Es ist kurz nach acht. Ich sitze in einer kleinen Bäckerei. Nicht in so einer Bäckerei, die aussieht, als hätte ein Innenarchitekt vorher drei Wochen überlegt, wie Brot möglichst skandinavisch wirken kann. Sondern in einer normalen Bäckerei. Mit kleinen Tischen, hellen Lampen, einer Theke, hinter der Menschen arbeiten, die morgens vermutlich schon mehr Sätze gehört haben als andere an einem ganzen Montag. Vor mir steht Kaffee. Daneben liegt ein belegtes Brötchen. Beides eine gute Entscheidung. Vielleicht sogar wie die beste Entscheidung heute morgen. Mein MacBook steht auf dem Tisch, was in einer Bäckerei immer ein bisschen aussieht, als hätte jemand sein Büro verloren und versuche jetzt, es zwischen Körnerbrötchen und Serviettenspender wieder aufzubauen. Egal. An der Theke bestellen Menschen Brötchen. Brot. Kaffee zum Mitnehmen. Eine Frau bestellt sechs normale Brötchen, dann doch acht, dann fragt sie nach Dinkel. Der Mann hinter ihr sieht kurz so aus, als hätte er innerlich bereits gekündigt. Nicht seinen Job. Den Tag. Einen Moment später bestellt jemand Kuchen. Kuchen. Morgens um acht.Ich finde das richtig.

Wahrscheinlich gibt es ohnehin viel zu wenige Menschen, die morgens um acht den Mut haben, Kuchen zu bestellen. Die meisten tun so, als gäbe es für Kuchen eine gesellschaftlich akzeptierte Uhrzeit. Als hätte irgendjemand in einem Ministerium festgelegt, dass Kuchen erst ab 15 Uhr als anständig gilt. Aber das ist natürlich Blödsinn. Kuchen kennt keine Uhrzeit. Kuchen ist eher so eine stille Übereinkunft mit dem Leben. Eine kleine, süße Kapitulation vor der Vernunft. Und irgendwo ist ja immer 15 Uhr. Vielleicht nicht hier. Aber irgendwo.

Ich nehme einen Schluck Kaffee und muss wieder an Ferdinand denken. Ferdinand hatte vor einiger Zeit diesen Satz gesagt, der seitdem in meinem Kopf herumliegt wie ein Gegenstand, den niemand wegräumt, weil alle ahnen, dass er noch gebraucht wird. „Sterben“, sagte Ferdinand, „ist immer das Letzte, was du tun solltest.“ Ferdinand sagt solche Dinge eher nebenbei. Als hätte er gerade festgestellt, dass der Kaffee etwas dünn. Aber der Satz blieb.

Sterben ist immer das Letzte, was du tun solltest.

Das klingt erst einmal nach einer dieser Wahrheiten, die so logisch sind, dass niemand sie ernst nimmt. Natürlich ist Sterben das Letzte. Rein organisatorisch betrachtet ist danach nicht mehr viel einzutragen. Kein Zahnarzttermin. Keine Steuererklärung. Kein „ich müsste eigentlich mal“. Kein „nächste Woche fange ich an“. Kein „wenn es ruhiger wird“. Keine Fitnessuhr, die einem mitteilt, dass die Regeneration nicht optimal sei. Sterben ist der letzte Punkt auf der Liste. Punkt. Aber vielleicht, denke ich, sollte vor diesem letzten Punkt in jedem Fall noch Kuchen stehen. Nicht unbedingt als Lebenskonzept. Eher als Sicherheitsmaßnahme.

Vor einigen Wochen saß ich in einer Buchhandlung. Nicht weit von hier. Genauer gesagt saß ich auf einer Treppe, weil Buchhandlungen zu den wenigen Orten gehören, an denen erwachsene Menschen noch auf Treppen sitzen dürfen, ohne dass sofort jemand fragt, ob alles in Ordnung ist. In Buchhandlungen sieht fast alles nach Denken aus. Selbst Sitzen. Selbst zielloses Blättern. Selbst dieses Herumstehen vor einem Regal, bei dem man so tut, als suche man ein bestimmtes Buch, obwohl man in Wahrheit nur kurz aus dem eigenen Leben ausgestiegen ist. Ich hatte ein kleines Notizbuch in der Hand. Eine Bucket-List. Oder, wie es in Deutschland manchmal heißt: eine Löffelliste. Löffelliste ist natürlich ein Wort, bei dem sofort jede Sehnsucht in Hausschuhen das Zimmer verlässt. Bucket-List klingt nach weitem Himmel, altem Jeep, vielleicht ein bisschen Staub auf der Straße und einem Menschen, der am Meer steht und sein Leben neu sortiert. Löffelliste klingt nach Besteckkasten, Seniorenbeirat und einem laminierten Aushang im Vereinsheim. Aber gut. Sprache ist manchmal eine Zumutung. Wir haben uns daran gewöhnt. Immerhin sagen wir auch „Feierabend“ und meinen damit oft nur den Moment, in dem wir erschöpft auf dem Sofa sitzen und nicht mehr wissen, warum wir das Handy geöffnet haben.

Ich blätterte also in diesem Buch. Die Idee gefiel mir sofort. Eine Liste mit Dingen, die ich erleben möchte, bevor ich sterbe. Das ist im Grunde eine sehr einfache Sache. Fast brutal einfach. Du schreibst auf, was du noch machen willst. Nicht was vernünftig wäre. Nicht was andere erwarten. Nicht was sich gut in einem Gespräch anhört, in dem alle so tun, als hätten sie ihr Leben im Griff. Sondern das, was wirklich da ist. Die Reise. Der Ort. Das Gespräch. Der Sprung. Die Wanderung. Der Brief. Das Abenteuer. Der kleine Schwachsinn, der eigentlich keinen Zweck hat, aber trotzdem nach Leben riecht. Das Buch selbst gefiel mir allerdings nicht besonders.

Es war nicht schlecht. Das wäre ungerecht. Es lag da. Es hatte Seiten. Linien. Ein paar Zitate. Vermutlich gute Absichten. Und gute Absichten sind ja das, womit sehr viele Dinge anfangen, bevor sie dann aussehen wie ein Elternabend in Papierform. Aber mir fehlte etwas. Vielleicht Haltung. Vielleicht Humor. Vielleicht dieser kleine Schubser, den ein solches Buch braucht. Nicht im Sinne von „Du musst dein Leben ändern“, weil bei solchen Sätzen sofort irgendwo ein Coach aus einem Leasing-SUV steigt und ein Webinar verkaufen möchte. Nein. Eher im Sinne von: Jetzt schreib endlich auf, was du willst. Du musst dafür nicht sofort nackt durch Patagonien laufen und deine Kindheit komplett aufzuarbeiten. Es reicht, ehrlich zu sein. Und das Buch in meiner Hand war mir zu brav. Zu ordentlich. Zu lieb. Zu sehr „Hier kannst du deine Träume notieren“ und zu wenig „Junge, du bist Mitte vierzig, vielleicht solltest du langsam mal anfangen, bevor deine Knie eigene Interessen entwickeln.“ Ich saß also auf dieser Treppe, hielt dieses Notizbuch in der Hand und dachte: Das könnte ich irgendwann selbst machen.

Irgendwann.

Da war es. Dieses Wort. Dieses kleine, harmlose und trotzdem verfickte Wort. Irgendwann. Ich legte das Buch zurück, stellte es einfach wieder ins Regal, was die bürgerlichste Form der Ablehnung ist. Dann verließ ich die Buchhandlung, ging auf die Straße und musste lachen. Nicht laut. Nicht so, dass Leute stehen geblieben wären. Eher dieses kurze Lachen, das entsteht, wenn man merkt, dass man gerade selbst der Idiot in der Geschichte ist. Das ist zwar unangenehm. Aber immerhin ehrlich. Ich hatte ernsthaft gedacht, ich könnte irgendwann eine Bucket-List machen. Irgendwann. Eine Liste, deren einziger Zweck darin besteht, Dinge nicht auf irgendwann zu verschieben. So dumm. Das muss man auch erst einmal schaffen. Das ist ungefähr so, als würde man sich ein Buch über Ordnung kaufen und es dann ungelesen auf den Stapel mit den anderen Büchern über Ordnung legen. Oder als würde man eine App herunterladen, die einem helfen soll, weniger am Handy zu sein. Der Mensch ist ein erstaunliches Wesen. Er kann Feuer machen, Brücken bauen, Raumsonden losschicken und gleichzeitig denken, irgendwann eine Liste zu erstellen, mit Dingen, die er machen möchte, bevor er stirbt. Vielleicht ist „irgendwann“ überhaupt eines der gefährlichsten Wörter, die wir haben. Es klingt weich. Freundlich. Offen. Nach Möglichkeit. Aber in Wahrheit ist es oft nur ein hübscheres Wort für nie.

Irgendwann fahre ich ans Meer.
Irgendwann springe ich mit dem Fallschirm.
Irgendwann melde ich mich bei dem Menschen.
Irgendwann fahre ich mit dem Van durch Norwegen.
Irgendwann fange ich wieder an zu filmen.
Irgendwann ändere ich etwas.
Irgendwann nehme ich mir Zeit.

Irgendwann ist praktisch. Es verlangt nichts. Es hat keinen Termin. Keine Uhrzeit. Keine Verantwortung. Es steht da wie ein sehr höflicher Ausweichtermin im Kalender des Lebens. Und genau deshalb ist es eigentlich ziemlich scheiße. Denn irgendwann fühlt sich nicht nach Aufgabe an. Es fühlt sich nach Hoffnung an. Dabei ist es oft nur eine Art Verschiebung mit besserem Image. Ich ging aus der Buchhandlung und dachte: Nein. NICHT IRGENDWANN.

Nicht, weil ich plötzlich ein anderer Mensch geworden wäre. So funktioniert das nicht. Niemand geht in eine Buchhandlung, sieht ein Notizbuch und kommt als disziplinierter Abenteurer wieder heraus. Das Leben ist keine Montage-Sequenz aus einem mittelmäßigen Film, in der jemand neue Schuhe anzieht, drei inspirierende Sätze hört und ab dann sein komplettes Leben im Griff hat. Aber manchmal reicht ein Moment. Eine Treppe. Ein Buch. Ein Satz. Ein dummes Wort an der falschen Stelle. Und plötzlich begreift man endlich, wie selten dämlich man sich selbst im Weg steht. Ich wollte kein braves Notizbuch, in das Menschen ihre Träume schreiben und es dann in eine Schublade legen, wo es zwischen Bedienungsanleitungen, alten Ladekabeln und vergessenen Garantiekarten langsam stirbt.

Ich wollte ein Buch, das ein bisschen mehr nach Leben klingt.

Nach Kaffee. Nach Zweifel. Nach Aufbruch. Nach „mach mal“. Nach „nicht perfekt, aber geil“. Nach Dingen, die nicht erst passieren dürfen, wenn Konto, Wetter, Rücken, Mut und innere Verfassung eine gemeinsame Freigabe erteilt haben. Denn wenn man auf den perfekten Moment wartet, kann man sich auch gleich einen Klappstuhl nehmen. Das dauert nämlich. Der perfekte Moment kommt selten. Oder nie. Meistens kommt ein Dienstag. Oder Regen. Oder eine Rechnung. Oder ein Anruf. Oder ein Körperteil, das plötzlich findet, es sei jetzt alt genug für Beschwerden. Oder irgendeine Nachricht, die den ganzen Tag in eine andere Richtung schiebt. Oder direkt der Todeszeitpunkt. Der kommt ja eh ungefragt. Das Leben fragt eben nicht, ob es gerade passt. Es läuft einfach weiter. In Bäckereien. An Theken. Auf Straßen. In Buchhandlungen. Zwischen Kaffee und Kuchen. Zwischen Plänen und Ausreden. Zwischen dem, was wir tun wollen, und dem, was wir dann tatsächlich tun.

Vielleicht braucht man deshalb so eine Liste. Jetzt nicht als Beweis, dass man ein besonders aufregender Mensch ist. Nicht als Wettbewerb. Nicht als Instagram-Futter für Leute, die barfuß auf Felsen stehen und in die Ferne schauen, als hätten sie gerade ihre Stromabrechnung spirituell verarbeitet. Sondern für sich. Als Erinnerung. An das, was noch offen ist. An das, was noch ruft. An das, was nicht erledigt werden will, sondern erlebt.

Ich glaube, eine Bucket-List ist keine Liste für den Tod. Sie ist eine Liste für das Leben. Der Tod steht nur am Ende daneben und macht diese unangenehme Sache, die er nun mal macht: Er sorgt dafür, dass die Zeit nicht unendlich wirkt. Was unhöflich ist, aber vermutlich wirkungsvoll. Ferdinand, die alte Hundelunge hatte also recht. Sterben ist immer das Letzte, was du tun solltest. Vorher sollte man noch ein paar Dinge machen. Vielleicht erstmal eine Liste schreiben. Nicht irgendwann. Jetzt. Oder wenigstens heute.

