YOU VS. YOU

4:30 Uhr. Laufschuhe. Los.

Laufen ist eigentlich erstaunlich ähnlich wie Therapie. Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, dass bei der Therapie meistens jemand zuhört und beim Laufen irgendwann die eigenen Knie weh tun. Am Anfang muss ich mich jedes Mal überwinden. Nicht viel. Aber genug, um kurz darüber nachzudenken, ob heute vielleicht auch ein guter Tag wäre, einfach zu Hause zu bleiben. Kaffee trinken. Aus dem Fenster gucken. Eventuell kurz zum Laden gehen, eine Banane essen und das bereits als sportliche Aktivität zu verbuchen. Doch dann laufe ich trotzdem los.

Die ersten Kilometer sind grundsätzlich beschissen. Immer. Der Körper verhält sich dabei wie ein Mitarbeiter kurz nach dem Urlaub. Nichts funktioniert richtig. Alles protestiert. Die Beine fühlen sich schwer an. Die Atmung klingt, als würde irgendwo im Inneren eine echt alte Eisenbahn versuchen, einen Berg hochzukommen. Und natürlich die Geschichte im Kopf. Die ersten Minuten sind bei mir wie ein eigener True-Crime-Podcast. Nur ohne Sprecher. Die Gedanken kommen einfach. Ungefragt. Wild durcheinander. Man denkt über Dinge nach, die im normalen Leben vermutlich nie eine Rolle spielen würden. Warum heißen manche Menschen eigentlich Frank? Wer schaut ein Baby an und denkt: Das ist eindeutig ein Frank. Gleichzeitig fällt einem auf, dass man selbst Torsten heißt und damit in Sachen Coolness vermutlich nicht in der Position ist, andere Namen zu bewerten. Danach wird es meist noch seltsamer. Man erinnert sich plötzlich an peinliche Situationen von vor zwölf, dreizehn Jahren. An Gespräche, die längst vorbei sind. An Menschen, die man ewig nicht gesehen hat. Man beginnt innerlich Diskussionen zu führen, die nie stattgefunden haben. Gewinnt sie natürlich haushoch. Verliert manchmal aber auch. An manche Abende erinnert man sich erstaunlich gut. An andere überhaupt nicht. Was rückblickend vielleicht auch besser ist.

Parallel dazu meldet sich der innere Schweinehund zu Wort. Ein erstaunlich engagierter Typ. Er erklärt mir regelmäßig, dass dieser Lauf vollkommen unnötig sei. Dass niemand gezwungen werde, durch die Gegend zu rennen. Dass Spazierengehen völlig ausreiche. Dass man Gesundheit auch über Ernährung erreichen könne. Und dass ein Käsebrötchen im Grunde ebenfalls eine Art Belohnungssystem sei. Die Argumente wirken oft überraschend plausibel. Und irgendwo zwischen Kilometer drei und vier passiert dann aber etwas Merkwürdiges.

Der Lärm im Kopf wird leiser.

Gedanken, die eben noch durcheinandergerannt sind wie Menschen beim Umsteigen in Hannover, beginnen sich zu sortieren. Alles wird klarer. Ruhiger. Als würden sich langsam Wolken auflösen und dahinter etwas auftauchen, das die ganze Zeit da war. Plötzlich fallen einem Lösungen ein. Ideen. Sätze. Dinge, über die man tagelang nachgedacht hat, wirken auf einmal erstaunlich einfach. Der Körper läuft mittlerweile von allein. Die Atmung findet ihren Rhythmus. Selbst die Beine scheinen einzusehen, dass Widerstand zwecklos ist. Der Typ gibt eh nicht auf.  Und irgendwann kommt dann dieses berühmte Runners High. Man fühlt sich leichter. Wacher. Fast ein bisschen euphorisch. Nicht übertrieben. Eher so, als hätte jemand die Welt einen Tick heller gestellt. Im Grunde ist das wie Kiffen. Nur ohne Lachen. Dafür mit deutlich mehr Schweiß. Und am Ende steht man wieder vor seiner Haustür und denkt: War eigentlich ganz gut.

Heute Morgen war ich wieder unterwegs. Um 4:30 Uhr bin ich losgelaufen. Eine Stunde und zehn Minuten später hatte ich etwas mehr als zehn Kilometer auf dem Tacho. Keine Bestzeit. Aber ehrlich gesagt interessiert mich das mittlerweile auch weniger als früher. Zehn Kilometer sind zehn Kilometer. Die müssen erst einmal gelaufen werden. Danach kam das übliche Programm. Duschen. Kaffee. MacBook aufklappen. Arbeiten.

Draußen zieht sich der Himmel inzwischen langsam zu. Vor einer Stunde war noch alles klar. Jetzt schieben sich graue Wolken vor das Blau. Es sieht ein wenig nach Regen aus. Vielleicht kommt er. Vielleicht auch nicht. Wetterberichte sind manchmal erstaunlich optimistisch und gleichzeitig komplett ahnungslos. Im Kopf sieht es heute jedenfalls anders aus. Ruhiger. Klarer. Dabei weiß ich natürlich, dass das auch anders sein könnte. Es gibt Tage, da zieht nicht nur draußen etwas auf. Da wird es auch im Kopf unruhig. Gedanken kreisen. Dinge wirken beschissener, als sie eigentlich sind. Man denkt zu viel nach. Über Vergangenes. Über Zukünftiges. Über Dinge, die man ohnehin nicht ändern kann. Der Unterschied ist, dass ich mittlerweile weiß, was hilft. Nicht immer. Aber meistens. Laufen. Bewegung. Sport. Einfach losgehen, wenn der Kopf wieder anfängt, sich selbst Geschichten zu erzählen.

Das Verrückte ist, dass man das irgendwann verinnerlicht. Man diskutiert dann nicht mehr stundenlang mit sich selbst. Man steht auf. Zieht die Laufschuhe an. Schaut kurz auf die Uhr, stellt fest, dass normale Menschen um diese Uhrzeit vermutlich noch schlafen, und läuft trotzdem los. Nicht, weil man besonders diszipliniert wäre. Sondern weil man inzwischen weiß, wie man sich danach fühlt.

Arda Saatçi hat einmal gesagt: „You vs. You.“ Ich weiß nicht mehr, in welchem Video das war. Aber der Satz ist hängen geblieben. Und genau so fühlt es sich oft an. Nicht wie ein Wettkampf gegen andere Menschen. Nicht gegen die Uhr. Nicht gegen irgendwelche Bestzeiten. Ich habe dabei nicht einmal das Problem aufzustehen. Wenn ich wach bin, bin ich wach. Manchmal nach sechs Stunden. Manchmal nach fünf. Dann bin ich ausgeschlafen. Im Bett liegen bleiben kann ich ohnehin nicht. Mein Kopf betrachtet Schlaf ja meist als eine grobe Empfehlung. Der eigentliche Kampf beginnt erst danach. Wenn die Laufschuhe im Flur stehen. Wenn der Kaffee noch eine verlockende Alternative wäre. Wenn draußen alles dunkel ist und absolut nichts darauf hindeutet, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, freiwillig zehn Kilometer zu laufen. Genau dann fällt die Entscheidung. Nicht gegen andere. Sondern für sich selbst. Heute Morgen habe ich sie wieder getroffen.

Was keiner sieht

und doch passiert.

Die sozialen Netzwerke sind manchmal ein seltsamer Ort. Einfach, weil dort fast niemand auf die Idee kommt, die weniger fotogenen Teile des Lebens zu zeigen. Man sieht Sonnenuntergänge. Frühstück auf Holztischen. Menschen, die irgendwo auf Felsen sitzen und in die Ferne schauen, als wäre das der einzige Platz auf der Welt, an dem man wirklich zu sich selbst finden kann. Man sieht Cappuccino mit Herz im Milchschaum. Frisch gebackene Croissants. Bücher neben Leinenhemden. Hunde vor Bergpanoramen. Was man aber deutlich seltener sieht, ist jemand, der am 28. des Monats mit einem 19-Cent-Brötchen aus dem Discounter am Küchentisch sitzt und überlegt, ob der Kaffee heute wirklich Kaffee ist oder nur heißes Wasser mit einer dunklen Vergangenheit. Dabei gehören diese Tage natürlich bei den meisten Menschen genauso dazu. Ich nehme mich da ausdrücklich nicht raus. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein Foto von einem trockenen Brötchen gepostet habe, das ich im Zug gegessen habe, weil mir das Tomate-Mozzarella-Baguette beim Bäcker plötzlich vorkam, als hätte es inzwischen die Preisentwicklung von Eigentumswohnungen nachgebildet. Man macht dann einfach kein Foto. Oder besser gesagt: Ich mache dann einfach kein Foto.

Das ist vermutlich überhaupt die große Stärke sozialer Netzwerke. Was nicht fotografiert wird, hat erstaunlich gute Chancen, nie stattgefunden zu haben. Und während irgendwo Menschen ihren dritten Sonnenuntergang der Woche hochladen, sitzt man selbst vielleicht in Jogginghose auf dem Bett und versucht herauszufinden, warum man eigentlich drei verschiedene Streamingdienste bezahlt, obwohl man momentan nicht einmal einen Fernseher besitzt. Stattdessen liest man Bücher über Gewohnheiten, Gelassenheit, Produktivität und die Frage, warum das eigene Leben manchmal nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Einige davon haben mir tatsächlich geholfen. Zumindest genug, um weitere Bücher über Gewohnheiten, Gelassenheit und Produktivität zu kaufen.

Man sitzt also irgendwo herum, scrollt durch die Netzwerke und bekommt irgendwann das Gefühl, als würden alle anderen permanent an Orten sein, an denen kleine Lichterketten hängen und jemand Sauerteigbrot backt. Natürlich weiß jeder, dass das nicht stimmt. Trotzdem schaut man sich diese Fotos an und denkt für einen kurzen Moment: Mensch. Die haben ihr Leben aber wirklich im Griff. Zehn Minuten später begegnet man derselben Person zufällig in Oldenburg im Supermarkt. Vor dem Kühlregal. Sie steht dort und vergleicht mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit die Sonderangebote für Tiefkühlpizza. Nicht eine Minute. Nicht zwei. Richtig gründlich. Und plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung. Vielleicht ist genau das das Beruhigende daran. Dass hinter jedem perfekt fotografierten Frühstück, jedem Sonnenuntergang und jedem Bild aus irgendeinem hyggeligen Ferienhaus am Ende doch nur Menschen stecken. Menschen, die ihre Rechnungen bezahlen müssen. Die manchmal müde sind. Die Dinge aufschieben. Die sich vornehmen, früher ins Bett zu gehen und um halb elf trotzdem noch Videos schauen. Menschen eben.

