Fjällräven.

Plötzlich will man Elche kennen.

Samstag. Bestes Wetter und ich irgendwo zwischen Frühstück und Mittagessen. Die Stadt ist voll. Wirklich voll. Menschen sitzen vor Cafés, trinken Aperol, obwohl es noch nicht mal richtig Nachmittag ist. Daydrinking heißt das mittlerweile. Andere laufen mit Einkaufstaschen herum, als gäbe es am Montag plötzlich keine Geschäfte mehr. Okay, ist ja auch so. Montag ist Feiertag. Wie dumm von mir. Egal. Überall Sonnenbrillen, nackte Arme, Kinderwagen, Hunde unter Tischen und diese Mischung aus Sonnencreme, heißem Kopfsteinpflaster, Bratwurst und Kaffee, die Innenstädte im Sommer irgendwann automatisch bekommen. Ich saß draußen vor einem Restaurant und bestellte etwas, das vermutlich offiziell noch als Frühstück durchgeht, gleichzeitig aber genug war, um einen kleineren Wanderausflug zu überleben. Kartoffelsalat. Kleine Würste, gebraten, Gemüse. Brot. Kaffee. Sehr guter Kaffee. Einer dieser Momente, in denen ich tatsächlich kurz denke, dass das Menschsein vielleicht doch gar keine so schlechte Erfindung ist.

Eigentlich war ich nur wegen neuer Hosen in der Stadt. Eine von Fjällräven sollte es sein. Schon der Name klingt, als müsste ich mit dieser Hose automatisch anfangen, Holz zu hacken, schwarzen Kaffee aus Emaillebechern zu trinken und irgendwo in einer norwegischen Hütte einen wetterfesten Roman über Einsamkeit zu schreiben. Mit leicht wettergegerbtem, von Zigaretten gezeichnetem Gesicht natürlich. Menschen mit Fjällrävenhosen wirken grundsätzlich so, als könnten sie spontan einen Elch ausnehmen oder zumindest sehr überzeugend erklären, welcher Moosboden sich zum Zelten eignet. Ich stand also in einem Laden zwischen Funktionsjacken und Wandersocken. Ein Mann erklärte seiner Frau gerade mit beeindruckender Ernsthaftigkeit den Unterschied zwischen wasserabweisend und wasserdicht. Ein anderer hielt eine Trekkinghose gegen das Licht, als würde er einen seltenen Diamanten prüfen. Natürlich wusste ich, was er eigentlich wollte. Nun gut.  Outdoorläden besitzen ohnehin eine ganz eigene Atmosphäre. Alles riecht leicht nach imprägniertem Stoff, Abenteuer und Menschen, die „kleine Tour“ sagen und damit eigentlich zehn Kilometer plus 1.400 Höhenmeter meinen. Easy.

Der Laden hatte tatsächlich genau eine Hose, die meinen Ansprüchen entsprach. Eine. Aber die Hose selbst war wirklich gut. Ehrlich. Genau diese Mischung aus robust und bequem, bei der man sofort Lust bekommt, morgens um sechs irgendwo durch Wälder zu laufen, während Nebel schläfrig zwischen den Bäumen hängt. Oben passte sie perfekt. Wirklich perfekt. Fast verdächtig perfekt. Ich hatte kurz das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben. Dann schaute ich nach unten. Die Beine waren absurd lang. Nicht ein bisschen. Wirklich lang. So lang, dass ich aussah, als hätte ich versehentlich die Hose eines deutlich größeren skandinavischen Parkrangers angezogen. Ich stand in dieser Umkleidekabine mit hochgekrempelten Hosenbeinen und sah aus wie jemand, der gleich irgendwo in einem Bach Flusskrebse mit bloßen Händen fängt oder in einem YouTube-Video erklärt, wie man ohne Strom im Wald Kaffee kocht. Irgendwann frage ich mich ohnehin, wer diese Größen festlegt. Offenbar geht Fjällräven grundsätzlich davon aus, dass Männer entweder zwei Meter zehn groß sind oder ihr Leben hauptsächlich auf Stelzen verbringen.

