Um 4:07 Uhr begegnet man auf einer Dorfstraße meist niemandem. Keine Autos. Keine Fahrräder. Keine Menschen mit wichtigen Terminen. Die einzige Bewegung kommt vielleicht von einer Amsel, die irgendwo in einem Busch trällert. Die Häuser schlafen noch. Hinter den Gardinen brennt nirgendwo Licht. Selbst die Hunde scheinen sich darauf geeinigt zu haben, um diese Zeit noch nicht zu bellen. Ein paar Minuten später laufe ich am Ortsrand entlang. Rechts Wiesen. Links ein Graben. Irgendwo weiter hinten steht ein Reh auf dem Feld und schaut mich an, als wäre ich derjenige, der hier nicht hingehört. Es gibt Tage, da regnet es. Dann regnet es eben. Um diese Uhrzeit spielt das kaum eine Rolle. Regen hat morgens um kurz nach vier etwas Erstaunliches. Er wirkt deutlich weniger ätzend als später am Tag. Vielleicht weil noch niemand darüber diskutiert. Niemand beschwert sich. Er fällt einfach vom Himmel und erledigt seine Arbeit. Man selbst wird nass, weiß aber, dass man sich später einfach umziehen kann. Alles gut.  Kurz nach fünf sitze ich meistens auf einer Bank. Die Kniebandage, Knieschoner oder wie dieses Ding offiziell heißt, hab ich dann nach unten geschoben. Neben mir steht ein Energy-Drink, der vermutlich nicht auf jeder Liste gesunder Lebensentscheidungen auftaucht. In meinen Kopfhörern läuft irgendetwas, das nach Vorwärtskommen klingt. Beastie Boys. Chemical Brothers. Vielleicht auch Placebo. Vor mir geht langsam die Sonne auf. Man kann nicht immer alles richtig machen. Wahrscheinlich wäre das auch ziemlich anstrengend.

Ich kenne da einen.

Nach außen betrachtet hat dieser Mann sein Leben derart im Griff, dass man meinen könnte, er würde morgens seine Cornflakes nach Größe sortieren. Wenn man mit ihm spricht, läuft alles hervorragend. Immer. Die Familie. Das Haus. Die Urlaubsplanung. Das neue Fahrrad. Das Wetter. Wahrscheinlich auch die Entwicklung der europäischen Spiegeleiquallenpopulation. Besonders beeindruckend ist sein Interesse am Skispringen. Jedes Jahr verfolgt er sämtliche Übertragungen. Nicht ein paar. Alle. Man bekommt den Eindruck, als würde sein seelisches Gleichgewicht bei jedem Sprung von Andreas Wellinger kurz mit in der Luft hängen. Doch irgendwann erfährt man andere Dinge.

Dass er Angst vorm Autofahren hat. Dass er regelmäßig Sachen bei Kleinanzeigen verkauft, aber die Tür nicht öffnet, wenn der Käufer klingelt. Stattdessen schickt er seine Frau vor. Dass ihn manche Situationen genauso überfordern wie jeden anderen Menschen auch. Dass er nachts über Dinge nachdenkt. Dass er Sorgen hat. Dass sein Leben erstaunlich normal ist. Und genau darüber spricht er nie. Denn nach außen soll alles perfekt wirken. Als gäbe es irgendwo eine geheime Verordnung, nach der man Probleme erst besitzen darf, wenn sämtliche Nachbarn ihre schriftliche Zustimmung erteilt haben. Dabei ist die Wahrheit wahrscheinlich deutlich entspannter. Fast jeder hat irgendwelche Baustellen. Fast jeder hat Ängste. Fast jeder tut gelegentlich so, als hätte er sein Leben besser im Griff, als es tatsächlich der Fall ist. Und vielleicht sitzen deshalb morgens um fünf Menschen auf Bänken, trinken fragwürdige Getränke und beobachten den Sonnenaufgang. Nicht weil sie Antworten gefunden haben. Sondern weil die Welt um diese Uhrzeit noch keine so dummen Fragen stellt.

Der Typ im Sprinter.

Zuhause auf Rädern.

Vor dem Supermarkt standen ein paar Menschen unter dem Vordach und warteten darauf, dass der Regen sich wieder beruhigte. Vor zehn Minuten hatte noch die Sonne geschienen. Jetzt prasselte das Wasser auf das Pflaster, als hätte jemand beschlossen, den Himmel einmal komplett durchzuspülen. Über den Dächern hing eine dunkle Wolke. Weiter hinten war der Himmel bereits wieder blau. Das Wetter macht heute, was es will. Regen. Sonne. Wind. Dann wieder Regen. Dazwischen gelegentlich Donner, als wolle Petrus, sofern er wirklich für das Wetter zuständig ist, zur Sicherheit noch ein wenig Dramatik hinzufügen. Es erinnert mich an Dublin. Ich war vor einigen Jahren dort und denke gerade daran, wie überrascht ich damals war. Nicht über die Stadt. Nicht über die Pubs. Sondern über das Wetter. In Dublin konnte man morgens bei Sonnenschein losgehen, mittags im Regen stehen und am Nachmittag wieder überlegen, ob die Sonnencreme vielleicht doch keine schlechte Idee gewesen wäre. Noch erstaunlicher fand ich allerdings die Menschen. Niemand schien sich darüber aufzuregen. Wenn es regnete, wurde eben die Kapuze hochgezogen. Wenn die Sonne herauskam, setzte man sich wieder nach draußen. Das Wetter war dort offenbar kein Problem, das gelöst werden musste. Es war einfach Teil des Tages. Heute musste ich daran denken, als der nächste Schauer über die Stadt zog. Unter dem Vordach neben dem Eingang stand eine ältere Dame und beobachtete den Regen. „Das hat die Natur jetzt aber auch gebraucht“, sagte sie. Eine andere Frau nickte. Dann sah sie nach oben in den grauen Himmel und antwortete: „Ja, aber kann es nicht einfach nachts regnen und tagsüber die Sonne scheinen?“ Das sind so Sätze, die vermutlich schon seit mehreren Generationen überall in Deutschland gesagt werden. Direkt nach „Früher war mehr Lametta“.

Ich sprang über eine Pfütze, hielt meine Tasche fest und bewegte mich mit der Eleganz eines eher weniger talentierten Hürdenläufers Richtung Eingang. Mir fehlten noch zwei Brötchen. Zwei. Nicht fünfzehn. Ich musste keinen Wocheneinkauf erledigen. Ich brauchte einfach zwei Brötchen. Und manchmal stelle ich fest, dass Glück erstaunlich oft mit sehr überschaubaren Dingen zusammenhängt. Mit Kaffee. Mit einem freien Nachmittag. Mit einem Platz am Fenster im Zug. Mit zwei Brötchen, die noch fehlen. Während draußen der Regen gegen das Dach trommelte und irgendwo in der Ferne erneut ein Donner grollte, lief ich ohne Wagen und ohne Korb durch den Markt und dachte, dass die Welt eigentlich ganz gut darin ist, sich selbst zu beschäftigen. Mal regnet es. Mal scheint die Sonne. Mal passiert beides gleichzeitig. Und dann gibt es einen Regenbogen. Herrlich.

Gestern habe ich mich eher zufällig mit einem Mann unterhalten, der vermutlich deutlich weniger besaß als die meisten Menschen und dabei trotzdem zufrieden wirkte. Er machte jedenfalls den Eindruck. Aufgefallen war mir allerdings nicht der Mann, sondern sein Auto. Ich ging wie fast jeden Tag an der Hauptstraße spazieren, als mir dieser Mercedes Sprinter ins Auge fiel. Groß. Schwarz. Höhergelegt. Dicke Reifen. Hinten hing ein Fahrradträger, auf dem ein Gravel-Bike befestigt war. Das Ganze sah aus, als könnte man damit entweder durch Schweden fahren oder notfalls einen kleinen Bürgerkrieg überstehen.

Natürlich blieb ich kurz stehen. Nicht lange. Nur so lange, wie Menschen stehen bleiben, die behaupten würden, kein Stück neugierig zu sein. Durch die Seitenscheibe konnte ich ein wenig vom Innenausbau erkennen. Holz. Schubladen. Irgendwelche Taschen. Dann bemerkte ich, dass hinter dem Lenkrad jemand saß. Der Mann trug eine Nickelbrille, hatte seine Haare zu einem Zopf zusammengebunden und einen Schal um den Hals, obwohl die Temperaturen das eigentlich nicht mehr unbedingt erforderlich machten. Er sah ein wenig aus wie jemand, der entweder Kunst studiert oder seit Jahren erfolgreich versucht, auszusehen wie jemand, der Kunst studiert hat. Er lächelte.

„Kann ich dir helfen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich finde nur das Auto ziemlich interessant.“
„Dann guck ruhig genauer“, sagte er.

Und so stand ich neben einem Fremden auf einem Parkplatz und ließ mir dessen Zuhause zeigen. Denn genau das war es. Sein Zuhause. Links befand sich eine kleine Kochecke mit Gas. Daneben eine Sitzecke. Weiter hinten eine erstaunlich große Liegefläche. Irgendwo war ein Chemieklo untergebracht und mehrere Schränke, wobei Schränke vielleicht ein etwas großes Wort für das waren, was eher wie sehr gut organisierte Verstecke aussah.

„Mehr brauche ich gar nicht“, sagte er.

Dann erzählte er, dass er remote arbeite und seit längerer Zeit dauerhaft im Sprinter lebe. Keine Wohnung. Keine Miete. Kein Keller voller Dinge, die man sowieso nicht braucht. Nur das Auto. Und offenbar das Fahrrad. Während er sprach, schaute ich mich um und dachte darüber nach, dass sich ein erstaunlicher Teil unseres Lebens eigentlich nur darum dreht, Dinge zu kaufen und irgendwo unterzubringen, die wir selten bis gar nicht benutzen.

Er kam aus Osterholz-Scharmbeck, war gerade wieder unterwegs und hatte noch kein festes Ziel. Zumindest keines, welches er mir verraten hätte. Vorhin hatte er in der kleinen Pizzeria gegessen. Jetzt wollte er weiterfahren. Ich bedankte mich für den Einblick und ging ein paar Schritte zurück. Kurz darauf sprang der Motor an. Der Blinker setzte sich klackend in Bewegung. Dann fuhr der Sprinter auf die Hauptstraße und verschwand langsam zwischen den anderen Autos. Wahrscheinlich werde ich diesen Mann nie wiedersehen. Aber etwas blieb. Vielleicht eine Idee. Vielleicht eine Vorstellung davon, dass ein Leben auch anders aussehen kann. Nicht unbedingt besser. Nicht unbedingt schlechter. Einfach anders. Während ich weiterging, dachte ich darüber nach, wie wenig sich eigentlich in diesem Fahrzeug befand. Eine kleine Küche. Ein Bett. Ein Fahrrad. Ein paar Schränke. Mehr hatte ich jedenfalls nicht gesehen. Und trotzdem wirkte er nicht wie jemand, dem etwas fehlte. Eher wie jemand, der irgendwann beschlossen hatte, dass genug eben genug ist. Natürlich wird auch er Probleme haben. Wahrscheinlich sogar dieselben wie wir alle. Rechnungen. Sorgen. Schlechte Tage. Dinge, die nicht funktionieren. Menschen, die anstrengend sind. Aber er wirkte nicht wie jemand, der darauf wartete, irgendwann einmal zu leben. Er wirkte wie jemand, der bereits damit angefangen hatte.

