Fluchtmodus.

Mit gepackten Taschen.

Ich glaube, normale Menschen packen ihre Taschen nach einer Reise irgendwann wieder aus. So richtig. Mit Schrank. Mit festen Plätzen für Sachen. Die Zahnbürste ins Bad. Das Ladekabel in irgendeine Schublade. Den Hoodie zurück an den Haken. Bei mir ist es momentan anders. Da bleibt vieles einfach liegen. Halb im Rucksack. Halb daneben. Als würde mein Leben aus Zuständen bestehen, die nie lange genug dauern, um wirklich anzukommen. Vielleicht ist das Faulheit. Vielleicht aber auch einfach dieses merkwürdige Gefühl, jederzeit wieder loszumüssen. Wobei „müssen“ wahrscheinlich das falsche Wort ist. Eher: jederzeit verschwinden zu können. Manchmal sitze ich abends irgendwo mit dem MacBook da und scrolle gleichzeitig durch Jobportale und Immobilienanzeigen. Eine erstaunlich deprimierende Mischung eigentlich. Auf der einen Seite Unternehmen, die „dynamische Teamplayer“ suchen. Auf der anderen Wohnungen mit Dachschrägen und warmem Licht auf den Fotos, als würde dort automatisch ein besseres Leben stattfinden. Irgendwann merke ich dann, wie absurd das alles geworden ist. Ich suche plötzlich gleichzeitig Arbeit, Zukunft, Sicherheit, Ruhe und auch mich selbst. Alles zwischen „ab sofort verfügbar“ und „Kaltmiete auf Anfrage“.

Verrückt ist vor allem, wie schnell sich ein Leben verändern kann. Vor ein paar Monaten wirkten viele Dinge noch geordnet. Als würden sie bleiben. Heute passen große Teile meines Lebens theoretisch in Taschen und Kartons. Und ehrlich gesagt macht mir genau das mittlerweile erstaunlich wenig Angst. Vielleicht, weil irgendwann der Punkt kommt, an dem man aufhört, krampfhaft festhalten zu wollen. Vielleicht aber auch, weil in all diesem Chaos plötzlich etwas auftaucht, das lange gefehlt hat: Möglichkeit. Ein unbeschriebenes Blatt klingt immer wahnsinnig romantisch, bis man wirklich davorsteht. Die meisten Menschen wollen Freiheit nur so lange, wie trotzdem alles sicher bleibt. Aber so funktioniert das vermutlich nicht. Neues entsteht selten dort, wo noch alles geschniegelt im Regal steht. Neulich musste ich wieder an „Die unendliche Geschichte“ denken. Den Film. Das Buch habe ich nie gelesen. An diese Szene mit der kindlichen Kaiserin im Dunkeln. „Du darfst dir etwas wünschen.“ Und Bastian fragt: „Wie viele Wünsche habe ich denn?“ „So viele du willst. Je mehr Wünsche du hast, desto großartiger wird Phantásien. Vielleicht ist Leben am Ende genau das Gegenteil von dem, was ich früher dachte. Nicht weniger Wünsche zu haben. Sondern wieder den Mut zu finden, überhaupt noch welche zuzulassen.

Fakt ist, und ich gestehe mir das selbst nur ungern ein: Ich habe Angst. Nicht diese große, dramatische Angst, wie man sie aus Filmen kennt. Keine Panik. Kein Herzrasen. Eher etwas Leiseres. Hartnäckigeres. Dieses Gefühl, irgendwo nicht richtig hinzugehören. Zu stören. Zu lange da zu sein. Ich bin ungern in fremden Wohnungen. Selbst dann, wenn dort Menschen wohnen, die ich eigentlich Freunde nennen würde. Menschen, die sagen: „Fühl dich wie zu Hause.“ Ein Satz, der nett gemeint ist und trotzdem nie funktioniert. Vielleicht, weil ich ziemlich genau weiß, dass es eben nicht mein Zuhause ist. Dass dort Schränke stehen, die anderen gehören. Gewohnheiten. Erinnerungen. Routinen, in denen ich selbst nicht vorkomme. Ich merke das oft an völlig einfachen Dingen. Dass ich Tassen erst benutze, wenn man sie mir ausdrücklich hinstellt. Dass ich keine Kühlschränke öffne, selbst wenn man mir sagt, ich könne jederzeit drangehen. Dass ich nachts leise durchs Bad gehe, als könnte zu viel Geräusch bereits zu viel Anwesenheit bedeuten. Menschen schleichen erstaunlich vorsichtig durch Räume, in denen sie glauben, nur geduldet zu sein.

Vielleicht kommt das daher, dass ich mich lange daran gewöhnt habe, möglichst wenig Platz einzunehmen. Emotional. Räumlich. Überhaupt. Es ist ein merkwürdiges Leben, wenn man ständig versucht, niemandem zur Last zu fallen und irgendwann merkt, dass man dabei selbst nirgends mehr richtig stattfindet. Und gleichzeitig suche ich genau danach. Nach Ankommen. Nach einem Ort, an dem niemand sagen muss: „Mach es dir ruhig gemütlich“, weil ich längst weiß, dass ich bleiben darf. Vielleicht ist das der eigentliche Kern von Zuhause. Keine Möbel. Keine Wände. Sondern das Gefühl, dass die eigene Anwesenheit keine Erklärung braucht. Manchmal frage ich mich, wie viele Menschen eigentlich genauso leben. Mit gepackten Taschen im Flur und diesem leisen inneren Reflex, jederzeit wieder verschwinden zu können, bevor man irgendwo wirklich sichtbar wird.

Genau das ist gerade mein Leben. Kein Ankommen. Eher ein Dazwischen. Zwischen alten Orten und neuen Möglichkeiten. Zwischen dem Menschen, der ich lange war, und dem, der ich vielleicht irgendwann noch werde. Manchmal macht mir das Angst. Manchmal fühlt es sich aber auch erstaunlich leicht an. Fast so, als hätte das Leben nach langer Zeit endlich aufgehört, so zu tun, als wäre alles fest planbar. Neulich lag ich nachts auf einem fremden Sofa und konnte nicht schlafen. Im Raum tickte eine Uhr im Sekundentakt. Die Zeit lief einfach weiter. Ich sah meine Tasche im Halbdunkel stehen. Nicht richtig ausgepackt. Natürlich nicht. Und plötzlich dachte ich, dass Menschen vermutlich viel zu oft glauben, zuerst irgendwo ankommen zu müssen, bevor ihr Leben beginnen darf. Vielleicht stimmt genau das nicht. Vielleicht besteht ein Teil des Lebens einfach daraus, trotzdem weiterzugehen. Trotz Unsicherheit. Trotz Angst. Trotz dieses Gefühls, manchmal nirgendwo ganz hineinzupassen. Und vielleicht entsteht Zuhause am Ende nicht dort, wo alles perfekt ist. Sondern dort, wo man irgendwann aufhört, ständig bereit zur Flucht zu sein.