Fjällräven.

Plötzlich will man Elche kennen.

Samstag. Bestes Wetter und ich irgendwo zwischen Frühstück und Mittagessen. Die Stadt ist voll. Wirklich voll. Menschen sitzen vor Cafés, trinken Aperol, obwohl es noch nicht mal richtig Nachmittag ist. Daydrinking heißt das mittlerweile. Andere laufen mit Einkaufstaschen herum, als gäbe es am Montag plötzlich keine Geschäfte mehr. Okay, ist ja auch so. Montag ist Feiertag. Wie dumm von mir. Egal. Überall Sonnenbrillen, nackte Arme, Kinderwagen, Hunde unter Tischen und diese Mischung aus Sonnencreme, heißem Kopfsteinpflaster, Bratwurst und Kaffee, die Innenstädte im Sommer irgendwann automatisch bekommen. Ich saß draußen vor einem Restaurant und bestellte etwas, das vermutlich offiziell noch als Frühstück durchgeht, gleichzeitig aber genug war, um einen kleineren Wanderausflug zu überleben. Kartoffelsalat. Kleine Würste, gebraten, Gemüse. Brot. Kaffee. Sehr guter Kaffee. Einer dieser Momente, in denen ich tatsächlich kurz denke, dass das Menschsein vielleicht doch gar keine so schlechte Erfindung ist.

Eigentlich war ich nur wegen neuer Hosen in der Stadt. Eine von Fjällräven sollte es sein. Schon der Name klingt, als müsste ich mit dieser Hose automatisch anfangen, Holz zu hacken, schwarzen Kaffee aus Emaillebechern zu trinken und irgendwo in einer norwegischen Hütte einen wetterfesten Roman über Einsamkeit zu schreiben. Mit leicht wettergegerbtem, von Zigaretten gezeichnetem Gesicht natürlich. Menschen mit Fjällrävenhosen wirken grundsätzlich so, als könnten sie spontan einen Elch ausnehmen oder zumindest sehr überzeugend erklären, welcher Moosboden sich zum Zelten eignet. Ich stand also in einem Laden zwischen Funktionsjacken und Wandersocken. Ein Mann erklärte seiner Frau gerade mit beeindruckender Ernsthaftigkeit den Unterschied zwischen wasserabweisend und wasserdicht. Ein anderer hielt eine Trekkinghose gegen das Licht, als würde er einen seltenen Diamanten prüfen. Natürlich wusste ich, was er eigentlich wollte. Nun gut.  Outdoorläden besitzen ohnehin eine ganz eigene Atmosphäre. Alles riecht leicht nach imprägniertem Stoff, Abenteuer und Menschen, die „kleine Tour“ sagen und damit eigentlich zehn Kilometer plus 1.400 Höhenmeter meinen. Easy.

Der Laden hatte tatsächlich genau eine Hose, die meinen Ansprüchen entsprach. Eine. Aber die Hose selbst war wirklich gut. Ehrlich. Genau diese Mischung aus robust und bequem, bei der man sofort Lust bekommt, morgens um sechs irgendwo durch Wälder zu laufen, während Nebel schläfrig zwischen den Bäumen hängt. Oben passte sie perfekt. Wirklich perfekt. Fast verdächtig perfekt. Ich hatte kurz das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben. Dann schaute ich nach unten. Die Beine waren absurd lang. Nicht ein bisschen. Wirklich lang. So lang, dass ich aussah, als hätte ich versehentlich die Hose eines deutlich größeren skandinavischen Parkrangers angezogen. Ich stand in dieser Umkleidekabine mit hochgekrempelten Hosenbeinen und sah aus wie jemand, der gleich irgendwo in einem Bach Flusskrebse mit bloßen Händen fängt oder in einem YouTube-Video erklärt, wie man ohne Strom im Wald Kaffee kocht. Irgendwann frage ich mich ohnehin, wer diese Größen festlegt. Offenbar geht Fjällräven grundsätzlich davon aus, dass Männer entweder zwei Meter zehn groß sind oder ihr Leben hauptsächlich auf Stelzen verbringen.

Die Verkäuferin sagte dann einfach diesen Satz, den vernünftige Menschen wahrscheinlich ständig sagen: „Kann man ja kürzen lassen.“ Und natürlich hat sie recht. Rational betrachtet ist das überhaupt kein Problem. Genau dafür gibt es schließlich Änderungsschneidereien. Menschen bringen dort seit Jahrzehnten Hosen hin, holen sie später wieder ab und führen danach offenbar ein völlig normales Leben. Trotzdem sorgt dieser Satz bei mir sofort dafür, dass innerlich irgendetwas zusammenbricht. Denn Änderungsschneiderei bedeutet nicht einfach nur „Hose kürzen“. Es bedeutet noch ein Geschäft. Noch mehr Innenstadt. Noch mehr Menschen. Neben einem diskutieren Leute darüber, ob sie noch ein Eis essen sollen. Kinder schreien. Laut. Und irgendwo läuft immer einer mit Leinenhemd herum, der aussieht, als hätte er beruflich etwas mit „Work-Life-Balance“ zu tun. Ach ja, abgesteckt werden muss die Hose natürlich auch noch. Berührungen von Fremden. Nee. Echt nicht.

Irgendwann erreicht man an heißen Samstagen, glaub ich, diesen Punkt, an dem selbst kleinste zusätzliche Aufgaben plötzlich wirken wie der organisatorische Aufwand einer Mondlandung. Noch irgendwo hingehen. Noch etwas erklären. Noch einmal warten. Vielleicht Maße nehmen lassen. Eventuell sogar einen Abholtermin vereinbaren. In meinem Kopf begann die Änderungsschneiderei bereits ungefähr dieselbe Größenordnung anzunehmen wie ein Hausbau oder die Planung einer skandinavischen Rundreise. Wobei Letzteres wahrscheinlich deutlich angenehmer wäre. Ich nickte deshalb einfach nur, betrachtete mich noch einmal in dieser viel zu langen Outdoorhose und wusste plötzlich wieder sehr genau, warum manche Menschen irgendwann lieber direkt in den Wald fahren, statt noch länger durch Innenstädte zu laufen.

Ich verließ das Geschäft. Ohne Hose. Wobei das natürlich dramatischer klingt, als es war. Die Hose hatte ich nicht gekauft. Das meinte ich. Vermutlich werde ich sie jetzt einfach online bestellen und dann eben doch irgendwann kürzen lassen. Wenn es sein muss. Wahrscheinlich gehört das mittlerweile einfach dazu, wenn man 45 ist. Man besitzt plötzlich Termine bei Änderungsschneidereien und spricht über Beinlängen, als wäre das ein völlig normaler Bestandteil des Lebens. Draußen spürte ich sofort wieder diese Wärme. Menschen saßen immer noch vor den Cafés, irgendwo klirrten Gläser, ein Fahrradfahrer fluchte über irgendetwas und aus einem geöffneten Restaurantfenster roch es gleichzeitig nach Knoblauch, Kaffee und heißem Öl. Innenstädte im Sommer fühlen sich manchmal an wie eine Mischung aus Urlaub und leichter Überforderung. Überall passiert etwas. Gespräche. Musik. Besteck auf Tellern. Hunde unter Tischen. Sonnenlicht auf Fensterscheiben. Menschen lachen. Andere sehen aus, als würden sie dringend Urlaub brauchen, obwohl sie wahrscheinlich gerade erst welchen hatten. (Damit mein ich mich.)

Naja, ich merke jedenfalls immer öfter, dass ich wieder raus will. Aber nicht dieses „mal kurz spazieren gehen“, das Menschen sagen, bevor sie zwanzig Minuten später mit Chips und Cola wieder auf dem Sofa sitzen und irgendeine Serie weiterschauen. Ich meine richtig raus. Freitags losfahren. Rucksack packen. Wanderschuhe. Irgendwohin, wo morgens Nebel zwischen den Bäumen hängt und man beim Aufwachen zuerst Wind hört statt Verkehr. Orte, an denen Menschen plötzlich wieder Mangelware werden und Gespräche meistens gar nicht erst stattfinden. Irgendwelche kleinen Pensionen. Kaffee am frühen Morgen. Wege durch Wälder. Vielleicht Regenjacke. Vielleicht Sonne. Abends müde Beine und dieses angenehme Gefühl, den ganzen Tag draußen gewesen zu sein. Sonntags zurück. Erschöpft, aber irgendwie klarer im Kopf. Als hätte man für zwei Tage kurz aufgehört, permanent erreichbar sein zu müssen.

Vielleicht brauche ich deshalb auch diese Hosen. Wahrscheinlich kaufen Menschen ab einem gewissen Punkt keine Outdoorbekleidung mehr, weil sie etwas brauchen. Sondern weil sie anfangen, sich ein anderes Leben vorzustellen. Geht auch ohne diese Hosen. Klar, Aber Menschen mit Fjällrävenhosen sehen einfach so aus, als hätten sie ihr Leben im Griff. Das sollte man nicht unterschätzen.

Lass sie.

Weniger Kontrolle. Mehr Ruhe.

Unser Gehirn ist ja eigentlich ein erstaunlich vernünftiges Organ. Solange alles ruhig läuft natürlich. Dann sitzt vorne im Gehirn der präfrontale Kortex am Steuer, schaut sich die Dinge an, analysiert Situationen und tut so, als wären wir emotional halbwegs erwachsene Menschen. Wir denken nach, entscheiden logisch und bleiben komplett gelassen. Im Idealfall zumindest. Kacke wird es immer dann, wenn irgendetwas passiert, das uns stresst. Eine Nachricht. Ein Satz. Schweigen kann auch so etwas sein. Andere Menschen können mit wirklich kleinen Dingen komplette innere Bürgerkriege in uns auslösen. Und plötzlich übernimmt nicht mehr der vernünftige Teil des Gehirns, sondern die Amygdala. Eine Art eingebautes Alarmsystem aus der Steinzeit. Zuständig für Überleben, Panik und für die feste Überzeugung, dass jetzt sofort irgendetwas getan werden muss. Kämpfen oder flüchten. Diskutieren. Rechtfertigen. Analysieren. Noch mehr analysieren.

Jetzt gerade sitze ich einfach in einem Café. Neben mir steht ein großer Becher Kaffee. Daneben ein belegtes Brötchen, das ungefähr doppelt so gesund aussieht, wie es vermutlich ist. Durch das Fenster fällt Sonne auf die Holztische und draußen laufen Menschen vorbei, die irgendwo hinmüssen. Manche tragen Anzüge. Manche Jeansjacken. Andere laufen nur im T-Shirt herum, obwohl morgens eigentlich noch Jackenwetter war. Menschen treffen mitunter erstaunlich optimistische Temperaturentscheidungen. Am Tresen bestellt ein Mann mit beeindruckender Ernsthaftigkeit einen großen Kaffee, als wäre das gerade die wichtigste Entscheidung seines bisherigen Tages. Ist es wahrscheinlich auch. Zwei ältere Frauen unterhalten sich über irgendeine Nachbarin, die offenbar seit Kurzem „komplett anders geworden“ ist. Menschen beobachten Veränderungen bei anderen oft mit der Leidenschaft von Hobbydetektiven. Und während ich hier sitze, merke ich langsam wieder etwas ziemlich Beruhigendes. Die meisten Dinge, die mich verrückt machen, passieren gar nicht wirklich. Sie passieren vor allem in meinem Kopf. Dort laufen Gespräche, die nie stattgefunden haben. Diskussionen. Rechtfertigungen. Erwartungen. Ganze Netflix-Serien aus Interpretationen. Dabei gehen draußen einfach Menschen einkaufen. Jemand holt Brot. Jemand telefoniert. Jemand lacht. Die Welt dreht sich vollkommen unbeeindruckt weiter und ehrlich gesagt interessiert sich kaum jemand wirklich für mich. Voll gut eigentlich.