Und natürlich gibt es auch Menschen, die genau diese weniger perfekten Seiten zeigen. Wobei vieles davon vermutlich nur deshalb als Makel gilt, weil irgendwann irgendwer beschlossen hat, dass es welche sind. Ein paar Kilo zu viel. Dehnungsstreifen. Schiefe Zähne. Körperbehaarung. Was weiß ich, die Liste ist lang. Und das meiste darauf sind keine Schwächen, sondern einfach Dinge, die Menschen nun einmal haben. Wenn Joanna öffentlich erzählt, dass sie abnehmen möchte, dauert es meist keine fünf Minuten, bis die ersten Kommentare auftauchen. Menschen, die Joanna nicht kennen. Menschen, die vermutlich nicht einmal wissen, wie sie mit Nachnamen heißt. Aber trotzdem überzeugt davon sind, ihr erklären zu müssen, warum sie falsch lebt, falsch aussieht oder falsch denkt. Das Internet hat vielen Menschen eine Stimme gegeben. Was sie damit anfangen, ist dann wieder eine andere Geschichte. Und manchmal sitzt man vor diesen Kommentarspalten und fragt sich, woher diese bemerkenswerte Mischung aus Überheblichkeit und Langeweile eigentlich kommt. Da schreiben Menschen Dinge, die sie ihrem Nachbarn niemals ins Gesicht sagen würden. Nicht beim Bäcker. Nicht im Supermarkt. Nicht an der Bushaltestelle. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich so viele lieber von ihrer besten Seite zeigen. Nicht weil sie etwas vortäuschen wollen. Sondern weil es anstrengend ist, ständig mit Menschen diskutieren zu müssen, die ihr eigenes Leben offenbar so fest im Griff haben, dass ihnen noch genügend Zeit bleibt, sich ungefragt um das Leben anderer zu kümmern.

Wenn ich auf die vergangenen Monate zurückblicke, habe ich vermutlich deutlich mehr verschwiegen als gepostet. Kleine Dinge. Große Dinge. Dinge, über die man nicht unbedingt mit Fremden spricht. Manchmal nicht einmal mit sich selbst. Während irgendwo zwischen Sonnenstrahlen, Regen, Kaffee und Bahnfahrten der Eindruck entstehen konnte, ich würde einfach ein bisschen durch Deutschland reisen und gelegentlich auf Bergen sitzen, sah die Realität stellenweise etwas anders aus.

Ich suche seit einiger Zeit eine Wohnung. Ich musste für meinen Hund Talko ein neues Zuhause finden. Anfang Mai lag ich für einige Tage im Krankenhaus. Danach bin ich nach Bayern gefahren. Nicht nur, weil ich schon immer mal unbedingt nach Bayern wollte, sondern weil es einer der wenigen Orte war, an denen ich gerade wirklich Ruhe gefunden habe. In den letzten zwei Monaten bin ich außerdem so viel Bahn gefahren, dass ich mittlerweile problemlos sagen könnte, in Wagen 4 schon mehrere Nachbarn gehabt zu haben. Irgendwann kennt man die Geräusche. Die Durchsagen. Die Menschen, die die Tickets kontrollieren. Die Familien mit zu viel Gepäck. Ich habe eine Nacht auf einem Bahnhof verbracht, der aussah, als hätte selbst die Hoffnung dort vor Jahren den letzten Zug genommen. Eine weitere Nacht in einem Hotel, weil es schlicht keine Alternative gab. Und irgendwo dazwischen stand ich immer wieder mit einem Rucksack in der Hand herum und wusste nicht so genau, wo ich als Nächstes hin sollte.

Das Verrückte daran ist aber, die meisten Menschen bekommen davon nichts mit. Und das meine ich gar nicht vorwurfsvoll. Warum sollten sie auch? Auf Fotos sieht man keine schlaflosen Nächte. Keine Sorgen. Keine Krankenhauszimmer. Letzteres habe ich höchstens zwei Menschen erzählt. Meiner Familie erst, nachdem ich entlassen wurde. Niemand bekommt etwas von den Gedanken mit, die einem morgens um drei Uhr durch den Kopf laufen. Man sieht einen Kaffee auf einem Holztisch. Einen Berg. Einen Weg durch den Wald. Einen Burger. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht alles, was Menschen verschweigen, ist eine Lüge. Manchmal ist es einfach nur der Teil der Geschichte, für den es kein passendes Foto gibt. Und manchmal sind es Dinge, die niemanden etwas angehen.

Und trotzdem würde ich all das jederzeit einem perfekt inszenierten Leben vorziehen.

Vielleicht gerade deshalb, weil es echt ist. Die Wohnungssuche nervt. Krankenhäuser machen keinen Spaß. Bahnhöfe um Mitternacht stehen selten auf Listen der schönsten Reiseziele Deutschlands. Und die vergangenen Monate waren sicherlich nicht die einfachsten meines Lebens. Aber Jammern hat noch nie eine Wohnung gefunden. Noch nie einen Zug pünktlicher gemacht. Noch nie dafür gesorgt, dass Dinge plötzlich einfacher werden. Also mache ich das, was die meisten Menschen vermutlich tun. Ich stehe morgens auf. Gehe joggen. Trinke meinen Kaffee. Fahre irgendwo hin. Gehe weiter. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Und wenn ich in den letzten Monaten etwas gelernt habe, dann vielleicht dies: Die besten Fotos habe ich wahrscheinlich nie gemacht. Die wichtigsten Geschichten habe ich nicht erzählt. Aber es war mein Leben.

Am Küchentisch.

Kaffee, Freiheit, Pizza Hawaii.

Es beginnt ja eher selten mit diesen großen Momenten. Nicht mit einer Kündigung. Nicht mit einem Nervenzusammenbruch. Nicht mit dieser dramatischen „Ich ändere jetzt alles“ Attitude. Manchmal reicht eine Tasse Kaffee am Morgen. Ein einfaches Gespräch. Zwei Menschen an einem Tisch, die sich was erzählen. Man spricht über dies. Über das. Über Dinge, die eigentlich keine besonders schwere Bedeutung haben. Wetter. Arbeit. Menschen. Warum Kaffee unterwegs nicht zwangsläufig besser schmeckt. Warum man in fremden Städten automatisch langsamer läuft. Oder warum manche Menschen im Supermarkt erstaunlich aggressiv wirken, obwohl sie eigentlich nur Frischkäse kaufen wollten. Ganz normale Gespräche eben. Und irgendwann, mitten zwischen diesen belanglosen Sätzen, kommt plötzlich dieser Gedanke. Der Gedanke daran, dass man frei ist. Ganz leise. Aber auf einmal ist er da. Es ist jetzt nicht dieses pathetische Freiheitsgefühl aus Motivationsvideos mit Drohnenaufnahmen und Männern, die auf Bergen stehen und bedeutungsvoll in die Weite schauen, als würden sie gleich einen Proteinriegel bewerben. Sondern etwas viel Ruhigeres. Echteres. Ganz plötzlich ist da auf einmal die Erkenntnis, dass man sagen darf, was man denkt. Dass man seine Meinung aussprechen kann, ohne vorher innerlich einen Antrag bei irgendeinem unsichtbaren Ausschuss stellen zu müssen. Dass man nicht permanent überlegen muss, ob jemand beleidigt sein könnte, weil man ehrlich ist. Natürlich gibt es Menschen, die das nicht mögen. Menschen, die sofort die Stirn runzeln, wenn man etwas sagt, das nicht exakt in ihre kleine gedankliche Reihenhaussiedlung passt. Aber auch das gehört dazu. Niemand muss einen gut finden. Niemand muss einem zustimmen. Manche Menschen halten einen ohnehin schon für seltsam, sobald man freiwillig allein durch den Wald läuft oder samstags lieber an einem Berg Kaffee trinkt, statt in einem Möbelhaus zwischen Duftkerzen und Aufbewahrungsboxen langsam die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Und genau das Freiheit. Nicht jedem gefallen zu müssen.

Aber dieses Gefühl, mitten in einem ganz normalen Gespräch plötzlich zu begreifen, dass man frei ist, ist schon irgendwie geil. Wirklich. Man merkt dann plötzlich, wie oft man etwas hinter dem Berg gehalten hat, weil man einfach denkt, sowas sagt man nicht unverblümt. Dieses einfache Aussprechen davon, dass man Dinge anders sieht. Oder etwas kacke findet. Einfach reden. Ohne Angst oder Zweifel. Ohne dieses ständige Gefühl, jedes Wort vorher durch eine innere Presseabteilung prüfen zu müssen. Wobei manche Menschen natürlich trotzdem sofort reagieren, als hätte man gerade ihre komplette Ahnenreihe persönlich beleidigt. Ein falscher Satz und plötzlich schauen einen Leute an, als hätte man vorgeschlagen, Hunde abzuschaffen oder den Tatort zu verbieten. Aber auch das gehört wahrscheinlich dazu. „Lass sie“, denke ich mir dann oft. Und „Lass mich“ direkt hinterher. Nicht zu verwechseln mit „Leck mich“. Das ist etwas komplett anderes. Wobei es situationsbedingt natürlich ebenfalls seine Berechtigung hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich glaube mittlerweile, viele Dinge könnten deutlich entspannter sein, wenn Menschen einfach sagen würden, was sie wirklich denken. Die eine fährt gern ans Meer. Der andere lieber in die Berge. Manche stehen freiwillig um vier Uhr morgens auf, um vor dem Frühstück zehn Kilometer joggen zu gehen und dabei Sätze zu sagen wie: „Das macht einfach den Kopf frei.“ Andere essen nachts um halb eins Ravioli direkt aus der Dose vor dem Fernseher und empfinden exakt dasselbe. Beides ist menschlich. Nichts davon falsch. Nichts besser, nichts schlechter, höchstens anders. Am Ende ist es doch meistens nur der eigene Blickwinkel, der überall sofort Bewertungen sucht. Vielleicht wäre vieles leichter, wenn Menschen nicht ständig entscheiden müssten, ob etwas richtig oder falsch ist. Sondern einfach kurz denken würden: „Interessant. So lebt also jemand anderes.“

Heute morgen um kurz nach fünf saß ich an diesem Tisch. Eigentlich völlig ungeplant. Ich war joggen und mental irgendwo zwischen verschwitztem Durchhalten und der festen Überzeugung, dass Menschen, die freiwillig vor Sonnenaufgang laufen, psychologisch zumindest interessant sein müssen. Die Luft roch nach feuchtem Gras und diesem typischen Maimorgen, der noch nicht weiß, ob er warm oder frisch werden will. Ein bisschen feucht. Ein bisschen nach Garten. Noch nicht zu heiß. Irgendwo sang ein Vogel in einer noch recht jungen Eiche. Ein Mann ging mit seinem Hund spazieren und irgendjemand fuhr zur Arbeit. Oder zum Brötchen holen. Vielleicht auch einfach nach Hause, was weiß denn ich?

Während ich an diesem Haus vorbeilief, sah ich durchs Fenster, dass dort schon jemand wach war. Licht in der Küche. Eine Tasse auf dem Tisch. Irgendwie sah das alles so ruhig aus, dass ich ganz automatisch langsamer wurde und natürlich genau in dem Moment ins Fenster guckte. Nicht elegant. Eher wie ein mittelmäßig talentierter Einbrecher in hellblauen Laufschuhen. Die Person drinnen bemerkte mich sofort und winkte mich zur Tür. Die ging auf und sofort kam die Frage, ob ich einen Kaffee möchte. Ehrlich gesagt gibt es kaum Situationen im Leben, in denen man vernünftigerweise Nein zu Kaffee sagen sollte. Also saß ich wenig später dort. Verschwitzt, zufrieden und mit dieser leicht roten Jogger-Gesichtsfarbe. Sportlich, aber nicht unbedingt schön. Egal. Wen sollte das stören? Mich sicher nicht. Wir sprachen über Pfingsten. Über Menschen an der Elbe. Über Gärten. Darüber, dass Bäume manchmal einfach sterben, obwohl man sich kümmert. Über dieses merkwürdige Älterwerden, bei dem Gespräche plötzlich ganz selbstverständlich von Urlauben zu Dachrinnen, Rückenproblemen und Tomatenpflanzen wechseln.

