Am Dienstag danach.

Alle leicht beldeidigt.

Dieser Dienstag nach Pfingsten. Das Tragische an diesen sonnigen Dienstagen nach Feiertagen ist ja, dass die Natur einfach komplett unrealistische Erwartungen ans Leben erzeugt. Draußen sieht alles so aus, als müsste man eigentlich irgendwo mit einem Kaffee auf einem Holzsteg sitzen. Am Wasser natürlich. Dabei leicht verpeilt in die Gegend schauen. Vielleicht eine dünne Jacke dabeihaben, die man seit zwei Stunden nicht mehr anzieht, weil es plötzlich viel zu warm geworden ist. Als hätte man das nicht vorher gewusst. Und irgendwann beginnt man ernsthaft darüber nachzudenken, ob Schuhe heute überhaupt noch notwendig sind oder ob das einfach nur ein gesellschaftlicher Gruppenzwang ist, den wir alle irgendwann kommentarlos akzeptiert haben. Gruppenzwang klappt eben nur, wenn alle mitmachen. Hat Sebastian früher schon gesagt.

Stattdessen stehen Menschen wieder in Büroküchen und drücken mit erstaunlicher Aggression auf Kaffeemaschinen. Man hört ständig dieses hektische Klackern von Tassen und Tastaturen, irgendwo piept eine Mikrowelle und mindestens einer sagt bereits vor halb neun den Satz: „So, ich muss erst mal ankommen.“ Obwohl niemand genau weiß, was das eigentlich bedeuten soll. Die meisten sind ja längst da. Körperlich zumindest. Manche tatsächlich nur so. Dienstage nach Feiertagen haben ohnehin eine merkwürdige Stimmung. Alles wirkt leicht beleidigt. Die Menschen. Die Straßen. Selbst Supermärkte sehen dann aus, als hätten sie eigentlich auch lieber noch geschlossen. Überall Gesichter, die aussehen, als hätte jemand ihnen gestern Abend überraschend mitgeteilt, dass diese Art Verantwortung weiterhin Teil ihres Lebens bleibt.

Und draußen scheint dabei einfach die Sonne. Rücksichtslos. Trotzdem gut gelaunt. Irgendwo mäht jemand seinen Rasen. Aus offenen Fenstern riecht es nach Mittagessen wie bei Oma. Selbst Bäume wirken an solchen Tagen erstaunlich entspannt. Als hätten sie verstanden, dass man das Leben vielleicht nicht komplett durchtakten sollte. Und vielleicht muss ich das auch erst noch lernen. Wahrscheinlich sogar ganz dringend. Richtig schwierig wird es aber erst, wenn jemand im Büro laut sagt, dass der nächste Feiertag der 3. Oktober ist. Und dass der dieses Jahr auf einen Samstag fällt. Danach verändert sich die Atmosphäre im Raum sofort. Menschen schauen dann kurz schweigend auf ihre Bildschirme, als hätten sie gerade erfahren, dass ein entfernter Verwandter verstorben ist. Irgendwer murmelt „Das ist auch wieder typisch“ und trinkt lustlos einen Schluck Kaffee.

Dabei müsste man sich hier oben eigentlich über gutes Wetter freuen. In Norddeutschland weiß man ja nie, wie lange das anhält. Im Grunde ist das wie bei der Deutschen Bahn und dem Sommer. Sobald plötzlich Sonne auftaucht, funktioniert erst mal gar nichts mehr richtig. Dabei könnte man meinen, dass man sich nach all den Jahren langsam daran gewöhnt hätte. Hat man aber nicht. Man guckt nur einmal kurz nicht hin und plötzlich ist wieder Herbst. Naja. Zum Glück gibt es Urlaub. Wahrscheinlich die beste Form von Hoffnung, die wir in Deutschland noch besitzen.

Gestern habe ich mich dabei erwischt, schon wieder an Weihnachten zu denken. Okay, in sechs Monaten ist es ja schon wieder soweit. Und dieses Jahr wird Weihnachten anders sein. Wie genau, kann ich noch gar nicht sagen. Ich weiß nur, dass es anders wird. Vielleicht sitze ich am Heiligen Abend allein irgendwo und gönne mir etwas völlig Übertriebenes zu essen. Irgendetwas, das man normalerweise nur bestellt, wenn man entweder gerade befördert wurde oder emotional komplett den Überblick verloren hat. Vielleicht verbringe ich diesen besonderen Tag aber auch einfach in einem Hotel irgendwo in den Bergen. Oder an einer Autobahnraststätte und sehe rumänischen LKW-Fahrern dabei zu, wie sie aufgewärmte Frikadellen essen. Mit Senf. Oder Curry-Ketchup. Wobei man diese Dinger wahrscheinlich eh nur mit wirklich viel Sauce genießen kann. Manche Speisen leben ja hauptsächlich von Hoffnung und Gewürzen.

Aber bis dahin ist es ja noch etwas hin und vielleicht sollte ich vorher erst mal den kommenden Sommer planen. Mit Wanderungen. Ausflügen. Arbeit. Sport. Mit diesen Dingen, die Menschen im Sommer einfach machen, während sie so tun, als hätten sie ihr Leben erstaunlich gut im Griff. Vielleicht lese ich irgendwo draußen einen Roman von Jan Weiler oder irgendein wissenschaftliches Buch, dessen Titel allein schon so kompliziert klingt, dass automatisch alle denken, als wäre ich wirklich richtig intelligent. Es gibt ja Bücher, die liest man nicht unbedingt wegen des Inhalts, sondern wegen der Wirkung. Menschen sehen einen dann im Café sitzen, leicht gebräunt, irgendwo neben einem Glas Wasser und denken vermutlich: Der Mann versteht bestimmt auch das Finanzamt und das Steuersystem. Dabei versuche ich dann eigentlich nur seit zwanzig Minuten möglichst konzentriert auf eine Seite zu gucken, während ich innerlich darüber nachdenke, mir später noch ein Croissant zu bestellen. Oder zwei.

