft ausgesprochen haben, dass niemand mehr fragt, ob sie eigentlich stimmen. Ein anderer Mensch sagte irgendwann zu mir, man müsse gehen, bevor man gegangen wird. An den Menschen erinnere ich mich nicht mehr. Nur an den Satz. Verrückt eigentlich. Menschen verschwinden manchmal aus unserem Leben und lassen ein paar Wörter zurück, die länger bleiben als sie selbst. Lange habe ich beide Sätze nicht wirklich verstanden. Vielleicht verstehe ich sie auch heute noch nicht. Vielleicht bilde ich mir das nur ein.

Aber ich denke in letzter Zeit öfter an Berge. Jeder Berg hat einen Gipfel. Oben. Natürlich oben. Das ist schließlich der ganze verdammte Sinn der Sache. Man steht irgendwann unten, schaut nach oben und läuft los. Erst ist der Weg noch einfach. Dann wird er steiler. Die Beine werden schwer. Das Atmen lauter. Die Schritte kleiner. Man guckt irgendwann nicht mehr ständig nach oben, sondern nur noch auf die nächsten Meter vor den eigenen Füßen. Die Hände auf den Knien. Als würde das helfen. Einen Schritt. Noch einen. Weiter. Und dann? Dann steht man oben. Plötzlich ist da nichts mehr, was höher liegt. Kein weiterer Anstieg. Kein nächster Meter, den man sich erarbeiten muss. Man steht einfach da. Vielleicht geht gerade die Sonne auf. Vielleicht ist es noch kalt. Die Luft riecht anders als unten. Und irgendwo zwischen den Bergen hängt der letzte Nebel des Morgens. Man sieht Wege, Wälder, Baumspitzen und Orte, die von dort oben plötzlich lächerlich klein aussehen. Dinge, die unten wichtig erschienen, verlieren für einen Moment ihren Wert. Und dann steht man da oben und macht was, dass Menschen richtig gut können. Man vergisst, dass man wieder runter muss.

Für einen Moment glaubt man vielleicht sogar, dieser Gipfel sei ein Ort, an dem man bleiben könnte. Weil es gerade schön ist. Weil man lange unterwegs war. Weil man angekommen ist. Oder glaubt, angekommen zu sein. Weil die Aussicht stimmt und die Welt für einen Augenblick nicht nach einem weiteren verfickten Plan schreit. Man möchte diesen Moment festhalten. Noch fünf Minuten. Noch einmal gucken. Noch ein Foto. Noch ein bisschen bleiben. Und natürlich darf man das. Vielleicht sollte man das sogar. Aber der Abstieg kommt doch. Immer. Nicht, weil der Gipfel plötzlich weniger schön geworden wäre. Nicht, weil die Aussicht schlechter ist. Nicht, weil irgendetwas passiert sein muss. Sondern weil Gipfel keine Orte zum Bleiben sind.

Vielleicht ist das mit manchen Momenten genauso. Mit Nachmittagen. Mit Nächten. Mit Reisen. Vielleicht sogar mit Menschen. Es gibt diese seltenen Augenblicke, in denen man nichts verbessern möchte. Nichts hinzufügen. Nichts erklären. Man sitzt irgendwo und weiß für ein paar Sekunden ziemlich genau, dass man gerade etwas erlebt, an das man sich später erinnern wird. Und genau dann möchte man natürlich nicht gehen. Warum auch? Aber der Punkt kommt. Immer.

Ich habe diesen Satz früher nie wirklich verstanden. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Ich hielt ihn für eine dieser bescheuerten Regeln, die Erwachsene einfach erfunden haben, vermutlich gemeinsam mit „Vorfreude ist die schönste Freude“ und der Behauptung, dass man von Zugluft krank wird. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht geht man nicht, weil etwas nicht mehr schön ist. Vielleicht geht man gerade deshalb, weil es schön war. Bevor aus Nähe Gewohnheit wird. Bevor aus Leichtigkeit Anstrengung wird. Bevor man anfängt, etwas festzuhalten, das längst begonnen hat, sich zu verändern. Vielleicht wartet man nicht darauf, dass die Musik zu Ende ist, das Licht angeht und irgendjemand anfängt, die leeren Gläser einzusammeln. Vielleicht nimmt man seine Jacke vorher. Seinen Rucksack. Seine Sachen. Nicht aus Angst. Nicht aus Wut. Und auch nicht, weil man weniger fühlt. Vielleicht gerade weil man viel fühlt. Zu viel.  Dann geht man woanders hin und trägt das, was war noch in sich. Die Musik. Einen Blick. Ein Lachen. Einen Satz. Vielleicht eine Berührung. Einen Kuss. All diese kleinen Dinge, von denen man in dem Moment noch nicht weiß, welche davon später bleiben werden. Oder dürfen. Vielleicht bedeutet „gehen, wenn es am schönsten ist“ deshalb gar nicht, einen schönen Moment abzubrechen. Vielleicht bedeutet es, ihm kein anderes Ende aufzuzwingen. Man lässt ihn dort, wo er gut war.

Unbeschädigt.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Wirklich nicht. Vielleicht ist das auch nur eine ziemlich aufwendige Erklärung dafür, warum Abschiede manchmal leichter erscheinen, wenn man selbst entscheidet, wann sie stattfinden. Vielleicht sollte man manchmal bleiben. Vielleicht sollte man kämpfen. Vielleicht sollte man noch eine Stunde sitzen bleiben, noch einen Kaffee bestellen und einfach gucken, was passiert. Aber das könne Weh tun. Keine Ahnung. Ich habe keine Antwort darauf, die wirklich stimmt.

Ich weiß nur, dass jeder Berg einen Gipfel hat. Und dass man dort oben ruhig eine zeitlang stehen darf. Man darf die Aussicht genießen. Man darf tief einatmen. Man darf sich umsehen und für einen Moment vergessen, wie man überhaupt hierhergekommen ist. Man darf glücklich sein. Aber irgendwann dreht man sich um. Vor einem liegt derselbe Weg. Nur in die andere Richtung.

Und dann kommt der Abstieg. Man weiß, dass er kommt. Eigentlich wusste man es die ganze Zeit. Schon auf dem Weg nach oben. Vielleicht sogar in dem Moment, in dem man den ersten Schritt gemacht hat. Jeder Berg hat einen Gipfel. Und jeder Gipfel bedeutet, dass es von dort aus irgendwann nur noch in eine andere Richtung weitergeht. Trotzdem steht man oben und möchte bleiben. Nur noch ein bisschen. Man guckt in die Ferne. Hört nichts außer dem Wind. Und man versucht, sich alles zu merken. Das Licht. Die Luft. Die Ruhe. Dieses seltene Gefühl, für einen Moment genau dort zu sein, wo man sein möchte. Vielleicht bleibt man deshalb länger als man sollte. Weil man längst weiß, dass dies einer dieser Augenblicke ist, die schon beim Erleben anfangen, Erinnerung zu werden. Doch dann geht man. Nicht, weil man möchte. Nicht, weil es nicht mehr schön ist. Sondern obwohl es noch schön ist. Und vielleicht ist genau das so schwer. Zu gehen, bevor etwas kaputtgeht. Bevor aus einem schönen Moment ein anderer wird. Bevor man irgendwann zurück guckt und sich nicht mehr an den Gipfel erinnert, sondern nur noch daran, wie es dort oben langsam kälter wurde.

Der erste Schritt bergab fühlt sich falsch an. Der zweite auch. Und wahrscheinlich möchte man sich noch einmal umdrehen. Nur kurz. Noch einmal sehen, was man gerade zurücklässt. Vielleicht ist genau das der Moment, in dem man es nicht tun sollte. Nicht weil das, was hinter einem liegt, plötzlich unwichtig geworden wäre. Sondern weil es wichtig war. Weil es schön war. Weil man dort oben etwas hatte, von dem man gern geglaubt hätte, dass es so bleiben kann. Aber manche Dinge bleiben nicht. Egal, wie sehr man es möchte.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie einmal jemand zu mir sagte, dass alles Schöne endlich sein müsse. Damals mochte ich diesen Satz nicht. Heute mag ich ihn noch immer nicht. Aber ich verstehe ihn besser. Vielleicht weil ich inzwischen weiß, dass nicht alles erst kaputtgehen muss, bevor man es loslassen darf. Nicht jeder schöne Moment braucht ein hässliches Ende, damit man versteht, dass er vorbei ist. Nicht jede Nähe muss erst wehtun. Nicht jede Aussicht muss im Nebel verschwinden. Manchmal steht man noch immer auf diesem verdammten Gipfel. Die Sonne scheint. Die Aussicht ist dieselbe. Eigentlich gibt es keinen Grund zu gehen. Außer diesem leisen Wissen, dass man nicht für immer dort oben bleiben kann.

Und vielleicht ist genau das so schwer zu akzeptieren. Dass etwas schön sein kann und trotzdem endlich. Dass man etwas sehr wollen und trotzdem loslassen kann. Dass man gehen kann, ohne vorher einen Grund dafür finden zu müssen, warum Bleiben plötzlich falsch wäre. Man kann noch fünf Minuten bleiben. Oder zehn. Vielleicht eine Stunde. Man kann versuchen, sich das Licht zu merken. Den Wind. Die Luft. Die Aussicht. Man kann noch einmal tief einatmen und sich wünschen, dass dieser eine Augenblick einfach so bleibt, wie er ist.

Tut er aber nicht.

Man geht weiter. Vielleicht dreht man sich noch einmal um. Vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht einmal, was davon richtiger wäre. Vielleicht gibt es bei manchen Abschieden überhaupt kein richtig. Nur diesen einen Moment, in dem man merkt, dass Bleiben nichts mehr daran ändern würde, dass etwas zu Ende geht. Also geht man. Und hinter einem bleibt der Gipfel. Die Aussicht. Das Licht. Alles noch da. Nichts davon ist plötzlich kaputt. Nichts davon weniger schön. Nichts davon weniger wichtig, nur weil man weiter geht. Es ist nur mit jedem Schritt ein bisschen weiter weg. Vielleicht ist das alles, was Endlichkeit bedeutet.vNicht, dass etwas nicht mehr da ist.vSondern dass man selbst nicht mehr dort ist.

Und irgendwann dreht man sich nicht mehr um.