Und irgendwo zwischen all diesen völlig normalen Themen merkte ich plötzlich, dass genau das Freiheit ist. Einfach dort sitzen zu können und zu sagen, was man denkt. Ohne vorher jedes Wort innerlich weichzuspülen. Ohne Angst, jemand könnte sofort beleidigt sein. Denn irgendwann kam das Thema Pizza Hawaii auf. Ich weiß nicht mehr genau warum. Wahrscheinlich entwickelt sich jedes ehrliche Gespräch irgendwann zwangsläufig in eine Richtung, in der Menschen unangenehme Wahrheiten aussprechen müssen oder über Essen. Jedenfalls sagte ich dann, dass Menschen, die freiwillig Pizza Hawaii bestellen, vermutlich auch andere fragwürdige Entscheidungen treffen. Das sind Menschen, die WhatsApp-Sprachnachrichten mit „Also erstmal ganz kurz…“ beginnen, nach acht Minuten immer noch nicht aufhören und danach ihr komplettes Innenleben vertonen. Menschen, die im Sommer bei dreißig Grad Sitzheizung benutzen. Oder Leute, die an der Supermarktkasse plötzlich anfangen, Kleingeld nach Größe zu sortieren, obwohl hinter ihnen bereits sichtbar menschliche Verzweiflung entsteht.

Ehrlich gesagt finde ich bis heute, dass das keine richtige Pizza ist. Wer sitzt denn bitte in einer Küche und denkt sich ernsthaft: „Diese Pizza hier ist gut. Wirklich gut. Aber weißt du, was noch fehlt? Obst.“ Vor allem warmes Obst. Das ist der entscheidende Punkt. Kalte Ananas? Völlig okay. Im Obstsalat. Im Sommer. Von mir aus auch direkt aus der Dose nachts um halb elf vorm Kühlschrank. Ist mir alles egal. Aber doch nicht auf Schinken als Pizzabelag. Es hat schon Gründe, warum Toast Hawaii als aussterbendes Gericht betitelt wird. Man muss sich diese Zubereitung ja nur mal ganz bewusst vorstellen. Da steht irgendwo jemand in einer Küche, rollt Teig aus, verteilt Tomatensoße, streut Käse darüber, legt Schinken drauf und denkt sich dann völlig überzeugt: „Perfetto. Jetzt noch ein paar heiße Ananasstücke.“ Da wundert es einen nicht mehr, warum währenddessen irgendwo in Italien ein alter Mann in einem weißen Unterhemd auf einem Plastikstuhl vor seiner Haustür sitzt, schweigend in die Ferne guckt und sich plötzlich traurig fragt, warum ihn das Leben müde gemacht hat.

Natürlich war mir klar, dass ich mit dieser Meinung eventuell jemanden treffen könnte. Aber genau darum ging es ja. Warum sollte ich plötzlich so tun, als wäre das eine völlig normale kulinarische Entscheidung? Wir reden hier schließlich nicht über schwere Krankheiten oder geopolitische Krisen. Es geht um eine Pizza, auf die jemand ernsthaft Obst gelegt hat, als wäre das eine gute Idee gewesen. Bei aller Liebe. Irgendwo muss man auch Grenzen ziehen.

Am Dienstag danach.

Alle leicht beldeidigt.

Dieser Dienstag nach Pfingsten. Das Tragische an diesen sonnigen Dienstagen nach Feiertagen ist ja, dass die Natur einfach komplett unrealistische Erwartungen ans Leben erzeugt. Draußen sieht alles so aus, als müsste man eigentlich irgendwo mit einem Kaffee auf einem Holzsteg sitzen. Am Wasser natürlich. Dabei leicht verpeilt in die Gegend schauen. Vielleicht eine dünne Jacke dabeihaben, die man seit zwei Stunden nicht mehr anzieht, weil es plötzlich viel zu warm geworden ist. Als hätte man das nicht vorher gewusst. Und irgendwann beginnt man ernsthaft darüber nachzudenken, ob Schuhe heute überhaupt noch notwendig sind oder ob das einfach nur ein gesellschaftlicher Gruppenzwang ist, den wir alle irgendwann kommentarlos akzeptiert haben. Gruppenzwang klappt eben nur, wenn alle mitmachen. Hat Sebastian früher schon gesagt.

Stattdessen stehen Menschen wieder in Büroküchen und drücken mit erstaunlicher Aggression auf Kaffeemaschinen. Man hört ständig dieses hektische Klackern von Tassen und Tastaturen, irgendwo piept eine Mikrowelle und mindestens einer sagt bereits vor halb neun den Satz: „So, ich muss erst mal ankommen.“ Obwohl niemand genau weiß, was das eigentlich bedeuten soll. Die meisten sind ja längst da. Körperlich zumindest. Manche tatsächlich nur so. Dienstage nach Feiertagen haben ohnehin eine merkwürdige Stimmung. Alles wirkt leicht beleidigt. Die Menschen. Die Straßen. Selbst Supermärkte sehen dann aus, als hätten sie eigentlich auch lieber noch geschlossen. Überall Gesichter, die aussehen, als hätte jemand ihnen gestern Abend überraschend mitgeteilt, dass diese Art Verantwortung weiterhin Teil ihres Lebens bleibt.

Und draußen scheint dabei einfach die Sonne. Rücksichtslos. Trotzdem gut gelaunt. Irgendwo mäht jemand seinen Rasen. Aus offenen Fenstern riecht es nach Mittagessen wie bei Oma. Selbst Bäume wirken an solchen Tagen erstaunlich entspannt. Als hätten sie verstanden, dass man das Leben vielleicht nicht komplett durchtakten sollte. Und vielleicht muss ich das auch erst noch lernen. Wahrscheinlich sogar ganz dringend. Richtig schwierig wird es aber erst, wenn jemand im Büro laut sagt, dass der nächste Feiertag der 3. Oktober ist. Und dass der dieses Jahr auf einen Samstag fällt. Danach verändert sich die Atmosphäre im Raum sofort. Menschen schauen dann kurz schweigend auf ihre Bildschirme, als hätten sie gerade erfahren, dass ein entfernter Verwandter verstorben ist. Irgendwer murmelt „Das ist auch wieder typisch“ und trinkt lustlos einen Schluck Kaffee.

Dabei müsste man sich hier oben eigentlich über gutes Wetter freuen. In Norddeutschland weiß man ja nie, wie lange das anhält. Im Grunde ist das wie bei der Deutschen Bahn und dem Sommer. Sobald plötzlich Sonne auftaucht, funktioniert erst mal gar nichts mehr richtig. Dabei könnte man meinen, dass man sich nach all den Jahren langsam daran gewöhnt hätte. Hat man aber nicht. Man guckt nur einmal kurz nicht hin und plötzlich ist wieder Herbst. Naja. Zum Glück gibt es Urlaub. Wahrscheinlich die beste Form von Hoffnung, die wir in Deutschland noch besitzen.

Gestern habe ich mich dabei erwischt, schon wieder an Weihnachten zu denken. Okay, in sechs Monaten ist es ja schon wieder soweit. Und dieses Jahr wird Weihnachten anders sein. Wie genau, kann ich noch gar nicht sagen. Ich weiß nur, dass es anders wird. Vielleicht sitze ich am Heiligen Abend allein irgendwo und gönne mir etwas völlig Übertriebenes zu essen. Irgendetwas, das man normalerweise nur bestellt, wenn man entweder gerade befördert wurde oder emotional komplett den Überblick verloren hat. Vielleicht verbringe ich diesen besonderen Tag aber auch einfach in einem Hotel irgendwo in den Bergen. Oder an einer Autobahnraststätte und sehe rumänischen LKW-Fahrern dabei zu, wie sie aufgewärmte Frikadellen essen. Mit Senf. Oder Curry-Ketchup. Wobei man diese Dinger wahrscheinlich eh nur mit wirklich viel Sauce genießen kann. Manche Speisen leben ja hauptsächlich von Hoffnung und Gewürzen.

Aber bis dahin ist es ja noch etwas hin und vielleicht sollte ich vorher erst mal den kommenden Sommer planen. Mit Wanderungen. Ausflügen. Arbeit. Sport. Mit diesen Dingen, die Menschen im Sommer einfach machen, während sie so tun, als hätten sie ihr Leben erstaunlich gut im Griff. Vielleicht lese ich irgendwo draußen einen Roman von Jan Weiler oder irgendein wissenschaftliches Buch, dessen Titel allein schon so kompliziert klingt, dass automatisch alle denken, als wäre ich wirklich richtig intelligent. Es gibt ja Bücher, die liest man nicht unbedingt wegen des Inhalts, sondern wegen der Wirkung. Menschen sehen einen dann im Café sitzen, leicht gebräunt, irgendwo neben einem Glas Wasser und denken vermutlich: Der Mann versteht bestimmt auch das Finanzamt und das Steuersystem. Dabei versuche ich dann eigentlich nur seit zwanzig Minuten möglichst konzentriert auf eine Seite zu gucken, während ich innerlich darüber nachdenke, mir später noch ein Croissant zu bestellen. Oder zwei.

Freibäder wären dafür allerdings für mich nichts. Auf gar keinen Fall. Freibäder gehören zu diesen Orten, die theoretisch nach Sommer, Leichtigkeit und Kindheitserinnerungen klingen, praktisch aber erstaunlich oft nach labbrigen Pommes, Sonnencreme und leichter sozialer Überforderung riechen. Überall schreien Kinder. Irgendwo springt ein Jugendlicher mit beeindruckender Rücksichtslosigkeit vom Beckenrand. Väter tragen Badelatschen, als wären sie Teil einer offiziellen Uniform und Menschen laufen mit diesen durchsichtigen Plastiktaschen herum, oder mit Badematten aus Stroh. Früher war das jedenfalls so. Lange her. Dazu kommen die Umkleidekabinen. Räume, die aussehen, als hätte man Feuchtigkeit und schlechte Architektur gemeinsam in einen Betonwürfel gesperrt. Irgendwo föhnt sich immer jemand mit erschreckender Ernsthaftigkeit die Haare, obwohl draußen dreißig Grad sind. Und mindestens einer läuft barfuß über den Boden, als hätte er innerlich bereits mit allem abgeschlossen. Moin Fußpilz. Schön, dass du da bist. Nein. Dann lieber irgendwo draußen sitzen. Schatten. Kaffee. Vielleicht ein warmer Wind zwischen den Bäumen. Und dieses leise Gefühl, dass der Sommer noch lang genug ist, um nicht sofort alles planen zu müssen. Oder zu wollen.

Für heute allerdings steht erst mal Wäschewaschen auf dem Programm. Und einkaufen. Mal wieder irgendwas Gesundes. Obst. Gemüse. Dinge, für die normalerweise keine besonders gute Werbung gemacht wird. Niemand springt ja plötzlich begeistert vom Sofa auf und ruft: „Jetzt ein schöner Brokkoli.“ Werbung für Gemüse klingt meistens ohnehin so, als hätte jemand mit sehr schlechter Laune einen Werbetext schreiben müssen. Frische Möhren. Regional. Orange. Das war es dann meistens auch schon mit den Emotionen. Müde bin ich übrigens auch. Das macht das Wetter. Mit Mitte vierzig sagt man das irgendwann automatisch. Früher hätte man einfach behauptet, man sei feiern gewesen, hätte sich achtarmig einen reingeorgelt und die Nacht durchgemacht. Heute schaut man ernst in den Himmel und sagt Sätze wie: „Die Wärme heute drückt aber auch.“ Obwohl man eigentlich genau weiß, woran es wirklich liegt.

