Samstagvormittag. Mitten in Oldenburg. Ich sitze im MA vor einem Strammen Max. Also dem Frühstück. Spiegelei, Salami statt Schinken, Brot. Nicht irgendeinem Typen namens Max, der den Vorabend noch nicht ganz verarbeitet hat. Dazu Kaffee. Groß. Schwarz. Gegenüber sitzt mein Lieblingsmensch vor einer bunten Stulle. Mit Avocado-Creme. Ich gucke zu ihr rüber. Sie guckt zurück. Und eigentlich könnte der Tag an dieser Stelle schon ziemlich erfolgreich als gelungen verbucht werden. Aber wir haben ja gerade erst angefangen. Danach Innenstadt. Wir laufen einfach los. Ohne Ziel. Ohne Plan. Ohne diesen Quatsch, aus einem Samstag unbedingt eine Geschichte machen zu müssen, bei der hinterher alle denken: Scheiße, was haben die für ein geiles Leben. Ohne irgendwem beweisen zu müssen, dass man gerade verdammt viel Spaß hat. Das mag ich mit ihr. Man muss nicht ständig wissen, was als Nächstes kommt. Man kann einfach irgendwo langlaufen, stehenbleiben, sich umentscheiden, lachen, weitergehen. Mitten in der Fußgängerzone machen zwei Menschen Akrobatik. Andere bleiben stehen. Kinder gucken. Erwachsene auch, tun aber teilweise so, als würden sie nur zufällig gerade langsamer gehen. Wir bleiben natürlich auch stehen. Und als ich eher beiläufig frage, ob das jetzt eigentlich „Kunst“ ist, gucken mich ein paar Leute an, als hätte ich gerade öffentlich die Abschaffung von Kultur gefordert. Mein Lieblingsmensch lacht.
Wir laufen weiter. Etwas später sitzen wir im Extrablatt. Eigentlich davor. Alkoholfreies Hefeweizen. Keine Ahnung, ob Punkrockromantiker alkoholfreies Hefeweizen trinken dürfen. Vermutlich steht dazu irgendwas in der Hausordnung. Hab ich nicht gelesen. Nun gut, wir sitzen da, reden über irgendeinen Quatsch, gucken Menschen an, erfinden vielleicht für drei Sekunden komplette Lebensgeschichten zu Fremden und vergessen sie anschließend wieder. Genau mein Tempo. Wie lange wir dort saßen? Keine Ahnung. Irgendwann war Zeit einfach nichts, worüber wir nachgedacht haben. Aber dann wieder Innenstadt. Menschen. Geräusche. Samstag. Irgendwo am Rand der Fußgängerzone, in der Nähe des Pferdemarktes läuft plötzlich Musik. Ein kleiner Rave. Nicht riesig. Kein Festivalgelände. Keine zwölf Meter hohe Bühne mit LED-Wand und Einlasskontrolle. Einfach nur Musik. Ein DJ-Set. Ein paar Menschen tanzen. Ein paar Meter weiter spielen Kinder auf einem Spielplatz. Wir bleiben wieder stehen. Natürlich. Und für einen Moment sieht das alles erstaunlich logisch aus. Die einen springen zum Bass. Die anderen rutschen eine Rutsche runter. Im Grunde machen alle dasselbe. Sie haben gerade Bock. Wir gucken uns an und müssen lachen. Vielleicht, weil es schön ist. Vielleicht, weil die ganze Szene ein bisschen bescheuert ist. Vielleicht auch einfach, weil man mit manchen Menschen gar keinen besonderen Grund braucht.
Das ist sowieso eine der Sachen, die ich inzwischen ziemlich großartig finde. Mit dem richtigen Menschen muss nicht ständig etwas passieren. Man sitzt irgendwo. Man läuft irgendwo lang. Man trinkt irgendwas. Und trotzdem fühlt es sich nach ziemlich viel an. Wir ziehen weiter. Barcelona. Mitten in Oldenburg. Draußen sitzen. Fußgängerzone. Menschen gucken. Ich könnte das stundenlang. Mit ihr tatsächlich noch länger. Menschen laufen schließlich selten einfach nur von A nach B. Sie diskutieren. Suchen jemanden. Streiten darüber, wo man jetzt essen soll. Ziehen Kinder hinter sich her. Bleiben vor Schaufenstern stehen. Lachen zu laut. Gucken auf Handys. Küssen sich. Verlieren ihre Freunde. Finden sie fünf Minuten später wieder. Hier ein Junggesellenabschied, bei dem alle Bock haben. Zehn Meter weiter einer, der aussieht wie eine dienstliche Pflichtveranstaltung. Eine Innenstadt ist eigentlich nur ein sehr großes Theaterstück ohne Drehbuch. Und wir sitzen mittendrin. Reden. Lachen. Gucken. Manchmal reden wir über wichtiges Zeug. Manchmal komplette Scheiße. Beides find ich ziemlich gut. Ich glaub ja sowieso, dass Nähe oft völlig falsch beschrieben wird. Als müsste sie immer aus großen Gesprächen, Kerzenlicht und Sätzen bestehen, die später jemand auf eine Postkarte drucken könnte. Quatsch. Hühnerkacke. Manchmal ist Nähe einfach, zusammen in einer Fußgängerzone zu sitzen und sich gegenseitig auf irgendeinen Typen aufmerksam zu machen, der gerade seit fünf Minuten versucht, gleichzeitig ein Eis zu essen und eine Sprachnachricht aufzunehmen. Auch Liebe.
Irgendwann sagt sie, ich müsse was essen. Es gibt einen neu eröffneten Dönerladen. Also rein da. Döner mit Granatapfel und verdammt gutem Schafskäse. Granatapfel. Auf einem Döner. Mein Lieblingsmensch ist genauso begeistert wie ich, und spätestens jetzt ist klar, dass dieser Tag kulinarisch keinerlei Interesse mehr an Vernunft hat. Ich weiß ja nicht, wer von den Dönermenschen mal gesagt hat: „Da müssen noch kleine rote Kerne drauf.“ Aber ich hoffe, dieser Mensch bekommt regelmäßig Anerkennung.
Danach kurz in die Ols Brauerei. Ein Bier. „Kurz“ ist übrigens eines dieser Wörter, bei denen man samstags grundsätzlich vorsichtig sein sollte. Genau wie „nur eins“. Oder: „Wir gucken mal.“ Wir gucken also mal. Zusammen. Zwischen älteren Herrschaften, die auch auf Sylt sitzen könnten, läuft ein Nirvana-Song und irgendjemand ruft: „Geil Offspring.“
Danach Wallstraße. Nur bis zur nächsten Kreuzung. Nur mal gucken. Klar. Plötzlich ein Irish Pub. Handgemachte Musik. Und spätestens hier bekommt der Tag einen anderen Takt. Es ist voll. Menschen stehen an der Theke, sitzen an Tischen, lehnen irgendwo herum, reden durcheinander. Man trifft Leute, die man kennt. Und Leute, die man nicht kennt. Was kein besonders großer Unterschied bleibt. Wir kommen ins Gespräch. Mit diesem. Mit jener. Mit Menschen, deren Namen man fünf Minuten später vielleicht schon wieder vergessen hat, deren Geschichte man aber trotzdem für einen Moment kennt. Zwischendurch finde ich meinen Lieblingsmenschen immer irgendwo zwischen all diesen Leuten wieder. Sie lacht. Und ich denke kurz: Ja. Genau das.
Keine Ahnung, wie man solche Augenblicke vernünftig beschreibt, ohne sofort in irgendeinen romantischen Unfall zu geraten. Also lasse ich es. Es war einfach schön. Richtig schön. Ich mag solche Abende. Nicht dieses Sehen-und-gesehen-werden-Gedöns. Sondern Abende, an denen Menschen einfach Bock haben. Auf Musik. Auf Bier. Auf Gespräche. Aufeinander. Die Leute lachen. Singen. Tanzen. Und wir mittendrin. Auf dem Weg nach Hause landen wir natürlich noch in einer Karaoke-Bar. Natürlich. Es gibt Momente im Leben, bei denen man vorher ziemlich genau weiß, dass sie am nächsten Morgen nur schwer vernünftig zu erklären sein werden. Eine Karaoke-Bar gehört dazu.Es läuft Justin Bieber. „Baby.“ Und plötzlich verliert die komplette Bar kollektiv den Verstand. Abriss. Wirklich. Menschen singen. Menschen brüllen. Menschen tanzen. Und wir eben auch. Oder zumindest etwas, das unter großzügiger Auslegung als Tanzen durchgeht. Menschen, denen man morgens um elf vermutlich niemals zugetraut hätte, freiwillig Justin Bieber mitzusingen, geben um diese Uhrzeit alles, als hinge die Zukunft der gesamten Zivilisation davon ab, diesen Refrain gemeinsam zu überleben. Geil. Ich gucke zu meinem Lieblingsmenschen. Sie kennt den Song eigentlich gar nicht. Was die komplette Bar allerdings nicht als gültige Ausrede akzeptiert. Die ganze Bande da singt. Und in diesem Moment ist mir vollkommen scheißegal, dass Justin Bieber wahrscheinlich nicht unbedingt zum offiziellen Soundtrack meines Lebens gehört. Aber vielleicht besteht ein wirklich guter Abend genau daraus. Dass für ein paar Stunden niemand cool sein muss. Dass niemand darüber nachdenkt, ob das gerade peinlich ist. Dass irgendein Lied läuft, das man unter normalen Umständen vielleicht sofort wegdrücken würde, und plötzlich liegt man sich fast mit Fremden in den Armen und singt mit. Und vielleicht besteht ein wirklich guter Tag auch daraus, jemanden neben sich zu haben, mit dem man diesen ganzen Quatsch teilen will. Das Frühstück. Das Herumlaufen. Das Menschenbeobachten. Den Döner. Das Bier. Die Gespräche. Die Musik. Den komplett bescheuerten, kollektiven Justin-Bieber-Zusammenbruch einer Karaoke-Bar. Nicht, weil jeder dieser Momente für sich riesig wäre. Sondern weil sie zusammen plötzlich etwas werden.
Unser Samstag. Viel zu spät gehen wir schlafen. Drei Stunden. Mehr werden es nicht. Völlig bescheuert. Natürlich. Vernünftige Menschen hätten irgendwann gesagt: „Wir sollten langsam.“ Haben wir nicht. Zum Glück. Denn am nächsten Morgen bin ich müde wie ein Mensch, der eine sehr schlechte wirtschaftliche Entscheidung getroffen hat. Und während mein Körper offenbar versucht, offiziell Beschwerde gegen mich einzureichen, denke ich nur: Scheiße. Was für ein guter Tag.
Vielleicht lag es an Oldenburg. Vielleicht am Döner. Vielleicht an Justin Bieber. Aber eigentlich weiß ich ziemlich genau, woran es wirklich lag.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/oldenburgliebe.jpg10001500AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-08-17 12:50:372026-08-17 12:50:39Vielleicht lag es an Oldenburg.
Ich glaub ja, ich bin ein Punkrockromantiker. Keine Ahnung, ob das ein echtes Wort ist. Vermutlich nicht. Umso besser. Echte Wörter haben sowieso viel zu oft Aktenordnercharakter. Punkrockromantiker klingt dagegen nach alten kaputten Chucks, viel zu lauten Gitarren und diesem einen Menschen, bei dem man plötzlich leiser wird. Nach zerknitterten Konzertkarten, Bahnsteigen um Mitternacht, schwarzem Kaffee am nächsten Morgen und Nachrichten wie „Sag Bescheid, wenn du zuhause bist“, die manchmal mehr Liebe enthalten als drei Seiten Gedicht.
Früher dachte ich ja, man müsse sich auch mal entscheiden. Keine Ahnung. Erwachsen werden. Entweder, oder. Hart oder weich. Laut oder empfindsam. Unabhängig oder verliebt. Entweder der Typ vorne im Pulk, der beim Refrain den Mittelfinger hochreißt, oder derjenige, der nachts im Bett liegt und sich fragt, ob es dem anderen gerade wirklich gut geht. Kompletter Quatsch. Ich will beides. Ich will Gitarren, die mir das Hirn durchlüften, und Menschen, bei denen ich merke, wenn sich ihre Stimme um einen halben Ton verändert. Ich will mich nicht verbiegen, aber für die richtigen Menschen auch mal einen verdammten Umweg machen. Ich will gehen können, wenn etwas mich klein macht, und bleiben, wenn es nur gerade schwierig ist. Ich will schnell vergeben und langsam küssen. Ich will morgens mit zerknittertem Gesicht Kaffee trinken und trotzdem dieses völlig uncoole Kribbeln haben, wenn ein bestimmter Name auf meinem Display erscheint.