Die Straßen sind gesperrt. Nicht überall. Aber dort, wo später die Traktoren durchfahren sollen. Menschen stehen vor ihren Häusern. Sitzen auf Gartenstühlen am Straßenrand. Oder haben gleich ganze Tischgruppen nach draußen getragen. Kinder nutzen die Gelegenheit und machen das, was Kinder vermutlich immer machen würden, wenn Erwachsene ihnen häufiger die Straßen überlassen würden, sie nehmen sie einfach in Besitz. Sie fahren mit Rollern hin und her. Rennen über die roten und grauen Pflastersteine. Spielen Fangen und interessieren sich erstmal wenig dafür, dass hier gleich irgendein offizieller Umzug stattfinden soll. Das wird erst interessant, wenn es so weit ist und Bonbons fliegen. Vor manchen Häusern stehen Kisten Bier im Schatten. Auf Tischen stehen Kaffee in Thermoskannen und Kuchen auf Tellern, über die vorsichtshalber irgendwelche Hauben gestülpt wurden. Dorfveranstaltungen funktionieren offenbar nach einem einfachen Prinzip. Niemand weiß genau, wie lange es dauert, deshalb nimmt man sicherheitshalber genug Verpflegung für eine mittlere Naturkatastrophe mit. Hatte ich die Bierknacker erwähnt. Unfassbar gut. Egal. Die Häuser und Vorgärten sind geschmückt. Girlanden hängen zwischen Zäunen und Laternen. Auf Gartentischen stehen Kürbisse, Sonnenblumen und so Heidedingens. Hier und da wurden kleine Körbe aufgestellt, gefüllt mit Kartoffeln, Äpfeln, Maiskolben und allem, was irgendwie nach Herbst aussieht und vermutlich irgendwann einmal auf nem Feld gewachsen ist. In den Hecken hängen selbstgebastelte Drachen aus Papier, Holzleisten und bunten Bändern. Die sehen schon geil aus. Fliegen werden die vermutlich nie. Höchstens beim nächsten vernünftigen Sturm, wenn sie niemand weg räumt, dann hängen sie wahrscheinlich drei Grundstücke weiter in einer Tanne. Aber heute ist das auch scheißegal.

Es ist Ende September. Die Luft ist noch mild genug, dass niemand friert, aber der Sommer hat sich trotzdem weitgehend vom Acker gemacht. Die Sonne steht tiefer, das Licht wird wärmer und überall liegt dieser Geruch aus Erde, Herbst und irgendwo angezündetem Grill. Menschen begrüßen sich über die Straße hinweg. Andere bleiben stehen, weil sie jemanden entdecken, den sie offenbar seit mindestens vorgestern nicht mehr gesehen haben. Man redet. Man lacht. Man wartet. Und dann, nach gut zwei, drei Stunden Wartezeit, hört man die Musik. Erst nur irgendwo weiter hinten. Ein dumpfer Bass zwischen den Häusern, noch weit genug entfernt, dass man nicht erkennen kann, welcher Song läuft. Würd ich eh nicht. Techno und so. Die Kinder unterbrechen kurz ihr Spiel. Einige Erwachsene stehen auf. Köpfe drehen sich in dieselbe Richtung. Dann taucht der erste Traktor auf. Langsam fährt er durch die geschmückte Straße. Dahinter ein Anhänger, der mit ungefähr allem dekoriert wurde, was sich mit Kabelbindern, Holzlatten und ausreichend Optimismus an einem landwirtschaftlichen Fahrzeug befestigen lässt. Musik dröhnt aus Boxen. Menschen stehen und tanzen auf dem Wagen. Winken den Leuten am Straßenrand zu. Lachen. Rufen irgendetwas und tragen Kostüme, bei denen ich teilweise keine Ahnung habe, was sie mit Landwirtschaft zu tun haben sollen. Müssen sie offenbar auch nicht. Denn mir wird ziemlich schnell wird klar, dass nur weil das hier Ernteumzug heißt, bedeutet das noch lange nicht, dass sich irgendjemand ernsthaft an das Thema Ernte halten muss. Natürlich gibt es Wagen mit Strohballen, Ähren, Mais und allem, was man sich unter einem klassischen Erntefest vorstellt. Aber dazwischen fährt auch Zeug vorbei, bei dem der Zusammenhang mit Kartoffeln, Getreide oder Landwirtschaft ungefähr so eng ist wie meiner mit professionellem Standardtanz.

Scheißegal.

Der nächste Wagen kommt. Dann der nächste. Wieder Musik. Wieder Menschen, die tanzen. Manche verkleidet, manche einfach so. Vom Straßenrand wird gewunken. Von den Anhängern zurück. Von irgendeinem Wagen schreit irgendwer meinen Namen und ich bin sogar gemeint. Kinder laufen ein paar Meter nebenher, bis irgendein Erwachsener sie wieder einsammelt. Bierflaschen werden geöffnet. Kaffeetassen nachgefüllt. Irgendwo wird gelacht. Und während sich Trecker für Trecker durch diese kleine geschmückte Straße schiebt, verstehe ich langsam, dass es wahrscheinlich genau darum geht. Nicht um ein perfektes Motto. Nicht darum, wer den schönsten Wagen gebaut hat. Und vermutlich auch nicht ausschließlich um die Ernte. Es geht darum, dass ein paar Straßen für einige Stunden keine Straßen mehr sind. Dass Gartenmöbel vor den Häusern stehen. Dass Kinder dort spielen, wo sonst Autos fahren. Dass Menschen zusammenkommen, die sich vielleicht sowieso ständig irgendwie sehen und trotzdem einen Grund gefunden haben, heute noch einmal gemeinsam draußen zu stehen. Alles darf. Nichts muss. Außer vielleicht ein bisschen Spaß. Und davon haben sie hier gerade verdammt viel.

Nachdem der letzte Wagen durch die Straße gezogen ist, passiert erst einmal erstaunlich wenig. Der Umzug ist vorbei, aber offenbar hat niemand gesagt, dass damit auch der Tag vorbei sein muss. Einige Menschen beginnen tatsächlich aufzuräumen. Gartenstühle werden zusammengeklappt, leere Kaffeetassen ins Haus getragen, Teller gestapelt und Getränkekisten wieder dorthin gebracht, wo sie vermutlich heute Morgen herkamen. Andere bleiben einfach sitzen. Kann man auch machen. Vielleicht sogar die bessere Idee. Der Kaffee wird irgendwann durch Bier ersetzt, irgendwo geht ein Grill an und aus einem Vorgarten kommt plötzlich Musik. Die Kinder spielen weiter. Die Erwachsenen reden weiter. Eigentlich hat sich nur verändert, dass keine Trecker mehr durch die Straße brettern. Der Rest scheint beschlossen zu haben, dass dieser Samstag noch lange nicht zu Ende ist. Wir aber gehen weiter Richtung Festplatz. Dort steht alles, was ein ordentliches Dorffest braucht. Bierbuden. Karussell. Burger. Pommes. Ein Weinstand für Menschen, die lieber Wein als Bier trinken. Dazu ein großes Zelt. Mit DJ. Musik. Ausreichend Platz, um später Entscheidungen zu treffen, die am nächsten Morgen möglicherweise nur noch lückenhaft rekonstruiert werden können. *räusper*

Um den Bierpavillon stehen die Menschen dicht gedrängt. Andere sitzen in Liegestühlen, lehnen an Stehtischen oder laufen mit Getränken über den Platz und bleiben alle paar Meter irgendwo hängen, weil sie jemanden kennen. Und wer hier niemanden kennt, wartet vermutlich einfach fünf Minuten. Läuft von allein. Das Wetter ist einfach geil. Ende September und trotzdem fühlt es sich für einen Moment an, als hätte der Sommer seinen Schlüssel noch nicht abgegeben. Die Sonne steht über dem Platz. Jacken hängen über Stuhllehnen oder werden um die Hüfte gebunden. Niemand scheint es besonders eilig zu haben. Warum auch? Heute muss niemand irgendwohin. Heute ist hier. Aus dem Festzelt kommt Musik. Nicht leise. Natürlich nicht. Auf diesem Erntefest wird offenbar nicht beschallt, sondern die nähere Umgebung darüber informiert, dass jetzt Wochenende ist. Zwischendurch drückt der Bass durch die Zeltplane nach draußen. Menschen gehen hinein. Andere kommen wieder raus. Manche mit Getränken. Manche mit roten Gesichtern. Manche offensichtlich nur, weil sie drinnen jemanden gesucht und unterwegs drei andere gefunden haben. Ich unterhalte mich mit verschiedenen Menschen. Mit Menschen, die ich vorher noch nie gesehen habe und von denen ich einige vermutlich auch nie wiedersehen werde. Namen fallen. Berufe. Geschichten. Irgendjemand kennt irgendjemanden, der wiederum jemanden kennt. Dorf eben. Wahrscheinlich könnte man hier innerhalb von zwanzig Minuten die komplette Bevölkerung über drei Ecken miteinander verbinden. Facebook brauchte dafür Milliarden. Auf dem Dorf reichen ein Bierpavillon und eine Tante, die alles weiß. Ich höre zu. Erzähle selbst. Lache. Dann steht schon wieder jemand anderes dabei. Ein neues Gesicht. Ein neues Gespräch. Nichts davon ist besonders weltbewegend. Niemand löst an diesem Nachmittag die großen Probleme der Menschheit. Zumindest bekomme ich davon nichts mit. Drauf geschissen. Wie es ist, darf es auch mal reichen.

Und währenddessen dreht sich die Erde einfach weiter. Was sie ziemlich zuverlässig macht, selbst wenn wir Menschen gerade Wichtigeres zu tun haben. Die Sonne wandert langsam von Süden Richtung Westen. Erst merkt man es kaum. Dann werden die Schatten länger. Das Licht verändert sich. Die Häuser am Rand des Platzes sehen plötzlich wärmer aus, die Gesichter auch. Dieses goldene Licht, das Fotografen immer unbedingt festhalten wollen und das in Wirklichkeit meistens viel besser aussieht, wenn man das Handy einfach mal in der Tasche lässt. Irgendwann fällt das letzte direkte Sonnenlicht über die Dächer des Ortes.

Und plötzlich sind da die Lichterketten.

Sie hingen vermutlich den ganzen Nachmittag über dem Platz. Natürlich habe ich sie gesehen. Aber erst jetzt ergeben sie Sinn. Kleine warme Punkte über den Köpfen der Menschen. Dazu die Beleuchtung der Buden, das Karussell, das Zelt. Alles wird ein bisschen gelber, ein bisschen wärmer, ein bisschen gemütlicher. Die Luft dagegen wird kühler. Erste Jacken werden wieder angezogen. Hände verschwinden in Taschen. Irgendjemand bestellt trotzdem noch ein kaltes Bier. Der Herbst ist da. Nicht dieser Herbst aus Möbelhausprospekten mit Wolldecke, Duftkerze und einer Tasse Tee, die selbstverständlich mit beiden Händen gehalten werden muss. Der echte. Der mit kalter werdender Luft, feuchtem Gras, Bierbuden, Lichterketten und Menschen, die noch nicht nach Hause wollen. Es wird voller im Zelt. Die Musik lauter. Oder vielleicht wirkt sie nur so, weil es draußen langsam ruhiger wird. Menschen tanzen. Andere stehen am Rand und singen trotzdem mit. Manche können den Text. Andere kennen offenbar nur den Refrain und lösen das Problem durch Lautstärke. Funktioniert richtig gut. Es wird gelacht. Getanzt. Gesungen. Menschen legen einander die Arme um die Schultern. Freunde begrüßen sich, als hätten sie sich seit Jahren nicht gesehen, obwohl es möglicherweise nur seit Dienstag war. Irgendwo drückt jemand einen anderen Menschen fest an sich. Paare stehen etwas abseits. Menschen küssen sich. Andere sitzen nebeneinander und reden. Manche sagen gar nichts.