Ich denke mittlerweile, genau das ist einfach wichtig zu begreifen. Es ist überaus wichtig, andere Menschen einfach machen zu lassen. Oder sie sein zu lassen. Ich glaub, so sagt man es. Nicht jedem Gefühl hinterherzurennen wie ein Hund einem Tennisball. Nicht jede Veränderung persönlich zu nehmen. Nicht überall Bedeutung hineinzuinterpretieren, nur weil das eigene Gehirn nachts plötzlich beschlossen hat, alles bis aufs kleinste Detail hinterfragen zu müssen. Menschen gehen. Menschen melden sich weniger. Manche verlieren Interesse. Manche verstehen einen falsch. Manche wollen Dinge, die man selbst nicht will. Und ehrlich gesagt ist das vermutlich vollkommen normal. Schwer wird es immer erst dann, wenn man versucht, alles kontrollieren zu wollen. Beziehungen. Gespräche. Situationen. Die Stimmung anderer Menschen. Der Kaffee neben mir ist inzwischen lauwarm geworden. Perfekt eigentlich. Draußen schiebt jemand einen Kinderwagen vorbei. Ein Lieferwagen hält vorm Café. Der Mann, der aussteigt, hat Blumen dabei. Irgendwo fällt Geschirr zu laut ineinander. Und plötzlich wirkt alles erstaunlich einfach. Ich lerne gerade, dass ich nicht auf alles Einfluss habe. Nicht alles kontrollieren kann. Vielleicht muss ich das auch gar nicht. Und vielleicht reicht es manchmal wirklich, Menschen einfach Menschen sein zu lassen.

Die Sache, warum ich am Anfang die Sache mit dem Gehirn, dem präfrontalen Kortex und der Amygdala erwähnt habe, ist folgende: Bei mir springt seit einiger Zeit deutlich öfter die Amygdala an. Überlebensmodus. Fluchtmodus. Der ganze Bums. Ich interpretiere alles und jeden, schaue Menschen an, wie sie gehen, stehen, schauen. Höre zu und spiele in Gesprächen gedanklich sämtliche Möglichkeiten durch. Manchmal fühle ich mich wie Dr. Strange in „Avengers Infinity War“, der irgendwo im Schneidersitz sitzt und parallel mehrere Millionen mögliche Szenarien berechnet. Nur ohne Superkräfte. Dafür mit Schlafproblemen und zu viel Kaffee. Ich bin oft angespannt. Immer irgendwie in Unruhe. Und wahrscheinlich habe ich die letzten Jahre versucht, möglichst alles richtig zu machen. Hauptsache niemand ist enttäuscht. Hauptsache niemand denkt schlecht über mich. Hauptsache harmonisch. Mag man jetzt glauben oder nicht. Spielt ehrlich gesagt keine große Rolle. Denn seit Anfang dieser Woche übe ich etwas Neues. Etwas überraschend Einfaches. Andere Menschen einfach sein zu lassen. Das klingt erstmal platt. Fast schon zu platt. Ist es aber überhaupt nicht.

Ich glaube ja, dass manche Menschen erstaunlich viel Energie darauf verwenden, Dinge kontrollieren zu wollen, die komplett außerhalb ihrer Kontrolle liegen. Antworten. Aufmerksamkeit. Gefühle anderer Menschen. Sympathie. Stimmung. Erwartungen. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich selbst genau so ein Mensch bin. Oder zumindest lange war. Vielleicht auch immer noch ein bisschen bin. Man wartet auf Nachrichten und schaut alle sieben Minuten aufs Handy, als würde dort demnächst ein wichtiger NATO-Einsatz koordiniert werden. Dabei hat die andere Person vielleicht einfach nur ihr Handy auf lautlos gestellt und sitzt gerade irgendwo bei Ikea zwischen Teelichtern, Köttbullar und innerer Erschöpfung oder interessiert sich längst nicht mehr für einen. Ich glaube, viele von uns laufen permanent mit diesem unsichtbaren Gefühl herum, nicht genug zu sein. Nicht interessant genug. Nicht wichtig genug. Nicht lustig genug. Und deshalb versucht man ständig gegenzusteuern. Noch netter sein. Noch verständnisvoller. Noch mehr erklären. Noch mehr kämpfen. Hier einladen, da etwas bezahlen. Und dabei merkt man gar nicht mehr, wie anstrengend das irgendwann wird. Für den Kopf. Für den Körper. Für alles.

Früher hab ich ja auch immer geglaubt, Stark sein bedeutet, Dinge festzuhalten. Menschen. Beziehungen. Gespräche. Harmonie. Freundschaften. Jetzt realisiere ich langsam, Stärke bedeutet oft eher, all das nicht mehr mit Gewalt zusammenhalten zu wollen. Jemand antwortet nicht mehr auf meine Nachrichten? Egal. Jemand versteht mich falsch? Nicht meine Verantwortung. Menschen halten mich für arrogant, ruhig, komisch oder zu zurückgezogen? Lass sie. Menschen, von denen ich dachte, sie wären Freunde, verlieren ihr Interesse an mir? Lass sie. Jemand meldet sich nur, wenn er gerade einsam ist oder etwas braucht? Ich muss nicht darauf reagieren. Jemand denkt, ich sei unfreundlich, weil ich nicht ständig erreichbar bin? Lass sie. Jemand ist nicht meiner Meinung? Das ist okay. Jemand geht? Ich halt die Tür auf. Das Alles bedeutet ja nicht, dass einem alles egal wird. Eher das Gegenteil. Man beginnt nur langsam zu verstehen, dass Frieden manchmal dort anfängt, wo man aufhört, ständig alles beeinflussen zu wollen.

Seit ein paar Tagen beobachte ich Menschen deshalb anders. Ruhiger vielleicht. Da draußen läuft ein Mann mit AirPods und blauer Steppweste an dem Café vorbei, als hätte er direkt im Anschluss noch ein wichtiges Meeting. Zwei Jugendliche sitzen auf einer Bank und schauen gemeinsam aufs Handy. Eine Frau telefoniert gestikulierend mit jemandem und wirkt gleichzeitig genervt und liebevoll. Menschen sind kompliziert. Widersprüchlich. Emotional. Manchmal anstrengend. Oft überfordert. Vermutlich genau wie ich. Und vielleicht besteht das ganze Geheimnis tatsächlich einfach darin, nicht mehr überall eingreifen zu wollen. Nicht jedes Schweigen zu analysieren. Nicht jedem Menschen hinterherzulaufen, der einen missversteht oder gehen möchte. Man darf Menschen wirklich einfach Menschen sein lassen. Und sich selbst vielleicht auch. Lass sie. Und lass mich. Für mich ist das jedenfalls der richtige Weg.

Irgendwo am Wasser.

Wo der Lärm langsam endet.

Die letzten Wochen fühlten sich an, als hätte mir jemand mehrere vollkommen unterschiedliche Leben ineinander geschoben. Ich war nachts in Städten. An Bahnhöfen voller Menschen, die irgendwohin wollten oder längst nirgendwo mehr ankamen. Polizeieinsätze zwischen blinkendem Blaulicht und genervten Lautsprecherdurchsagen. Menschen mit abgetragenen Jacken und Decken, die nicht mehr aussahen, als hätten sie in letzter Zeit besonders viele gute Tage erlebt. Manche saßen einfach nur da und schauten vor sich hin. Eine Frau wurde gegen Mitternacht von zwei Polizisten freundlich zum Zug begleitet. Wahrscheinlich aus Angst. Andere liefen gestresst durch die Nacht, als würden sie vor etwas Unsichtbarem fliehen. Vielleicht taten sie das auch. Dazwischen waren überfüllte Züge. Menschen mit Koffern, Rucksäcken und diesem Blick, den man irgendwann bekommt, wenn man seit Stunden unterwegs ist und langsam vergisst, wie Ruhe eigentlich funktioniert. Busse so voll, dass man bereits beim Einsteigen das Gefühl hatte, selbst einer zu viel zu sein. Irgendwo roch es ständig nach Kaffee, Zigaretten, nassen Jacken und diesem seltsamen Mix aus Müdigkeit und warmer Zugluft. Ich habe wenig geschlafen, vieles irgendwo zwischendurch gegessen und irgendwann sogar noch einen Krankenhausaufenthalt mitgenommen, als hätte das Leben beschlossen, wirklich einmal alles gleichzeitig auszuprobieren. Manchmal denke ich, würde ich all das jemandem erzählen, würde es vermutlich niemand wirklich glauben.

Und dann war ich plötzlich in Oberstdorf. Ein Geschenk von Menschen, die vermutlich gar nicht wissen, was sie damit eigentlich gemacht haben. Sonne zwischen den Bergen. Irgendwo noch Schnee. Regen auf Wiesen. Kühle Luft am Morgen. Menschen mit Wanderschuhen und roten Gesichtern vor Cafés. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich dort nicht ständig das Gefühl, sofort wieder wegzumüssen. Vielleicht, weil die Berge nichts von einem wollen. Der Wald interessiert sich nicht dafür, ob man funktioniert. Und der Regen fällt einfach auf Wege, Dächer und Jacken, ohne daraus ein Problem zu machen. Ich glaube, genau das vergisst man manchmal zwischen all dem Lärm. Wie gut es eigentlich ist, einfach irgendwo ankommen zu können. Ein Dach über dem Kopf zu haben. Einen Ort, an dem nachts Ruhe ist. Keinen perfekten Ort. Aber einen sicheren. Diese Welt ist voller Gegensätze. Während manche Menschen morgens ihren Coffee-to-go holen und sich über verspätete Züge ärgern, versuchen andere einfach nur irgendwie durch die Nacht zu kommen. Und manchmal reicht schon ein Bahnhof um drei Uhr morgens, damit man wieder begreift, wie dünn diese Grenze eigentlich sein kann.

