Neutral. Sicher.

Schwarz.

Das Leben ohne Auto ist ein anderes geworden. Langsamer vor allem. Früher stieg ich einfach ein, fuhr los und erledigte Dinge unterwegs. Einkaufen. Baumarkt. Hund einladen. Wald. Alles, ohne groß darüber nachzudenken. Das Auto stand vor der Tür wie ein sehr zuverlässiger, aber leicht überteuerter Freund, der immer Zeit hatte. Erst später begann ich auf die Spritpreise zu achten. Irgendwann kostete Tanken gefühlt ungefähr so viel wie ein kleiner Wellnessurlaub in Brandenburg. Wobei ich nicht weiß, ob Brandenburg schön ist. Mag sein. Egal. Ich fuhr trotzdem weiter. Menschen rechnen sich erstaunlich viel schön, solange sie dabei sitzen können.

Heute lebe ich ohne Auto. Deswegen plane ich anders. Nicht mehr anhand von Dieselpreisen, sondern anhand des Wetterberichts. Das klingt vernünftig. Ist es wahrscheinlich auch. Gleichzeitig hat es etwas Merkwürdiges, mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit vor einer Regen-App zu sitzen und darüber nachzudenken, ob drei Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit bereits als persönlicher Angriff gelten. Auf dem Land bedeuten Besorgungen zu Fuß schnell zehn Kilometer. Mindestens. Regen an sich ist dabei gar nicht das Problem. Wenn man erstmal nass ist, wird es irgendwann egal. Man akzeptiert erstaunlich viel, sobald die Schuhe erstmal durch sind. Schwieriger wird es bei Einkäufen. Zucker zum Beispiel verhält sich bei Regen ungefähr so stabil wie ein Pappkarton im Hochwassergebiet. Und mein Rucksack sieht zwar aus, als hätte er schon zwei Weltkriege, mehrere Zeltlager und mindestens einen sehr schlechten Festivalbesuch überlebt, aber ob er tatsächlich wasserdicht ist, bleibt für mich eine offene Frage.

Vermutlich nicht. Dinge, die wirklich wasserdicht sind, sehen meistens deutlich langweiliger aus. Also plane ich mehr. Schaue auf Wolken. Auf Windrichtungen. Auf diese kleinen Symbole in Wetter-Apps, die grundsätzlich immer optimistischer aussehen als die Realität draußen vor dem Fenster. Und obwohl man sich auf Wetterberichte nur bedingt verlassen kann, geben sie wenigstens eine Richtung vor. Vielleicht ist das überhaupt das Entscheidende. Eine Richtung zu haben. Dieses planlose Loslaufen, unterwegs überlegen, was man eigentlich braucht und auf dem Rückweg feststellen, dass man doch die Cola Zero vergessen hat, verliert mit der Zeit seinen Charme. Besonders dann, wenn man bereits sieben Kilometer hinter sich hat und plötzlich einfällt, dass Klopapier ebenfalls keine schlechte Idee gewesen wäre.

Ein Leben ohne Auto hat aber einen weiteren Vorteil. Ich sehe mehr. Nicht im romantischen Sinn. Eher im echten. Ich kenne jetzt die Geräusche bestimmter Straßen zu bestimmten Uhrzeiten. Ich weiß, bei welchem Haus der Hund immer bellt und wo es morgens nach Waschmittel riecht. Und ich begegne des Öfteren Menschen. Dem älteren Mann mit der grünen Schirmmütze zum Beispiel, der grundsätzlich aussieht, als würde er heimlich die Ordnung im Dorf kontrollieren. Oder der Frau, die jedes Gespräch mit „Na?“ beginnt und damit bereits ungefähr neunzig Prozent aller norddeutschen Kommunikation abgedeckt hat. Ich glaube, genau das ist der Unterschied. Mit dem Auto fährt man meistens nur durch irgendwas hindurch. Zu Fuß gehört man plötzlich ein kleines bisschen dazu. Und ehrlich gesagt wirkt ein Mensch mit Rucksack auf dem Land grundsätzlich verdächtig beschäftigt.