Und ich stehe mittendrin.

Nicht daneben. Nicht als Beobachter am Rand, der sich schon während des Erlebens überlegt, wie er später darüber schreiben könnte. Zumindest nicht die ganze Zeit. Ich bin einfach da. Rede mit Menschen. Höre Musik. Lache. Schaue irgendwann hoch zu diesen verdammten Lichterketten und denke für einen kurzen Moment überhaupt nichts. Das passiert mir nicht besonders häufig. Vielleicht gefällt mir genau deshalb dieser Abend so sehr. Weil hier gerade nichts Geiles passieren muss. Niemand braucht eine Erkenntnis. Niemand muss sich neu erfinden. Niemand muss irgendwo ankommen, etwas erreichen oder beweisen, dass er sein Leben inzwischen organisatorisch im Griff hat. Wir stehen einfach auf einem Festplatz irgendwo zwischen Bierpavillon, Burgerbude und Karussell. Es ist Ende September. Die Sonne ist weg. Die Lichterketten leuchten. Aus dem Zelt kommt Musik. Neben mir lachen Menschen.

Mehr passiert gerade nicht. Und verdammt, manchmal ist genau das das Leben von seiner ziemlich schönen Sorte.

Am Freitag war in Langwedel Markt. So eine Art Kirmes. Oder Volksfest. Ich weiß nicht, wo da die genaue Grenze verläuft. Die Straßen waren gesperrt. Überall standen Buden. Es blinkte und leuchtete und an erstaunlich vielen Stellen konnte man Dinge kaufen, die entweder frittiert, gegrillt oder großzügig mit Zucker ausgestattet waren. Die Dunkelheit hatte sich längst über die Dächer gelegt. Von den Häusern sah man nur noch das, was die beleuchteten Stände von ihnen übrig ließen. Davor dieses bunte Licht, das einen Ort für ein paar Stunden verändert. Man läuft auf einer Straße, auf der sonst Autos fahren, schaut sich um und bekommt schon wieder Hunger, obwohl man drei Meter vorher eigentlich beschlossen hatte, erst einmal nur zu gucken. Es roch nach gebrannten Mandeln. Jedenfalls so lange, bis man in den Dunst der Bratwurstbude geriet. Dann kamen Pommes dazu. Irgendwo drehte sich Gyros und zwischendurch zog dieser süße Geruch von Zuckerwatte vorbei. Schon krass, wie etwas gleichzeitig so sehr nach Kindheit und klebrigen Fingern riechen kann. Natürlich gab es auch Champignons. Diese großen Pfannen, an denen man vorbeigeht und sofort denkt: Ach, komm. Scheiß drauf, die passen noch. Als hätte man für Pilze einen gesonderten Magen.

Ich war an diesem Abend auf dem Weg zu Mareike. Von Bremen aus. Mit dem Zug. So übers Wochenende. Ein überschaubarer Plan. Einsteigen. Zug fahren. Aussteigen. Da sein. Keine Ahnung. Zwei Stunden mit unzählbaren Geschichten, die ich mir selbst erzähle. Ich liebe das. In Bremen am Hauptbahnhof kam ihre Nachricht. Ich sollte sitzen bleiben. An dem Bahnhof, an dem ich sonst ausgestiegen wäre, würde sie zusteigen, und dann könnten wir gemeinsam weiterfahren. Nach Langwedel. Zum Markt. Kurz Pommes essen, was trinken, eine Runde über den Markt gehen und anschließend wieder zurück.

Fand ich gut. Sehr gut sogar. Ich mag solche Vorschläge. Man ist schon unterwegs, hat sich gedanklich ungefähr eingerichtet, weiß, wo man gleich aussteigt, und plötzlich bekommt der Abend noch eine Abzweigung. Dafür musste ich in diesem Fall nicht einmal aufstehen. Ich musste einfach nur eine Sache lassen, die ich ohnehin erst später vorgehabt hatte: aussteigen. Wir verabredeten uns im letzten Waggon. Damit wir uns schneller fanden und nicht einer vorne und der andere hinten saß, während beide auf ihr Handy guckten und Nachrichten schrieben wie: „Ich bin doch hier.“ Ein Satz, der geografisch ungefähr so hilfreich ist wie „auf der Erde“. Also ganz hinten. Klare Ansage. Das sollte funktionieren. Tat es auch. Erstaunlich problemlos sogar. Sie stieg ein. Wir fanden uns. Und auf einmal waren wir gemeinsam unterwegs. Eben noch saß ich allein im Zug und wollte zu ihr. Jetzt war sie da, und wir fuhren irgendwohin, wo ich an diesem Abend nicht mit gerechnet hatte. Ich musste grinsen. So schnell konnte das gehen.

Eine Pommes. Ein Getränk. Ein bisschen zwischen den Buden herumlaufen. Mehr hatten wir uns nicht vorgenommen. Ich hatte schließlich meinen Rucksack dabei, war auf Wochenendbesuch eingestellt und nicht darauf, mit Gepäck ein Volksfest zu besuchen. Aber kurz über den Markt, das ging. Natürlich ging das. Wobei „kurz“ ein ziemlich großzügiges Wort ist, sobald man mit dem richtigen Menschen unterwegs ist. Beim Warten auf einen Zug hat man recht genaue Vorstellungen davon, wie lang zehn Minuten sind. Bei einem schönen Abend wird man da plötzlich erheblich toleranter. Aber so weit dachte ich noch gar nicht. Mareike war da. In Langwedel gab es Pommes. So unser Plan. Das Leben hatte ihn offenbar auch gelesen. Und musste lachen.

Ein paar Minuten später stiegen wir in Langwedel aus. Vom Bahnhof bis zum Markt war es nicht weit. Ein kurzer Fußweg und wir waren mittendrin. Wir liefen über die Straße, schauten nach links und rechts und gingen erst einmal bis zum Ende durch. Dann wieder zurück. Erst mal gucken. Das macht man so. Irgendwo stand eine große Bühne. Wo genau, könnte ich heute nicht mehr sagen. Ich könnte vermutlich noch in die ungefähre Richtung zeigen, aber darauf sollte man sich nicht verlassen. Vor der Bühne standen Menschen unter freiem Himmel. Auf der Bühne spielte eine Band. Eine Coverband. Was zunächst einmal alles heißen kann. Es gibt Veranstaltungen, da hört man die ersten drei Takte und weiß bereits, dass man jetzt dringend weitergehen muss. Wir blieben stehen. Da kamen Gitarren von der Bühne. Ordentlich Gitarren. System of a Down. Linkin Park. Metallica. AC/DC. Disturbed. Volbeat. Diese ganze wunderbare Abteilung von Musik, bei der ein Schlagzeug auch benutzt werden darf. Ich war gerade noch mit der Frage beschäftigt gewesen, was ich essen wollte. Jetzt wollte ich erst einmal hören, was die als Nächstes spielten. Also standen wir da. Hörten zu. Tranken etwas. Kamen mit Menschen ins Gespräch. Zwischendurch wurde getanzt, dann wieder geredet und sobald ein Lied kam, das wir kannten, sangen wir mit. Nicht schön. Aber laut. So wie die anderen auch. Ich mag das, wenn Musik so etwas macht. Eben stehen da noch Menschen, die einander überhaupt nicht kennen und einen Refrain später singen sie gemeinsam, als hätten sie dafür wochenlang geprobt. Haben sie natürlich nicht. Hört man auch. Aber es stört niemanden. Man grinst sich kurz an, weil der andere offenbar genauso viel Bock auf diesen Song hat und singt weiter.

Aus unserem kurzen Stehenbleiben wurde noch ein Lied. Und noch eins. Dann konnte man bei dem nächsten natürlich auch nicht einfach gehen. Es gab keinen richtigen Beschluss, länger zu bleiben. Wir blieben einfach. Der Abend lief. Die Band spielte. Mareike war neben mir und ich hatte überhaupt kein Interesse daran, irgendwo anders zu sein. Dann kündigten sie ihren letzten Song an. Welcher das war, weiß ich nicht mehr. Ich weiß noch, dass danach Schluss war und sie anfingen, ihre Sachen abzubauen. Eben noch Musik, jetzt wurden Kabel zusammengerollt. Für die da oben war offenbar Feierabend. Für uns hatte sich das noch nicht so eindeutig geklärt. Im Hintergrund übernahm ein DJ. Ungefähr zur gleichen Zeit fing es an zu regnen. Erst ein bisschen. So ein Regen, bei dem man kurz nach oben schaut und beschließt, dass das wohl nicht weiter schlimm werden wird. Eine Wetterprognose, die hauptsächlich auf dem Wunsch beruht, recht zu behalten. Hielten wir eine Weile für belastbar. Dann regnete es stärker.

Vor der Bühne wurde es leerer. Die Menschen rückten unter die Vordächer der Geschäfte und unter das Dach des Bierpavillons. Einige gingen vermutlich nach Hause. Vielleicht waren die vernünftig. Vielleicht waren sie müde. Vielleicht hatten sie auch einfach keine Lust, nass zu werden. Mareike und ich suchten uns einen Platz unter dem Vordach eines Fachgeschäfts und blieben dort einfach erstmal stehen. Was für ein Fachgeschäft? Keine Ahnung. Es hatte ein Dach. Das war in diesem Moment die für uns entscheidende Fachkompetenz. Wir tranken noch etwas und hörten der Musik zu. Der DJ machte seine Sache nämlich ebenfalls ziemlich gut. Nicht mehr ganz so harte Gitarren wie vorher, aber immer noch amtlich. Madsen. Sportfreunde Stiller. Die Ärzte. Was sonst noch lief, bekomme ich nicht mehr zusammen. Ich habe an diesem Abend offensichtlich wenig für eine lückenlose Dokumentation getan. Weder wusste ich noch, wie spät es war, noch dachte ich daran, dass ich die ganze Zeit meinen Rucksack auf dem Rücken hatte. Drauf geschissen. Den hatte ich längst vergessen.