Vielleicht ist genau das Punkrockromantik. Nicht Rosenblätter auf irgendeinem Hotelbett. Nicht Sonnenuntergang mit Geigenmusik. Und bitte auch kein Typ mit Akustikgitarre, der ungefragt Wonderwall anstimmt. Brechreizstimmung. Echt. Punkrockromantik ist, wenn jemand nachts um zwei noch, keine Ahnung, 100 Kilometer fährt, weil du gerade jemanden brauchst. Wenn dir einer beim Konzert wortlos die Hand auf die Schulter legt, weil er gesehen hat, dass dein Abend scheiße läuft. Wenn man sich streitet, sich kurz gegenseitig für komplett bescheuert hält und trotzdem nicht sofort alles wegwirft. Wenn jemand deine Macken kennt und nicht versucht, daraus ein Renovierungsprojekt zu machen. Wenn Nähe nicht bedeutet, sich gegenseitig einzusperren, sondern Türen offen zu lassen und trotzdem zu hoffen, dass der andere bleibt. Aber ohne daraus einen verdammten Besitzanspruch zu machen. Menschen gehören einem nicht.
Ich mag Menschen mit Ecken. Menschen, die schon mal auf die Fresse gefallen sind und deshalb nicht so tun müssen, als hätten sie das Leben verstanden. Menschen mit Narben, schlechten Entscheidungen, zu vielen ausgewaschenen Shirts und Geschichten, die nicht sauber in drei Sätze passen. Menschen, die laut lachen, ehrlich fluchen und trotzdem vorsichtig werden, wenn jemand ihnen etwas anvertraut. Dieses ganze Gerede davon, dass man sich selbst genügen muss, klingt für mich sowieso nach einem Satz, der erfunden wurde, damit niemand zugeben muss, dass wir einander brauchen. Natürlich kann ich alleine leben. Ich kann alleine Zug fahren, alleine essen, alleine durch Wälder laufen und vermutlich sogar alleine einen Kleiderschrank aufbauen, wobei spätestens bei Seite sieben der Anleitung ernsthafte Zweifel angebracht wären. Aber ich möchte gar nicht alles alleine können müssen. Ich mag dieses Wir. Nur eben nicht als Käfig.
Punk war für mich sowieso nie einfach nur dagegen sein. Gegen alles sein kann jeder schlecht gelaunte Hausmeister. Ok. Der ist es meistens auch. Punk ist für mich eher, dass ich selbst entscheide, was mir wichtig ist. Ich muss mein Leben nicht nach irgendeiner Hausordnung führen, die mir Menschen geschrieben haben, die darin gar nicht wohnen. Ich darf mit Mitte vierzig noch zu Konzerten fahren. Mich verlieben. Blödsinn machen. Scheiße labern. Neu anfangen. Zu laut lachen. Eine Nacht durchreden. Einen Menschen vermissen. Einen anderen gehen lassen. Ich darf weich sein, ohne schwach zu werden. Und ich darf Grenzen haben, ohne zum Arschloch zu werden.
Vielleicht ist Romantik überhaupt viel weniger hübsch, als wir immer tun. Vielleicht trägt sie gar kein weißes Hemd. Vielleicht hat sie eine alte Jeans an, verschütteten Kaffee auf dem Tisch und Augenringe vom Vorabend. Vielleicht steht sie morgens am Bahnhof, friert ein bisschen und wartet trotzdem. Vielleicht ist Liebe manchmal einfach, jemandem die Pommes zu überlassen, obwohl man selbst noch Hunger hat. Den letzten Schluck Kaffee. Wobei das natürlich schon härter ist, als ein Heiratsantrag. Die bessere Bettseite. Okay, halt, irgendwo muss Romantik auch Grenzen haben.
Ich möchte jedenfalls nicht mehr vorsichtig leben. Vorsichtig habe ich lange genug gemacht. Vorsichtig sagen, vorsichtig fühlen, vorsichtig hoffen, vorsichtig bloß nicht zu viel wollen. Leck mich. Ich will Menschen sagen, wenn ich sie mag. Ich will Freunde umarmen, ohne vorher die gesellschaftlich zulässige Umarmungsdauer auszurechnen. Ich will mich freuen, ohne sofort nach dem Haken zu suchen. Ich will Pläne machen, obwohl ich sie verkacken könnte. Ich will lieben, obwohl ich längst weiß, was Liebe anrichten kann. Gerade deshalb vielleicht.
Und wenn es irgendwann wieder kracht? Wenn irgendetwas auseinanderfliegt, obwohl man dachte, diesmal würde es halten? Dann wird es wehtun. Natürlich. Punkrockromantiker sind schließlich keine gefühllosen Idioten mit Lederjacke. Das Wort hab ich mir ausgedacht. Vielleicht trifft es sie sogar etwas härter, weil sie trotz allem immer wieder das Herz auf den Tisch legen, direkt neben den Autoschlüssel, die Konzertkarte und den ganzen anderen Kram, den man unterwegs so braucht. Dann liegt man eben kurz da. Flucht ein bisschen. Vielleicht auch länger. Aber man steht wieder auf, wischt sich den Dreck von der Hose und dreht die Musik hoch. Und wenn unterwegs jemand kommt, der bleiben möchte, macht man eben Platz. Auf der Rückbank. Auf dem Beifahrersitz. In der Küche. Egal. Wo auch immer. Hauptsache, man macht Platz.
Irgendwo weit hinter dem Dorf strecken die Sonnenblumen ihre Köpfe Richtung Himmel. Sie flüstern leise, dass der Sommer bald vorbei sein wird. Noch liegt die Sonne warm über den Feldern. Noch riecht die Luft abends nach Staub, Gras und diesen langen Tagen, von denen man im Juni immer glaubt, sie würden niemals enden. Aber morgens liegt bereits etwas anderes zwischen den Häusern der Vorstadtsiedlungen. Ein kühlerer Wind. Ein anderes Licht. Dieses Gefühl, dass der August schon angefangen hat, seine Sachen zusammenzupacken. Und während draußen hoffentlich langsam alles ein wenig leiser wird, beginnt man selbst zu sortieren, was von diesem Sommer übrigbleiben soll. Abende. Gesichter. Musik. Gespräche. Ein paar völlig bescheuerte Ideen. Nächte, die viel länger wurden als geplant. Fahrradstürze. Lagerfeuer. Dinge, die man gemacht hat, obwohl sie morgens betrachtet vielleicht nicht besonders klug waren. Und manche Menschen.
„Auf leisen Sohlen wird man erwachsen“, sagte früher immer einer von den Alten. Vielleicht stampften wir deshalb manchmal etwas fester auf den Boden. Vielleicht tanzten wir genau deshalb immer tiefere Spuren in den Sand, fast so, als könnten wir damit verhindern, dass die Zeit irgendwann einfach über uns hinweggeht. Fuck. Wir hatten diese Angst, dass die Jahre uns automatisch vorsichtiger machen würden. Dass mit jedem Geburtstag ein Stück von dem verschwinden müsste, was uns früher leichtgefallen war. Laut lachen. Unsinn machen. Uns verlieben, ohne vorher eine Risikoanalyse anzufertigen. Abends Pläne schmieden, die am nächsten Morgen vielleicht nicht besonders vernünftig, aber verdammt schön waren. Nee. Stattdessen lernten wir, wie wichtig es angeblich sei, Rechnungen pünktlich zu bezahlen, Termine einzuhalten und Entscheidungen nicht mehr ausschließlich danach zu treffen, ob sie sich gut anfühlen. Wir lernten, Kalender zu füllen, Versicherungen zu verstehen und bei irgendwelchen Formularen Kreuze an Stellen zu setzen, deren Bedeutung man trotzdem nie ganz verstanden hat. Offenbar gehört auch das zum Erwachsensein. Man wird nicht unbedingt klüger. Man besitzt irgendwann nur mehr Zugangsdaten. Auch nicht geil.
Und wir mussten lernen, dass Menschen verschwinden. Auch die, bei denen man sich niemals vorstellen konnte, dass sie irgendwann nicht mehr da sein würden. Menschen, deren Stimme man kennt, deren Lachen irgendwo tief im Gedächtnis sitzt und deren Nummer manchmal noch Jahre später im Telefon gespeichert ist, obwohl man längst weiß, dass niemand mehr rangehen wird. Nun besucht man sie hin und wieder. Steht vor kalten Steinen, wischt mit der Hand über ihre Namen und erzählt ihnen Dinge, die sie vermutlich längst wissen würden, wenn sie noch da wären. Man lacht über alte Geschichten und hat im selben Moment Tränen in den Augen. Scheiße. Ihr Asis. Ihr fehlt. Vielleicht ist genau das eine dieser seltsamen Fähigkeiten, die man irgendwann entwickelt. Gleichzeitig traurig sein und dankbar. Gleichzeitig vermissen und lächeln. Gleichzeitig wissen, dass etwas vorbei ist, und trotzdem spüren, dass es einen nie ganz verlassen hat. Und trotzdem lebt man die meiste Zeit weiter, als würde all das immer nur die anderen treffen. Wahrscheinlich muss man das sogar. Niemand könnte morgens aufstehen, Kaffee kochen und zur Arbeit fahren, wenn er sich bei jedem Schritt daran erinnern würde, dass nichts von diesem ganzen Bums hier garantiert ist. Vielleicht werden unsere Schritte trotzdem ein bisschen leiser. Nicht weil wir keinen Mut mehr haben, sondern weil wir irgendwann begriffen haben, dass Hinfallen weh tun kann.
Und dann gibt es Menschen, die einem nicht plötzlich begegnen.
Sie kommen nicht durch irgendeine Tür und verändern innerhalb von drei Sekunden das komplette Leben. Kein Feuerwerk. Keine verdammte Musik im Hintergrund. Kein Schicksal, das einem mit Leuchtreklame erklärt, dass man jetzt gefälligst aufpassen soll. Dieser Mensch war längst da. Man kennt das Gesicht. Die Stimme. Die Art zu lachen. Vielleicht kennt man sogar bestimmte Gesten, kleine Eigenheiten, die einem früher nie besonders aufgefallen sind. Man ist sich hundertmal begegnet, hat miteinander gesprochen, gelacht und getrunken. Hat sich Geschichten erzählt, manche behalten, andere wieder vergessen. Irgendwann ging jeder nach Hause und verschwand wieder in seinem eigenen Leben. Zwei Menschen können sich verdammt lange kennen, ohne sich wirklich zu sehen.
Vielleicht auch, weil das Leben gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist. Weil Jahre zwischen ihnen liegen. Andere Beziehungen. Kinder. Arbeit. Verpflichtungen. Erwartungen. Ängste. Entscheidungen. Und diese ganzen Umwege, über die man sich unterwegs so gerne beschwert. Wege, die sich falsch anfühlen, solange man auf ihnen steht, und von denen man erst viel später begreift, dass sie vielleicht doch irgendwohin geführt haben. Vielleicht braucht man manchmal genau diese Jahre. Vielleicht muss man erst an anderen Tischen sitzen, andere Hände halten, Abschiede erleben, Entscheidungen treffen und ein paarmal ziemlich ordentlich auf die Fresse fallen, bevor man überhaupt erkennen kann, wer da eigentlich schon die ganze Zeit irgendwo am Rand der eigenen Geschichte stand.
Und dann steht dieser Mensch wieder vor einem. Eigentlich genauso wie früher und trotzdem vollkommen anders. Ein Gespräch dauert plötzlich länger. Ein Satz bleibt hängen. Ein Blick vielleicht auch. Nichts davon ist groß genug, um sofort einen Namen dafür zu haben. Es passiert einfach. Vielleicht erscheint morgens eine Nachricht auf dem Telefon und dieses kleine Aufleuchten des Displays macht plötzlich etwas mit einem, das sich nur schwer vernünftig erklären lässt. Man erkennt den Namen schon aus einem Meter Entfernung und freut sich eine Spur zu sehr. Man wartet auf eine Antwort, obwohl man überhaupt nicht wartet. Natürlich nicht. Und irgendwann merkt man, dass man einen Menschen vermisst, den man seit Ewigkeiten kennt. Zum ersten Mal.
Vielleicht beginnt Liebe manchmal genau so unspektakulär. Nicht mit einem Knall. Nicht mit einem verdammten Schicksal, das seinen Namen in den Himmel schreibt. Vielleicht verändert sich nur ganz langsam die Bedeutung eines Menschen. Aus einem Gespräch wird eines, auf das man sich freut. Aus einem Gesicht eines, nach dem man in einem Raum automatisch sucht. Aus einer Nachricht etwas, das einen schlechten Morgen plötzlich ein bisschen besser macht. Und irgendwann sitzt man da und denkt: Halt die Fresse. Da bist du ja.
Natürlich denkt man dann auch an die Jahre davor. Wahrscheinlich lässt sich das kaum verhindern. Man fragt sich, was gewesen wäre, wenn man früher genauer hingesehen hätte. Zehn Jahre vielleicht. Zwanzig. Man hätte mehr Sommer gehabt. Mehr Nächte. Mehr Sonntage, an denen morgens noch niemand weiß, wie der Tag später enden wird.
Man hätte zusammen auf Konzerten stehen können, irgendwo zwischen verschwitzten, stinkenden Menschen, klebrigem Boden und viel zu lauten Gitarren. Madsen hätte gespielt, draußen wäre längst Nacht gewesen und für einen Refrain lang hätte niemand darüber nachgedacht, was am nächsten Morgen auf irgendeinem Kalender steht. Erstmal Nachtbaden. Man hätte Autofahrten mit offenen Fenstern haben können. Musik viel zu laut. Eine Hand draußen im Fahrtwind. Dieses vollkommen sinnlose Bedürfnis, die Luft festhalten zu wollen, obwohl man genau weiß, dass das nicht funktioniert. Man hätte ans Meer fahren können. Die Schuhe irgendwo im Sand liegen lassen und Richtung Wasser laufen. Hätte Spuren hinterlassen können, nebeneinander, bis irgendwann eine Welle gekommen wäre und sie wieder verschwinden lässt. Man hätte morgens Kaffee trinken, abends Wein, nachts Scheiße erzählen und sich über Dinge streiten können, an die man sich zwei Tage später schon nicht mehr erinnert. Geburtstage. Schlechte Tage. Völlig durchschnittliche Dienstage. Und vielleicht ein paar dieser seltenen Nächte, von denen man schon währenddessen weiß, dass man sie später vermissen wird.