Das klingt klein. Ist es aber nicht. Ich sitze noch immer in der Bäckerei. Der Kaffee ist inzwischen fast leer. Das Brötchen aufgegessen. An der Theke bestellt jemand zwei Franzbrötchen und sagt sicherheitshalber dazu, dass es „nur für zwei Personen“ sei. Niemand fragt nach. Und es interessiert auch niemanden. Das ist wahrscheinlich das Schöne an Bäckereien. Sie urteilen nicht. Sie verkaufen. Ich klappe mein MacBook nicht zu. Noch nicht. Denn genau hier, zwischen Kaffee, Brötchen, Kuchen und dem ganz normalen Morgenbetrieb, arbeite ich die Idee weiter aus. Meine Bucket-List ist fertig. Also nicht die Liste, sondern das Werkzeug. Das Buch. 247 Seiten. Eine Möglichkeit, die Dinge zu finden, die nicht länger auf irgendwann warten sollen. Hundert Dinge Dinge. Große. Kleine. Dumme. Mutige. Peinliche. Schöne. Unnötige. Wichtige. Dinge, bei denen man später vielleicht sagt: War nicht vernünftig. Aber gut. Und vielleicht ist genau das ein ziemlich brauchbarer Maßstab. Nicht alles muss vernünftig sein. Manches muss nur lebendig sein.

Und dann passierte etwas, das ich in solchen Momenten selbst immer ein bisschen verdächtig finde. Ich habe es gemacht. Nicht perfekt. Nicht mit einem Businessplan, der so umfangreich ist, dass schon beim Lesen der Wille zur Existenz verschwindet. Ich habe mich einfach hingesetzt. An den Küchentisch. In Cafés. In Bäckereien. Überall dort, wo ein MacBook stehen kann, ohne dass jemand sofort fragt, ob das jetzt Arbeit oder Flucht ist. Wobei die Grenze da manchmal erstaunlich dünn ist. Ein belegtes Brötchen daneben, Kaffee in Reichweite, Kopf irgendwo zwischen „Das könnte gut werden“ und „Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?“ Also im Grunde der aktuelle Normalzustand in meinem Leben.

Ich fing an, Texte zu schreiben. Ich zog Linien. Setzte Seiten. Schob Kästen von links nach rechts und wieder zurück, weil Menschen offenbar nicht nur Möbel umstellen, sondern auch Textfelder. Ich überlegte, wo Platz sein musste. Wo Luft. Wo jemand später etwas eintragen würde. Wo eine Frage stehen sollte. Wo besser keine Frage stand. Ich schrieb Überschriften. Verwarf Überschriften. Schrieb neue Überschriften. Dann sah ich sie mir an und dachte: Hm. Dieses „Hm“ ist beim Gestalten ein sehr ernstzunehmender Moment. Es bedeutet selten etwas Gutes, aber fast immer etwas Nötiges.

Ich erstellte Grafiken mit KI. Das muss man heute dazusagen, weil wir in einer Zeit leben, in der Menschen einerseits Raumsonden zum Mars schicken, andererseits aber noch immer nicht zuverlässig erkennen, ob ein Bild echt ist, wenn eine Hand plötzlich zwölf Finger hat und der Hintergrund aussieht, als hätte ein Architekt im Fieber geträumt. Also ja. KI. Nicht als Ersatz für Idee. Eher als Werkzeug. Wie ein Stift. Nur mit mehr Rechenleistung und einer gelegentlich fragwürdigen Auffassung von menschlicher Anatomie.

Dann stellte ich alles selbst zusammen. In Illustrator. Text. Grafik. Linien. Seitenzahlen. Abstände. Weißräume. Und dann lag da eine Datei. Eine fertige Datei. Was natürlich gelogen ist. Sowas ist nie fertig. Sie ist nur der Moment, in dem man entscheidet, dass weitere Änderungen vermutlich mehr Schaden anrichten als Nutzen. Auch das ist eine Lebensweisheit, die nicht auf Kaffeetassen gedruckt werden sollte, obwohl sie vermutlich wahrer ist als die meisten. Dann kam der Probedruck. Ich schlug das Paket auf wie jemand, der gleichzeitig neugierig und bereit für eine kleine persönliche Niederlage ist. Auch das kennt man ja. Diese Mischung aus Vorfreude und dem leisen Verdacht, dass gleich irgendwo ein sehr offensichtlicher Fehler auftaucht, den man vorher 189 Mal übersehen hat.

Und natürlich fand ich Dinge. Kleine Dinge. Abstände. Linien. Seiten. Stellen, die plötzlich anders wirkten. Texte, die auf Papier nicht mehr ganz so klangen wie auf dem Bildschirm. Grafiken, die noch Luft brauchten. Oder weniger Luft. Oder einfach einen Menschen, der sich kurz zusammenreißt und eine Entscheidung trifft. Also überarbeitete ich alles noch einmal. Nicht ein bisschen. Richtig. Ich ging wieder rein. Seite für Seite. Zeile für Zeile. Ich veränderte, strich, setzte neu, prüfte, zweifelte und tat zwischendurch so, als hätte ich alles im Griff. Und jetzt ist es fertig.

Das Buch ist fertig. Ein echtes Buch. Eines, das bald gekauft werden kann. Eines, in das Menschen schreiben können. Eines, das nicht nur hübsch herumliegen soll, damit ein Couchtisch wirkt, als hätte der Besitzer ein Innenleben. Sondern eines, das benutzt werden will. Angefasst. Aufgeschlagen. Vollgeschrieben. Vielleicht auch ein bisschen schief. Mit Kaffee daneben. Mit durchgestrichenen Ideen. Mit Dingen, die erst albern wirken und später vielleicht wichtiger werden, als gedacht. Und während ich auf den Probedruck wartete, tat ich allerdings nicht das, was vernünftige Menschen vielleicht getan hätten. Also warten.

Ich kann das nicht besonders gut. Warten ist für mich eine Tätigkeit, bei der der Körper still ist und der Kopf Möbel rückt. Also schrieb ich eine Webseite. Natürlich. Weil es nicht reicht, ein Buch zu machen. Nein. Da muss dann noch eine Webseite her. Ein Ort für das Projekt. Ein Zuhause im Internet. Eine Seite für dieses Buch. Für diese Idee. Für dieses „Nicht irgendwann“. Für Texte über Ziele, Wünsche, Träume und diesen ganzen Kram, der sofort schlimm klingt, wenn Menschen mit zu weißen Zähnen darüber sprechen, aber erstaunlich brauchbar wird, wenn man ihn ernst meint und trotzdem nicht so tut, als hätte das Universum einem persönlich eine PowerPoint geschickt. Und weil eine Webseite offenbar noch nicht reichte, schrieb ich auch ein WordPress-Plugin. Für eine Bucket-List.

Das klingt schon ziemlich bescheuert. I know. Aber genau dieses Bescheuerte gefällt mir daran. Ich baue ein Buch, in das Menschen ihre Ziele schreiben können, und programmiere nebenbei ein Plugin, mit dem sich solche Ziele digital organisieren lassen. Sortieren. Eintragen. Verschieben. Wiederfinden. Nicht abarbeiten. Das Wort mag ich nicht.

Abarbeiten klingt nach Aktenordner. Nach Pflicht. Nach Montagmorgen. Nach Menschen, die „Workflow“ sagen und dabei ernst bleiben. Eine Bucket-List sollte nicht abgearbeitet werden. Sie sollte erlebt werden. Vielleicht Schritt für Schritt. Vielleicht chaotisch. Vielleicht mit Umwegen. Vielleicht mit Fehlern. Aber nicht wie eine Liste im Baumarkt, auf der Dübel, Silikon und ein Gefühl von innerer Leere stehen.

Ich fing auch selbst an, meine Liste zu erarbeiten. Und das war der Moment, in dem aus dem Projekt noch einmal etwas anderes wurde. Denn plötzlich war es nicht mehr nur ein Buch, das ich gemacht hatte. Es war ein Werkzeug. Für mich. Das klingt klein, ist es aber nicht. Ich saß da und schrieb Dinge auf. Große Dinge. Kleine Dinge. Dinge, die sofort machbar wirkten. Dinge, bei denen ich selbst dachte: Torsten, komm mal kurz klar. Dinge, die mich reizten. Dinge, die mich überforderten. Dinge, die eigentlich keinen Nutzen hatten, außer dass sie sich nach Leben anfühlten.

Und genau das war der Punkt. Es baute mich auf. Nicht auf diese „Du kannst alles schaffen“-Art, bei der man schon nach drei Sekunden das Bedürfnis bekommt, jemanden mit einem Motivationskalender zu erschlagen.  Ich merkte, was passiert, wenn man wieder Ziele hat. Nicht Pflichten. Ziele. Nicht diese Ziele, die in Bewerbungsgesprächen gut klingen. Nicht „in fünf Jahren sehe ich mich in einer verantwortungsvollen Position mit Entwicklungspotenzial“, während innerlich ein kleiner Teil bereits den Notausgang sucht. Sondern Ziele, die etwas mit einem selbst zu tun haben.

Mit Sehnsucht. Mit Neugier. Mit Trotz. Mit Lust. Mit dem Bedürfnis, nicht nur zu funktionieren, sondern wieder irgendwohin zu wollen. Ich spielte mit Ideen. Ich spann herum. Ich schrieb Dinge auf, ohne sie sofort zu überprüfen. Ohne direkt zu fragen, ob sie realistisch sind. Ob sie sinnvoll sind. Ob sie vernünftig sind. Ob irgendjemand das nachvollziehen kann. Dieses ständige Überprüfen, was andere denken und finden könnten, ist ohnehin eine der zuverlässigsten Methoden, sein eigenes Leben klein zu halten. Natürlich muss nicht jede Idee umgesetzt werden. Nicht jeder Gedanke ist ein Auftrag. Nicht jeder Wunsch ist ein Projekt.

Aber es macht etwas mit einem, wenn wieder Möglichkeiten im Raum stehen. Wenn der Kopf nicht nur Probleme sortiert, sondern Wege sieht. Wenn das Leben nicht nur aus Reaktion besteht, sondern wieder aus Richtung. Ich habe in dieser Zeit Entscheidungen getroffen, die sich im ersten Moment vollkommen falsch angefühlt haben. Vielleicht waren sie auch falsch.

Das ist ja das Gemeine an Entscheidungen. Die tragen kein kleines Schild um den Hals, auf dem steht: „Keine Sorge, ich bin später mal wichtig.“ Entscheidungen kommen selten mit Garantiekarte. Meistens kommen sie mit Bauchschmerzen, Schlafmangel und diesem Blick auf die Zimmerdecke, den man bekommt, wenn das Gehirn morgens um 3:17 Uhr findet, jetzt sei ein guter Zeitpunkt für eine Grundsatzdebatte.

Aber manche Entscheidungen müssen sich vielleicht erst falsch anfühlen, weil sie etwas Altes verlassen. Eine Sicherheit. Eine Gewohnheit. Eine Version von sich selbst, die zwar nicht mehr passte, aber wenigstens bekannt war. Und bekannt fühlt sich oft sicher an. Selbst dann, wenn es eng geworden ist.

Vielleicht waren diese Entscheidungen nicht bequem. Vielleicht waren sie nicht elegant. Vielleicht sahen sie von außen nicht nach Plan aus. Aber im Nachhinein, glaube ich, werden sie richtig gewesen sein. Nicht, weil plötzlich alles leicht wird. Das wäre Schwachsinn. Dinge werden nicht leicht, nur weil man sie endlich macht. Manchmal werden sie sogar erst einmal komplizierter. Aber sie werden wahrer. Und das ist mehr wert, als man denkt.

Aus dieser kleinen Idee ist ein Projekt geworden. Ein echtes Projekt. Eines, das mich mehr erfüllt als vieles, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. Und das ist ein Satz, den ich nicht leichtfertig schreibe. Denn Erfüllung ist auch so ein Wort, das inzwischen oft klingt, als müsste man dazu morgens um fünf meditieren, Selleriesaft trinken und seinem Spiegelbild danken. Fick Dich. Muss man nicht. Manchmal reicht es, an etwas zu arbeiten, das sich richtig anfühlt, obwohl es noch nicht fertig ist. Oder gerade deshalb.

Dieses Projekt verbindet plötzlich Dinge, die vorher lose herumlagen. Schreiben. Gestalten. Fotografieren. Webseiten bauen. Programmieren. Filmen. Beobachten. Erzählen. Menschen erreichen. Sich selbst wieder ein Stück sortieren. Nicht im Sinne von: Jetzt ergibt alles einen großen, sauberen Sinn. So einfach ist das Leben nicht. Und wenn es so einfach wäre, hätten Menschen vermutlich längst eine App daraus gemacht, inklusive Premium-Abo und Push-Nachrichten mit schlecht formulierten Lebensweisheiten.