Um uns herum standen die Menschen unter den Dächern, redeten, tranken, rauchten. Davor fiel der Regen auf die Straße. Wir standen zunächst noch bei ihnen. Einigermaßen trocken, hörten zu und sangen mit. Dann wurde aus dem Mitsingen wieder Tanzen. Ich weiß nicht mehr, wer angefangen hat. Wer zuerst einen Schritt nach draußen gemacht hat. Ob einer von uns den anderen mitgezogen hat oder wir einfach irgendwann dort standen. Auf einmal waren Mareike und ich nicht mehr unter dem Dach. Wir tanzten daneben. Neben dem Fachgeschäft, neben dem Bierpavillon, auf dem Platz. Über uns nichts, was den Regen hätte abhalten können. Den hatte ich durchaus bemerkt. Er hörte bloß auf, ein Grund zu sein, sich wieder unterzustellen. Da lief Musik, die wir liebten, und vor mir war diese Frau, mit der ich eigentlich nur kurz eine Pommes hatte essen wollen. Ich sah sie an. Sie sang. Ich sang mit. Wir bewegten uns. Zur Musik. Und was davon tatsächlich im Takt war, lässt sich hinterher zum Glück nicht mehr feststellen. Mein Rucksack machte jedenfalls alles mit. Die anderen Menschen waren noch da. Unter den Vordächern, am Bierpavillon, nur ein paar Schritte von uns entfernt. Aber ich achtete nicht mehr auf sie. Ich wusste nicht, ob jemand zu uns herübersah. Es war mir auch egal. Ich war viel zu beschäftigt damit, Mareike anzusehen, mitzusingen und bei ihr zu sein. Es regnete. Wir tanzten weiter. Mitten auf dieser verdammten Straße. Und nach Hause wollten wir gerade beide nicht.

Und genau da, irgendwo zwischen der Musik und dem Regen, bemerkte ich etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Wir tanzten immer noch auf derselben Straße. Ich hatte immer noch diesen bescheuerten Rucksack auf. Aber ich dachte nicht mehr darüber nach, wie ich aussah. Ob ich mich merkwürdig bewegte. Ob ich zu laut sang. Ich war einfach da. Bei ihr. Und musste mich um nichts davon kümmern. Ich musste mich nicht erklären. Nicht vorsichtshalber einen Teil von mir zurückhalten oder kurz überprüfen, ob ich gerade noch in Ordnung war. Sie sah mich an und ich hatte nicht das Gefühl, irgendetwas korrigieren zu müssen. Ich durfte so bleiben. Mit meiner Lautstärke, meinen Bewegungen und meiner bemerkenswerten Fähigkeit, auch bekannte Liedtexte stellenweise durch selbst erfundene Laute zu ergänzen.

Vielleicht hatte ich mir Zuhause deshalb immer zu eng vorgestellt. Als etwas mit einer Adresse. Einer Haustür, zu der man einen Schlüssel besitzt. Einem Zimmer, in dem die eigenen Sachen stehen. Und natürlich wollte ich so einen Ort. Aber während ich da mit ihr im Regen stand, begriff ich, dass dieses Gefühl auch mitten auf einer Straße entstehen konnte. Weit weg von den eigenen vier Wänden. Bei einem Menschen, in dessen Nähe man aufhört, sich selbst von außen zu betrachten. Mareike tanzte mit mir. Sie stand nicht daneben und wartete darauf, dass ich mich wieder benahm. Sie fragte nicht, ob das jetzt sein musste oder was die anderen denken könnten. Sie hatte selbst Bock darauf. Auf die Musik. Auf diesen Abend. Auf uns. Ich musste sie nicht erst davon überzeugen, dass man das machen durfte. Sie war längst dabei.

Und ich liebte es, sie so zu sehen. Ihr Lachen. Ihren Blick. Diese Freude, die sie nicht kleiner machte, nur weil um uns herum noch andere Menschen standen. Ich wollte, dass sie sich bei mir genauso frei fühlen konnte wie ich mich bei ihr. Dass sie laut sein konnte, albern, still, müde, was auch immer sie gerade war. Dass sie mir nichts vorspielen musste. Auch an einem Abend, an dem ihr nicht nach Tanzen zumute wäre. Ich glaube, das war es, was mich so berührte. Ich stand vor dieser Frau und wollte gerade überhaupt nichts an ihr anders haben. Ich wollte keinen besseren Moment. Ich wollte nicht irgendwohin, wo es schöner, wärmer oder trockener war. Sie sah mich an und ich war glücklich, dass ausgerechnet ich der Mensch sein durfte, der da mit ihr im Regen stand.

Irgendwann schauten wir dann doch auf die Uhr. Offenbar war die Zeit währenddessen unbeaufsichtigt weitergelaufen. Wir konnten noch einen Zug bekommen. Ich glaube, es war der letzte. Ganz sicher bin ich nicht mehr. Jedenfalls war es einer, bei dem es einfach nötig war, jetzt tatsächlich Richtung Bahnhof zu gehen. Die Pommesbuden hatten längst geschlossen. Dafür waren wir ursprünglich hergefahren. Kurz etwas essen, ein Getränk, dann wieder zurück. Hatte eher mittelgut funktioniert. Wir waren nass. Es war spät. Die geplanten Pommes hatten wir nicht bekommen. Aber das war scheißegal. Vollkommen scheißegal. Auf dem Weg zum Bahnhof hielt ich ihre Hand. Die Musik wurde hinter uns leiser und wir gingen nebeneinander durch Langwedel. Ich wusste wieder, wohin wir mussten. Aber dieses Gefühl von eben blieb. Mein Zuhause lief neben mir.

Und falls mich jemand fragt: Ich habe ihre Hand bis heute nicht losgelassen.

Ich habe keine Ahnung. Absolut nicht. Ich sehe mir an, was ich gerade vorhabe, und komme mir vor wie jemand, der vor einer Maschine steht, an der vierzehn Knöpfe blinken. Irgendwo hängt ein Kabel raus. Keine Ahnung, wofür das ist. Auf einem Schalter steht was, das vermutlich wichtig wäre, wenn ich wüsste, was es bedeutet. Ich suche nach einer Bedienungsanleitung. Unter dem Apparat. Daneben. Vielleicht hat sie jemand in die Verpackung gelegt. Nö. Nichts. Fuck. Nur ich, dieses Ding und die berechtigte Frage, wer auf die Idee gekommen ist, mich damit allein zu lassen. Ach ja. Ich selbst. Ich wollte das hier. Ich will es immer noch. Das ist ja das Beschissene. Wäre es mir egal, könnte ich einfach gehen. Hände in die Taschen.Kleiner Schulterzucker. Sollen sich andere damit beschäftigen. Aber da ist diese Vorstellung davon, was passieren könnte, wenn ich das Ding zum Laufen kriege. Die lässt mich nicht in Ruhe. Also stehe ich weiter davor und gucke fachmännisch. Fachmännisch gucken kann ich. Es darf nur niemand eine Rückfrage stellen. Gott bewahre. Sicheres Auftreten bei vollkommener Ahnungslosigkeit.

Man könnte meinen, mit Mitte vierzig müsste man allmählich wissen, wie die Dinge funktionieren. Wen man anruft. Was man schreibt. Wie man eine Idee so vorträgt, dass am anderen Ende jemand sagt: Ja, klingt geil. Machen wir. Stattdessen sitze ich da und überlege, ob schon der erste Satz bescheuert klingt. Dann ändere ich ihn. Dann ändere ich ihn nochmal. Irgendwann habe ich drei Varianten einer Begrüßung und immer noch niemanden begrüßt. Ja Otto, das muss man auch erst einmal hinkriegen. Natürlich könnte ich mich noch besser vorbereiten. Etwas nachlesen, jemanden fragen, herausfinden, welcher Knopf wofür gedacht ist. Das ist vernünftig. Allerdings kenne ich mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich mich mit Vorbereitung auch hervorragend vom Anfangen abhalten kann. Es gibt immer noch etwas, das ich wissen könnte. Noch eine Seite. Noch eine Meinung. Noch einen Menschen, der sich besser auskennt. Und solange ich damit beschäftigt bin, darf mein Vorhaben ziemlich heile in meinem Kopf stehen bleiben. Dort funktioniert es übrigens ausgezeichnet. Begeistertes Publikum. Keine Rückfragen.

Draußen könnte jemand Nein sagen. Ich glaube, davor habe ich mehr Schiss als vor der ganzen komplizierten Maschine. Die könnte ich vermutlich nach und nach verstehen. Aber jemandem zu zeigen, dass ich etwas will, macht mich auf eine Weise sichtbar, die sich nicht besonders lässig anfühlt. Plötzlich weiß ein anderer Mensch davon. Weiß, dass mir etwas wichtig ist. Dass ich mir Mühe gegeben habe. Dass hinter meiner Anfrage eine Hoffnung steckt, auch wenn ich versucht habe, sie möglichst sachlich zu formulieren. Und dann kann dieser Mensch sagen: Danke, aber nein. Drei Worte. Schnell geschrieben. Man kann sie zwischen zwei Terminen verschicken und anschließend überlegen, was es mittags zu essen gibt. Während ich auf meiner Seite womöglich noch eine Weile auf den Bildschirm starre. Weil dort für mich mehr stand als eine Anfrage. Weil ich mich ein Stück weit mitgeschickt habe.

Ein Nein, das ich mir nur vorstelle, lässt mir wenigstens noch eine Ausrede. Die hätten wahrscheinlich sowieso abgesagt. Gerade passt es bestimmt nicht. Vielleicht nächstes Jahr. Ich kann mir die Antwort selbst zurechtlegen und dabei darauf achten, dass sie mich nicht an der empfindlichsten Stelle trifft. Ein ausgesprochenes Nein nimmt mir diese Möglichkeit. Da hat jemand tatsächlich hingesehen und sich dagegen entschieden. Wobei genau da mein Kopf gern eine ziemlich beschissene Übersetzungsarbeit leistet. Jemand schreibt, dass etwas nicht passt, und bei mir kommt an, dass ich nicht reiche. Aus einer Absage an einen Vorschlag wird innerhalb von Sekunden ein Urteil über den Menschen, der ihn gemacht hat. Dafür braucht mein Gehirn keine Fortbildung. Das beherrscht es aus dem Stand. Dabei steht das da überhaupt nicht.

Da steht ein Nein zu dieser Sache, von diesem Menschen, zu diesem Zeitpunkt. Vielleicht war meine Idee nicht gut genug. Vielleicht habe ich sie schlecht erklärt. Vielleicht bin ich an der falschen Adresse. Das kann alles sein. Aber ich muss aus einer Absage nicht gleich eine vollständige Beschreibung meiner Person basteln. Dafür ist sie dann doch ein bisschen dünn. Und der Apparat vor mir? Wenn ich ehrlich bin, ist der gar nicht so empfindlich, wie ich tue. Bei dem Versuch, um den es hier geht, verliere ich nicht gleich meine gesamte Existenz. Vielleicht etwas Zeit. Vielleicht einen Nachmittag, an dem ich enttäuscht bin und keinen Bock habe, mir das Gegenteil einzureden. Mein Stolz könnte eine kleine Delle bekommen. Nun gut. Der hat ohnehin schon Gebrauchsspuren.

Dann kam mir dieser Gedanke mit dem Zähler. Was wäre, wenn in dem Ding hundert Nein stecken, bevor ein Ja herauskommt? Vielleicht hundertzwanzig. Eine völlig bescheuerte Idee. Aber ich habe schon Drucker besessen, denen ich Ähnliches zugetraut hätte. Was würde ich dann mit der ersten Absage machen? Würde ich die Maschine für kaputt erklären? Oder würde ich denken: Gut. Eine weniger. Ich würde vermutlich immer noch fluchen. Aber vielleicht würde ich danach weitermachen.