Heute bestand diese Form von Alltagsplanung übrigens daraus, Unterwäsche zu kaufen. Keine Ahnung, wie der offizielle männliche Fachbegriff dafür lautet. Unterhosen klingt nach Bundeswehrspind, Feinripp und einem Mann namens Dieter, der samstags pünktlich seinen Rasen mit einer Nagelschere nachschneidet, damit die Nachbarn nicht tuscheln. „Pants“ wiederum sagen meistens Menschen, die vermutlich auch ihren Balkon „Outdoor-Lounge“ nennen und ihre Wohnung nach Farben sortieren. Und alles andere klingt, als würde man versuchen, zwanghaft cool zu wirken. Also bleiben wir einfach bei Unterwäsche. Jeder weiß ohnehin, was gemeint ist. Jedenfalls stand ich heute vor diesem Regal und fragte mich plötzlich, worauf Männer dabei eigentlich achten. Natürlich auf die Größe. Klar. Aber darüber hinaus? Farbe? Schnittform? Material? Gibt es Menschen, die ernsthaft sagen: „Die sitzt im Schritt einfach hervorragend“ oder „Die hat mich emotional sofort abgeholt“? Ich weiß es nicht. Ich greife seit Jahren ungefähr immer zum selben Modell. Schwarz. Ausschließlich schwarz. Weiß funktioniert nur bei Menschen, die ihr Leben vollständig im Griff haben oder sehr viel Vertrauen in Waschmittel besitzen. Braun wirkt dagegen immer leicht verdächtig. Als würde man im Vorfeld bereits etwas vertuschen wollen. Also schwarz. Neutral. Sicher. Die Schweiz unter den Unterwäschefarben.

Boxershorts trage ich nicht. Ich habe das versucht, aber irgendwie fühlt sich das an, als würde man nachts eine Turnhose tragen. Grundsätzlich nehme ich immer die engen. Aber ohne Eingriff. Diesen Eingriff habe ich ohnehin nie verstanden. Wer benutzt den wirklich? Vermutlich dieselben Männer, die in Baumärkten freiwillig Beratungsgespräche führen. Und obwohl wirklich jeder Mensch auf diesem Planeten Unterwäsche trägt, fühlt sich der Kauf immer irgendwie unangenehm an. Vielleicht, weil Männerunterwäsche grundsätzlich nie nach Leben aussieht. Frauenunterwäsche wird präsentiert wie ein französischer Sommerabend. Weiches Licht. Spitzenstoff. Menschen auf Balkonen trinken Wein und treffen wahrscheinlich emotional stabile Entscheidungen. Männerunterwäsche dagegen liegt unter grellem Neonlicht zwischen Tennissocken und Multipack-Unterhemden. Verpackt in Plastik. Daneben ein Schild mit „3er-Pack 12,95“. Das gesamte Regal wirkt, als hätte man beschlossen, Erotik vorsorglich auszuschließen.

Naja, ich stand also mit meinem schwarzen Dreierpack in der Schlange vor der Kassiererin und plötzlich begann dieser vollkommen bescheuerte innere Dialog. Nicht meiner. Ihrer. Zumindest in meinem Kopf. Sie scannt die Packung. Blickt auf die Größe. Dann kurz zu mir hoch. Wieder zur Packung. Vielleicht denkt sie jetzt: „Aha. Schwarz. Natürlich schwarz. Einer von denen.“ Vielleicht erkennt sie an exakt dieser Kombination aus Drei-Tage-Bart, leicht müdem Blick und günstiger Basic-Unterwäsche sofort, dass ich vermutlich alleine wohne, Kaffee schwarz trinke und schon mindestens einmal nachts um halb eins überlegt habe, ob Tiefkühlpizza eigentlich auch Frühstück sein kann. Vielleicht denkt sie auch: „Interessant. Keine Markenlogos. Kein Calvin Klein. Der Mann hat längst aufgegeben. irgendwas Mitte vierzig, geschieden und entweder kurz vor der Midlife-Crisis oder schon mittendrin.“ Oder schlimmer: „Der sieht aus, als würde er Funktionsjacken besitzen.“ Das wäre hart. Vor allem, weil es stimmt. Und während sie wahrscheinlich in Wahrheit einfach nur ihren Scanner bedient und gedanklich längst beim Feierabend oder einem Glas Wein zu Hause ist, entwickelt mein Gehirn bereits komplette Charakteranalysen. Menschen überschätzen sich in solchen Situationen völlig. Niemand interessiert sich wirklich für die Unterwäsche fremder Leute. Trotzdem steht man da, hält diesen Dreierpack fest und hat kurz das Gefühl, die Kassenschlange könne anhand der Schlüpper Rückschlüsse auf die eigene Lebenssituation ziehen.

Der Mann hinter mir kauft Batterien, Energydrinks und eine Familienpackung Erdnussflips. Vermutlich deutlich interessanter. Trotzdem bin ich überzeugt, dass alle heimlich denken: „Der da vorne hat definitiv seit Jahren dieselbe Sorte Unterwäsche.“ Was wahrscheinlich sogar stimmt.