Aber es entsteht eine Linie. Eine Richtung. Etwas, das vorher vielleicht schon da war, aber verstreut. Wie Zettel auf einem Tisch. Jeder für sich nicht falsch. Aber erst zusammen wird sichtbar, dass daraus etwas werden kann. Vielleicht war vieles von dem, was war, nicht umsonst. Vielleicht waren die Umwege keine Fehler. Vielleicht waren sie Material. Für Texte. Für Bücher. Für Geschichten. Für diesen Blick auf die Welt. Für dieses Projekt. Für ein Buch, das nicht sagt: Werde ein anderer Mensch. Sondern eher: Fang mit dem Menschen an, der du bist. Der reicht erst einmal. Auch wenn er morgens in einer Bäckerei sitzt, Kaffee trinkt, Kuchen um acht Uhr für eine vertretbare Entscheidung hält und ein Buch darüber baut, dass „irgendwann“ ein ziemlich schlechter Ort zum Leben ist.

Vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht warten, bis alles richtig ist. Nicht warten, bis alles verheilt ist. Nicht warten, bis niemand mehr Zweifel hat. Nicht warten, bis das Leben aussieht, als hätte es eine ordentliche Struktur.

Sondern anfangen. Mit dem, was da ist. Mit dem Kopf, den man hat. Mit den Möglichkeiten, die gerade erreichbar sind. Mit den Ideen, die drängeln. Mit den Träumen, die noch nicht beleidigt gegangen sind. Mit den Zielen, die vielleicht erst albern wirken und später wichtig werden. Ich sitze also hier. Kaffee fast leer. Brötchen weg. Kuchen immer noch eine Option.

Und aus einem Gedanken, der vor ein paar Wochen auf einer Buchhandlungstreppe begann, ist etwas geworden, das jetzt wirklich existiert.

Ein Buch. Eine Webseite. Ein Plugin. Eine Liste. Ein Anfang. Nicht alles muss sofort groß sein. Nicht alles muss sofort verstanden werden. Nicht alles muss sofort funktionieren. Aber etwas muss beginnen. Denn irgendwann ist ein sehr gemütliches Wort. Nur leider wohnt da niemand. Nee. Nie wieder. Nicht irgendwann. Jetzt.

Online geht der Bums ab dem 01. Juli 2026.

Ferdinand sagte das jetzt echt nicht feierlich. Das war das Gemeine daran. Er sagte es nicht an einem Kamin, nicht bei Regen am Fenster und auch nicht mit dieser Stimme, die Menschen manchmal benutzen, wenn sie glauben, gerade etwas gesagt zu haben, das später auf eine Postkarte gedruckt werden könnte. Nee. Ferdinand sagte es nebenbei. Irgendwo zwischen Kaffee, einem halben Stück Bienenstich und diesem Blick, den ältere Männer bekommen, wenn sie finden, dass die Welt inzwischen zu viele Ladegeräte hat. „Sterben“, meinte er, „muss das Letzte sein, was du tust.“

Ich sah ihn an. Verdutzt natürlich. Trotzdem klang es erst mal logisch. Sogar erstaunlich logisch. Sterben als letzter Programmpunkt. Ganz hinten auf der Liste. Nach Einkaufen, Steuererklärung, Zahnarzt, Fallschirmsprung, Buch schreiben, jemandem endlich sagen, was Sache ist und vielleicht noch einmal allein irgendwo ans Meer fahren, ohne vorher drei Wochen Wetter-Apps zu vergleichen. Menschen vergleichen heute ja sogar das Wetter für ihre Träume. Ferdinand nahm noch einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht, als hätte der Kaffee ihm gerade persönlich etwas vorgeworfen. Dann sagte er, dass nach dem Tod alles liegen bleibt. Nicht ordentlich sortiert. Nicht abgeheftet. Nicht mit einem gelben Zettel versehen. Einfach so. Unerledigt. Wie diese eine Schublade in der Küche, in der Kabel liegen, von denen man nicht mehr weiß, wofür sie eigentlich sind, die aber trotzdem nicht weggeworfen werden, weil sie vielleicht irgendwann noch wichtig sein könnten. Irgendwann. Dieses Wort, das klingt wie Hoffnung. Und sich oft benimmt wie eine Ausrede mit guter Handschrift.

„Deine Wünsche“, sagte Ferdinand, „macht danach keiner für dich.“

Das war einer dieser Sätze, die erst einmal völlig unspektakulär im Raum stehen. Wie ein Stuhl. Und dann merkt man langsam, dass es kein Stuhl ist, sondern ein Möbelstück aus Wahrheit, an dem man sich nachts noch das Schienbein stößt. Fuck. Er meinte, dass all die unerfüllten Träume nicht irgendwann von selbst losziehen. Kein anderer Mensch würde morgens aufwachen und sagen: Geil. Heute erfülle ich mal Torstens heimlichen Wunsch, nach Norwegen zu fahren, ein Buch zu veröffentlichen, sich in einem fremden Café an ein Fenster zu setzen und für drei Stunden so zu tun, als hätte das Leben gerade keine offenen Rechnungen. Niemand macht das. Nicht die Menschen, denen ich hinterhergelaufen bin. Nicht die, für die ich immer Zeit hatte. Nicht die, bei denen ich sofort geantwortet habe, obwohl meine eigenen Nachrichten in mir seit Monaten ungelesen herumlagen. Ein absurder Zustand übrigens. Innerlich ungelesene Nachrichten. Willkommen im Erwachsenenleben. Die Benutzeroberfläche ist schlecht, aber immerhin stürzt sie regelmäßig ab. Ferdinand meinte dann noch, ich solle aufhören zu glauben, dass Für-andere-da-sein automatisch bedeutet, dass irgendwann jemand für mich lebt. Das sei ein schöner Gedanke. Aber eben auch Quatsch. Also kein kleiner Quatsch. Eher so ein Quatsch mit Eigenheim, Carport und ordentlich gepflegter Hecke. Die meisten Menschen seien einfach damit beschäftigt, ihre eigenen Tage irgendwie durchzubekommen, ihre Termine nicht zu vergessen, ihre Pflanzen nicht umzubringen und beim Einkaufen nicht wieder mit drei Dingen nach Hause zu kommen, die sie nie wirklich brauchen werden. Da könne ich nicht erwarten, dass sie nebenbei noch meine Träume übernehmen. Oder mir dabei helfen. Geschissen. Und ich wusste, dass er recht hatte.

Er sagte das garnicht hart. Er war kein Mann für Härte. Eher für diese norddeutsche, trockene Form von Klarheit, bei der der Satz ohne Umwege ins Zimmer kommt, sich hinsetzt und bleibt. „Wenn du etwas erleben willst“, sagte er, „musst du es erleben. Nicht darüber reden. Nicht darauf warten. Nicht hoffen, dass das Leben irgendwann klingelt und sagt: Hallo, ich hätte da jetzt mal Zeit für dich.“ Das Leben klingelt nämlich selten. Meistens steht es irgendwo draußen, raucht heimlich, schaut auf die Uhr und fragt sich, warum wir so lange brauchen.

Plötzlich kamen mir einige der Dinge in den Kopf, die ich immer verschoben habe, weil ich glaubte, der Zeitpunkt sei nicht richtig. Reisen. Texte. Gespräche. Entscheidungen. Kleine Abenteuer. Große auch. Dinge, die nicht vernünftig waren, aber vielleicht richtig. Orte, die ich sehen wollte. Sätze, die ich sagen wollte. Menschen, die ich loslassen müsste. Menschen, denen ich vielleicht viel zu lange hinterhergelaufen war, als wäre irgendwo am Ende dieser Strecke ein Pokal für emotionale Ausdauer aufgestellt. Fick dich. Da ist keiner. Kein Preis. Kein Pokal. Da steht nur Müdigkeit. Und manchmal ein Parkplatz. Ohne Auto.

Ferdinand meinte auf jeden Fall mit Nachdruck, der Tod sei nicht das Problem. Das Problem sei unser seltsames Talent, schon vorher so zu leben, als hätten wir Zeit. Als hätten wir unendlich viele Nachmittage. Unendlich viele Sommer. Unendlich viele Chancen, noch einmal anzufangen. Dabei wissen wir alle, dass das nicht stimmt. Wir wissen es. Wir tun nur so, als hätten wir die AGB des Lebens nicht gelesen. Was verständlich ist. Niemand liest AGB. Niemand. Und niemand lebt unser Leben.

„Du musst das schon selbst machen“, sagte Ferdinand.

Und da war er wieder. Dieser Satz. Einfach. Unangenehm. Wahr. Kein Pathos. Kein Applaus. Kein Sonnenuntergang. Nur ein alter Mann, ein Kaffee, ein Viertel Stück Bienenstich und die ziemlich klare Erkenntnis, dass niemand mein Leben für mich leben wird. Einfach, weil jeder sein eigenes hat. Und weil meine Träume, so schön sie vielleicht sind, nun mal nicht in fremden Kalendern stehen. Naja. Seitdem denke ich manchmal, dass Sterben tatsächlich das Letzte sein sollte, was ich tue. Auch aus organisatorischen Gründen. Vorher ist ja noch einiges offen. Nur weiß ich mit fünfundvierzig immer noch nicht genau, was es ist.

Das ist vielleicht das Komische daran. Man denkt ja immer, irgendwann käme dieser Moment, in dem das Leben sich endlich sortiert. Man steht morgens auf, trinkt Kaffee und plötzlich liegt da eine innere Liste auf dem Tisch. Sauber nummeriert. Keine Ahnung. Hundert Dinge, die du machen musst, bevor du den Löffel wieder abgibst. Alles klar. Oben steht: Leben. Unten steht: Sterben. Dazwischen ein paar mutige Entscheidungen, ein paar dumme Entscheidungen, ein paar Reisen, ein paar Menschen, ein paar Sätze, die man längst hätte sagen sollen. Aber so funktioniert es nicht.

Jedenfalls nicht bei mir. Bei mir liegt da eher ein Zettel mit Kaffeeflecken, drei halb lesbaren Gedanken und einem Satz, den ich irgendwann mal aufgeschrieben habe und selbst nicht mehr richtig entziffern kann. Vielleicht weiß ich auch einfach noch gar nicht, welche hundert Dinge ich machen möchte. Vielleicht weiß ich nur, dass es nicht nichts sein kann. Dass da noch etwas ist. Irgendwo zwischen den Tagen, die einfach vorbeigehen, den Nachrichten, auf die man wartet, den Menschen, denen man zu lange hinterherläuft und diesen Nachmittagen, an denen man merkt, dass man schon wieder mehr funktioniert als gelebt hat. Vielleicht beginnt so eine Liste nicht mit großen Träumen. Nicht mit Patagonien, Fallschirmsprung und einem Foto vor irgendeinem Wasserfall, an dem schon dreitausend Menschen so getan haben, als hätten sie gerade sich selbst gefunden. Vielleicht beginnt diese Liste viel kleiner. Mit der Frage, was ich eigentlich noch erleben will, bevor alles erledigt ist. Oder bevor ich selbst erledigt bin. Was ja, je nach Woche, manchmal erschreckend ähnlich wirkt.

Ich weiß es nicht. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Nicht die fertige Liste. Nicht der große Plan. Nicht diese alberne Sicherheit, mit der Menschen im Internet behaupten, sie hätten ihr Leben verstanden, während im Hintergrund vermutlich die Motorleuchte im Auto blinkt. Sondern dieses ehrliche Davorstehen. Vor einem leeren Blatt. Vor hundert freien Zeilen. Vor der ziemlich klaren Erkenntnis, dass niemand diese Dinge für mich eintragen wird. Und schon gar nicht für mich erleben. Sterben kommt dann eben später. Ganz nach hinten. Hinter die Suche. Hinter die leeren Zeilen. Hinter die Dinge, von denen ich heute noch nicht weiß, dass ich sie eines Tages unbedingt erleben will. Und vor allem hinter das Leben, das vielleicht genau da beginnt, wo man endlich zugibt, dass man noch keine Ahnung hat.

Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe ein Blatt Papier. Und einen Stift. Immerhin. Man muss ja nicht gleich übertreiben.

Kurz vor acht. Vor der Bäckerei standen ein paar ältere Herren, die sich dort nicht verabredet hatten, sondern einfach vom Leben dort abgestellt worden sind. Jeder mit seiner eigenen Haltung zum Sonntag. Einer mit verschränkten Armen. Einer mit den Händen auf dem Rücken. Man kennt das. Und einer mit einem Blick, der bereits mehr über die Bundesregierung wusste, als Friedrich Merz selbst. Ich stand ein Stück daneben und wartete ebenfalls darauf, dass die Türen sich öffneten. Und damit war ich, also rein organisatorisch betrachtet, einer von ihnen. Altersmäßig noch nicht. Jedenfalls hoffte ich das. Vielleicht würde ich das Alter auch nie erreichen. Wer weiß das schon. Aber wer morgens kurz vor acht vor einer Bäckerei steht und wartet, hat den ersten Antrag auf Mitgliedschaft in diesem Club im Grunde bereits gestellt. Man merkt das nur nicht sofort, weil es keine Satzung gibt. Nur Brötchen, kurze Kommentare zum Wetter und diese besondere norddeutsche Form des Zusammenstehens, bei der niemand so richtig miteinander redet und trotzdem alle irgendwie beteiligt sind. Moin. Wer mehr sagt, hat entweder Urlaub oder Redebedarf.

