Heiligabend wartet.

Und ich plane schon...

Es ist Sonntag, der 14. Juni. Draußen wirkt der Tag schon so, als hätte er noch einiges vor. Aber ich weiß nicht genau, was. Ich sitze seit kurz nach vier Uhr am MacBook. Im Haus ist es still. Nur der Kaffee steht neben mir und sieht aus, als hätte er nicht damit gerechnet, schon gebraucht zu werden. Eigentlich hätte ich nichts zu tun. Und wenn man an einem Sonntagmorgen im Juni nichts zu tun hat, bleibt einem als erwachsenem Menschen natürlich nur eine vernünftige Möglichkeit: Weihnachten planen. Ich könnte auch joggen gehen. Oder wie andere ausschlafen. Aber Nein. Ich öffne Reiseportale und beschäftige mich mit der Frage, wo ich Heiligabend verbringen könnte. Weil Weihnachten ja bekanntlich immer völlig überraschend kommt. Zwei Tage lang ist kurz Sommer und plötzlich steht man wieder im Supermarkt zwischen Menschen, die mit auffälliger Ernsthaftigkeit Raclettekäse vergleichen. Es sind ja auch nur noch sechs Monate und zehn Tage bis Heiligabend. Also praktisch übermorgen, wenn man dem inneren Katastrophenschutz glauben möchte.

Ich klicke mich durch Naturhäuschen, Ferienwohnungen und Hotels. Naturhäuschen klingt gut. Ein kleines Haus irgendwo im Wald. Ruhe. Kamin. Vielleicht ein Blick auf Bäume. Vielleicht Regen gegen die Scheibe. Vielleicht dieser Moment, in dem man sich einbildet, man sei ein Mensch, der freiwillig in der Stille sitzt und nicht einfach nur vor Menschen, Familiengesprächen, Geschenkpapier und Kartoffelsalatlogistik geflohen ist. Ein Hotelzimmer klingt aber auch gut. Vor allem wegen Frühstück. Hotels haben diesen Vorteil, dass morgens jemand anderes beschlossen hat, wie viele Sorten Brötchen ein Mensch braucht. Meistens sind es zu viele, aber das ist einer der wenigen Überflüsse, gegen die ich mich nur ungern wehre. Außerdem gibt es in Hotels Menschen, die am Buffet kleine Entscheidungen treffen müssen. Das beobachte ich gern. Nur aus fachlichem Interesse am Menschsein. Versteh ich ja nicht immer.

Naja. Blöd. Ich weiß nicht. Naturhäuschen oder Hotelzimmer. Allein im Wald oder anonym zwischen anderen Menschen, die ebenfalls so tun, als sei Weihnachten eine sehr gute Idee. Dann kommt die nächste Frage. Reist man am 26. Dezember wieder ab? Das klingt vernünftig. Weihnachten erledigen, Jacke anziehen, Tasche packen, weg. Andererseits ist der 26. Dezember auch dieser seltsame Tag, an dem niemand mehr genau weiß, welche Mahlzeit gerade gemeint ist. Frühstück? Mittag? Reste? Kuchen? Alles steht gleichzeitig auf dem Tisch und die Familie bewegt sich langsam durch den Raum wie ein überfüttertes Theaterstück, gespielt von Laienschauspielern auf einer Dorfbühne. Vielleicht sollte man abreisen. Vielleicht sollte man aber auch bleiben. Bis kurz vor Silvester. Oder gleich über Silvester.

Womit wir beim nächsten Problem wären. Silvester. Dieses merkwürdige Jahresendding, bei dem alle so tun, als würde um Mitternacht ein neuer Mensch aus ihnen herausfallen, nur weil irgendwo Raketen hochgehen und Menschen mit Sektgläsern Dinge sagen wie: „Dieses Jahr wird alles anders.“ Schon klar, Joachim. Ruhig bleiben, Sibylle. Wird es meistens nicht. Meistens wird nur der Januar kälter. Ich frage mich also, was ich an Silvester mache. Gehe ich irgendwo frühstücken? Klingt harmlos. Frühstück ist die angenehmste Form gesellschaftlicher Teilnahme. Man sitzt, trinkt Kaffee, isst ein Brötchen und kann jederzeit behaupten, man müsse gleich noch etwas erledigen. Feiere ich überhaupt? Schon das Wort „feiern“ macht mich müde. Es klingt nach Menschen, die um 23:47 Uhr plötzlich sehr laut werden und glauben, Polonaise sei keine Warnung, sondern eine Aktivität. Vielleicht verstecke ich mich einfach irgendwo. In einem kleinen Zimmer. Mit einer Serie, die ich bestimmt schon gesehen habe. Mit Hackbraten und Kartoffelspalten. Nicht elegant, aber ehrlich. Es gibt schlechtere Arten, ein Jahr zu beenden, als mit warmem Essen und der beruhigenden Gewissheit, dass auf dem Bildschirm wenigstens jemand ein Problem hat, das nach 45 Minuten gelöst wird. Im echten Leben dauert das meistens länger. Und hat mehr Formulare.

Während ich also am MacBook sitze und Unterkünfte vergleiche, merke ich, wie bekloppt das alles ist. Ich habe dieses Jahr nicht mal wirklich Lust auf Weihnachten, aber plane es mit einer Sorgfalt, als würde ich eine Mondlandung vorbereiten. Wo schlafen? Wann abreisen? Was essen? Wie viel Alleinsein ist gut? Wie viel Gesellschaft ist auszuhalten? Muss man Weihnachten noch mögen, nur weil es im Kalender steht? Oder darf man einfach sagen: Dieses Jahr bitte etwas leiser. Weniger Programm. Weniger Pflichtgefühl. Weniger „das macht man so“.

Vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht plane ich gar nicht Weihnachten. Vielleicht plane ich nur einen Ort, an dem ich Ende Dezember nicht das Gefühl habe, eine Rolle spielen zu müssen. Kein großes Fest. Kein Drama. Keine künstliche Besinnlichkeit, die aussieht, als hätte sie jemand bei Pinterest mit zu viel Zimt bestäubt. Nur ein paar Tage irgendwo anders. Kaffee. Frühstück. Spazierengehen. Vielleicht ein Buch. Vielleicht ein Notizbuch. Vielleicht ein Fenster, hinter dem es früh dunkel wird.

Und jetzt sitze ich hier, am 14. Juni, um kurz nach vier, mitten im Sommer, und suche nach einem Platz für Weihnachten, obwohl ich noch nicht einmal weiß, was ich heute frühstücke. Manche Menschen haben einen Fünfjahresplan. Ich habe gerade nicht mal einen überzeugenden Plan für heute, plane aber den zweiten Weihnachtsfeiertag. Ich bin so durch. Egal. Immerhin fange ich früh genug an. Nur noch sechs Monate. Man muss ja realistisch bleiben. Weihnachten kommt schließlich immer so plötzlich. Direkt nach dem Sommer. Und nach den ersten Spekulatius im September. Also eigentlich morgen.

Ach ja. Ich habe Weihnachten mal geliebt. Aber irgendwann haben Menschen daraus etwas gemacht, auf das man sich vorbereiten muss.

Sonntags gibt es Post…

Das mit den Freunden.

Eine Theorie in Boxershorts.

Es ist 4:30 Uhr. Ein Donnerstag. Kein besonderer Tag. Nichts ist passiert. Und ich habe gerade darüber nachgedacht, wie oft Menschen von ihren Freunden sprechen. Meine Freunde hier. Meine Freunde da. Auf Instagram sehe ich Fotos von Menschen, die sich mit Menschen treffen. Kaffee, Feiern, spazieren, Urlaub. Und ich sitze in Boxershorts auf der Bettkante und stelle fest, dass ich eigentlich keine Ahnung von Freundschaft habe. Vielleicht hatte ich mal welche. Vielleicht habe ich auch heute noch welche. Wer weiß das schon so genau. Ich bin nicht besonders gut darin, mich zu melden. Ich vergesse Geburtstage. Ich schreibe manchmal wochenlang niemandem. Nicht weil ich böse bin. Oder enttäuscht. Eher aus einer Mischung aus Vergesslichkeit, Eigenbrötlerei und der festen Überzeugung, dass andere Menschen vermutlich ebenfalls beschäftigt sind. Vielleicht bin ich deshalb auch kein besonders guter Freund.

Andererseits frage ich mich manchmal, ob Freundschaft überhaupt daran gemessen wird, wie oft man schreibt. Wie oft man sich meldet. Ruft man sich heute noch an? Ich weiß es nicht.  Ich kenne Menschen, die ich monatelang nicht sehe. Und wenn wir uns wieder treffen, sitzen wir nach fünf Minuten da, als hätten wir gestern noch zusammen Kaffee getrunken. Und ich kenne Menschen, mit denen ich täglich Kontakt hatte und die plötzlich komplett aus meinem Leben verschwunden sind. Lautlos. Wie Socken in der Waschmaschine. Obwohl ich mich bemüht habe. Ehrlich bemüht. Egal. Vielleicht ist Freundschaft am Ende etwas viel Einfacheres. Vielleicht sind Freunde die Menschen, bei denen man keine Rolle spielen muss. Die Menschen, die nicht nachtragen, wenn man sich drei Wochen nicht meldet. Die Menschen, die auftauchen, wenn es darauf ankommt. Oder vielleicht rede ich mir das auch nur schön, weil ich selbst nicht besonders gut in Freundschaft bin. Wie gesagt: Ich habe keine Ahnung davon. Vielleicht ist das schon die ehrlichste Antwort, die ich zu diesem Thema habe.