Natürlich weiß ich, dass vieles von dem, was einem Angst macht, im eigenen Kopf entsteht. Dass Angst nicht automatisch Wahrheit ist. Dass man nicht ständig auf der Flucht ist, nur weil es sich manchmal so anfühlt. Und trotzdem gibt es diese Morgen, an denen der Körper irgendwo in Sicherheit liegt, während der eigene Kopf bereits so tut, als müsste man jederzeit aufspringen und verschwinden. Und genau das ist das Bescheuerte daran. Dass man Dinge durchaus verstehen kann. Rational. Klar. Fast schon nüchtern. Und trotzdem bedeutet das noch lange nicht, dass sie emotional irgendwo ankommen. Wissen und Fühlen sind manchmal zwei unterschiedliche Länder. Man kann sich etwas hundertmal erklären und morgens trotzdem das Gefühl haben, als hätte der eigene Kopf beschlossen, es einfach nicht zu glauben. Dann steht man auf, schnappt seine Sachen und muss weiter. Woanders hin. Irgendwohin, wo man für einen Moment nicht das Gefühl hat, zu stören. Vielleicht brauche ich genau deshalb manchmal Wälder, Regen, Berge oder lange Wege draußen. Nicht als Lösung. Nicht als romantische Flucht vor dem Leben. Sondern eher wie eine Art leiser Gegenentwurf zu all dem Lärm. Draußen interessiert es niemanden, ob ich gerade alles im Griff habe. Der Wald will keine Erklärungen. Feldwege stellen keine Fragen. Und irgendwo zwischen nassen Sträuchern, Wind in den Bäumen und diesem Geräusch von Schuhen auf Kies wird es im Kopf manchmal wenigstens kurz stiller. Nicht perfekt. Nicht geheilt. Aber ruhiger. Und manchmal reicht das schon.

Und vielleicht vergisst man zwischen all dem irgendwann auch, wie viele kleine Dinge eigentlich richtig gut sind. Frische Bettwäsche zum Beispiel. Kaffee am Morgen. Das Geräusch von Regen draußen, wenn man selbst im Trockenen sitzt. Hunde, die völlig grundlos glücklich über Feldwege toben. Dieses erste warme Licht nach mehreren Tagen Grau. Oder der Moment, wenn man nach langer Zeit morgens wieder aufwacht und nicht sofort das Gefühl hat, vor irgendetwas weglaufen zu müssen. Vielleicht beginnt genau da langsam wieder Leben. Nicht in den großen Veränderungen. Nicht in irgendwelchen Motivationssätzen. Sondern leise. Irgendwo zwischen Alltag, Ruhe und diesem Gefühl, dass noch etwas vor einem liegt. Wege. Sommerabende. Gespräche. Orte, die man noch sehen will. Geschichten, die noch nicht passiert sind. Und irgendwann schnürt man die Stiefel wieder. Nimmt den Rucksack. Geht los. Nicht mehr, um wegzurennen. Sondern weil man langsam spürt, dass irgendwo vor einem wieder etwas wartet. Vielleicht kein perfektes Leben. Aber eines, auf das man wieder Lust hat. Eines mit Zielen. Mit Wünschen. Mit Sommernächten irgendwo am Hang, während unten das Wasser durch den Fluss zieht und alles für einen Moment so ruhig wirkt, als hätte die Welt beschlossen, einen endlich kurz durchatmen zu lassen. Und man freut sich leise, wenn jemand sagt, dass es schön ist, wenn man auch mal die Fresse hält. Und man lacht. Weil es ehrlich ist. Aber nicht böse.

Fluchtmodus.

Mit gepackten Taschen.

Ich glaube, normale Menschen packen ihre Taschen nach einer Reise irgendwann wieder aus. So richtig. Mit Schrank. Mit festen Plätzen für Sachen. Die Zahnbürste ins Bad. Das Ladekabel in irgendeine Schublade. Den Hoodie zurück an den Haken. Bei mir ist es momentan anders. Da bleibt vieles einfach liegen. Halb im Rucksack. Halb daneben. Als würde mein Leben aus Zuständen bestehen, die nie lange genug dauern, um wirklich anzukommen. Vielleicht ist das Faulheit. Vielleicht aber auch einfach dieses merkwürdige Gefühl, jederzeit wieder loszumüssen. Wobei „müssen“ wahrscheinlich das falsche Wort ist. Eher: jederzeit verschwinden zu können. Manchmal sitze ich abends irgendwo mit dem MacBook da und scrolle gleichzeitig durch Jobportale und Immobilienanzeigen. Eine erstaunlich deprimierende Mischung eigentlich. Auf der einen Seite Unternehmen, die „dynamische Teamplayer“ suchen. Auf der anderen Wohnungen mit Dachschrägen und warmem Licht auf den Fotos, als würde dort automatisch ein besseres Leben stattfinden. Irgendwann merke ich dann, wie absurd das alles geworden ist. Ich suche plötzlich gleichzeitig Arbeit, Zukunft, Sicherheit, Ruhe und auch mich selbst. Alles zwischen „ab sofort verfügbar“ und „Kaltmiete auf Anfrage“.

Verrückt ist vor allem, wie schnell sich ein Leben verändern kann. Vor ein paar Monaten wirkten viele Dinge noch geordnet. Als würden sie bleiben. Heute passen große Teile meines Lebens theoretisch in Taschen und Kartons. Und ehrlich gesagt macht mir genau das mittlerweile erstaunlich wenig Angst. Vielleicht, weil irgendwann der Punkt kommt, an dem man aufhört, krampfhaft festhalten zu wollen. Vielleicht aber auch, weil in all diesem Chaos plötzlich etwas auftaucht, das lange gefehlt hat: Möglichkeit. Ein unbeschriebenes Blatt klingt immer wahnsinnig romantisch, bis man wirklich davorsteht. Die meisten Menschen wollen Freiheit nur so lange, wie trotzdem alles sicher bleibt. Aber so funktioniert das vermutlich nicht. Neues entsteht selten dort, wo noch alles geschniegelt im Regal steht. Neulich musste ich wieder an „Die unendliche Geschichte“ denken. Den Film. Das Buch habe ich nie gelesen. An diese Szene mit der kindlichen Kaiserin im Dunkeln. „Du darfst dir etwas wünschen.“ Und Bastian fragt: „Wie viele Wünsche habe ich denn?“ „So viele du willst. Je mehr Wünsche du hast, desto großartiger wird Phantásien. Vielleicht ist Leben am Ende genau das Gegenteil von dem, was ich früher dachte. Nicht weniger Wünsche zu haben. Sondern wieder den Mut zu finden, überhaupt noch welche zuzulassen.

Fakt ist, und ich gestehe mir das selbst nur ungern ein: Ich habe Angst. Nicht diese große, dramatische Angst, wie man sie aus Filmen kennt. Keine Panik. Kein Herzrasen. Eher etwas Leiseres. Hartnäckigeres. Dieses Gefühl, irgendwo nicht richtig hinzugehören. Zu stören. Zu lange da zu sein. Ich bin ungern in fremden Wohnungen. Selbst dann, wenn dort Menschen wohnen, die ich eigentlich Freunde nennen würde. Menschen, die sagen: „Fühl dich wie zu Hause.“ Ein Satz, der nett gemeint ist und trotzdem nie funktioniert. Vielleicht, weil ich ziemlich genau weiß, dass es eben nicht mein Zuhause ist. Dass dort Schränke stehen, die anderen gehören. Gewohnheiten. Erinnerungen. Routinen, in denen ich selbst nicht vorkomme. Ich merke das oft an völlig einfachen Dingen. Dass ich Tassen erst benutze, wenn man sie mir ausdrücklich hinstellt. Dass ich keine Kühlschränke öffne, selbst wenn man mir sagt, ich könne jederzeit drangehen. Dass ich nachts leise durchs Bad gehe, als könnte zu viel Geräusch bereits zu viel Anwesenheit bedeuten. Menschen schleichen erstaunlich vorsichtig durch Räume, in denen sie glauben, nur geduldet zu sein.

Vielleicht kommt das daher, dass ich mich lange daran gewöhnt habe, möglichst wenig Platz einzunehmen. Emotional. Räumlich. Überhaupt. Es ist ein merkwürdiges Leben, wenn man ständig versucht, niemandem zur Last zu fallen und irgendwann merkt, dass man dabei selbst nirgends mehr richtig stattfindet. Und gleichzeitig suche ich genau danach. Nach Ankommen. Nach einem Ort, an dem niemand sagen muss: „Mach es dir ruhig gemütlich“, weil ich längst weiß, dass ich bleiben darf. Vielleicht ist das der eigentliche Kern von Zuhause. Keine Möbel. Keine Wände. Sondern das Gefühl, dass die eigene Anwesenheit keine Erklärung braucht. Manchmal frage ich mich, wie viele Menschen eigentlich genauso leben. Mit gepackten Taschen im Flur und diesem leisen inneren Reflex, jederzeit wieder verschwinden zu können, bevor man irgendwo wirklich sichtbar wird.

Genau das ist gerade mein Leben. Kein Ankommen. Eher ein Dazwischen. Zwischen alten Orten und neuen Möglichkeiten. Zwischen dem Menschen, der ich lange war, und dem, der ich vielleicht irgendwann noch werde. Manchmal macht mir das Angst. Manchmal fühlt es sich aber auch erstaunlich leicht an. Fast so, als hätte das Leben nach langer Zeit endlich aufgehört, so zu tun, als wäre alles fest planbar. Neulich lag ich nachts auf einem fremden Sofa und konnte nicht schlafen. Im Raum tickte eine Uhr im Sekundentakt. Die Zeit lief einfach weiter. Ich sah meine Tasche im Halbdunkel stehen. Nicht richtig ausgepackt. Natürlich nicht. Und plötzlich dachte ich, dass Menschen vermutlich viel zu oft glauben, zuerst irgendwo ankommen zu müssen, bevor ihr Leben beginnen darf. Vielleicht stimmt genau das nicht. Vielleicht besteht ein Teil des Lebens einfach daraus, trotzdem weiterzugehen. Trotz Unsicherheit. Trotz Angst. Trotz dieses Gefühls, manchmal nirgendwo ganz hineinzupassen. Und vielleicht entsteht Zuhause am Ende nicht dort, wo alles perfekt ist. Sondern dort, wo man irgendwann aufhört, ständig bereit zur Flucht zu sein.

Umwege.

Nachts im Hotel.

Einer der schlimmsten Sätze der deutschen Sprache. Direkt hinter „Der Drucker funktioniert nicht mehr“ und „Wir müssen die Unterlagen fürs Finanzamt noch zusammensuchen.“ Vielleicht sogar davor. Der Satz hat etwas Endgültiges. Niemand hört „Wir müssen reden“ und denkt anschließend: Ach schön, vielleicht geht es um Urlaubsplanung oder einen neuen Wasserkocher. Ich stand währenddessen mit einer Packung mittelaltem Gouda vor dem Kühlschrank und dachte ernsthaft darüber nach, ob man Käse einfrieren kann. Menschen reagieren erstaunlich würdelos, sobald ihr Leben auseinanderfällt. In Filmen werfen Leute Gläser gegen Wände oder fahren nachts orientierungslos durch die Stadt. Ich hingegen stand in Socken auf kalten Fliesen und überlegte, ob tiefgefrorener Gouda nach dem Auftauen vielleicht eine komische Konsistenz bekommt.