Freibäder wären dafür allerdings für mich nichts. Auf gar keinen Fall. Freibäder gehören zu diesen Orten, die theoretisch nach Sommer, Leichtigkeit und Kindheitserinnerungen klingen, praktisch aber erstaunlich oft nach labbrigen Pommes, Sonnencreme und leichter sozialer Überforderung riechen. Überall schreien Kinder. Irgendwo springt ein Jugendlicher mit beeindruckender Rücksichtslosigkeit vom Beckenrand. Väter tragen Badelatschen, als wären sie Teil einer offiziellen Uniform und Menschen laufen mit diesen durchsichtigen Plastiktaschen herum, oder mit Badematten aus Stroh. Früher war das jedenfalls so. Lange her. Dazu kommen die Umkleidekabinen. Räume, die aussehen, als hätte man Feuchtigkeit und schlechte Architektur gemeinsam in einen Betonwürfel gesperrt. Irgendwo föhnt sich immer jemand mit erschreckender Ernsthaftigkeit die Haare, obwohl draußen dreißig Grad sind. Und mindestens einer läuft barfuß über den Boden, als hätte er innerlich bereits mit allem abgeschlossen. Moin Fußpilz. Schön, dass du da bist. Nein. Dann lieber irgendwo draußen sitzen. Schatten. Kaffee. Vielleicht ein warmer Wind zwischen den Bäumen. Und dieses leise Gefühl, dass der Sommer noch lang genug ist, um nicht sofort alles planen zu müssen. Oder zu wollen.

Für heute allerdings steht erst mal Wäschewaschen auf dem Programm. Und einkaufen. Mal wieder irgendwas Gesundes. Obst. Gemüse. Dinge, für die normalerweise keine besonders gute Werbung gemacht wird. Niemand springt ja plötzlich begeistert vom Sofa auf und ruft: „Jetzt ein schöner Brokkoli.“ Werbung für Gemüse klingt meistens ohnehin so, als hätte jemand mit sehr schlechter Laune einen Werbetext schreiben müssen. Frische Möhren. Regional. Orange. Das war es dann meistens auch schon mit den Emotionen. Müde bin ich übrigens auch. Das macht das Wetter. Mit Mitte vierzig sagt man das irgendwann automatisch. Früher hätte man einfach behauptet, man sei feiern gewesen, hätte sich achtarmig einen reingeorgelt und die Nacht durchgemacht. Heute schaut man ernst in den Himmel und sagt Sätze wie: „Die Wärme heute drückt aber auch.“ Obwohl man eigentlich genau weiß, woran es wirklich liegt.

Zum Beispiel daran, dass man gestern deutlich zu lange am Elbstrand lag und Schiffen beim Vorbeifahren zugesehen hat. Was erstaunlich schnell mehrere Stunden Lebenszeit frisst. Irgendwann sitzt man da einfach nur noch mit halb zusammengekniffenen Augen in der Sonne und bewertet lautlos Containerschiffe, als hätte man beruflich irgendetwas mit internationaler Logistik zu tun. „Stabiler Kahn“, denkt man dann plötzlich und nickt leicht, obwohl man über Schifffahrt ungefähr so viel Ahnung hat wie Dieter aus Cloppenburg von veganer Ernährung. Oder daran, dass man versehentlich mitten in eine Taufe geraten ist. Ich wusste bis gestern ehrlich gesagt nicht mal, dass Menschen sich überhaupt in der Elbe taufen lassen. Plötzlich stand ich zwischen Familienmitgliedern, machte Fotos, als würde ich dazugehören, und merkte erst relativ spät, dass irgendetwas nicht stimmte, als mich jemand fragte, woher ich eigentlich die Eltern kenne. Egal. Jesus wäre stolz gewesen. Oder Johannes. Einer von beiden auf jeden Fall.

Vielleicht lag es aber auch am Tzatziki. Wahrscheinlich lag es sogar ziemlich sicher am Tzatziki. Abends denkt man ja oft: Ach komm, ein bisschen geht noch. Und plötzlich sitzt man nachts um drei im Bett und hat einen Durst, als hätte man versehentlich einen halben Sack Streusalz gegessen. Knoblauch ist geschmacklich fast immer eine hervorragende Idee. Körperlich entwickelt sich das Ganze am nächsten Morgen allerdings eher zu einer mittelschweren Meinungsverschiedenheit mit sich selbst. Dazu kommt dann noch dieser Dienstag nach Feiertagen. Tage, an denen grundsätzlich niemand so richtig belastbar wirkt. Selbst Kaffeemaschinen klingen an solchen Morgen müder als sonst. Menschen laufen langsamer durch die Regale, starren ungewöhnlich lange auf Joghurts und wirken insgesamt ein wenig so, als hätte man sie emotional zu früh wieder in die Woche geschickt. Kein Wunder also, dass man da erst mal irgendwie ankommen muss.