Aber vielleicht ist genau dieser Gedanke falsch. Dieses: Wir hätten uns früher finden sollen. Denn früher waren da andere Leben. Andere Wege. Andere Menschen. Und irgendwann waren da Kinder. Kinder, die heute auf dieser Welt sind. Kinder, die man liebt. Für die man ohne einen verdammten Moment nachzudenken alles geben würde. Kinder, deren Lachen, deren Hände, deren Stimmen, deren ganz eigene Art zu leben heute zu allem dazugehören. Menschen, bei denen sich jede Vorstellung verbietet, sie könnten nicht existieren, nur damit irgendeine andere Geschichte zehn oder zwanzig Jahre früher hätte beginnen können.
Vielleicht darf man deshalb gar nicht von verlorenen Jahren sprechen. Denn verlorene Jahre wären Jahre, die man zurückhaben möchte. Und ich möchte keine einzige Sekunde davon zurück, wenn der Preis dafür wäre, dass ein Mensch fehlt, der heute auf dieser Welt ist. Keinen Sommer. Keine falsche Entscheidung. Keine Beziehung. Keinen Umweg. Nicht einmal die Dinge, bei denen man bis heute manchmal denkt, sie hätten besser anders laufen können. Denn vielleicht verändert schon eine einzige Entscheidung alles, was danach kommt. Eine Tür, die man früher schließt. Eine Reise, die man nicht macht. Ein Abend, den man absagt. Ein Mensch, dem man nie begegnet. Eine Straße, die man an diesem einen Nachmittag anders fährt.
Und plötzlich verschiebt sich die ganze verdammte Geschichte. Vielleicht gäbe es dann dieses Gespräch heute nicht. Diesen Blick nicht. Diese Nachricht am Morgen nicht. Vielleicht gäbe es aber vor allem Menschen nicht, deren Existenz durch nichts auf der Welt aufzuwiegen wäre. Und genau deshalb würde ich nichts zurückdrehen. Nicht zehn Jahre. Nicht zwanzig. Keinen einzigen verdammten Tag.
Vielleicht musste alles genauso laufen. Jede Begegnung. Jede Trennung. Jeder falsche Zeitpunkt. Jede Entscheidung, über die man später den Kopf geschüttelt hat. Jeder Umweg und jede Sackgasse. Nicht weil alles schön oder gut gewesen wäre. Das war es verdammt noch mal nicht. Manche Dinge bleiben scheiße, auch wenn Jahre vergangen sind. Man muss ihnen im Nachhinein keinen Sinn ankleben, nur damit die Geschichte hübscher aussieht. Aber all diese Wege führen bis hierher.
Zu den Menschen, die heute da sind. Zu den Kindern, die ohne diese Wege vielleicht niemals geboren worden wären. Zu dem Menschen, der heute vor einem steht. Und vielleicht zu genau diesem einen Augenblick. Manchmal stelle ich mir das wie eine unfassbar komplizierte Reihe kleiner Bewegungen vor. Millionen Entscheidungen, Begegnungen, Zufälle und Abzweigungen, die miteinander überhaupt nichts zu tun zu haben scheinen und am Ende trotzdem genau hier landen.
Vielleicht hat das Universum überhaupt keinen Plan. Wahrscheinlich nicht. Vielleicht erzählen wir uns solche Dinge nur, weil Zufall manchmal schwer auszuhalten ist und wir Menschen verdammt gerne glauben, dass hinter allem irgendeine große Idee steckt. Aber manchmal fühlt es sich eben trotzdem so an. Als hätte dieses ganze riesige, chaotische Ding sehr lange und ziemlich geduldig an genau diesem Punkt gearbeitet. Nicht daran, dass zwei Menschen sich früher finden. Sondern daran, dass sie erst all diese anderen Wege gehen. Dass Menschen geboren werden, ohne die diese Welt nicht dieselbe wäre. Dass Leben entstehen. Dass andere Leben enden. Dass man liebt, verliert, lernt, hinfällt, wieder aufsteht und irgendwann ein anderer Mensch geworden ist als der, der man vor zehn oder zwanzig Jahren einmal war.
Und dass man sich dann wieder begegnet. Nicht zu spät. Sondern jetzt. Vielleicht hätten wir uns früher gefunden und trotzdem nicht erkannt. Vielleicht wären wir zur falschen Zeit die falschen Menschen füreinander gewesen. Vielleicht hätten wir einander wieder verloren. Niemand weiß das. Das Leben legt einem keine zweite Version daneben, damit man vergleichen kann. Keine Alternativroute. Kein „Was wäre gewesen, wenn“. Es gibt nur die Straße, die man tatsächlich gefahren ist. Mit allen Umwegen. Mit Abzweigungen, Baustellen, Sackgassen und diesen Momenten, in denen man schwört, dass man endgültig keine Ahnung mehr hat, wo zur Hölle man eigentlich gelandet ist. Und vielleicht ist es irgendwann gar nicht mehr wichtig, ob man zehn oder zwanzig Jahre früher hätte abbiegen können.
Denn dieser Mensch steht jetzt da. Jetzt kennt man sein Lachen anders. Jetzt bleibt der Blick diese Sekunde länger. Jetzt leuchtet morgens der Name auf dem Display und plötzlich fühlt sich ein ganz gewöhnlicher Mittwoch nicht mehr ganz gewöhnlich an. Vielleicht gibt es für manche Menschen gar kein zu spät. Vielleicht gibt es nur den Moment, in dem man endlich hinsieht und begreift, dass alles davor nicht die Wartezeit auf etwas Besseres war. Es war das Leben. Mit allem, was dazugehört. Mit den Menschen, die daraus entstanden sind. Mit denen, die geblieben sind. Mit denen, die fehlen. Mit denen, die man um nichts auf dieser Welt wieder hergeben würde.
Und mit diesem einen Menschen, den man vielleicht schon ewig kennt und trotzdem gerade erst entdeckt.
Irgendwo weit hinter dem Dorf stehen noch immer die Sonnenblumen. Bald werden ihre Köpfe schwerer werden. Die Felder werden brauner, die Abende kälter und irgendwann wird niemand mehr wissen, wie heiß der Asphalt in diesem August gewesen ist. Der Sommer geht. Das tut er immer. Aber nicht alles, was in einem Sommer beginnt, muss mit ihm verschwinden. Manche Dinge hinterlassen Spuren. Und manchmal merkt man erst sehr spät, dass die eigene all die Jahre genau hierher geführt hat. Dorthin, wo plötzlich eine zweite neben ihr verläuft.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/torsten-luttmann-2.jpg8001200AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-08-12 17:40:202026-08-14 12:11:19Keinen Tag früher.
Mit etwas Glück bleibt da eine Narbe. Eine ziemlich große sogar. Direkt über meinem rechten Auge. Das Herz schlägt zwar links, aber vielleicht gehören Narben sowieso nicht dahin, wo das Herz sitzt. Vielleicht gehören sie ja dahin, wo man sie morgens im Spiegel sieht. Genau da, wo man hinguckt, bevor man sich Kaffee macht, die Zähne putzt und versucht, für einen weiteren Tag halbwegs wie ein funktionierender Erwachsener auszusehen. Und vielleicht werde ich in ein paar Jahren, wenn ich mit etwas Glück wirklich alt bin, auch vor einem Spiegel stehen, die Narbe anschauen und grinsen. Weil ich dann sofort wieder an diese eine Party im Jahr 2026 denken werde. An eine Party von Freunden für Freunde. An einen dieser Tage, die eigentlich vollkommen normal anfangen und irgendwann beschließen, dass sie bleiben. Unter Apfelbäumen. Am Fluss. Zwischen alten Eichen, deren Äste sich im Wind bewegen, während unten das Wasser Richtung Stadt zieht. Noch ein gutes Stück entfernt von Häusern, Straßen und all dem Kram, der sonst ständig wichtig sein möchte. Dort haben Freunde gemeinsam einen Garten hergerichtet. Kabel gezogen. Beleuchtung aufgebaut. Technik angeschlossen. Tische verschoben. Dinge irgendwo hingestellt und später noch einmal woanders hingestellt, weil das bei solchen Aktionen offenbar zum offiziellen Ablauf gehört. Keine durchgestylte Pinterest-Scheiße. Keine Servietten, die farblich auf irgendwelche Trockenblumen abgestimmt waren. Einfach ein richtig geiler Garten. Freitag. Kaffee und Kuchen in der Küche. Pizza auf alten Holzpaletten. Musik. Getränke. Leute, die kamen, blieben, halfen, lachten und diesen Ort für ein paar Stunden zu etwas gemacht haben, das man nicht planen kann. Und genau deshalb war es so gut. Denn es gibt Tage, da merkt man plötzlich mittendrin, dass man sich genau daran einmal erinnern wird. Nicht, weil gerade etwas wahnsinnig Spektakuläres geschieht. Sondern weil einfach alles stimmt. Der Ort. Die Menschen. Die Stimmung. Dieses schwer zu erklärende Gefühl, dass man gerade verdammt gerne genau dort ist, wo man ist.
Ich verstehe schon, warum Menschen Narben im Gesicht meistens nicht besonders geil finden. Sie passen nicht unbedingt in das, was uns jahrelang als schön verkauft wurde. Glatte Haut. Symmetrie. Möglichst wenig Spuren davon, dass man dieses Leben tatsächlich benutzt hat. Und natürlich erzählen Narben nicht immer schöne Geschichten. Manche entstehen durch Unfälle. Durch Gewalt. Durch Krankheiten. Durch Dinge, an die man sich vielleicht lieber nicht jeden Morgen erinnern möchte. Aber meine wird anders. Meine wird von einem verdammt guten Tag erzählen. Von einem Garten am Fluss. Von Pizza auf Holzpaletten, Musik und Freunden. Von Menschen, bei denen man nicht erklären muss, warum sie einem wichtig sind. Und davon, dass dieser Tag offenbar so gut war, dass er beschlossen hat, ein kleines Stück von sich einfach dazulassen. Direkt über meinem rechten Auge. Wie es dazu gekommen ist? Das erzähle ich später. Denn diese Geschichte gehört ans Ende. Genau dahin, wo sie passiert ist.
Unter Freunden
Aber wir bleiben am Anfang. Nicht ganz am Anfang, denn solche Geschichten fangen sowieso immer früher an, als man später behauptet. Vielleicht Jahre vorher. Mit irgendeiner Entscheidung. Mit einem Termin, der abgesagt wurde. Mit etwas, das sich nicht verschieben ließ. Mit einem Satz zwischen Freunden, der erstmal gar nicht besonders groß klang. Lass uns das einfach mal machen. Könnte ja gut werden. Oder komplett bescheuert. Und meistens sind genau das die Sachen, bei denen man vorher noch ein bisschen zweifelt. Bei denen niemand so richtig weiß, ob das eine gute Idee ist. Bei denen man kurz über Vernunft nachdenkt und sich dann entscheidet, auf jede angezogene Handbremse und Vollkaskoversicherung einfach mal zu scheißen. Man macht. Und manchmal wird genau daraus etwas richtig Geiles. Vielleicht liegt der eigentliche Anfang also irgendwo dort. Aber den erzähle ich nicht. Ich fange am Samstag an.
Die letzten Vorbereitungen laufen. Kleinkram. Details. Nichts, was einzeln besonders wichtig aussieht, aber zusammen genau den Unterschied macht zwischen „Wir stellen hier ein bisschen was hin“ und „Scheiße, das wird heute wirklich gut.“ Am Rand steht jemand und raucht. Ein paar Meter weiter werden die letzten Kabel verlegt. Irgendwer malt ein Plakat. Jemand anderes baut dafür noch schnell einen Rahmen. Der Zeitplan der Bands wird aufgehängt. Aufgaben werden verteilt, geändert, wieder anders verteilt und am Ende macht sowieso jeder noch irgendwas, das ursprünglich gar nicht auf seiner Liste stand. Der Grill kommt an seinen Platz. Die ersten Gäste trudeln ein. Ein paar bauen ihre Zelte auf. Andere schlafen später in Bullis. Für die Bands stehen Wohnwagen parat, falls irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem Heimfahren zwar theoretisch noch möglich, praktisch aber einfach eine beschissene Idee wäre. Auf der Bühne wird weiter geschraubt. Aber anders. Der Tontechniker feilt am Sound. Die erste Band stimmt die Gitarren, redet sich mit ihm durch Pegel, Monitore und diesen ganzen Kram, von dem ich ungefähr so viel verstehe wie von der, ich sach mal, korrekten Besteuerung einer liechtensteinischen Briefkastenfirma. Aber es klingt langsam richtig. Nicht perfekt. Perfekt würde hier sowieso nicht passen. Dafür geht die Musik zu sehr nach vorne. Dafür ist das hier zu echt.