Knoppers im Bett zu essen, ist eigentlich immer eine dumme Idee. Vor allem wegen dieser kleinen Haselnussstückchen und der Schokolade, die einfach überall landen. In der Bettdecke. Unter dem Rücken. Irgendwann vermutlich sogar im eigenen Bauchnabel. Es sei denn, es ist ein Hotelbett. Da landen die auch überall, aber in Hotels wirkt selbst das plötzlich erstaunlich vertretbar. Wahrscheinlich, weil man morgens einfach geht und sich nicht weiter damit beschäftigen muss. Hotels leben im Grunde davon, dass Menschen dort kurzfristig Versionen ihrer selbst werden, die sie zu Hause niemals wären. Menschen bestellen plötzlich Sandwiches um Mitternacht, laufen barfuß durchs Zimmer oder essen eben Knoppers im Bett, als gäbe es keine Konsequenzen im Leben.

Es ist 23:10 Uhr und ich habe schon wieder zu lange geschrieben. Draußen ist alles längst still geworden. Glaub ich zumindest. Ab und zu fährt noch irgendwo ein Auto vorbei. Im Zimmer brennt nur noch eine kleine Lampe neben dem Bett und neben mir liegt ein Roman, den ich schon in Oberstdorf lesen wollte. Erfolglos. Ich lese momentan fast nur noch meine eigenen Texte. Vermutlich ein bisschen wie Menschen, die plötzlich anfangen, ihre Symptome zu googeln und danach überzeugt sind, höchstens noch drei Wochen zu leben. Heute Abend habe ich wieder an meinem Roman gearbeitet. Über Anfänge und Enden geschrieben. Über Männer, die zu lange schweigen. Über Hunde. Über Beziehungen. Über Entscheidungen, die sich erst Monate später als Fehler herausstellen. Oder als Rettung. Das Problem beim Schreiben ist ja, dass man irgendwann anfängt, überall Geschichten zu sehen. In Cafés. Auf Bahnhöfen. In Gesichtern. Selbst Menschen im Supermarkt wirken plötzlich, als hätten sie Kapitel. Der Mann vor mir an der Kasse kaufte heute Abend nur Katzenfutter, Toast und Energydrinks. Ich stand hinter ihm und dachte kurz darüber nach, wie sein Leben wohl aussieht. Schreiben macht aus normalen Gedanken irgendwann leicht unangenehme Beobachtungsstörungen.

Mittlerweile bin ich übrigens 45. Laut Denise praktisch kurz vor betreutem Wohnen. Ehrlich. Diese Information benutzt sie ungefähr so, wie andere Menschen einen Taser. Dann zeigt sie mir den Mittelfinger, nennt mich „Vorfeld zur Verwesung“ und behauptet, meine Knochen würden beim Aufstehen klingen wie etwas, das gleichzeitig bricht und stirbt. Wenn ich beim Wandern irgendwo kurz stehen bleibe, schaut sie mich an und fragt völlig ernst, ob sie schon mal vorsorglich einen Platz im betreuten Wohnen reservieren soll. Sie lacht darüber, dass ich nicht mehr über umgefallene Bäume springe, sondern vorher kurz abschätze, ob sich das Knie danach eventuell mehrere Werktage beleidigt verhält. Und ehrlich gesagt verstehe ich langsam, warum Männer ab einem gewissen Alter plötzlich anfangen, sich ernsthaft für Wärmepumpen oder orthopädische Kopfkissen zu interessieren. Der Körper wird irgendwann zu einer Art sehr passiv-aggressivem Mitbewohner. Aber gut. Denise ist zehn Jahre jünger. In zehn Jahren lache ich dann zurück. Vorausgesetzt natürlich, ich lebe noch. Wobei man da ehrlich gesagt nie ganz sicher sein kann. Vor allem nicht in meinem Alter. Mit Mitte vierzig beginnt man plötzlich, Sätze zu sagen wie: „Früher konnte ich sowas einfach essen.“ Oder man freut sich ernsthaft über gute Matratzen. Dinge verändern sich schleichend. Irgendwann besitzt man plötzlich eine bevorzugte Herdplatte und reagiert emotional auf schlechte Rückenlehnen.

Es ist inzwischen 23:13 Uhr und ich hätte längst schlafen sollen. Stattdessen sitze ich hier zwischen Krümeln, offenen Dokumenten und irgendwelchen halbfertigen Sätzen im Hotel und merke, dass mir das Schreiben wahrscheinlich wichtiger geworden ist, als ich es lange zugeben wollte. Vielleicht ist der Roman eine Herzensangelegenheit. Vielleicht ist er aber auch Therapie. Vermutlich sogar beides. Und ehrlich gesagt glaube ich mittlerweile, dass jeder Mensch in seinem Leben mal eine Therapie machen sollte. Einfach, damit im Kopf irgendwann wieder ein bisschen Ordnung entsteht. Gedankenhygiene. Ich mag dieses Wort. Klingt ein wenig nach Frühjahrsputz für die Seele. Und vermutlich brauchen die meisten von uns genau das öfter, als sie zugeben würden. Drei Knoppers noch.

Ich werde Schriftsteller. Punkt. Heute fällt es mir leichter, das auszusprechen. Früher bin ich um diesen Satz herumgelaufen wie Menschen um merkwürdige Nachbarn auf der Straße. Bloß nicht zu direkt werden. Bloß nicht unangenehm auffallen. „Ich schreibe gerade an einem Roman“ klingt in Deutschland nämlich immer noch ein bisschen so, als hätte man beschlossen, hauptberuflich Räucherstäbchen zu verkaufen oder mit Mitte vierzig plötzlich Straßenmusiker in Portugal zu werden. Die meisten reagieren freundlich interessiert. Was oft nur die höflichere Form von „Das wird doch eh nichts“ ist. Dabei wusste ich lange selbst nicht genau, wie ich das nennen soll. Schriftsteller. Autor. Klingt beides größer, als man sich selbst manchmal fühlt, wenn man nachts mit Knopperskrümeln im Bett sitzt und seit drei Stunden an denselben vier Absätzen rum doktort. Vor einiger Zeit gab es jedenfalls noch genug Stimmen, die meinten, das wäre keine gute Idee. Kein richtiges Fundament. Keine Sicherheit. Kein Leben, auf dem man etwas aufbauen könne. Brotlose Kunst ohne Kunst. Und das Dumme ist ja nicht mal, dass Menschen sowas sagen. Das Dumme ist, dass man irgendwann anfängt, ihnen zu glauben.

Man übernimmt fremde Zweifel irgendwann wie schlechte Angewohnheiten. Trägt sie mit sich herum. Lässt Dinge sein, die einem eigentlich etwas bedeuten, nur weil irgendwer mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit behauptet hat, daraus würde sowieso nichts werden. Menschen sprechen generell unfassbar gern über die Grenzen anderer Leute. Vermutlich, weil die eigenen dann nicht mehr ganz so traurig wirken. Aber irgendwann passiert dann etwas. Die Stimmen werden leiser. Manche verschwinden ganz. Andere verlieren einfach ihre Bedeutung. Und plötzlich merkt man, dass dieser ganze Rahmen, in den man sich selbst jahrelang gepresst hat, eigentlich nie wirklich existiert hat. Da war nie irgendeine unsichtbare Instanz, die entschieden hätte, was man darf und was nicht. Die meisten Menschen laufen ohnehin selbst völlig orientierungslos durch ihr Leben und geben dabei anderen Ratschläge mit der Autorität eines enttäuschten Fahrlehrers. (Heul leise Anneliese.)

Und ehrlich gesagt denke ich mittlerweile manchmal einfach: Fick dich. Nicht mal böse. Eher müde. Ich bin 45. Denise möchte mich gefühlt nächste Woche im betreuten Wohnen anmelden, mein Knie führt bei Wetterumschwung inzwischen eigene Verhandlungen mit dem Universum und die Uhr läuft sowieso weiter. Man hat irgendwann nicht mehr jeden Tag einen mehr. Sondern einen weniger. Das ist der Teil, den einem früher niemand wirklich erklärt. Irgendwann merkt man plötzlich, dass Zeit keine theoretische Sache ist. Sie sitzt mit im Raum. Beim Kaffee. Im Zug. Nachts im Hotelbett zwischen irgendwelchen Krümeln und offenen Word-Dokumenten. Worauf wartet man dann eigentlich noch? Ernsthaft. Darauf, dass irgendwann jemand kommt und sagt: „So Torsten, jetzt ist der richtige Moment. Jetzt darfst du anfangen.“? Vergiss es. Das passiert nicht. Niemand rettet einen. Niemand drückt plötzlich auf einen Knopf und alles ergibt Sinn. Die meisten Menschen warten ihr halbes Leben auf irgendeine Art Erlaubnis und merken erst sehr spät, dass nie jemand vorhatte, sie ihnen zu geben. Zwei Knoppers noch.

Ich sollte schlafen. Wirklich. Es ist inzwischen kurz nach Mitternacht und die Vernunft sitzt irgendwo in einer Ecke des Hotelzimmers und schaut mich wahrscheinlich schon seit einer Stunde enttäuscht an. Die letzten beiden Knoppers bewahre ich mir auf. Für morgen oder schlechte Zeiten. Wobei das im Erwachsenenleben oft erstaunlich dicht beieinanderliegt. Also eigentlich für morgen. Das MacBook klappe ich gleich zu und schließe es noch an den Strom. Ein mittlerweile fast schon fürsorglicher Vorgang. Früher bin ich einfach eingeschlafen und morgens war der Akku tot. Heute denke ich plötzlich an Ladezustände. Vermutlich beginnt Altern genau dort. Nicht bei grauen Haaren oder orthopädischen Kopfkissen. Sondern in dem Moment, in dem man nachts noch kontrolliert, ob technische Geräte genug Energie für den nächsten Tag haben.

Mit dem Smartphone mache ich jetzt vermutlich das, was Menschen abends immer machen, obwohl wirklich jeder weiß, dass es keine gute Idee ist. „Nur noch kurz gucken.“ Einer der größten Selbstbetrüge unserer Zeit. Niemand guckt nur kurz. Aus fünf Minuten werden plötzlich vierzig und ehe man sich versieht, kennt man die komplette Lebensgeschichte irgendeines Mannes aus Wuppertal, der hauptberuflich Waschbären rettet oder Tiny Houses in ehemalige Pferdeanhänger baut. Das Internet nachts ist ohnehin ein seltsamer Ort. Ab Mitternacht wirken Menschen plötzlich emotionaler, ehrlicher oder komplett wahnsinnig. Wahrscheinlich von allem etwas. Morgen ist ein neuer Tag. Neue Aufgaben. Neue Gedanken. Neue Dinge, die erledigt werden müssen. Die Bahnverbindung zwischen Bremen und Oldenburg scheint momentan allerdings ungefähr so stabil zu funktionieren wie manche Beziehungen kurz vor Weihnachten. Irgendwo ist wohl wieder etwas ausgefallen. Signalstörung. Baustelle. Personalmangel. Was weiß ich. Die Deutsche Bahn besitzt mittlerweile die bemerkenswerte Fähigkeit, selbst einfachste Strecken wie eine leicht eskalierende Expedition wirken zu lassen. Aber gut. Dann fahre ich eben einen Umweg. Wäre ja nichts Neues.