Kasse 3.

Mitten im echten Leben.

Der Supermarkt ist voller als sonst. Schon am Eingang stehen viele Menschen mit Einkaufswagen. Für einen Moment frage ich mich, ob ich einen Feiertag übersehen habe. Irgendeinen geheimen Feiertag vielleicht, von dem nur Rentner und Menschen mit Familien-WhatsApp-Gruppen etwas wissen. Nein. Pfingsten ist vorbei. Der nächste Feiertag liegt noch weiter Ferne. Es gibt eigentlich keinen Grund für diesen Ausnahmezustand. Trotzdem schieben sich die Wagen durch die Gänge wie Autos im Feierabendverkehr. Vor dem Obstregal stehen zwei ältere Damen und betrachten mich mit jener vorsichtigen Skepsis, die manche Menschen entwickeln, wenn Tätowierungen ins Spiel kommen. Es gibt ja Generationen, die bis heute davon überzeugt sind, dass tätowierte Menschen grundsätzlich kurz davorstehen, eine Bank zu überfallen, während Männer in Anzügen automatisch seriös wirken. Die vergangenen Jahrzehnte haben allerdings mehrfach bewiesen, dass beides nicht zwangsläufig stimmen muss. Aber gut. Lass sie. Denke ich.

An der Kasse vor mir steht ein Mann, der sichtbar mit diesem Tag kämpft. Vielleicht auch mit den Temperaturen. Vielleicht mit beidem. Sein T-Shirt klebt am Rücken. Mit einem Papiertuch tupft er sich immer wieder die Stirn ab, während er gleichzeitig versucht, seine Einkäufe aufs Band zu legen. Die Bewegung erinnert ein wenig an jemanden, der zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen muss und mit keiner davon wirklich zufrieden ist. Zwischen jedem Griff holt er hörbar Luft. Hinter der Kasse sitzt Frau Funke. Zumindest nehme ich an, dass sie so heißt. Ein Namensschild hängt an ihrer Brust. Frau Funke wirkt genervt. Nicht wirklich offensichtlich, sondern auf diese professionelle Art, die Menschen entwickeln, wenn sie seit Stunden dieselben Fragen beantworten, dieselben Produkte über den Scanner ziehen und dabei versuchen, freundlich zu bleiben. Warum sie genervt ist, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es am Wetter. Vielleicht an der Hitze. Vielleicht an dem Mann vor mir, der seinen Einkauf mit bemerkenswerter Ruhe aufs Band legt. Vielleicht auch an allem zusammen. Jedenfalls piept der Scanner weiter. Und für einen kurzen Moment denke ich, dass Supermärkte eigentlich faszinierende Orte sind. Man will nur schnell zwei Brötchen, einen Energydrink ohne Zucker und zwei Mister Tom holen. Und landet mitten im echten Leben.

Frau Funke zieht irgendwelche Dosen, Mineralwasser und Katzenfutter über das Band, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes getan. Der Mann vor mir kämpft sich wieder langsam durch seinen Einkauf. Doch statt die Waren aufs Band zu legen, muss er sie dieses Mal zunächst im Einkaufswagen der Größe nach sortieren. Warum, weiß vermutlich nur er. Vielleicht gibt es ein System. Vielleicht ist er ehemaliger Logistikleiter. Vielleicht beruhigt es ihn einfach. Keine Ahnung. Hinter mir diskutiert ein Paar darüber, ob man wirklich noch Eier braucht. Die Frau sagt nein. Der Mann meint, man könne nie genug Eier haben. Es wirkt nicht so, als wäre das die erste Diskussion dieser Art. Eher wie die 842. Folge einer Serie, die beide seit Jahren gemeinsam produzieren. Der Mann erwähnt, dass sie doch vom Hof Meyer holen könnten. Die Frau schaut ihn an. Er sagt nichts mehr. Wahrscheinlich bekommt er keine Eier an diesem Tag.

Manchmal frage ich mich wirklich, ob das die finale Version der Menschheit sein kann. Nicht böse gemeint. Eher aus ehrlicher Verwunderung. Ich meine, die Menschen entwickeln künstliche Intelligenz, bauen Teilchenbeschleuniger, schicken Raumsonden Milliarden Kilometer durchs All und gleichzeitig verlieren wir regelmäßig den Kampf gegen einen Einkaufswagen, wenn dieser nur ein nicht funktionierendes Rad besitzt.

Heute z.B. sah ich einen Mann, der drei verschiedene Sorten Grillsoßen mit der Ernsthaftigkeit eines Weinexperten in Südfrankreich betrachtet hat. Eine Frau hielt eine Avocado in der Hand und drückt alle drei Sekunden vorsichtig dagegen, als würde sie versuchen, diese irgendwie reanimieren zu können. Ein kleiner Junge rast mit dem Einkaufswagen um eine Kurve und verfehlt ein Regal um wenige Zentimeter. Seine Mutter rief seinen Namen da schon zum sechsten Mal. „LUUUUKAAAAS.“ Das Kind reagiert überhaupt nicht. Es bewegt sich mit der Gelassenheit eines Menschen, der weiß, dass er zwar Ärger bekommen wird, aber erst später. Draußen. Wahrscheinlich im Auto.

Eigentlich ist Lukas auch gar nicht so dumm. Vielleicht ist das ja überhaupt das Geheimnis des Lebens. Probleme möglichst weit in die Zukunft verschieben. Das machen Erwachsene schließlich auch. Manche verschieben Zahnarzttermine. Manche ihre Steuererklärung. Und manche ihre Trennung. Wenn man genau hinsieht, erkennt man solche Paare manchmal sogar im Supermarkt. Sie reden kaum noch miteinander. Einer schiebt den Wagen. Der andere läuft zwei Meter dahinter. Beide wirken, als hätten sie sich vor Jahren verlaufen und würden nun aus Gewohnheit dieselbe Route gehen. Und dann kriegen sie sich wegen den Eiern in die Haare. Oder der Mayo. Vielleicht auch wegen des Biers. Irgendwann geht es bei solchen Diskussionen ohnehin längst nicht mehr um das eigentliche Thema. Aber trotzdem lassen sie sich nicht scheiden. Natürlich kann ich mich irren. Vielleicht sind sie auch einfach nur müde. Vielleicht haben sie Kinder. Vielleicht beides. Andererseits kostet ein durchschnittlicher Wocheneinkauf inzwischen ungefähr so viel wie früher ein Kleinwagen. Und eine Scheidung ist noch einmal deutlich teurer. Da kann man schon verstehen, warum manche Menschen einfach noch ein paar Jahre durchhalten, bis der Tod sie scheidet.

Der echter Vorteil einer Trennung ist, dass man möglicherweise die Schwiegermutter los ist. Wobei Schwiegermütter natürlich auch Mütter sind. Und Mütter machen das, was Mütter seit Jahrhunderten tun. Sie sorgen sich. Sie helfen. Sie geben Ratschläge. Auch dann, wenn niemand danach gefragt hat. Manche kommen nur kurz vorbei und sitzen vier Stunden später immer noch in der Küche. Irgendwann haben sie ihren festen Platz am Tisch. Sie wissen, wo die Kaffeefilter liegen, welcher Schrank klemmt und warum man die Pfanne angeblich falsch einräumt. Sie meinen es meistens gut. Das ist ja das Gefährliche daran. Ich glaube jedenfalls nicht, dass morgens eine Schwiegermutter aufsteht und denkt: Heute mische ich mich langsam und unauffällig in diese Ehe ein. Das passiert schleichend. Erst wird nur etwas vorgeschlagen. Dann etwas empfohlen. Dann etwas hinterfragt. Und irgendwann sitzt plötzlich eine dritte Meinung mit am Esstisch, obwohl eigentlich nur zwei eingeladen waren. Das Merkwürdige ist, dass einer das meistens sofort bemerkt. Der andere überhaupt nicht. Der hält das alles für völlig normal. Jahre später heißt es dann, man habe sich auseinandergelebt. Man habe sich verloren. Man habe zu wenig Zeit miteinander verbracht. Was durchaus sein kann. Andererseits ist es schwierig, Zeit zu zweit zu verbringen, wenn regelmäßig noch jemand wissen möchte, warum der Schrank nicht an der anderen Wand steht oder weshalb man die Kartoffeln falsch lagert. Vielleicht ist das am Ende der eigentliche Grund, warum manche Menschen nach einer Trennung plötzlich so erleichtert wirken. Nicht unbedingt wegen der Trennung. Sondern weil sie zum ersten Mal seit Jahren wieder das Gefühl haben, dass die Wohnung tatsächlich ihnen gehört. Wobei ich darüber vermutlich nicht urteilen sollte. Ich stehe schließlich immer noch mit zwei Brötchen, einem Energydrink ohne Zucker und zwei Mister Tom an einer Supermarktkasse und analysiere das Privatleben fremder Menschen, nur weil sich hinter mir ein Paar nicht auf Eier einigen konnte.

Frau Funke nennt den Betrag. Der Mann vor mir bezahlt. Mit Karte. Oder wie er sagt: „Mit Plastik.“ Dann lacht er. Frau Funke lacht nicht. Ich glaube, ich weiß inzwischen, warum sie genervt ist. Schließlich hat sie es jeden Tag mit der finalen Version der Menschheit zu tun.

5 Dinge,

die ich gelernt habe.

Der Mai geht vorbei und ich bin, ehrlich gesagt, nicht besonders böse drum. Es war kein schlimmer Monat. Aber eben auch keiner, von dem man später romantisch erzählt, nur weil irgendwo ein paar Abende lang schönes Licht durch die Fenster gefallen ist. Dieser Mai war eher ein Monat aus der Kategorie: „Schmeckt gut, musst du aber nie wieder kochen.“ Wie so ein Gericht, das man nach einem neuen Rezept gekocht hat und dann für sich klar macht, dass es beim nächsten Mal wieder Bratkartoffeln gibt. Trotzdem ist in diesem Mai etwas passiert. Und tatsächlich so, wie wichtige Dinge meistens passieren: nebenbei. Während man unterwegs ist. Während man müde ist. Während man eigentlich nur versucht, irgendwie durch die Woche zu kommen. Und vielleicht habe ich in diesen paar Wochen mehr verstanden als in den letzten acht Jahren zusammen. Zumindest fühlt es sich gerade so an.