Natürlich schuldet mir niemand nach der hundertsten Absage eine Zusage. Es gibt keine volle Stempelkarte, die ich irgendwo vorzeigen kann. Vielleicht muss ich etwas verändern. Besser werden. Anders fragen. Einen anderen Zugang suchen. Der Gedanke gefällt mir, weil ich mit ihm anders auf einen Versuch schaue. Ich hätte dann wenigstens etwas getan, das eine Antwort möglich gemacht hat. Und mit einer Antwort lässt sich mehr anfangen als mit dem, was ich mir nachts darüber zusammenfantasiere. Vielleicht ist das überhaupt der Teil, den ich gerade lernen muss. Etwas noch nicht zu können, ohne mich dafür für einen Vollidioten zu halten. Anfänger sein dürfen, obwohl mein Ausweis längst die fragwürdige Geschichte erzählt, ich sei erwachsen. Eine Frage stellen, deren Antwort andere selbstverständlich finden. Sich korrigieren lassen. Noch einmal ansetzen.

Beim Laufenlernen haben wir das schließlich auch gemacht. Hochgezogen, losgelassen, auf den Arsch gefallen. Kurz erschrocken. Geguckt. Vielleicht geheult. Mit Sicherheit geheult. Dann stand da aber immer noch dieser Tisch, dieses Sofa, dieser Mensch, zu dem wir hinwollten. Also wieder hoch. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass ein Kind nach dem dritten Versuch beschlossen hätte, Fortbewegung sei offenbar nichts für seinen Persönlichkeitstyp. Heute hätte ich gern vorher die Bestätigung, dass ich stehen bleibe. Am besten schriftlich. Dabei will ich doch eigentlich irgendwohin. Ich habe keine Ahnung. Keine Ahnung, wie das hier ausgeht. Ein bisschen mehr darüber, was ich als Nächstes versuchen könnte, vielleicht schon. Das muss vorerst reichen. Für eine Frage. Eine Mail. Etwas, das meinen Kopf verlässt und auf der anderen Seite tatsächlich ankommen kann. Der Apparat steht immer noch vor mir. Die Anleitung? Alter, Die gibt’s nicht. Ich schaue auf die Knöpfe, entscheide mich für einen und drücke drauf. Mal sehen, was der Scheiß kann.

Ich habe keine Ahnung, wie man ein Buch in eine Buchhandlung bringt. Wie man einen Verlag findet, der es drucken möchte. Wie man es verkauft und Menschen dazu bekommt, zwischen all den anderen Büchern ausgerechnet dieses in die Hand zu nehmen. Ich habe ein Manuskript geschrieben. Jetzt würde ich gern wissen, wie es weitergeht. Leider öffnet sich nach dem letzten Satz kein Fenster mit der Aufschrift: Geilomat. Wir übernehmen ab hier.

Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, vor dem Schaufenster einer Buchhandlung zu stehen und dort das eigene Buch zu sehen. Zwischen anderen Büchern, an denen andere Menschen vermutlich genauso gezweifelt haben. Ich weiß nicht, wie das ist, hineinzugehen, ein Exemplar aus dem Regal zu nehmen und darin zu blättern. Den eigenen Namen auf dem Umschlag zu lesen. Einen Satz wiederzufinden, an dem man einmal festhing und der jetzt einfach da steht, als wäre es nie anders gewesen. Und um mich herum geht der Laden weiter. Jemand sucht ein Geburtstagsgeschenk. An der Kasse wird bezahlt. Eine Tür geht auf. Niemand weiß, dass der Typ da gerade sein eigenes Buch in den Händen hält und sich ausgesprochen zusammenreißen muss, nicht jedem davon zu erzählen. Vielleicht kaufe ich es sogar. Einfach, weil ich wissen möchte, wie das ist, mit meinem Buch zur Kasse zu gehen. Die Frage, ob es als Geschenk eingepackt werden soll, könnte mich allerdings kurz überfordern.

Ich möchte das wissen. Verdammt, ich möchte wissen, wie sich das anfühlt.

Das aufzuschreiben kostet mich schon etwas Überwindung. Solange ich sage, ich hätte da mal etwas geschrieben und würde einfach schauen, was daraus wird, kann ich ziemlich entspannt wirken. Jetzt steht hier, was ich mir tatsächlich wünsche. Und falls es nicht klappt, kann ich hinterher schlecht behaupten, es sei mir ohnehin nicht besonders wichtig gewesen.

Ist es nämlich.

Deshalb muss ich jetzt an diese Knöpfe. Herausfinden, wen ich anschreiben kann. Mein Manuskript vorstellen. Fragen, ob jemand es lesen möchte. Und dann aushalten, dass eine Antwort kommen könnte, die ich mir anders gewünscht hätte. Vielleicht finden sich viele freundliche Formulierungen für dasselbe Nein. Vielleicht möchte tatsächlich niemand das Buch verlegen. Das wäre beschissen. Ich würde vermutlich eine Weile brauchen, bis ich wüsste, was ich damit anfange.

Aber ich möchte diese Entscheidung nicht schon vorher für alle anderen treffen. Ich möchte nicht aus Angst vor einer Absage dafür sorgen, dass niemand überhaupt die Gelegenheit bekommt, Ja zu sagen. Wenn ich nicht frage, muss mich zwar niemand ablehnen. Nur liegt mein Manuskript dann immer noch bei mir, und das Buch im Schaufenster bleibt etwas, das ich mir ausgedacht habe.

Also werde ich lernen zu fragen. Mit dem Wunsch, dass es klappt, und dem Risiko, dass es wehtut. Ich werde wahrscheinlich zu lange an der ersten Nachricht sitzen. Die Begrüßung ändern. Sie wieder zurückändern. Noch einmal nachsehen, ob der Anhang wirklich dranhängt.

Und dann drücke ich auf Senden.

Delmenhorst schläft noch. Jedenfalls sieht es aus dem Zug so aus. Ich sitze im IC Richtung Norddeich Mole. Bis Oldenburg. Der Zug steht an einer Einkaufspassage. EDEKA, ein Kino, ein Restaurant, ein Fitnesscenter. Die übliche Ansammlung von Möglichkeiten, Geld auszugeben, satt zu werden und den eigenen Körper anschließend dafür zur Verantwortung zu ziehen. Vor dem Restaurant stehen Tische und Stühle. Niemand sitzt dort. Die Fenster sind dunkel, obwohl der Morgen längst hell ist. Ich sehe keine Menschen. Keine Autos. Niemand trägt eine Einkaufstasche über den Platz. Niemand schließt eine Tür auf. Keiner läuft mit diesem leicht beleidigten Gesichtsausdruck zur Arbeit. Alles steht einfach. Bereit für einen Tag, der noch auf sich warten lässt. Natürlich weiß ich, dass Delmenhorst nicht schläft. Irgendwo wird jemand Brötchen aufschneiden. Oder vor einer Kaffeemaschine stehen und hoffen, dass sich mit dem ersten Schluck auch sein Verhältnis zur Menschheit verbessert. Aber in dieser Szene hinter der Scheibe passiert nichts. Und weil ich nur diesen Ausschnitt sehe, darf die Stadt für einen Moment genau so sein. Es beruhigt mich irgendwie, ihr dabei zuzusehen, wie sie nichts tut. Ich bin müde. Die Müdigkeit sitzt mir noch im Gesicht, hängt ein bisschen an den Augen und wird vermutlich auch nicht verschwinden, wenn ich besonders interessiert aus dem Fenster gucke. Aber sie stört mich nicht. Ich muss mich heute Morgen nicht gegen sie wehren. Ich sitze hier, lasse mich nach Oldenburg fahren und merke, dass es mir gut geht. Eine ziemlich einfache Feststellung. Und trotzdem bleibe ich innerlich an ihr hängen. Mir geht es gut.

Ich suche kurz nach dem Nachsatz. Nach dem Aber. Nach irgendeinem Haken, der sich normalerweise sofort meldet, sobald ich mit einer Sache zufrieden bin. Als müsste jemand dazwischenrufen, dass wir bei aller Begeisterung bitte nicht vergessen wollen, was noch alles ungeklärt ist. Es gäbe bestimmt genug aufzuzählen. Nur interessiert es mich gerade nicht. Der ganze dumme Bums darf später wieder anstrengend sein. Ich muss ihm nicht schon vor Oldenburg entgegenkommen. In mir ist Ruhe. Ich sitze auf einem Sitz der Deutschen Bahn, draußen steht ein leerer EDEKA, und ich empfinde etwas, für das ich früher vermutlich eine wesentlich aufwendigere Kulisse erwartet hätte. Vielleicht habe ich mir Luxus lange zu sichtbar vorgestellt. Ein teures Auto erkennt man. Eine Designertasche kann man auf den Tisch stellen. Auf einer Uhr steht im günstigsten Fall der Name eines Unternehmens, das einem für sehr viel Geld mitteilt, dass es bereits Viertel nach acht ist. Alles Kram, den man besitzen, zeigen und bewundern kann. Soll jeder seine Freude daran haben. Ich könnte mir wahrscheinlich auch eine verdammt lange Liste mit Dingen schreiben, die ich gern hätte. Aber heute Morgen fällt mir nichts ein, das ich gegen dieses Gefühl eintauschen möchte.

Diese Ruhe, wenn man sich gerade nicht fragt, ob man genug ist. Wenn man im Kopf nicht schon wieder an einer etwas vorzeigbareren Ausgabe von sich arbeitet. Eine, die weniger redet oder erfolgreicher ist, die vernünftiger plant, besser aussieht, seltener zweifelt und auf Familienfeiern ausschließlich Geschichten erzählt, bei denen sich garantiert niemand an seinem Kartoffelsalat verschluckt. Ich kenne dieses ständige Prüfen. Kann ich das sagen? Darf ich mich so freuen? Bin ich gerade zu viel? Was könnten die Leute denken? Irgendwann braucht man niemanden mehr, der solche Fragen stellt. Man fragt das einfach selbst. Sehr gewissenhaft sogar. Man sitzt mit Menschen zusammen und ist gleichzeitig damit beschäftigt, sich aus deren vermeintlicher Sicht zu beobachten. Ein anstrengender Nebenjob, für den es nicht einmal Geld gibt. Aber ich hab da gekündigt. Die Menschen hinter mir gelassen. Sie und ihre Vorstellungen von einem richtigen Leben.