Ich frage mich gerade, ob ich auf die Bands überhaupt einzeln eingehen soll. Ich bin kein Musikexperte. Nicht mal ansatzweise. Technik. Genres. Klangbilder. Gitarrensounds. Irgendwelche Unterschiede, die andere Menschen nach drei Takten erkennen und anschließend zwölf Minuten erklären können. Keine Ahnung. Ich kann eigentlich nur sagen, ob mich eine Band abholt oder eben nicht. Und an diesem Tag haben sie das. Manche mehr. Manche weniger. Aber am Ende ist das sowieso nur meine Meinung. Kann man lesen. Muss man aber nicht übernehmen. Denn das, was ich überragend finde, klingt für jemand anderen vielleicht einfach nach Geschrammel von wilden Leuten, die vermutlich gerade irgendeine Phase durchmachen. Ist natürlich Quatsch. Aber Menschen reden erstaunlich gern über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Erfahrungswerte. Was soll ich machen? Und ich nehme mich da ausdrücklich nicht raus. Hab ich selbst oft genug gemacht. Irgendwas gesehen. Kurz eingeordnet. Schublade auf. Rein damit. Fertig. Heute versuche ich lieber neugierig zu sein als wertend. Klappt manchmal ziemlich gut. Und manchmal eben überhaupt nicht. Auch das gehört vermutlich dazu. Egal Karl.
Bands
Die Bands, die an diesem Samstag gespielt haben, hießen KID DAD, CARA, Badminton, Kann Karate, Bony Macaroni und Plaiins. Alle cool. Alle richtig gut. Und natürlich jede auf ihre eigene Art. Wäre ja auch maximal ätzend, wenn sechs Bands nacheinander exakt denselben Kram machen würden. Keine Coverbands. Keine Top-40-Schützenfestkapelle. Kein Mainstream-Gedudel, bei dem spätestens beim dritten Song irgendwer „Summer of ’69“ erwartet. Meist Indie. Punk. Irgendwas dazwischen. Vielleicht auch komplett anders. Wie gesagt: Ich hab doch keine Ahnung.
KID DAD kamen, wenn ich das richtig im Kopf habe, aus Berlin und Paderborn. Glaub ich. Paderborn. Früher habe ich aus irgendeinem vollkommen unerklärlichen Grund geglaubt, Paderborn läge irgendwo an der Nordsee. Ein kleiner, verschlafener Ort, in dem grundsätzlich alle Menschen gelbe Regenjacken tragen. Friesennerze. Immer. Weil es in Paderborn natürlich auch immer regnet. Immer Herbst. Keine Ahnung, woher mein Kopf diesen Quatsch hatte. Vermutlich dieselbe Abteilung, die jahrelang auch andere vollkommen unbelegte Dinge einfach als Fakten abgespeichert hat. Heute weiß ich natürlich, wo Paderborn liegt. Irgendwo da am Rand Richtung Sauerland. Und Berlin? Ja gut. Davon hab ich schon mal gehört.
CARA hingegen kam aus Köln. Schon deutlich ruhiger oder vielleicht auch melancholischer. Songs über Selbstfindung, Beziehungen, Nähe, Entfernung und diesen ganzen Kram, bei dem man eigentlich nur Musik hören will und plötzlich trotzdem irgendwo in seinem eigenen Leben landet. Unfassbar schöne Stimme. Viel Gefühl. Mir persönlich fast ein bisschen zu viel davon. Und damit meine ich nicht, dass es schlecht war. Ganz im Gegenteil. Es hat mich nur ziemlich erwischt. Emotional. Mehr, als ich in dem Moment eigentlich gebrauchen konnte. Keine Ahnung. Es gibt Musik, die läuft einfach. Und es gibt Musik, die stellt sich neben dich, legt dir kurz die Hand auf die Schulter und sagt: So. Jetzt gucken wir uns das hier mal gemeinsam an. CARA war eher die zweite Sorte. Wunderschön. Aber eben auch gefährlich nah dran. Das ist ein richtiges Kompliment, auch wenn es erstmal anders klingt. Ich war nur nicht bereit.
Und wo wir gerade bei Menschen sind, die an diesem Tag irgendwie präsent waren, obwohl sie gar nicht da waren: Mareike und Marina haben gefehlt. Beide. So nämlich. Irgendwas war dazwischengekommen. Familienurlaub. Termine. Leben eben. Diese lästige Angewohnheit des Alltags, sich nicht danach zu richten, wann irgendwo ein richtig guter Abend geplant ist. Kann man nichts machen. Trotzdem haben sie gefehlt. Jetzt nicht so, dass ständig jemand traurig in eine Ecke geguckt hätte. So meine ich das gar nicht. Eher auf diese stille Art. Wenn man zwischendurch denkt: Das hier würde ihr gefallen. Oder: Jetzt würde sie wahrscheinlich genau darüber lachen. Oder wenn irgendwo ein Platz frei ist, obwohl eigentlich niemand einen Platz freigehalten hat. Menschen können fehlen, ohne dass dadurch alles schlechter wird. Der Abend war großartig. Vielleicht gerade deshalb merkt man manchmal besonders deutlich, wen man gern dabeigehabt hätte. Mareike und Marina gehörten an diesem Tag oder Abend dazu. Definitiv.
Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das war, aber irgendwann vor CARAs Auftritt stand BADMINTON hinten auf dem Platz und spielte mit den Kids Fußball. Einfach so. Keine große Ansage. Kein Programmpunkt. Kein „Jetzt bitte alle einmal hier entlang“. Ball da. Kinder da. Band da. Also wurde gespielt. Ohne Linienrichter, ohne Regeln und ohne doppelten Boden. Okay, ein Netz gab es. Genau solche Sachen machen dieses Fest aus. Es passiert einfach. Menschen kommen zusammen und für ein paar Stunden interessiert es wirklich niemanden, wo jemand herkommt, was jemand verdient, woran jemand glaubt oder in welche verdammte Schublade er laut irgendeinem Formular eigentlich gehören soll. Zumindest hatte ich genau dieses Gefühl. Und ganz ehrlich: All der ganze Bums würde mich auch nicht interessieren. Nach dem Fußball war dann BADMINTON dran. Und die haben das Publikum schon ziemlich ordentlich zerfickt. Darf man das so schreiben? Ja. Natürlich darf ich das so schreiben. Meine Seite. Meine Texte. Kein Chefredakteur, der mit rotem Stift danebensteht und aus „zerfickt“ am Ende „begeisterte das Publikum“ macht. Auch irgendwie geil. Aber wie gesagt: Ich will hier gar nicht anfangen, jede Band musikalisch auseinanderzunehmen. Dafür fehlt mir erstens das Fachwissen und zweitens wäre meine Meinung am Ende sowieso genau das, meine Meinung. Subjektiv. Ich werde die Bands am Ende verlinken und dann kann sich jeder selbst anhören, was davon hängen bleibt. Denn vielleicht finde ich etwas großartig und jemand anderes hält es für drei Gitarren und einen mittelschweren Nervenzusammenbruch. Völlig okay. So funktioniert Musik vermutlich. Denke ich. Wie gesagt: Keine Ahnung.
Ich habe mich mit Tim unterhalten, der gerade mit meinem Buch arbeitet. Mit Matthias, mit dem ich früher mal zur Schule gegangen bin. Mit Jens und Simon, die ich auch irgendwie von früher kenne, obwohl wir nie gemeinsam in irgendeinem Klassenraum gesessen haben. Mit Anneliese, die 2008 für einen ziemlich kurzen Moment meine Arbeitskollegin war. Vielleicht ein paar Wochen. Keine Ahnung. Lange genug jedenfalls, dass man sich fast zwanzig Jahre später noch erkennt. Mit Mirco. Mit Ralf. Rolf. Stefan. Maria. Gerd. Mit all den Menschen, die dieses Fest auf die Beine gestellt haben. Und mit Sicherheit habe ich jetzt jemanden vergessen. Oder ich kenne manche Namen überhaupt nicht. War aber auch vollkommen egal. Niemand lief dort herum und stellte sich mit vollständigem Namen, Beruf und aktueller Lebenssituation vor. Man redete einfach. Über Musik. Über früher. Über heute. Über irgendeinen Quatsch, der genau in diesem Moment wichtig genug war, um ein paar Minuten darüber zu sprechen.
Besonders gefreut habe ich mich über Anne. Wir kennen uns noch aus Zeiten, in denen wir im Scheibenwischer Partys gefeiert haben. Den Scheibenwischer gibt es schon ewig nicht mehr. Und diese Abende liegen inzwischen so weit zurück, dass vermutlich ganze Teile davon irgendwo zwischen zu lauter Musik, Bier und den allgemeinen Gedächtnislücken der frühen Erwachsenenjahre verschollen sind. Aber manches ist eben trotzdem noch da. Keine komplette Nacht. Keine genaue Uhrzeit. Keine Ahnung mehr, welche Musik lief oder wer damals welches Shirt getragen hat. Sondern so kleine Szenen. Momente eben. Ein Gespräch draußen vor der Tür. Irgendein Lachen. Ein kurzer Moment an der Theke. Zwei Sätze, die vollkommen unwichtig waren und sich trotzdem irgendwo festgesetzt haben. Schon verrückt. Oder? Ich mein, wenn mich heute jemand fragen würde, was ich damals so hatte an Kram, könnte ich vermutlich kaum etwas aufzählen. Welche Schuhe. Welche Jacke. Was damals unbedingt wichtig wirkte. Echt. Keine Ahnung. Aber ich weiß noch, wie sich manche Abende angefühlt haben.
Vielleicht sollten wir tatsächlich wieder ein bisschen mehr davon sammeln. Nicht Zeug. Momente. Dinge kann man verlieren. Verkaufen. Wegwerfen. Sie gehen kaputt oder liegen irgendwann in irgendeinem Karton, bei dem man seit sechs Jahren behauptet, man würde ihn demnächst mal aussortieren. Momente aber sind anders. Die nimmt man einfach mit. Manchmal über Jahre. Manchmal über Jahrzehnte. Vielleicht sogar weit darüber hinaus. Keine Ahnung. Zum Glück bin ich noch nie gestorben, deshalb fehlen mir da belastbare Erfahrungswerte. Aber genau diese kleinen Augenblicke gab es auch an diesem Samstag wieder. Am Fluss. Unter den Apfelbäumen. Zwischen Musik, Gesprächen und Menschen, die sich irgendwann irgendwo im Leben schon einmal begegnet waren oder sich genau dort zum ersten Mal trafen. Nichts davon musste besonders teuer sein. Kein Luxus. Kein großes Spektakel. Manchmal reichen ein Garten, ein paar alte Holzpaletten, Musik und Menschen, mit denen man verdammt gerne genau dort steht. Und vielleicht ist das am Ende wirklich der Kram, der bleibt.
Ich merke schon. Dieser Text wird länger als erwartet.
Wahrscheinlich liegt es an den unzähligen Eindrücken. An den vielen kleinen Momenten. An diesen verdammt guten Waffeln. An einer Essensorganisation, bei der offenbar tatsächlich Menschen vorher nachgedacht hatten. An der Musik. An Gesprächen. An all dem Zeug, das an einem einzigen Tag passiert und sich später trotzdem nicht vernünftig auf drei Absätze zusammenstreichen lässt. Kannste machen. Wäre dann aber schade. Dann standen KANN KARATE auf der Bühne. Vier Jungs aus Berlin. Indierock. Rotzige Hymnen. Hab ich gerade bei Instagram gelesen. Klingt gut. Nehmen wir so. Und dann kam „Blumen“. Der Song hängt mir immer noch im Kopf. Was für ein Abriss. Was für eine Stimmung. Vor der Bühne standen keine Menschen mehr herum, die höflich mit dem Fuß wippten und darauf achteten, bloß nicht unangenehm aufzufallen. Da wurde getanzt. Mitgesungen. Gelacht. Irgendwann war die Musik kurz weg und die Stimmen waren immer noch da.
Genau solche Momente liebe ich. Wenn eine Band eigentlich schon gar nichts mehr machen muss, weil die Menschen vor der Bühne den Song einfach übernehmen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist „Blumen“ wahrscheinlich der Song dieses Tages, der sich bei mir am tiefsten festgesetzt hat. Keine Ahnung, ob er musikalisch der beste war. Ist mir auch vollkommen egal. Er ist geblieben. Und wenn ich ihn jetzt höre, denke ich sofort wieder an diesen Garten. An den Abend. An tanzende Menschen. An dieses ziemlich seltene Gefühl, dass man gerade nirgendwo anders sein möchte. Das ist so ein Song, bei dem man sich bewegen muss. Tanzen. Lachen. Vielleicht jemanden küssen. Glücklich sein. Oder wenigstens für diese paar Minuten vergessen, warum man es gerade nicht sein sollte. Stillstehen funktioniert jedenfalls nicht. Hab ich versucht. Ehrlich. Keine Chance.