Das Erste, was ich gelernt habe, war wahrscheinlich das unbequemste. Irgendwann merkt man, dass niemand kommt, um einen zu retten. Das klingt natürlich dramatischer, als es eigentlich ist. Aber früher dachte ich oft, irgendwann würde dieser Moment kommen. Der Moment, in dem plötzlich alles leichter wird. Jemand taucht auf. Eine Gelegenheit ergibt sich. Die richtigen Umstände stellen sich ein. Irgendetwas passiert und löst die Dinge, die man selbst seit Monaten oder Jahren vor sich herschiebt.

Tatsächlich passiert meistens gar nichts. Die Welt dreht sich einfach weiter. Die Rechnungen kommen. Der Wecker klingelt. Die Probleme sitzen am nächsten Morgen immer noch am Küchentisch und schauen einen beim Kaffee trinken an. Und irgendwann versteht man, dass die Person, auf die man die ganze Zeit gewartet hat, bereits da ist. Jeden Morgen. Im Badezimmerspiegel. Das ist erstmal keine besonders schöne Erkenntnis. Aber eine befreiende. Denn in dem Moment hört man auf zu warten. Auf Rettung. Auf Erlaubnis. Auf Zustimmung. Auf den perfekten Zeitpunkt und fängt an, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Die zweite Erkenntnis kam nicht an einem bestimmten Tag. Sie war einfach irgendwann da. Vielleicht, weil ich in diesem Monat mehr unterwegs war als sonst. Mehr Bahnfahrten. Mehr Wartezeiten. Mehr Stunden, in denen ich aus dem Fenster geguckt und zusah, wie die Landschaften vorbeiziehen. Irgendwann fiel mir auf, wie oft wir Menschen so tun, als hätten wir unendlich viel Zeit. Wir verschieben Dinge auf später. Den Anruf. Die Reise. Das Buch. Das Gespräch, das längst hätte geführt werden sollen. Immer in der Annahme, dass später noch da ist. Dabei ist Zeit die einzige Währung, die du nie zurückbekommst. Geld kann man neu verdienen. Zeit nicht.

Je länger ich darüber nachdenke, desto wahrer erscheint mir dieser Satz. Geld kann verloren gehen und wiederkommen. Ein Job kann wechseln. Ein Auto ersetzt werden. Selbst viele Fehler lassen sich irgendwann korrigieren. Aber eine Stunde, die vorbei ist, bleibt vorbei. Ein Tag kommt nicht zurück. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ältere Menschen so oft sagen, wie schnell alles gegangen ist. Nicht weil die Jahre tatsächlich schneller werden. Sondern weil man irgendwann begreift, dass Zeit nicht auf uns wartet. Sie läuft einfach. Während wir planen. Während wir zweifeln. Während wir noch überlegen, ob wir anfangen sollen. Der Mai hat mich jedenfalls daran erinnert, dass aus „später“ erstaunlich schnell „irgendwann“ wird. Und aus „irgendwann“ manchmal gar nichts.

Die dritte Erkenntnis hat mich wahrscheinlich am meisten genervt. Einfach deshalb, weil ich inzwischen weiß, dass sie stimmt. Fast alles, was du wirklich willst, liegt hinter einer Phase, auf die du gerade keine Lust hast. Ich habe das in diesem Monat oft genug erlebt. Morgens um vier, wenn die Laufschuhe im Flur stehen und der Kaffee plötzlich die deutlich vernünftigere Alternative zu sein scheint. Beim Schreiben, wenn ich lieber die einen Film sehen oder auf Insta scrollen würde, statt auf einen leeren Bildschirm zu gucken. Oder wenn die Tiefkühlpizza mit erstaunlich guten Argumenten um die Ecke kommt.

Eigentlich spielt es keine Rolle, worum es geht. Laufen. Schreiben. Abnehmen. Lernen. Sparen. Scheißegal. Es ist immer dasselbe Prinzip.

Das Geile beginnt hinter dem Mist.

Wir wünschen uns das Ergebnis, aber selten den Weg dorthin. Wir wollen fitter sein, aber nicht unbedingt trainieren. Ein Buch schreiben, aber nicht jeden Tag schreiben. Mehr Geld haben, aber nicht auf Dinge verzichten. Dabei liegt der unangenehme Teil fast immer am Anfang. Genau deshalb drehen viele Menschen irgendwann wieder um. Hab ich übrigens auch. Immer wieder. Der Unterschied ist nur, dass man irgendwann versteht, dass hinter diesem Widerstand meistens genau das liegt, was man eigentlich haben möchte. Nicht davor.

Die vierte Erkenntnis hat etwas länger gebraucht. Vielleicht Jahre. Wahrscheinlich, weil man manche Dinge erst versteht, wenn sie oft genug passiert sind. Irgendwann fiel mir auf, dass es Menschen gibt, die mit erstaunlicher Regelmäßigkeit aus dem eigenen Leben verschwinden. Nicht für immer. Gerade so lange, dass man sich fragt, was eigentlich los ist. Dann tauchen sie wieder auf, als wäre nichts gewesen. Und weil man sie mag, macht man das Spiel oft mit. Man wartet. Man hofft. Man hält sich Möglichkeiten offen. Und manchmal verschiebt man dabei sogar sich selbst immer wieder ein kleines Stück. Irgendwann habe ich verstanden, dass das keine besonders gute Idee ist. Wer immer wieder verschwindet, sollte nicht Teil deiner Zukunftsplanung sein. Das bedeutet nicht, dass man diese Menschen nicht mögen darf. Im Gegenteil. Manche davon sind wunderbare Menschen. Aber man sollte aufhören, das eigene Leben nach Menschen auszurichten, die selbst nicht wissen, ob sie bleiben wollen. Man darf Menschen mögen. Aber man sollte aufhören, auf sie zu warten.

Die fünfte Erkenntnis ist wahrscheinlich die wichtigste von allen. Vielleicht, weil sie in den letzten Wochen immer wieder auftauchte. Im Krankenhaus. Im Zug. Auf Bahnsteigen. Beim Laufen. Irgendwo zwischen Alltag, Müdigkeit und den Dingen, die man eigentlich noch erledigen wollte.

Das Leben wartet nicht.

Ich glaube, wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, auf den richtigen Moment zu warten. Auf bessere Umstände. Mehr Geld. Mehr Mut. Mehr Sicherheit. Auf irgendeine zukünftige Version von uns selbst, die plötzlich genau weiß, was sie tut. Auf Menschen, die wir mögen, aber uns nicht das zurückgeben, was wir ihnen geben. Dabei läuft das Leben einfach weiter. Nicht morgen. Nicht irgendwann. Jetzt. Während wir Pläne machen. Während wir Listen schreiben. Während wir Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen. Während wir noch überlegen, ob wir es echt probieren sollen. Das Leben wartet nicht auf den perfekten Zeitpunkt. Nicht darauf, dass du mutiger wirst. Nicht darauf, dass du leichter wirst. Nicht darauf, dass du mehr Geld hast. Nicht darauf, dass du bereit bist. Es passiert einfach. Jeden verfickten Tag. Ob wir mitkommen oder nicht.

Und vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis in diesem Monat. Dass wir alle irgendwann aufhören sollten, unser Leben auf später zu verschieben. Auf den Tag, an dem alles passt. Auf den Moment, an dem wir uns bereit fühlen. Auf die Person, die noch kommen könnte. Auf die Gelegenheit, die vielleicht irgendwann auftaucht. Denn wenn die letzten Wochen mir eines gezeigt haben, dann dies: Das Leben findet nicht irgendwann statt. Es findet genau jetzt statt. Während wir noch darüber nachdenken, ob wir anfangen sollen. Und vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem man aufhört zu warten. Auf Rettung. Auf Zustimmung. Auf die richtigen Umstände. Auf andere Menschen. Der Punkt, an dem man sich selbst an die erste Stelle setzt und versteht, dass niemand dieses Leben für einen leben wird. Dass niemand die Kilometer laufen, die Bücher schreiben, die Entscheidungen treffen oder die Träume verwirklichen kann, die eigentlich die eigenen sind. Vielleicht bedeutet Leben am Ende genau das. Nicht länger auf irgendwen oder irgendetwas zu warten. Sondern loszugehen. Mit dem, was man hat. Genau dort, wo man gerade steht. Weil niemand kommt. Und weil die Zeit einfach weiterläuft.

YOU VS. YOU

4:30 Uhr. Laufschuhe. Los.

Laufen ist eigentlich erstaunlich ähnlich wie Therapie. Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, dass bei der Therapie meistens jemand zuhört und beim Laufen irgendwann die eigenen Knie weh tun. Am Anfang muss ich mich jedes Mal überwinden. Nicht viel. Aber genug, um kurz darüber nachzudenken, ob heute vielleicht auch ein guter Tag wäre, einfach zu Hause zu bleiben. Kaffee trinken. Aus dem Fenster gucken. Eventuell kurz zum Laden gehen, eine Banane essen und das bereits als sportliche Aktivität zu verbuchen. Doch dann laufe ich trotzdem los.

Die ersten Kilometer sind grundsätzlich beschissen. Immer. Der Körper verhält sich dabei wie ein Mitarbeiter kurz nach dem Urlaub. Nichts funktioniert richtig. Alles protestiert. Die Beine fühlen sich schwer an. Die Atmung klingt, als würde irgendwo im Inneren eine echt alte Eisenbahn versuchen, einen Berg hochzukommen. Und natürlich die Geschichte im Kopf. Die ersten Minuten sind bei mir wie ein eigener True-Crime-Podcast. Nur ohne Sprecher. Die Gedanken kommen einfach. Ungefragt. Wild durcheinander. Man denkt über Dinge nach, die im normalen Leben vermutlich nie eine Rolle spielen würden. Warum heißen manche Menschen eigentlich Frank? Wer schaut ein Baby an und denkt: Das ist eindeutig ein Frank. Gleichzeitig fällt einem auf, dass man selbst Torsten heißt und damit in Sachen Coolness vermutlich nicht in der Position ist, andere Namen zu bewerten. Danach wird es meist noch seltsamer. Man erinnert sich plötzlich an peinliche Situationen von vor zwölf, dreizehn Jahren. An Gespräche, die längst vorbei sind. An Menschen, die man ewig nicht gesehen hat. Man beginnt innerlich Diskussionen zu führen, die nie stattgefunden haben. Gewinnt sie natürlich haushoch. Verliert manchmal aber auch. An manche Abende erinnert man sich erstaunlich gut. An andere überhaupt nicht. Was rückblickend vielleicht auch besser ist.