Und die zweite ehrliche Antwort ist vielleicht, dass es mir mittlerweile gar nicht mehr so wichtig ist. Nicht aus Enttäuschung. Nicht aus Wut. Nicht einmal aus Resignation. Mittlerweile habe ich einfach festgestellt, dass ich erstaunlich viele Dinge problemlos allein machen kann. Ich kann allein essen gehen. Allein verreisen. Allein ins Kino. Allein durch eine fremde Stadt laufen und dabei einen völlig überteuerten Kaffee trinken. Früher hätte ich das vielleicht seltsam gefunden. Heute nicht mehr. Seltsam finde ich eher, wie oft Menschen darauf reagieren, als hätte ich ihnen gerade erzählt, dass ich unter einer Brücke wohne. „Ach Mensch.“ „Das tut mir leid.“ „Das ist bestimmt traurig.“ Nein Hildegard. Traurig ist etwas anderes. Allein sein und einsam sein sind nicht dasselbe. Zumindest nicht immer. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich bei Freundschaften inzwischen deutlich entspannter bin als früher. Ich hab ja dazu gelernt. Nicht jeder Mensch ist dafür gedacht, lange zu bleiben. Manche begleiten einen nur ein Stück. Irgendwann merkt man, dass das Leben erstaunlich gut darin ist, die richtigen Menschen zu behalten und die anderen zu einer Erinnerung zu machen. Und selbst die verblasst.

Es gab allerdings auch mal eine Zeit, da war ich nicht so gefestigt wie heute. Da wollte ich dazugehören. Da fand ich es wichtig, gemocht zu werden. Da habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was andere von mir denken. Ob ich sympathisch wirke. Ob ich interessant genug bin. Ob ich irgendwo hineinpasse. Und je älter ich werde, desto absurder kommt mir dieser Gedanke vor. Denn dazugehören hat oft einen Preis. Einen, den ich gar nicht bezahlen will. Man passt sich an. Man lacht über Dinge, die man gar nicht lustig findet. Man sagt Dinge nicht, die man selbst lustig findet.  Man nickt bei Meinungen, die man eigentlich nicht teilt. Man sagt lieber nichts, statt anzuecken. Man wird ein kleines bisschen zu der Person, die andere gerne hätten. Und ein kleines bisschen weniger zu der Person, die man eigentlich ist. Das funktioniert erstaunlich lange. Bis man irgendwann feststellt, dass man eine Rolle spielt, die allen gefällt, außer einem selbst. Nee, Frank. Mit aller Gewalt irgendwo dazugehören zu wollen, darauf habe ich wirklich keinen Bock mehr.

Wenn ich tot bin.

Einige Anmerkungen...

Vor ein paar Tagen saß ich mit meinem Vater am Küchentisch. Draußen regnete es. Nicht besonders stark. Eher dieser gleichmäßige Regen norddeutscher Art, der irgendwann einfach dazugehört. Im Raum roch es nach Kaffee und ein bisschen nach dem schwarzen Tee, den mein Vater seit Jahren trinkt. Er las die Zeitung online. Zumindest sah es so aus. Zwischendurch blickte er immer wieder aus dem Fenster. Auf der Scheibe liefen Regentropfen nach unten. Manche schnell. Manche langsam. Einige blieben kurz hängen, bevor sie weiterzogen. Es sah aus wie ein kleines Wettrennen. Wer zuerst unten ankommt. Wer unterwegs die anderen einsammelt. Wer gewinnt. Vollkommen sinnlos natürlich. Aber erstaunlich viele Dinge sehen mit etwas Abstand wie ein Wettbewerb aus. Mein Vater beobachtete das eine Weile. Dann klickte er wieder und sagte kurz darauf: „Oliver Brandt ist auch gestorben.“

Der Name stimmt übrigens nicht. Den habe ich geändert. Nicht, weil die Geschichte dadurch besser wird. Sondern aus Respekt vor dem Menschen, um den es geht.

Er sagte es ungefähr in demselben Tonfall, in dem andere Menschen erwähnen würden, dass morgen Regen angesagt ist. Ich kannte Oliver Brandt nicht. Wobei das auf dem Land manchmal schwer zu sagen ist. Man kennt jemanden. Oder jemanden, der jemanden kennt. Vielleicht hat man irgendwann vor fünfundzwanzig Jahren zusammen in einer Schlange vor einer Pommesbude gestanden. Oder auf einer Dorffete nebeneinander an der Theke. Ein paar Worte gewechselt. Ein Bier getrunken. Oder drölf. Und heute erinnert man sich nicht mehr daran. „Jahrgang 80“, sagte mein Vater. Ich nickte. Das war der Moment, in dem die Zahl plötzlich größer wirkte als sonst. 1980. Das sind Menschen in meinem Alter. Menschen mitten im Leben. Menschen, die vielleicht noch Pläne hatten. Menschen, die vermutlich noch Rechnungen bezahlen mussten. Menschen, die vielleicht dachten, sie hätten noch Jahrzehnte Zeit für all die Dinge, die man immer auf später verschiebt. Menschen, die eigentlich noch jeden Tag Zeit mit ihrer Familie, mit ihren Kindern hätten verbringen sollen. Mein Vater las weiter. Draußen liefen die Regentropfen ihr Rennen. Drinnen wurde es für einen Moment still. Und ich dachte daran, wie merkwürdig das eigentlich ist. Irgendwann wird jeder von uns zu einer dieser kurzen Meldungen. Ein Name. Ein Alter. Zwei Sätze am Küchentisch. Keine große Ankündigung. Kein Trommelwirbel. Nur ein Satz zwischen Kaffee, Zeitung und Regen. „Die Lichterandacht ist am Donnerstag“, sagte mein Vater. Dann las er weiter. Die Bestattung finde im engsten Familienkreis statt, stand dort.

Früher hätte an dieser Stelle vermutlich noch etwas vom Rosenkranz gestanden. Zumindest hier im Oldenburger Münsterland. Wenn jemand starb, trafen sich die Menschen an mehreren Abenden in der Kirche. Es wurde gebetet. Nicht drei Minuten. Nicht zwischen zwei Terminen. Sondern richtig. Die Kirche war manchmal voll. Manchmal nicht. Heute gibt es immer häufiger eine Lichterandacht. Kerzen brennen. Menschen sitzen schweigend in den Bänken. Es ist ruhiger geworden. Vielleicht auch etwas persönlicher. Statt monotonem Gebet gibt es Lieder, Geschichten und Fürbitten. Oft werden Lieder gespielt, die die verstorbene Person gemocht hat. Sofern sie natürlich in den katholischen Rahmen passen. Ob das anderswo genauso ist, weiß ich nicht. Bayern macht bei solchen Dingen ohnehin gern sein eigenes Programm. Dort gibt es gefühlt so viele kirchliche Feiertage, dass man manchmal den Eindruck bekommt, die Termine würden nach dem Motto festgelegt: Jesus wird schon irgendetwas gemacht haben. Draußen liefen die Regentropfen noch immer über die Scheibe.

Schon seltsam. Gestern habe ich noch darüber nachgedacht, wo ich mich in fünf Jahren sehe. Heute denke ich darüber nach, wie meine Beerdigung aussehen soll. Vielleicht gehört auch das zum Älterwerden. Dass man irgendwann feststellt, dass Fünfjahrespläne und Beerdigungen erstaunlich dicht beieinanderliegen können. Naja. Jedenfalls kam mir gerade der Gedanke, dass man solche Dinge vermutlich zu Lebzeiten sagen sollte. Danach ergibt es wenig Sinn. Dann entscheiden die Angehörigen. Und das ist auch völlig in Ordnung. Man selbst hat zu diesem Zeitpunkt vermutlich andere Termine. Deshalb mache ich das jetzt einfach öffentlich. So kann später niemand behaupten, er hätte von nichts gewusst. Außerdem sind Notare teuer. Ich vertraue stattdessen auf die Macht öffentlicher Dokumentation und das schlechte Gewissen einiger Hinterbliebener. Ob am Ende wirklich alles genauso umgesetzt wird, weiß ich natürlich nicht. Und ehrlich gesagt wird es mir dann auch ziemlich egal sein. Ich bin tot. Und wenn alles gut läuft, habe ich dann endlich meine Ruhe.

Was sein soll.

Ich bin nicht katholisch, nicht in der Kirche und dementsprechend fällt die Sache mit dem Rosenkranzgebet ohnehin schon mal weg. Hölle, Fegefeuer und ähnliche Einrichtungen sind schließlich eher christliche Angelegenheiten. Soweit ich weiß, bin ich davon nicht betroffen. Ich möchte aber auch keine Lichterandacht. Keine Abschiedsfeier. Keine Anzeige in der Zeitung. Keine Todesanzeige mit Sonnenuntergang, Tauben oder dem Satz, dass ich nun meinen Frieden gefunden hätte. Wenn ich meinen Frieden gefunden habe, werde ich das schon selbst merken.

Überhaupt habe ich nie verstanden, warum Menschen nach ihrem Tod plötzlich zu Veranstaltungen werden. Zu Programmpunkten. Zu Terminen mit Liederzetteln. Da stehen dann Menschen zusammen, die sich teilweise seit Jahren nicht gesehen haben. Manche wissen nicht so recht, was sie sagen sollen. Andere sagen deutlich mehr, als sie sollten. Irgendjemand fragt, ob es anschließend noch Kaffee und Kuchen gibt. Jemand erzählt eine Geschichte, die nicht ganz stimmt. Ein anderer erzählt eine, die niemand hören wollte. Und irgendwo sitzt ein entfernter Verwandter und überlegt, ob er anschließend noch zwei Frikadellen von Vorworld holen soll. So sind Menschen. Und das meine ich nicht einmal böse. Deshalb hätte ich gern die denkbar unspektakulärste Lösung.

Ich möchte verbrannt werden. Den Körper brauche ich dann ja eh nicht mehr. Ehrlicherweise war er in den letzten Monaten ohnehin zunehmend wartungsintensiv. Irgendwann fängt jedes Modell an zu klappern. Meistens fängt es von innen an. Außerdem hatte Feuer schon immer etwas Faszinierendes. Es spendet Wärme. Es beruhigt. Es vernichtet Dinge zuverlässig. Gut, letzteres klingt jetzt deutlich problematischer, als ich es gemeint habe. Ich möchte keine Grabstelle. Keinen Stein. Keine Vase. Kein Grablicht. Keinen Ort, an dem Menschen das Gefühl haben, sie müssten einmal im Jahr vorbeifahren, damit niemand denkt, sie hätten mich vergessen. Vergessen ist ohnehin ein merkwürdiges Wort. Die meisten Menschen werden nicht vergessen. Man denkt einfach nur nicht mehr an sie. Und das ist völlig normal.