Zum Beispiel daran, dass man gestern deutlich zu lange am Elbstrand lag und Schiffen beim Vorbeifahren zugesehen hat. Was erstaunlich schnell mehrere Stunden Lebenszeit frisst. Irgendwann sitzt man da einfach nur noch mit halb zusammengekniffenen Augen in der Sonne und bewertet lautlos Containerschiffe, als hätte man beruflich irgendetwas mit internationaler Logistik zu tun. „Stabiler Kahn“, denkt man dann plötzlich und nickt leicht, obwohl man über Schifffahrt ungefähr so viel Ahnung hat wie Dieter aus Cloppenburg von veganer Ernährung. Oder daran, dass man versehentlich mitten in eine Taufe geraten ist. Ich wusste bis gestern ehrlich gesagt nicht mal, dass Menschen sich überhaupt in der Elbe taufen lassen. Plötzlich stand ich zwischen Familienmitgliedern, machte Fotos, als würde ich dazugehören, und merkte erst relativ spät, dass irgendetwas nicht stimmte, als mich jemand fragte, woher ich eigentlich die Eltern kenne. Egal. Jesus wäre stolz gewesen. Oder Johannes. Einer von beiden auf jeden Fall.

Vielleicht lag es aber auch am Tzatziki. Wahrscheinlich lag es sogar ziemlich sicher am Tzatziki. Abends denkt man ja oft: Ach komm, ein bisschen geht noch. Und plötzlich sitzt man nachts um drei im Bett und hat einen Durst, als hätte man versehentlich einen halben Sack Streusalz gegessen. Knoblauch ist geschmacklich fast immer eine hervorragende Idee. Körperlich entwickelt sich das Ganze am nächsten Morgen allerdings eher zu einer mittelschweren Meinungsverschiedenheit mit sich selbst. Dazu kommt dann noch dieser Dienstag nach Feiertagen. Tage, an denen grundsätzlich niemand so richtig belastbar wirkt. Selbst Kaffeemaschinen klingen an solchen Morgen müder als sonst. Menschen laufen langsamer durch die Regale, starren ungewöhnlich lange auf Joghurts und wirken insgesamt ein wenig so, als hätte man sie emotional zu früh wieder in die Woche geschickt. Kein Wunder also, dass man da erst mal irgendwie ankommen muss.

Fjällräven.

Plötzlich will man Elche kennen.

Samstag. Bestes Wetter und ich irgendwo zwischen Frühstück und Mittagessen. Die Stadt ist voll. Wirklich voll. Menschen sitzen vor Cafés, trinken Aperol, obwohl es noch nicht mal richtig Nachmittag ist. Daydrinking heißt das mittlerweile. Andere laufen mit Einkaufstaschen herum, als gäbe es am Montag plötzlich keine Geschäfte mehr. Okay, ist ja auch so. Montag ist Feiertag. Wie dumm von mir. Egal. Überall Sonnenbrillen, nackte Arme, Kinderwagen, Hunde unter Tischen und diese Mischung aus Sonnencreme, heißem Kopfsteinpflaster, Bratwurst und Kaffee, die Innenstädte im Sommer irgendwann automatisch bekommen. Ich saß draußen vor einem Restaurant und bestellte etwas, das vermutlich offiziell noch als Frühstück durchgeht, gleichzeitig aber genug war, um einen kleineren Wanderausflug zu überleben. Kartoffelsalat. Kleine Würste, gebraten, Gemüse. Brot. Kaffee. Sehr guter Kaffee. Einer dieser Momente, in denen ich tatsächlich kurz denke, dass das Menschsein vielleicht doch gar keine so schlechte Erfindung ist.

Eigentlich war ich nur wegen neuer Hosen in der Stadt. Eine von Fjällräven sollte es sein. Schon der Name klingt, als müsste ich mit dieser Hose automatisch anfangen, Holz zu hacken, schwarzen Kaffee aus Emaillebechern zu trinken und irgendwo in einer norwegischen Hütte einen wetterfesten Roman über Einsamkeit zu schreiben. Mit leicht wettergegerbtem, von Zigaretten gezeichnetem Gesicht natürlich. Menschen mit Fjällrävenhosen wirken grundsätzlich so, als könnten sie spontan einen Elch ausnehmen oder zumindest sehr überzeugend erklären, welcher Moosboden sich zum Zelten eignet. Ich stand also in einem Laden zwischen Funktionsjacken und Wandersocken. Ein Mann erklärte seiner Frau gerade mit beeindruckender Ernsthaftigkeit den Unterschied zwischen wasserabweisend und wasserdicht. Ein anderer hielt eine Trekkinghose gegen das Licht, als würde er einen seltenen Diamanten prüfen. Natürlich wusste ich, was er eigentlich wollte. Nun gut.  Outdoorläden besitzen ohnehin eine ganz eigene Atmosphäre. Alles riecht leicht nach imprägniertem Stoff, Abenteuer und Menschen, die „kleine Tour“ sagen und damit eigentlich zehn Kilometer plus 1.400 Höhenmeter meinen. Easy.

Der Laden hatte tatsächlich genau eine Hose, die meinen Ansprüchen entsprach. Eine. Aber die Hose selbst war wirklich gut. Ehrlich. Genau diese Mischung aus robust und bequem, bei der man sofort Lust bekommt, morgens um sechs irgendwo durch Wälder zu laufen, während Nebel schläfrig zwischen den Bäumen hängt. Oben passte sie perfekt. Wirklich perfekt. Fast verdächtig perfekt. Ich hatte kurz das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben. Dann schaute ich nach unten. Die Beine waren absurd lang. Nicht ein bisschen. Wirklich lang. So lang, dass ich aussah, als hätte ich versehentlich die Hose eines deutlich größeren skandinavischen Parkrangers angezogen. Ich stand in dieser Umkleidekabine mit hochgekrempelten Hosenbeinen und sah aus wie jemand, der gleich irgendwo in einem Bach Flusskrebse mit bloßen Händen fängt oder in einem YouTube-Video erklärt, wie man ohne Strom im Wald Kaffee kocht. Irgendwann frage ich mich ohnehin, wer diese Größen festlegt. Offenbar geht Fjällräven grundsätzlich davon aus, dass Männer entweder zwei Meter zehn groß sind oder ihr Leben hauptsächlich auf Stelzen verbringen.

Die Verkäuferin sagte dann einfach diesen Satz, den vernünftige Menschen wahrscheinlich ständig sagen: „Kann man ja kürzen lassen.“ Und natürlich hat sie recht. Rational betrachtet ist das überhaupt kein Problem. Genau dafür gibt es schließlich Änderungsschneidereien. Menschen bringen dort seit Jahrzehnten Hosen hin, holen sie später wieder ab und führen danach offenbar ein völlig normales Leben. Trotzdem sorgt dieser Satz bei mir sofort dafür, dass innerlich irgendetwas zusammenbricht. Denn Änderungsschneiderei bedeutet nicht einfach nur „Hose kürzen“. Es bedeutet noch ein Geschäft. Noch mehr Innenstadt. Noch mehr Menschen. Neben einem diskutieren Leute darüber, ob sie noch ein Eis essen sollen. Kinder schreien. Laut. Und irgendwo läuft immer einer mit Leinenhemd herum, der aussieht, als hätte er beruflich etwas mit „Work-Life-Balance“ zu tun. Ach ja, abgesteckt werden muss die Hose natürlich auch noch. Berührungen von Fremden. Nee. Echt nicht.

Irgendwann erreicht man an heißen Samstagen, glaub ich, diesen Punkt, an dem selbst kleinste zusätzliche Aufgaben plötzlich wirken wie der organisatorische Aufwand einer Mondlandung. Noch irgendwo hingehen. Noch etwas erklären. Noch einmal warten. Vielleicht Maße nehmen lassen. Eventuell sogar einen Abholtermin vereinbaren. In meinem Kopf begann die Änderungsschneiderei bereits ungefähr dieselbe Größenordnung anzunehmen wie ein Hausbau oder die Planung einer skandinavischen Rundreise. Wobei Letzteres wahrscheinlich deutlich angenehmer wäre. Ich nickte deshalb einfach nur, betrachtete mich noch einmal in dieser viel zu langen Outdoorhose und wusste plötzlich wieder sehr genau, warum manche Menschen irgendwann lieber direkt in den Wald fahren, statt noch länger durch Innenstädte zu laufen.

Ich verließ das Geschäft. Ohne Hose. Wobei das natürlich dramatischer klingt, als es war. Die Hose hatte ich nicht gekauft. Das meinte ich. Vermutlich werde ich sie jetzt einfach online bestellen und dann eben doch irgendwann kürzen lassen. Wenn es sein muss. Wahrscheinlich gehört das mittlerweile einfach dazu, wenn man 45 ist. Man besitzt plötzlich Termine bei Änderungsschneidereien und spricht über Beinlängen, als wäre das ein völlig normaler Bestandteil des Lebens. Draußen spürte ich sofort wieder diese Wärme. Menschen saßen immer noch vor den Cafés, irgendwo klirrten Gläser, ein Fahrradfahrer fluchte über irgendetwas und aus einem geöffneten Restaurantfenster roch es gleichzeitig nach Knoblauch, Kaffee und heißem Öl. Innenstädte im Sommer fühlen sich manchmal an wie eine Mischung aus Urlaub und leichter Überforderung. Überall passiert etwas. Gespräche. Musik. Besteck auf Tellern. Hunde unter Tischen. Sonnenlicht auf Fensterscheiben. Menschen lachen. Andere sehen aus, als würden sie dringend Urlaub brauchen, obwohl sie wahrscheinlich gerade erst welchen hatten. (Damit mein ich mich.)

Naja, ich merke jedenfalls immer öfter, dass ich wieder raus will. Aber nicht dieses „mal kurz spazieren gehen“, das Menschen sagen, bevor sie zwanzig Minuten später mit Chips und Cola wieder auf dem Sofa sitzen und irgendeine Serie weiterschauen. Ich meine richtig raus. Freitags losfahren. Rucksack packen. Wanderschuhe. Irgendwohin, wo morgens Nebel zwischen den Bäumen hängt und man beim Aufwachen zuerst Wind hört statt Verkehr. Orte, an denen Menschen plötzlich wieder Mangelware werden und Gespräche meistens gar nicht erst stattfinden. Irgendwelche kleinen Pensionen. Kaffee am frühen Morgen. Wege durch Wälder. Vielleicht Regenjacke. Vielleicht Sonne. Abends müde Beine und dieses angenehme Gefühl, den ganzen Tag draußen gewesen zu sein. Sonntags zurück. Erschöpft, aber irgendwie klarer im Kopf. Als hätte man für zwei Tage kurz aufgehört, permanent erreichbar sein zu müssen.

Vielleicht brauche ich deshalb auch diese Hosen. Wahrscheinlich kaufen Menschen ab einem gewissen Punkt keine Outdoorbekleidung mehr, weil sie etwas brauchen. Sondern weil sie anfangen, sich ein anderes Leben vorzustellen. Geht auch ohne diese Hosen. Klar, Aber Menschen mit Fjällrävenhosen sehen einfach so aus, als hätten sie ihr Leben im Griff. Das sollte man nicht unterschätzen.

Lass sie.

Weniger Kontrolle. Mehr Ruhe.