Parallel dazu meldet sich der innere Schweinehund zu Wort. Ein erstaunlich engagierter Typ. Er erklärt mir regelmäßig, dass dieser Lauf vollkommen unnötig sei. Dass niemand gezwungen werde, durch die Gegend zu rennen. Dass Spazierengehen völlig ausreiche. Dass man Gesundheit auch über Ernährung erreichen könne. Und dass ein Käsebrötchen im Grunde ebenfalls eine Art Belohnungssystem sei. Die Argumente wirken oft überraschend plausibel. Und irgendwo zwischen Kilometer drei und vier passiert dann aber etwas Merkwürdiges.

Der Lärm im Kopf wird leiser.

Gedanken, die eben noch durcheinandergerannt sind wie Menschen beim Umsteigen in Hannover, beginnen sich zu sortieren. Alles wird klarer. Ruhiger. Als würden sich langsam Wolken auflösen und dahinter etwas auftauchen, das die ganze Zeit da war. Plötzlich fallen einem Lösungen ein. Ideen. Sätze. Dinge, über die man tagelang nachgedacht hat, wirken auf einmal erstaunlich einfach. Der Körper läuft mittlerweile von allein. Die Atmung findet ihren Rhythmus. Selbst die Beine scheinen einzusehen, dass Widerstand zwecklos ist. Der Typ gibt eh nicht auf.  Und irgendwann kommt dann dieses berühmte Runners High. Man fühlt sich leichter. Wacher. Fast ein bisschen euphorisch. Nicht übertrieben. Eher so, als hätte jemand die Welt einen Tick heller gestellt. Im Grunde ist das wie Kiffen. Nur ohne Lachen. Dafür mit deutlich mehr Schweiß. Und am Ende steht man wieder vor seiner Haustür und denkt: War eigentlich ganz gut.

Heute Morgen war ich wieder unterwegs. Um 4:30 Uhr bin ich losgelaufen. Eine Stunde und zehn Minuten später hatte ich etwas mehr als zehn Kilometer auf dem Tacho. Keine Bestzeit. Aber ehrlich gesagt interessiert mich das mittlerweile auch weniger als früher. Zehn Kilometer sind zehn Kilometer. Die müssen erst einmal gelaufen werden. Danach kam das übliche Programm. Duschen. Kaffee. MacBook aufklappen. Arbeiten.

Draußen zieht sich der Himmel inzwischen langsam zu. Vor einer Stunde war noch alles klar. Jetzt schieben sich graue Wolken vor das Blau. Es sieht ein wenig nach Regen aus. Vielleicht kommt er. Vielleicht auch nicht. Wetterberichte sind manchmal erstaunlich optimistisch und gleichzeitig komplett ahnungslos. Im Kopf sieht es heute jedenfalls anders aus. Ruhiger. Klarer. Dabei weiß ich natürlich, dass das auch anders sein könnte. Es gibt Tage, da zieht nicht nur draußen etwas auf. Da wird es auch im Kopf unruhig. Gedanken kreisen. Dinge wirken beschissener, als sie eigentlich sind. Man denkt zu viel nach. Über Vergangenes. Über Zukünftiges. Über Dinge, die man ohnehin nicht ändern kann. Der Unterschied ist, dass ich mittlerweile weiß, was hilft. Nicht immer. Aber meistens. Laufen. Bewegung. Sport. Einfach losgehen, wenn der Kopf wieder anfängt, sich selbst Geschichten zu erzählen.

Das Verrückte ist, dass man das irgendwann verinnerlicht. Man diskutiert dann nicht mehr stundenlang mit sich selbst. Man steht auf. Zieht die Laufschuhe an. Schaut kurz auf die Uhr, stellt fest, dass normale Menschen um diese Uhrzeit vermutlich noch schlafen, und läuft trotzdem los. Nicht, weil man besonders diszipliniert wäre. Sondern weil man inzwischen weiß, wie man sich danach fühlt.

Arda Saatçi hat einmal gesagt: „You vs. You.“ Ich weiß nicht mehr, in welchem Video das war. Aber der Satz ist hängen geblieben. Und genau so fühlt es sich oft an. Nicht wie ein Wettkampf gegen andere Menschen. Nicht gegen die Uhr. Nicht gegen irgendwelche Bestzeiten. Ich habe dabei nicht einmal das Problem aufzustehen. Wenn ich wach bin, bin ich wach. Manchmal nach sechs Stunden. Manchmal nach fünf. Dann bin ich ausgeschlafen. Im Bett liegen bleiben kann ich ohnehin nicht. Mein Kopf betrachtet Schlaf ja meist als eine grobe Empfehlung. Der eigentliche Kampf beginnt erst danach. Wenn die Laufschuhe im Flur stehen. Wenn der Kaffee noch eine verlockende Alternative wäre. Wenn draußen alles dunkel ist und absolut nichts darauf hindeutet, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, freiwillig zehn Kilometer zu laufen. Genau dann fällt die Entscheidung. Nicht gegen andere. Sondern für sich selbst. Heute Morgen habe ich sie wieder getroffen.

Was keiner sieht

und doch passiert.

Die sozialen Netzwerke sind manchmal ein seltsamer Ort. Einfach, weil dort fast niemand auf die Idee kommt, die weniger fotogenen Teile des Lebens zu zeigen. Man sieht Sonnenuntergänge. Frühstück auf Holztischen. Menschen, die irgendwo auf Felsen sitzen und in die Ferne schauen, als wäre das der einzige Platz auf der Welt, an dem man wirklich zu sich selbst finden kann. Man sieht Cappuccino mit Herz im Milchschaum. Frisch gebackene Croissants. Bücher neben Leinenhemden. Hunde vor Bergpanoramen. Was man aber deutlich seltener sieht, ist jemand, der am 28. des Monats mit einem 19-Cent-Brötchen aus dem Discounter am Küchentisch sitzt und überlegt, ob der Kaffee heute wirklich Kaffee ist oder nur heißes Wasser mit einer dunklen Vergangenheit. Dabei gehören diese Tage natürlich bei den meisten Menschen genauso dazu. Ich nehme mich da ausdrücklich nicht raus. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein Foto von einem trockenen Brötchen gepostet habe, das ich im Zug gegessen habe, weil mir das Tomate-Mozzarella-Baguette beim Bäcker plötzlich vorkam, als hätte es inzwischen die Preisentwicklung von Eigentumswohnungen nachgebildet. Man macht dann einfach kein Foto. Oder besser gesagt: Ich mache dann einfach kein Foto.

Das ist vermutlich überhaupt die große Stärke sozialer Netzwerke. Was nicht fotografiert wird, hat erstaunlich gute Chancen, nie stattgefunden zu haben. Und während irgendwo Menschen ihren dritten Sonnenuntergang der Woche hochladen, sitzt man selbst vielleicht in Jogginghose auf dem Bett und versucht herauszufinden, warum man eigentlich drei verschiedene Streamingdienste bezahlt, obwohl man momentan nicht einmal einen Fernseher besitzt. Stattdessen liest man Bücher über Gewohnheiten, Gelassenheit, Produktivität und die Frage, warum das eigene Leben manchmal nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Einige davon haben mir tatsächlich geholfen. Zumindest genug, um weitere Bücher über Gewohnheiten, Gelassenheit und Produktivität zu kaufen.

Man sitzt also irgendwo herum, scrollt durch die Netzwerke und bekommt irgendwann das Gefühl, als würden alle anderen permanent an Orten sein, an denen kleine Lichterketten hängen und jemand Sauerteigbrot backt. Natürlich weiß jeder, dass das nicht stimmt. Trotzdem schaut man sich diese Fotos an und denkt für einen kurzen Moment: Mensch. Die haben ihr Leben aber wirklich im Griff. Zehn Minuten später begegnet man derselben Person zufällig in Oldenburg im Supermarkt. Vor dem Kühlregal. Sie steht dort und vergleicht mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit die Sonderangebote für Tiefkühlpizza. Nicht eine Minute. Nicht zwei. Richtig gründlich. Und plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung. Vielleicht ist genau das das Beruhigende daran. Dass hinter jedem perfekt fotografierten Frühstück, jedem Sonnenuntergang und jedem Bild aus irgendeinem hyggeligen Ferienhaus am Ende doch nur Menschen stecken. Menschen, die ihre Rechnungen bezahlen müssen. Die manchmal müde sind. Die Dinge aufschieben. Die sich vornehmen, früher ins Bett zu gehen und um halb elf trotzdem noch Videos schauen. Menschen eben.

Und natürlich gibt es auch Menschen, die genau diese weniger perfekten Seiten zeigen. Wobei vieles davon vermutlich nur deshalb als Makel gilt, weil irgendwann irgendwer beschlossen hat, dass es welche sind. Ein paar Kilo zu viel. Dehnungsstreifen. Schiefe Zähne. Körperbehaarung. Was weiß ich, die Liste ist lang. Und das meiste darauf sind keine Schwächen, sondern einfach Dinge, die Menschen nun einmal haben. Wenn Joanna öffentlich erzählt, dass sie abnehmen möchte, dauert es meist keine fünf Minuten, bis die ersten Kommentare auftauchen. Menschen, die Joanna nicht kennen. Menschen, die vermutlich nicht einmal wissen, wie sie mit Nachnamen heißt. Aber trotzdem überzeugt davon sind, ihr erklären zu müssen, warum sie falsch lebt, falsch aussieht oder falsch denkt. Das Internet hat vielen Menschen eine Stimme gegeben. Was sie damit anfangen, ist dann wieder eine andere Geschichte. Und manchmal sitzt man vor diesen Kommentarspalten und fragt sich, woher diese bemerkenswerte Mischung aus Überheblichkeit und Langeweile eigentlich kommt. Da schreiben Menschen Dinge, die sie ihrem Nachbarn niemals ins Gesicht sagen würden. Nicht beim Bäcker. Nicht im Supermarkt. Nicht an der Bushaltestelle. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich so viele lieber von ihrer besten Seite zeigen. Nicht weil sie etwas vortäuschen wollen. Sondern weil es anstrengend ist, ständig mit Menschen diskutieren zu müssen, die ihr eigenes Leben offenbar so fest im Griff haben, dass ihnen noch genügend Zeit bleibt, sich ungefragt um das Leben anderer zu kümmern.