Ich kenne Umwege inzwischen ziemlich gut. Nicht nur bei Zugverbindungen. Ehrlich gesagt bestand ein überraschend großer Teil meines Lebens aus Wegen, die ursprünglich ganz anders geplant waren. Manche davon waren anstrengend. Manche komplett unnötig. Und manche führten am Ende trotzdem genau dorthin, wo ich vermutlich hinmusste. Auch wenn es unterwegs oft nicht so aussah. Und die Wahrheit ist, die meisten guten Dinge in meinem Leben lagen selten direkt auf der Strecke. Sondern irgendwo daneben. Hinter falschen Abzweigungen, schlechten Entscheidungen oder Momenten, in denen ich dachte, jetzt wäre endgültig alles völlig aus dem Ruder gelaufen. War es manchmal wahrscheinlich auch. Aber selbst daraus wurde irgendwann irgendetwas. Außer vielleicht aus der Sache mit den Knopperskrümeln im Bett. Die bleiben vermutlich einfach scheiße.

Großstadt.

Stress mit Straßenbahnanschluss.

Großstädte? Alter, die überfordern mich komplett. Allein schon beim bloßen Zuschauen. Nicht einmal wegen der Menschenmengen. Eher wegen dieser permanenten Gleichzeitigkeit von allem. Die Polizei brettert irgendwo durch die Innenstadt. Lieferdienste bringen irgendwelche Sachen in Windeseile. Und dann diese Menschen mit AirPods und einem Gesichtsausdruck, als würden sie gleichzeitig eine Firma leiten, einen Podcast aufnehmen und innerlich kurz vorm Nervenzusammenbruch stehen. Natürlich Presslufthammer. Eine Straßenbahn klingelt schon fast aggressiv. Jemand telefoniert auf Lautsprecher. Warum machen Menschen das eigentlich? Niemand hat jemals gedacht, hoffentlich bekomme ich heute noch das komplette Streitgespräch zwischen Hubert und seiner Rentenkasse mit. Jeder Hubert steht natürlich kurz vor der Rente, muss man dazu sagen. Der Name ist so alt, der schuldet Jesus noch drei Ziegen. Naja. Jedenfalls glaube ich, mich überfordert vor allem, dass Großstädte keine Pausen machen. Dörfer haben Pausen. Wälder sowieso. Selbst kleine Städte wirken manchmal, als würden sie gegen halb acht kollektiv beschließen, dass ab 18:38 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. Großstädte dagegen wirken selbst nachts noch wie Menschen, die zu viel Kaffee hatten und sich dann eingeredet haben, Schlaf wäre lediglich eine Meinung. Keine Notwendigkeit.

Und trotzdem verstehe ich die Faszination von Großstädten. Wirklich. Dieses Gefühl, dass jederzeit irgendetwas passieren könnte. Irgendwo eröffnet ein neues Restaurant. Neue Menschen ziehen in die Stadt. Neues Leben vielleicht. In der Seitenstraße neben dem Gemüseladen gibt es dieses angesagte Café, in dem der Cappuccino ungefähr so viel kostet wie früher ein kleiner Gebrauchtwagen. Natürlich nur Kartenzahlung und die Bestellungen laufen auf englisch. Zwei Straßen weiter sitzt jemand morgens um elf mit Sonnenbrille und Aperol draußen, als hätte er beruflich einfach beschlossen, keinen Stress mehr mit der Realität zu haben. Hinter dem Bahnhofsgebäude haben zwei Menschen Sex, während sich vorne am Taxistand gleichzeitig ein Ehepaar anschreit, weil irgendwer „schon wieder nichts gesagt hat“. Großstädte schaffen es erstaunlich leicht, gleichzeitig nach frischen Croissants, teurem Parfum, Urin und leicht feuchter U-Bahn-Station zu riechen. Irgendwo probiert eine High-Society-Dame in einem perfekt ausgeleuchteten Geschäft gerade Düfte aus, die Namen tragen wie „Midnight Velvet“ oder „Bois Impérial“, während drei Straßen weiter ein Mann mit nacktem Oberkörper einen Einkaufswagen durch die Gegend schiebt und sehr laut Diskussionen mit Menschen führt, die vermutlich nur er sehen kann. Alles existiert gleichzeitig. Reich. Kaputt. Schön. Laut. Einsam. Genau das fasziniert Menschen wahrscheinlich daran.

Ich merke jedenfalls ziemlich schnell, dass ich dort eigentlich nicht hingehöre. Ich bin auf dem Land groß geworden. Zwischen Ackerflächen, die so groß waren, dass man als Kind dachte, dahinter würde eh nie etwas Neues beginnen. Menschen sah man dort eher selten. Höchstens auf Traktoren. Bei der Ernte. Beim Güllefahren oder irgendwo am Feldrand während der Jagdsaison. Wenn bei uns jemand hupte, hatte das meistens einen konkreten Grund und war kein emotionaler Dauerzustand. Vielleicht fühlt sich für mich genau deshalb in Großstädten alles permanent ein bisschen zu schnell an. Zu dicht. Zu laut. Menschen laufen dort oft herum, als wären sie auf dem Weg zu etwas unglaublich Wichtigem. Immer mit diesem Blick, als würden die nächsten fünf Minuten über ihre komplette Zukunft entscheiden. Ich dagegen suche nach ungefähr zwanzig Minuten meistens hektisch irgendeinen ruhigen Ort. Einen kleinen Park. Einen Baum. Irgendetwas, das aussieht, als dürfte ich dort kurz normal atmen. Und sobald irgendwo zwischen Beton plötzlich ein Stück Grün auftaucht, freue ich mich bereits völlig unangemessen darüber. „Ach guck. Eine Bank im Schatten.“ Mehr brauche ich manchmal gar nicht. Das ist vermutlich auch eine Art Persönlichkeitstest.

Am anstrengendsten finde ich allerdings Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen. Diese Mischung aus Hektik, Musik aus offenen Ladentüren und Menschen, die plötzlich mitten im Weg stehen bleiben, als hätten sie zwischen H&M und Douglas gerade eine spirituelle Erleuchtung erfahren. Dazu Rollkoffer auf Kopfsteinpflaster. Ätzend. Ein Geräusch, das innerhalb von ungefähr vier Sekunden Aggressionen auslösen kann, die sonst vermutlich nur beim Kontakt mit Druckern oder Hotlines entstehen. Und dann diese seltsame Anspannung, die Großstädte nachts manchmal haben. Vielleicht bilde ich mir das ein. Wahrscheinlich sogar. Aber es gibt dort Menschen, denen man automatisch lieber aus dem Weg geht. Menschen, bei denen der Kopf sofort irgendwelche Geschichten erfindet, obwohl sie vermutlich einfach nur nach Hause wollen. Trotzdem läuft man plötzlich aufmerksamer. Blickt kurz über die Schulter. Wechselt vielleicht sogar die Straßenseite. Eher instinktiv. Ich merke dann immer, wie unterschiedlich Angst eigentlich sein kann. Im Wald habe ich nie dieses Gefühl. Selbst nachts nicht. Ein dichter, dunkler Wald fühlt sich für mich oft sicherer an als eine beleuchtete Fußgängerzone in irgendeiner Großstadt. Vielleicht weil Wälder ehrlich sind. Dort raschelt es und entweder ist es ein Reh oder im schlimmsten Fall etwas, das mich in Ruhe lassen will, sobald es merkt, dass ich genauso wenig Lust auf Stress habe. Städte dagegen wirken manchmal, als würden Menschen dort permanent kurz davor stehen, entweder eine Karriere zu starten oder völlig grundlos auszurasten. Und ehrlich gesagt begegne ich dann lieber einem Wolf im Wald als irgendeinem aggressiven Typen vor einem Späti nachts um halb eins.

Ich bin einfach kein Großstadtmensch. War ich nie. Werde ich nie sein. Ich mag Orte, an denen man morgens noch Vögel hört und nicht direkt irgendeinen Lieferwagen rückwärts piepen. Orte, an denen Luft nach Regen riecht und nicht nach heißem Asphalt, Frittierfett und Stress. Ich mag Cafés, in denen einfach Kaffee verkauft wird und nicht gleichzeitig noch handgetöpferte Tassen, fermentierte Hafermilch und ich einen Workshop zur persönlichen Entfaltung buchen kann. In Großstädten hat man manchmal das Gefühl, selbst ein einfaches Weizenbrötchen muss erstmal ein Konzept besitzen, bevor es verkauft werden darf. Ich mag Orte, an denen Menschen auch mal die Fresse halten können, ohne sofort hektisch aufs Handy zu schauen, als hätte die Welt in den letzten sieben Sekunden eventuell aufgehört zu existieren. Orte, an denen ein Spaziergang einfach ein Spaziergang ist und keine „Mindful Walking Experience“. Vielleicht liegt das wirklich daran, wie ich aufgewachsen bin. Mit Feldern. Mit Wind. Mit diesen riesigen Ackerflächen, auf denen manchmal stundenlang einfach gar nichts passiert ist. Außer vielleicht irgendwo ein Trecker. Und ehrlich gesagt fand ich genau das immer ziemlich beruhigend. Finde ich immer noch. In Großstädten dagegen wirkt Ruhe oft wie etwas, das man teuer buchen muss. Dachterrasse. Rooftop-Bar. Urban Retreat. Irgendwelche Menschen sitzen dann zwischen Betonpflanzen und Designerlampen und tun so, als hätten sie gerade die Stille erfunden, während unter ihnen drei Krankenwagen, zwei Polizeiautos und ein Mann namens Kevin emotional eine Work-Life-Balance-Diskussion führt.

Ganz ehrlich? Ich finde es vollkommen okay, dass ich das nicht brauche. Manche Menschen wollen Skyline. Clubs. Menschenmengen. Dieses Gefühl, dass jederzeit irgendetwas passieren könnte. Ich dagegen brauche eher einen Feldweg. Rehe, Wälder, Flüsse. Vielleicht einen Kaffee in der Hand und irgendwo einen Baum, der seit hundert Jahren exakt dieselbe entspannte Energie ausstrahlt. Jedenfalls sind das exakt die Gedanken, die ich mir momentan mache, während ich abends durch Immobilienportale scrolle und Wohnungen vergleiche. Großstadt ist dabei inzwischen komplett raus. Ehrlich. Eher hänge ich tot über einem Weidezaun, als freiwillig jeden Morgen zwischen E-Scootern, Presslufthämmern und Menschen aufzuwachen, die ihren Matcha-Latte behandeln wie ein Persönlichkeitsmerkmal.