Ich fühle mich geliebt. Das hinzuschreiben ist beinahe schwieriger, als es zu empfinden. Es steht dann so da, ziemlich ungeschützt, und ich könnte jetzt irgendeinen Witz hinterherschieben, damit niemand merkt, wie viel mir das bedeutet. Aber es bedeutet mir eben viel. Verdammt viel. Da ist dieses Gefühl, dass ich sein darf, wie ich bin. Auch müde. Auch mit Gedanken, die noch nicht zu Ende gedacht sind. Mit meiner Begeisterung, meinen Unsicherheiten und den Dingen, über die ich lachen muss, obwohl sie vermutlich nicht jedem einleuchten. Ich muss mich nicht erst zusammenreißen, bevor Nähe möglich wird. Ich muss keine bessere Zukunftsversion von mir versprechen, damit die gegenwärtige bleiben darf. Das ist neu für mich. Vor allem diese Selbstverständlichkeit darin. Kein Ziehen, kein Drücken. Kein vorsichtiges Abtasten, ob meine Freude vielleicht gerade unpassend ist. Ich merke erst jetzt, wie viel Kraft dieses Aufpassen kosten kann, weil ich sie in diesem Moment nicht brauche.

Neben mir sitzt ein Vater mit seinen beiden Kindern. Die beiden sind wach. Also richtig wach. Während Teile von Delmenhorst offenbar noch über den Beginn des Tages verhandeln, beschäftigen sie sich bereits mit den wesentlichen Fragen der menschlichen Existenz. „Kann ein Mensch so groß werden wie dieser Zug?“

Ich höre hin und lächle. Der Vater bemerkt es und lacht mich an. Wir müssen nicht reden. Die Frage gefällt mir. Ich wäre nicht auf sie gekommen. Ich hätte vermutlich wissen wollen, ob wir pünktlich sind. Das ist natürlich auch eine Frage, allerdings eine mit deutlich weniger Fantasie. Die Kinder schauen ihren Vater an und warten. Für sie scheint es vollkommen denkbar, dass irgendwo ein Mensch herumläuft, der so hoch ist wie ein IC. Man wird das ja wohl erst einmal klären dürfen. Der Vater überlegt kurz. Dann antwortet er. Ruhig, ohne die Frage wegzulächeln. Er nimmt sich Zeit für die Erklärung, und die beiden hören ihm zu.

„Kannst du so schnell laufen wie ein Auto, Papa?“ Offenbar steht als Nächstes seine persönliche Leistungsfähigkeit auf dem Prüfstand. Wieder diese großen Augen. Wieder diese ernsthafte Neugier. Und wieder nimmt er sich einen Moment, bevor er spricht. Er wirkt nicht so, als suche er den kürzesten Weg aus diesem Gespräch. Er erklärt. Die Kinder fragen weiter. Er bleibt dabei. Ich kenne diesen Mann nicht. Ich weiß nicht, wie sein Morgen bisher war, ob er gut geschlafen hat oder gerade zum achtzehnten Mal eine Frage beantwortet, während er eigentlich gern in ein Brötchen beißen würde. Ich sehe nur diese paar Minuten. Aber ich mag, wie er in ihnen mit seinen Kindern umgeht.

Keine ihrer Fragen scheint ihm peinlich zu sein. Er schaut nicht zu den anderen Fahrgästen, um sich vorsorglich für die Lautstärke ihrer Neugier zu entschuldigen. Er sitzt bei ihnen, hört zu und antwortet so, dass sie etwas damit anfangen können. Dabei wirkt nichts vorgeführt. Die beiden fragen ihn schließlich auch nicht, damit ich daneben einen schönen Gedanken haben kann. Sie wollen wissen, ob ihr Vater ein Auto überholen könnte. Ich schaue wieder kurz nach draußen, dann zurück zu den dreien. Vielleicht bleibe ich gerade deshalb an ihnen hängen, weil ich selbst so ruhig bin. Weil mein Kopf Platz hat für etwas anderes als mich. Ich kann einfach zuhören. Mich über eine Kinderfrage freuen. Über einen Vater, der sie ernst nimmt.

Die beiden müssen mit ihrer Neugier nirgendwo anders hin. Sie dürfen sie hier auspacken. Voll und ganz. Mitten im Zug, zwischen den Sitzen und Gepäck. Und wenn eine Antwort die nächste Frage hervorbringt, ist eben noch eine dran.

„Wie lang ist dieser Zug, Papa?“

Diesmal weiß er es nicht. Er sitzt einen Augenblick da. Dann dreht er sich zu mir und fragt, ob ich kurz auf das Gepäck achten könnte. „Selbstverständlich“, sage ich und lächle. Er dreht sich wieder seinen Kindern zu.

„Kommt. Wir gehen mal von vorne bis hinten.“

Ich gucke ihnen hinterher, bis sie am Ende des Wagens verschwinden. Die beiden Kinder, die wissen wollen, wie lang dieser Zug ist. Und ihr Papa, der es auch nicht weiß und einfach mal mitgeht. Ich bleibe da und passe auf fremdes Gepäck auf. Draußen zieht der Morgen vorbei. Ich bin immer noch müde und muss lächeln. Es gibt einiges, das ich nicht weiß. Wie die nächsten Monate werden. Welche meiner Pläne aufgehen. Wie ich manches hinbekommen soll. Normalerweise kann ich mich mit solchen Fragen eine ganze Zugfahrt beschäftigen und steige anschließend erschöpfter aus, als ich eingestiegen bin. Heute schaue ich aus dem Fenster. Denke an meinen Lieblingsmenschen und freue mich darauf, sie wiederzusehen. Bis Oldenburg sitze ich einfach hier. Und während nebenan zwei Kinder herausfinden, wie lang ein Zug ist, fällt mir auf, dass ich schon eine ganze Weile nicht mehr darüber nachdenke, was mir fehlt.

Der Morgen war noch nicht richtig wach. Er hatte angefangen, aber offenbar ohne groß Bock zu haben. Der Himmel war dunkel. Die Straßenlaternen brannten. Und die Häuser sahen aus, als würden sie für diese eine Stunde niemandem gehören. Als wären die Menschen darin nur vorübergehend verschwunden und kämen später zurück, sobald es sich draußen wieder lohnte. Hinter einigen Fenstern brannte Licht. Gelbe Rechtecke in dunklen Fassaden. Küchen vermutlich. Badezimmer. Vielleicht stand irgendwo ein Mann in Unterhose vor einer Kaffeemaschine und wartete darauf, dass aus diesem Morgen doch noch etwas Brauchbares wurde. Vielleicht saß eine Frau bereits angezogen am Küchentisch, beide Hände um eine Tasse gelegt, und sah für einen Moment in die Dunkelheit, bevor sie zur Arbeit fuhr. Vielleicht suchte jemand seinen Schlüssel. Vielleicht ein Kind seinen zweiten Schuh. Morgens geschehen in Häusern erstaunlich viele kleine Dramen, über die später niemand spricht. Von der Straße aus konnte ich davon nichts sehen. Nur Licht. Der Rest war Vermutung.

Eine Frau fuhr mit dem Fahrrad von Haus zu Haus und trug längst erzählte Schlagzeilen durch die Siedlung. Politiker hatten Dinge gesagt, die sie vermutlich für wichtig hielten. Mannschaften hatten gewonnen oder verloren. Irgendwo war ein Auto gegen einen Baum gefahren, irgendwo hatte ein Ausschuss etwas beschlossen, irgendwo hatte ein Mensch etwas getan, von dem nun andere Menschen behaupteten, sie hätten es schon immer kommen sehen. Während die meisten noch schliefen, legte die Frau all das, sauber gefaltet in die Zeitungsrohre. Sie trug eine dunkelblaue Jacke. Ihr Fahrrad stand einige Meter entfernt unter einer Straßenlaterne. Beladen und leicht schief. Als hätte es selbst mal überhaupt keinen Bock auf diesen Scheiß. Die Frau aber ging pfeifend zu einem Haus, dann zum nächsten. Manchmal hörte ich das metallische Klappen eines Briefkastens. Sonst nichts. Weiter hinten bellte ein Hund. Zwei- oder dreimal. Dann schlug eine Autotür zu. Ein Motor sprang an. Scheinwerferlicht wanderte über eine Hauswand, streifte die Straße und verschwand an der nächsten Kreuzung. Für einige Sekunden roch es nach Abgasen. Danach wieder nach nassem Stein und diesem frühen Morgen, der noch nicht entschieden hatte, was für ein Tag aus ihm werden sollte.

In der Nacht hatte es geregnet. Das Pflaster glänzte und zwischen den Steinen stand Wasser in kleinen dunklen Schlaglöchern. Die Luft war kühl. Nicht kalt. Noch nicht. Aber sie hatte sich verändert. Man merkt das zuerst an solchen Morgen. Nicht mittags, wenn die Sonne sich noch einmal zusammenreißt und alle so tun, als wäre der Sommer bloß kurz Zigaretten holen gegangen. Sondern früh. Wenn man vor die Tür geht und zum ersten Mal darüber nachdenkt, ob eine Jacke vielleicht doch keine völlig bescheuerte Idee gewesen wäre. Am Bahnhof stand an Gleis 1 ein Mann und rauchte. Ich stand an Gleis 2. Richtung Bremen. Richtung Oldenburg. Ich glaube, es gibt 3 Gleise, an diesem kleinen Bahnhof. Oder vier? Ich muss morgen mal drauf achten.

Der Sommer verschwindet selten an einem bestimmten Tag. Niemand wacht morgens auf, zieht die Gardine zur Seite und sagt: Ach guck, heute ist Herbst. Es gibt keine Durchsage. Kein Schild. Niemand vom Ordnungsamt kommt vorbei, stempelt den August ab und erklärt die warmen Abende für beendet. Tschüss August. Moin Otto. Es gibt nicht einmal einen letzten Sommermorgen. Jedenfalls keinen, den man in diesem Moment als solchen erkennt. Man trägt noch einmal kurze Hosen. Man sitzt abends draußen, obwohl es irgendwann ein bisschen zu kühl wird, und behauptet trotzdem, es gehe noch. Man lässt das Schlafzimmerfenster über Nacht offen. Man kauft noch einmal Eis. Trinkt Wein unter Lichterketten. Man fährt irgendwohin, ohne eine Jacke mitzunehmen. Und irgendwann tut man all das nicht mehr. Das ist alles.

An diesem Morgen stieg aus einem Schornstein Rauch. Ein dünner Streifen, der beinahe senkrecht in der kühlen Luft stand. Vielleicht war es das erste Kaminfeuer der Saison. Vielleicht hatte dort auch im August schon jemand gefroren. Es gibt Menschen, die den Kamin anballern, sobald die Temperatur unter einundzwanzig Grad fällt. Und es gibt  Menschen, die noch im November behaupten, ein Pullover reiche vollkommen aus. Egal. Da war Rauch. Anfang September. Irgendetwas hatte begonnen. Oder aufgehört. Bei Jahreszeiten lässt sich das manchmal schwer unterscheiden.