Am liebsten wäre mir deshalb, irgendein Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens fährt irgendwann los. Vielleicht an einem Dienstag. Vielleicht nach seiner Frühstückspause. Vielleicht hört er dabei Radio. Vielleicht denkt er an seinen Feierabend. Und irgendwo auf diesem Weg verstreut er das, was von mir übrig ist, dort, wo er darf. Ohne Rede. Ohne Publikum. Ohne bedeutungsvolle Musik. Einfach so. Die Vorstellung gefällt mir. Kein Ort, an dem man mich besuchen kann. Kein Ort, an dem man Blumen ablegt. Kein Ort, an dem man traurig sein muss. Die Menschen können stattdessen spazieren gehen. Kaffee trinken. Ein Buch lesen. Mit ihren Kindern Zeit verbringen. Sich verlieben. Sich streiten. Wieder versöhnen. Leben eben.

Das erscheint mir sinnvoller als um mich zu trauern oder an mich zu denken. Ich komm eh nicht nochmal zurück. Da müsste ich ja schon bescheuert sein. Und falls sich irgendwann doch jemand an mich erinnert, dann hoffentlich nicht wegen eines Grabsteins. Sondern wegen einer Geschichte. Oder eines Satzes. Oder weil ich irgendjemandem irgendwann völlig ungefragt erzählt habe, warum man nachts um drei spazieren gehen sollte oder wie wir von der Insel Spiekeroog geworfen wurden. Das würde mir reichen.

Der Gedanke gefällt mir. Einfach verschwinden. Ohne Abschied. Ohne Musik. Ohne Menschen, die sich fragen, ob sie etwas hätten anders machen können. Wie ein Tropfen Wasser, der kurz aus dem Ozean springt und irgendwann wieder Teil von ihm wird. So, wie er es eigentlich die ganze Zeit gewesen ist.

„Der Sportverein hat übrigens das Derby gegen den Nachbarort verloren“, sagte mein Vater.

Ich nickte. Dann wurde es wieder still. Das Leben hat eine bemerkenswerte Eigenschaft. Es geht weiter. Vollkommen unabhängig davon, was wir davon halten. Der Regen fällt. Irgendwo verliert jemand ein Fußballspiel. Irgendwo wird Kaffee gekocht. Irgendwo sitzt jemand am Küchentisch und macht Pläne für die nächsten zehn Jahre. Während ein anderer gerade erfährt, dass er vielleicht gar keine zehn Jahre mehr hat. Die Welt hält nicht an. Nicht für Fußballvereine. Nicht für Liebeskummer. Nicht für Trennungen. Nicht für uns. Und vielleicht liegt genau darin etwas, dass ich richtig gut finde. Vergessenwerden hat in meinen Gedanken nichts Bedrohliches mehr. Eher etwas Friedliches. Die meisten Menschen wollen Spuren hinterlassen. Etwas Bleibendes schaffen. Einen Ort, an dem man sich an sie erinnert. Ich kann das verstehen. Aber immer öfter denke ich, dass auch das Verschwinden seinen Reiz hat. Nicht ausgelöscht werden. Nicht ausradiert. Eher zurückkehren. In das große Durcheinander aus Erinnerungen, Geschichten und vergangenen Tagen. Dort, wo irgendwann alles landet. Die guten Entscheidungen. Die schlechten. Die großen Erfolge. Die peinlichen Momente. Die Gespräche. Die Spaziergänge. Die Menschen. Vielleicht, weil am Ende ohnehin alles weiterläuft und nichts von dem, was war noch wichtig ist. Alles läuft einfach weiter.

Der Regen.
Die Fußballspiele.
Und das Leben.

Nur man selbst ist irgendwann kein Teil mehr davon.
Und vielleicht ist auch das völlig in Ordnung.

In fünf Jahren.

Eine Prognose, ohne Gewähr.

Das Wartezimmer war überraschend voll. Nicht unangenehm voll. Eher diese besondere Art von voll, die man nur in Arztpraxen erlebt. Zehn Menschen in einem Raum, die alle so tun, als wären die anderen neun gar nicht da. Eine ältere Dame blätterte in einer Zeitschrift. Zwei Männer starrten auf ihre Smartphones. Ein dritter sah einfach nur gegen die Wand. Vielleicht war sein Akku leer. Vielleicht hatte er seinen inneren Frieden gefunden. Vielleicht dachte er in Ruhe über das Leben nach. Man konnte es nicht genau sagen. Auf den kleinen Tischen lagen Magazine über Reisen, Gesundheit und Gartenarbeit. Vermutlich die drei großen Themen, die uns irgendwann alle in Arztpraxen einholen. An den Wänden hingen große Fotografien von Bergen. Morgenlicht. Gipfel. Schmale Wege zwischen Felsen. Wirklich gute Bilder. Nicht die üblichen Dekofotos, die aussehen, als wären sie zusammen mit einem Aktenschrank bestellt worden. Ich fragte mich, ob die Ärztin sie selbst fotografiert hatte. Zutrauen würde ich es ihr. Viel Zeit blieb mir allerdings nicht, um darüber nachzudenken. Die Tür öffnete sich.

Herr Luttmann“ sagte sie mit einem Augenzwinkern, „kommen Sie einmal mit.

Ich stand auf. Der erste Raum rechts, meinte sie. Ich ging voraus. Sie hinterher. Es war nur eine Nachbesprechung. Nichts Dramatisches. Gesundheitlich war alles in Ordnung. Wir sprachen über dieses, jenes, Krankenkassenkram und Dinge, die Menschen in weißen Kitteln deutlich besser verstehen als ich. Dann war das Gespräch eigentlich schon vorbei. Die Ärztin sah kurz auf ihren Bildschirm, dann wieder zu mir.

Sag mal Torsten, wo siehst du dich eigentlich in fünf Jahren?

Eine interessante Frage. Vor allem, wenn man mit Mitte vierzig in einer Arztpraxis sitzt und vor fünf Jahren vermutlich etwas völlig anderes geantwortet hätte. Ich dachte kurz nach. Dann stellte ich fest, dass ich zwar ungefähr wusste, was ich heute Nachmittag mache. Aber bei den nächsten fünf Jahren wurde es überraschend dünn.

Ich sollte vielleicht dazusagen, dass diese Frage in unserem Fall etwas weniger seltsam war, als sie auf den ersten Blick klingt. Wir kennen uns schon länger und sind inzwischen beim Du angekommen. Trotzdem gehört die Frage „Wo siehst du dich in fünf Jahren?“ normalerweise eher in Bewerbungsgespräche, Karrierecoachings oder in diese Podcasts, die von Menschen moderiert werden, die mit dreiunddreißig bereits sieben Unternehmen gegründet haben und morgens freiwillig Selleriesaft trinken. In einer Arztpraxis hatte ich damit jedenfalls nicht gerechnet.

Vielleicht hat mich die Frage deshalb so beschäftigt. Weil sie mich auf dem falschen Fuß erwischt hat. Oder vielleicht auf dem richtigen. Wenn ich auf die letzten sechs Monate zurückblicke, fühlt sich vieles davon an, als hätte jemand meinen bisherigen Lebenslauf genommen, kräftig geschüttelt und anschließend die Seiten in einer anderen Reihenfolge wieder eingeheftet. Ich habe in den letzten Monaten mehr Zeit in Zügen verbracht als in vielen Jahren zuvor. Ich habe Orte gesehen, die ich vorher nur von Landkarten kannte. Menschen verloren. Andere kennengelernt. Gewohnheiten abgelegt. Neue begonnen. Pläne gemacht. Pläne verworfen. Dinge beendet, von denen ich dachte, sie würden für immer bleiben. Und Dinge begonnen, mit denen ich nie gerechnet hätte. Vor einem halben Jahr hätte ich viele Entwicklungen meines heutigen Lebens vermutlich für eher unwahrscheinlich gehalten. Und ich glaube, genau deshalb fiel mir die Antwort so schwer. Weil ich inzwischen gelernt habe, dass fünf Jahre eine erstaunlich lange Zeit sind. Lang genug, um sich zu verlieben. Lang genug, um sich zu trennen. Lang genug, um ein Haus zu kaufen, einen Job zu wechseln, ein Buch zu schreiben, auszuwandern, einen Hund anzuschaffen oder festzustellen, dass man eigentlich lieber mit dem Zug durch Deutschland fährt, als man jemals vermutet hätte.

Mit anderen Worten:
Ich habe keine Ahnung, wie mein Leben in fünf Jahren aussieht. Aber genau deshalb mag ich die Frage. Also habe ich beschlossen, eine Prognose zu wagen. Ohne Gewähr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Also gut. Eine Prognose. In fünf Jahren bin ich fünfzig. Verrückt. Ein Satz, der auf dem Papier deutlich sachlicher aussieht, als er sich anfühlt. Fünfzig klingt nach Menschen, die beim Aufstehen Geräusche machen und in Baumärkten ernsthaft über Akkuschrauber sprechen. Andererseits mache ich beim Aufstehen bereits Geräusche und habe auch schon erstaunlich ernsthaft über solche Teile gesprochen. Vielleicht ist der Übergang also fließender, als man denkt. Na gut. Ich sehe mich nicht in einer großen Stadt. Das kann ich ziemlich sicher sagen. Keine Altbauwohnung im vierten Stock. Kein Innenhof, in dem jemand um 23:17 Uhr noch Flaschen in einen Glascontainer wirft. Kein Nachbar, der glaubt, Techno sei ein tragfähiges Lebenskonzept. Auf gar keinen Fall. Ich sehe eher ein kleines Haus, eine kleine Wohnung am Rand eines Ortes. Irgendwo, wo morgens noch Nebel über den Feldern und Bäumen liegt. Wo man den Tag hören kann, bevor er anfängt. Eine Küche mit einem alten Tisch. Kaffee. Notizbücher. Schuhe an der Tür. Eine Jacke über einem Stuhl. Vielleicht ein Blick auf Bäume. Vielleicht ein schmaler Weg hinter dem Haus, der nirgendwo Besonderes hinführt und gerade deshalb wichtig ist.