Das Leben ohne Auto ist ein anderes geworden. Langsamer vor allem. Früher stieg ich einfach ein, fuhr los und erledigte Dinge unterwegs. Einkaufen. Baumarkt. Hund einladen. Wald. Alles, ohne groß darüber nachzudenken. Das Auto stand vor der Tür wie ein sehr zuverlässiger, aber leicht überteuerter Freund, der immer Zeit hatte. Erst später begann ich auf die Spritpreise zu achten. Irgendwann kostete Tanken gefühlt ungefähr so viel wie ein kleiner Wellnessurlaub in Brandenburg. Wobei ich nicht weiß, ob Brandenburg schön ist. Mag sein. Egal. Ich fuhr trotzdem weiter. Menschen rechnen sich erstaunlich viel schön, solange sie dabei sitzen können.

Heute lebe ich ohne Auto. Deswegen plane ich anders. Nicht mehr anhand von Dieselpreisen, sondern anhand des Wetterberichts. Das klingt vernünftig. Ist es wahrscheinlich auch. Gleichzeitig hat es etwas Merkwürdiges, mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit vor einer Regen-App zu sitzen und darüber nachzudenken, ob drei Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit bereits als persönlicher Angriff gelten. Auf dem Land bedeuten Besorgungen zu Fuß schnell zehn Kilometer. Mindestens. Regen an sich ist dabei gar nicht das Problem. Wenn man erstmal nass ist, wird es irgendwann egal. Man akzeptiert erstaunlich viel, sobald die Schuhe erstmal durch sind. Schwieriger wird es bei Einkäufen. Zucker zum Beispiel verhält sich bei Regen ungefähr so stabil wie ein Pappkarton im Hochwassergebiet. Und mein Rucksack sieht zwar aus, als hätte er schon zwei Weltkriege, mehrere Zeltlager und mindestens einen sehr schlechten Festivalbesuch überlebt, aber ob er tatsächlich wasserdicht ist, bleibt für mich eine offene Frage.

Vermutlich nicht. Dinge, die wirklich wasserdicht sind, sehen meistens deutlich langweiliger aus. Also plane ich mehr. Schaue auf Wolken. Auf Windrichtungen. Auf diese kleinen Symbole in Wetter-Apps, die grundsätzlich immer optimistischer aussehen als die Realität draußen vor dem Fenster. Und obwohl man sich auf Wetterberichte nur bedingt verlassen kann, geben sie wenigstens eine Richtung vor. Vielleicht ist das überhaupt das Entscheidende. Eine Richtung zu haben. Dieses planlose Loslaufen, unterwegs überlegen, was man eigentlich braucht und auf dem Rückweg feststellen, dass man doch die Cola Zero vergessen hat, verliert mit der Zeit seinen Charme. Besonders dann, wenn man bereits sieben Kilometer hinter sich hat und plötzlich einfällt, dass Klopapier ebenfalls keine schlechte Idee gewesen wäre.

Ein Leben ohne Auto hat aber einen weiteren Vorteil. Ich sehe mehr. Nicht im romantischen Sinn. Eher im echten. Ich kenne jetzt die Geräusche bestimmter Straßen zu bestimmten Uhrzeiten. Ich weiß, bei welchem Haus der Hund immer bellt und wo es morgens nach Waschmittel riecht. Und ich begegne des Öfteren Menschen. Dem älteren Mann mit der grünen Schirmmütze zum Beispiel, der grundsätzlich aussieht, als würde er heimlich die Ordnung im Dorf kontrollieren. Oder der Frau, die jedes Gespräch mit „Na?“ beginnt und damit bereits ungefähr neunzig Prozent aller norddeutschen Kommunikation abgedeckt hat. Ich glaube, genau das ist der Unterschied. Mit dem Auto fährt man meistens nur durch irgendwas hindurch. Zu Fuß gehört man plötzlich ein kleines bisschen dazu. Und ehrlich gesagt wirkt ein Mensch mit Rucksack auf dem Land grundsätzlich verdächtig beschäftigt.

Heute bestand diese Form von Alltagsplanung übrigens daraus, Unterwäsche zu kaufen. Keine Ahnung, wie der offizielle männliche Fachbegriff dafür lautet. Unterhosen klingt nach Bundeswehrspind, Feinripp und einem Mann namens Dieter, der samstags pünktlich seinen Rasen mit einer Nagelschere nachschneidet, damit die Nachbarn nicht tuscheln. „Pants“ wiederum sagen meistens Menschen, die vermutlich auch ihren Balkon „Outdoor-Lounge“ nennen und ihre Wohnung nach Farben sortieren. Und alles andere klingt, als würde man versuchen, zwanghaft cool zu wirken. Also bleiben wir einfach bei Unterwäsche. Jeder weiß ohnehin, was gemeint ist. Jedenfalls stand ich heute vor diesem Regal und fragte mich plötzlich, worauf Männer dabei eigentlich achten. Natürlich auf die Größe. Klar. Aber darüber hinaus? Farbe? Schnittform? Material? Gibt es Menschen, die ernsthaft sagen: „Die sitzt im Schritt einfach hervorragend“ oder „Die hat mich emotional sofort abgeholt“? Ich weiß es nicht. Ich greife seit Jahren ungefähr immer zum selben Modell. Schwarz. Ausschließlich schwarz. Weiß funktioniert nur bei Menschen, die ihr Leben vollständig im Griff haben oder sehr viel Vertrauen in Waschmittel besitzen. Braun wirkt dagegen immer leicht verdächtig. Als würde man im Vorfeld bereits etwas vertuschen wollen. Also schwarz. Neutral. Sicher. Die Schweiz unter den Unterwäschefarben.

Boxershorts trage ich nicht. Ich habe das versucht, aber irgendwie fühlt sich das an, als würde man nachts eine Turnhose tragen. Grundsätzlich nehme ich immer die engen. Aber ohne Eingriff. Diesen Eingriff habe ich ohnehin nie verstanden. Wer benutzt den wirklich? Vermutlich dieselben Männer, die in Baumärkten freiwillig Beratungsgespräche führen. Und obwohl wirklich jeder Mensch auf diesem Planeten Unterwäsche trägt, fühlt sich der Kauf immer irgendwie unangenehm an. Vielleicht, weil Männerunterwäsche grundsätzlich nie nach Leben aussieht. Frauenunterwäsche wird präsentiert wie ein französischer Sommerabend. Weiches Licht. Spitzenstoff. Menschen auf Balkonen trinken Wein und treffen wahrscheinlich emotional stabile Entscheidungen. Männerunterwäsche dagegen liegt unter grellem Neonlicht zwischen Tennissocken und Multipack-Unterhemden. Verpackt in Plastik. Daneben ein Schild mit „3er-Pack 12,95“. Das gesamte Regal wirkt, als hätte man beschlossen, Erotik vorsorglich auszuschließen.

Naja, ich stand also mit meinem schwarzen Dreierpack in der Schlange vor der Kassiererin und plötzlich begann dieser vollkommen bescheuerte innere Dialog. Nicht meiner. Ihrer. Zumindest in meinem Kopf. Sie scannt die Packung. Blickt auf die Größe. Dann kurz zu mir hoch. Wieder zur Packung. Vielleicht denkt sie jetzt: „Aha. Schwarz. Natürlich schwarz. Einer von denen.“ Vielleicht erkennt sie an exakt dieser Kombination aus Drei-Tage-Bart, leicht müdem Blick und günstiger Basic-Unterwäsche sofort, dass ich vermutlich alleine wohne, Kaffee schwarz trinke und schon mindestens einmal nachts um halb eins überlegt habe, ob Tiefkühlpizza eigentlich auch Frühstück sein kann. Vielleicht denkt sie auch: „Interessant. Keine Markenlogos. Kein Calvin Klein. Der Mann hat längst aufgegeben. irgendwas Mitte vierzig, geschieden und entweder kurz vor der Midlife-Crisis oder schon mittendrin.“ Oder schlimmer: „Der sieht aus, als würde er Funktionsjacken besitzen.“ Das wäre hart. Vor allem, weil es stimmt. Und während sie wahrscheinlich in Wahrheit einfach nur ihren Scanner bedient und gedanklich längst beim Feierabend oder einem Glas Wein zu Hause ist, entwickelt mein Gehirn bereits komplette Charakteranalysen. Menschen überschätzen sich in solchen Situationen völlig. Niemand interessiert sich wirklich für die Unterwäsche fremder Leute. Trotzdem steht man da, hält diesen Dreierpack fest und hat kurz das Gefühl, die Kassenschlange könne anhand der Schlüpper Rückschlüsse auf die eigene Lebenssituation ziehen.

Der Mann hinter mir kauft Batterien, Energydrinks und eine Familienpackung Erdnussflips. Vermutlich deutlich interessanter. Trotzdem bin ich überzeugt, dass alle heimlich denken: „Der da vorne hat definitiv seit Jahren dieselbe Sorte Unterwäsche.“ Was wahrscheinlich sogar stimmt.

Vatertag.

Papa fährt nach Hause.

Christi Himmelfahrt. Vatertag. Oder einfach der einzige Feiertag, an dem Männer morgens um zehn bereits aussehen, als hätten sie die Nacht in einer Mischung aus Getränkemarkt, Tankstelle und mittelschwerer Lebenskrise verbracht. Ich glaube ja, so ganz genau weiß niemand, welches der beiden Feste mittlerweile eigentlich mehr gefeiert wird. Offiziell geht es um die Himmelfahrt Christi. Inoffiziell ziehen Männer mit Bollerwagen über Feldwege, grillen irgendwo, trinken warmes Bier, kalten Schnaps und liegen irgendwann nachmittags irgendwo halb in der Böschung, während einer versucht, sehr emotional „Country Roads“ zu singen. Später wird gekotzt. Irgendwer verliert einen Schuh. Und mindestens einer sagt den Satz: „Mir geht’s eigentlich noch erstaunlich gut.“ Natürlich haben alle Bluetooth-Boxen dabei, die bereits morgens um elf klingen, als hätte jemand schlechte Entscheidungen in Schlagerversion vertont. Das eigentlich Bekloppte daran ist aber, dass es oft genau dieselben Männer sind, die zwei Wochen vorher, am Muttertag, sehr überzeugt erklärt haben, wie wichtig gemeinsame Zeit als Familie sei. Frühstück zusammen. Mittagessen zusammen. Kaffee und Kuchen natürlich auch. Alles möglichst harmonisch und ruhig. Während die Mutter selbstredend organisiert, deckt, aufräumt und vermutlich noch fragt, ob alle genug Brötchen haben. Am Vatertag hingegen reichen plötzlich ein Bollerwagen, zwei Kasten Bier, Schnaps und schlechte Musik aus, um das Konzept Familie für einige Stunden vollständig neu zu interpretieren.

