Umwege.

Nachts im Hotel.

Einer der schlimmsten Sätze der deutschen Sprache. Direkt hinter „Der Drucker funktioniert nicht mehr“ und „Wir müssen die Unterlagen fürs Finanzamt noch zusammensuchen.“ Vielleicht sogar davor. Der Satz hat etwas Endgültiges. Niemand hört „Wir müssen reden“ und denkt anschließend: Ach schön, vielleicht geht es um Urlaubsplanung oder einen neuen Wasserkocher. Ich stand währenddessen mit einer Packung mittelaltem Gouda vor dem Kühlschrank und dachte ernsthaft darüber nach, ob man Käse einfrieren kann. Menschen reagieren erstaunlich würdelos, sobald ihr Leben auseinanderfällt. In Filmen werfen Leute Gläser gegen Wände oder fahren nachts orientierungslos durch die Stadt. Ich hingegen stand in Socken auf kalten Fliesen und überlegte, ob tiefgefrorener Gouda nach dem Auftauen vielleicht eine komische Konsistenz bekommt.

Knoppers im Bett zu essen, ist eigentlich immer eine dumme Idee. Vor allem wegen dieser kleinen Haselnussstückchen und der Schokolade, die einfach überall landen. In der Bettdecke. Unter dem Rücken. Irgendwann vermutlich sogar im eigenen Bauchnabel. Es sei denn, es ist ein Hotelbett. Da landen die auch überall, aber in Hotels wirkt selbst das plötzlich erstaunlich vertretbar. Wahrscheinlich, weil man morgens einfach geht und sich nicht weiter damit beschäftigen muss. Hotels leben im Grunde davon, dass Menschen dort kurzfristig Versionen ihrer selbst werden, die sie zu Hause niemals wären. Menschen bestellen plötzlich Sandwiches um Mitternacht, laufen barfuß durchs Zimmer oder essen eben Knoppers im Bett, als gäbe es keine Konsequenzen im Leben.

Es ist 23:10 Uhr und ich habe schon wieder zu lange geschrieben. Draußen ist alles längst still geworden. Glaub ich zumindest. Ab und zu fährt noch irgendwo ein Auto vorbei. Im Zimmer brennt nur noch eine kleine Lampe neben dem Bett und neben mir liegt ein Roman, den ich schon in Oberstdorf lesen wollte. Erfolglos. Ich lese momentan fast nur noch meine eigenen Texte. Vermutlich ein bisschen wie Menschen, die plötzlich anfangen, ihre Symptome zu googeln und danach überzeugt sind, höchstens noch drei Wochen zu leben. Heute Abend habe ich wieder an meinem Roman gearbeitet. Über Anfänge und Enden geschrieben. Über Männer, die zu lange schweigen. Über Hunde. Über Beziehungen. Über Entscheidungen, die sich erst Monate später als Fehler herausstellen. Oder als Rettung. Das Problem beim Schreiben ist ja, dass man irgendwann anfängt, überall Geschichten zu sehen. In Cafés. Auf Bahnhöfen. In Gesichtern. Selbst Menschen im Supermarkt wirken plötzlich, als hätten sie Kapitel. Der Mann vor mir an der Kasse kaufte heute Abend nur Katzenfutter, Toast und Energydrinks. Ich stand hinter ihm und dachte kurz darüber nach, wie sein Leben wohl aussieht. Schreiben macht aus normalen Gedanken irgendwann leicht unangenehme Beobachtungsstörungen.

Mittlerweile bin ich übrigens 45. Laut Denise praktisch kurz vor betreutem Wohnen. Ehrlich. Diese Information benutzt sie ungefähr so, wie andere Menschen einen Taser. Dann zeigt sie mir den Mittelfinger, nennt mich „Vorfeld zur Verwesung“ und behauptet, meine Knochen würden beim Aufstehen klingen wie etwas, das gleichzeitig bricht und stirbt. Wenn ich beim Wandern irgendwo kurz stehen bleibe, schaut sie mich an und fragt völlig ernst, ob sie schon mal vorsorglich einen Platz im betreuten Wohnen reservieren soll. Sie lacht darüber, dass ich nicht mehr über umgefallene Bäume springe, sondern vorher kurz abschätze, ob sich das Knie danach eventuell mehrere Werktage beleidigt verhält. Und ehrlich gesagt verstehe ich langsam, warum Männer ab einem gewissen Alter plötzlich anfangen, sich ernsthaft für Wärmepumpen oder orthopädische Kopfkissen zu interessieren. Der Körper wird irgendwann zu einer Art sehr passiv-aggressivem Mitbewohner. Aber gut. Denise ist zehn Jahre jünger. In zehn Jahren lache ich dann zurück. Vorausgesetzt natürlich, ich lebe noch. Wobei man da ehrlich gesagt nie ganz sicher sein kann. Vor allem nicht in meinem Alter. Mit Mitte vierzig beginnt man plötzlich, Sätze zu sagen wie: „Früher konnte ich sowas einfach essen.“ Oder man freut sich ernsthaft über gute Matratzen. Dinge verändern sich schleichend. Irgendwann besitzt man plötzlich eine bevorzugte Herdplatte und reagiert emotional auf schlechte Rückenlehnen.