Oder es ist ein Van. Auch möglich. Ein ausgebauter Kastenwagen mit Bett, kleiner Küche, Kamera, Laptop und viel zu wenig Stauraum für einen Menschen, der behauptet, nicht viel zu brauchen und dann trotzdem drei Jacken, zwei Paar Schuhe und ein Buch zu viel einpackt. Vielleicht stehe ich damit irgendwo im Sauerland. Oder in der Lüneburger Heide. Vielleicht in Schweden, Norwegen oder im Allgäu. Oder auf einem Parkplatz, der auf Fotos deutlich romantischer wirkt, als er in Wirklichkeit ist. Ganz ausschließen kann man das nicht. Wahrscheinlich wird es irgendwo dazwischen liegen. Ein fester Ort. Und die Möglichkeit, jederzeit loszufahren. Das klingt für mich gerade nach einer ziemlich brauchbaren Zukunft.

Ich glaube, ich werde schreiben. Nicht nur ein bisschen. Nicht nur, wenn Zeit übrig bleibt. Sondern richtig. Regelmäßig. Mit diesem seltsamen Ernst, den man entwickelt, wenn man merkt, dass eine Sache nicht einfach nur ein Hobby ist, sondern der eigene Weg. Vielleicht steht dann ein Buch von mir in irgendeinem Regal. Vielleicht sogar zwei. Vielleicht liegt eines davon auf einem Nachttisch neben einer Lesebrille, einem Wasserglas und einem Ladekabel, das natürlich wieder nicht richtig funktioniert. Ich werde vermutlich immer noch morgens früh wach sein. Vielleicht nicht mehr ganz so dramatisch. Vielleicht nicht mehr um drei. Aber früh genug, um draußen zu sein, bevor der Rest der Welt seine Jacke gefunden hat. Ich werde laufen. Oder gehen. Oder irgendwo an einem Bahnsteig stehen, mit Kaffee in der Hand und dieser leichten Verwunderung darüber, dass Menschen freiwillig Rollkoffer benutzen, deren Räder klingen wie ein kaputter Einkaufswagen auf Kopfsteinpflaster.

Ich sehe mich unterwegs. Nicht ständig. Nicht mehr rastlos. Aber regelmäßig. Züge. Hotels. Raststätten. Cafés. Waldwege. Kleine Städte. Orte, an denen niemand erwartet, dass etwas passiert, und an denen deshalb oft die besten Geschichten beginnen. Ich werde vermutlich immer noch Menschen beobachten, die an Ticketautomaten verzweifeln, vor Bäckereien diskutieren, im Bordbistro zu lange auf ein belegtes Brötchen schauen oder im Hotel beim Frühstück so viel Entschlossenheit in die Bedienung eines Waffeleisens legen, dass man kurz Angst bekommt.

Ich hoffe, dass ich dann klüger bin.

Nicht im Sinne von weise. Weise Menschen tragen in meiner Vorstellung Leinenhemden, rauchen selbstgedrehte Zigaretten und sagen Dinge wie „Alles ist im Fluss“. Ich meine eher eine praktische Klugheit. Weniger erklären. Weniger rechtfertigen. Weniger Dinge festhalten, die längst weitergegangen sind. Mehr machen. Mehr schreiben. Mehr rausgehen. Mehr sehen. Mehr leben. Vielleicht ist das die eigentliche Prognose. Also nicht, wo ich wohne. Nicht, welches Auto oder welcher Van vor der Tür steht. Nicht, wie viele Bücher veröffentlicht sind. Nicht, wie viele Menschen meine Texte lesen. Sondern dass ich in fünf Jahren näher an dem Leben bin, das sich nach mir anfühlt. Ein bisschen freier. Ein bisschen klarer. Ein bisschen weniger bereit, mich von Dingen beeindrucken zu lassen, die eigentlich nur laut sind. Und wenn alles gut läuft, sitze ich an irgendeinem Morgen in dieser Küche. Oder in diesem Van. Oder auf einer Bank vor einem Bahnhof. Vor mir ein Kaffee. Neben mir ein Notizbuch. Draußen beginnt der Tag. Irgendwo fährt ein Lieferwagen vorbei. Jemand schließt eine Tür. Ein Hund bellt. Die Welt macht ihre üblichen Geräusche. Und ich schreibe einen Satz auf. Vielleicht keinen besonders großen. Aber einen echten. Vielleicht ist das am Ende ohnehin alles, was ich mir für die nächsten fünf Jahre wünsche:

Dem Leben ein Stück näher zu kommen, das sich nach mir anfühlt.

Zu viele Fragen.

Vielleicht ist das das Problem.

Es ist Montag. 5:54 Uhr. Vor der kleinen Bäckerei an der Hauptstraße stehen bereits vier Menschen. Handwerker in voller Montur. Zimmerleute. Ich finde das bemerkenswert. Um diese Uhrzeit sollten Menschen eigentlich noch träumen oder zumindest darüber nachdenken, sich noch einmal umzudrehen. Stattdessen stehen sie hier. Mit Jacken, Zimmermannshosen, Hammerketten. Mit Autoschlüsseln. Und mit Gesichtern, die aussehen, als hätten sie den Tag bereits geprüft und seien zu dem Ergebnis gekommen, dass man das Ganze durchaus kritisch sehen darf. Verständlich. Auf der anderen Straßenseite wartet ein Mann an der Fußgängerampel. Obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist. Er wartet trotzdem. Vielleicht aus Prinzip. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht hat er einfach nicht die Energie für eine Ordnungswidrigkeit. Oder er geht davon aus, dass irgendwo gerade ein Kind aus dem Fenster schaut und er kein schlechtes Vorbild sein möchte. Das wäre schon richtig cool. Neben ihm führt eine Frau ihren Hund an ihm vorbei. Sie gehen spazieren. Wobei „führen“ nicht ganz richtig ist. Der Hund wirkt deutlich motivierter als die Frau. Er hat offenbar Pläne. Sie sieht eher aus, als hätte sie gerne noch eine Stunde geschlafen. Autos rollen Richtung Arbeit. Die Fahrer blicken konzentriert nach vorne. Niemand winkt. Niemand lächelt. Niemand macht den Eindruck, als hätte er gerade gedacht: Mensch, Montagmorgen. Genau darauf habe ich mich gefreut. Morgens um kurz vor sechs begegnet man selten Optimisten. Und doch passiert etwas Merkwürdiges. An jedem Werktag stehen dieselben Menschen wieder auf. Kaufen dieselben Brötchen. Warten an derselben Ampel. Fahren dieselbe Strecke. Vielleicht ist das der eigentliche Beweis dafür, dass der Mensch eine erstaunlich zähe Spezies ist. Oder die Bäckerei verkauft wirklich gute Brötchen.

Arbeit ist ja generell ein Thema. Für die meisten Menschen jedenfalls. Das ist auch verständlich. Schließlich verbringen viele mehr Zeit mit ihren Kollegen als mit ihren Freunden. Manche vermutlich sogar mehr Zeit als mit ihren Partnern. Oder mit ihren Schwiegermüttern. Was vermutlich auch besser so ist. Fragt man jemanden, wer er ist, bekommt man nach dem Namen oft direkt den Beruf geliefert. „Ich bin Zimmermann“, würde wahrscheinlich einer der Männer vor der Bäckerei sagen. „Finanzbuchhalter“, vielleicht der Mann an der Ampel. Und die Frau mit dem Hund ist möglicherweise Geschäftsführerin eines Unternehmens, das Autoteile verkauft. Man weiß es nicht.

Interessant ist allerdings, dass kaum jemand antwortet: Ich lese gerne Krimis. Ich kann ausgezeichnet Kartoffelsalat machen. Ich habe vor acht Jahren einem verletzten Igel das Leben gerettet und meine Lieblingsfarbe ist Ocker. Nein. Wir sagen, was wir arbeiten. Als wäre das die Kurzfassung unseres Lebens. Es scheint fast, als wäre das Wer die Konsequenz des Was. Als würde man erst lange genug etwas tun müssen, damit man irgendwann genau das wird. Zimmermann. Buchhalter. Geschäftsführerin. Fotograf. Autor. Vielleicht funktioniert das Leben tatsächlich so. Vielleicht aber auch nicht. Wenn mich jemand fragt, was ich mache, wird es meistens etwas kompliziert. Ich schieße Fotos. Ich schreibe Texte. Ich veröffentliche Dinge im Internet. Je nachdem, wen man fragt, bin ich Fotograf, Autor oder Content Creator. Wobei Content Creator ungefähr so klingt, als würde ich morgens in einer Fabrik Content herstellen und ihn anschließend palettenweise ausliefern. Aber beantwortet das wirklich die Frage, wer ich bin? Ich bin mir nicht sicher.