Die Übergänge an diesem Abend waren fließend. Eigentlich ging alles irgendwie ineinander über. Eine Band hörte auf. Menschen holten sich etwas zu essen. Irgendwo wurde gelacht. Jemand stand am Fluss. Dann fing schon wieder irgendwo Musik an. Stunden fühlten sich an wie Minuten. Zeit ist sowieso so ein seltsamer Kram, den ich wahrscheinlich niemals wirklich verstehen werde. A-Theorie. B-Theorie. Linear. Blockuniversum. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Alles gleichzeitig oder doch schön ordentlich hintereinander? Keine Ahnung. Muss ich mich damit jetzt beschäftigen? Wahrscheinlich nicht. Was würde Einstein dazu sagen? Vermutlich würde er irgendetwas sehr Kluges über Relativität erzählen und danach, wie fast jeder Mensch, mit dem ich über solche Sachen irgendwann zu lange gesprochen habe, einfach sagen:
„Halt die Fresse, Torsten.“
Zurück in den Garten. Überall gingen langsam die kleinen Lichter an. Und was mir irgendwann auffiel, niemand war wirklich richtig betrunken. Natürlich waren hier und da ein paar Leute leicht angeschossen. Gehört wahrscheinlich dazu. Aber dieses komplette Wegschießen, wie man es von manchen Dorfschützenfesten kennt, bei denen ab einer bestimmten Uhrzeit Menschen anfangen, persönliche Feindschaften mit Bierzeltgarnituren auszutragen, blieb aus. Zumindest habe ich nichts davon gesehen. Ich lief mit der Kamera durch die Reihen und niemand fiel unangenehm auf. Es wurde getrunken. Aber vor allem wurde gefeiert. Das ist ein Unterschied.
Irgendwas um 21 Uhr kamen Bony Macaroni auf die Bühne. Wo die herkamen? Keine Ahnung. Wirklich nicht. Aber was sie gemacht haben, weiß ich noch. Und als plötzlich „Mr. Brightside“ von The Killers kam, einer von gerade mal zwei Coversongs an diesem ganzen Tag, war sowieso alles vorbei. CARA hatte vorher schon „Nur ein Wort“ von Wir sind Helden gespielt. Und jetzt das. Natürlich konnten plötzlich alle mitsingen. Wirklich alle. Zumindest klang es so. Leck mich. Was für ein Moment. Überragend.
Ein paar Meter weiter brannte das Lagerfeuer. Menschen, die gerade nicht vor der Bühne tanzten, sangen oder ihre Hände irgendwo in die Luft warfen, saßen am Feuer. Auf der Wiese. Auf kleinen Bänken. Andere standen an Stehtischen, aßen, tranken, redeten. Manche lachten. Manche führten vielleicht Gespräche, die überhaupt nicht lustig waren. Vielleicht verliebten sich an diesem Abend zwei Menschen. Vielleicht stellten zwei andere fest, dass sie sich eigentlich nicht besonders gut leiden können. Vielleicht erzählte jemand einem Menschen, den er kaum kannte, Dinge, die man manchmal genau deshalb erzählen kann. Weil da keine Geschichte davor ist. Keine Erwartung. Kein Urteil. Nur dieser eine Abend. Und irgendwie durfte all das nebeneinander existieren. Die Musik. Das Feuer. Die Gespräche. Das Lachen. Das Schweigen. Kinder schwammen im Fluss, als wäre das alles das Normalste der Welt. Und der Fluss? Dem war das sowieso scheißegal. Der fragte niemanden, woher er kommt. Was er glaubt. Wen er liebt. Was er verdient. Oder ob er in irgendeine Vorstellung davon passt, wie man angeblich zu sein hat. Vielleicht ist Frieden am Ende gar nichts besonders Großes. Vielleicht beginnt er genau da. Wo Menschen aufhören, sich gegenseitig erklären zu wollen. Und stattdessen einfach mal nebeneinander am selben Fluss stehen. Es könnte so einfach sein.
Pure Morning
PLAIINS stimmen ihre Gitarren. Stimmen wehen über den Platz. Im Backstagebereich sitzen Mitglieder der anderen Bands, checken ihre Handys, reden miteinander, lernen sich kennen. Auf dem Tisch steht alles Mögliche. Süßigkeiten. Vegane Schokolade. Gebäck. Wurst. Tatsächlich für jeden irgendwas. Es riecht nach Lagerfeuer, Sommer und diesem seltsamen Gefühl, dass gerade Erinnerungen entstehen, obwohl man sie noch gar nicht so nennen kann. Zwei Menschen laufen Hand in Hand über den Platz. Ein paar Meter weiter füllt jemand Toilettenpapier in den Wagen nach. Auch das gehört dazu. Vielleicht sogar mehr als alles andere. Niemand ist sich für irgendwas zu schade. Dann kurz Ruhe. Und plötzlich brechen PLAIINS los. Vor der Bühne wird es eng. Laut. Unruhig. Auf die gute Art. Irgendwo entsteht vielleicht eine Wall of Death. Vielleicht auch einfach nur ein ziemlich wilder Moshpit. Ich kenne die korrekten Fachbegriffe nicht und werde jetzt auch nicht anfangen, während eines Punkkonzerts Wikipedia zu spielen.
Menschen gehen kollektiv auf den Boden. Warten. Dann kommt dieser Moment. Drop? Nennt man das so? Keine Ahnung. Jedenfalls springen plötzlich alle wieder hoch und alles explodiert. Ich mittendrin. Und ganz ehrlich, es wäre nicht vollkommen undenkbar gewesen, sich dort ein blaues Auge zu holen. Aber selbst das hätte sich wahrscheinlich weniger nach Verletzung angefühlt als nach Souvenir. Ein kleines Andenken an einen Abend mit Punk, Schweiß und Leuten, die für ein paar Minuten beschlossen haben, vernünftig einfach mal sein zu lassen.
Dann der letzte Song. Zugabe. Verabschiedung. Die Bühne wird still. Der DJ übernimmt. Placebo. „Pure Morning“. Vor dem Pult wird weitergetanzt. Langsam gehen die ersten Menschen nach Hause. Die Reihen werden dünner. An der Theke wird es ruhiger. Irgendwann bleiben nur noch die übrig, die offenbar beschlossen haben, dass Schlaf auch morgen noch eine Option ist. Am Lagerfeuer sitzt jemand mit einer Gitarre. „Knockin’ on Heaven’s Door“. Natürlich. Manche Songs bekommt man wahrscheinlich automatisch ausgehändigt, sobald man irgendwo nachts mit einer Akustikgitarre am Feuer sitzt. Aber geil.
Ich frage jemanden, wer er ist. Und zum ersten Mal an diesem Tag habe ich kurz das Gefühl, dass mich jemand nicht besonders mag. Auch okay. Niemand muss mich mögen. Wirklich nicht. Ein paar Minuten später wird von diesem Menschen über mich gesprochen. Nicht lange. Aber laut genug, dass ich es hören kann. Auch das ist okay. Einer verkauft Versicherungen. Der andere ist Geschäftsführer eines größeren Unternehmens. Vielleicht leben wir einfach in ziemlich unterschiedlichen Welten.
Kann sein. Früher hätte ich wahrscheinlich länger darüber nachgedacht, was genau da gerade falsch gelaufen ist. Heute denke ich eher, anders ist erstmal nur anders. Nicht besser. Nicht schlechter. Nur anders. Ich drehe mich wieder zum Feuer. Neben mir sitzt der Gitarrist Bassist* von PLAIINS. Wir reden kurz, tauschen unsere Instagram-Accounts aus und folgen uns gegenseitig. So einfach kann das auch gehen. Später spielt er „Schrei nach Liebe“. Und fast alle singen mit. Fast. Auch das ist okay. Niemand muss denselben Song mögen. Niemand muss dieselben Menschen mögen. Niemand muss dieselbe Welt sehen. Ich muss in diesem Moment an einen Satz denken, den ich irgendwann mal gehört habe: Wenn du wissen willst, wie ein Mensch wirklich ist, gib ihm Macht. Keine Ahnung, ob das immer stimmt. Aber manchmal reichen offenbar schon ein bisschen Status, ein bisschen Aufmerksamkeit oder einfach nur die Möglichkeit zu entscheiden, wie man mit jemand anderem umgeht. Dann zeigt sich ziemlich schnell, was darunter liegt.
Narben vom Sommer
Irgendwann wird das Feuer kleiner. Menschen stehen auf, verabschieden sich, verschwinden nach Hause, in Zelten, Bullis oder Wohnwagen. Gespräche werden kürzer. Stimmen leiser. Irgendwer legt noch Holz nach, obwohl eigentlich längst klar ist, dass dieser Abend langsam zu Ende geht. Auch ich stehe irgendwann auf. Meine Kamera liegt im Rucksack im Haus. Die Tür ist zu. Klingeln? Nee. Wegen einer Kamera hole ich jetzt niemanden mehr aus dem Bett. Die brauche ich in dieser Nacht sowieso nicht mehr.
Also morgen.
Ich nehme das Fahrrad, das ich mir von meinem Bruder geliehen habe. Mountainbike. Mit Unterstützung. Läuft gut. 25 km/h sind kein Problem. Ich fahre los. Durch die Nacht. Ein Stück Straße, dann an der Umgehungsstraße entlang und über die Brücke der Bundesstraße. Kaum Verkehr. Trotzdem nehme ich brav die Fußgängerampel. Man will ja schließlich verantwortungsvoll leben. Zumindest für ungefähr die nächsten zehn Minuten. Ich fahre durch die Stadt. Dunkle Häuser. Hier und da noch Menschen auf der Straße. Man grüßt sich. Moin. Moin. Ganz normaler Samstagabend, der inzwischen eigentlich schon Sonntag ist. Vor der evangelischen Kirche liegen Parkplätze direkt an der Straße. Aus Richtung Innenstadt kommt ein Auto. Vielleicht ein bisschen zu schnell. Vielleicht auch nicht. Es kommt kurz von der Fahrbahn ab, zieht über den Parkstreifen und fährt weiter Richtung Ortsausgang. Mehr bekomme ich davon eigentlich gar nicht mit.
Ich erschrecke mich. Richtig. Reiße den Lenker zur Seite. Und dann geht alles ziemlich schnell. Rad weg. Boden da. Und ich bremse mit dem Gesicht. Kann man machen. Ist allerdings nicht die vom Hersteller empfohlene Methode. Ich stehe wieder auf. Mein erster Gedanke: Brille. Ich suche im Dunkeln, finde sie aber nicht. Dann kommen die Schmerzen. Über dem Auge. Im Auge. Am Knie. An der linken Hand. Und dieses warme Gefühl im Gesicht, bei dem man ziemlich schnell weiß, dass das vermutlich kein Schweiß mehr ist.
Blut läuft mir über die Wange. Ich ziehe ein paar Taschentücher aus der Hosentasche und drücke sie auf die Stelle über dem Auge. Sehen kann ich kaum etwas. Es ist dunkel. Ich habe keine Brille. Und offenbar gerade beschlossen, meinen Kopf einem unfreiwilligen Belastungstest zu unterziehen. Was macht ein vernünftiger Mensch jetzt? Krankenhaus. Richtig. Was mache ich? Ich fahre nach Hause. Dumm. Ganz eindeutig. Aber manchmal steht man nach so einem Sturz auf, kontrolliert kurz, ob noch ungefähr alles am Körper befestigt ist, und beschließt dann vollkommen grundlos, wird schon gehen. Ich fahre weiter. Diesmal langsamer. Deutlich langsamer. Am nächsten Tag wird Ralf sich die Wunde ansehen und sagen, dass da wahrscheinlich eine ziemlich große Narbe bleiben wird. Direkt über meinem rechten Auge. Und damit wären wir wieder am Anfang.
Mit etwas Glück bleibt sie. Nicht, weil ich besonders scharf darauf bin, mir das Gesicht zu verzieren. Sondern weil Narben Geschichten erzählen können. Nicht jede davon ist schön. Manche möchte man wahrscheinlich am liebsten vergessen. Aber wenn ich diese irgendwann morgens im Spiegel sehe, werde ich mich nicht zuerst an Asphalt erinnern. Nicht an Blut. Nicht an ein Auto, eine verlorene Brille oder daran, dass man mit dem Gesicht wirklich erstaunlich schlecht bremsen kann. Ich werde mich an Apfelbäume erinnern. An einen Fluss. An Waffeln und Pizza auf Holzpaletten. An Gitarren. An Lagerfeuer. An Menschen, die miteinander aufgebaut, gefeiert, getanzt, geredet und diesen einen Samstag zu etwas gemacht haben, das viel länger bleiben wird als die Musik. Vielleicht sogar länger als wir alle. Keine Ahnung. Zum Glück bin ich immer noch nicht gestorben.
Aber bis dahin sammle ich weiter. Menschen. Musik. Abende. Momente. Und manchmal eben auch Narben vom Sommer.