Der Sommer hatte sich längst im Dorf breitgemacht. In den Vorgärten standen die Hortensien so ordentlich, als hätten sie Angst vor Beschwerden aus der Nachbarschaft. Das Schützenfest stand schließlich vor der Tür. Da wird selbst eine Hortensie irgendwann Teil der Außendarstellung. Auf der Straße lag schon dieses helle, trockene Licht, das später am Tag unangenehm werden würde. Aber jetzt war es noch kühl. Noch friedlich. Einfach diese kurze Zeit am Morgen, in der selbst der Tag so tut, als hätte er nichts Schlimmes vor. Die Tür der Bäckerei war ja noch geschlossen. Aber drinnen bewegte sich jemand hinter der Theke. Man sah Bleche, Tüten, eine Hand, die irgendetwas zurechtrückte. Vor uns roch es nach frischem Brot, sogar nach Kaffee und der leisen Hoffnung, dass das Leben mit einem guten Brötchen vielleicht doch noch einmal verhandelbar wäre. Dann bog ein grüner Geländewagen auf den Parkplatz ein. Nicht schnell. Nicht hektisch. Eher mit der Haltung eines Fahrers, der seit Jahren der Meinung war, Parkflächen seien nur eine Empfehlung für andere. Er rollte über den Platz, nahm sich Raum, stand schließlich leicht schräg und wirkte trotzdem überzeugt von sich. Aus dem Wagen stieg ein älterer Mann. Oder genauer: Er löste sich langsam aus dem Innenraum, als müsse er erst mit mehreren Körperregionen einzeln abstimmen, ob dieser Ausstieg wirklich nötig sei.

Er trug ein kurzärmeliges Hemd, eine Hose, die wahrscheinlich schon auf vielen Dorfveranstaltungen sachlich anwesend gewesen war und den Gesichtsausdruck eines Mannes, der nicht nur Brötchen holen, sondern auch seine Meinung kundtun wollte. Das ist morgens vor Bäckereien ja nicht selten. Manche Menschen bringen Einkaufszettel mit. Andere erklären ungefragt die politische Lage des Landes. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, obwohl die Hitze noch gar nicht richtig angefangen hatte. Aber manche Körper arbeiten offenbar vorausschauend. Klimatisch, meine ich. Dann schlug er die Autotür zu, sah kurz über den Parkplatz, nickte in die Runde und ging zu den anderen Männern hinüber, als gehöre er dort längst dazu. Vielleicht tat er das auch. Keine Ahnung. In Dörfern gibt es Gruppen, in die wird man nicht aufgenommen. Man steht irgendwann einfach dabei. Erst zufällig. Dann regelmäßig. Und eines Morgens beschwert man sich über den Rasenmäher vom Nachbarn oder die Nationalmannschaft und niemand stellt mehr Fragen. „Junge“, sagte er, noch bevor er richtig stand, „was haben die Deutschen gestern scheiße gespielt.“ Der Satz fiel auf den Parkplatz wie ein nasser Sack Blumenerde. Nicht schön, aber eindeutig. Die anderen Männer reagierten nicht überrascht. Eher erleichtert. Endlich war das Thema da. Wetter und Fußball sind auf dem Dorf sichere Gesprächseinstiege. Das Schützenfest auch, aber eher saisonal. Wetter, weil es jeden betrifft. Fußball, weil jeder glaubt, es besser zu wissen. Ich wusste natürlich sofort, welches Spiel er meinte. Man musste es nicht gesehen haben, um darüber reden zu können. Das ist vielleicht eine der größten kulturellen Leistungen des Fußballs. Er ermöglicht Meinungen auch bei unvollständiger Sachlage. Der Mann setzte noch einen Schritt nach, blieb breitbeinig stehen und schaute, als sei er persönlich beim DFB angestellt und gestern Abend enttäuscht worden. Seine eigene Beweglichkeit wirkte an diesem Morgen eher theoretisch, aber das ist beim Fußballreden nicht entscheidend. Niemand verlangt von einem Zuschauer, dass er bei der Analyse eines misslungenen Pressings selbst noch einmal kurz in den Vollsprint geht. Zum Glück. Sonst wären viele Bäckereigespräche nach acht Sekunden beendet und der Rettungsdienst müsste gucken, wo er überhaupt parken kann. Einer der anderen Männer brummte zustimmend. Ein zweiter sagte: „Die laufen ja gar nicht mehr.“ Der dritte sagte nichts, nickte aber so ernst, als sei gerade nicht über ein Fußballspiel gesprochen worden, sondern über die Statik einer Brücke. Ich stand daneben, hörte zu und dachte, dass es erstaunlich ist, wie schnell ein ganz normaler Morgen eine Expertenrunde hervorbringen kann. Fünf Männer vor einer Bäckerei, keiner mit Trainingsanzug, keiner mit Taktiktafel, aber alle mit der Gewissheit, dass man dieses Spiel mit drei klaren Sätzen, zwei Handbewegungen und einem tiefen Seufzer vollständig erklären könne.

Vielleicht ist das auch schön. Vielleicht braucht der Mensch solche Orte. Parkplätze. Bäckereien. Kurze Gespräche, in denen man für einen Moment so tut, als ließe sich die Welt ordnen, wenn nur endlich mal jemand Tacheles, oder wie das heißt, reden würde. Die Tür der Bäckerei öffnete sich. Der Geruch von Brötchen wurde stärker. Die Männer rückten fast unmerklich näher zusammen, als beginne nun der eigentliche Teil des Morgens. Der Mann aus dem Geländewagen schüttelte noch einmal den Kopf. „So wird das nichts“, sagte er. Niemand widersprach. Vielleicht, weil er recht hatte. Vielleicht, weil es kurz vor acht war. Vielleicht, weil Menschen vor Bäckereien nicht diskutieren wollen, sondern Zustimmung suchen, Brötchen kaufen und danach wieder nach Hause fahren, bevor der Sommer richtig anfängt.

Ich bestellte später zwei Brötchen. Der Mann nahm sechs normale, vier Körner und eine Zeitung. Bild am Sonntag. Es passte ins Bild, auch wenn das jetzt ein sehr billiger Satz ist. Egal. Beim Bezahlen sagte er zur Verkäuferin, dass es heute wieder warm werde. Sie sagte: „Ja, sieht so aus.“ Mehr mussten sie nicht sagen. Draußen sprang der Geländewagen an. Die Männer verteilten sich langsam. Andere kamen. Der Parkplatz wurde wieder Parkplatz. Und ich ging mit meiner Tüte in der Hand zurück durch den kühlen Morgen und dachte, dass das Dorf manchmal keine großen Geschichten braucht. Manchmal reicht ein Mann, der aus einem Geländewagen steigt und über Fußball spricht, als hätte Friedrich Merz ihn persönlich beauftragt, vor der Bäckerei die deutsche Lage zu erklären. Vielleicht ist es ja auch so. Oder so ähnlich. Wer weiß das schon.

Über Haftbefehl, Kollegah, Farid Bang, Shindy, Bushido und wie sie alle heißen, kann man ja sagen, was man will. Und die meisten Menschen tun das ja auch. Sehr gern sogar. Man kann über die Texte streiten. Über Inhalte sowieso. Über Auftreten, Sprache, Gesten, Videos, Sonnenbrillen in geschlossenen Räumen und über diese bemerkenswerte Fähigkeit, jeden Raum zu betreten, als hätten sie ihn gerade gekauft oder die Menschen darin zumindest komplett eingeschüchtert. Kann man alles machen. Muss man aber nicht. Denn darum geht es mir gerade gar nicht. Mir geht es nicht um Musikgeschmack. Nicht um Moral. Nicht darum, ob man diese Welt mag oder nicht. Losgelöst von allem, was man daran schwierig, albern, übertrieben, fragwürdig oder beeindruckend finden kann, bleibt eine Sache übrig: Diese Menschen haben Selbstbewusstsein. Oder dicke Eier, wie sie selbst vermutlich sagen würden. Dieses „Fick dich, ich mach das trotzdem“-Selbstbewusstsein. Nicht dieses freundliche Selbstbewusstsein aus einem VHS-Kurs, bei dem man lernt, im Meeting auch mal vorsichtig „Ich sehe das ein bisschen anders“ zu sagen und danach drei Tage hofft, dass niemand sauer ist. Nicht dieses Selbstbewusstsein, das vorher noch fragt, ob es kurz stören darf. Sondern dieses unverschämte, rohe, manchmal völlig drüber liegende Selbstbewusstsein, sich hinzustellen und zu sagen: Ich bin so. Ich bleib so. Ich rede so, wie ich rede. Ich nehme mir diesen Raum. Komm damit klar oder geh weiter und verpiss Dich. Und natürlich kann man darüber die Nase rümpfen. Menschen echauffieren sich ohnehin gern. Das gibt ihnen das Gefühl, kurzfristig Ordnung in eine Welt gebracht zu haben, die sich sonst leider nicht besonders für ihre Sortierwünsche interessiert. Und trotzdem muss man diesen Rappern neidlos anerkennen, dass Sie einfach da stehen. Da versteckt sich keiner hinter möglichst harmlosen Sätzen. Da wird nicht jedes Wort vorher weichgespült, damit es in möglichst vielen Milieus niemandem wehtut. Da ist kein innerer Pressesprecher, der noch schnell die Kanten abschleift. Da ist Behauptung. Präsenz. Wucht. Vielleicht zu viel davon. Vielleicht peinlich. Vielleicht schwer auszuhalten. Aber eben auch eine Form von Kraft. Und ich glaube, genau das provoziert viele. Nicht nur die Inhalte. Sondern die Tatsache, dass da Menschen auftreten, als hätten sie nie gelernt, sich kleiner zu machen, nur damit andere sich kurz wohler fühlen.

Ich war lange das Gegenteil davon. Also nicht Haftbefehl. Nicht Kollegah. Nicht dieser „Ich komm rein und der Raum weiß Bescheid“-Typ. Ich war eher der VHS-Typ. Nicht, weil ich aus einem Elternhaus komme, in dem man mir beigebracht hat, möglichst unauffällig durchs Leben zu schleichen wie ein Mensch gewordener Teppichläufer. Sondern weil in den letzten Jahren viele Menschen in meinem Umfeld waren, die nach außen sehr gern behauptet haben, ihnen sei völlig egal, was andere über sie denken. Menschen, die Sätze sagen wie: „Sollen die Leute doch reden.“ Und zwei Tage später schneiden sie kurz vor dem Schützenfest noch schnell die Hecke, den Buchsbaum und vermutlich auch einen Teil ihrer Persönlichkeit zurecht, nur damit bloß niemand aus dem Dorf vorbeigeht und denkt, dass es bei denen aber wild aussieht.

Ich glaub, Menschen sind da oft erstaunlich konsequent inkonsequent. Nach außen frei. Innen trotzdem die große Angst, dass irgendjemand aus dem Dorf etwas sagen könnte. Nach außen Haltung. Innen Angst vor drei besoffenen Schützen mit Bier in der Hand und Meinung auf den Lippen. Aber dass ich eher der VHS-Typ war, ist nicht deren Schuld. Ich bin ja kein Opfer. Ich bin jemand, der mitgespielt hat. Ich habe versucht, zu gefallen. Ich habe mich angepasst. Ich habe mich kleiner gemacht, damit andere sich nicht über mich aufregen mussten. Ich habe Sätze weicher formuliert, Meinungen für mich behalten und so getan, als wäre Harmonie dasselbe wie Frieden. Ist sie nicht. Harmonie ist manchmal nur Angst mit Tischdecke drüber. Selbstgehäkelt. Und ja, einige dieser Menschen hatten durchaus zwei Gesichter. Das eine sah man, solange man ihrer Meinung war. Das andere kam zum Vorschein, sobald man sich anders verhielt, anders dachte oder nicht mehr sauber in das Bild passte, das sie sich von einem gemacht hatten. Natürlich könnte ich darüber lange reden. Ich könnte alles ausbreiten, analysieren, mich rechtfertigen oder andere schlecht machen. Kann ich aber auch lassen. Denn am Ende ist entscheidend, dass es nicht deren Aufgabe war, mir Eier zu geben. Es war meine.

Dass ich kein Mensch mit leichter Rapper-Attitüde war, war nie ihre Schuld. Es war meine Entscheidung. Auch wenn ich es damals nicht so genannt hätte. Ich wollte nirgends anecken. Ich wollte funktionieren. Ich wollte nicht unangenehm auffallen. Ich wollte in Räume passen, die mir eigentlich längst zu klein geworden waren. Und irgendwann merkt man dann (zum Glück), dass man nicht automatisch sympathischer wird, wenn man sich ständig kleiner macht, damit andere sich wohler fühlen. Man wird nur handlicher. Wie so ein Klappstuhl. Praktisch für alle. Nur irgendwann möchte man selbst nicht mehr darauf sitzen.