Unser Gehirn ist ja eigentlich ein erstaunlich vernünftiges Organ. Solange alles ruhig läuft natürlich. Dann sitzt vorne im Gehirn der präfrontale Kortex am Steuer, schaut sich die Dinge an, analysiert Situationen und tut so, als wären wir emotional halbwegs erwachsene Menschen. Wir denken nach, entscheiden logisch und bleiben komplett gelassen. Im Idealfall zumindest. Kacke wird es immer dann, wenn irgendetwas passiert, das uns stresst. Eine Nachricht. Ein Satz. Schweigen kann auch so etwas sein. Andere Menschen können mit wirklich kleinen Dingen komplette innere Bürgerkriege in uns auslösen. Und plötzlich übernimmt nicht mehr der vernünftige Teil des Gehirns, sondern die Amygdala. Eine Art eingebautes Alarmsystem aus der Steinzeit. Zuständig für Überleben, Panik und für die feste Überzeugung, dass jetzt sofort irgendetwas getan werden muss. Kämpfen oder flüchten. Diskutieren. Rechtfertigen. Analysieren. Noch mehr analysieren.

Jetzt gerade sitze ich einfach in einem Café. Neben mir steht ein großer Becher Kaffee. Daneben ein belegtes Brötchen, das ungefähr doppelt so gesund aussieht, wie es vermutlich ist. Durch das Fenster fällt Sonne auf die Holztische und draußen laufen Menschen vorbei, die irgendwo hinmüssen. Manche tragen Anzüge. Manche Jeansjacken. Andere laufen nur im T-Shirt herum, obwohl morgens eigentlich noch Jackenwetter war. Menschen treffen mitunter erstaunlich optimistische Temperaturentscheidungen. Am Tresen bestellt ein Mann mit beeindruckender Ernsthaftigkeit einen großen Kaffee, als wäre das gerade die wichtigste Entscheidung seines bisherigen Tages. Ist es wahrscheinlich auch. Zwei ältere Frauen unterhalten sich über irgendeine Nachbarin, die offenbar seit Kurzem „komplett anders geworden“ ist. Menschen beobachten Veränderungen bei anderen oft mit der Leidenschaft von Hobbydetektiven. Und während ich hier sitze, merke ich langsam wieder etwas ziemlich Beruhigendes. Die meisten Dinge, die mich verrückt machen, passieren gar nicht wirklich. Sie passieren vor allem in meinem Kopf. Dort laufen Gespräche, die nie stattgefunden haben. Diskussionen. Rechtfertigungen. Erwartungen. Ganze Netflix-Serien aus Interpretationen. Dabei gehen draußen einfach Menschen einkaufen. Jemand holt Brot. Jemand telefoniert. Jemand lacht. Die Welt dreht sich vollkommen unbeeindruckt weiter und ehrlich gesagt interessiert sich kaum jemand wirklich für mich. Voll gut eigentlich.

Ich denke mittlerweile, genau das ist einfach wichtig zu begreifen. Es ist überaus wichtig, andere Menschen einfach machen zu lassen. Oder sie sein zu lassen. Ich glaub, so sagt man es. Nicht jedem Gefühl hinterherzurennen wie ein Hund einem Tennisball. Nicht jede Veränderung persönlich zu nehmen. Nicht überall Bedeutung hineinzuinterpretieren, nur weil das eigene Gehirn nachts plötzlich beschlossen hat, alles bis aufs kleinste Detail hinterfragen zu müssen. Menschen gehen. Menschen melden sich weniger. Manche verlieren Interesse. Manche verstehen einen falsch. Manche wollen Dinge, die man selbst nicht will. Und ehrlich gesagt ist das vermutlich vollkommen normal. Schwer wird es immer erst dann, wenn man versucht, alles kontrollieren zu wollen. Beziehungen. Gespräche. Situationen. Die Stimmung anderer Menschen. Der Kaffee neben mir ist inzwischen lauwarm geworden. Perfekt eigentlich. Draußen schiebt jemand einen Kinderwagen vorbei. Ein Lieferwagen hält vorm Café. Der Mann, der aussteigt, hat Blumen dabei. Irgendwo fällt Geschirr zu laut ineinander. Und plötzlich wirkt alles erstaunlich einfach. Ich lerne gerade, dass ich nicht auf alles Einfluss habe. Nicht alles kontrollieren kann. Vielleicht muss ich das auch gar nicht. Und vielleicht reicht es manchmal wirklich, Menschen einfach Menschen sein zu lassen.

Die Sache, warum ich am Anfang die Sache mit dem Gehirn, dem präfrontalen Kortex und der Amygdala erwähnt habe, ist folgende: Bei mir springt seit einiger Zeit deutlich öfter die Amygdala an. Überlebensmodus. Fluchtmodus. Der ganze Bums. Ich interpretiere alles und jeden, schaue Menschen an, wie sie gehen, stehen, schauen. Höre zu und spiele in Gesprächen gedanklich sämtliche Möglichkeiten durch. Manchmal fühle ich mich wie Dr. Strange in „Avengers Infinity War“, der irgendwo im Schneidersitz sitzt und parallel mehrere Millionen mögliche Szenarien berechnet. Nur ohne Superkräfte. Dafür mit Schlafproblemen und zu viel Kaffee. Ich bin oft angespannt. Immer irgendwie in Unruhe. Und wahrscheinlich habe ich die letzten Jahre versucht, möglichst alles richtig zu machen. Hauptsache niemand ist enttäuscht. Hauptsache niemand denkt schlecht über mich. Hauptsache harmonisch. Mag man jetzt glauben oder nicht. Spielt ehrlich gesagt keine große Rolle. Denn seit Anfang dieser Woche übe ich etwas Neues. Etwas überraschend Einfaches. Andere Menschen einfach sein zu lassen. Das klingt erstmal platt. Fast schon zu platt. Ist es aber überhaupt nicht.

Ich glaube ja, dass manche Menschen erstaunlich viel Energie darauf verwenden, Dinge kontrollieren zu wollen, die komplett außerhalb ihrer Kontrolle liegen. Antworten. Aufmerksamkeit. Gefühle anderer Menschen. Sympathie. Stimmung. Erwartungen. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich selbst genau so ein Mensch bin. Oder zumindest lange war. Vielleicht auch immer noch ein bisschen bin. Man wartet auf Nachrichten und schaut alle sieben Minuten aufs Handy, als würde dort demnächst ein wichtiger NATO-Einsatz koordiniert werden. Dabei hat die andere Person vielleicht einfach nur ihr Handy auf lautlos gestellt und sitzt gerade irgendwo bei Ikea zwischen Teelichtern, Köttbullar und innerer Erschöpfung oder interessiert sich längst nicht mehr für einen. Ich glaube, viele von uns laufen permanent mit diesem unsichtbaren Gefühl herum, nicht genug zu sein. Nicht interessant genug. Nicht wichtig genug. Nicht lustig genug. Und deshalb versucht man ständig gegenzusteuern. Noch netter sein. Noch verständnisvoller. Noch mehr erklären. Noch mehr kämpfen. Hier einladen, da etwas bezahlen. Und dabei merkt man gar nicht mehr, wie anstrengend das irgendwann wird. Für den Kopf. Für den Körper. Für alles.

Früher hab ich ja auch immer geglaubt, Stark sein bedeutet, Dinge festzuhalten. Menschen. Beziehungen. Gespräche. Harmonie. Freundschaften. Jetzt realisiere ich langsam, Stärke bedeutet oft eher, all das nicht mehr mit Gewalt zusammenhalten zu wollen. Jemand antwortet nicht mehr auf meine Nachrichten? Egal. Jemand versteht mich falsch? Nicht meine Verantwortung. Menschen halten mich für arrogant, ruhig, komisch oder zu zurückgezogen? Lass sie. Menschen, von denen ich dachte, sie wären Freunde, verlieren ihr Interesse an mir? Lass sie. Jemand meldet sich nur, wenn er gerade einsam ist oder etwas braucht? Ich muss nicht darauf reagieren. Jemand denkt, ich sei unfreundlich, weil ich nicht ständig erreichbar bin? Lass sie. Jemand ist nicht meiner Meinung? Das ist okay. Jemand geht? Ich halt die Tür auf. Das Alles bedeutet ja nicht, dass einem alles egal wird. Eher das Gegenteil. Man beginnt nur langsam zu verstehen, dass Frieden manchmal dort anfängt, wo man aufhört, ständig alles beeinflussen zu wollen.

Seit ein paar Tagen beobachte ich Menschen deshalb anders. Ruhiger vielleicht. Da draußen läuft ein Mann mit AirPods und blauer Steppweste an dem Café vorbei, als hätte er direkt im Anschluss noch ein wichtiges Meeting. Zwei Jugendliche sitzen auf einer Bank und schauen gemeinsam aufs Handy. Eine Frau telefoniert gestikulierend mit jemandem und wirkt gleichzeitig genervt und liebevoll. Menschen sind kompliziert. Widersprüchlich. Emotional. Manchmal anstrengend. Oft überfordert. Vermutlich genau wie ich. Und vielleicht besteht das ganze Geheimnis tatsächlich einfach darin, nicht mehr überall eingreifen zu wollen. Nicht jedes Schweigen zu analysieren. Nicht jedem Menschen hinterherzulaufen, der einen missversteht oder gehen möchte. Man darf Menschen wirklich einfach Menschen sein lassen. Und sich selbst vielleicht auch. Lass sie. Und lass mich. Für mich ist das jedenfalls der richtige Weg.

Irgendwo am Wasser.

Wo der Lärm langsam endet.

Die letzten Wochen fühlten sich an, als hätte mir jemand mehrere vollkommen unterschiedliche Leben ineinander geschoben. Ich war nachts in Städten. An Bahnhöfen voller Menschen, die irgendwohin wollten oder längst nirgendwo mehr ankamen. Polizeieinsätze zwischen blinkendem Blaulicht und genervten Lautsprecherdurchsagen. Menschen mit abgetragenen Jacken und Decken, die nicht mehr aussahen, als hätten sie in letzter Zeit besonders viele gute Tage erlebt. Manche saßen einfach nur da und schauten vor sich hin. Eine Frau wurde gegen Mitternacht von zwei Polizisten freundlich zum Zug begleitet. Wahrscheinlich aus Angst. Andere liefen gestresst durch die Nacht, als würden sie vor etwas Unsichtbarem fliehen. Vielleicht taten sie das auch. Dazwischen waren überfüllte Züge. Menschen mit Koffern, Rucksäcken und diesem Blick, den man irgendwann bekommt, wenn man seit Stunden unterwegs ist und langsam vergisst, wie Ruhe eigentlich funktioniert. Busse so voll, dass man bereits beim Einsteigen das Gefühl hatte, selbst einer zu viel zu sein. Irgendwo roch es ständig nach Kaffee, Zigaretten, nassen Jacken und diesem seltsamen Mix aus Müdigkeit und warmer Zugluft. Ich habe wenig geschlafen, vieles irgendwo zwischendurch gegessen und irgendwann sogar noch einen Krankenhausaufenthalt mitgenommen, als hätte das Leben beschlossen, wirklich einmal alles gleichzeitig auszuprobieren. Manchmal denke ich, würde ich all das jemandem erzählen, würde es vermutlich niemand wirklich glauben.