Wenn ich auf die vergangenen Monate zurückblicke, habe ich vermutlich deutlich mehr verschwiegen als gepostet. Kleine Dinge. Große Dinge. Dinge, über die man nicht unbedingt mit Fremden spricht. Manchmal nicht einmal mit sich selbst. Während irgendwo zwischen Sonnenstrahlen, Regen, Kaffee und Bahnfahrten der Eindruck entstehen konnte, ich würde einfach ein bisschen durch Deutschland reisen und gelegentlich auf Bergen sitzen, sah die Realität stellenweise etwas anders aus.

Ich suche seit einiger Zeit eine Wohnung. Ich musste für meinen Hund Talko ein neues Zuhause finden. Anfang Mai lag ich für einige Tage im Krankenhaus. Danach bin ich nach Bayern gefahren. Nicht nur, weil ich schon immer mal unbedingt nach Bayern wollte, sondern weil es einer der wenigen Orte war, an denen ich gerade wirklich Ruhe gefunden habe. In den letzten zwei Monaten bin ich außerdem so viel Bahn gefahren, dass ich mittlerweile problemlos sagen könnte, in Wagen 4 schon mehrere Nachbarn gehabt zu haben. Irgendwann kennt man die Geräusche. Die Durchsagen. Die Menschen, die die Tickets kontrollieren. Die Familien mit zu viel Gepäck. Ich habe eine Nacht auf einem Bahnhof verbracht, der aussah, als hätte selbst die Hoffnung dort vor Jahren den letzten Zug genommen. Eine weitere Nacht in einem Hotel, weil es schlicht keine Alternative gab. Und irgendwo dazwischen stand ich immer wieder mit einem Rucksack in der Hand herum und wusste nicht so genau, wo ich als Nächstes hin sollte.

Das Verrückte daran ist aber, die meisten Menschen bekommen davon nichts mit. Und das meine ich gar nicht vorwurfsvoll. Warum sollten sie auch? Auf Fotos sieht man keine schlaflosen Nächte. Keine Sorgen. Keine Krankenhauszimmer. Letzteres habe ich höchstens zwei Menschen erzählt. Meiner Familie erst, nachdem ich entlassen wurde. Niemand bekommt etwas von den Gedanken mit, die einem morgens um drei Uhr durch den Kopf laufen. Man sieht einen Kaffee auf einem Holztisch. Einen Berg. Einen Weg durch den Wald. Einen Burger. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht alles, was Menschen verschweigen, ist eine Lüge. Manchmal ist es einfach nur der Teil der Geschichte, für den es kein passendes Foto gibt. Und manchmal sind es Dinge, die niemanden etwas angehen.

Und trotzdem würde ich all das jederzeit einem perfekt inszenierten Leben vorziehen.

Vielleicht gerade deshalb, weil es echt ist. Die Wohnungssuche nervt. Krankenhäuser machen keinen Spaß. Bahnhöfe um Mitternacht stehen selten auf Listen der schönsten Reiseziele Deutschlands. Und die vergangenen Monate waren sicherlich nicht die einfachsten meines Lebens. Aber Jammern hat noch nie eine Wohnung gefunden. Noch nie einen Zug pünktlicher gemacht. Noch nie dafür gesorgt, dass Dinge plötzlich einfacher werden. Also mache ich das, was die meisten Menschen vermutlich tun. Ich stehe morgens auf. Gehe joggen. Trinke meinen Kaffee. Fahre irgendwo hin. Gehe weiter. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Und wenn ich in den letzten Monaten etwas gelernt habe, dann vielleicht dies: Die besten Fotos habe ich wahrscheinlich nie gemacht. Die wichtigsten Geschichten habe ich nicht erzählt. Aber es war mein Leben.

Am Küchentisch.

Kaffee, Freiheit, Pizza Hawaii.

Es beginnt ja eher selten mit diesen großen Momenten. Nicht mit einer Kündigung. Nicht mit einem Nervenzusammenbruch. Nicht mit dieser dramatischen „Ich ändere jetzt alles“ Attitude. Manchmal reicht eine Tasse Kaffee am Morgen. Ein einfaches Gespräch. Zwei Menschen an einem Tisch, die sich was erzählen. Man spricht über dies. Über das. Über Dinge, die eigentlich keine besonders schwere Bedeutung haben. Wetter. Arbeit. Menschen. Warum Kaffee unterwegs nicht zwangsläufig besser schmeckt. Warum man in fremden Städten automatisch langsamer läuft. Oder warum manche Menschen im Supermarkt erstaunlich aggressiv wirken, obwohl sie eigentlich nur Frischkäse kaufen wollten. Ganz normale Gespräche eben. Und irgendwann, mitten zwischen diesen belanglosen Sätzen, kommt plötzlich dieser Gedanke. Der Gedanke daran, dass man frei ist. Ganz leise. Aber auf einmal ist er da. Es ist jetzt nicht dieses pathetische Freiheitsgefühl aus Motivationsvideos mit Drohnenaufnahmen und Männern, die auf Bergen stehen und bedeutungsvoll in die Weite schauen, als würden sie gleich einen Proteinriegel bewerben. Sondern etwas viel Ruhigeres. Echteres. Ganz plötzlich ist da auf einmal die Erkenntnis, dass man sagen darf, was man denkt. Dass man seine Meinung aussprechen kann, ohne vorher innerlich einen Antrag bei irgendeinem unsichtbaren Ausschuss stellen zu müssen. Dass man nicht permanent überlegen muss, ob jemand beleidigt sein könnte, weil man ehrlich ist. Natürlich gibt es Menschen, die das nicht mögen. Menschen, die sofort die Stirn runzeln, wenn man etwas sagt, das nicht exakt in ihre kleine gedankliche Reihenhaussiedlung passt. Aber auch das gehört dazu. Niemand muss einen gut finden. Niemand muss einem zustimmen. Manche Menschen halten einen ohnehin schon für seltsam, sobald man freiwillig allein durch den Wald läuft oder samstags lieber an einem Berg Kaffee trinkt, statt in einem Möbelhaus zwischen Duftkerzen und Aufbewahrungsboxen langsam die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Und genau das Freiheit. Nicht jedem gefallen zu müssen.

Aber dieses Gefühl, mitten in einem ganz normalen Gespräch plötzlich zu begreifen, dass man frei ist, ist schon irgendwie geil. Wirklich. Man merkt dann plötzlich, wie oft man etwas hinter dem Berg gehalten hat, weil man einfach denkt, sowas sagt man nicht unverblümt. Dieses einfache Aussprechen davon, dass man Dinge anders sieht. Oder etwas kacke findet. Einfach reden. Ohne Angst oder Zweifel. Ohne dieses ständige Gefühl, jedes Wort vorher durch eine innere Presseabteilung prüfen zu müssen. Wobei manche Menschen natürlich trotzdem sofort reagieren, als hätte man gerade ihre komplette Ahnenreihe persönlich beleidigt. Ein falscher Satz und plötzlich schauen einen Leute an, als hätte man vorgeschlagen, Hunde abzuschaffen oder den Tatort zu verbieten. Aber auch das gehört wahrscheinlich dazu. „Lass sie“, denke ich mir dann oft. Und „Lass mich“ direkt hinterher. Nicht zu verwechseln mit „Leck mich“. Das ist etwas komplett anderes. Wobei es situationsbedingt natürlich ebenfalls seine Berechtigung hat. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich glaube mittlerweile, viele Dinge könnten deutlich entspannter sein, wenn Menschen einfach sagen würden, was sie wirklich denken. Die eine fährt gern ans Meer. Der andere lieber in die Berge. Manche stehen freiwillig um vier Uhr morgens auf, um vor dem Frühstück zehn Kilometer joggen zu gehen und dabei Sätze zu sagen wie: „Das macht einfach den Kopf frei.“ Andere essen nachts um halb eins Ravioli direkt aus der Dose vor dem Fernseher und empfinden exakt dasselbe. Beides ist menschlich. Nichts davon falsch. Nichts besser, nichts schlechter, höchstens anders. Am Ende ist es doch meistens nur der eigene Blickwinkel, der überall sofort Bewertungen sucht. Vielleicht wäre vieles leichter, wenn Menschen nicht ständig entscheiden müssten, ob etwas richtig oder falsch ist. Sondern einfach kurz denken würden: „Interessant. So lebt also jemand anderes.“

Heute morgen um kurz nach fünf saß ich an diesem Tisch. Eigentlich völlig ungeplant. Ich war joggen und mental irgendwo zwischen verschwitztem Durchhalten und der festen Überzeugung, dass Menschen, die freiwillig vor Sonnenaufgang laufen, psychologisch zumindest interessant sein müssen. Die Luft roch nach feuchtem Gras und diesem typischen Maimorgen, der noch nicht weiß, ob er warm oder frisch werden will. Ein bisschen feucht. Ein bisschen nach Garten. Noch nicht zu heiß. Irgendwo sang ein Vogel in einer noch recht jungen Eiche. Ein Mann ging mit seinem Hund spazieren und irgendjemand fuhr zur Arbeit. Oder zum Brötchen holen. Vielleicht auch einfach nach Hause, was weiß denn ich?

Während ich an diesem Haus vorbeilief, sah ich durchs Fenster, dass dort schon jemand wach war. Licht in der Küche. Eine Tasse auf dem Tisch. Irgendwie sah das alles so ruhig aus, dass ich ganz automatisch langsamer wurde und natürlich genau in dem Moment ins Fenster guckte. Nicht elegant. Eher wie ein mittelmäßig talentierter Einbrecher in hellblauen Laufschuhen. Die Person drinnen bemerkte mich sofort und winkte mich zur Tür. Die ging auf und sofort kam die Frage, ob ich einen Kaffee möchte. Ehrlich gesagt gibt es kaum Situationen im Leben, in denen man vernünftigerweise Nein zu Kaffee sagen sollte. Also saß ich wenig später dort. Verschwitzt, zufrieden und mit dieser leicht roten Jogger-Gesichtsfarbe. Sportlich, aber nicht unbedingt schön. Egal. Wen sollte das stören? Mich sicher nicht. Wir sprachen über Pfingsten. Über Menschen an der Elbe. Über Gärten. Darüber, dass Bäume manchmal einfach sterben, obwohl man sich kümmert. Über dieses merkwürdige Älterwerden, bei dem Gespräche plötzlich ganz selbstverständlich von Urlauben zu Dachrinnen, Rückenproblemen und Tomatenpflanzen wechseln.