Man wird langsam undeutlich. Erst in Gesprächen. Dann in Entscheidungen. Dann im eigenen Leben. Heute würde ich nicht sagen, dass ich ständig „Fick dich“ sage, sobald mir etwas nicht passt. So weit ist die Verrohung des Abendlandes dann vielleicht doch noch nicht fortgeschritten. Aber ich würde auch nicht behaupten, dass ich es nie denke. Ich drücke mich nur etwas anders aus. Ruhiger vielleicht. Klarer. Eloquenter. Wahrscheinlich intelligenter, wenn ich einen guten Tag habe und der Kaffee nicht vorher aufgegeben hat. Aber die Botschaft ist dieselbe. Ich musste erst wieder lernen, dass ich nicht hier bin, um mich ständig anzupassen. Ich bin nicht hier, um jedem Bild zu entsprechen, das andere von mir haben. Ich bin nicht hier, um meine Ecken abzuschleifen, nur damit sich niemand daran stößt. Und wenn  ich heute etwas nicht will, sage ich Nein. Wenn mir etwas zu ätzend wird, gehe ich. Wenn jemand erwartet, dass ich mich wieder kleiner mache, damit es für ihn bequemer wird, dann kann er sich gern einen anderen Menschen dafür suchen. Einen aus dem VHS-Kurs vielleicht. Da sind bestimmt noch Plätze frei. Zwischen Konfliktvermeidung und Aufbaukurs Heckenschnitt.

Vielleicht ist das jetzt meine persönliche Form von Rapper-Attitüde. Nicht mit Goldkette. Nicht mit Sonnenbrille im Wohnzimmer. Nicht mit diesem Blick, als hätte man gerade in einem kompletten Stadtteil Hausverbot bekommen. Dafür bin ich dann doch zu norddeutsch. Zu anders erzogen. Und dann doch eher jemand, der selbst dann „Danke“ sagt, wenn ihm der Kaffee lauwarm serviert wird. Aber der Kern ist derselbe. Ich frag nicht mehr, ob ich, ich selbst sein darf. Ich versuche nicht mehr, meine Sätze so weich zu spülen, dass sie niemanden treffen, niemanden stören und am Ende nicht mal mehr mich selbst meinen. Ich mache mich nicht mehr kleiner, nur damit andere sich kurz größer fühlen können. Ich räume meinen Platz nicht mehr automatisch, nur weil jemand unbequem findet, dass ich überhaupt einen habe.

Zugegeben. Diese Haltung ist noch nicht perfekt. Manchmal ist sie noch zu grob. Manchmal noch zu vorsichtig. Manchmal kommt sie einen Schritt zu spät, meistens genau dann, wenn man abends im Bett liegt und plötzlich den perfekten Satz weiß. Sehr hilfreich. Danke, Gehirn. Aber ich merke, dass sie da ist. Sie wächst. Sie wird klarer. Ruhiger. Schärfer. Weniger Krawall. Mehr Klinge. Vielleicht ist das überhaupt der Punkt. Man muss nicht laut werden, um nicht mehr klein zu sein. Man muss nicht verletzen, um Grenzen zu haben. Man muss nicht jeden Menschen wegschieben, nur um endlich stehen zu bleiben. Aber man darf aufhören, sich ständig selbst zur Seite zu nehmen. Man darf sagen, dass man da ist. Ich denke so. Ich schreibe so. Ich entscheide so. Ich gehe diesen Weg. Nicht gegen dich. Aber auch nicht mehr gegen mich. Und wer damit nicht klarkommt, muss nicht beleidigt sein. Er muss es nicht verstehen. Er muss es nicht gut finden. Er darf einfach weitergehen. Ich bleibe hier. Nicht laut. Nicht ätzend. Nicht als schlechter Ü45-Deutschrap-Versuch mit Rückenproblemen. Sondern als jemand, der langsam verstanden hat, dass Selbstbewusstsein nicht bedeutet, jedem „Fick dich“ entgegenzuschleudern. Manchmal bedeutet es, nicht mehr leise „Entschuldigung“ zu sagen, während man das eigene Leben verlässt.

Heiligabend wartet.

Und ich plane schon...

Es ist Sonntag, der 14. Juni. Draußen wirkt der Tag schon so, als hätte er noch einiges vor. Aber ich weiß nicht genau, was. Ich sitze seit kurz nach vier Uhr am MacBook. Im Haus ist es still. Nur der Kaffee steht neben mir und sieht aus, als hätte er nicht damit gerechnet, schon gebraucht zu werden. Eigentlich hätte ich nichts zu tun. Und wenn man an einem Sonntagmorgen im Juni nichts zu tun hat, bleibt einem als erwachsenem Menschen natürlich nur eine vernünftige Möglichkeit: Weihnachten planen. Ich könnte auch joggen gehen. Oder wie andere ausschlafen. Aber Nein. Ich öffne Reiseportale und beschäftige mich mit der Frage, wo ich Heiligabend verbringen könnte. Weil Weihnachten ja bekanntlich immer völlig überraschend kommt. Zwei Tage lang ist kurz Sommer und plötzlich steht man wieder im Supermarkt zwischen Menschen, die mit auffälliger Ernsthaftigkeit Raclettekäse vergleichen. Es sind ja auch nur noch sechs Monate und zehn Tage bis Heiligabend. Also praktisch übermorgen, wenn man dem inneren Katastrophenschutz glauben möchte.

Ich klicke mich durch Naturhäuschen, Ferienwohnungen und Hotels. Naturhäuschen klingt gut. Ein kleines Haus irgendwo im Wald. Ruhe. Kamin. Vielleicht ein Blick auf Bäume. Vielleicht Regen gegen die Scheibe. Vielleicht dieser Moment, in dem man sich einbildet, man sei ein Mensch, der freiwillig in der Stille sitzt und nicht einfach nur vor Menschen, Familiengesprächen, Geschenkpapier und Kartoffelsalatlogistik geflohen ist. Ein Hotelzimmer klingt aber auch gut. Vor allem wegen Frühstück. Hotels haben diesen Vorteil, dass morgens jemand anderes beschlossen hat, wie viele Sorten Brötchen ein Mensch braucht. Meistens sind es zu viele, aber das ist einer der wenigen Überflüsse, gegen die ich mich nur ungern wehre. Außerdem gibt es in Hotels Menschen, die am Buffet kleine Entscheidungen treffen müssen. Das beobachte ich gern. Nur aus fachlichem Interesse am Menschsein. Versteh ich ja nicht immer.

Naja. Blöd. Ich weiß nicht. Naturhäuschen oder Hotelzimmer. Allein im Wald oder anonym zwischen anderen Menschen, die ebenfalls so tun, als sei Weihnachten eine sehr gute Idee. Dann kommt die nächste Frage. Reist man am 26. Dezember wieder ab? Das klingt vernünftig. Weihnachten erledigen, Jacke anziehen, Tasche packen, weg. Andererseits ist der 26. Dezember auch dieser seltsame Tag, an dem niemand mehr genau weiß, welche Mahlzeit gerade gemeint ist. Frühstück? Mittag? Reste? Kuchen? Alles steht gleichzeitig auf dem Tisch und die Familie bewegt sich langsam durch den Raum wie ein überfüttertes Theaterstück, gespielt von Laienschauspielern auf einer Dorfbühne. Vielleicht sollte man abreisen. Vielleicht sollte man aber auch bleiben. Bis kurz vor Silvester. Oder gleich über Silvester.

Womit wir beim nächsten Problem wären. Silvester. Dieses merkwürdige Jahresendding, bei dem alle so tun, als würde um Mitternacht ein neuer Mensch aus ihnen herausfallen, nur weil irgendwo Raketen hochgehen und Menschen mit Sektgläsern Dinge sagen wie: „Dieses Jahr wird alles anders.“ Schon klar, Joachim. Ruhig bleiben, Sibylle. Wird es meistens nicht. Meistens wird nur der Januar kälter. Ich frage mich also, was ich an Silvester mache. Gehe ich irgendwo frühstücken? Klingt harmlos. Frühstück ist die angenehmste Form gesellschaftlicher Teilnahme. Man sitzt, trinkt Kaffee, isst ein Brötchen und kann jederzeit behaupten, man müsse gleich noch etwas erledigen. Feiere ich überhaupt? Schon das Wort „feiern“ macht mich müde. Es klingt nach Menschen, die um 23:47 Uhr plötzlich sehr laut werden und glauben, Polonaise sei keine Warnung, sondern eine Aktivität. Vielleicht verstecke ich mich einfach irgendwo. In einem kleinen Zimmer. Mit einer Serie, die ich bestimmt schon gesehen habe. Mit Hackbraten und Kartoffelspalten. Nicht elegant, aber ehrlich. Es gibt schlechtere Arten, ein Jahr zu beenden, als mit warmem Essen und der beruhigenden Gewissheit, dass auf dem Bildschirm wenigstens jemand ein Problem hat, das nach 45 Minuten gelöst wird. Im echten Leben dauert das meistens länger. Und hat mehr Formulare.

Während ich also am MacBook sitze und Unterkünfte vergleiche, merke ich, wie bekloppt das alles ist. Ich habe dieses Jahr nicht mal wirklich Lust auf Weihnachten, aber plane es mit einer Sorgfalt, als würde ich eine Mondlandung vorbereiten. Wo schlafen? Wann abreisen? Was essen? Wie viel Alleinsein ist gut? Wie viel Gesellschaft ist auszuhalten? Muss man Weihnachten noch mögen, nur weil es im Kalender steht? Oder darf man einfach sagen: Dieses Jahr bitte etwas leiser. Weniger Programm. Weniger Pflichtgefühl. Weniger „das macht man so“.

Vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht plane ich gar nicht Weihnachten. Vielleicht plane ich nur einen Ort, an dem ich Ende Dezember nicht das Gefühl habe, eine Rolle spielen zu müssen. Kein großes Fest. Kein Drama. Keine künstliche Besinnlichkeit, die aussieht, als hätte sie jemand bei Pinterest mit zu viel Zimt bestäubt. Nur ein paar Tage irgendwo anders. Kaffee. Frühstück. Spazierengehen. Vielleicht ein Buch. Vielleicht ein Notizbuch. Vielleicht ein Fenster, hinter dem es früh dunkel wird.

Und jetzt sitze ich hier, am 14. Juni, um kurz nach vier, mitten im Sommer, und suche nach einem Platz für Weihnachten, obwohl ich noch nicht einmal weiß, was ich heute frühstücke. Manche Menschen haben einen Fünfjahresplan. Ich habe gerade nicht mal einen überzeugenden Plan für heute, plane aber den zweiten Weihnachtsfeiertag. Ich bin so durch. Egal. Immerhin fange ich früh genug an. Nur noch sechs Monate. Man muss ja realistisch bleiben. Weihnachten kommt schließlich immer so plötzlich. Direkt nach dem Sommer. Und nach den ersten Spekulatius im September. Also eigentlich morgen.

Ach ja. Ich habe Weihnachten mal geliebt. Aber irgendwann haben Menschen daraus etwas gemacht, auf das man sich vorbereiten muss.

Sonntags gibt es Post…

Das mit den Freunden.

Eine Theorie in Boxershorts.

Es ist 4:30 Uhr. Ein Donnerstag. Kein besonderer Tag. Nichts ist passiert. Und ich habe gerade darüber nachgedacht, wie oft Menschen von ihren Freunden sprechen. Meine Freunde hier. Meine Freunde da. Auf Instagram sehe ich Fotos von Menschen, die sich mit Menschen treffen. Kaffee, Feiern, spazieren, Urlaub. Und ich sitze in Boxershorts auf der Bettkante und stelle fest, dass ich eigentlich keine Ahnung von Freundschaft habe. Vielleicht hatte ich mal welche. Vielleicht habe ich auch heute noch welche. Wer weiß das schon so genau. Ich bin nicht besonders gut darin, mich zu melden. Ich vergesse Geburtstage. Ich schreibe manchmal wochenlang niemandem. Nicht weil ich böse bin. Oder enttäuscht. Eher aus einer Mischung aus Vergesslichkeit, Eigenbrötlerei und der festen Überzeugung, dass andere Menschen vermutlich ebenfalls beschäftigt sind. Vielleicht bin ich deshalb auch kein besonders guter Freund.

Andererseits frage ich mich manchmal, ob Freundschaft überhaupt daran gemessen wird, wie oft man schreibt. Wie oft man sich meldet. Ruft man sich heute noch an? Ich weiß es nicht.  Ich kenne Menschen, die ich monatelang nicht sehe. Und wenn wir uns wieder treffen, sitzen wir nach fünf Minuten da, als hätten wir gestern noch zusammen Kaffee getrunken. Und ich kenne Menschen, mit denen ich täglich Kontakt hatte und die plötzlich komplett aus meinem Leben verschwunden sind. Lautlos. Wie Socken in der Waschmaschine. Obwohl ich mich bemüht habe. Ehrlich bemüht. Egal. Vielleicht ist Freundschaft am Ende etwas viel Einfacheres. Vielleicht sind Freunde die Menschen, bei denen man keine Rolle spielen muss. Die Menschen, die nicht nachtragen, wenn man sich drei Wochen nicht meldet. Die Menschen, die auftauchen, wenn es darauf ankommt. Oder vielleicht rede ich mir das auch nur schön, weil ich selbst nicht besonders gut in Freundschaft bin. Wie gesagt: Ich habe keine Ahnung davon. Vielleicht ist das schon die ehrlichste Antwort, die ich zu diesem Thema habe.