Es ist inzwischen 23:13 Uhr und ich hätte längst schlafen sollen. Stattdessen sitze ich hier zwischen Krümeln, offenen Dokumenten und irgendwelchen halbfertigen Sätzen im Hotel und merke, dass mir das Schreiben wahrscheinlich wichtiger geworden ist, als ich es lange zugeben wollte. Vielleicht ist der Roman eine Herzensangelegenheit. Vielleicht ist er aber auch Therapie. Vermutlich sogar beides. Und ehrlich gesagt glaube ich mittlerweile, dass jeder Mensch in seinem Leben mal eine Therapie machen sollte. Einfach, damit im Kopf irgendwann wieder ein bisschen Ordnung entsteht. Gedankenhygiene. Ich mag dieses Wort. Klingt ein wenig nach Frühjahrsputz für die Seele. Und vermutlich brauchen die meisten von uns genau das öfter, als sie zugeben würden. Drei Knoppers noch.

Ich werde Schriftsteller. Punkt. Heute fällt es mir leichter, das auszusprechen. Früher bin ich um diesen Satz herumgelaufen wie Menschen um merkwürdige Nachbarn auf der Straße. Bloß nicht zu direkt werden. Bloß nicht unangenehm auffallen. „Ich schreibe gerade an einem Roman“ klingt in Deutschland nämlich immer noch ein bisschen so, als hätte man beschlossen, hauptberuflich Räucherstäbchen zu verkaufen oder mit Mitte vierzig plötzlich Straßenmusiker in Portugal zu werden. Die meisten reagieren freundlich interessiert. Was oft nur die höflichere Form von „Das wird doch eh nichts“ ist. Dabei wusste ich lange selbst nicht genau, wie ich das nennen soll. Schriftsteller. Autor. Klingt beides größer, als man sich selbst manchmal fühlt, wenn man nachts mit Knopperskrümeln im Bett sitzt und seit drei Stunden an denselben vier Absätzen rum doktort. Vor einiger Zeit gab es jedenfalls noch genug Stimmen, die meinten, das wäre keine gute Idee. Kein richtiges Fundament. Keine Sicherheit. Kein Leben, auf dem man etwas aufbauen könne. Brotlose Kunst ohne Kunst. Und das Dumme ist ja nicht mal, dass Menschen sowas sagen. Das Dumme ist, dass man irgendwann anfängt, ihnen zu glauben.

Man übernimmt fremde Zweifel irgendwann wie schlechte Angewohnheiten. Trägt sie mit sich herum. Lässt Dinge sein, die einem eigentlich etwas bedeuten, nur weil irgendwer mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit behauptet hat, daraus würde sowieso nichts werden. Menschen sprechen generell unfassbar gern über die Grenzen anderer Leute. Vermutlich, weil die eigenen dann nicht mehr ganz so traurig wirken. Aber irgendwann passiert dann etwas. Die Stimmen werden leiser. Manche verschwinden ganz. Andere verlieren einfach ihre Bedeutung. Und plötzlich merkt man, dass dieser ganze Rahmen, in den man sich selbst jahrelang gepresst hat, eigentlich nie wirklich existiert hat. Da war nie irgendeine unsichtbare Instanz, die entschieden hätte, was man darf und was nicht. Die meisten Menschen laufen ohnehin selbst völlig orientierungslos durch ihr Leben und geben dabei anderen Ratschläge mit der Autorität eines enttäuschten Fahrlehrers. (Heul leise Anneliese.)