Und irgendwo zwischen all diesen völlig normalen Themen merkte ich plötzlich, dass genau das Freiheit ist. Einfach dort sitzen zu können und zu sagen, was man denkt. Ohne vorher jedes Wort innerlich weichzuspülen. Ohne Angst, jemand könnte sofort beleidigt sein. Denn irgendwann kam das Thema Pizza Hawaii auf. Ich weiß nicht mehr genau warum. Wahrscheinlich entwickelt sich jedes ehrliche Gespräch irgendwann zwangsläufig in eine Richtung, in der Menschen unangenehme Wahrheiten aussprechen müssen oder über Essen. Jedenfalls sagte ich dann, dass Menschen, die freiwillig Pizza Hawaii bestellen, vermutlich auch andere fragwürdige Entscheidungen treffen. Das sind Menschen, die WhatsApp-Sprachnachrichten mit „Also erstmal ganz kurz…“ beginnen, nach acht Minuten immer noch nicht aufhören und danach ihr komplettes Innenleben vertonen. Menschen, die im Sommer bei dreißig Grad Sitzheizung benutzen. Oder Leute, die an der Supermarktkasse plötzlich anfangen, Kleingeld nach Größe zu sortieren, obwohl hinter ihnen bereits sichtbar menschliche Verzweiflung entsteht.

Ehrlich gesagt finde ich bis heute, dass das keine richtige Pizza ist. Wer sitzt denn bitte in einer Küche und denkt sich ernsthaft: „Diese Pizza hier ist gut. Wirklich gut. Aber weißt du, was noch fehlt? Obst.“ Vor allem warmes Obst. Das ist der entscheidende Punkt. Kalte Ananas? Völlig okay. Im Obstsalat. Im Sommer. Von mir aus auch direkt aus der Dose nachts um halb elf vorm Kühlschrank. Ist mir alles egal. Aber doch nicht auf Schinken als Pizzabelag. Es hat schon Gründe, warum Toast Hawaii als aussterbendes Gericht betitelt wird. Man muss sich diese Zubereitung ja nur mal ganz bewusst vorstellen. Da steht irgendwo jemand in einer Küche, rollt Teig aus, verteilt Tomatensoße, streut Käse darüber, legt Schinken drauf und denkt sich dann völlig überzeugt: „Perfetto. Jetzt noch ein paar heiße Ananasstücke.“ Da wundert es einen nicht mehr, warum währenddessen irgendwo in Italien ein alter Mann in einem weißen Unterhemd auf einem Plastikstuhl vor seiner Haustür sitzt, schweigend in die Ferne guckt und sich plötzlich traurig fragt, warum ihn das Leben müde gemacht hat.

Natürlich war mir klar, dass ich mit dieser Meinung eventuell jemanden treffen könnte. Aber genau darum ging es ja. Warum sollte ich plötzlich so tun, als wäre das eine völlig normale kulinarische Entscheidung? Wir reden hier schließlich nicht über schwere Krankheiten oder geopolitische Krisen. Es geht um eine Pizza, auf die jemand ernsthaft Obst gelegt hat, als wäre das eine gute Idee gewesen. Bei aller Liebe. Irgendwo muss man auch Grenzen ziehen.

Am Dienstag danach.

Alle leicht beldeidigt.

Dieser Dienstag nach Pfingsten. Das Tragische an diesen sonnigen Dienstagen nach Feiertagen ist ja, dass die Natur einfach komplett unrealistische Erwartungen ans Leben erzeugt. Draußen sieht alles so aus, als müsste man eigentlich irgendwo mit einem Kaffee auf einem Holzsteg sitzen. Am Wasser natürlich. Dabei leicht verpeilt in die Gegend schauen. Vielleicht eine dünne Jacke dabeihaben, die man seit zwei Stunden nicht mehr anzieht, weil es plötzlich viel zu warm geworden ist. Als hätte man das nicht vorher gewusst. Und irgendwann beginnt man ernsthaft darüber nachzudenken, ob Schuhe heute überhaupt noch notwendig sind oder ob das einfach nur ein gesellschaftlicher Gruppenzwang ist, den wir alle irgendwann kommentarlos akzeptiert haben. Gruppenzwang klappt eben nur, wenn alle mitmachen. Hat Sebastian früher schon gesagt.

Stattdessen stehen Menschen wieder in Büroküchen und drücken mit erstaunlicher Aggression auf Kaffeemaschinen. Man hört ständig dieses hektische Klackern von Tassen und Tastaturen, irgendwo piept eine Mikrowelle und mindestens einer sagt bereits vor halb neun den Satz: „So, ich muss erst mal ankommen.“ Obwohl niemand genau weiß, was das eigentlich bedeuten soll. Die meisten sind ja längst da. Körperlich zumindest. Manche tatsächlich nur so. Dienstage nach Feiertagen haben ohnehin eine merkwürdige Stimmung. Alles wirkt leicht beleidigt. Die Menschen. Die Straßen. Selbst Supermärkte sehen dann aus, als hätten sie eigentlich auch lieber noch geschlossen. Überall Gesichter, die aussehen, als hätte jemand ihnen gestern Abend überraschend mitgeteilt, dass diese Art Verantwortung weiterhin Teil ihres Lebens bleibt.

Und draußen scheint dabei einfach die Sonne. Rücksichtslos. Trotzdem gut gelaunt. Irgendwo mäht jemand seinen Rasen. Aus offenen Fenstern riecht es nach Mittagessen wie bei Oma. Selbst Bäume wirken an solchen Tagen erstaunlich entspannt. Als hätten sie verstanden, dass man das Leben vielleicht nicht komplett durchtakten sollte. Und vielleicht muss ich das auch erst noch lernen. Wahrscheinlich sogar ganz dringend. Richtig schwierig wird es aber erst, wenn jemand im Büro laut sagt, dass der nächste Feiertag der 3. Oktober ist. Und dass der dieses Jahr auf einen Samstag fällt. Danach verändert sich die Atmosphäre im Raum sofort. Menschen schauen dann kurz schweigend auf ihre Bildschirme, als hätten sie gerade erfahren, dass ein entfernter Verwandter verstorben ist. Irgendwer murmelt „Das ist auch wieder typisch“ und trinkt lustlos einen Schluck Kaffee.

Dabei müsste man sich hier oben eigentlich über gutes Wetter freuen. In Norddeutschland weiß man ja nie, wie lange das anhält. Im Grunde ist das wie bei der Deutschen Bahn und dem Sommer. Sobald plötzlich Sonne auftaucht, funktioniert erst mal gar nichts mehr richtig. Dabei könnte man meinen, dass man sich nach all den Jahren langsam daran gewöhnt hätte. Hat man aber nicht. Man guckt nur einmal kurz nicht hin und plötzlich ist wieder Herbst. Naja. Zum Glück gibt es Urlaub. Wahrscheinlich die beste Form von Hoffnung, die wir in Deutschland noch besitzen.

Gestern habe ich mich dabei erwischt, schon wieder an Weihnachten zu denken. Okay, in sechs Monaten ist es ja schon wieder soweit. Und dieses Jahr wird Weihnachten anders sein. Wie genau, kann ich noch gar nicht sagen. Ich weiß nur, dass es anders wird. Vielleicht sitze ich am Heiligen Abend allein irgendwo und gönne mir etwas völlig Übertriebenes zu essen. Irgendetwas, das man normalerweise nur bestellt, wenn man entweder gerade befördert wurde oder emotional komplett den Überblick verloren hat. Vielleicht verbringe ich diesen besonderen Tag aber auch einfach in einem Hotel irgendwo in den Bergen. Oder an einer Autobahnraststätte und sehe rumänischen LKW-Fahrern dabei zu, wie sie aufgewärmte Frikadellen essen. Mit Senf. Oder Curry-Ketchup. Wobei man diese Dinger wahrscheinlich eh nur mit wirklich viel Sauce genießen kann. Manche Speisen leben ja hauptsächlich von Hoffnung und Gewürzen.

Aber bis dahin ist es ja noch etwas hin und vielleicht sollte ich vorher erst mal den kommenden Sommer planen. Mit Wanderungen. Ausflügen. Arbeit. Sport. Mit diesen Dingen, die Menschen im Sommer einfach machen, während sie so tun, als hätten sie ihr Leben erstaunlich gut im Griff. Vielleicht lese ich irgendwo draußen einen Roman von Jan Weiler oder irgendein wissenschaftliches Buch, dessen Titel allein schon so kompliziert klingt, dass automatisch alle denken, als wäre ich wirklich richtig intelligent. Es gibt ja Bücher, die liest man nicht unbedingt wegen des Inhalts, sondern wegen der Wirkung. Menschen sehen einen dann im Café sitzen, leicht gebräunt, irgendwo neben einem Glas Wasser und denken vermutlich: Der Mann versteht bestimmt auch das Finanzamt und das Steuersystem. Dabei versuche ich dann eigentlich nur seit zwanzig Minuten möglichst konzentriert auf eine Seite zu gucken, während ich innerlich darüber nachdenke, mir später noch ein Croissant zu bestellen. Oder zwei.

Freibäder wären dafür allerdings für mich nichts. Auf gar keinen Fall. Freibäder gehören zu diesen Orten, die theoretisch nach Sommer, Leichtigkeit und Kindheitserinnerungen klingen, praktisch aber erstaunlich oft nach labbrigen Pommes, Sonnencreme und leichter sozialer Überforderung riechen. Überall schreien Kinder. Irgendwo springt ein Jugendlicher mit beeindruckender Rücksichtslosigkeit vom Beckenrand. Väter tragen Badelatschen, als wären sie Teil einer offiziellen Uniform und Menschen laufen mit diesen durchsichtigen Plastiktaschen herum, oder mit Badematten aus Stroh. Früher war das jedenfalls so. Lange her. Dazu kommen die Umkleidekabinen. Räume, die aussehen, als hätte man Feuchtigkeit und schlechte Architektur gemeinsam in einen Betonwürfel gesperrt. Irgendwo föhnt sich immer jemand mit erschreckender Ernsthaftigkeit die Haare, obwohl draußen dreißig Grad sind. Und mindestens einer läuft barfuß über den Boden, als hätte er innerlich bereits mit allem abgeschlossen. Moin Fußpilz. Schön, dass du da bist. Nein. Dann lieber irgendwo draußen sitzen. Schatten. Kaffee. Vielleicht ein warmer Wind zwischen den Bäumen. Und dieses leise Gefühl, dass der Sommer noch lang genug ist, um nicht sofort alles planen zu müssen. Oder zu wollen.