Und die zweite ehrliche Antwort ist vielleicht, dass es mir mittlerweile gar nicht mehr so wichtig ist. Nicht aus Enttäuschung. Nicht aus Wut. Nicht einmal aus Resignation. Mittlerweile habe ich einfach festgestellt, dass ich erstaunlich viele Dinge problemlos allein machen kann. Ich kann allein essen gehen. Allein verreisen. Allein ins Kino. Allein durch eine fremde Stadt laufen und dabei einen völlig überteuerten Kaffee trinken. Früher hätte ich das vielleicht seltsam gefunden. Heute nicht mehr. Seltsam finde ich eher, wie oft Menschen darauf reagieren, als hätte ich ihnen gerade erzählt, dass ich unter einer Brücke wohne. „Ach Mensch.“ „Das tut mir leid.“ „Das ist bestimmt traurig.“ Nein Hildegard. Traurig ist etwas anderes. Allein sein und einsam sein sind nicht dasselbe. Zumindest nicht immer. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich bei Freundschaften inzwischen deutlich entspannter bin als früher. Ich hab ja dazu gelernt. Nicht jeder Mensch ist dafür gedacht, lange zu bleiben. Manche begleiten einen nur ein Stück. Irgendwann merkt man, dass das Leben erstaunlich gut darin ist, die richtigen Menschen zu behalten und die anderen zu einer Erinnerung zu machen. Und selbst die verblasst.

Es gab allerdings auch mal eine Zeit, da war ich nicht so gefestigt wie heute. Da wollte ich dazugehören. Da fand ich es wichtig, gemocht zu werden. Da habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was andere von mir denken. Ob ich sympathisch wirke. Ob ich interessant genug bin. Ob ich irgendwo hineinpasse. Und je älter ich werde, desto absurder kommt mir dieser Gedanke vor. Denn dazugehören hat oft einen Preis. Einen, den ich gar nicht bezahlen will. Man passt sich an. Man lacht über Dinge, die man gar nicht lustig findet. Man sagt Dinge nicht, die man selbst lustig findet.  Man nickt bei Meinungen, die man eigentlich nicht teilt. Man sagt lieber nichts, statt anzuecken. Man wird ein kleines bisschen zu der Person, die andere gerne hätten. Und ein kleines bisschen weniger zu der Person, die man eigentlich ist. Das funktioniert erstaunlich lange. Bis man irgendwann feststellt, dass man eine Rolle spielt, die allen gefällt, außer einem selbst. Nee, Frank. Mit aller Gewalt irgendwo dazugehören zu wollen, darauf habe ich wirklich keinen Bock mehr.

Wenn ich tot bin.

Einige Anmerkungen...

Vor ein paar Tagen saß ich mit meinem Vater am Küchentisch. Draußen regnete es. Nicht besonders stark. Eher dieser gleichmäßige Regen norddeutscher Art, der irgendwann einfach dazugehört. Im Raum roch es nach Kaffee und ein bisschen nach dem schwarzen Tee, den mein Vater seit Jahren trinkt. Er las die Zeitung online. Zumindest sah es so aus. Zwischendurch blickte er immer wieder aus dem Fenster. Auf der Scheibe liefen Regentropfen nach unten. Manche schnell. Manche langsam. Einige blieben kurz hängen, bevor sie weiterzogen. Es sah aus wie ein kleines Wettrennen. Wer zuerst unten ankommt. Wer unterwegs die anderen einsammelt. Wer gewinnt. Vollkommen sinnlos natürlich. Aber erstaunlich viele Dinge sehen mit etwas Abstand wie ein Wettbewerb aus. Mein Vater beobachtete das eine Weile. Dann klickte er wieder und sagte kurz darauf: „Oliver Brandt ist auch gestorben.“

Der Name stimmt übrigens nicht. Den habe ich geändert. Nicht, weil die Geschichte dadurch besser wird. Sondern aus Respekt vor dem Menschen, um den es geht.

Er sagte es ungefähr in demselben Tonfall, in dem andere Menschen erwähnen würden, dass morgen Regen angesagt ist. Ich kannte Oliver Brandt nicht. Wobei das auf dem Land manchmal schwer zu sagen ist. Man kennt jemanden. Oder jemanden, der jemanden kennt. Vielleicht hat man irgendwann vor fünfundzwanzig Jahren zusammen in einer Schlange vor einer Pommesbude gestanden. Oder auf einer Dorffete nebeneinander an der Theke. Ein paar Worte gewechselt. Ein Bier getrunken. Oder drölf. Und heute erinnert man sich nicht mehr daran. „Jahrgang 80“, sagte mein Vater. Ich nickte. Das war der Moment, in dem die Zahl plötzlich größer wirkte als sonst. 1980. Das sind Menschen in meinem Alter. Menschen mitten im Leben. Menschen, die vielleicht noch Pläne hatten. Menschen, die vermutlich noch Rechnungen bezahlen mussten. Menschen, die vielleicht dachten, sie hätten noch Jahrzehnte Zeit für all die Dinge, die man immer auf später verschiebt. Menschen, die eigentlich noch jeden Tag Zeit mit ihrer Familie, mit ihren Kindern hätten verbringen sollen. Mein Vater las weiter. Draußen liefen die Regentropfen ihr Rennen. Drinnen wurde es für einen Moment still. Und ich dachte daran, wie merkwürdig das eigentlich ist. Irgendwann wird jeder von uns zu einer dieser kurzen Meldungen. Ein Name. Ein Alter. Zwei Sätze am Küchentisch. Keine große Ankündigung. Kein Trommelwirbel. Nur ein Satz zwischen Kaffee, Zeitung und Regen. „Die Lichterandacht ist am Donnerstag“, sagte mein Vater. Dann las er weiter. Die Bestattung finde im engsten Familienkreis statt, stand dort.

Früher hätte an dieser Stelle vermutlich noch etwas vom Rosenkranz gestanden. Zumindest hier im Oldenburger Münsterland. Wenn jemand starb, trafen sich die Menschen an mehreren Abenden in der Kirche. Es wurde gebetet. Nicht drei Minuten. Nicht zwischen zwei Terminen. Sondern richtig. Die Kirche war manchmal voll. Manchmal nicht. Heute gibt es immer häufiger eine Lichterandacht. Kerzen brennen. Menschen sitzen schweigend in den Bänken. Es ist ruhiger geworden. Vielleicht auch etwas persönlicher. Statt monotonem Gebet gibt es Lieder, Geschichten und Fürbitten. Oft werden Lieder gespielt, die die verstorbene Person gemocht hat. Sofern sie natürlich in den katholischen Rahmen passen. Ob das anderswo genauso ist, weiß ich nicht. Bayern macht bei solchen Dingen ohnehin gern sein eigenes Programm. Dort gibt es gefühlt so viele kirchliche Feiertage, dass man manchmal den Eindruck bekommt, die Termine würden nach dem Motto festgelegt: Jesus wird schon irgendetwas gemacht haben. Draußen liefen die Regentropfen noch immer über die Scheibe.

Schon seltsam. Gestern habe ich noch darüber nachgedacht, wo ich mich in fünf Jahren sehe. Heute denke ich darüber nach, wie meine Beerdigung aussehen soll. Vielleicht gehört auch das zum Älterwerden. Dass man irgendwann feststellt, dass Fünfjahrespläne und Beerdigungen erstaunlich dicht beieinanderliegen können. Naja. Jedenfalls kam mir gerade der Gedanke, dass man solche Dinge vermutlich zu Lebzeiten sagen sollte. Danach ergibt es wenig Sinn. Dann entscheiden die Angehörigen. Und das ist auch völlig in Ordnung. Man selbst hat zu diesem Zeitpunkt vermutlich andere Termine. Deshalb mache ich das jetzt einfach öffentlich. So kann später niemand behaupten, er hätte von nichts gewusst. Außerdem sind Notare teuer. Ich vertraue stattdessen auf die Macht öffentlicher Dokumentation und das schlechte Gewissen einiger Hinterbliebener. Ob am Ende wirklich alles genauso umgesetzt wird, weiß ich natürlich nicht. Und ehrlich gesagt wird es mir dann auch ziemlich egal sein. Ich bin tot. Und wenn alles gut läuft, habe ich dann endlich meine Ruhe.

Was sein soll.

Ich bin nicht katholisch, nicht in der Kirche und dementsprechend fällt die Sache mit dem Rosenkranzgebet ohnehin schon mal weg. Hölle, Fegefeuer und ähnliche Einrichtungen sind schließlich eher christliche Angelegenheiten. Soweit ich weiß, bin ich davon nicht betroffen. Ich möchte aber auch keine Lichterandacht. Keine Abschiedsfeier. Keine Anzeige in der Zeitung. Keine Todesanzeige mit Sonnenuntergang, Tauben oder dem Satz, dass ich nun meinen Frieden gefunden hätte. Wenn ich meinen Frieden gefunden habe, werde ich das schon selbst merken.

Überhaupt habe ich nie verstanden, warum Menschen nach ihrem Tod plötzlich zu Veranstaltungen werden. Zu Programmpunkten. Zu Terminen mit Liederzetteln. Da stehen dann Menschen zusammen, die sich teilweise seit Jahren nicht gesehen haben. Manche wissen nicht so recht, was sie sagen sollen. Andere sagen deutlich mehr, als sie sollten. Irgendjemand fragt, ob es anschließend noch Kaffee und Kuchen gibt. Jemand erzählt eine Geschichte, die nicht ganz stimmt. Ein anderer erzählt eine, die niemand hören wollte. Und irgendwo sitzt ein entfernter Verwandter und überlegt, ob er anschließend noch zwei Frikadellen von Vorworld holen soll. So sind Menschen. Und das meine ich nicht einmal böse. Deshalb hätte ich gern die denkbar unspektakulärste Lösung.

Ich möchte verbrannt werden. Den Körper brauche ich dann ja eh nicht mehr. Ehrlicherweise war er in den letzten Monaten ohnehin zunehmend wartungsintensiv. Irgendwann fängt jedes Modell an zu klappern. Meistens fängt es von innen an. Außerdem hatte Feuer schon immer etwas Faszinierendes. Es spendet Wärme. Es beruhigt. Es vernichtet Dinge zuverlässig. Gut, letzteres klingt jetzt deutlich problematischer, als ich es gemeint habe. Ich möchte keine Grabstelle. Keinen Stein. Keine Vase. Kein Grablicht. Keinen Ort, an dem Menschen das Gefühl haben, sie müssten einmal im Jahr vorbeifahren, damit niemand denkt, sie hätten mich vergessen. Vergessen ist ohnehin ein merkwürdiges Wort. Die meisten Menschen werden nicht vergessen. Man denkt einfach nur nicht mehr an sie. Und das ist völlig normal.

Am liebsten wäre mir deshalb, irgendein Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens fährt irgendwann los. Vielleicht an einem Dienstag. Vielleicht nach seiner Frühstückspause. Vielleicht hört er dabei Radio. Vielleicht denkt er an seinen Feierabend. Und irgendwo auf diesem Weg verstreut er das, was von mir übrig ist, dort, wo er darf. Ohne Rede. Ohne Publikum. Ohne bedeutungsvolle Musik. Einfach so. Die Vorstellung gefällt mir. Kein Ort, an dem man mich besuchen kann. Kein Ort, an dem man Blumen ablegt. Kein Ort, an dem man traurig sein muss. Die Menschen können stattdessen spazieren gehen. Kaffee trinken. Ein Buch lesen. Mit ihren Kindern Zeit verbringen. Sich verlieben. Sich streiten. Wieder versöhnen. Leben eben.

Das erscheint mir sinnvoller als um mich zu trauern oder an mich zu denken. Ich komm eh nicht nochmal zurück. Da müsste ich ja schon bescheuert sein. Und falls sich irgendwann doch jemand an mich erinnert, dann hoffentlich nicht wegen eines Grabsteins. Sondern wegen einer Geschichte. Oder eines Satzes. Oder weil ich irgendjemandem irgendwann völlig ungefragt erzählt habe, warum man nachts um drei spazieren gehen sollte oder wie wir von der Insel Spiekeroog geworfen wurden. Das würde mir reichen.

Der Gedanke gefällt mir. Einfach verschwinden. Ohne Abschied. Ohne Musik. Ohne Menschen, die sich fragen, ob sie etwas hätten anders machen können. Wie ein Tropfen Wasser, der kurz aus dem Ozean springt und irgendwann wieder Teil von ihm wird. So, wie er es eigentlich die ganze Zeit gewesen ist.

„Der Sportverein hat übrigens das Derby gegen den Nachbarort verloren“, sagte mein Vater.