Vielleicht beschäftigt mich die Frage auch mehr, als sie sollte. Während andere Menschen morgens Brötchen kaufen, zur Arbeit fahren und ihren Tag starten, gehe ich an einer Bäckerei vorbei und denke darüber nach, ob der Beruf eines Menschen wirklich die Antwort auf die Frage ist, wer er eigentlich ist. Das ist ja nicht besonders hilfreich. Also, es hilft mir nicht. Vielleicht wäre ich deshalb manchmal gerne etwas einfacher gestrickt. Etwas dümmer. Das soll nicht heißen, dass ich besonders intelligent wäre. Gott bewahre. Ganz im Gegenteil. Es gibt so viele, viele Sachen, von denen ich keine Ahnung habe. Aber ich glaube, dass Menschen, die etwas einfacher gestrickt sind, es im Alltag oft leichter haben. Sie hinterfragen nicht jede Kleinigkeit. Sie analysieren nicht jedes Gespräch. Sie überlegen nicht drei Tage später noch, was jemand mit einem bestimmten Satz gemeint haben könnte. Sie erleben eine Situation und gehen anschließend einfach weiter. Ich aber erlebe eine Situation und eröffne innerlich eine sechsköpfige Untersuchungskommission. Mit Protokoll. Und mehreren Ausschüssen.

Und das betrifft eben nicht nur Dinge, die passiert sind. Auch die Dinge, die vielleicht passieren könnten. Ich spiele jedes bevorstehende Szenario tausendfach durch. Gespräche. Termine. Begegnungen. Entscheidungen. Nachrichten, die noch gar nicht geschrieben wurden. Ich kenne von allem bereits die Langfassung. Die Kurzfassung. Die Katastrophenfassung. Und meistens sehe ich natürlich nicht die Version, in der alles gut läuft. Sondern die, in der ich etwas Falsches sage. In der jemand komisch guckt. In der ein Satz falsch verstanden wird. In der ich zu spät komme. Oder irgendwo stehe und plötzlich nicht mehr weiß, warum ich überhaupt gekommen bin. Mein Kopf ist in solchen Momenten kein Kopf. Er ist ein schlecht geführtes Krisenzentrum. Mit Neonlicht. Kaltem Kaffee. Ohne gelbe Sicherheitswesten. Vielleicht lebt es sich leichter, wenn man die Dinge einfach hinnimmt, wie sie sind.

Und schon wieder sind tausend Tabs in meinem Kopf geöffnet. Der Mann an der Ampel scheint mir zum Beispiel nicht besonders belastet von der Frage zu sein, wer er wirklich ist. Er wartet einfach. Auf Grün. Seit gefühlt drei Stunden. Obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist. Vielleicht hat er die Sache verstanden. Vielleicht ist er einfach nur auf dem Weg zur Arbeit. Man weiß es nicht. Jedenfalls wirkt er nicht wie jemand, der morgens um kurz vor sechs über Identität, Lebenswege und die großen Fragen des Lebens nachdenkt. Er steht da. Die Ampel ist rot. Also wartet er. Fertig. Und ich? Ich versuche herauszufinden, wer ich bin, was ich mache, warum ich es mache und ob das überhaupt einen Unterschied macht. Wie viele Bundesländer hat Niedersachsen? Ich weiß es nicht. Wofür steht AOK? Keine Ahnung. Warum bleiben Menschen freiwillig um 5:59 Uhr an einer Fußgängerampel stehen, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist? Ebenfalls keine Ahnung.

Vielleicht ist das überhaupt mein Problem. Nicht, dass ich zu wenig Antworten habe. Sondern dass ich zu viele Fragen stelle. Warum hat jemand das gesagt? Warum hat jemand etwas nicht gesagt? Warum meldet sich jemand nicht? Warum verhält sich jemand so? Warum verhält sich jemand anders? Warum passiert etwas? Warum passiert etwas nicht? Irgendwann sitzt man zwischen all diesen Fragen wie ein Hausmeister in einem Gebäude voller Alarmanlagen und hat längst vergessen, welcher Ton eigentlich wichtig war. Dabei gibt es für viele Dinge vermutlich eine erstaunlich einfache Lösung. Menschen verhalten sich manchmal seltsam. Lass sie. Menschen antworten nicht. Lass sie. Menschen melden sich nicht mehr. Lass sie. Menschen treffen Entscheidungen, die man selbst niemals treffen würde. Lass sie.

Ich muss nicht alles verstehen, nicht, nicht alles analysieren. Nicht alles braucht einen Abschlussbericht meiner sechsköpfigen Untersuchungskommission. Vielleicht ist das der Grund, warum der Mann an der Ampel deutlich entspannter wirkt als ich. Die Ampel ist rot. Also wartet er. Die Ampel wird irgendwann grün. Also geht er weiter. Fertig. Kein Grübeln. Kein Hinterfragen. Keine Ausschüsse. Keine Protokolle. Nur ein Mann. Eine Ampel. Ein Montagmorgen. Und vielleicht steckt in dieser Ampel mehr Lebensweisheit als in den meisten Büchern über Persönlichkeitsentwicklung. Die Ampel springt auf Grün. Der Mann geht los. Die Frau mit dem Hund verschwindet um die nächste Ecke. Die Handwerker fahren aufn Bau. Und ich gehe weiter. Immer noch mit deutlich mehr Fragen als Antworten. Aber vielleicht ist das auch in Ordnung. Man muss schließlich nicht alles wissen. Zum Beispiel nicht, wofür AOK steht. Oder wie viele Bundesländer Niedersachsen hat. Wobei. Niedersachsen ist ja selbst ein Bundesland.

Vor ein paar Tagen saß ich im Zug. Wie so oft. Dort saß ein Mann, der versuchte, seinen Laptop mit dem WLAN zu verbinden. Oder so was in der Art. Jedenfalls funktionierte es nicht. Irgendwann gab er auf, klappte das Gerät zu und schaute von da an einfach nur aus dem Fenster. Er wirkte wie jemand, der bereits drei wichtige Entscheidungen getroffen hatte, bevor andere überhaupt den Wecker ausgeschaltet haben. Als wir an einem Bahnhof hielten, griff er plötzlich in seine Jackentasche, zog einen kleinen Notizblock hervor und schrieb etwas auf. Nur einen Satz. Dann steckte er den Block wieder weg. Ich habe keine Ahnung, was dort stand. Vielleicht eine Einkaufsliste. Vielleicht eine Erinnerung. Vielleicht sogar die Idee für ein Buch. Aber genau solche Momente interessieren mich. Es sind selten die großen Geschichten. Es sind die kleinen. Die Dinge, die zwischen zwei Bahnhöfen passieren. Oder auf einem Bahnsteig. Die Gespräche an Hotelrezeptionen. Die Frau an der Supermarktkasse, die erklärt, dass früher alles besser war, während sie mit ihrer Kundenkarte kämpft. Der Mann auf dem Parkplatz, der seit zehn Minuten versucht, sein Fahrrad auf einem Fahrradträger zu befestigen und dabei langsam jede Hoffnung verliert. Die Kellnerin, die genau weiß, welcher Stammgast gleich welchen Kaffee bestellt. Von außen betrachtet passiert ja nicht viel. Und doch passiert in diesen Momenten oft das ganze Leben.

Meistens verpasst man diese Momente. Nicht, weil sie selten wären. Sondern weil man nicht hinsieht. Weil man mit den eigenen Gedanken beschäftigt ist. Mit dem nächsten Termin. Mit irgendeiner Nachricht auf dem Handy. Oder mit der Frage, was andere wohl denken könnten. Neulich traf ich Jana. Wir saßen zusammen, tranken Kaffee und erzählten uns, was in den letzten Monaten passiert war. Was war. Was ist. Und was vielleicht noch kommt.

„Das habe ich ja gar nicht mitbekommen“, sagte sie irgendwann.

Kurz darauf sagte sie es noch einmal. Und dann noch einmal. Ich musste lachen. Nicht, weil es lustig war. Sondern weil mir auffiel, wie viele Dinge wir inzwischen über Menschen zu wissen glauben und wie viel wir trotzdem nicht mitbekommen. Ich erzählte ihr von meinem Blog. Von den Geschichten. Von den Texten. Sie zuckte mit den Schultern und meinte, ihr Leben sei manchmal einfach zu spannend, um ständig im Internet zu hängen. Jana ist übrigens einer der wenigen Menschen, bei der ich im Auto sitze, ohne ihr auf Instagram zu folgen. Und soweit ich weiß, folgt sie mir auch nicht. Trotzdem kann ich sagen, dass wir voneinander wissen, was wichtig ist.  Vielleicht sogar mehr als viele Menschen, die jeden Tag unsere Stories sehen. Meistens jedenfalls. Und das ist auch okay. Vielleicht gehört das auch zum Leben. Dass man nicht alles liken muss. Nicht alles kommentieren. Nicht jeden Gedanken teilen. Und trotzdem irgendwie miteinander verbunden bleibt.

Die meisten dieser Gespräche verschwinden irgendwann wieder. Nicht, weil sie unwichtig wären. Sondern weil das Leben weitergeht. Manche schreibe ich auf. Manche werden zu Blogbeiträgen. Manche eben nicht. Und weil nicht jeder jeden Tag auf meiner Website vorbeischauen möchte, werde ich künftig sonntags einen Newsletter verschicken.

Dort landen die wichtigsten Texte der Woche. Geschichten, die es nicht auf den Blog schaffen. Beobachtungen, die zu klein für einen eigenen Beitrag sind. Interessantes, was nicht immer öffentlich sein soll. Notizen von unterwegs. Gedanken, die zwischen zwei Bahnhöfen entstehen. Und manchmal auch die Antwort auf die Frage, wohin es mich als Nächstes zieht.

Der Newsletter kostet nichts. Er landet einfach sonntags im Postfach und wartet dort geduldig, bis man Zeit und Lust hat, ihn zu lesen. Kein großes Programm. Eher eine Art Postkarte aus meinem Kopf. Wer mag, kann mitlesen. Wer nicht, verpasst wahrscheinlich trotzdem nichts Weltbewegendes. Aber vielleicht die eine oder andere Geschichte.