Und ehrlich gesagt denke ich mittlerweile manchmal einfach: Fick dich. Nicht mal böse. Eher müde. Ich bin 45. Denise möchte mich gefühlt nächste Woche im betreuten Wohnen anmelden, mein Knie führt bei Wetterumschwung inzwischen eigene Verhandlungen mit dem Universum und die Uhr läuft sowieso weiter. Man hat irgendwann nicht mehr jeden Tag einen mehr. Sondern einen weniger. Das ist der Teil, den einem früher niemand wirklich erklärt. Irgendwann merkt man plötzlich, dass Zeit keine theoretische Sache ist. Sie sitzt mit im Raum. Beim Kaffee. Im Zug. Nachts im Hotelbett zwischen irgendwelchen Krümeln und offenen Word-Dokumenten. Worauf wartet man dann eigentlich noch? Ernsthaft. Darauf, dass irgendwann jemand kommt und sagt: „So Torsten, jetzt ist der richtige Moment. Jetzt darfst du anfangen.“? Vergiss es. Das passiert nicht. Niemand rettet einen. Niemand drückt plötzlich auf einen Knopf und alles ergibt Sinn. Die meisten Menschen warten ihr halbes Leben auf irgendeine Art Erlaubnis und merken erst sehr spät, dass nie jemand vorhatte, sie ihnen zu geben. Zwei Knoppers noch.

Ich sollte schlafen. Wirklich. Es ist inzwischen kurz nach Mitternacht und die Vernunft sitzt irgendwo in einer Ecke des Hotelzimmers und schaut mich wahrscheinlich schon seit einer Stunde enttäuscht an. Die letzten beiden Knoppers bewahre ich mir auf. Für morgen oder schlechte Zeiten. Wobei das im Erwachsenenleben oft erstaunlich dicht beieinanderliegt. Also eigentlich für morgen. Das MacBook klappe ich gleich zu und schließe es noch an den Strom. Ein mittlerweile fast schon fürsorglicher Vorgang. Früher bin ich einfach eingeschlafen und morgens war der Akku tot. Heute denke ich plötzlich an Ladezustände. Vermutlich beginnt Altern genau dort. Nicht bei grauen Haaren oder orthopädischen Kopfkissen. Sondern in dem Moment, in dem man nachts noch kontrolliert, ob technische Geräte genug Energie für den nächsten Tag haben.

Mit dem Smartphone mache ich jetzt vermutlich das, was Menschen abends immer machen, obwohl wirklich jeder weiß, dass es keine gute Idee ist. „Nur noch kurz gucken.“ Einer der größten Selbstbetrüge unserer Zeit. Niemand guckt nur kurz. Aus fünf Minuten werden plötzlich vierzig und ehe man sich versieht, kennt man die komplette Lebensgeschichte irgendeines Mannes aus Wuppertal, der hauptberuflich Waschbären rettet oder Tiny Houses in ehemalige Pferdeanhänger baut. Das Internet nachts ist ohnehin ein seltsamer Ort. Ab Mitternacht wirken Menschen plötzlich emotionaler, ehrlicher oder komplett wahnsinnig. Wahrscheinlich von allem etwas. Morgen ist ein neuer Tag. Neue Aufgaben. Neue Gedanken. Neue Dinge, die erledigt werden müssen. Die Bahnverbindung zwischen Bremen und Oldenburg scheint momentan allerdings ungefähr so stabil zu funktionieren wie manche Beziehungen kurz vor Weihnachten. Irgendwo ist wohl wieder etwas ausgefallen. Signalstörung. Baustelle. Personalmangel. Was weiß ich. Die Deutsche Bahn besitzt mittlerweile die bemerkenswerte Fähigkeit, selbst einfachste Strecken wie eine leicht eskalierende Expedition wirken zu lassen. Aber gut. Dann fahre ich eben einen Umweg. Wäre ja nichts Neues.

Ich kenne Umwege inzwischen ziemlich gut. Nicht nur bei Zugverbindungen. Ehrlich gesagt bestand ein überraschend großer Teil meines Lebens aus Wegen, die ursprünglich ganz anders geplant waren. Manche davon waren anstrengend. Manche komplett unnötig. Und manche führten am Ende trotzdem genau dorthin, wo ich vermutlich hinmusste. Auch wenn es unterwegs oft nicht so aussah. Und die Wahrheit ist, die meisten guten Dinge in meinem Leben lagen selten direkt auf der Strecke. Sondern irgendwo daneben. Hinter falschen Abzweigungen, schlechten Entscheidungen oder Momenten, in denen ich dachte, jetzt wäre endgültig alles völlig aus dem Ruder gelaufen. War es manchmal wahrscheinlich auch. Aber selbst daraus wurde irgendwann irgendetwas. Außer vielleicht aus der Sache mit den Knopperskrümeln im Bett. Die bleiben vermutlich einfach scheiße.