Was keiner sieht
und doch passiert.
Die sozialen Netzwerke sind manchmal ein seltsamer Ort. Einfach, weil dort fast niemand auf die Idee kommt, die weniger fotogenen Teile des Lebens zu zeigen. Man sieht Sonnenuntergänge. Frühstück auf Holztischen. Menschen, die irgendwo auf Felsen sitzen und in die Ferne schauen, als wäre das der einzige Platz auf der Welt, an dem man wirklich zu sich selbst finden kann. Man sieht Cappuccino mit Herz im Milchschaum. Frisch gebackene Croissants. Bücher neben Leinenhemden. Hunde vor Bergpanoramen. Was man aber deutlich seltener sieht, ist jemand, der am 28. des Monats mit einem 19-Cent-Brötchen aus dem Discounter am Küchentisch sitzt und überlegt, ob der Kaffee heute wirklich Kaffee ist oder nur heißes Wasser mit einer dunklen Vergangenheit. Dabei gehören diese Tage natürlich bei den meisten Menschen genauso dazu. Ich nehme mich da ausdrücklich nicht raus. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein Foto von einem trockenen Brötchen gepostet habe, das ich im Zug gegessen habe, weil mir das Tomate-Mozzarella-Baguette beim Bäcker plötzlich vorkam, als hätte es inzwischen die Preisentwicklung von Eigentumswohnungen nachgebildet. Man macht dann einfach kein Foto. Oder besser gesagt: Ich mache dann einfach kein Foto.
Das ist vermutlich überhaupt die große Stärke sozialer Netzwerke. Was nicht fotografiert wird, hat erstaunlich gute Chancen, nie stattgefunden zu haben. Und während irgendwo Menschen ihren dritten Sonnenuntergang der Woche hochladen, sitzt man selbst vielleicht in Jogginghose auf dem Bett und versucht herauszufinden, warum man eigentlich drei verschiedene Streamingdienste bezahlt, obwohl man momentan nicht einmal einen Fernseher besitzt. Stattdessen liest man Bücher über Gewohnheiten, Gelassenheit, Produktivität und die Frage, warum das eigene Leben manchmal nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Einige davon haben mir tatsächlich geholfen. Zumindest genug, um weitere Bücher über Gewohnheiten, Gelassenheit und Produktivität zu kaufen.
Man sitzt also irgendwo herum, scrollt durch die Netzwerke und bekommt irgendwann das Gefühl, als würden alle anderen permanent an Orten sein, an denen kleine Lichterketten hängen und jemand Sauerteigbrot backt. Natürlich weiß jeder, dass das nicht stimmt. Trotzdem schaut man sich diese Fotos an und denkt für einen kurzen Moment: Mensch. Die haben ihr Leben aber wirklich im Griff. Zehn Minuten später begegnet man derselben Person zufällig in Oldenburg im Supermarkt. Vor dem Kühlregal. Sie steht dort und vergleicht mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit die Sonderangebote für Tiefkühlpizza. Nicht eine Minute. Nicht zwei. Richtig gründlich. Und plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung. Vielleicht ist genau das das Beruhigende daran. Dass hinter jedem perfekt fotografierten Frühstück, jedem Sonnenuntergang und jedem Bild aus irgendeinem hyggeligen Ferienhaus am Ende doch nur Menschen stecken. Menschen, die ihre Rechnungen bezahlen müssen. Die manchmal müde sind. Die Dinge aufschieben. Die sich vornehmen, früher ins Bett zu gehen und um halb elf trotzdem noch Videos schauen. Menschen eben.
Und natürlich gibt es auch Menschen, die genau diese weniger perfekten Seiten zeigen. Wobei vieles davon vermutlich nur deshalb als Makel gilt, weil irgendwann irgendwer beschlossen hat, dass es welche sind. Ein paar Kilo zu viel. Dehnungsstreifen. Schiefe Zähne. Körperbehaarung. Was weiß ich, die Liste ist lang. Und das meiste darauf sind keine Schwächen, sondern einfach Dinge, die Menschen nun einmal haben. Wenn Joanna öffentlich erzählt, dass sie abnehmen möchte, dauert es meist keine fünf Minuten, bis die ersten Kommentare auftauchen. Menschen, die Joanna nicht kennen. Menschen, die vermutlich nicht einmal wissen, wie sie mit Nachnamen heißt. Aber trotzdem überzeugt davon sind, ihr erklären zu müssen, warum sie falsch lebt, falsch aussieht oder falsch denkt. Das Internet hat vielen Menschen eine Stimme gegeben. Was sie damit anfangen, ist dann wieder eine andere Geschichte. Und manchmal sitzt man vor diesen Kommentarspalten und fragt sich, woher diese bemerkenswerte Mischung aus Überheblichkeit und Langeweile eigentlich kommt. Da schreiben Menschen Dinge, die sie ihrem Nachbarn niemals ins Gesicht sagen würden. Nicht beim Bäcker. Nicht im Supermarkt. Nicht an der Bushaltestelle. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich so viele lieber von ihrer besten Seite zeigen. Nicht weil sie etwas vortäuschen wollen. Sondern weil es anstrengend ist, ständig mit Menschen diskutieren zu müssen, die ihr eigenes Leben offenbar so fest im Griff haben, dass ihnen noch genügend Zeit bleibt, sich ungefragt um das Leben anderer zu kümmern.