Im September habe ich gelegentlich das Gefühl, das Jahr sei im Grunde bereits vorbei. Das ist natürlich Quatsch. Es liegen noch fast vier Monate rum, mit denen man theoretisch eine ganze Menge anfangen könnte. Praktisch benehmen wir uns trotzdem, als wäre nach dem Sommer nur noch Aufräumen angesagt. Der Sommer war schließlich der Teil, auf den alle gewartet hatten. Schon im Januar sagen Menschen, dass es hoffentlich bald wieder wärmer wird. Im März wird jeder einzelne Sonnenstrahl behandelt wie eine persönliche Zusage. Im April sitzen die ersten Menschen vor Cafés, in Jacken und mit kalten Händen. Aber immerhin draußen. Im Mai beginnt dann endlich die Zeit, für die offenbar der gesamte Rest des Jahres nur als Vorbereitung gedacht war. Lange Abende. Offene Fenster. Biergärten. Urlaube. Kinder auf Fahrrädern. Menschen vor Eisdielen. Grillgeruch aus Gärten. Musik aus Autos. Dieses Licht, das selbst einen Parkplatz für zehn Minuten so aussehen lässt, als könnte dort gleich noch etwas Großartiges passieren. Niemand sagt im Januar, dass es nur noch zehn Monate bis November sind. Am Arsch. Alle warten auf den Sommer.

Und wenn er geht, sieht es erstmal so aus, als würde nicht bloß eine Jahreszeit zu Ende gehen, sondern der brauchbare Teil des ganzen Jahres. Die Abende werden kürzer. Morgens braucht man plötzlich wieder Licht. Auf den Gehwegen liegen die ersten Blätter. Niemand weiß genau, wann sie dort hingefallen sind. Jacken tauchen an Garderoben auf. Erst dünne. Dann dickere. Die Stühle vor den Cafés stehen noch draußen, sehen aber bereits aus, als hätten sie die Sache verstanden. Vorbei der ganze Bums. In Supermärkten liegen schon Dinge mit Zimt herum, obwohl draußen noch nicht einmal alle Bäume begriffen haben, was los ist. Mareike und ich standen gestern vor einem Regal mit Christstollen. Am 3. September. Christstollen.

Während irgendwo vermutlich noch ein aufblasbares Krokodil in einem Planschbecken lag, hatte der Einzelhandel Weihnachten eröffnet. Man hätte sich zwischen Sonnencreme und Spekulatius beinahe einen schönen Heiligabend machen können. Vielleicht noch schnell Grillkohle dazu. Dann ist das Jahr wenigstens vollständig verwirrt. Fuck ja. Es geht schnell. Vielleicht täuscht das aber auch. Vielleicht geht es immer schnell und wir merken es nur an bestimmten Dingen. Am ersten Christstollen. Am ersten Rauch aus einem Schornstein. An einem Morgen, an dem man plötzlich wieder eine Jacke braucht. Zeit selbst sieht man schließlich nicht. Man sieht nur, was sie mit den Dingen macht. Mit Bäumen zum Beispiel.

Bevor der Winter kommt, passiert etwas ziemlich Großartiges. Die Natur, die sich eigentlich gerade zurückzieht, wird für kurze Zeit auffälliger als vorher. Das Grün verschwindet. Blätter werden gelb, dann orange, dann rot. Manche Bäume sehen für ein paar Tage aus, als würden sie brennen, obwohl sie in Wahrheit nur dabei sind, sich auf eine ziemlich karge Zeit vorzubereiten. Gerade in dem Moment, in dem alles leiser wird, dreht die Natur die Farben noch einmal vollständig auf.

Im Frühling versteht man das leichter. Alles beginnt. Knospen öffnen sich, Pflanzen schieben sich aus der Erde, Vögel machen einen beträchtlichen Lärm um die Tatsache, dass sie da sind. Überall wird gebaut, gebrütet, gevögelt, gewachsen und herumgeflogen. Der Frühling hat die Energie eines Menschen, der morgens bereits drei Dinge erledigt hat, während man selbst noch versucht herauszufinden, wo man am Vorabend seine Hose hingelegt hat. Der Frühling erzählt vom Anfang. Das ist eine Geschichte, die wir mögen. Anfänge sind voller Möglichkeiten. Noch ist nichts schiefgegangen. Noch kann alles großartig werden. Deswegen pflanzen Menschen Blumen, buchen Reisen, verlieben sich und kaufen Fahrräder, auf denen sie dann nach drei Wochen nur noch gelegentlich zum Bäcker fahren. Egal. Der Anfang war schön.

Der Herbst erzählt von etwas anderem. Er erzählt davon, dass auch das Verschwinden eine Form besitzt. Vielleicht sogar Schönheit. Nicht als Trostpflaster. Nicht im Sinne irgendeines Kalenderspruchs darüber, wie wunderbar das Loslassen sei. Loslassen kann scheiße sein. Abschiede können wehtun. Dinge dürfen fehlen, nachdem sie gegangen sind. Daran ändert auch ein besonders hübsches Ahornblatt nichts. Ein Blatt wird schließlich nicht rot, weil der Baum uns noch einmal beeindrucken möchte. Der Baum hat keinen Instagram-Account. Er interessiert sich einen Scheiß dafür, ob jemand vor ihm stehen bleibt, ein Foto macht und „Herbstliebe“ darunter schreibt. Das Grün verschwindet, weil das Chlorophyll abgebaut wird. Nährstoffe werden zurückgezogen. Der Baum bereitet sich auf Monate vor, in denen Licht und Wasser knapper werden und er mit weniger auskommen muss. Botanisch betrachtet ist der Herbst kein Gedicht. Er ist eine ziemlich nüchterne Überlebensstrategie. Ein schönes Sterben, quasi. Die Natur kennt keine Melancholie. Ein Baum steht im Oktober nicht auf einer Wiese, denkt darüber nach, wie schön der Juli war, und hört dabei Songs von The Smiths.

Das erledigen wir.

Wir sehen fallende Blätter und denken an Zeit. An Sommer, die vorbei sind. An Jahre, von denen wir eben noch glaubten, sie hätten gerade erst angefangen. An Menschen, die einmal jeden Tag da waren und irgendwann nur noch in bestimmten Gedanken auftauchen. An Orte, an denen wir lange nicht gewesen sind. An Kinder, die plötzlich Jacken tragen, die ihnen im vergangenen Herbst noch viel zu groß waren. An uns selbst in irgendeinem anderen Oktober, mit anderen Plänen, anderen Sorgen und manchmal auch einem anderen Leben. Vielleicht kommt uns der Herbst deshalb näher als die anderen Jahreszeiten. Er macht sichtbar, was ohnehin ständig geschieht. Dass Dinge sich verändern, während wir mit Einkaufen, Arbeiten, Schreiben, Lieben und dem erstaunlich komplizierten Versuch beschäftigt sind, halbwegs vernünftige Erwachsene zu sein. Dass etwas schön sein kann und trotzdem nicht bleibt. Dass beides gleichzeitig wahr ist.

Wir tun uns schwer damit. Meistens, wenn etwas zu Ende geht, suchen wir nach einem Fehler. Wir wollen wissen, wer schuld war, was wir hätten verhindern können und ob man die Sache nicht doch noch irgendwie zurückholen kann. Als müsse alles, was gut war, automatisch für immer gut bleiben. Als würde sein Ende rückwirkend beweisen, dass es vorher gar nichts wert gewesen sei.

Aber ein Sommer war nicht schlecht, nur weil September geworden ist. Ein Moment war nicht bedeutungslos, nur weil er vorbei ist. Ein Mensch war nicht unwichtig, nur weil er nicht geblieben ist. Eine Zeit war nicht weniger schön, weil irgendwann eine andere begonnen hat. Vielleicht ist das die eigentliche Unverschämtheit des Herbstes. Er zeigt uns jedes Jahr, dass etwas aufhören kann, ohne dass deshalb alles kaputt ist. Die Blätter fallen. Der Baum bleibt stehen. Jetzt nicht mehr so geil. Nicht krass motiviert. Er steht da einfach rum und macht, was gerade nötig ist. Kann man sich durchaus mal angucken.

Auf der Straße war inzwischen etwas mehr Bewegung. Hinter einem weiteren Fenster ging Licht an. Ein Mann kam aus einem Haus und führte einen kleinen Hund über den Gehweg. Der Hund blieb an einem Laternenmast stehen, pisst dran und untersuchte ihn mit der Ernsthaftigkeit eines Menschen, der vor einer folgenreichen Entscheidung stand. Der Mann wartete. Hunde dürfen sich morgens offenbar noch Zeit nehmen. Menschen stehen daneben, halten die Leine und akzeptieren, dass dieser eine Laternenmast nun gründlich ausgewertet werden muss. Vielleicht wissen Hunde etwas über das Leben, das uns irgendwann abhandengekommen ist. Wahrscheinlich wissen sie aber auch einfach nur, wer dort zuletzt hingepinkelt hat, obwohl es nicht sein beschissenes Revier ist. Egal.

Es begann zu nieseln. Zunächst nur ein paar Tropfen. Im Licht der Laterne waren sie schon zu sehen, bevor man sie auf der Haut bemerkte. Die Zeitungsfrau war inzwischen verschwunden. In einigen Zeitungsrohren lagen die Ereignisse der Welt. In vielen nicht mehr. Digital und so. Wahrscheinlich waren die ersten Menschen bereits dabei, dieselben Nachrichten auf ihren Handys zu lesen, noch bevor sie richtig wach waren. Man muss schließlich früh wissen, worüber man sich bis zum Frühstück aufregen kann. Nachrichten verschlechtern einem den Tag am Besten.

Aus einem weiteren Schornstein stieg Rauch. Hinter den Häusern musste inzwischen die Sonne aufgegangen sein, obwohl von ihr nichts zu sehen war. Der Himmel wurde einfach heller. Langsam. Ohne Spektakel. Keine Farbe brach durch die Wolken. Die Dunkelheit wurde nur etwas weniger dunkel. Vielleicht sind Übergänge meistens so. Sie kündigen sich nicht an. Sie passieren, während man noch glaubt, alles sei wie vorher. Erst später merkt man, dass man längst mittendrin stand. In einem Abschied. In einem Anfang. In einem neuen Leben. Oder einfach in einem anderen Abschnitt desselben.

Der Sommer war nicht plötzlich verschwunden. Er zog sich zurück. Abend für Abend. Grad für Grad. Blatt für Blatt. Der Winter ließ noch auf sich warten. Dazwischen lag dieser Morgen. Nass, grau und kühl. In den Häusern wurde Kaffee gekocht. Menschen suchten Schlüssel, Schuhe und vermutlich den Bock, überhaut wieder zur Arbeit zu fahren. Freitag. Da hat doch eh niemand so wirklich Lust. Irgendwo standen Christstollen in einem Supermarktregal. Und oben in den Bäumen hatte das erste Grün bereits beschlossen, nicht mehr grün zu bleiben. Der Mann auf Gleis 1 rauchte seine zweite Zigarette zu Ende. Dann erschienen zwei Lichter. Schienen begannen zu klingen, erst leise, dann lauter. Der Mann warf die Zigarette auf den Boden, trat sie aus und nahm seine Tasche. Zwei Zigarettenlängen. Dann kam der Zug. Gleis 1. Richtung Verden (Aller). Ich wartete noch fünf Minuten. Oder drei. Ist doch scheißegal.