Die Verkäuferin sagte dann einfach diesen Satz, den vernünftige Menschen wahrscheinlich ständig sagen: „Kann man ja kürzen lassen.“ Und natürlich hat sie recht. Rational betrachtet ist das überhaupt kein Problem. Genau dafür gibt es schließlich Änderungsschneidereien. Menschen bringen dort seit Jahrzehnten Hosen hin, holen sie später wieder ab und führen danach offenbar ein völlig normales Leben. Trotzdem sorgt dieser Satz bei mir sofort dafür, dass innerlich irgendetwas zusammenbricht. Denn Änderungsschneiderei bedeutet nicht einfach nur „Hose kürzen“. Es bedeutet noch ein Geschäft. Noch mehr Innenstadt. Noch mehr Menschen. Neben einem diskutieren Leute darüber, ob sie noch ein Eis essen sollen. Kinder schreien. Laut. Und irgendwo läuft immer einer mit Leinenhemd herum, der aussieht, als hätte er beruflich etwas mit „Work-Life-Balance“ zu tun. Ach ja, abgesteckt werden muss die Hose natürlich auch noch. Berührungen von Fremden. Nee. Echt nicht.

Irgendwann erreicht man an heißen Samstagen, glaub ich, diesen Punkt, an dem selbst kleinste zusätzliche Aufgaben plötzlich wirken wie der organisatorische Aufwand einer Mondlandung. Noch irgendwo hingehen. Noch etwas erklären. Noch einmal warten. Vielleicht Maße nehmen lassen. Eventuell sogar einen Abholtermin vereinbaren. In meinem Kopf begann die Änderungsschneiderei bereits ungefähr dieselbe Größenordnung anzunehmen wie ein Hausbau oder die Planung einer skandinavischen Rundreise. Wobei Letzteres wahrscheinlich deutlich angenehmer wäre. Ich nickte deshalb einfach nur, betrachtete mich noch einmal in dieser viel zu langen Outdoorhose und wusste plötzlich wieder sehr genau, warum manche Menschen irgendwann lieber direkt in den Wald fahren, statt noch länger durch Innenstädte zu laufen.

Ich verließ das Geschäft. Ohne Hose. Wobei das natürlich dramatischer klingt, als es war. Die Hose hatte ich nicht gekauft. Das meinte ich. Vermutlich werde ich sie jetzt einfach online bestellen und dann eben doch irgendwann kürzen lassen. Wenn es sein muss. Wahrscheinlich gehört das mittlerweile einfach dazu, wenn man 45 ist. Man besitzt plötzlich Termine bei Änderungsschneidereien und spricht über Beinlängen, als wäre das ein völlig normaler Bestandteil des Lebens. Draußen spürte ich sofort wieder diese Wärme. Menschen saßen immer noch vor den Cafés, irgendwo klirrten Gläser, ein Fahrradfahrer fluchte über irgendetwas und aus einem geöffneten Restaurantfenster roch es gleichzeitig nach Knoblauch, Kaffee und heißem Öl. Innenstädte im Sommer fühlen sich manchmal an wie eine Mischung aus Urlaub und leichter Überforderung. Überall passiert etwas. Gespräche. Musik. Besteck auf Tellern. Hunde unter Tischen. Sonnenlicht auf Fensterscheiben. Menschen lachen. Andere sehen aus, als würden sie dringend Urlaub brauchen, obwohl sie wahrscheinlich gerade erst welchen hatten. (Damit mein ich mich.)

Naja, ich merke jedenfalls immer öfter, dass ich wieder raus will. Aber nicht dieses „mal kurz spazieren gehen“, das Menschen sagen, bevor sie zwanzig Minuten später mit Chips und Cola wieder auf dem Sofa sitzen und irgendeine Serie weiterschauen. Ich meine richtig raus. Freitags losfahren. Rucksack packen. Wanderschuhe. Irgendwohin, wo morgens Nebel zwischen den Bäumen hängt und man beim Aufwachen zuerst Wind hört statt Verkehr. Orte, an denen Menschen plötzlich wieder Mangelware werden und Gespräche meistens gar nicht erst stattfinden. Irgendwelche kleinen Pensionen. Kaffee am frühen Morgen. Wege durch Wälder. Vielleicht Regenjacke. Vielleicht Sonne. Abends müde Beine und dieses angenehme Gefühl, den ganzen Tag draußen gewesen zu sein. Sonntags zurück. Erschöpft, aber irgendwie klarer im Kopf. Als hätte man für zwei Tage kurz aufgehört, permanent erreichbar sein zu müssen.

Vielleicht brauche ich deshalb auch diese Hosen. Wahrscheinlich kaufen Menschen ab einem gewissen Punkt keine Outdoorbekleidung mehr, weil sie etwas brauchen. Sondern weil sie anfangen, sich ein anderes Leben vorzustellen. Geht auch ohne diese Hosen. Klar, Aber Menschen mit Fjällrävenhosen sehen einfach so aus, als hätten sie ihr Leben im Griff. Das sollte man nicht unterschätzen.