*Danke Adrian für die Verbesserung. Adiran ist DER BASSIST von Plaiins. Gut, dass ich schrieb, dass ich keine Ahnung hab.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/ktk-11.jpg8001200AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-08-11 09:12:302026-08-14 12:10:13Narben vom Sommer
Komm, wir leihen uns nen Bulli und werfen alles hinten rein. Zwei Shirts. Zwei Hosen, alte Jacken. Auf viel mehr kommt es gar nicht an. Komm, wir scheißen ein paar Tage auf alles und fahren los. Keine Ahnung, wo wir schlafen. Wir haben einfach keinen Plan, nur die Straße vor den Reifen und dein Lachen im Gesicht. Komm wir hören die alten Lieder, die wir früher schon gut kannten. Wir drehen sie auf, singen schief und werden dann noch schiefer. Und verpassen wir die Ausfahrt, dann ist das eben so. Dann fahren wir einfach weiter, während meine Hand nach deiner sucht. Mit dir an meiner Seite fühlt sich selbst ein langer Umweg wie Glück.
Komm, wir brettern mal ans Meer und vergessen für eine Weile all das, was einmal war. Dieses viel zu laute Leben war viel zu lange laut. Du und ich und unsere alten Lieder. Salzige Luft, tosende Wellen. Wir setzen uns, malen Spuren in den Sand und schauen einfach nur nach Norden, bis der Himmel offensteht. Und ich sag dir nicht, was ich so fühle, weil man es mir sowieso ansieht. Was sagst du? Kommst du mit ans Meer? Nur du und ich?
Und wenn die Nacht auf unsere Schultern fällt und der volle Mond über den Wellen steht, wenn dieses ganze viel zu laute Leben endlich mal die Fresse hält, erzählst du mir vielleicht von Dingen, die du sonst für dich behältst. Von den Tagen, die du magst, und von denen, wo du fällst. Nein. Wir müssen uns nicht retten. Und doch will ich dich halten, wenn du Nähe suchst, und dich gehen lassen, wenn du gehen musst. Ich brauche dich nicht, um ganz zu sein, und du brauchst mich nicht dafür. Aber wenn du einfach neben mir stehst, wird aus Dunkelheit oft Licht und selbst die Kälte fühlt sich plötzlich wärmer an. Ey, komm, wir werfen unsere Sachen in den warmen Sand und rennen in die See. Wir lachen auf dem Weg und sobald das kalte Wasser unsere Haut berührt, fluchen wir ganz laut. Du hältst dich an meinen Schultern fest, obwohl du selbst stehen kannst. Und genau das mag ich so sehr an dir.
Du bleibst, obwohl du niemals musst.
Später liegen wir im Dunkeln. Die Haare nass, der Sand noch warm und das Bier steht neben uns. Dein Kopf liegt ruhig auf meiner Schulter, während meine Finger zwischen deinen liegen. Ich brauche keine Sterne, keine Wünsche und kein Vermögen. Ich brauche kein Zurück. Denn mein einer Wunsch, der sitzt längst neben mir und sieht mich an wie pures Glück.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-08-06 13:57:232026-08-06 13:57:25Lautes Leben.
Ich denke in letzter Zeit öfter darüber nach, dass Reichtum und Vermögen zwei völlig verschiedene Dinge sind. Klingt erstmal wie derselbe Kram. Ist es aber echt nicht. Vermögen ist ja das, was irgendwo auf einem Konto liegt. In Aktien steckt. In Häusern. Autos. Uhren. Dingen, die teuer sind und trotzdem nur herumstehen, sobald niemand hinguckt. Reichtum ist etwas anderes.
Scheiße, wie lange hab ich geglaubt, ich müsste erst ordentlich Geld besitzen, um reich zu sein. Als würde sich ein geiles Leben an schweren Autos, teuren Klamotten und Schuhen erkennen lassen, in denen man nicht mal vernünftig durch eine Pfütze laufen kann. Als müsste ich in einem frisch polierten Audi sitzen, ein Polohemd tragen, das mehr kostet als ein Wochenende am Meer, und dabei aussehen, als hätte ich mein Leben komplett im Griff. Und nur damit andere denken: Der hat es geschafft.
Was für ein Bullshit, denn die meisten würden wahrscheinlich gar nichts denken. Die würden vorbeigehen, an ihren Tag, ihren Feierabend oder daran denken, dass sie noch Klopapier brauchen. Und ein paar wenige würden vielleicht denken: Wenn ich in diesem Auto säße, würden die Leute bestimmt glauben, ich hätte es geschafft. Das ist echt so ein ganzer Kreislauf aus Menschen, die Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die überhaupt nicht wirklich hingucken. Oder die sie nicht mal mögen. Warum muss man überhaupt jemanden beeindrucken wollen? Das ist doch komplett bescheuert.
Ich glaube, reich wirst du nicht in dem Moment, in dem andere dich beneiden. Reich wirst du, wenn es dir scheißegal wird, ob sie es tun. Wenn du niemandem mehr beweisen musst, dass dein Leben etwas wert ist. Wenn du begreifst, dass Perfektion kein messbarer Zustand ist, sondern meistens nur eine hübsch beleuchtete Lüge. Echt jetzt. Perfektion. Auch so ein Wort, das sich Menschen ausgedacht haben, damit sie sich schlechter fühlen können.
Heute Morgen kam ich in den Laden hier im Ort. Rechts so ’ne Art Bäckerei, der Rest ist Geschäft. Brot. Käse. Fleisch. Süßigkeiten. Alles, was man so braucht, wenn man keinen Bock hat, dafür erst durch drei Orte zu fahren. Klamotten gibt es nicht. Muss auch nicht. Der Laden ist gut, die Leute dort sind cool und ich bin gern da. Man spricht miteinander. Kennt sich nicht wirklich, aber eben doch genug, um sich zu erkennen. Dorf halt.
Naja. Ich hatte gerade entspannte fünf Kilometer hinter mir. Ungeduscht. Verschwitzt. Haare irgendwo zwischen Aufstehen und Gegenwind. So sieht man eben aus, wenn man morgens schon unterwegs war, statt ordentlich angezogen irgendwo herumzusitzen und so zu tun, als hätte man sein Leben im Griff. Am Tresen der Bäckerei stand eine Frau, etwas jünger als ich. Sie hatte früher mal hinter mir gewohnt. Hinter mir. Nicht neben mir. Wir kannten uns nicht wirklich, aber man wusste eben, wer der andere ist. Dorfkenntnis. Mehr nicht. Sie bestellte frische Backwaren. Was sonst.
Ich hatte Drei Meter Feldweg auf den Ohren. „Und sie tanzt“. Melancholischer Text, Musik in die Fresse und ab nach vorne. Mittlerweile wieder genau mein Ding. Traurig gucken kann ich später auch noch. Muss aber nicht. Meine Laune war jedenfalls komplett oben. Ich pfiff, lief tanzend in den Laden und rief ein freundliches Hallo in die Runde. Nicht leise. Nicht vorsichtig. Einfach Hallo. Die Frau am Tresen schaute mich an, als hätte man mich gerade mit einer Brotkruste aus dem Wald gelockt. Ein bisschen erschrocken. Ein bisschen abwertend. Dieses knappe Nicken, das weniger nach Begrüßung aussah und mehr nach: Was stimmt denn mit dem nicht?
Und? Keine Ahnung. Vielleicht stimmt endlich wieder ziemlich viel mit mir.
Ihr Blick war ihre Reaktion. Ihr Blickwinkel. Ihre Meinung. Das alles gehört ihr. Nicht mir. Und nichts davon bestimmt meinen Wert. Nicht mein verschwitztes Shirt. Nicht mein Tanzen. Nicht die Tatsache, dass ich morgens im Dorfladen gute Laune habe. Sie trat auf der Stelle. Ich ging weiter. Nein. Ich tanzte weiter. Und genau da wusste ich: Leck mich. Bin ich reich.
Vielleicht ist das überhaupt der Unterschied. Vermögen sammelt Dinge. Und Reichtum sammelt Momente. Nicht die Tasche, auf der irgendein Name steht. Nicht das Auto, das beim Starten klingt, als müsste es allen im Umkreis von drei Kilometern etwas beweisen. Nicht die Uhr, die mehr kostet als ein verdammt gutes Jahr voller Konzerte, Zugfahrten, Essen, Bier, Kaffee und Menschen, die man wirklich mag. Solche Sachen können schön sein. Natürlich. Geld ist auch nicht unwichtig. Wer behauptet, Geld spiele überhaupt keine Rolle, hatte vermutlich immer genug davon. Es macht vieles leichter. Es bezahlt Miete, Essen, Fahrkarten und manchmal auch die Flucht aus Situationen, in denen man nicht mehr bleiben sollte. Aber Geld allein macht noch keinen Reichtum.
Reich ist, wer morgens verschwitzt durch einen Dorfladen tanzt und sich nicht mehr fragt, ob das jemand peinlich findet. Reich ist, wer einen Song hört und für drei Minuten alles andere vergisst. Wer mit Menschen an einem Tisch sitzt und irgendwann nicht mehr weiß, wie spät es ist. Wer losfährt. Wer bleibt. Wer lacht, obwohl der Tag eigentlich anders geplant war. Reichtum sind die Geschichten, die entstehen, wenn man das Leben nicht die ganze Zeit ordentlich halten will.
Ey, am Ende kommt kein Umzugsunternehmen. Niemand fährt dir den Audi hinterher. Niemand packt die teuren Schuhe in Kartons. Keine Uhr, keine Tasche und kein verdammtes Polohemd kommt mit auf die letzte Reise. Was bleibt, sind die Momente. Songs auf den Ohren. Der verschwitzte Morgen. Der Blick, der dir plötzlich egal war. Die Menschen, mit denen du gelacht hast. Die Paprika auf der Pizza. Das Weizenbier im Paddy’s am Bremer Hauptbahnhof. Die Abende, die viel zu kurz waren. Die Tage, an denen du kurz vergessen hast, vernünftig zu sein.
Vielleicht darf man all das auch nicht wirklich mitnehmen. Keine Ahnung. Ich bin zum Glück noch nie gestorben. Aber bis dahin ist es das Einzige, was einem wirklich gehört.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-08-05 12:17:442026-08-05 12:18:41Scheiß auf Status.
Der 28. November steht im Kalender. Dick und fett. Hi! Spencer. Bremen. Ja. Noch Monate hin. Weiß ich. Eigentlich vollkommen bescheuert, sich jetzt schon darauf zu freuen. Vernünftige Menschen würden vermutlich sagen, man solle erst einmal abwarten. Bis November könne schließlich noch einiges passieren. Wetter. Termine. Bahnstreiks. Weltuntergang. Die Deutsche Bahn braucht für eine Katastrophe bekanntlich nicht mal einen besonderen Anlass. Meistens reicht der Herbst, Sonne oder Schnee. Mir egal. Ich freue mich jetzt. Nicht erst am 28. November, wenn das Licht ausgeht, die ersten Gitarren einsetzen und irgendwo zwischen Bühne, Bierbechern und viel zu vielen Jacken plötzlich alles genau richtig ist. Nicht erst, wenn die ersten Takte von „Tel Aviv“ laufen und dieser eine Song für ein paar Minuten mehr Ordnung in meinem Kopf schafft als sämtliche vernünftigen Pläne der vergangenen Jahre. Hat er die letzten Tage. Ohne scheiß. Aber gut. Ich freue mich heute. Und morgen wahrscheinlich auch. Und übermorgen.
Vorfreude wird oft behandelt wie der kleine, etwas peinliche Bruder des eigentlichen Erlebnisses. Als würde sie nur im Vorraum sitzen und warten, bis endlich etwas Geiles passiert. Dabei ist sie längst mittendrin. Vorfreude verändert einen ganz normalen Dienstag. Man hat ja ein Datum. Ein Ziel. Eine Richtung. Ein Abend in Bremen, der noch nicht passiert ist und trotzdem schon jetzt irgendwo im Hintergrund läuft. Wie ein Song, den man leise hört, obwohl die Boxen noch gar nicht an sind. Ohrwurm, sagt man, glaub ich. Ich mag das. Ich mag es, mich auf Musik zu freuen. Auf den Moment, in dem der Raum dunkel wird. Auf Stimmen. Auf Schweiß. Auf einen Refrain, den plötzlich Hunderte Menschen gleichzeitig singen, obwohl wahrscheinlich jeder von ihnen mit etwas völlig anderem dort angekommen ist. Der eine hatte eine beschissene Woche. Die andere Liebeskummer. Jemand hat gerade einen neuen Job angefangen. Oder einen verloren. Jemand hat vielleicht sogar überhaupt keinen Plan, wie es weitergeht.
Und dann stehen sie da. Gemeinsam. Mit Bier in der Hand. In alten Jeans, die längst nicht mehr lässig verschlissen, sondern einfach nur verschlissen sind. Vans an den Füßen. Vielleicht etwas zu alt für die erste Reihe, aber ganz sicher zu jung, um nur hinten herumzustehen und vernünftig mit dem Kopf zu nicken. Also tanzen. Jaaa. Tanzen. Nicht gut. Darum geht es nicht. Einfach bewegen, springen, Bier verschütten, zu laut mitsingen und so tun, als wäre man für zwei Stunden nicht verantwortlich für Steuererklärungen, Termine, unbeantwortete Nachrichten und den ganzen anderen Erwachsenenkram, den offenbar irgendjemand mal erfunden hat, um uns von Konzerten fernzuhalten. Ich habe Bock darauf. Auf verrückte Scheiße. Auf Abende, die am nächsten Morgen vielleicht ein bisschen in den Knochen sitzen. Auf Geschichten, bei denen man später nicht genau weiß, ob sie wirklich so passiert sind oder ob das dritte Bier irgendwie nachgeholfen hat.