Samstagvormittag. Mitten in Oldenburg. Ich sitze im MA vor einem Strammen Max. Also dem Frühstück. Spiegelei, Salami statt Schinken, Brot. Nicht irgendeinem Typen namens Max, der den Vorabend noch nicht ganz verarbeitet hat. Dazu Kaffee. Groß. Schwarz. Gegenüber sitzt mein Lieblingsmensch vor einer bunten Stulle. Mit Avocado-Creme. Ich gucke zu ihr rüber. Sie guckt zurück. Und eigentlich könnte der Tag an dieser Stelle schon ziemlich erfolgreich als gelungen verbucht werden. Aber wir haben ja gerade erst angefangen. Danach Innenstadt. Wir laufen einfach los. Ohne Ziel. Ohne Plan. Ohne diesen Quatsch, aus einem Samstag unbedingt eine Geschichte machen zu müssen, bei der hinterher alle denken: Scheiße, was haben die für ein geiles Leben. Ohne irgendwem beweisen zu müssen, dass man gerade verdammt viel Spaß hat. Das mag ich mit ihr. Man muss nicht ständig wissen, was als Nächstes kommt. Man kann einfach irgendwo langlaufen, stehenbleiben, sich umentscheiden, lachen, weitergehen. Mitten in der Fußgängerzone machen zwei Menschen Akrobatik. Andere bleiben stehen. Kinder gucken. Erwachsene auch, tun aber teilweise so, als würden sie nur zufällig gerade langsamer gehen. Wir bleiben natürlich auch stehen. Und als ich eher beiläufig frage, ob das jetzt eigentlich „Kunst“ ist, gucken mich ein paar Leute an, als hätte ich gerade öffentlich die Abschaffung von Kultur gefordert. Mein Lieblingsmensch lacht.

Wir laufen weiter. Etwas später sitzen wir im Extrablatt. Eigentlich davor. Alkoholfreies Hefeweizen. Keine Ahnung, ob Punkrockromantiker alkoholfreies Hefeweizen trinken dürfen. Vermutlich steht dazu irgendwas in der Hausordnung. Hab ich nicht gelesen. Nun gut, wir sitzen da, reden über irgendeinen Quatsch, gucken Menschen an, erfinden vielleicht für drei Sekunden komplette Lebensgeschichten zu Fremden und vergessen sie anschließend wieder. Genau mein Tempo. Wie lange wir dort saßen? Keine Ahnung. Irgendwann war Zeit einfach nichts, worüber wir nachgedacht haben. Aber dann wieder Innenstadt. Menschen. Geräusche. Samstag. Irgendwo am Rand der Fußgängerzone, in der Nähe des Pferdemarktes läuft plötzlich Musik. Ein kleiner Rave. Nicht riesig. Kein Festivalgelände. Keine zwölf Meter hohe Bühne mit LED-Wand und Einlasskontrolle. Einfach nur Musik. Ein DJ-Set.  Ein paar Menschen tanzen. Ein paar Meter weiter spielen Kinder auf einem Spielplatz. Wir bleiben wieder stehen. Natürlich. Und für einen Moment sieht das alles erstaunlich logisch aus. Die einen springen zum Bass. Die anderen rutschen eine Rutsche runter. Im Grunde machen alle dasselbe. Sie haben gerade Bock. Wir gucken uns an und müssen lachen. Vielleicht, weil es schön ist. Vielleicht, weil die ganze Szene ein bisschen bescheuert ist. Vielleicht auch einfach, weil man mit manchen Menschen gar keinen besonderen Grund braucht.

Das ist sowieso eine der Sachen, die ich inzwischen ziemlich großartig finde. Mit dem richtigen Menschen muss nicht ständig etwas passieren. Man sitzt irgendwo. Man läuft irgendwo lang. Man trinkt irgendwas. Und trotzdem fühlt es sich nach ziemlich viel an. Wir ziehen weiter. Barcelona. Mitten in Oldenburg. Draußen sitzen. Fußgängerzone. Menschen gucken. Ich könnte das stundenlang. Mit ihr tatsächlich noch länger. Menschen laufen schließlich selten einfach nur von A nach B. Sie diskutieren. Suchen jemanden. Streiten darüber, wo man jetzt essen soll. Ziehen Kinder hinter sich her. Bleiben vor Schaufenstern stehen. Lachen zu laut. Gucken auf Handys. Küssen sich. Verlieren ihre Freunde. Finden sie fünf Minuten später wieder. Hier ein Junggesellenabschied, bei dem alle Bock haben. Zehn Meter weiter einer, der aussieht wie eine dienstliche Pflichtveranstaltung. Eine Innenstadt ist eigentlich nur ein sehr großes Theaterstück ohne Drehbuch. Und wir sitzen mittendrin. Reden. Lachen. Gucken. Manchmal reden wir über wichtiges Zeug. Manchmal komplette Scheiße. Beides find ich ziemlich gut. Ich glaub ja sowieso, dass Nähe oft völlig falsch beschrieben wird. Als müsste sie immer aus großen Gesprächen, Kerzenlicht und Sätzen bestehen, die später jemand auf eine Postkarte drucken könnte. Quatsch. Hühnerkacke. Manchmal ist Nähe einfach, zusammen in einer Fußgängerzone zu sitzen und sich gegenseitig auf irgendeinen Typen aufmerksam zu machen, der gerade seit fünf Minuten versucht, gleichzeitig ein Eis zu essen und eine Sprachnachricht aufzunehmen. Auch Liebe.

Irgendwann sagt sie, ich müsse was essen. Es gibt einen neu eröffneten Dönerladen. Also rein da. Döner mit Granatapfel und verdammt gutem Schafskäse. Granatapfel. Auf einem Döner. Mein Lieblingsmensch ist genauso begeistert wie ich, und spätestens jetzt ist klar, dass dieser Tag kulinarisch keinerlei Interesse mehr an Vernunft hat. Ich weiß ja nicht, wer von den Dönermenschen mal gesagt hat: „Da müssen noch kleine rote Kerne drauf.“ Aber ich hoffe, dieser Mensch bekommt regelmäßig Anerkennung.

Danach kurz in die Ols Brauerei. Ein Bier. „Kurz“ ist übrigens eines dieser Wörter, bei denen man samstags grundsätzlich vorsichtig sein sollte. Genau wie „nur eins“. Oder: „Wir gucken mal.“ Wir gucken also mal. Zusammen. Zwischen älteren Herrschaften, die auch auf Sylt sitzen könnten, läuft ein Nirvana-Song und irgendjemand ruft: „Geil Offspring.“

Danach Wallstraße. Nur bis zur nächsten Kreuzung. Nur mal gucken. Klar. Plötzlich ein Irish Pub. Handgemachte Musik. Und spätestens hier bekommt der Tag einen anderen Takt. Es ist voll. Menschen stehen an der Theke, sitzen an Tischen, lehnen irgendwo herum, reden durcheinander. Man trifft Leute, die man kennt. Und Leute, die man nicht kennt. Was kein besonders großer Unterschied bleibt. Wir kommen ins Gespräch. Mit diesem. Mit jener. Mit Menschen, deren Namen man fünf Minuten später vielleicht schon wieder vergessen hat, deren Geschichte man aber trotzdem für einen Moment kennt. Zwischendurch finde ich meinen Lieblingsmenschen immer irgendwo zwischen all diesen Leuten wieder. Sie lacht. Und ich denke kurz: Ja. Genau das.

Keine Ahnung, wie man solche Augenblicke vernünftig beschreibt, ohne sofort in irgendeinen romantischen Unfall zu geraten. Also lasse ich es. Es war einfach schön. Richtig schön. Ich mag solche Abende. Nicht dieses Sehen-und-gesehen-werden-Gedöns. Sondern Abende, an denen Menschen einfach Bock haben. Auf Musik. Auf Bier. Auf Gespräche. Aufeinander. Die Leute lachen. Singen. Tanzen. Und wir mittendrin. Auf dem Weg nach Hause landen wir natürlich noch in einer Karaoke-Bar. Natürlich. Es gibt Momente im Leben, bei denen man vorher ziemlich genau weiß, dass sie am nächsten Morgen nur schwer vernünftig zu erklären sein werden. Eine Karaoke-Bar gehört dazu.Es läuft Justin Bieber. „Baby.“ Und plötzlich verliert die komplette Bar kollektiv den Verstand. Abriss. Wirklich. Menschen singen. Menschen brüllen. Menschen tanzen. Und wir eben auch. Oder zumindest etwas, das unter großzügiger Auslegung als Tanzen durchgeht. Menschen, denen man morgens um elf vermutlich niemals zugetraut hätte, freiwillig Justin Bieber mitzusingen, geben um diese Uhrzeit alles, als hinge die Zukunft der gesamten Zivilisation davon ab, diesen Refrain gemeinsam zu überleben. Geil. Ich gucke zu meinem Lieblingsmenschen. Sie kennt den Song eigentlich gar nicht. Was die komplette Bar allerdings nicht als gültige Ausrede akzeptiert. Die ganze Bande da singt. Und in diesem Moment ist mir vollkommen scheißegal, dass Justin Bieber wahrscheinlich nicht unbedingt zum offiziellen Soundtrack meines Lebens gehört. Aber vielleicht besteht ein wirklich guter Abend genau daraus. Dass für ein paar Stunden niemand cool sein muss. Dass niemand darüber nachdenkt, ob das gerade peinlich ist. Dass irgendein Lied läuft, das man unter normalen Umständen vielleicht sofort wegdrücken würde, und plötzlich liegt man sich fast mit Fremden in den Armen und singt mit. Und vielleicht besteht ein wirklich guter Tag auch daraus, jemanden neben sich zu haben, mit dem man diesen ganzen Quatsch teilen will. Das Frühstück. Das Herumlaufen. Das Menschenbeobachten. Den Döner. Das Bier. Die Gespräche. Die Musik. Den komplett bescheuerten, kollektiven Justin-Bieber-Zusammenbruch einer Karaoke-Bar. Nicht, weil jeder dieser Momente für sich riesig wäre. Sondern weil sie zusammen plötzlich etwas werden.

Unser Samstag. Viel zu spät gehen wir schlafen. Drei Stunden. Mehr werden es nicht. Völlig bescheuert. Natürlich. Vernünftige Menschen hätten irgendwann gesagt: „Wir sollten langsam.“ Haben wir nicht. Zum Glück. Denn am nächsten Morgen bin ich müde wie ein Mensch, der eine sehr schlechte wirtschaftliche Entscheidung getroffen hat. Und während mein Körper offenbar versucht, offiziell Beschwerde gegen mich einzureichen, denke ich nur: Scheiße. Was für ein guter Tag.

Vielleicht lag es an Oldenburg. Vielleicht am Döner. Vielleicht an Justin Bieber. Aber eigentlich weiß ich ziemlich genau, woran es wirklich lag.