Für heute allerdings steht erst mal Wäschewaschen auf dem Programm. Und einkaufen. Mal wieder irgendwas Gesundes. Obst. Gemüse. Dinge, für die normalerweise keine besonders gute Werbung gemacht wird. Niemand springt ja plötzlich begeistert vom Sofa auf und ruft: „Jetzt ein schöner Brokkoli.“ Werbung für Gemüse klingt meistens ohnehin so, als hätte jemand mit sehr schlechter Laune einen Werbetext schreiben müssen. Frische Möhren. Regional. Orange. Das war es dann meistens auch schon mit den Emotionen. Müde bin ich übrigens auch. Das macht das Wetter. Mit Mitte vierzig sagt man das irgendwann automatisch. Früher hätte man einfach behauptet, man sei feiern gewesen, hätte sich achtarmig einen reingeorgelt und die Nacht durchgemacht. Heute schaut man ernst in den Himmel und sagt Sätze wie: „Die Wärme heute drückt aber auch.“ Obwohl man eigentlich genau weiß, woran es wirklich liegt.

Zum Beispiel daran, dass man gestern deutlich zu lange am Elbstrand lag und Schiffen beim Vorbeifahren zugesehen hat. Was erstaunlich schnell mehrere Stunden Lebenszeit frisst. Irgendwann sitzt man da einfach nur noch mit halb zusammengekniffenen Augen in der Sonne und bewertet lautlos Containerschiffe, als hätte man beruflich irgendetwas mit internationaler Logistik zu tun. „Stabiler Kahn“, denkt man dann plötzlich und nickt leicht, obwohl man über Schifffahrt ungefähr so viel Ahnung hat wie Dieter aus Cloppenburg von veganer Ernährung. Oder daran, dass man versehentlich mitten in eine Taufe geraten ist. Ich wusste bis gestern ehrlich gesagt nicht mal, dass Menschen sich überhaupt in der Elbe taufen lassen. Plötzlich stand ich zwischen Familienmitgliedern, machte Fotos, als würde ich dazugehören, und merkte erst relativ spät, dass irgendetwas nicht stimmte, als mich jemand fragte, woher ich eigentlich die Eltern kenne. Egal. Jesus wäre stolz gewesen. Oder Johannes. Einer von beiden auf jeden Fall.

Vielleicht lag es aber auch am Tzatziki. Wahrscheinlich lag es sogar ziemlich sicher am Tzatziki. Abends denkt man ja oft: Ach komm, ein bisschen geht noch. Und plötzlich sitzt man nachts um drei im Bett und hat einen Durst, als hätte man versehentlich einen halben Sack Streusalz gegessen. Knoblauch ist geschmacklich fast immer eine hervorragende Idee. Körperlich entwickelt sich das Ganze am nächsten Morgen allerdings eher zu einer mittelschweren Meinungsverschiedenheit mit sich selbst. Dazu kommt dann noch dieser Dienstag nach Feiertagen. Tage, an denen grundsätzlich niemand so richtig belastbar wirkt. Selbst Kaffeemaschinen klingen an solchen Morgen müder als sonst. Menschen laufen langsamer durch die Regale, starren ungewöhnlich lange auf Joghurts und wirken insgesamt ein wenig so, als hätte man sie emotional zu früh wieder in die Woche geschickt. Kein Wunder also, dass man da erst mal irgendwie ankommen muss.

Fjällräven.

Plötzlich will man Elche kennen.

Samstag. Bestes Wetter und ich irgendwo zwischen Frühstück und Mittagessen. Die Stadt ist voll. Wirklich voll. Menschen sitzen vor Cafés, trinken Aperol, obwohl es noch nicht mal richtig Nachmittag ist. Daydrinking heißt das mittlerweile. Andere laufen mit Einkaufstaschen herum, als gäbe es am Montag plötzlich keine Geschäfte mehr. Okay, ist ja auch so. Montag ist Feiertag. Wie dumm von mir. Egal. Überall Sonnenbrillen, nackte Arme, Kinderwagen, Hunde unter Tischen und diese Mischung aus Sonnencreme, heißem Kopfsteinpflaster, Bratwurst und Kaffee, die Innenstädte im Sommer irgendwann automatisch bekommen. Ich saß draußen vor einem Restaurant und bestellte etwas, das vermutlich offiziell noch als Frühstück durchgeht, gleichzeitig aber genug war, um einen kleineren Wanderausflug zu überleben. Kartoffelsalat. Kleine Würste, gebraten, Gemüse. Brot. Kaffee. Sehr guter Kaffee. Einer dieser Momente, in denen ich tatsächlich kurz denke, dass das Menschsein vielleicht doch gar keine so schlechte Erfindung ist.

Eigentlich war ich nur wegen neuer Hosen in der Stadt. Eine von Fjällräven sollte es sein. Schon der Name klingt, als müsste ich mit dieser Hose automatisch anfangen, Holz zu hacken, schwarzen Kaffee aus Emaillebechern zu trinken und irgendwo in einer norwegischen Hütte einen wetterfesten Roman über Einsamkeit zu schreiben. Mit leicht wettergegerbtem, von Zigaretten gezeichnetem Gesicht natürlich. Menschen mit Fjällrävenhosen wirken grundsätzlich so, als könnten sie spontan einen Elch ausnehmen oder zumindest sehr überzeugend erklären, welcher Moosboden sich zum Zelten eignet. Ich stand also in einem Laden zwischen Funktionsjacken und Wandersocken. Ein Mann erklärte seiner Frau gerade mit beeindruckender Ernsthaftigkeit den Unterschied zwischen wasserabweisend und wasserdicht. Ein anderer hielt eine Trekkinghose gegen das Licht, als würde er einen seltenen Diamanten prüfen. Natürlich wusste ich, was er eigentlich wollte. Nun gut.  Outdoorläden besitzen ohnehin eine ganz eigene Atmosphäre. Alles riecht leicht nach imprägniertem Stoff, Abenteuer und Menschen, die „kleine Tour“ sagen und damit eigentlich zehn Kilometer plus 1.400 Höhenmeter meinen. Easy.

Der Laden hatte tatsächlich genau eine Hose, die meinen Ansprüchen entsprach. Eine. Aber die Hose selbst war wirklich gut. Ehrlich. Genau diese Mischung aus robust und bequem, bei der man sofort Lust bekommt, morgens um sechs irgendwo durch Wälder zu laufen, während Nebel schläfrig zwischen den Bäumen hängt. Oben passte sie perfekt. Wirklich perfekt. Fast verdächtig perfekt. Ich hatte kurz das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben. Dann schaute ich nach unten. Die Beine waren absurd lang. Nicht ein bisschen. Wirklich lang. So lang, dass ich aussah, als hätte ich versehentlich die Hose eines deutlich größeren skandinavischen Parkrangers angezogen. Ich stand in dieser Umkleidekabine mit hochgekrempelten Hosenbeinen und sah aus wie jemand, der gleich irgendwo in einem Bach Flusskrebse mit bloßen Händen fängt oder in einem YouTube-Video erklärt, wie man ohne Strom im Wald Kaffee kocht. Irgendwann frage ich mich ohnehin, wer diese Größen festlegt. Offenbar geht Fjällräven grundsätzlich davon aus, dass Männer entweder zwei Meter zehn groß sind oder ihr Leben hauptsächlich auf Stelzen verbringen.

Die Verkäuferin sagte dann einfach diesen Satz, den vernünftige Menschen wahrscheinlich ständig sagen: „Kann man ja kürzen lassen.“ Und natürlich hat sie recht. Rational betrachtet ist das überhaupt kein Problem. Genau dafür gibt es schließlich Änderungsschneidereien. Menschen bringen dort seit Jahrzehnten Hosen hin, holen sie später wieder ab und führen danach offenbar ein völlig normales Leben. Trotzdem sorgt dieser Satz bei mir sofort dafür, dass innerlich irgendetwas zusammenbricht. Denn Änderungsschneiderei bedeutet nicht einfach nur „Hose kürzen“. Es bedeutet noch ein Geschäft. Noch mehr Innenstadt. Noch mehr Menschen. Neben einem diskutieren Leute darüber, ob sie noch ein Eis essen sollen. Kinder schreien. Laut. Und irgendwo läuft immer einer mit Leinenhemd herum, der aussieht, als hätte er beruflich etwas mit „Work-Life-Balance“ zu tun. Ach ja, abgesteckt werden muss die Hose natürlich auch noch. Berührungen von Fremden. Nee. Echt nicht.

Irgendwann erreicht man an heißen Samstagen, glaub ich, diesen Punkt, an dem selbst kleinste zusätzliche Aufgaben plötzlich wirken wie der organisatorische Aufwand einer Mondlandung. Noch irgendwo hingehen. Noch etwas erklären. Noch einmal warten. Vielleicht Maße nehmen lassen. Eventuell sogar einen Abholtermin vereinbaren. In meinem Kopf begann die Änderungsschneiderei bereits ungefähr dieselbe Größenordnung anzunehmen wie ein Hausbau oder die Planung einer skandinavischen Rundreise. Wobei Letzteres wahrscheinlich deutlich angenehmer wäre. Ich nickte deshalb einfach nur, betrachtete mich noch einmal in dieser viel zu langen Outdoorhose und wusste plötzlich wieder sehr genau, warum manche Menschen irgendwann lieber direkt in den Wald fahren, statt noch länger durch Innenstädte zu laufen.

Ich verließ das Geschäft. Ohne Hose. Wobei das natürlich dramatischer klingt, als es war. Die Hose hatte ich nicht gekauft. Das meinte ich. Vermutlich werde ich sie jetzt einfach online bestellen und dann eben doch irgendwann kürzen lassen. Wenn es sein muss. Wahrscheinlich gehört das mittlerweile einfach dazu, wenn man 45 ist. Man besitzt plötzlich Termine bei Änderungsschneidereien und spricht über Beinlängen, als wäre das ein völlig normaler Bestandteil des Lebens. Draußen spürte ich sofort wieder diese Wärme. Menschen saßen immer noch vor den Cafés, irgendwo klirrten Gläser, ein Fahrradfahrer fluchte über irgendetwas und aus einem geöffneten Restaurantfenster roch es gleichzeitig nach Knoblauch, Kaffee und heißem Öl. Innenstädte im Sommer fühlen sich manchmal an wie eine Mischung aus Urlaub und leichter Überforderung. Überall passiert etwas. Gespräche. Musik. Besteck auf Tellern. Hunde unter Tischen. Sonnenlicht auf Fensterscheiben. Menschen lachen. Andere sehen aus, als würden sie dringend Urlaub brauchen, obwohl sie wahrscheinlich gerade erst welchen hatten. (Damit mein ich mich.)