Auf peinlich sein. Richtig peinlich. Zu laut lachen. Falsch tanzen. Einen Song mitgrölen, obwohl man an einer Stelle den Text nicht kennt und deshalb einfach irgendeinen überzeugenden Laut produziert. Fotos machen, auf denen man scheiße aussieht. Aber auf keinen Fall das Konzert mit dem beschissenen Smartphone filmen. Selbst sehen. Selbst erlegen. Erinnerung schaffen und Momente sammeln.
Noch gar nicht lange her, da hätte ich vermutlich darüber nachgedacht, was andere Menschen davon halten. Heute denke ich mir, wenn man etwas macht, das einen wirklich glücklich macht, sieht es für Menschen, die gerade nur zuschauen, manchmal eben peinlich aus. Dann ist das so. Vielleicht ist peinlich gar nicht das Gegenteil von würdevoll. Vielleicht ist es manchmal nur das Gegenteil von kontrolliert. Und Kontrolle wird ohnehin überschätzt. Wer auf einem Konzert die ganze Zeit darauf achtet, wie er wirkt, kann auch direkt zu Hause bleiben, sich ordentlich auf das Sofa setzen und dort kontrolliert ein Glas stilles Wasser trinken.
Kann man machen. Ist dann nur kein besonders guter Abend. Musik kann etwas, das nur wenige Dinge können. Sie löst nicht alles. Aber sie bringt den Körper wieder dazu, sich zu bewegen, obwohl der Kopf noch irgendwo festhängt. Sie macht aus fremden Menschen für einen Abend eine verdammt laute Gemeinschaft. Sie trägt einen manchmal ein paar Meter weiter.
Vorfreude kann das auch. Sie macht aus einem Datum einen kleinen Rettungsring im Kalender. Jetzt echt nicht so dramatisch. Einfach etwas, worauf man zusteuert. Und es ist ja längst nicht nur das Konzert. Ich freue mich auf gutes Essen vorher. Auf einen Tisch, an dem die richtigen Menschen sitzen. Auf Bier, Wein, Pommes, Pizza oder irgendetwas, das nachts um halb eins plötzlich schmeckt, als hätte ein Sternekoch persönlich beschlossen, einem das Leben zu retten. Ich freue mich auf Gespräche, die 100% nicht mehr vernünftig sind. Auf dieses eine Lachen, bei dem man kurz vergisst, wie viel Scheiße eigentlich noch ungeklärt ist.
Ich freue mich auf Menschen, die mir mittlerweile von Bedeutung sind. Nicht, weil sie mein Leben retten sollen. Das ist ein beschissener Job und außerdem eine Zumutung für jeden Menschen. Sondern weil manche Menschen einen Raum verändern, sobald sie ihn betreten. Weil ein Abend mit ihnen mehr sein kann als nur ein Abend. Weil man bei manchen Menschen nicht ständig überlegen muss, ob man gerade zu laut, zu direkt, zu viel, zu peinlich oder irgendwie falsch ist. Man ist einfach da. Mit verschlissener Jeans. Mit Vans. Mit Bier. Mit ziemlich schlechten Tanzbewegungen. Mit verrückten Ideen. Mit allem, was man ist. Das reicht. Und vielleicht ist genau das Vorfreude.
Nicht nur die Hoffnung, dass später etwas Schönes passiert. Sondern der Beweis, dass man wieder an ein Später glaubt. Dass man wieder Termine macht. Karten kauft. Tische reserviert. Nee, das nicht. Aber das man Songs hört und sich dabei ausmalt, wie es sein wird, wenn sie live gespielt werden. Dass man Menschen vermisst, obwohl man sie bald wiedersehen wird. Dass man morgens aufsteht und weiß, da kommt noch was.
Das ist nicht wenig. Es gab ja Zeiten, da war Zukunft für mich kein Ort, auf den ich mich gefreut habe. Eher etwas, das irgendwie erledigt werden musste. Tage kamen. Tage gingen. Funktionieren. Durchhalten. Kaffee. Noch ein Tag. Noch einer. Jetzt steht da Bremen im Kalender. Der 28. November. Hi! Spencer. „Tel Aviv“. Hörst du noch seinen Namen und weißt du noch, wie er rief? Er rief, das Leben ist so kurz, steh bitte auf nach jedem Sturz. Vergib schnell, küsse langsam, mein Freund. Musik. Bier. Essen. Menschen, die wichtig sind. Alte Jeans. Vans. Tanzen. Verrückte Scheiße. Sich zum Horst machen und irgendwann merken, dass genau das vielleicht Glück ist.
Nicht schön aussehen. Nicht alles im Griff haben. Nicht vernünftig sein. Da sein. Und natürlich ist bis dahin noch Zeit. Zum Glück. Denn Vorfreude ist nicht das Warten auf das Leben. Sie ist längst ein Teil davon. Der 28. November kommt früh genug. Bis dahin drehe ich die Musik auf.
Ich hab etwas gelernt. Die besten Geschichten beginnen selten vernünftig. Sie beginnen nachmittags und enden nachts. Mit zu lauter Musik. Mit einer Nachricht, die man eigentlich nicht mehr erwartet hatte. Mit einem Blick, der eine Sekunde zu lange bleibt. Mit zwei Menschen, die beide so tun, als wäre das hier gerade alles völlig harmlos. Ist es natürlich nicht. Manchmal beginnt eine Geschichte auch morgens. Mit zerknittertem Bettzeug. Kaltem Kaffee. Einem Haargummi auf dem Tisch oder der leisen Frage, ob man gestern wirklich noch diese Sprachnachricht verschickt hat. Hat man. Scheiße.
Manche Geschichten beginnen in einem Restaurant. Pizza auf dem Tisch. Wein in den Gläsern. Ein Abend, der erstmal so aussah, als würde er einfach nur ein Abend werden. Essen. Reden. Lachen. Irgendwann bezahlen. Jacke an. Nach Hause. So der vernünftige Plan. Auf einer Pizza lag ein Stück Paprika, das aussah wie ein Herz. Nicht ungefähr. Ein Herz. Natürlich kann man jetzt sagen, dass es einfach nur ein Stück Paprika war. Kann man machen. Menschen sagen solche Sachen gerne, wenn ihnen etwas zu schön, zu kitschig oder zu eindeutig wird.
„Das ist doch nur Zufall.“
Ja. Vielleicht. Aber manchmal liegt eben ein verdammtes Herz auf einer Pizza und du entscheidest selbst, ob du darüber hinwegisst oder kurz hinschaust. Wir haben hingeschaut. Über uns zog währenddessen der Heißluftballon vom Kliemannsland durch den Himmel. Einfach so. Langsam. Als hätte jemand beschlossen, dass dieser Abend noch ein bisschen mehr Kulisse vertragen könnte. Pizza. Wein. Ein Paprikaherz. Ein Ballon über unseren Köpfen. Das klingt erfunden. Kann sein. Aus irgendeiner Richtung kam Musik. Große Refrains. Bläser. Ein Gemisch aus Melancholie und Vorwärtsdrang, bei dem man gleichzeitig an alles denken und trotzdem aufspringen möchte.
Wir sind nicht in Seattle. Wir sind auch nicht in irgendeiner amerikanischen Filmstadt, in der Menschen nachts an beleuchteten Straßenecken stehen, perfekt aussehen und genau im richtigen Moment den richtigen Satz sagen. Wir sitzen irgendwo hier. In einem Restaurant. Mit Pizza. Mit Wein. Mit einem Stück Paprika, das sich für ein Herz hält. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Die wichtigen Geschichten sehen am Anfang selten wichtig aus. Sie kündigen sich nicht an. Kein Vorspann. Keine dramatische Musik. Niemand sagt: „Achtung. Diesen Abend wirst du später noch brauchen.“ Sie passieren einfach.
Zwischen einem Schluck Wein und dem nächsten Satz. Zwischen einem Lied und einem Lachen. Zwischen dem kurzen Gedanken, dass das hier gerade wirklich schön ist, und der sofort folgenden Angst, bloß nicht zu viel hineinzuinterpretieren. Menschen sind darin großartig. Sobald etwas schön wird, stellen wir innerlich einen Sicherheitsbeauftragten daneben. Ich mach das. Nicht zu viel fühlen. Nicht zu viel hoffen. Nicht zu deutlich werden. Immer schön so tun, als wäre alles locker. Ist es natürlich nicht. Vielleicht muss es das auch gar nicht sein. Vielleicht darf ein Abend einfach Bedeutung bekommen, ohne dass man ihn sofort erklären, einordnen oder für die nächsten fünf Jahre vertraglich absichern muss.
Vielleicht reicht es, dort zu sitzen. Zu trinken. Zu reden. Zu lachen. Zu merken, dass man gerade nirgendwo anders sein möchte. Vielleicht hab ich mir das Alles ausgedacht. Vielleicht auch nicht.
Ich schreibe aber jetzt über solche Geschichten. Über Abende, die größer werden, während sie passieren. Über Menschen, die plötzlich wichtig sind, ohne vorher einen Antrag eingereicht zu haben. Über Musik, die im richtigen Moment einsetzt. Über seltsame Zufälle. Über Nähe. Über Freiheit. Über das ganze unordentliche Leben, das ständig zwischen unseren Plänen herumläuft und dabei meistens die besseren Ideen hat. Nicht jede Geschichte braucht eine Explosion. Manche brauchen nur Pizza. Zwei Gläser Wein. Einen Ballon am Himmel. Und ein Stück Paprika, das verdammt noch mal aussah wie ein Herz. Wir sind nicht in Seattle. Aber ganz ehrlich? An solchen Abenden müssen wir das auch nicht sein.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-08-04 18:26:132026-08-04 18:26:15Nicht in Seatle
Ich weiß nicht mehr genau, welcher Song zuerst lief. Vielleicht Madsen. Vielleicht Hi! Spencer. Vielleicht irgendwas mit Gitarren, das schon in den ersten zehn Sekunden klang, als würde gleich jemand eine Tür eintreten, hinter der ich jahrelang gesessen hatte. Ist im Grunde auch scheißegal. Wichtig ist nur: Die Musik war laut. Echt keine Hintergrundmusik. Nicht dieses belanglose Gedudel, das in Supermärkten läuft, damit man beim Kauf von Klopapier nicht aus Versehen über die eigene Vergänglichkeit nachdenkt. Laut. Mit Schlagzeug. Mit Gitarren. Trompeten. Mit Texten, die nicht so taten, als wäre alles gut, aber trotzdem nicht bereit waren, sich auf den Boden zu legen und dort zu bleiben. Ich stand irgendwo zwischen Kaffeetasse, Handy und einem Leben, das in den Monaten davor ziemlich gründlich gegen die Wand gefahren war.
Nicht elegant. Kein kleiner Parkrempler. Eher Totalschaden mit herumliegenden Einzelteilen, von denen niemand so genau wusste, ob sie noch gebraucht werden. Und plötzlich war da dieser Song. Dann noch einer. Und noch einer. Eine Playlist wurde länger. Mit Mund abwischen. Der Kaffee wurde kalt. Die Musik blieb laut. Ich hörte 100 Kilo Herz, Drei Meter Feldweg, Broilers, Jupiter Jones, Liedfett, Madsen und Hi! Spencer. Bands, die mir irgendwie nicht versprachen, dass morgen alles besser wird.
Sie machten etwas viel Wichtigeres. Sie klangen, als dürfte morgen trotzdem kommen. Vielleicht begann es genau da. Ich saß da. Wahrscheinlich stand irgendwo eine Tasse Kaffee herum. Wahrscheinlich hatte ich zu viele Nachrichten offen, zu viele Gedanken im Kopf und noch immer keinen vernünftigen Plan. Aber ich hatte plötzlich Bock. Erst nur auf einen weiteren Song. Dann auf ein Konzert. Dann auf eine Zugfahrt. Auf einen Nachmittag irgendwo. Auf Menschen. Auf Pläne. Auf völligen Schwachsinn. Darauf, auch von Leuten nach dem Hochamt als peinlich betitelt zu werden. Und das klingt kleiner, als es war.
Denn eine ganze Weile hatte ich auf vieles keinen Bock mehr gehabt. Ich hatte funktioniert, Dinge erledigt, nachgedacht, gezweifelt und versucht, den Scherbenhaufen meines Lebens wenigstens so ordentlich zusammenzufegen, dass niemand darüber stolpert. Vor allem nicht die anderen. Die anderen sollten sich bloß nicht unwohl fühlen. Die anderen sollten verstehen, warum ich etwas tat. Die anderen sollten nicht enttäuscht sein. Die anderen sollten mich weiterhin für einen halbwegs vernünftigen Menschen halten. Hat hervorragend geklappt. Nur ich selbst ging mir dabei langsam verloren.
Vielleicht ist das jetzt genau das Gegenteil davon. Ich weiß, dass du das anders siehst. Und ich mache es trotzdem. Nicht aus Wut. Aus Freiheit. Ich kaufte Konzertkarten, Monate im Voraus, und freute mich darüber wie ein Kind, das noch nicht gelernt hat, Vorfreude angemessen herunterzuregulieren. Vier Monate. Vier verdammte Monate Vorfreude. Kann man peinlich finden. Kann man kindisch finden. Kann man auch einfach geil finden. Ich entschied mich für geil.