Ich nickte. Dann wurde es wieder still. Das Leben hat eine bemerkenswerte Eigenschaft. Es geht weiter. Vollkommen unabhängig davon, was wir davon halten. Der Regen fällt. Irgendwo verliert jemand ein Fußballspiel. Irgendwo wird Kaffee gekocht. Irgendwo sitzt jemand am Küchentisch und macht Pläne für die nächsten zehn Jahre. Während ein anderer gerade erfährt, dass er vielleicht gar keine zehn Jahre mehr hat. Die Welt hält nicht an. Nicht für Fußballvereine. Nicht für Liebeskummer. Nicht für Trennungen. Nicht für uns. Und vielleicht liegt genau darin etwas, dass ich richtig gut finde. Vergessenwerden hat in meinen Gedanken nichts Bedrohliches mehr. Eher etwas Friedliches. Die meisten Menschen wollen Spuren hinterlassen. Etwas Bleibendes schaffen. Einen Ort, an dem man sich an sie erinnert. Ich kann das verstehen. Aber immer öfter denke ich, dass auch das Verschwinden seinen Reiz hat. Nicht ausgelöscht werden. Nicht ausradiert. Eher zurückkehren. In das große Durcheinander aus Erinnerungen, Geschichten und vergangenen Tagen. Dort, wo irgendwann alles landet. Die guten Entscheidungen. Die schlechten. Die großen Erfolge. Die peinlichen Momente. Die Gespräche. Die Spaziergänge. Die Menschen. Vielleicht, weil am Ende ohnehin alles weiterläuft und nichts von dem, was war noch wichtig ist. Alles läuft einfach weiter.

Der Regen.
Die Fußballspiele.
Und das Leben.

Nur man selbst ist irgendwann kein Teil mehr davon.
Und vielleicht ist auch das völlig in Ordnung.

In fünf Jahren.

Eine Prognose, ohne Gewähr.

Das Wartezimmer war überraschend voll. Nicht unangenehm voll. Eher diese besondere Art von voll, die man nur in Arztpraxen erlebt. Zehn Menschen in einem Raum, die alle so tun, als wären die anderen neun gar nicht da. Eine ältere Dame blätterte in einer Zeitschrift. Zwei Männer starrten auf ihre Smartphones. Ein dritter sah einfach nur gegen die Wand. Vielleicht war sein Akku leer. Vielleicht hatte er seinen inneren Frieden gefunden. Vielleicht dachte er in Ruhe über das Leben nach. Man konnte es nicht genau sagen. Auf den kleinen Tischen lagen Magazine über Reisen, Gesundheit und Gartenarbeit. Vermutlich die drei großen Themen, die uns irgendwann alle in Arztpraxen einholen. An den Wänden hingen große Fotografien von Bergen. Morgenlicht. Gipfel. Schmale Wege zwischen Felsen. Wirklich gute Bilder. Nicht die üblichen Dekofotos, die aussehen, als wären sie zusammen mit einem Aktenschrank bestellt worden. Ich fragte mich, ob die Ärztin sie selbst fotografiert hatte. Zutrauen würde ich es ihr. Viel Zeit blieb mir allerdings nicht, um darüber nachzudenken. Die Tür öffnete sich.

Herr Luttmann“ sagte sie mit einem Augenzwinkern, „kommen Sie einmal mit.

Ich stand auf. Der erste Raum rechts, meinte sie. Ich ging voraus. Sie hinterher. Es war nur eine Nachbesprechung. Nichts Dramatisches. Gesundheitlich war alles in Ordnung. Wir sprachen über dieses, jenes, Krankenkassenkram und Dinge, die Menschen in weißen Kitteln deutlich besser verstehen als ich. Dann war das Gespräch eigentlich schon vorbei. Die Ärztin sah kurz auf ihren Bildschirm, dann wieder zu mir.

Sag mal Torsten, wo siehst du dich eigentlich in fünf Jahren?

Eine interessante Frage. Vor allem, wenn man mit Mitte vierzig in einer Arztpraxis sitzt und vor fünf Jahren vermutlich etwas völlig anderes geantwortet hätte. Ich dachte kurz nach. Dann stellte ich fest, dass ich zwar ungefähr wusste, was ich heute Nachmittag mache. Aber bei den nächsten fünf Jahren wurde es überraschend dünn.

Ich sollte vielleicht dazusagen, dass diese Frage in unserem Fall etwas weniger seltsam war, als sie auf den ersten Blick klingt. Wir kennen uns schon länger und sind inzwischen beim Du angekommen. Trotzdem gehört die Frage „Wo siehst du dich in fünf Jahren?“ normalerweise eher in Bewerbungsgespräche, Karrierecoachings oder in diese Podcasts, die von Menschen moderiert werden, die mit dreiunddreißig bereits sieben Unternehmen gegründet haben und morgens freiwillig Selleriesaft trinken. In einer Arztpraxis hatte ich damit jedenfalls nicht gerechnet.

Vielleicht hat mich die Frage deshalb so beschäftigt. Weil sie mich auf dem falschen Fuß erwischt hat. Oder vielleicht auf dem richtigen. Wenn ich auf die letzten sechs Monate zurückblicke, fühlt sich vieles davon an, als hätte jemand meinen bisherigen Lebenslauf genommen, kräftig geschüttelt und anschließend die Seiten in einer anderen Reihenfolge wieder eingeheftet. Ich habe in den letzten Monaten mehr Zeit in Zügen verbracht als in vielen Jahren zuvor. Ich habe Orte gesehen, die ich vorher nur von Landkarten kannte. Menschen verloren. Andere kennengelernt. Gewohnheiten abgelegt. Neue begonnen. Pläne gemacht. Pläne verworfen. Dinge beendet, von denen ich dachte, sie würden für immer bleiben. Und Dinge begonnen, mit denen ich nie gerechnet hätte. Vor einem halben Jahr hätte ich viele Entwicklungen meines heutigen Lebens vermutlich für eher unwahrscheinlich gehalten. Und ich glaube, genau deshalb fiel mir die Antwort so schwer. Weil ich inzwischen gelernt habe, dass fünf Jahre eine erstaunlich lange Zeit sind. Lang genug, um sich zu verlieben. Lang genug, um sich zu trennen. Lang genug, um ein Haus zu kaufen, einen Job zu wechseln, ein Buch zu schreiben, auszuwandern, einen Hund anzuschaffen oder festzustellen, dass man eigentlich lieber mit dem Zug durch Deutschland fährt, als man jemals vermutet hätte.

Mit anderen Worten:
Ich habe keine Ahnung, wie mein Leben in fünf Jahren aussieht. Aber genau deshalb mag ich die Frage. Also habe ich beschlossen, eine Prognose zu wagen. Ohne Gewähr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Also gut. Eine Prognose. In fünf Jahren bin ich fünfzig. Verrückt. Ein Satz, der auf dem Papier deutlich sachlicher aussieht, als er sich anfühlt. Fünfzig klingt nach Menschen, die beim Aufstehen Geräusche machen und in Baumärkten ernsthaft über Akkuschrauber sprechen. Andererseits mache ich beim Aufstehen bereits Geräusche und habe auch schon erstaunlich ernsthaft über solche Teile gesprochen. Vielleicht ist der Übergang also fließender, als man denkt. Na gut. Ich sehe mich nicht in einer großen Stadt. Das kann ich ziemlich sicher sagen. Keine Altbauwohnung im vierten Stock. Kein Innenhof, in dem jemand um 23:17 Uhr noch Flaschen in einen Glascontainer wirft. Kein Nachbar, der glaubt, Techno sei ein tragfähiges Lebenskonzept. Auf gar keinen Fall. Ich sehe eher ein kleines Haus, eine kleine Wohnung am Rand eines Ortes. Irgendwo, wo morgens noch Nebel über den Feldern und Bäumen liegt. Wo man den Tag hören kann, bevor er anfängt. Eine Küche mit einem alten Tisch. Kaffee. Notizbücher. Schuhe an der Tür. Eine Jacke über einem Stuhl. Vielleicht ein Blick auf Bäume. Vielleicht ein schmaler Weg hinter dem Haus, der nirgendwo Besonderes hinführt und gerade deshalb wichtig ist.

Oder es ist ein Van. Auch möglich. Ein ausgebauter Kastenwagen mit Bett, kleiner Küche, Kamera, Laptop und viel zu wenig Stauraum für einen Menschen, der behauptet, nicht viel zu brauchen und dann trotzdem drei Jacken, zwei Paar Schuhe und ein Buch zu viel einpackt. Vielleicht stehe ich damit irgendwo im Sauerland. Oder in der Lüneburger Heide. Vielleicht in Schweden, Norwegen oder im Allgäu. Oder auf einem Parkplatz, der auf Fotos deutlich romantischer wirkt, als er in Wirklichkeit ist. Ganz ausschließen kann man das nicht. Wahrscheinlich wird es irgendwo dazwischen liegen. Ein fester Ort. Und die Möglichkeit, jederzeit loszufahren. Das klingt für mich gerade nach einer ziemlich brauchbaren Zukunft.

Ich glaube, ich werde schreiben. Nicht nur ein bisschen. Nicht nur, wenn Zeit übrig bleibt. Sondern richtig. Regelmäßig. Mit diesem seltsamen Ernst, den man entwickelt, wenn man merkt, dass eine Sache nicht einfach nur ein Hobby ist, sondern der eigene Weg. Vielleicht steht dann ein Buch von mir in irgendeinem Regal. Vielleicht sogar zwei. Vielleicht liegt eines davon auf einem Nachttisch neben einer Lesebrille, einem Wasserglas und einem Ladekabel, das natürlich wieder nicht richtig funktioniert. Ich werde vermutlich immer noch morgens früh wach sein. Vielleicht nicht mehr ganz so dramatisch. Vielleicht nicht mehr um drei. Aber früh genug, um draußen zu sein, bevor der Rest der Welt seine Jacke gefunden hat. Ich werde laufen. Oder gehen. Oder irgendwo an einem Bahnsteig stehen, mit Kaffee in der Hand und dieser leichten Verwunderung darüber, dass Menschen freiwillig Rollkoffer benutzen, deren Räder klingen wie ein kaputter Einkaufswagen auf Kopfsteinpflaster.

Ich sehe mich unterwegs. Nicht ständig. Nicht mehr rastlos. Aber regelmäßig. Züge. Hotels. Raststätten. Cafés. Waldwege. Kleine Städte. Orte, an denen niemand erwartet, dass etwas passiert, und an denen deshalb oft die besten Geschichten beginnen. Ich werde vermutlich immer noch Menschen beobachten, die an Ticketautomaten verzweifeln, vor Bäckereien diskutieren, im Bordbistro zu lange auf ein belegtes Brötchen schauen oder im Hotel beim Frühstück so viel Entschlossenheit in die Bedienung eines Waffeleisens legen, dass man kurz Angst bekommt.

Ich hoffe, dass ich dann klüger bin.

Nicht im Sinne von weise. Weise Menschen tragen in meiner Vorstellung Leinenhemden, rauchen selbstgedrehte Zigaretten und sagen Dinge wie „Alles ist im Fluss“. Ich meine eher eine praktische Klugheit. Weniger erklären. Weniger rechtfertigen. Weniger Dinge festhalten, die längst weitergegangen sind. Mehr machen. Mehr schreiben. Mehr rausgehen. Mehr sehen. Mehr leben. Vielleicht ist das die eigentliche Prognose. Also nicht, wo ich wohne. Nicht, welches Auto oder welcher Van vor der Tür steht. Nicht, wie viele Bücher veröffentlicht sind. Nicht, wie viele Menschen meine Texte lesen. Sondern dass ich in fünf Jahren näher an dem Leben bin, das sich nach mir anfühlt. Ein bisschen freier. Ein bisschen klarer. Ein bisschen weniger bereit, mich von Dingen beeindrucken zu lassen, die eigentlich nur laut sind. Und wenn alles gut läuft, sitze ich an irgendeinem Morgen in dieser Küche. Oder in diesem Van. Oder auf einer Bank vor einem Bahnhof. Vor mir ein Kaffee. Neben mir ein Notizbuch. Draußen beginnt der Tag. Irgendwo fährt ein Lieferwagen vorbei. Jemand schließt eine Tür. Ein Hund bellt. Die Welt macht ihre üblichen Geräusche. Und ich schreibe einen Satz auf. Vielleicht keinen besonders großen. Aber einen echten. Vielleicht ist das am Ende ohnehin alles, was ich mir für die nächsten fünf Jahre wünsche:

Dem Leben ein Stück näher zu kommen, das sich nach mir anfühlt.

Zu viele Fragen.

Vielleicht ist das das Problem.

Es ist Montag. 5:54 Uhr. Vor der kleinen Bäckerei an der Hauptstraße stehen bereits vier Menschen. Handwerker in voller Montur. Zimmerleute. Ich finde das bemerkenswert. Um diese Uhrzeit sollten Menschen eigentlich noch träumen oder zumindest darüber nachdenken, sich noch einmal umzudrehen. Stattdessen stehen sie hier. Mit Jacken, Zimmermannshosen, Hammerketten. Mit Autoschlüsseln. Und mit Gesichtern, die aussehen, als hätten sie den Tag bereits geprüft und seien zu dem Ergebnis gekommen, dass man das Ganze durchaus kritisch sehen darf. Verständlich. Auf der anderen Straßenseite wartet ein Mann an der Fußgängerampel. Obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist. Er wartet trotzdem. Vielleicht aus Prinzip. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht hat er einfach nicht die Energie für eine Ordnungswidrigkeit. Oder er geht davon aus, dass irgendwo gerade ein Kind aus dem Fenster schaut und er kein schlechtes Vorbild sein möchte. Das wäre schon richtig cool. Neben ihm führt eine Frau ihren Hund an ihm vorbei. Sie gehen spazieren. Wobei „führen“ nicht ganz richtig ist. Der Hund wirkt deutlich motivierter als die Frau. Er hat offenbar Pläne. Sie sieht eher aus, als hätte sie gerne noch eine Stunde geschlafen. Autos rollen Richtung Arbeit. Die Fahrer blicken konzentriert nach vorne. Niemand winkt. Niemand lächelt. Niemand macht den Eindruck, als hätte er gerade gedacht: Mensch, Montagmorgen. Genau darauf habe ich mich gefreut. Morgens um kurz vor sechs begegnet man selten Optimisten. Und doch passiert etwas Merkwürdiges. An jedem Werktag stehen dieselben Menschen wieder auf. Kaufen dieselben Brötchen. Warten an derselben Ampel. Fahren dieselbe Strecke. Vielleicht ist das der eigentliche Beweis dafür, dass der Mensch eine erstaunlich zähe Spezies ist. Oder die Bäckerei verkauft wirklich gute Brötchen.