Und dann war ich plötzlich in Oberstdorf. Ein Geschenk von Menschen, die vermutlich gar nicht wissen, was sie damit eigentlich gemacht haben. Sonne zwischen den Bergen. Irgendwo noch Schnee. Regen auf Wiesen. Kühle Luft am Morgen. Menschen mit Wanderschuhen und roten Gesichtern vor Cafés. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich dort nicht ständig das Gefühl, sofort wieder wegzumüssen. Vielleicht, weil die Berge nichts von einem wollen. Der Wald interessiert sich nicht dafür, ob man funktioniert. Und der Regen fällt einfach auf Wege, Dächer und Jacken, ohne daraus ein Problem zu machen. Ich glaube, genau das vergisst man manchmal zwischen all dem Lärm. Wie gut es eigentlich ist, einfach irgendwo ankommen zu können. Ein Dach über dem Kopf zu haben. Einen Ort, an dem nachts Ruhe ist. Keinen perfekten Ort. Aber einen sicheren. Diese Welt ist voller Gegensätze. Während manche Menschen morgens ihren Coffee-to-go holen und sich über verspätete Züge ärgern, versuchen andere einfach nur irgendwie durch die Nacht zu kommen. Und manchmal reicht schon ein Bahnhof um drei Uhr morgens, damit man wieder begreift, wie dünn diese Grenze eigentlich sein kann.

Natürlich weiß ich, dass vieles von dem, was einem Angst macht, im eigenen Kopf entsteht. Dass Angst nicht automatisch Wahrheit ist. Dass man nicht ständig auf der Flucht ist, nur weil es sich manchmal so anfühlt. Und trotzdem gibt es diese Morgen, an denen der Körper irgendwo in Sicherheit liegt, während der eigene Kopf bereits so tut, als müsste man jederzeit aufspringen und verschwinden. Und genau das ist das Bescheuerte daran. Dass man Dinge durchaus verstehen kann. Rational. Klar. Fast schon nüchtern. Und trotzdem bedeutet das noch lange nicht, dass sie emotional irgendwo ankommen. Wissen und Fühlen sind manchmal zwei unterschiedliche Länder. Man kann sich etwas hundertmal erklären und morgens trotzdem das Gefühl haben, als hätte der eigene Kopf beschlossen, es einfach nicht zu glauben. Dann steht man auf, schnappt seine Sachen und muss weiter. Woanders hin. Irgendwohin, wo man für einen Moment nicht das Gefühl hat, zu stören. Vielleicht brauche ich genau deshalb manchmal Wälder, Regen, Berge oder lange Wege draußen. Nicht als Lösung. Nicht als romantische Flucht vor dem Leben. Sondern eher wie eine Art leiser Gegenentwurf zu all dem Lärm. Draußen interessiert es niemanden, ob ich gerade alles im Griff habe. Der Wald will keine Erklärungen. Feldwege stellen keine Fragen. Und irgendwo zwischen nassen Sträuchern, Wind in den Bäumen und diesem Geräusch von Schuhen auf Kies wird es im Kopf manchmal wenigstens kurz stiller. Nicht perfekt. Nicht geheilt. Aber ruhiger. Und manchmal reicht das schon.

Und vielleicht vergisst man zwischen all dem irgendwann auch, wie viele kleine Dinge eigentlich richtig gut sind. Frische Bettwäsche zum Beispiel. Kaffee am Morgen. Das Geräusch von Regen draußen, wenn man selbst im Trockenen sitzt. Hunde, die völlig grundlos glücklich über Feldwege toben. Dieses erste warme Licht nach mehreren Tagen Grau. Oder der Moment, wenn man nach langer Zeit morgens wieder aufwacht und nicht sofort das Gefühl hat, vor irgendetwas weglaufen zu müssen. Vielleicht beginnt genau da langsam wieder Leben. Nicht in den großen Veränderungen. Nicht in irgendwelchen Motivationssätzen. Sondern leise. Irgendwo zwischen Alltag, Ruhe und diesem Gefühl, dass noch etwas vor einem liegt. Wege. Sommerabende. Gespräche. Orte, die man noch sehen will. Geschichten, die noch nicht passiert sind. Und irgendwann schnürt man die Stiefel wieder. Nimmt den Rucksack. Geht los. Nicht mehr, um wegzurennen. Sondern weil man langsam spürt, dass irgendwo vor einem wieder etwas wartet. Vielleicht kein perfektes Leben. Aber eines, auf das man wieder Lust hat. Eines mit Zielen. Mit Wünschen. Mit Sommernächten irgendwo am Hang, während unten das Wasser durch den Fluss zieht und alles für einen Moment so ruhig wirkt, als hätte die Welt beschlossen, einen endlich kurz durchatmen zu lassen. Und man freut sich leise, wenn jemand sagt, dass es schön ist, wenn man auch mal die Fresse hält. Und man lacht. Weil es ehrlich ist. Aber nicht böse.

Fluchtmodus.

Mit gepackten Taschen.

Ich glaube, normale Menschen packen ihre Taschen nach einer Reise irgendwann wieder aus. So richtig. Mit Schrank. Mit festen Plätzen für Sachen. Die Zahnbürste ins Bad. Das Ladekabel in irgendeine Schublade. Den Hoodie zurück an den Haken. Bei mir ist es momentan anders. Da bleibt vieles einfach liegen. Halb im Rucksack. Halb daneben. Als würde mein Leben aus Zuständen bestehen, die nie lange genug dauern, um wirklich anzukommen. Vielleicht ist das Faulheit. Vielleicht aber auch einfach dieses merkwürdige Gefühl, jederzeit wieder loszumüssen. Wobei „müssen“ wahrscheinlich das falsche Wort ist. Eher: jederzeit verschwinden zu können. Manchmal sitze ich abends irgendwo mit dem MacBook da und scrolle gleichzeitig durch Jobportale und Immobilienanzeigen. Eine erstaunlich deprimierende Mischung eigentlich. Auf der einen Seite Unternehmen, die „dynamische Teamplayer“ suchen. Auf der anderen Wohnungen mit Dachschrägen und warmem Licht auf den Fotos, als würde dort automatisch ein besseres Leben stattfinden. Irgendwann merke ich dann, wie absurd das alles geworden ist. Ich suche plötzlich gleichzeitig Arbeit, Zukunft, Sicherheit, Ruhe und auch mich selbst. Alles zwischen „ab sofort verfügbar“ und „Kaltmiete auf Anfrage“.

Verrückt ist vor allem, wie schnell sich ein Leben verändern kann. Vor ein paar Monaten wirkten viele Dinge noch geordnet. Als würden sie bleiben. Heute passen große Teile meines Lebens theoretisch in Taschen und Kartons. Und ehrlich gesagt macht mir genau das mittlerweile erstaunlich wenig Angst. Vielleicht, weil irgendwann der Punkt kommt, an dem man aufhört, krampfhaft festhalten zu wollen. Vielleicht aber auch, weil in all diesem Chaos plötzlich etwas auftaucht, das lange gefehlt hat: Möglichkeit. Ein unbeschriebenes Blatt klingt immer wahnsinnig romantisch, bis man wirklich davorsteht. Die meisten Menschen wollen Freiheit nur so lange, wie trotzdem alles sicher bleibt. Aber so funktioniert das vermutlich nicht. Neues entsteht selten dort, wo noch alles geschniegelt im Regal steht. Neulich musste ich wieder an „Die unendliche Geschichte“ denken. Den Film. Das Buch habe ich nie gelesen. An diese Szene mit der kindlichen Kaiserin im Dunkeln. „Du darfst dir etwas wünschen.“ Und Bastian fragt: „Wie viele Wünsche habe ich denn?“ „So viele du willst. Je mehr Wünsche du hast, desto großartiger wird Phantásien. Vielleicht ist Leben am Ende genau das Gegenteil von dem, was ich früher dachte. Nicht weniger Wünsche zu haben. Sondern wieder den Mut zu finden, überhaupt noch welche zuzulassen.

Fakt ist, und ich gestehe mir das selbst nur ungern ein: Ich habe Angst. Nicht diese große, dramatische Angst, wie man sie aus Filmen kennt. Keine Panik. Kein Herzrasen. Eher etwas Leiseres. Hartnäckigeres. Dieses Gefühl, irgendwo nicht richtig hinzugehören. Zu stören. Zu lange da zu sein. Ich bin ungern in fremden Wohnungen. Selbst dann, wenn dort Menschen wohnen, die ich eigentlich Freunde nennen würde. Menschen, die sagen: „Fühl dich wie zu Hause.“ Ein Satz, der nett gemeint ist und trotzdem nie funktioniert. Vielleicht, weil ich ziemlich genau weiß, dass es eben nicht mein Zuhause ist. Dass dort Schränke stehen, die anderen gehören. Gewohnheiten. Erinnerungen. Routinen, in denen ich selbst nicht vorkomme. Ich merke das oft an völlig einfachen Dingen. Dass ich Tassen erst benutze, wenn man sie mir ausdrücklich hinstellt. Dass ich keine Kühlschränke öffne, selbst wenn man mir sagt, ich könne jederzeit drangehen. Dass ich nachts leise durchs Bad gehe, als könnte zu viel Geräusch bereits zu viel Anwesenheit bedeuten. Menschen schleichen erstaunlich vorsichtig durch Räume, in denen sie glauben, nur geduldet zu sein.

Vielleicht kommt das daher, dass ich mich lange daran gewöhnt habe, möglichst wenig Platz einzunehmen. Emotional. Räumlich. Überhaupt. Es ist ein merkwürdiges Leben, wenn man ständig versucht, niemandem zur Last zu fallen und irgendwann merkt, dass man dabei selbst nirgends mehr richtig stattfindet. Und gleichzeitig suche ich genau danach. Nach Ankommen. Nach einem Ort, an dem niemand sagen muss: „Mach es dir ruhig gemütlich“, weil ich längst weiß, dass ich bleiben darf. Vielleicht ist das der eigentliche Kern von Zuhause. Keine Möbel. Keine Wände. Sondern das Gefühl, dass die eigene Anwesenheit keine Erklärung braucht. Manchmal frage ich mich, wie viele Menschen eigentlich genauso leben. Mit gepackten Taschen im Flur und diesem leisen inneren Reflex, jederzeit wieder verschwinden zu können, bevor man irgendwo wirklich sichtbar wird.

Genau das ist gerade mein Leben. Kein Ankommen. Eher ein Dazwischen. Zwischen alten Orten und neuen Möglichkeiten. Zwischen dem Menschen, der ich lange war, und dem, der ich vielleicht irgendwann noch werde. Manchmal macht mir das Angst. Manchmal fühlt es sich aber auch erstaunlich leicht an. Fast so, als hätte das Leben nach langer Zeit endlich aufgehört, so zu tun, als wäre alles fest planbar. Neulich lag ich nachts auf einem fremden Sofa und konnte nicht schlafen. Im Raum tickte eine Uhr im Sekundentakt. Die Zeit lief einfach weiter. Ich sah meine Tasche im Halbdunkel stehen. Nicht richtig ausgepackt. Natürlich nicht. Und plötzlich dachte ich, dass Menschen vermutlich viel zu oft glauben, zuerst irgendwo ankommen zu müssen, bevor ihr Leben beginnen darf. Vielleicht stimmt genau das nicht. Vielleicht besteht ein Teil des Lebens einfach daraus, trotzdem weiterzugehen. Trotz Unsicherheit. Trotz Angst. Trotz dieses Gefühls, manchmal nirgendwo ganz hineinzupassen. Und vielleicht entsteht Zuhause am Ende nicht dort, wo alles perfekt ist. Sondern dort, wo man irgendwann aufhört, ständig bereit zur Flucht zu sein.