Hier kannst du dich eintragen:

Um 4:07 Uhr begegnet man auf einer Dorfstraße meist niemandem. Keine Autos. Keine Fahrräder. Keine Menschen mit wichtigen Terminen. Die einzige Bewegung kommt vielleicht von einer Amsel, die irgendwo in einem Busch trällert. Die Häuser schlafen noch. Hinter den Gardinen brennt nirgendwo Licht. Selbst die Hunde scheinen sich darauf geeinigt zu haben, um diese Zeit noch nicht zu bellen. Ein paar Minuten später laufe ich am Ortsrand entlang. Rechts Wiesen. Links ein Graben. Irgendwo weiter hinten steht ein Reh auf dem Feld und schaut mich an, als wäre ich derjenige, der hier nicht hingehört. Es gibt Tage, da regnet es. Dann regnet es eben. Um diese Uhrzeit spielt das kaum eine Rolle. Regen hat morgens um kurz nach vier etwas Erstaunliches. Er wirkt deutlich weniger ätzend als später am Tag. Vielleicht weil noch niemand darüber diskutiert. Niemand beschwert sich. Er fällt einfach vom Himmel und erledigt seine Arbeit. Man selbst wird nass, weiß aber, dass man sich später einfach umziehen kann. Alles gut.  Kurz nach fünf sitze ich meistens auf einer Bank. Die Kniebandage, Knieschoner oder wie dieses Ding offiziell heißt, hab ich dann nach unten geschoben. Neben mir steht ein Energy-Drink, der vermutlich nicht auf jeder Liste gesunder Lebensentscheidungen auftaucht. In meinen Kopfhörern läuft irgendetwas, das nach Vorwärtskommen klingt. Beastie Boys. Chemical Brothers. Vielleicht auch Placebo. Vor mir geht langsam die Sonne auf. Man kann nicht immer alles richtig machen. Wahrscheinlich wäre das auch ziemlich anstrengend.

Ich kenne da einen.

Nach außen betrachtet hat dieser Mann sein Leben derart im Griff, dass man meinen könnte, er würde morgens seine Cornflakes nach Größe sortieren. Wenn man mit ihm spricht, läuft alles hervorragend. Immer. Die Familie. Das Haus. Die Urlaubsplanung. Das neue Fahrrad. Das Wetter. Wahrscheinlich auch die Entwicklung der europäischen Spiegeleiquallenpopulation. Besonders beeindruckend ist sein Interesse am Skispringen. Jedes Jahr verfolgt er sämtliche Übertragungen. Nicht ein paar. Alle. Man bekommt den Eindruck, als würde sein seelisches Gleichgewicht bei jedem Sprung von Andreas Wellinger kurz mit in der Luft hängen. Doch irgendwann erfährt man andere Dinge.

Dass er Angst vorm Autofahren hat. Dass er regelmäßig Sachen bei Kleinanzeigen verkauft, aber die Tür nicht öffnet, wenn der Käufer klingelt. Stattdessen schickt er seine Frau vor. Dass ihn manche Situationen genauso überfordern wie jeden anderen Menschen auch. Dass er nachts über Dinge nachdenkt. Dass er Sorgen hat. Dass sein Leben erstaunlich normal ist. Und genau darüber spricht er nie. Denn nach außen soll alles perfekt wirken. Als gäbe es irgendwo eine geheime Verordnung, nach der man Probleme erst besitzen darf, wenn sämtliche Nachbarn ihre schriftliche Zustimmung erteilt haben. Dabei ist die Wahrheit wahrscheinlich deutlich entspannter. Fast jeder hat irgendwelche Baustellen. Fast jeder hat Ängste. Fast jeder tut gelegentlich so, als hätte er sein Leben besser im Griff, als es tatsächlich der Fall ist. Und vielleicht sitzen deshalb morgens um fünf Menschen auf Bänken, trinken fragwürdige Getränke und beobachten den Sonnenaufgang. Nicht weil sie Antworten gefunden haben. Sondern weil die Welt um diese Uhrzeit noch keine so dummen Fragen stellt.

Der Typ im Sprinter.

Zuhause auf Rädern.

Vor dem Supermarkt standen ein paar Menschen unter dem Vordach und warteten darauf, dass der Regen sich wieder beruhigte. Vor zehn Minuten hatte noch die Sonne geschienen. Jetzt prasselte das Wasser auf das Pflaster, als hätte jemand beschlossen, den Himmel einmal komplett durchzuspülen. Über den Dächern hing eine dunkle Wolke. Weiter hinten war der Himmel bereits wieder blau. Das Wetter macht heute, was es will. Regen. Sonne. Wind. Dann wieder Regen. Dazwischen gelegentlich Donner, als wolle Petrus, sofern er wirklich für das Wetter zuständig ist, zur Sicherheit noch ein wenig Dramatik hinzufügen. Es erinnert mich an Dublin. Ich war vor einigen Jahren dort und denke gerade daran, wie überrascht ich damals war. Nicht über die Stadt. Nicht über die Pubs. Sondern über das Wetter. In Dublin konnte man morgens bei Sonnenschein losgehen, mittags im Regen stehen und am Nachmittag wieder überlegen, ob die Sonnencreme vielleicht doch keine schlechte Idee gewesen wäre. Noch erstaunlicher fand ich allerdings die Menschen. Niemand schien sich darüber aufzuregen. Wenn es regnete, wurde eben die Kapuze hochgezogen. Wenn die Sonne herauskam, setzte man sich wieder nach draußen. Das Wetter war dort offenbar kein Problem, das gelöst werden musste. Es war einfach Teil des Tages. Heute musste ich daran denken, als der nächste Schauer über die Stadt zog. Unter dem Vordach neben dem Eingang stand eine ältere Dame und beobachtete den Regen. „Das hat die Natur jetzt aber auch gebraucht“, sagte sie. Eine andere Frau nickte. Dann sah sie nach oben in den grauen Himmel und antwortete: „Ja, aber kann es nicht einfach nachts regnen und tagsüber die Sonne scheinen?“ Das sind so Sätze, die vermutlich schon seit mehreren Generationen überall in Deutschland gesagt werden. Direkt nach „Früher war mehr Lametta“.

Ich sprang über eine Pfütze, hielt meine Tasche fest und bewegte mich mit der Eleganz eines eher weniger talentierten Hürdenläufers Richtung Eingang. Mir fehlten noch zwei Brötchen. Zwei. Nicht fünfzehn. Ich musste keinen Wocheneinkauf erledigen. Ich brauchte einfach zwei Brötchen. Und manchmal stelle ich fest, dass Glück erstaunlich oft mit sehr überschaubaren Dingen zusammenhängt. Mit Kaffee. Mit einem freien Nachmittag. Mit einem Platz am Fenster im Zug. Mit zwei Brötchen, die noch fehlen. Während draußen der Regen gegen das Dach trommelte und irgendwo in der Ferne erneut ein Donner grollte, lief ich ohne Wagen und ohne Korb durch den Markt und dachte, dass die Welt eigentlich ganz gut darin ist, sich selbst zu beschäftigen. Mal regnet es. Mal scheint die Sonne. Mal passiert beides gleichzeitig. Und dann gibt es einen Regenbogen. Herrlich.

Gestern habe ich mich eher zufällig mit einem Mann unterhalten, der vermutlich deutlich weniger besaß als die meisten Menschen und dabei trotzdem zufrieden wirkte. Er machte jedenfalls den Eindruck. Aufgefallen war mir allerdings nicht der Mann, sondern sein Auto. Ich ging wie fast jeden Tag an der Hauptstraße spazieren, als mir dieser Mercedes Sprinter ins Auge fiel. Groß. Schwarz. Höhergelegt. Dicke Reifen. Hinten hing ein Fahrradträger, auf dem ein Gravel-Bike befestigt war. Das Ganze sah aus, als könnte man damit entweder durch Schweden fahren oder notfalls einen kleinen Bürgerkrieg überstehen.

Natürlich blieb ich kurz stehen. Nicht lange. Nur so lange, wie Menschen stehen bleiben, die behaupten würden, kein Stück neugierig zu sein. Durch die Seitenscheibe konnte ich ein wenig vom Innenausbau erkennen. Holz. Schubladen. Irgendwelche Taschen. Dann bemerkte ich, dass hinter dem Lenkrad jemand saß. Der Mann trug eine Nickelbrille, hatte seine Haare zu einem Zopf zusammengebunden und einen Schal um den Hals, obwohl die Temperaturen das eigentlich nicht mehr unbedingt erforderlich machten. Er sah ein wenig aus wie jemand, der entweder Kunst studiert oder seit Jahren erfolgreich versucht, auszusehen wie jemand, der Kunst studiert hat. Er lächelte.

„Kann ich dir helfen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich finde nur das Auto ziemlich interessant.“
„Dann guck ruhig genauer“, sagte er.

Und so stand ich neben einem Fremden auf einem Parkplatz und ließ mir dessen Zuhause zeigen. Denn genau das war es. Sein Zuhause. Links befand sich eine kleine Kochecke mit Gas. Daneben eine Sitzecke. Weiter hinten eine erstaunlich große Liegefläche. Irgendwo war ein Chemieklo untergebracht und mehrere Schränke, wobei Schränke vielleicht ein etwas großes Wort für das waren, was eher wie sehr gut organisierte Verstecke aussah.

„Mehr brauche ich gar nicht“, sagte er.

Dann erzählte er, dass er remote arbeite und seit längerer Zeit dauerhaft im Sprinter lebe. Keine Wohnung. Keine Miete. Kein Keller voller Dinge, die man sowieso nicht braucht. Nur das Auto. Und offenbar das Fahrrad. Während er sprach, schaute ich mich um und dachte darüber nach, dass sich ein erstaunlicher Teil unseres Lebens eigentlich nur darum dreht, Dinge zu kaufen und irgendwo unterzubringen, die wir selten bis gar nicht benutzen.