Naja, ich merke jedenfalls immer öfter, dass ich wieder raus will. Aber nicht dieses „mal kurz spazieren gehen“, das Menschen sagen, bevor sie zwanzig Minuten später mit Chips und Cola wieder auf dem Sofa sitzen und irgendeine Serie weiterschauen. Ich meine richtig raus. Freitags losfahren. Rucksack packen. Wanderschuhe. Irgendwohin, wo morgens Nebel zwischen den Bäumen hängt und man beim Aufwachen zuerst Wind hört statt Verkehr. Orte, an denen Menschen plötzlich wieder Mangelware werden und Gespräche meistens gar nicht erst stattfinden. Irgendwelche kleinen Pensionen. Kaffee am frühen Morgen. Wege durch Wälder. Vielleicht Regenjacke. Vielleicht Sonne. Abends müde Beine und dieses angenehme Gefühl, den ganzen Tag draußen gewesen zu sein. Sonntags zurück. Erschöpft, aber irgendwie klarer im Kopf. Als hätte man für zwei Tage kurz aufgehört, permanent erreichbar sein zu müssen.

Vielleicht brauche ich deshalb auch diese Hosen. Wahrscheinlich kaufen Menschen ab einem gewissen Punkt keine Outdoorbekleidung mehr, weil sie etwas brauchen. Sondern weil sie anfangen, sich ein anderes Leben vorzustellen. Geht auch ohne diese Hosen. Klar, Aber Menschen mit Fjällrävenhosen sehen einfach so aus, als hätten sie ihr Leben im Griff. Das sollte man nicht unterschätzen.

Lass sie.

Weniger Kontrolle. Mehr Ruhe.

Unser Gehirn ist ja eigentlich ein erstaunlich vernünftiges Organ. Solange alles ruhig läuft natürlich. Dann sitzt vorne im Gehirn der präfrontale Kortex am Steuer, schaut sich die Dinge an, analysiert Situationen und tut so, als wären wir emotional halbwegs erwachsene Menschen. Wir denken nach, entscheiden logisch und bleiben komplett gelassen. Im Idealfall zumindest. Kacke wird es immer dann, wenn irgendetwas passiert, das uns stresst. Eine Nachricht. Ein Satz. Schweigen kann auch so etwas sein. Andere Menschen können mit wirklich kleinen Dingen komplette innere Bürgerkriege in uns auslösen. Und plötzlich übernimmt nicht mehr der vernünftige Teil des Gehirns, sondern die Amygdala. Eine Art eingebautes Alarmsystem aus der Steinzeit. Zuständig für Überleben, Panik und für die feste Überzeugung, dass jetzt sofort irgendetwas getan werden muss. Kämpfen oder flüchten. Diskutieren. Rechtfertigen. Analysieren. Noch mehr analysieren.

Jetzt gerade sitze ich einfach in einem Café. Neben mir steht ein großer Becher Kaffee. Daneben ein belegtes Brötchen, das ungefähr doppelt so gesund aussieht, wie es vermutlich ist. Durch das Fenster fällt Sonne auf die Holztische und draußen laufen Menschen vorbei, die irgendwo hinmüssen. Manche tragen Anzüge. Manche Jeansjacken. Andere laufen nur im T-Shirt herum, obwohl morgens eigentlich noch Jackenwetter war. Menschen treffen mitunter erstaunlich optimistische Temperaturentscheidungen. Am Tresen bestellt ein Mann mit beeindruckender Ernsthaftigkeit einen großen Kaffee, als wäre das gerade die wichtigste Entscheidung seines bisherigen Tages. Ist es wahrscheinlich auch. Zwei ältere Frauen unterhalten sich über irgendeine Nachbarin, die offenbar seit Kurzem „komplett anders geworden“ ist. Menschen beobachten Veränderungen bei anderen oft mit der Leidenschaft von Hobbydetektiven. Und während ich hier sitze, merke ich langsam wieder etwas ziemlich Beruhigendes. Die meisten Dinge, die mich verrückt machen, passieren gar nicht wirklich. Sie passieren vor allem in meinem Kopf. Dort laufen Gespräche, die nie stattgefunden haben. Diskussionen. Rechtfertigungen. Erwartungen. Ganze Netflix-Serien aus Interpretationen. Dabei gehen draußen einfach Menschen einkaufen. Jemand holt Brot. Jemand telefoniert. Jemand lacht. Die Welt dreht sich vollkommen unbeeindruckt weiter und ehrlich gesagt interessiert sich kaum jemand wirklich für mich. Voll gut eigentlich.

Ich denke mittlerweile, genau das ist einfach wichtig zu begreifen. Es ist überaus wichtig, andere Menschen einfach machen zu lassen. Oder sie sein zu lassen. Ich glaub, so sagt man es. Nicht jedem Gefühl hinterherzurennen wie ein Hund einem Tennisball. Nicht jede Veränderung persönlich zu nehmen. Nicht überall Bedeutung hineinzuinterpretieren, nur weil das eigene Gehirn nachts plötzlich beschlossen hat, alles bis aufs kleinste Detail hinterfragen zu müssen. Menschen gehen. Menschen melden sich weniger. Manche verlieren Interesse. Manche verstehen einen falsch. Manche wollen Dinge, die man selbst nicht will. Und ehrlich gesagt ist das vermutlich vollkommen normal. Schwer wird es immer erst dann, wenn man versucht, alles kontrollieren zu wollen. Beziehungen. Gespräche. Situationen. Die Stimmung anderer Menschen. Der Kaffee neben mir ist inzwischen lauwarm geworden. Perfekt eigentlich. Draußen schiebt jemand einen Kinderwagen vorbei. Ein Lieferwagen hält vorm Café. Der Mann, der aussteigt, hat Blumen dabei. Irgendwo fällt Geschirr zu laut ineinander. Und plötzlich wirkt alles erstaunlich einfach. Ich lerne gerade, dass ich nicht auf alles Einfluss habe. Nicht alles kontrollieren kann. Vielleicht muss ich das auch gar nicht. Und vielleicht reicht es manchmal wirklich, Menschen einfach Menschen sein zu lassen.

Die Sache, warum ich am Anfang die Sache mit dem Gehirn, dem präfrontalen Kortex und der Amygdala erwähnt habe, ist folgende: Bei mir springt seit einiger Zeit deutlich öfter die Amygdala an. Überlebensmodus. Fluchtmodus. Der ganze Bums. Ich interpretiere alles und jeden, schaue Menschen an, wie sie gehen, stehen, schauen. Höre zu und spiele in Gesprächen gedanklich sämtliche Möglichkeiten durch. Manchmal fühle ich mich wie Dr. Strange in „Avengers Infinity War“, der irgendwo im Schneidersitz sitzt und parallel mehrere Millionen mögliche Szenarien berechnet. Nur ohne Superkräfte. Dafür mit Schlafproblemen und zu viel Kaffee. Ich bin oft angespannt. Immer irgendwie in Unruhe. Und wahrscheinlich habe ich die letzten Jahre versucht, möglichst alles richtig zu machen. Hauptsache niemand ist enttäuscht. Hauptsache niemand denkt schlecht über mich. Hauptsache harmonisch. Mag man jetzt glauben oder nicht. Spielt ehrlich gesagt keine große Rolle. Denn seit Anfang dieser Woche übe ich etwas Neues. Etwas überraschend Einfaches. Andere Menschen einfach sein zu lassen. Das klingt erstmal platt. Fast schon zu platt. Ist es aber überhaupt nicht.

Ich glaube ja, dass manche Menschen erstaunlich viel Energie darauf verwenden, Dinge kontrollieren zu wollen, die komplett außerhalb ihrer Kontrolle liegen. Antworten. Aufmerksamkeit. Gefühle anderer Menschen. Sympathie. Stimmung. Erwartungen. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich selbst genau so ein Mensch bin. Oder zumindest lange war. Vielleicht auch immer noch ein bisschen bin. Man wartet auf Nachrichten und schaut alle sieben Minuten aufs Handy, als würde dort demnächst ein wichtiger NATO-Einsatz koordiniert werden. Dabei hat die andere Person vielleicht einfach nur ihr Handy auf lautlos gestellt und sitzt gerade irgendwo bei Ikea zwischen Teelichtern, Köttbullar und innerer Erschöpfung oder interessiert sich längst nicht mehr für einen. Ich glaube, viele von uns laufen permanent mit diesem unsichtbaren Gefühl herum, nicht genug zu sein. Nicht interessant genug. Nicht wichtig genug. Nicht lustig genug. Und deshalb versucht man ständig gegenzusteuern. Noch netter sein. Noch verständnisvoller. Noch mehr erklären. Noch mehr kämpfen. Hier einladen, da etwas bezahlen. Und dabei merkt man gar nicht mehr, wie anstrengend das irgendwann wird. Für den Kopf. Für den Körper. Für alles.

Früher hab ich ja auch immer geglaubt, Stark sein bedeutet, Dinge festzuhalten. Menschen. Beziehungen. Gespräche. Harmonie. Freundschaften. Jetzt realisiere ich langsam, Stärke bedeutet oft eher, all das nicht mehr mit Gewalt zusammenhalten zu wollen. Jemand antwortet nicht mehr auf meine Nachrichten? Egal. Jemand versteht mich falsch? Nicht meine Verantwortung. Menschen halten mich für arrogant, ruhig, komisch oder zu zurückgezogen? Lass sie. Menschen, von denen ich dachte, sie wären Freunde, verlieren ihr Interesse an mir? Lass sie. Jemand meldet sich nur, wenn er gerade einsam ist oder etwas braucht? Ich muss nicht darauf reagieren. Jemand denkt, ich sei unfreundlich, weil ich nicht ständig erreichbar bin? Lass sie. Jemand ist nicht meiner Meinung? Das ist okay. Jemand geht? Ich halt die Tür auf. Das Alles bedeutet ja nicht, dass einem alles egal wird. Eher das Gegenteil. Man beginnt nur langsam zu verstehen, dass Frieden manchmal dort anfängt, wo man aufhört, ständig alles beeinflussen zu wollen.

Seit ein paar Tagen beobachte ich Menschen deshalb anders. Ruhiger vielleicht. Da draußen läuft ein Mann mit AirPods und blauer Steppweste an dem Café vorbei, als hätte er direkt im Anschluss noch ein wichtiges Meeting. Zwei Jugendliche sitzen auf einer Bank und schauen gemeinsam aufs Handy. Eine Frau telefoniert gestikulierend mit jemandem und wirkt gleichzeitig genervt und liebevoll. Menschen sind kompliziert. Widersprüchlich. Emotional. Manchmal anstrengend. Oft überfordert. Vermutlich genau wie ich. Und vielleicht besteht das ganze Geheimnis tatsächlich einfach darin, nicht mehr überall eingreifen zu wollen. Nicht jedes Schweigen zu analysieren. Nicht jedem Menschen hinterherzulaufen, der einen missversteht oder gehen möchte. Man darf Menschen wirklich einfach Menschen sein lassen. Und sich selbst vielleicht auch. Lass sie. Und lass mich. Für mich ist das jedenfalls der richtige Weg.