Und spätestens abends zeigt sich dann vermutlich doch wieder, dass Männer am Ende tatsächlich das schwächere Geschlecht sind. Denn irgendwo zwischen Grillplatz, Feldweg und der drölfzigsten völlig unnötigen Runde Schnaps sitzt irgendwann mindestens einer mit glasigem Blick auf einer Bordsteinkante und sagt sehr leise, dass er „kurz frische Luft braucht“. Meistens endet der Tag dann damit, dass die Frau ihn später irgendwo einsammelt. Vollkommen besoffen. Völlig fertig. Vielleicht sogar angekotzt. Während er auf der Rückfahrt versucht zu beteuern, dass es ihm gut geht, dass er kaum etwas getrunken hat und dass es eigentlich ein richtig guter Tag gewesen sei. Am nächsten Morgen liegt genau dieser Mann jammernd auf dem Sofa, trinkt Cola ohne Kohlensäure und erzählt allen mit letzter Kraft, wie unfassbar schlecht es ihm geht, während die Frau nebenbei vermutlich längst wieder Frühstück macht und den ganz normalen Wahnsinn des Familienlebens organisiert. Alles Gute zum Vatertag.

Und vermutlich wird genau dieser Mann nächstes Jahr wieder sehr überzeugt sagen, dass man Vatertag „einfach mal braucht“. Für die Männer. Für die Freundschaft. Für den Ausgleich. Während er gleichzeitig weder weiß, wo sein linker Schuh geblieben ist, noch warum sein Handy voller verwackelter Videos von Männern ist, die „Atemlos“ grölen, als hinge der Fortbestand der Menschheit davon ab. Irgendwo wird dann wieder einer mit Fleischgabel in der Hand behaupten, früher seien Vatertage noch „legendär“ gewesen. Obwohl alle Beteiligten mittlerweile Rücken haben, spätestens ab 22 Uhr frieren und am nächsten Morgen zwei Ibuprofen wie ein religiöses Ritual einnehmen müssen. Scheißegal. Trotzdem passiert es jedes Jahr wieder. Vielleicht, weil Männer sich tief im Inneren immer noch für sechzehn halten, sobald jemand einen Bollerwagen organisiert und „Nur ein Bier“ sagt.

Und gleichzeitig gibt es eben auch die Väter, die diesen Tag ganz anders verbringen.Die, die morgens keine Bluetooth-Box einpacken, sondern Brotdosen. Die in der Küche stehen, Kaffee machen und versuchen, leise zu sein, damit wenigstens einer im Haus noch ein bisschen schlafen kann. Die mit ihren Kindern irgendwo hinfahren. Tierpark. Spielplatz. Badesee. Vollkommen egal. Hauptsache zusammen unterwegs. Männer, die später mit kleinen Schuhen neben ihren eigenen über Waldwege laufen und sich anhören wollen, warum ein Stock unbedingt mit nach Hause genommen werden muss, obwohl er objektiv betrachtet einfach nur ein normaler Stock ist. Diese Väter sitzen dann mittags irgendwo auf einer Bank und teilen sich Pommes, obwohl sie am Ende meistens keine einzige davon wirklich selbst essen. Sie bezahlen voller Hingabe fünf Euro für ein Eis, welches anschließend zu gleichen Teilen auf den Händen, dem T-Shirt und auf dem Autositz verteilt wird. Sie schubsen Schaukeln an, schauen sich zum zwölften Mal dieselbe Rutsche an, reagieren begeistert auf völlig unverständliche Sätze und tragen irgendwann Jacken, Trinkflaschen und halb aufgegessene Butterbrote gleichzeitig durch die Gegend.

Und ehrlich gesagt wirken genau diese Männer am Ende des Tages meistens deutlich zufriedener als die Gruppe, die später versucht, gleichzeitig geradeaus zu laufen und einen Bollerwagen zu ziehen. Vielleicht, weil sie irgendwann verstanden haben, dass das eigentliche Leben nicht auf irgendwelchen Feldwegen zwischen Bierkasten und Schlagermusik stattfindet, sondern genau da. Zwischen klebrigen Kinderhänden. Zwischen zu lauten Kinderliedern im Auto. Zwischen diesen völlig absurden Gesprächen darüber, ob Enten eigentlich Freunde haben oder warum Dinosaurier eigentlich nie hätten aussterben dürfen. Und manchmal reicht dann schon dieser eine kurze Moment. Wenn ein Kind einen einfach ansieht, als wäre man der größte Held der Welt. Ohne irgendetwas beweisen zu müssen. Einfach nur, weil man da ist. Weil man die Schaukel angeschubst hat. Weil man zugehört hat. Weil man mitgegangen ist. Für Kinder sind das keine großen Gesten. Es ist einfach nur Papa. Und genau deshalb bedeutet es ihnen vermutlich alles.

Später schlafen sie müde auf dem Rücksitz ein. Mit zerzausten Haaren, klebrigen Fingern und geschmolzenem Eis auf dem T-Shirt. Vorne läuft leise irgendein Kinderlied, draußen ziehen Bäume und Straßenlaternen vorbei und vom Rücksitz kommt irgendwann nur noch dieses ruhige Atmen. Diese völlige Erschöpfung nach einem Tag, der für Erwachsene vielleicht klein wirkt, für Kinder aber ein echtes Abenteuer war. Und Jahre später sitzen genau diese Kinder vielleicht selbst irgendwo am Steuer. Mit eigenen Kindern auf der Rückbank. Und plötzlich erinnern sie sich wieder daran, wie es war, damals hinten einzuschlafen. Wie Papa gefahren ist. Wie das Auto roch. Wie sich Sicherheit angefühlt hat. Vielleicht erinnern sie sich nicht mehr an jedes Detail. Nicht an den Spielplatz oder das Eis oder den genauen Ort. Aber an dieses Gefühl. Daran, dass jemand da war. Wirklich da. Und wahrscheinlich sind genau das am Ende die Dinge, die bleiben. Nicht die Bollerwagen. Nicht die Suffgeschichten. Sondern diese Tage, die vielleicht damals völlig unspektakulär wirkten und die man erst viele Jahre später als das erkennt, was sie eigentlich waren: Kindheit.

Elf Stunden.

Vielleicht beginnt genau jetzt etwas Gutes.

Zu Hause. Dort wartete diesmal allerdings nicht einfach nur Alltag. Eher dieses merkwürdige Gefühl, irgendwo zwischen Abschied und Neuanfang zu stehen. Viele Dinge, die vor ein paar Monaten noch selbstverständlich wirkten, tun das plötzlich nicht mehr. Keine eigene Wohnung. Die Erkenntnis, dass sich in den nächsten Monaten vermutlich vieles verändern wird. Ein anderer Ort vielleicht. Ein neuer Job. Neue Routinen. Andere Wege morgens. Andere Geräusche vor dem Fenster. Und irgendwo zwischen all diesen Gedanken auch die Vorstellung von einem Leben ohne Hund. Ein Gedanke, der noch immer seltsam klingt.

Während ich gestern im Zug saß und draußen langsam wieder die norddeutsche Landschaft vorbeizog, merkte ich irgendwann, dass mir all das erstaunlich wenig Angst macht. Früher dachte ich ja immer, Stabilität würde bedeuten, alles festzuhalten. Beziehungen. Orte. Gewohnheiten. Hauptsache, es bleibt, wie es war. Heute glaube ich langsam, dass Menschen sich manchmal verändern wie Landschaften hinter Zugfenstern. Erst merkt man es kaum. Ein paar Häuser weniger. Mehr Felder. Andere Straßen. Und irgendwann schaut man raus und versteht, dass man längst woanders angekommen ist. Vielleicht ist genau das gerade dieser neue Lebensabschnitt. Wie eine Tür, die irgendwann zufällt, während ich längst aufgehört habe, sie offen halten zu wollen. Und ehrlich gesagt liegt in diesem Gedanken auch etwas Erleichterndes. Dieses gute Gefühl, manchen Menschen wahrscheinlich nie wieder wirklich begegnen zu müssen. Keine künstlichen Gespräche mehr. Kein ständiges Erklären. Kein Festhalten an Dingen, die innerlich längst vorbei sind. Gestern zwischen Ulm, Bremen und einem viel zu teuren Bordbistro-Kaffee hatte ich irgendwann nicht mehr das Gefühl, irgendwohin zurückzufahren. Sondern eher das Gefühl, langsam Anlauf für etwas Neues zu nehmen. Vielleicht braucht es manchmal genau solche langen Zugfahrten, damit der Kopf überhaupt hinterherkommt. Stunden, in denen draußen Landschaft vorbeizieht und man selbst merkt, dass man gedanklich längst dabei ist, Dinge loszulassen, die man viel zu lange mit sich herumgetragen hat.

Als ich um 20:11 Uhr schließlich wieder in Bad Zwischenahn ausstieg, war alles wie immer. Der Bahnsteig. Die Luft. Die Straßen. Und trotzdem fühlte es sich anders an. Nicht traurig. Eher ruhig. Fast so, als hätte diese Reise nicht nur Kilometer hinter sich gelassen, sondern auch ein paar Dinge, die ohnehin nicht mehr mitkommen sollten. Gertrud öffnete den Kofferraum, als wäre es der selbstverständlichste Moment der Welt. Und vielleicht war genau das gestern das Schönste überhaupt. Nach fast elf Stunden Zugfahrt von jemandem abgeholt zu werden, der einfach da ist.

Dieser Mittwoch fühlt sich heute seltsamerweise wie ein Montag an. Ich sitze am MacBook, gestalte eine Verpackung für ein „Schwarzer Peter“-Spiel, lese E-Mails, plane einen Beitrag für den morgigen Feiertag und schreibe Texte. Im Grunde mache ich genau das, was ich jeden Tag mache. Und trotzdem fühlt sich gerade vieles anders an. Zwischendurch klicke ich mich durch Jobportale, schaue mir Wohnungen an und frage mich, wie dieses neue Leben eigentlich aussehen soll. Welche Region, welcher Ort. Welche Wohnung. Welche Menschen. Seltsamerweise fühlt sich genau diese Unsicherheit gerade deutlich ehrlicher an als vieles, das vorher vermeintlich sicher war. Vielleicht sollte ich spazieren gehen. Einfach raus. Den Kopf freibekommen. Der Nachmittag ist ohnehin längst verplant. Termine. Dinge erledigen. Antworten schreiben. Alltag eben. Und trotzdem merke ich, wie sehr mir diese Ruhe aus den Bergen fehlt. Nicht Freizeit. Eher dieses Gefühl von Weite im Kopf. Dieses Gefühl, morgens aufzuwachen und für einen Moment nicht sofort an Probleme, Entscheidungen oder die nächsten Wochen denken zu müssen.

Vielleicht suche ich gerade genau das. Keine perfekte Wohnung. Kein perfektes Leben. Sondern einfach einen Ort, an dem wieder Ruhe möglich wird. Ein Ort, an dem sich Dinge nicht ständig schwer anfühlen. An dem ich nicht ständig das Gefühl habe, Platz wegzunehmen oder mich erklären zu müssen. Ich glaube, das wird jetzt mein nächstes Ziel.