Arbeit ist ja generell ein Thema. Für die meisten Menschen jedenfalls. Das ist auch verständlich. Schließlich verbringen viele mehr Zeit mit ihren Kollegen als mit ihren Freunden. Manche vermutlich sogar mehr Zeit als mit ihren Partnern. Oder mit ihren Schwiegermüttern. Was vermutlich auch besser so ist. Fragt man jemanden, wer er ist, bekommt man nach dem Namen oft direkt den Beruf geliefert. „Ich bin Zimmermann“, würde wahrscheinlich einer der Männer vor der Bäckerei sagen. „Finanzbuchhalter“, vielleicht der Mann an der Ampel. Und die Frau mit dem Hund ist möglicherweise Geschäftsführerin eines Unternehmens, das Autoteile verkauft. Man weiß es nicht.

Interessant ist allerdings, dass kaum jemand antwortet: Ich lese gerne Krimis. Ich kann ausgezeichnet Kartoffelsalat machen. Ich habe vor acht Jahren einem verletzten Igel das Leben gerettet und meine Lieblingsfarbe ist Ocker. Nein. Wir sagen, was wir arbeiten. Als wäre das die Kurzfassung unseres Lebens. Es scheint fast, als wäre das Wer die Konsequenz des Was. Als würde man erst lange genug etwas tun müssen, damit man irgendwann genau das wird. Zimmermann. Buchhalter. Geschäftsführerin. Fotograf. Autor. Vielleicht funktioniert das Leben tatsächlich so. Vielleicht aber auch nicht. Wenn mich jemand fragt, was ich mache, wird es meistens etwas kompliziert. Ich schieße Fotos. Ich schreibe Texte. Ich veröffentliche Dinge im Internet. Je nachdem, wen man fragt, bin ich Fotograf, Autor oder Content Creator. Wobei Content Creator ungefähr so klingt, als würde ich morgens in einer Fabrik Content herstellen und ihn anschließend palettenweise ausliefern. Aber beantwortet das wirklich die Frage, wer ich bin? Ich bin mir nicht sicher.

Vielleicht beschäftigt mich die Frage auch mehr, als sie sollte. Während andere Menschen morgens Brötchen kaufen, zur Arbeit fahren und ihren Tag starten, gehe ich an einer Bäckerei vorbei und denke darüber nach, ob der Beruf eines Menschen wirklich die Antwort auf die Frage ist, wer er eigentlich ist. Das ist ja nicht besonders hilfreich. Also, es hilft mir nicht. Vielleicht wäre ich deshalb manchmal gerne etwas einfacher gestrickt. Etwas dümmer. Das soll nicht heißen, dass ich besonders intelligent wäre. Gott bewahre. Ganz im Gegenteil. Es gibt so viele, viele Sachen, von denen ich keine Ahnung habe. Aber ich glaube, dass Menschen, die etwas einfacher gestrickt sind, es im Alltag oft leichter haben. Sie hinterfragen nicht jede Kleinigkeit. Sie analysieren nicht jedes Gespräch. Sie überlegen nicht drei Tage später noch, was jemand mit einem bestimmten Satz gemeint haben könnte. Sie erleben eine Situation und gehen anschließend einfach weiter. Ich aber erlebe eine Situation und eröffne innerlich eine sechsköpfige Untersuchungskommission. Mit Protokoll. Und mehreren Ausschüssen.

Und das betrifft eben nicht nur Dinge, die passiert sind. Auch die Dinge, die vielleicht passieren könnten. Ich spiele jedes bevorstehende Szenario tausendfach durch. Gespräche. Termine. Begegnungen. Entscheidungen. Nachrichten, die noch gar nicht geschrieben wurden. Ich kenne von allem bereits die Langfassung. Die Kurzfassung. Die Katastrophenfassung. Und meistens sehe ich natürlich nicht die Version, in der alles gut läuft. Sondern die, in der ich etwas Falsches sage. In der jemand komisch guckt. In der ein Satz falsch verstanden wird. In der ich zu spät komme. Oder irgendwo stehe und plötzlich nicht mehr weiß, warum ich überhaupt gekommen bin. Mein Kopf ist in solchen Momenten kein Kopf. Er ist ein schlecht geführtes Krisenzentrum. Mit Neonlicht. Kaltem Kaffee. Ohne gelbe Sicherheitswesten. Vielleicht lebt es sich leichter, wenn man die Dinge einfach hinnimmt, wie sie sind.

Und schon wieder sind tausend Tabs in meinem Kopf geöffnet. Der Mann an der Ampel scheint mir zum Beispiel nicht besonders belastet von der Frage zu sein, wer er wirklich ist. Er wartet einfach. Auf Grün. Seit gefühlt drei Stunden. Obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist. Vielleicht hat er die Sache verstanden. Vielleicht ist er einfach nur auf dem Weg zur Arbeit. Man weiß es nicht. Jedenfalls wirkt er nicht wie jemand, der morgens um kurz vor sechs über Identität, Lebenswege und die großen Fragen des Lebens nachdenkt. Er steht da. Die Ampel ist rot. Also wartet er. Fertig. Und ich? Ich versuche herauszufinden, wer ich bin, was ich mache, warum ich es mache und ob das überhaupt einen Unterschied macht. Wie viele Bundesländer hat Niedersachsen? Ich weiß es nicht. Wofür steht AOK? Keine Ahnung. Warum bleiben Menschen freiwillig um 5:59 Uhr an einer Fußgängerampel stehen, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist? Ebenfalls keine Ahnung.

Vielleicht ist das überhaupt mein Problem. Nicht, dass ich zu wenig Antworten habe. Sondern dass ich zu viele Fragen stelle. Warum hat jemand das gesagt? Warum hat jemand etwas nicht gesagt? Warum meldet sich jemand nicht? Warum verhält sich jemand so? Warum verhält sich jemand anders? Warum passiert etwas? Warum passiert etwas nicht? Irgendwann sitzt man zwischen all diesen Fragen wie ein Hausmeister in einem Gebäude voller Alarmanlagen und hat längst vergessen, welcher Ton eigentlich wichtig war. Dabei gibt es für viele Dinge vermutlich eine erstaunlich einfache Lösung. Menschen verhalten sich manchmal seltsam. Lass sie. Menschen antworten nicht. Lass sie. Menschen melden sich nicht mehr. Lass sie. Menschen treffen Entscheidungen, die man selbst niemals treffen würde. Lass sie.

Ich muss nicht alles verstehen, nicht, nicht alles analysieren. Nicht alles braucht einen Abschlussbericht meiner sechsköpfigen Untersuchungskommission. Vielleicht ist das der Grund, warum der Mann an der Ampel deutlich entspannter wirkt als ich. Die Ampel ist rot. Also wartet er. Die Ampel wird irgendwann grün. Also geht er weiter. Fertig. Kein Grübeln. Kein Hinterfragen. Keine Ausschüsse. Keine Protokolle. Nur ein Mann. Eine Ampel. Ein Montagmorgen. Und vielleicht steckt in dieser Ampel mehr Lebensweisheit als in den meisten Büchern über Persönlichkeitsentwicklung. Die Ampel springt auf Grün. Der Mann geht los. Die Frau mit dem Hund verschwindet um die nächste Ecke. Die Handwerker fahren aufn Bau. Und ich gehe weiter. Immer noch mit deutlich mehr Fragen als Antworten. Aber vielleicht ist das auch in Ordnung. Man muss schließlich nicht alles wissen. Zum Beispiel nicht, wofür AOK steht. Oder wie viele Bundesländer Niedersachsen hat. Wobei. Niedersachsen ist ja selbst ein Bundesland.

Vor ein paar Tagen saß ich im Zug. Wie so oft. Dort saß ein Mann, der versuchte, seinen Laptop mit dem WLAN zu verbinden. Oder so was in der Art. Jedenfalls funktionierte es nicht. Irgendwann gab er auf, klappte das Gerät zu und schaute von da an einfach nur aus dem Fenster. Er wirkte wie jemand, der bereits drei wichtige Entscheidungen getroffen hatte, bevor andere überhaupt den Wecker ausgeschaltet haben. Als wir an einem Bahnhof hielten, griff er plötzlich in seine Jackentasche, zog einen kleinen Notizblock hervor und schrieb etwas auf. Nur einen Satz. Dann steckte er den Block wieder weg. Ich habe keine Ahnung, was dort stand. Vielleicht eine Einkaufsliste. Vielleicht eine Erinnerung. Vielleicht sogar die Idee für ein Buch. Aber genau solche Momente interessieren mich. Es sind selten die großen Geschichten. Es sind die kleinen. Die Dinge, die zwischen zwei Bahnhöfen passieren. Oder auf einem Bahnsteig. Die Gespräche an Hotelrezeptionen. Die Frau an der Supermarktkasse, die erklärt, dass früher alles besser war, während sie mit ihrer Kundenkarte kämpft. Der Mann auf dem Parkplatz, der seit zehn Minuten versucht, sein Fahrrad auf einem Fahrradträger zu befestigen und dabei langsam jede Hoffnung verliert. Die Kellnerin, die genau weiß, welcher Stammgast gleich welchen Kaffee bestellt. Von außen betrachtet passiert ja nicht viel. Und doch passiert in diesen Momenten oft das ganze Leben.

Meistens verpasst man diese Momente. Nicht, weil sie selten wären. Sondern weil man nicht hinsieht. Weil man mit den eigenen Gedanken beschäftigt ist. Mit dem nächsten Termin. Mit irgendeiner Nachricht auf dem Handy. Oder mit der Frage, was andere wohl denken könnten. Neulich traf ich Jana. Wir saßen zusammen, tranken Kaffee und erzählten uns, was in den letzten Monaten passiert war. Was war. Was ist. Und was vielleicht noch kommt.

„Das habe ich ja gar nicht mitbekommen“, sagte sie irgendwann.

Kurz darauf sagte sie es noch einmal. Und dann noch einmal. Ich musste lachen. Nicht, weil es lustig war. Sondern weil mir auffiel, wie viele Dinge wir inzwischen über Menschen zu wissen glauben und wie viel wir trotzdem nicht mitbekommen. Ich erzählte ihr von meinem Blog. Von den Geschichten. Von den Texten. Sie zuckte mit den Schultern und meinte, ihr Leben sei manchmal einfach zu spannend, um ständig im Internet zu hängen. Jana ist übrigens einer der wenigen Menschen, bei der ich im Auto sitze, ohne ihr auf Instagram zu folgen. Und soweit ich weiß, folgt sie mir auch nicht. Trotzdem kann ich sagen, dass wir voneinander wissen, was wichtig ist.  Vielleicht sogar mehr als viele Menschen, die jeden Tag unsere Stories sehen. Meistens jedenfalls. Und das ist auch okay. Vielleicht gehört das auch zum Leben. Dass man nicht alles liken muss. Nicht alles kommentieren. Nicht jeden Gedanken teilen. Und trotzdem irgendwie miteinander verbunden bleibt.

Die meisten dieser Gespräche verschwinden irgendwann wieder. Nicht, weil sie unwichtig wären. Sondern weil das Leben weitergeht. Manche schreibe ich auf. Manche werden zu Blogbeiträgen. Manche eben nicht. Und weil nicht jeder jeden Tag auf meiner Website vorbeischauen möchte, werde ich künftig sonntags einen Newsletter verschicken.

Dort landen die wichtigsten Texte der Woche. Geschichten, die es nicht auf den Blog schaffen. Beobachtungen, die zu klein für einen eigenen Beitrag sind. Interessantes, was nicht immer öffentlich sein soll. Notizen von unterwegs. Gedanken, die zwischen zwei Bahnhöfen entstehen. Und manchmal auch die Antwort auf die Frage, wohin es mich als Nächstes zieht.

Der Newsletter kostet nichts. Er landet einfach sonntags im Postfach und wartet dort geduldig, bis man Zeit und Lust hat, ihn zu lesen. Kein großes Programm. Eher eine Art Postkarte aus meinem Kopf. Wer mag, kann mitlesen. Wer nicht, verpasst wahrscheinlich trotzdem nichts Weltbewegendes. Aber vielleicht die eine oder andere Geschichte.

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