Wenn ich auf die vergangenen Monate zurückblicke, habe ich vermutlich deutlich mehr verschwiegen als gepostet. Kleine Dinge. Große Dinge. Dinge, über die man nicht unbedingt mit Fremden spricht. Manchmal nicht einmal mit sich selbst. Während irgendwo zwischen Sonnenstrahlen, Regen, Kaffee und Bahnfahrten der Eindruck entstehen konnte, ich würde einfach ein bisschen durch Deutschland reisen und gelegentlich auf Bergen sitzen, sah die Realität stellenweise etwas anders aus.
Ich suche seit einiger Zeit eine Wohnung. Ich musste für meinen Hund Talko ein neues Zuhause finden. Anfang Mai lag ich für einige Tage im Krankenhaus. Danach bin ich nach Bayern gefahren. Nicht nur, weil ich schon immer mal unbedingt nach Bayern wollte, sondern weil es einer der wenigen Orte war, an denen ich gerade wirklich Ruhe gefunden habe. In den letzten zwei Monaten bin ich außerdem so viel Bahn gefahren, dass ich mittlerweile problemlos sagen könnte, in Wagen 4 schon mehrere Nachbarn gehabt zu haben. Irgendwann kennt man die Geräusche. Die Durchsagen. Die Menschen, die die Tickets kontrollieren. Die Familien mit zu viel Gepäck. Ich habe eine Nacht auf einem Bahnhof verbracht, der aussah, als hätte selbst die Hoffnung dort vor Jahren den letzten Zug genommen. Eine weitere Nacht in einem Hotel, weil es schlicht keine Alternative gab. Und irgendwo dazwischen stand ich immer wieder mit einem Rucksack in der Hand herum und wusste nicht so genau, wo ich als Nächstes hin sollte.
Das Verrückte daran ist aber, die meisten Menschen bekommen davon nichts mit. Und das meine ich gar nicht vorwurfsvoll. Warum sollten sie auch? Auf Fotos sieht man keine schlaflosen Nächte. Keine Sorgen. Keine Krankenhauszimmer. Letzteres habe ich höchstens zwei Menschen erzählt. Meiner Familie erst, nachdem ich entlassen wurde. Niemand bekommt etwas von den Gedanken mit, die einem morgens um drei Uhr durch den Kopf laufen. Man sieht einen Kaffee auf einem Holztisch. Einen Berg. Einen Weg durch den Wald. Einen Burger. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht alles, was Menschen verschweigen, ist eine Lüge. Manchmal ist es einfach nur der Teil der Geschichte, für den es kein passendes Foto gibt. Und manchmal sind es Dinge, die niemanden etwas angehen.
Und trotzdem würde ich all das jederzeit einem perfekt inszenierten Leben vorziehen.
Vielleicht gerade deshalb, weil es echt ist. Die Wohnungssuche nervt. Krankenhäuser machen keinen Spaß. Bahnhöfe um Mitternacht stehen selten auf Listen der schönsten Reiseziele Deutschlands. Und die vergangenen Monate waren sicherlich nicht die einfachsten meines Lebens. Aber Jammern hat noch nie eine Wohnung gefunden. Noch nie einen Zug pünktlicher gemacht. Noch nie dafür gesorgt, dass Dinge plötzlich einfacher werden. Also mache ich das, was die meisten Menschen vermutlich tun. Ich stehe morgens auf. Gehe joggen. Trinke meinen Kaffee. Fahre irgendwo hin. Gehe weiter. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Und wenn ich in den letzten Monaten etwas gelernt habe, dann vielleicht dies: Die besten Fotos habe ich wahrscheinlich nie gemacht. Die wichtigsten Geschichten habe ich nicht erzählt. Aber es war mein Leben.