Er kam aus Osterholz-Scharmbeck, war gerade wieder unterwegs und hatte noch kein festes Ziel. Zumindest keines, welches er mir verraten hätte. Vorhin hatte er in der kleinen Pizzeria gegessen. Jetzt wollte er weiterfahren. Ich bedankte mich für den Einblick und ging ein paar Schritte zurück. Kurz darauf sprang der Motor an. Der Blinker setzte sich klackend in Bewegung. Dann fuhr der Sprinter auf die Hauptstraße und verschwand langsam zwischen den anderen Autos. Wahrscheinlich werde ich diesen Mann nie wiedersehen. Aber etwas blieb. Vielleicht eine Idee. Vielleicht eine Vorstellung davon, dass ein Leben auch anders aussehen kann. Nicht unbedingt besser. Nicht unbedingt schlechter. Einfach anders. Während ich weiterging, dachte ich darüber nach, wie wenig sich eigentlich in diesem Fahrzeug befand. Eine kleine Küche. Ein Bett. Ein Fahrrad. Ein paar Schränke. Mehr hatte ich jedenfalls nicht gesehen. Und trotzdem wirkte er nicht wie jemand, dem etwas fehlte. Eher wie jemand, der irgendwann beschlossen hatte, dass genug eben genug ist. Natürlich wird auch er Probleme haben. Wahrscheinlich sogar dieselben wie wir alle. Rechnungen. Sorgen. Schlechte Tage. Dinge, die nicht funktionieren. Menschen, die anstrengend sind. Aber er wirkte nicht wie jemand, der darauf wartete, irgendwann einmal zu leben. Er wirkte wie jemand, der bereits damit angefangen hatte.

Kasse 3.

Mitten im echten Leben.

Der Supermarkt ist voller als sonst. Schon am Eingang stehen viele Menschen mit Einkaufswagen. Für einen Moment frage ich mich, ob ich einen Feiertag übersehen habe. Irgendeinen geheimen Feiertag vielleicht, von dem nur Rentner und Menschen mit Familien-WhatsApp-Gruppen etwas wissen. Nein. Pfingsten ist vorbei. Der nächste Feiertag liegt noch weiter Ferne. Es gibt eigentlich keinen Grund für diesen Ausnahmezustand. Trotzdem schieben sich die Wagen durch die Gänge wie Autos im Feierabendverkehr. Vor dem Obstregal stehen zwei ältere Damen und betrachten mich mit jener vorsichtigen Skepsis, die manche Menschen entwickeln, wenn Tätowierungen ins Spiel kommen. Es gibt ja Generationen, die bis heute davon überzeugt sind, dass tätowierte Menschen grundsätzlich kurz davorstehen, eine Bank zu überfallen, während Männer in Anzügen automatisch seriös wirken. Die vergangenen Jahrzehnte haben allerdings mehrfach bewiesen, dass beides nicht zwangsläufig stimmen muss. Aber gut. Lass sie. Denke ich.

An der Kasse vor mir steht ein Mann, der sichtbar mit diesem Tag kämpft. Vielleicht auch mit den Temperaturen. Vielleicht mit beidem. Sein T-Shirt klebt am Rücken. Mit einem Papiertuch tupft er sich immer wieder die Stirn ab, während er gleichzeitig versucht, seine Einkäufe aufs Band zu legen. Die Bewegung erinnert ein wenig an jemanden, der zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen muss und mit keiner davon wirklich zufrieden ist. Zwischen jedem Griff holt er hörbar Luft. Hinter der Kasse sitzt Frau Funke. Zumindest nehme ich an, dass sie so heißt. Ein Namensschild hängt an ihrer Brust. Frau Funke wirkt genervt. Nicht wirklich offensichtlich, sondern auf diese professionelle Art, die Menschen entwickeln, wenn sie seit Stunden dieselben Fragen beantworten, dieselben Produkte über den Scanner ziehen und dabei versuchen, freundlich zu bleiben. Warum sie genervt ist, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es am Wetter. Vielleicht an der Hitze. Vielleicht an dem Mann vor mir, der seinen Einkauf mit bemerkenswerter Ruhe aufs Band legt. Vielleicht auch an allem zusammen. Jedenfalls piept der Scanner weiter. Und für einen kurzen Moment denke ich, dass Supermärkte eigentlich faszinierende Orte sind. Man will nur schnell zwei Brötchen, einen Energydrink ohne Zucker und zwei Mister Tom holen. Und landet mitten im echten Leben.

Frau Funke zieht irgendwelche Dosen, Mineralwasser und Katzenfutter über das Band, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes getan. Der Mann vor mir kämpft sich wieder langsam durch seinen Einkauf. Doch statt die Waren aufs Band zu legen, muss er sie dieses Mal zunächst im Einkaufswagen der Größe nach sortieren. Warum, weiß vermutlich nur er. Vielleicht gibt es ein System. Vielleicht ist er ehemaliger Logistikleiter. Vielleicht beruhigt es ihn einfach. Keine Ahnung. Hinter mir diskutiert ein Paar darüber, ob man wirklich noch Eier braucht. Die Frau sagt nein. Der Mann meint, man könne nie genug Eier haben. Es wirkt nicht so, als wäre das die erste Diskussion dieser Art. Eher wie die 842. Folge einer Serie, die beide seit Jahren gemeinsam produzieren. Der Mann erwähnt, dass sie doch vom Hof Meyer holen könnten. Die Frau schaut ihn an. Er sagt nichts mehr. Wahrscheinlich bekommt er keine Eier an diesem Tag.

Manchmal frage ich mich wirklich, ob das die finale Version der Menschheit sein kann. Nicht böse gemeint. Eher aus ehrlicher Verwunderung. Ich meine, die Menschen entwickeln künstliche Intelligenz, bauen Teilchenbeschleuniger, schicken Raumsonden Milliarden Kilometer durchs All und gleichzeitig verlieren wir regelmäßig den Kampf gegen einen Einkaufswagen, wenn dieser nur ein nicht funktionierendes Rad besitzt.

Heute z.B. sah ich einen Mann, der drei verschiedene Sorten Grillsoßen mit der Ernsthaftigkeit eines Weinexperten in Südfrankreich betrachtet hat. Eine Frau hielt eine Avocado in der Hand und drückt alle drei Sekunden vorsichtig dagegen, als würde sie versuchen, diese irgendwie reanimieren zu können. Ein kleiner Junge rast mit dem Einkaufswagen um eine Kurve und verfehlt ein Regal um wenige Zentimeter. Seine Mutter rief seinen Namen da schon zum sechsten Mal. „LUUUUKAAAAS.“ Das Kind reagiert überhaupt nicht. Es bewegt sich mit der Gelassenheit eines Menschen, der weiß, dass er zwar Ärger bekommen wird, aber erst später. Draußen. Wahrscheinlich im Auto.

Eigentlich ist Lukas auch gar nicht so dumm. Vielleicht ist das ja überhaupt das Geheimnis des Lebens. Probleme möglichst weit in die Zukunft verschieben. Das machen Erwachsene schließlich auch. Manche verschieben Zahnarzttermine. Manche ihre Steuererklärung. Und manche ihre Trennung. Wenn man genau hinsieht, erkennt man solche Paare manchmal sogar im Supermarkt. Sie reden kaum noch miteinander. Einer schiebt den Wagen. Der andere läuft zwei Meter dahinter. Beide wirken, als hätten sie sich vor Jahren verlaufen und würden nun aus Gewohnheit dieselbe Route gehen. Und dann kriegen sie sich wegen den Eiern in die Haare. Oder der Mayo. Vielleicht auch wegen des Biers. Irgendwann geht es bei solchen Diskussionen ohnehin längst nicht mehr um das eigentliche Thema. Aber trotzdem lassen sie sich nicht scheiden. Natürlich kann ich mich irren. Vielleicht sind sie auch einfach nur müde. Vielleicht haben sie Kinder. Vielleicht beides. Andererseits kostet ein durchschnittlicher Wocheneinkauf inzwischen ungefähr so viel wie früher ein Kleinwagen. Und eine Scheidung ist noch einmal deutlich teurer. Da kann man schon verstehen, warum manche Menschen einfach noch ein paar Jahre durchhalten, bis der Tod sie scheidet.

Der echter Vorteil einer Trennung ist, dass man möglicherweise die Schwiegermutter los ist. Wobei Schwiegermütter natürlich auch Mütter sind. Und Mütter machen das, was Mütter seit Jahrhunderten tun. Sie sorgen sich. Sie helfen. Sie geben Ratschläge. Auch dann, wenn niemand danach gefragt hat. Manche kommen nur kurz vorbei und sitzen vier Stunden später immer noch in der Küche. Irgendwann haben sie ihren festen Platz am Tisch. Sie wissen, wo die Kaffeefilter liegen, welcher Schrank klemmt und warum man die Pfanne angeblich falsch einräumt. Sie meinen es meistens gut. Das ist ja das Gefährliche daran. Ich glaube jedenfalls nicht, dass morgens eine Schwiegermutter aufsteht und denkt: Heute mische ich mich langsam und unauffällig in diese Ehe ein. Das passiert schleichend. Erst wird nur etwas vorgeschlagen. Dann etwas empfohlen. Dann etwas hinterfragt. Und irgendwann sitzt plötzlich eine dritte Meinung mit am Esstisch, obwohl eigentlich nur zwei eingeladen waren. Das Merkwürdige ist, dass einer das meistens sofort bemerkt. Der andere überhaupt nicht. Der hält das alles für völlig normal. Jahre später heißt es dann, man habe sich auseinandergelebt. Man habe sich verloren. Man habe zu wenig Zeit miteinander verbracht. Was durchaus sein kann. Andererseits ist es schwierig, Zeit zu zweit zu verbringen, wenn regelmäßig noch jemand wissen möchte, warum der Schrank nicht an der anderen Wand steht oder weshalb man die Kartoffeln falsch lagert. Vielleicht ist das am Ende der eigentliche Grund, warum manche Menschen nach einer Trennung plötzlich so erleichtert wirken. Nicht unbedingt wegen der Trennung. Sondern weil sie zum ersten Mal seit Jahren wieder das Gefühl haben, dass die Wohnung tatsächlich ihnen gehört. Wobei ich darüber vermutlich nicht urteilen sollte. Ich stehe schließlich immer noch mit zwei Brötchen, einem Energydrink ohne Zucker und zwei Mister Tom an einer Supermarktkasse und analysiere das Privatleben fremder Menschen, nur weil sich hinter mir ein Paar nicht auf Eier einigen konnte.