Umwege.

Nachts im Hotel.

Einer der schlimmsten Sätze der deutschen Sprache. Direkt hinter „Der Drucker funktioniert nicht mehr“ und „Wir müssen die Unterlagen fürs Finanzamt noch zusammensuchen.“ Vielleicht sogar davor. Der Satz hat etwas Endgültiges. Niemand hört „Wir müssen reden“ und denkt anschließend: Ach schön, vielleicht geht es um Urlaubsplanung oder einen neuen Wasserkocher. Ich stand währenddessen mit einer Packung mittelaltem Gouda vor dem Kühlschrank und dachte ernsthaft darüber nach, ob man Käse einfrieren kann. Menschen reagieren erstaunlich würdelos, sobald ihr Leben auseinanderfällt. In Filmen werfen Leute Gläser gegen Wände oder fahren nachts orientierungslos durch die Stadt. Ich hingegen stand in Socken auf kalten Fliesen und überlegte, ob tiefgefrorener Gouda nach dem Auftauen vielleicht eine komische Konsistenz bekommt.

Knoppers im Bett zu essen, ist eigentlich immer eine dumme Idee. Vor allem wegen dieser kleinen Haselnussstückchen und der Schokolade, die einfach überall landen. In der Bettdecke. Unter dem Rücken. Irgendwann vermutlich sogar im eigenen Bauchnabel. Es sei denn, es ist ein Hotelbett. Da landen die auch überall, aber in Hotels wirkt selbst das plötzlich erstaunlich vertretbar. Wahrscheinlich, weil man morgens einfach geht und sich nicht weiter damit beschäftigen muss. Hotels leben im Grunde davon, dass Menschen dort kurzfristig Versionen ihrer selbst werden, die sie zu Hause niemals wären. Menschen bestellen plötzlich Sandwiches um Mitternacht, laufen barfuß durchs Zimmer oder essen eben Knoppers im Bett, als gäbe es keine Konsequenzen im Leben.

Es ist 23:10 Uhr und ich habe schon wieder zu lange geschrieben. Draußen ist alles längst still geworden. Glaub ich zumindest. Ab und zu fährt noch irgendwo ein Auto vorbei. Im Zimmer brennt nur noch eine kleine Lampe neben dem Bett und neben mir liegt ein Roman, den ich schon in Oberstdorf lesen wollte. Erfolglos. Ich lese momentan fast nur noch meine eigenen Texte. Vermutlich ein bisschen wie Menschen, die plötzlich anfangen, ihre Symptome zu googeln und danach überzeugt sind, höchstens noch drei Wochen zu leben. Heute Abend habe ich wieder an meinem Roman gearbeitet. Über Anfänge und Enden geschrieben. Über Männer, die zu lange schweigen. Über Hunde. Über Beziehungen. Über Entscheidungen, die sich erst Monate später als Fehler herausstellen. Oder als Rettung. Das Problem beim Schreiben ist ja, dass man irgendwann anfängt, überall Geschichten zu sehen. In Cafés. Auf Bahnhöfen. In Gesichtern. Selbst Menschen im Supermarkt wirken plötzlich, als hätten sie Kapitel. Der Mann vor mir an der Kasse kaufte heute Abend nur Katzenfutter, Toast und Energydrinks. Ich stand hinter ihm und dachte kurz darüber nach, wie sein Leben wohl aussieht. Schreiben macht aus normalen Gedanken irgendwann leicht unangenehme Beobachtungsstörungen.

Mittlerweile bin ich übrigens 45. Laut Denise praktisch kurz vor betreutem Wohnen. Ehrlich. Diese Information benutzt sie ungefähr so, wie andere Menschen einen Taser. Dann zeigt sie mir den Mittelfinger, nennt mich „Vorfeld zur Verwesung“ und behauptet, meine Knochen würden beim Aufstehen klingen wie etwas, das gleichzeitig bricht und stirbt. Wenn ich beim Wandern irgendwo kurz stehen bleibe, schaut sie mich an und fragt völlig ernst, ob sie schon mal vorsorglich einen Platz im betreuten Wohnen reservieren soll. Sie lacht darüber, dass ich nicht mehr über umgefallene Bäume springe, sondern vorher kurz abschätze, ob sich das Knie danach eventuell mehrere Werktage beleidigt verhält. Und ehrlich gesagt verstehe ich langsam, warum Männer ab einem gewissen Alter plötzlich anfangen, sich ernsthaft für Wärmepumpen oder orthopädische Kopfkissen zu interessieren. Der Körper wird irgendwann zu einer Art sehr passiv-aggressivem Mitbewohner. Aber gut. Denise ist zehn Jahre jünger. In zehn Jahren lache ich dann zurück. Vorausgesetzt natürlich, ich lebe noch. Wobei man da ehrlich gesagt nie ganz sicher sein kann. Vor allem nicht in meinem Alter. Mit Mitte vierzig beginnt man plötzlich, Sätze zu sagen wie: „Früher konnte ich sowas einfach essen.“ Oder man freut sich ernsthaft über gute Matratzen. Dinge verändern sich schleichend. Irgendwann besitzt man plötzlich eine bevorzugte Herdplatte und reagiert emotional auf schlechte Rückenlehnen.

Es ist inzwischen 23:13 Uhr und ich hätte längst schlafen sollen. Stattdessen sitze ich hier zwischen Krümeln, offenen Dokumenten und irgendwelchen halbfertigen Sätzen im Hotel und merke, dass mir das Schreiben wahrscheinlich wichtiger geworden ist, als ich es lange zugeben wollte. Vielleicht ist der Roman eine Herzensangelegenheit. Vielleicht ist er aber auch Therapie. Vermutlich sogar beides. Und ehrlich gesagt glaube ich mittlerweile, dass jeder Mensch in seinem Leben mal eine Therapie machen sollte. Einfach, damit im Kopf irgendwann wieder ein bisschen Ordnung entsteht. Gedankenhygiene. Ich mag dieses Wort. Klingt ein wenig nach Frühjahrsputz für die Seele. Und vermutlich brauchen die meisten von uns genau das öfter, als sie zugeben würden. Drei Knoppers noch.

Ich werde Schriftsteller. Punkt. Heute fällt es mir leichter, das auszusprechen. Früher bin ich um diesen Satz herumgelaufen wie Menschen um merkwürdige Nachbarn auf der Straße. Bloß nicht zu direkt werden. Bloß nicht unangenehm auffallen. „Ich schreibe gerade an einem Roman“ klingt in Deutschland nämlich immer noch ein bisschen so, als hätte man beschlossen, hauptberuflich Räucherstäbchen zu verkaufen oder mit Mitte vierzig plötzlich Straßenmusiker in Portugal zu werden. Die meisten reagieren freundlich interessiert. Was oft nur die höflichere Form von „Das wird doch eh nichts“ ist. Dabei wusste ich lange selbst nicht genau, wie ich das nennen soll. Schriftsteller. Autor. Klingt beides größer, als man sich selbst manchmal fühlt, wenn man nachts mit Knopperskrümeln im Bett sitzt und seit drei Stunden an denselben vier Absätzen rum doktort. Vor einiger Zeit gab es jedenfalls noch genug Stimmen, die meinten, das wäre keine gute Idee. Kein richtiges Fundament. Keine Sicherheit. Kein Leben, auf dem man etwas aufbauen könne. Brotlose Kunst ohne Kunst. Und das Dumme ist ja nicht mal, dass Menschen sowas sagen. Das Dumme ist, dass man irgendwann anfängt, ihnen zu glauben.

Man übernimmt fremde Zweifel irgendwann wie schlechte Angewohnheiten. Trägt sie mit sich herum. Lässt Dinge sein, die einem eigentlich etwas bedeuten, nur weil irgendwer mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit behauptet hat, daraus würde sowieso nichts werden. Menschen sprechen generell unfassbar gern über die Grenzen anderer Leute. Vermutlich, weil die eigenen dann nicht mehr ganz so traurig wirken. Aber irgendwann passiert dann etwas. Die Stimmen werden leiser. Manche verschwinden ganz. Andere verlieren einfach ihre Bedeutung. Und plötzlich merkt man, dass dieser ganze Rahmen, in den man sich selbst jahrelang gepresst hat, eigentlich nie wirklich existiert hat. Da war nie irgendeine unsichtbare Instanz, die entschieden hätte, was man darf und was nicht. Die meisten Menschen laufen ohnehin selbst völlig orientierungslos durch ihr Leben und geben dabei anderen Ratschläge mit der Autorität eines enttäuschten Fahrlehrers. (Heul leise Anneliese.)

Und ehrlich gesagt denke ich mittlerweile manchmal einfach: Fick dich. Nicht mal böse. Eher müde. Ich bin 45. Denise möchte mich gefühlt nächste Woche im betreuten Wohnen anmelden, mein Knie führt bei Wetterumschwung inzwischen eigene Verhandlungen mit dem Universum und die Uhr läuft sowieso weiter. Man hat irgendwann nicht mehr jeden Tag einen mehr. Sondern einen weniger. Das ist der Teil, den einem früher niemand wirklich erklärt. Irgendwann merkt man plötzlich, dass Zeit keine theoretische Sache ist. Sie sitzt mit im Raum. Beim Kaffee. Im Zug. Nachts im Hotelbett zwischen irgendwelchen Krümeln und offenen Word-Dokumenten. Worauf wartet man dann eigentlich noch? Ernsthaft. Darauf, dass irgendwann jemand kommt und sagt: „So Torsten, jetzt ist der richtige Moment. Jetzt darfst du anfangen.“? Vergiss es. Das passiert nicht. Niemand rettet einen. Niemand drückt plötzlich auf einen Knopf und alles ergibt Sinn. Die meisten Menschen warten ihr halbes Leben auf irgendeine Art Erlaubnis und merken erst sehr spät, dass nie jemand vorhatte, sie ihnen zu geben. Zwei Knoppers noch.

Ich sollte schlafen. Wirklich. Es ist inzwischen kurz nach Mitternacht und die Vernunft sitzt irgendwo in einer Ecke des Hotelzimmers und schaut mich wahrscheinlich schon seit einer Stunde enttäuscht an. Die letzten beiden Knoppers bewahre ich mir auf. Für morgen oder schlechte Zeiten. Wobei das im Erwachsenenleben oft erstaunlich dicht beieinanderliegt. Also eigentlich für morgen. Das MacBook klappe ich gleich zu und schließe es noch an den Strom. Ein mittlerweile fast schon fürsorglicher Vorgang. Früher bin ich einfach eingeschlafen und morgens war der Akku tot. Heute denke ich plötzlich an Ladezustände. Vermutlich beginnt Altern genau dort. Nicht bei grauen Haaren oder orthopädischen Kopfkissen. Sondern in dem Moment, in dem man nachts noch kontrolliert, ob technische Geräte genug Energie für den nächsten Tag haben.