Ich fuhr mit Regionalzügen fast dreihundert Kilometer, um eine Pizza zu essen. Ich buchte ein Hotel, das ungefähr dort lag, wo ich nicht hinmusste. Ich stand an Bahnhöfen, schleppte meinen Rucksack herum und fragte mich mehr als einmal, ob ich eigentlich komplett bescheuert geworden war. Die Antwort lautet vermutlich: ein bisschen. Aber ich war unterwegs. Das war neu. Nicht das Reisen. Das Wollen. Ich wollte wieder irgendwohin. Ich wollte Menschen sehen. Konzerte besuchen. Schreiben. Fotografieren. Einen Wagen kaufen. Eine Wohnung finden. Meine Website umbauen. Ziele verfolgen, die niemand verstehen muss. Zeit mit den Menschen verbringen, bei denen sich nichts nach Kampf anfühlt. Ich wollte mein Leben nicht mehr nur irgendwie reparieren. Ich wollte es benutzen. Auch mit Kratzern. Auch mit fehlenden Teilen. Auch ohne Bedienungsanleitung. Vor allem ohne Bedienungsanleitung. Es gibt natürlich weiterhin beschissene Tage. Wird es immer geben. Freude ist kein Schutzhelm. Sie verhindert nicht, dass Dinge wehtun. Menschen gehen trotzdem. Pläne platzen trotzdem. Manchmal sitzt man nachts da und versteht überhaupt nichts.
Aber ein beschissener Tag ist kein beschissenes Leben. Das ist der Unterschied.
Früher hätte ich vielleicht gewartet, bis alles geklärt ist. Bis Ruhe eingekehrt ist. Bis kein Mensch mehr eine Frage hat. Bis jede Entscheidung erklärt, jedes Problem gelöst und jede Socke ihrem rechtmäßigen Partner zugeführt wurde. Dann darf man wieder leben. So ungefähr war der Plan. Rückblickend war das natürlich völliger Schwachsinn. Das Leben wird nicht fertig. Es steht nicht irgendwann frisch gestrichen vor einem, reicht einem den Schlüssel und sagt:
„So, Torsten. Jetzt kannst du einziehen.“
Irgendwas ist immer. Eine Rechnung. Eine Trennung. Eine Sorge. Ein Termin. Ein Mensch, der ungefragt erklärt, wie man sprechen, fühlen oder leben sollte. Wartet man darauf, dass alles geregelt ist, kann man sich direkt einen bequemen Stuhl kaufen. Man sitzt länger.
Also Musik an. Nicht, um irgendetwas zu verdrängen. Sondern um wieder etwas zu spüren. Der Bass. Das Schlagzeug. Eine Stimme, die an der richtigen Stelle sitzt oder verkackt. Ein Refrain, der den Raum größer macht. Diese Musik war kein Soundtrack zu einem perfekten Neuanfang. Sie war der Lärm einer Baustelle. Da wurde nichts feierlich eröffnet. Da wurde gehämmert. Geflucht. Abgerissen. Neu angesetzt. Manchmal schief. Manchmal viel zu laut. Aber es entstand etwas. Ich. Nicht neu. Eher wieder. Nur ohne die ganzen Versionen, die ich jahrelang für andere Menschen gespielt hatte. Die freundliche Version. Die angepasste Version. Die Version, die Ja sagt, obwohl sie Nein meint. Die Version, die hinterherläuft. Fickt Euch. Das mach ich nicht mehr. Die Version, die sich erklärt, bis von der eigenen Entscheidung nichts mehr übrig ist. Die können alle weg. Sperrmüll.
Heute bin ich glücklich. Der Satz fühlt sich noch immer ungewohnt an. Fast verdächtig. Als müsste direkt jemand um die Ecke kommen und fragen, ob ich dafür überhaupt eine Genehmigung habe. Habe ich nicht. Brauche ich auch nicht. Ich bin nicht glücklich, weil plötzlich alles funktioniert. Tut es nicht. Ich bin glücklich, weil ich nicht mehr darauf warte.
Ich habe jetzt Menschen in meinem Leben, bei denen ich nichts beweisen muss. Ich mache Pläne, obwohl andere Dinge noch offen sind. Ich fahre los, auch wenn die Verbindung scheiße ist. Ich freue mich zu laut. Ich rede, wie ich rede. Ich trage Klamotten, die mir gefallen. Ich höre Musik, die irgendetwas in mir aufrichtet. Und ich mache mich vermutlich gelegentlich zum Horst.
Gut.
Wer nie peinlich ist, war wahrscheinlich auch nie richtig begeistert. Wo es begann? Vielleicht mit einem Song. Vielleicht mit einer Nachricht, die besagt, dass sich jemand freut, mich zu sehen. Vielleicht mit einer Konzertkarte. Vielleicht an irgendeinem Nachmittag, an dem ich plötzlich gemerkt habe, dass ich nicht mehr nur darüber nachdachte, was alles vorbei war.
Sondern darüber, was als Nächstes kommt. Aus den Boxen liefen Gitarren. Ich trank Hefeweizen im Sonnenlicht. Trockenen Weißwein auf einer Terrasse. Mein Leben war noch immer nicht sortiert. Aber irgendwo setzte das Schlagzeug ein. Und ich stand auf.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-08-03 23:39:242026-08-03 23:39:26Wo es begann.
Ich saß letztens, an einem Freitag im Zug und wusste nicht genau, ob das, was ich gerade machte, vernünftig war. Das kommt inzwischen häufiger vor. Ich steige irgendwo ein, fahre los, buche ein Hotel oder beschließe am Abend, am nächsten Morgen knapp 300 Kilometer mit Regionalzügen zu fahren, um irgendwo eine Pizza zu essen. Nicht alles, was ich mittlerweile so mache, ist besonders durchdacht. Manches ist sogar objektiv betrachtet, ein bisschen, ähm, komplett bescheuert. Aber während ich aus dem Fenster sah und draußen Felder, Gewerbegebiete und diese kleinen Bahnhöfe vorbeizogen, an denen irgendwie nie wirklich jemand ein- oder aussteigt, dachte ich: Wen müsste ich eigentlich fragen, ob ich das darf? Wen müsste ich noch fragen, ob er damit einverstanden ist.
Die Antwort ist schon ziemlich geil: niemanden. Trotzdem fühlt es sich manchmal noch so an, als müsste ich meine Entscheidungen und vorhaben irgendwo absegnen lassen. Zur Prüfung. Mit kurzer Begründung, Anlagen und der freundlichen Bitte um Zustimmung. Ich habe das jahrelang gemacht. Nicht offiziell. Es gab kein Formular. Aber in meinem Leben saßen ziemlich viele Menschen an einem sehr langen Tisch und hatten zu allem eine Meinung. Was vernünftig ist. Was sich gehört. Was man in meinem Alter macht. Was man besser lässt. Was andere denken könnten. Und ich stand davor und versuchte, eine Version meines Lebens zu präsentieren, gegen die möglichst niemand Einspruch erhebt. Hat natürlich nicht geklappt.
Ich wollte gefallen. Das ist die ungeschönte Wahrheit. Ich wollte, dass Menschen mich mögen, meine Entscheidungen verstehen und mich für einen vernünftigen, guten Menschen halten. Also sagte ich viel zu oft Ja, obwohl ich Nein meinte. Ich erklärte Dinge, die niemanden etwas angingen. Ich rechtfertigte Entscheidungen, die nur mein eigenes Leben betrafen. Und wenn jemand enttäuscht von mir war, fragte ich mich nicht zuerst, ob meine Entscheidung trotzdem richtig gewesen war. Ich überlegte, wie ich sie wieder zurücknehmen konnte. Hat auch funktioniert. Viele Menschen waren vermutlich ziemlich zufrieden mit mir. Ich selbst wurde es immer weniger.
Das Merkwürdige ist, dass der ganze Bums von außen wahrscheinlich gar nicht unfrei ausgesehen hat. Ich war erwachsen. Ich konnte arbeiten, reisen, Geld ausgeben, Verträge unterschreiben und in einem Baumarkt eigenständig Dübel kaufen, obwohl auch das nicht unterschätzt werden sollte. Niemand hielt mich fest. Niemand verbot mir, irgendwohin zu fahren oder etwas Neues anzufangen. Und trotzdem bestand ein großer Teil meines Lebens daraus, Erwartungen zu erfüllen. Manche waren ausgesprochen. Viele nicht. Einige hatte ich mir vermutlich selbst ausgedacht, weil echte Erwartungen offenbar noch nicht genug waren. Man ist ja schon irgendwie bescheuert, wenn man immer jedem gefallen möchte.
Autonomie klingt nach einem Begriff, über den ein Mann mit Rollkragenpullover neunzig Minuten in einem Podcast spricht. Dabei ist sie im Alltag oft ziemlich unspektakulär. Sie beginnt nicht mit wehenden Haaren auf einer Klippe. Bei mir wäre das schon aus biologischen Gründen schwierig. Sie beginnt mit einem Nein. Mit einer Entscheidung, die nicht jeder verstehen muss. Mit dem Moment, in dem ich nicht mehr sofort zurückrudere, nur weil jemand anders meine Grenze unbequem findet.
Es ist so geil. Ich lerne gerade, dass Freiheit nicht bedeutet, alles tun zu können. Das kann ohnehin niemand. Jede Entscheidung hat Folgen. Jeder Weg schließt einen anderen aus. Wenn ich losfahre, kann ich nicht gleichzeitig zu Hause bleiben. Wenn ich Nein sage, wird vielleicht jemand enttäuscht sein. Wenn ich mein eigenes Leben führe, passt es zwangsläufig nicht mehr vollständig in die Vorstellungen anderer Menschen. Genau das habe ich lange vermeiden wollen. Vielleicht habe ich Freiheit deshalb immer an den falschen Orten gesucht. In Reisen. In neuen Städten. Auf Feldwegen, Bahnhöfen und in Hotelzimmern. Ich dachte, ich müsste nur weit genug wegfahren, dann wäre ich frei. Aber man kann 300 Kilometer entfernt in einem Hotel sitzen und trotzdem noch darüber nachdenken, ob jemand zu Hause die eigene Entscheidung gut findet. Man kann allein reisen und innerlich weiterhin um Erlaubnis bitten.
Das möchte ich nicht mehr.
Ich möchte Entscheidungen treffen, weil sie für mich richtig sind. Nicht, weil ich sie besonders überzeugend erklären kann. Ich möchte losfahren, wenn ich losfahren will. Bleiben, wenn ich bleiben möchte. Menschen mögen, ohne vorher zu prüfen, ob das klug ist. Ziele verfolgen, die andere für unnötig, klein oder komplett bekloppt halten. Ich möchte Fehler machen dürfen, die wenigstens meine eigenen sind.
Das heißt nicht, dass mir andere Menschen egal werden. Im Gegenteil. Es gibt Menschen, die mir wichtig sind. Längst nicht alle. Aber ein paar. Ihre Gefühle auch. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Rücksicht und Selbstaufgabe. Rücksicht bedeutet, andere mitzudenken. Selbstaufgabe bedeutet, sich selbst dabei ständig zu vergessen. Ich habe diesen Unterschied lange nicht besonders sauber hinbekommen.
Autonomie bedeutet für mich deshalb nicht: Ich mache, was ich will, und alle anderen können mich mal. Das wäre keine Freiheit, sondern vermutlich einfach nur ein ziemlich anstrengender Charakterzug. Autonomie bedeutet: Ich höre zu, aber ich entscheide selbst. Ich nehme andere ernst, aber nicht mehr wichtiger als mich. Ich kann jemanden enttäuschen, ohne deshalb automatisch etwas Falsches getan zu haben.
Das ist wahrscheinlich der schwierigste Teil. Auszuhalten, dass nicht jeder die eigene Entscheidung gut findet. Dass Menschen einen vielleicht egoistisch nennen. Dass manche Beziehungen nur so lange einfach waren, so lange man selbst ordentlich und dem Dorfleben entsprechend funktioniert hat. Dass ein Nein manchmal mehr über eine Verbindung zeigt als hundert freundliche Jas.
Ich weiß noch nicht, ob ich das schon gut kann. Wahrscheinlich nicht. Alte Gewohnheiten verschwinden nicht, nur weil man einen klugen Begriff dafür gefunden hat. Manchmal erkläre ich mich noch immer zu viel. Manchmal denke ich zuerst darüber nach, was andere erwarten. Manchmal möchte ich eine Entscheidung am liebsten so lange begründen, bis selbst der letzte Mensch im Raum zustimmt.
Aber ich merke es inzwischen. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Naja. Neulich saß ich also in diesem Zug, sah aus dem Fenster und wusste nicht, ob mein Plan vernünftig war. Irgendwo hinter mir lagen Menschen, Erwartungen und all die guten Gründe, etwas nicht zu tun. Vor mir lagen ein Bahnhof, ein Hotel und vermutlich wieder irgendein unnötig komplizierter Umstieg. Ich bin trotzdem weitergefahren. Nicht, weil es allen gefallen hätte. Sondern weil ich es wollte. Und dann sind Menschen verschwunden. Aber das ist egal. Die richtigen bleiben. Der Rest passt nicht.
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