Allein im Allgäu.

Reisetagebuch V

Über Oberstdorf liegt an diesem Morgen eine Art gedämpfte Ruhe. Alles wirkt leiser. Der Regen hängt zwischen den Häusern wie ein grauer Vorhang und irgendwo oberhalb der Dächer verschwinden die Berge halb in den Wolken. Auf den Straßen laufen trotzdem Menschen. Allerdings mit Schirmen und Regenjacken. Funktionskleidung scheint hier ohnehin weniger Mode zu sein als ein dauerhaft akzeptierter Lebenszustand. Manche tragen Jacken mit so vielen Reißverschlüssen, dass man darin vermutlich problemlos einen mittelgroßen Hausstand transportieren könnte. Neidisch bin ich irgendwie schon. Trotzdem wirkt nichts hektisch. Vor den Cafés sitzen immer noch ein paar Menschen unter Markisen, eingewickelt in Decken, mit Cappuccino vor sich, als wären zwölf Grad und Nieselregen exakt die Temperatur, auf die sie das ganze Jahr gewartet haben. Ich beobachte einen Mann, der völlig entspannt draußen sitzt und einen Eisbecher bestellt. Eis. Bei Regen. In Norddeutschland würde man so jemanden vermutlich erstmal nach seinem Gesundheitszustand fragen.

Vielleicht verändert einen dieser Ort tatsächlich nach ein paar Tagen. Vielleicht gewöhnt man sich daran, dass schlechtes Wetter in den Bergen nicht automatisch schlechte Stimmung bedeutet. Regen fühlt sich hier anders an. Weniger wie ein Angriff. Mehr wie eine Pause zwischen zwei klaren Tagen. Alles riecht intensiver. Der Wald. Die Wiesen. Holz. Erde. Selbst die Luft wirkt kräftiger. Gesünder. Und während unten der Regen auf Pflastersteine fällt, stehen die Berge einfach hinter den Wolken und wirken vollkommen unbeeindruckt von alldem. Als hätten sie in den letzten paar tausend Jahren deutlich dramatischere Montage erlebt. Gegen Mittag zieht der Geruch von Bratkartoffeln aus einer geöffneten Tür auf die Straße. Irgendwo klappert Geschirr. Ein Hund schüttelt sich vor einem Haus trocken und verteilt den Regen der letzten Stunde noch einmal über den Hof. Niemand regt sich auf. Man scheint hier eine gewisse Gelassenheit entwickelt zu haben. Wahrscheinlich bleibt einem zwischen Bergen, Regen und Touristen auch gar nichts anderes übrig. Und ganz ehrlich? Selbst ein verregneter Montag in Oberstdorf hat noch mehr Atmosphäre als manche Städte an ihrem schönsten Sommertag.

Heute ist mein letzter Tag hier. Morgen geht es zurück. Über Stuttgart. Hannover. Ein ganzer Tag zwischen Gleisen, Bahnhöfen und Menschen, Menschen, die im ICE schon kurz nach der Abfahrt konzentriert aus den Fenstern schauen oder ruhig vor ihren Laptops sitzen, als hätten Zugfahrten automatisch etwas Ernstes. Aber daran möchte ich gerade nicht denken. Nicht jetzt. Ich habe beschlossen, den letzten Nachmittag einfach in der Wohnung zu verbringen. Fotos sortieren. An einer Geschichte arbeiten. Irgendetwas essen, das zu viel Käse enthält und deshalb automatisch als Urlaub durchgeht. Zwischendurch auf dem Balkon sitzen, Kaffee trinken und den Menschen unten unter ihren Regenschirmen zuschauen. Manche laufen erstaunlich entschlossen durch den Regen. Andere schlendern so langsam durch die Fußgängerzone, als hätten sie heute wirklich absolut nichts mehr vor außer vielleicht noch ein richtig geiles Stück Kuchen.

Drinnen ist es ruhig. Die Berge verschwinden immer noch halb in den Wolken. Das und der Regen wird sich heute nicht mehr ändern. Und obwohl ich morgen abreise, fühlt sich das alles gerade nicht nach Abschied an. Eher nach dieser seltsamen Ruhe, die manchmal entsteht, wenn man weiß, dass sich bald etwas verändern wird. Später werde ich die Tasche packen. Wahrscheinlich viel zu ordentlich anfangen und am Ende trotzdem alles einfach irgendwie hineindrücken. Danach möchte ich den Abend einfach noch ein bisschen genießen. Vielleicht noch einmal durch den Ort laufen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht reicht es vollkommen, einfach noch eine Weile hier zu sitzen und diesem verregneten Montag zuzusehen. Ab Mittwoch beginnt dann wieder Alltag. Wohnung suchen. Bewerbungen schreiben. Entscheidungen treffen. Irgendwie einen neuen Lebensabschnitt planen und mich gleichzeitig trotzdem von allem treiben lassen. Klingt widersprüchlich. Ist es wahrscheinlich auch. Aber vielleicht funktioniert Leben genau so. Nicht immer nur komplett kontrolliert. Eher wie eine Zugfahrt durch Regen, bei der man manchmal einfach nur aus dem Fenster schaut und hofft, dass die Richtung schon irgendwie stimmt.