Mit dem Smartphone mache ich jetzt vermutlich das, was Menschen abends immer machen, obwohl wirklich jeder weiß, dass es keine gute Idee ist. „Nur noch kurz gucken.“ Einer der größten Selbstbetrüge unserer Zeit. Niemand guckt nur kurz. Aus fünf Minuten werden plötzlich vierzig und ehe man sich versieht, kennt man die komplette Lebensgeschichte irgendeines Mannes aus Wuppertal, der hauptberuflich Waschbären rettet oder Tiny Houses in ehemalige Pferdeanhänger baut. Das Internet nachts ist ohnehin ein seltsamer Ort. Ab Mitternacht wirken Menschen plötzlich emotionaler, ehrlicher oder komplett wahnsinnig. Wahrscheinlich von allem etwas. Morgen ist ein neuer Tag. Neue Aufgaben. Neue Gedanken. Neue Dinge, die erledigt werden müssen. Die Bahnverbindung zwischen Bremen und Oldenburg scheint momentan allerdings ungefähr so stabil zu funktionieren wie manche Beziehungen kurz vor Weihnachten. Irgendwo ist wohl wieder etwas ausgefallen. Signalstörung. Baustelle. Personalmangel. Was weiß ich. Die Deutsche Bahn besitzt mittlerweile die bemerkenswerte Fähigkeit, selbst einfachste Strecken wie eine leicht eskalierende Expedition wirken zu lassen. Aber gut. Dann fahre ich eben einen Umweg. Wäre ja nichts Neues.

Ich kenne Umwege inzwischen ziemlich gut. Nicht nur bei Zugverbindungen. Ehrlich gesagt bestand ein überraschend großer Teil meines Lebens aus Wegen, die ursprünglich ganz anders geplant waren. Manche davon waren anstrengend. Manche komplett unnötig. Und manche führten am Ende trotzdem genau dorthin, wo ich vermutlich hinmusste. Auch wenn es unterwegs oft nicht so aussah. Und die Wahrheit ist, die meisten guten Dinge in meinem Leben lagen selten direkt auf der Strecke. Sondern irgendwo daneben. Hinter falschen Abzweigungen, schlechten Entscheidungen oder Momenten, in denen ich dachte, jetzt wäre endgültig alles völlig aus dem Ruder gelaufen. War es manchmal wahrscheinlich auch. Aber selbst daraus wurde irgendwann irgendetwas. Außer vielleicht aus der Sache mit den Knopperskrümeln im Bett. Die bleiben vermutlich einfach scheiße.

Großstadt.

Stress mit Straßenbahnanschluss.

Großstädte? Alter, die überfordern mich komplett. Allein schon beim bloßen Zuschauen. Nicht einmal wegen der Menschenmengen. Eher wegen dieser permanenten Gleichzeitigkeit von allem. Die Polizei brettert irgendwo durch die Innenstadt. Lieferdienste bringen irgendwelche Sachen in Windeseile. Und dann diese Menschen mit AirPods und einem Gesichtsausdruck, als würden sie gleichzeitig eine Firma leiten, einen Podcast aufnehmen und innerlich kurz vorm Nervenzusammenbruch stehen. Natürlich Presslufthammer. Eine Straßenbahn klingelt schon fast aggressiv. Jemand telefoniert auf Lautsprecher. Warum machen Menschen das eigentlich? Niemand hat jemals gedacht, hoffentlich bekomme ich heute noch das komplette Streitgespräch zwischen Hubert und seiner Rentenkasse mit. Jeder Hubert steht natürlich kurz vor der Rente, muss man dazu sagen. Der Name ist so alt, der schuldet Jesus noch drei Ziegen. Naja. Jedenfalls glaube ich, mich überfordert vor allem, dass Großstädte keine Pausen machen. Dörfer haben Pausen. Wälder sowieso. Selbst kleine Städte wirken manchmal, als würden sie gegen halb acht kollektiv beschließen, dass ab 18:38 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. Großstädte dagegen wirken selbst nachts noch wie Menschen, die zu viel Kaffee hatten und sich dann eingeredet haben, Schlaf wäre lediglich eine Meinung. Keine Notwendigkeit.

Und trotzdem verstehe ich die Faszination von Großstädten. Wirklich. Dieses Gefühl, dass jederzeit irgendetwas passieren könnte. Irgendwo eröffnet ein neues Restaurant. Neue Menschen ziehen in die Stadt. Neues Leben vielleicht. In der Seitenstraße neben dem Gemüseladen gibt es dieses angesagte Café, in dem der Cappuccino ungefähr so viel kostet wie früher ein kleiner Gebrauchtwagen. Natürlich nur Kartenzahlung und die Bestellungen laufen auf englisch. Zwei Straßen weiter sitzt jemand morgens um elf mit Sonnenbrille und Aperol draußen, als hätte er beruflich einfach beschlossen, keinen Stress mehr mit der Realität zu haben. Hinter dem Bahnhofsgebäude haben zwei Menschen Sex, während sich vorne am Taxistand gleichzeitig ein Ehepaar anschreit, weil irgendwer „schon wieder nichts gesagt hat“. Großstädte schaffen es erstaunlich leicht, gleichzeitig nach frischen Croissants, teurem Parfum, Urin und leicht feuchter U-Bahn-Station zu riechen. Irgendwo probiert eine High-Society-Dame in einem perfekt ausgeleuchteten Geschäft gerade Düfte aus, die Namen tragen wie „Midnight Velvet“ oder „Bois Impérial“, während drei Straßen weiter ein Mann mit nacktem Oberkörper einen Einkaufswagen durch die Gegend schiebt und sehr laut Diskussionen mit Menschen führt, die vermutlich nur er sehen kann. Alles existiert gleichzeitig. Reich. Kaputt. Schön. Laut. Einsam. Genau das fasziniert Menschen wahrscheinlich daran.

Ich merke jedenfalls ziemlich schnell, dass ich dort eigentlich nicht hingehöre. Ich bin auf dem Land groß geworden. Zwischen Ackerflächen, die so groß waren, dass man als Kind dachte, dahinter würde eh nie etwas Neues beginnen. Menschen sah man dort eher selten. Höchstens auf Traktoren. Bei der Ernte. Beim Güllefahren oder irgendwo am Feldrand während der Jagdsaison. Wenn bei uns jemand hupte, hatte das meistens einen konkreten Grund und war kein emotionaler Dauerzustand. Vielleicht fühlt sich für mich genau deshalb in Großstädten alles permanent ein bisschen zu schnell an. Zu dicht. Zu laut. Menschen laufen dort oft herum, als wären sie auf dem Weg zu etwas unglaublich Wichtigem. Immer mit diesem Blick, als würden die nächsten fünf Minuten über ihre komplette Zukunft entscheiden. Ich dagegen suche nach ungefähr zwanzig Minuten meistens hektisch irgendeinen ruhigen Ort. Einen kleinen Park. Einen Baum. Irgendetwas, das aussieht, als dürfte ich dort kurz normal atmen. Und sobald irgendwo zwischen Beton plötzlich ein Stück Grün auftaucht, freue ich mich bereits völlig unangemessen darüber. „Ach guck. Eine Bank im Schatten.“ Mehr brauche ich manchmal gar nicht. Das ist vermutlich auch eine Art Persönlichkeitstest.

Am anstrengendsten finde ich allerdings Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen. Diese Mischung aus Hektik, Musik aus offenen Ladentüren und Menschen, die plötzlich mitten im Weg stehen bleiben, als hätten sie zwischen H&M und Douglas gerade eine spirituelle Erleuchtung erfahren. Dazu Rollkoffer auf Kopfsteinpflaster. Ätzend. Ein Geräusch, das innerhalb von ungefähr vier Sekunden Aggressionen auslösen kann, die sonst vermutlich nur beim Kontakt mit Druckern oder Hotlines entstehen. Und dann diese seltsame Anspannung, die Großstädte nachts manchmal haben. Vielleicht bilde ich mir das ein. Wahrscheinlich sogar. Aber es gibt dort Menschen, denen man automatisch lieber aus dem Weg geht. Menschen, bei denen der Kopf sofort irgendwelche Geschichten erfindet, obwohl sie vermutlich einfach nur nach Hause wollen. Trotzdem läuft man plötzlich aufmerksamer. Blickt kurz über die Schulter. Wechselt vielleicht sogar die Straßenseite. Eher instinktiv. Ich merke dann immer, wie unterschiedlich Angst eigentlich sein kann. Im Wald habe ich nie dieses Gefühl. Selbst nachts nicht. Ein dichter, dunkler Wald fühlt sich für mich oft sicherer an als eine beleuchtete Fußgängerzone in irgendeiner Großstadt. Vielleicht weil Wälder ehrlich sind. Dort raschelt es und entweder ist es ein Reh oder im schlimmsten Fall etwas, das mich in Ruhe lassen will, sobald es merkt, dass ich genauso wenig Lust auf Stress habe. Städte dagegen wirken manchmal, als würden Menschen dort permanent kurz davor stehen, entweder eine Karriere zu starten oder völlig grundlos auszurasten. Und ehrlich gesagt begegne ich dann lieber einem Wolf im Wald als irgendeinem aggressiven Typen vor einem Späti nachts um halb eins.

Ich bin einfach kein Großstadtmensch. War ich nie. Werde ich nie sein. Ich mag Orte, an denen man morgens noch Vögel hört und nicht direkt irgendeinen Lieferwagen rückwärts piepen. Orte, an denen Luft nach Regen riecht und nicht nach heißem Asphalt, Frittierfett und Stress. Ich mag Cafés, in denen einfach Kaffee verkauft wird und nicht gleichzeitig noch handgetöpferte Tassen, fermentierte Hafermilch und ich einen Workshop zur persönlichen Entfaltung buchen kann. In Großstädten hat man manchmal das Gefühl, selbst ein einfaches Weizenbrötchen muss erstmal ein Konzept besitzen, bevor es verkauft werden darf. Ich mag Orte, an denen Menschen auch mal die Fresse halten können, ohne sofort hektisch aufs Handy zu schauen, als hätte die Welt in den letzten sieben Sekunden eventuell aufgehört zu existieren. Orte, an denen ein Spaziergang einfach ein Spaziergang ist und keine „Mindful Walking Experience“. Vielleicht liegt das wirklich daran, wie ich aufgewachsen bin. Mit Feldern. Mit Wind. Mit diesen riesigen Ackerflächen, auf denen manchmal stundenlang einfach gar nichts passiert ist. Außer vielleicht irgendwo ein Trecker. Und ehrlich gesagt fand ich genau das immer ziemlich beruhigend. Finde ich immer noch. In Großstädten dagegen wirkt Ruhe oft wie etwas, das man teuer buchen muss. Dachterrasse. Rooftop-Bar. Urban Retreat. Irgendwelche Menschen sitzen dann zwischen Betonpflanzen und Designerlampen und tun so, als hätten sie gerade die Stille erfunden, während unter ihnen drei Krankenwagen, zwei Polizeiautos und ein Mann namens Kevin emotional eine Work-Life-Balance-Diskussion führt.

Ganz ehrlich? Ich finde es vollkommen okay, dass ich das nicht brauche. Manche Menschen wollen Skyline. Clubs. Menschenmengen. Dieses Gefühl, dass jederzeit irgendetwas passieren könnte. Ich dagegen brauche eher einen Feldweg. Rehe, Wälder, Flüsse. Vielleicht einen Kaffee in der Hand und irgendwo einen Baum, der seit hundert Jahren exakt dieselbe entspannte Energie ausstrahlt. Jedenfalls sind das exakt die Gedanken, die ich mir momentan mache, während ich abends durch Immobilienportale scrolle und Wohnungen vergleiche. Großstadt ist dabei inzwischen komplett raus. Ehrlich. Eher hänge ich tot über einem Weidezaun, als freiwillig jeden Morgen zwischen E-Scootern, Presslufthämmern und Menschen aufzuwachen, die ihren Matcha-Latte behandeln wie ein Persönlichkeitsmerkmal.