Draußen scheint inzwischen die Sonne. Dieses warme Licht, das plötzlich durch Fenster fällt und Räume sofort freundlicher wirken lässt, obwohl sich eigentlich nichts verändert hat. Auf dem Tisch steht noch eine halbe Tasse Kaffee. Der Bildschirm leuchtet. Irgendwo wartet noch Arbeit. E-Mails. Entscheidungen. Dinge, die erledigt werden müssen. Und trotzdem fühlt sich gerade alles etwas leichter an als noch vor ein paar Wochen. Vielleicht, weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr versuche, irgendetwas mit Gewalt festzuhalten. Vielleicht, weil diese Reise mir gezeigt hat, dass sich selbst größere Veränderungen irgendwann einfach wie Leben anfühlen. Nicht wie Katastrophen. Eher wie Wege, die man lange nicht gehen wollte und die plötzlich trotzdem ganz okay aussehen.

Die Berge sind weit weg. Der Alltag wieder da. Aber irgendwo zwischen Oberstdorf, langen Zugfahrten und diesem seltsamen Mittwoch habe ich gemerkt, dass meine Vorfreude langsam zurückkommt. Auf neue Orte. Neue Routinen. Neue Geschichten vielleicht. Und ehrlich gesagt fühlt sich genau das gerade ziemlich gut an. Ich glaube, ich ziehe jetzt gleich einfach meine Schuhe an und gehe noch eine Runde raus. Vielleicht kaufe ich Schokolade. Vielleicht auch nicht.

Fingerabdrücke.

Reisetagebuch VI

Dienstag. 6:30 Uhr. Oberstdorf. Marktplatz 5. Draußen beginnt der Ort langsam wach zu werden. Irgendwo fährt bereits ein Lieferwagen über das Pflaster. Kisten klappern. Wahrscheinlich Brötchenlieferung oder Getränkekisten. In Orten wie diesem klingt selbst der Morgen irgendwie nach Handwerk. Die Berge selbst, stehen noch halb im Schatten und wirken so ruhig, als hätten sie mit menschlicher Hektik grundsätzlich nichts zu tun. Hier in der Wohnung riecht es nach frischer Luft und ein wenig nach Reinigungsmittel. Dieser sehr spezielle Geruch, der entsteht, wenn jemand kurz vor der Abreise beschlossen hat, plötzlich ein erstaunlich verantwortungsvoller Mensch zu sein. Im Ernst. Die Wohnung ist sauber. Wirklich sauber. Ich habe gesaugt, gelüftet, Oberflächen abgewischt und vermutlich gründlicher gereinigt als manche Menschen ihre eigene Wohnung vor Weihnachten. Die Betten sind gemacht. Der Müll ist rausgebracht. Selbst der Wasserkocher sieht aus, als hätte er nie gearbeitet. Falls hier irgendwo noch Fingerabdrücke von mir existieren, dann wahrscheinlich nur an der Türklinke. Und selbst dort müsste man schon sehr motiviert suchen. CSI Oberstdorf hätte vermutlich wenig Freude an dieser Wohnung, wäre sie ein Tatort.

Ich weiß nicht einmal genau, ob man Ferienwohnungen überhaupt so verlässt. Wahrscheinlich werfen manche Menschen morgens einfach den Schlüssel auf den Tisch und verschwinden Richtung Autobahn. Aber hier war es mir wichtig. Vielleicht weil diese Reise mehr war als nur ein paar Tage wegfahren. Vielleicht weil Orte, an denen man plötzlich wieder ruhig schlafen kann, automatisch etwas mit einem machen. Und genau das ist vermutlich der schwierige Teil am Reisen. Nicht die Ankunft. Nicht das Unterwegssein. Sondern das Gehen. Niemand erzählt einem vorher, wie seltsam es sich anfühlt, einen Ort zu verlassen, an dem der eigene Kopf plötzlich wieder leiser geworden ist. Einen Ort, an dem man morgens aufgewacht ist, ohne sofort sämtliche Probleme des eigenen Lebens wie ein internes Krisenmeeting abzuhalten. Hier oben zwischen Bergen, Regen, Sonne Wanderwegen und diesen wahnsinnig gut aussehenden Wiesen funktionierte das plötzlich erstaunlich gut. Vielleicht liegt es an den Bergen. Vielleicht daran, dass sie Menschen automatisch wieder in die richtige Größe rücken. Man läuft stundenlang bergauf, schwitzt in Kleidung, die morgens noch nach einer hervorragenden Idee aussah, setzt sich irgendwann auf eine Holzbank und schaut auf Täler hinunter, die aussehen, als hätte jemand versucht, Ruhe als Landschaft zu bauen. Und plötzlich wirken viele Dinge kleiner. Nicht unwichtig. Aber kleiner.

Die letzten Tage haben etwas verändert. Kein großes Kino. Kein „ich habe mich neu erfunden“. Eher leiser. Ehrlicher. Mehr wie: Da ist wieder Hoffnung. Wieder Lust auf Geschichten. Auf Fotos. Auf Wege. Auf Leben. Und ehrlich gesagt hätte ich selbst vor ein paar Wochen nicht gedacht, dass ich das mal so schreiben würde. Jetzt steht der Rucksack an der Tür. Die Reisetasche daneben. Der Schlüssel liegt bereit. Die Wohnung wirkt, als wäre nie jemand hier gewesen. Und trotzdem bleibt etwas zurück. Wahrscheinlich immer. Vielleicht hinterlässt jeder Mensch an Orten, die er wirklich mochte, irgendeine unsichtbare Spur. Etwas zwischen Erinnerung und Gefühl. Selbst wenn die Fingerabdrücke längst weggewischt sind. Und der schwierige Teil beginnt vermutlich ohnehin erst nach der Rückfahrt. Alltag. Realität. Alles, was wartet. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich das nicht mehr ausschließlich schwer an. Auf diesem Blog werde ich das zukünftig festhalten. Nicht geschniegelt. Nicht perfekt. Sondern ehrlich. Weil ich glaube, dass ich jetzt aufhören muss, ständig nur zu funktionieren und anfangen sollte, mich selbst wieder wichtig zu nehmen. Ich denke, genau das ist hier oben passiert. Zwischen Oberstdorf, Regenwolken, Sonnenstrahlen, Kuhglocken, Mittagessen vom Netto und Männern in Wanderjacken mit genug Taschen für eine mittelgroße Existenzkrise. Ich glaube, ich habe hier oben wieder angefangen, mich selbst ernst zu nehmen. Endlich wieder.

Was ich außerdem mitnehmen werde, ist Dankbarkeit. Ehrliche Dankbarkeit. Für das Erlebte. Für die Menschen, die mir diese Reise überhaupt erst ermöglicht haben. Für Gespräche. Für Wege. Für diese paar Tage Abstand und diesem seltsamen Gefühl, plötzlich wieder klarer denken zu können. Vielleicht sogar Dankbarkeit für Dinge, die nicht funktioniert haben. Und das hätte ich vor einiger Zeit wahrscheinlich selbst noch für ziemlichen Kalenderspruchquatsch gehalten. Ich habe irgendwo einmal gelesen, dass nicht die Glücklichen dankbar sind, sondern die Dankbaren glücklich. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger klingt das nach einem Satz aus einem Wandtattoo-Regal. Vielleicht stimmt das wirklich. Vielleicht besteht ein großer Teil des Lebens nicht darin, ständig irgendetwas zu erreichen, sondern zu lernen, Dinge anzunehmen, ohne sofort mit ihnen zu kämpfen. Loszulassen, ohne alles direkt als Niederlage zu empfinden.

Als ich mich am ersten Tag hier verlief, kam ich nicht bei der Breitachklamm an. Ich stand irgendwann irgendwo zwischen Wiesen, Wanderwegen und meinem offensichtlich nur mittelmäßig ausgeprägten Orientierungssinn und musste feststellen, dass Berge Menschen sehr zuverlässig daran erinnern, wie wenig Kontrolle sie eigentlich besitzen. In der Nacht darauf regnete es. Und genau deshalb erlebte ich die Breitachklamm am nächsten Tag mit deutlich mehr Wasser, mehr Kraft und diesem dumpfen Donnern zwischen den Felsen, das man nicht nur hört, sondern beinahe spürt. Später wurde mir sogar gesagt, dass sie nach Regen am beeindruckendsten sei. Wahrscheinlich hatten sie recht. Wie meistens Menschen, die ihr ganzes Leben in den Bergen wohnen und wetterfeste Gesichter besitzen.

Und als ich mit der Nebelhornbahn fahren wollte, war sie außer Betrieb. Wartungsarbeiten nach dem Gesetz. Natürlich war ich enttäuscht. Ich wollte auf den Gipfel. Ich wollte ankommen. Wahrscheinlich mögen Menschen deshalb überhaupt Berge. Wegen dieses Gefühls, oben zu stehen und sagen zu können: geschafft. Stattdessen ging ich zu Fuß und entdeckte diese Wasserfälle am Rand des Wanderweges. Klares Wasser. Laut. Kalt. Vollkommen unbeeindruckt von jeglichen, menschlichen Plänen. Ohne die gesperrte Bahn hätte ich dort vermutlich nie gestanden. Ich habe den Gipfel am Ende nicht erreicht. Und natürlich fühlt sich so etwas erstmal wie Scheitern an. Es gibt ja Menschen, die reden sich gern ein, sie wären völlig entspannt mit Niederlagen. Aber die meisten ärgern sich schon, wenn ein Joghurtdeckel schief aufgeht. Ich auch. Trotzdem vergisst man bei all diesen Vorstellungen vom „es schaffen“ oft einen wichtigen Teil, und zwar das Dinge manchmal auch deshalb nicht passieren, weil sie nicht passieren sollen.

Die Möglichkeit, auf dem Weg nach oben irgendwo auszurutschen, sich zu verletzen oder später von der Bergwacht eingesammelt zu werden, blendet man erstaunlich zuverlässig aus, solange man sich selbst gedanklich auf einem Gipfel stehen sieht. Vielleicht ist nicht jedes Scheitern automatisch ein Absturz. Vielleicht ist manches einfach nur eine Abzweigung. Eine Richtung, die man selbst nie gewählt hätte, die einen aber trotzdem irgendwohin führt, wo etwas Gutes wartet. Und vielleicht beginnt genau dort Dankbarkeit. Nicht wenn alles perfekt läuft. Sondern wenn man irgendwann versteht, dass selbst Umwege ihren eigenen Sinn haben können. Und vielleicht fängt Leben genau da erst richtig an.

Jetzt ist es kurz nach neun. Fast zweieinhalb Stunden habe ich hier gesessen, an diesem Text geschrieben, aus dem Fenster geschaut und zwischendurch Dinge wieder gelöscht, die plötzlich zu groß klangen. Gleich werde ich mein Macbook einpacken, den Tisch noch einmal abwischen und mich auf den Weg machen. Und wahrscheinlich werde ich später irgendwo im ICE nach Hannover einschlafen und einen großen Teil der Rückfahrt verpassen, weil ich seit vier Uhr wach bin. Ehrlich gesagt klingt selbst das gerade nach einem ziemlich guten Plan.