Ich habe noch diesen einen Tag hier, aber ein Fazit kann ich trotzdem schon ziehen. Alleine reisen ist wirklich etwas Besonderes. Nicht dieses große „sich selbst finden“, von dem immer alle sprechen. Eher etwas viel Einfacheres. Man verbringt plötzlich wieder Zeit mit sich selbst. Ohne dauernde Gespräche. Ohne Absprachen. Ohne dieses permanente „Was machen wir jetzt?“ oder „Wo wollen wir essen gehen?“. Der Tag gehört plötzlich nur noch einem selbst. Was erstaunlich ungewohnt sein kann. Ich habe erst hier gemerkt, wie laut mein Kopf eigentlich geworden ist. Zu Hause merkt man das oft gar nicht mehr, weil ständig irgendetwas passiert. Nachrichten. Termine. Gedanken. Menschen. Irgendwo klingelt immer etwas. Hier sitzt man morgens plötzlich mit einem Kaffee in einer fremden Stadt und merkt, dass niemand gerade irgendetwas von einem will. Kein Funktionieren. Kein Antworten. Keine Rolle, die erfüllt werden muss. Nur dieser Tag. Diese Berge. Dieser Regen. Und man selbst irgendwo dazwischen.

Vielleicht nimmt man deshalb plötzlich alles intensiver wahr. Geräusche. Schritte auf nassem Pflaster. Das Klappern von Geschirr aus Cafés. Den Geruch von Regen auf Holz. Menschen, die an einem vorbeilaufen. Ein älteres Paar unter einem viel zu kleinen Schirm. Wanderer mit roten Gesichtern und nassen Jacken. Eine Frau, die vollkommen entspannt draußen ihren Cappuccino trinkt. Und gleichzeitig passiert noch etwas anderes. Man wird automatisch offener. Einfach weil man muss. Man fragt nach Wegen. Nach Busverbindungen. Nach irgendeiner Hütte am Berg, deren Namen man fünf Sekunden später sowieso wieder vergessen hat. Man kommt mit Menschen ins Gespräch, die man zu Hause wahrscheinlich niemals angesprochen hätte. Nicht tiefgründig. Einfach normale Gespräche. Aber genau die bleiben manchmal hängen. Abends sitzt man dann irgendwann alleine irgendwo in einem Restaurant oder auf einem Balkon und denkt plötzlich überhaupt nicht mehr darüber nach, ob das komisch aussieht. Nach kurzer Zeit wird das normal. Und irgendwann fühlt sich genau das nach Freiheit an

Alleine reisen zeigt einem allerdings auch ziemlich ehrlich, wer man eigentlich ist, wenn niemand drumherum ablenkt. Ob man Stille aushält. Ob man sich selbst beschäftigen kann. Ob man ständig Bestätigung braucht oder ob es reicht, einfach irgendwo zu sitzen, den Regen zwischen Bergen zu beobachten und dabei vollkommen zufrieden zu sein. Vielleicht entstehen genau deshalb die besten Geschichten unterwegs. Draußen. Dann, wenn niemand danebensteht, um den Moment sofort einzuordnen. Falsch abgebogen. Im Regen irgendwo gelandet. Stundenlang durch die Gegend gelaufen. Zufällig einen Ort entdeckt, den man eigentlich nie gesucht hat. Vielleicht ist das überhaupt das Schönste am Alleinreisen. Es fühlt sich manchmal an wie ein kleines Leben außerhalb des normalen Lebens. Und wenn man zurückkommt, wirken viele Dinge plötzlich erstaunlich unwichtig, über die man sich vorher noch stundenlang Gedanken gemacht hat.

Wie gesagt, morgen geht es zurück. Zurück zu Terminen, Entscheidungen und all den Dingen, die da auf mich warten. Aber ich glaube, ich lasse hier oben zwischen Wäldern, Bergen und dieser Ruhe auch etwas zurück, das ich schon viel zu lange mit mir herumgetragen habe. Etwas, das schwer geworden ist. Zu schwer. Und ehrlich gesagt fühlt sich genau das gerade ziemlich gut an. Gleichzeitig nehme ich etwas anderes mit nach Hause. Nichts, das man fotografieren oder irgendwo hinstellen könnte. Eher dieses Gefühl, morgens wieder gerne aufzuwachen. Wieder Lust auf Dinge zu haben. Auf Wege. Auf Geschichten. Auf das Leben außerhalb von Gedanken, Sorgen und ständigem Funktionieren. Ich glaube, ich habe hier oben ein kleines Stück von mir wiedergefunden, das irgendwo zwischen Alltag und Kopf verloren gegangen war. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem ein Ort plötzlich mehr wird als nur ein Reiseziel. Ich weiß jedenfalls jetzt schon, dass ich wieder zurück ins Allgäu kommen werde. Nicht irgendwann vielleicht. Sondern ganz sicher.