Frau Funke nennt den Betrag. Der Mann vor mir bezahlt. Mit Karte. Oder wie er sagt: „Mit Plastik.“ Dann lacht er. Frau Funke lacht nicht. Ich glaube, ich weiß inzwischen, warum sie genervt ist. Schließlich hat sie es jeden Tag mit der finalen Version der Menschheit zu tun.

5 Dinge,

die ich gelernt habe.

Der Mai geht vorbei und ich bin, ehrlich gesagt, nicht besonders böse drum. Es war kein schlimmer Monat. Aber eben auch keiner, von dem man später romantisch erzählt, nur weil irgendwo ein paar Abende lang schönes Licht durch die Fenster gefallen ist. Dieser Mai war eher ein Monat aus der Kategorie: „Schmeckt gut, musst du aber nie wieder kochen.“ Wie so ein Gericht, das man nach einem neuen Rezept gekocht hat und dann für sich klar macht, dass es beim nächsten Mal wieder Bratkartoffeln gibt. Trotzdem ist in diesem Mai etwas passiert. Und tatsächlich so, wie wichtige Dinge meistens passieren: nebenbei. Während man unterwegs ist. Während man müde ist. Während man eigentlich nur versucht, irgendwie durch die Woche zu kommen. Und vielleicht habe ich in diesen paar Wochen mehr verstanden als in den letzten acht Jahren zusammen. Zumindest fühlt es sich gerade so an.

Das Erste, was ich gelernt habe, war wahrscheinlich das unbequemste. Irgendwann merkt man, dass niemand kommt, um einen zu retten. Das klingt natürlich dramatischer, als es eigentlich ist. Aber früher dachte ich oft, irgendwann würde dieser Moment kommen. Der Moment, in dem plötzlich alles leichter wird. Jemand taucht auf. Eine Gelegenheit ergibt sich. Die richtigen Umstände stellen sich ein. Irgendetwas passiert und löst die Dinge, die man selbst seit Monaten oder Jahren vor sich herschiebt.

Tatsächlich passiert meistens gar nichts. Die Welt dreht sich einfach weiter. Die Rechnungen kommen. Der Wecker klingelt. Die Probleme sitzen am nächsten Morgen immer noch am Küchentisch und schauen einen beim Kaffee trinken an. Und irgendwann versteht man, dass die Person, auf die man die ganze Zeit gewartet hat, bereits da ist. Jeden Morgen. Im Badezimmerspiegel. Das ist erstmal keine besonders schöne Erkenntnis. Aber eine befreiende. Denn in dem Moment hört man auf zu warten. Auf Rettung. Auf Erlaubnis. Auf Zustimmung. Auf den perfekten Zeitpunkt und fängt an, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Die zweite Erkenntnis kam nicht an einem bestimmten Tag. Sie war einfach irgendwann da. Vielleicht, weil ich in diesem Monat mehr unterwegs war als sonst. Mehr Bahnfahrten. Mehr Wartezeiten. Mehr Stunden, in denen ich aus dem Fenster geguckt und zusah, wie die Landschaften vorbeiziehen. Irgendwann fiel mir auf, wie oft wir Menschen so tun, als hätten wir unendlich viel Zeit. Wir verschieben Dinge auf später. Den Anruf. Die Reise. Das Buch. Das Gespräch, das längst hätte geführt werden sollen. Immer in der Annahme, dass später noch da ist. Dabei ist Zeit die einzige Währung, die du nie zurückbekommst. Geld kann man neu verdienen. Zeit nicht.

Je länger ich darüber nachdenke, desto wahrer erscheint mir dieser Satz. Geld kann verloren gehen und wiederkommen. Ein Job kann wechseln. Ein Auto ersetzt werden. Selbst viele Fehler lassen sich irgendwann korrigieren. Aber eine Stunde, die vorbei ist, bleibt vorbei. Ein Tag kommt nicht zurück. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ältere Menschen so oft sagen, wie schnell alles gegangen ist. Nicht weil die Jahre tatsächlich schneller werden. Sondern weil man irgendwann begreift, dass Zeit nicht auf uns wartet. Sie läuft einfach. Während wir planen. Während wir zweifeln. Während wir noch überlegen, ob wir anfangen sollen. Der Mai hat mich jedenfalls daran erinnert, dass aus „später“ erstaunlich schnell „irgendwann“ wird. Und aus „irgendwann“ manchmal gar nichts.

Die dritte Erkenntnis hat mich wahrscheinlich am meisten genervt. Einfach deshalb, weil ich inzwischen weiß, dass sie stimmt. Fast alles, was du wirklich willst, liegt hinter einer Phase, auf die du gerade keine Lust hast. Ich habe das in diesem Monat oft genug erlebt. Morgens um vier, wenn die Laufschuhe im Flur stehen und der Kaffee plötzlich die deutlich vernünftigere Alternative zu sein scheint. Beim Schreiben, wenn ich lieber die einen Film sehen oder auf Insta scrollen würde, statt auf einen leeren Bildschirm zu gucken. Oder wenn die Tiefkühlpizza mit erstaunlich guten Argumenten um die Ecke kommt.

Eigentlich spielt es keine Rolle, worum es geht. Laufen. Schreiben. Abnehmen. Lernen. Sparen. Scheißegal. Es ist immer dasselbe Prinzip.

Das Geile beginnt hinter dem Mist.

Wir wünschen uns das Ergebnis, aber selten den Weg dorthin. Wir wollen fitter sein, aber nicht unbedingt trainieren. Ein Buch schreiben, aber nicht jeden Tag schreiben. Mehr Geld haben, aber nicht auf Dinge verzichten. Dabei liegt der unangenehme Teil fast immer am Anfang. Genau deshalb drehen viele Menschen irgendwann wieder um. Hab ich übrigens auch. Immer wieder. Der Unterschied ist nur, dass man irgendwann versteht, dass hinter diesem Widerstand meistens genau das liegt, was man eigentlich haben möchte. Nicht davor.

Die vierte Erkenntnis hat etwas länger gebraucht. Vielleicht Jahre. Wahrscheinlich, weil man manche Dinge erst versteht, wenn sie oft genug passiert sind. Irgendwann fiel mir auf, dass es Menschen gibt, die mit erstaunlicher Regelmäßigkeit aus dem eigenen Leben verschwinden. Nicht für immer. Gerade so lange, dass man sich fragt, was eigentlich los ist. Dann tauchen sie wieder auf, als wäre nichts gewesen. Und weil man sie mag, macht man das Spiel oft mit. Man wartet. Man hofft. Man hält sich Möglichkeiten offen. Und manchmal verschiebt man dabei sogar sich selbst immer wieder ein kleines Stück. Irgendwann habe ich verstanden, dass das keine besonders gute Idee ist. Wer immer wieder verschwindet, sollte nicht Teil deiner Zukunftsplanung sein. Das bedeutet nicht, dass man diese Menschen nicht mögen darf. Im Gegenteil. Manche davon sind wunderbare Menschen. Aber man sollte aufhören, das eigene Leben nach Menschen auszurichten, die selbst nicht wissen, ob sie bleiben wollen. Man darf Menschen mögen. Aber man sollte aufhören, auf sie zu warten.

Die fünfte Erkenntnis ist wahrscheinlich die wichtigste von allen. Vielleicht, weil sie in den letzten Wochen immer wieder auftauchte. Im Krankenhaus. Im Zug. Auf Bahnsteigen. Beim Laufen. Irgendwo zwischen Alltag, Müdigkeit und den Dingen, die man eigentlich noch erledigen wollte.

Das Leben wartet nicht.

Ich glaube, wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, auf den richtigen Moment zu warten. Auf bessere Umstände. Mehr Geld. Mehr Mut. Mehr Sicherheit. Auf irgendeine zukünftige Version von uns selbst, die plötzlich genau weiß, was sie tut. Auf Menschen, die wir mögen, aber uns nicht das zurückgeben, was wir ihnen geben. Dabei läuft das Leben einfach weiter. Nicht morgen. Nicht irgendwann. Jetzt. Während wir Pläne machen. Während wir Listen schreiben. Während wir Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen. Während wir noch überlegen, ob wir es echt probieren sollen. Das Leben wartet nicht auf den perfekten Zeitpunkt. Nicht darauf, dass du mutiger wirst. Nicht darauf, dass du leichter wirst. Nicht darauf, dass du mehr Geld hast. Nicht darauf, dass du bereit bist. Es passiert einfach. Jeden verfickten Tag. Ob wir mitkommen oder nicht.

Und vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis in diesem Monat. Dass wir alle irgendwann aufhören sollten, unser Leben auf später zu verschieben. Auf den Tag, an dem alles passt. Auf den Moment, an dem wir uns bereit fühlen. Auf die Person, die noch kommen könnte. Auf die Gelegenheit, die vielleicht irgendwann auftaucht. Denn wenn die letzten Wochen mir eines gezeigt haben, dann dies: Das Leben findet nicht irgendwann statt. Es findet genau jetzt statt. Während wir noch darüber nachdenken, ob wir anfangen sollen. Und vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem man aufhört zu warten. Auf Rettung. Auf Zustimmung. Auf die richtigen Umstände. Auf andere Menschen. Der Punkt, an dem man sich selbst an die erste Stelle setzt und versteht, dass niemand dieses Leben für einen leben wird. Dass niemand die Kilometer laufen, die Bücher schreiben, die Entscheidungen treffen oder die Träume verwirklichen kann, die eigentlich die eigenen sind. Vielleicht bedeutet Leben am Ende genau das. Nicht länger auf irgendwen oder irgendetwas zu warten. Sondern loszugehen. Mit dem, was man hat. Genau dort, wo man gerade steht. Weil niemand kommt. Und weil die Zeit einfach weiterläuft.