Der 28. November steht im Kalender. Dick und fett. Hi! Spencer. Bremen. Ja. Noch Monate hin. Weiß ich. Eigentlich vollkommen bescheuert, sich jetzt schon darauf zu freuen. Vernünftige Menschen würden vermutlich sagen, man solle erst einmal abwarten. Bis November könne schließlich noch einiges passieren. Wetter. Termine. Bahnstreiks. Weltuntergang. Die Deutsche Bahn braucht für eine Katastrophe bekanntlich nicht mal einen besonderen Anlass. Meistens reicht der Herbst, Sonne oder Schnee. Mir egal. Ich freue mich jetzt. Nicht erst am 28. November, wenn das Licht ausgeht, die ersten Gitarren einsetzen und irgendwo zwischen Bühne, Bierbechern und viel zu vielen Jacken plötzlich alles genau richtig ist. Nicht erst, wenn die ersten Takte von „Tel Aviv“ laufen und dieser eine Song für ein paar Minuten mehr Ordnung in meinem Kopf schafft als sämtliche vernünftigen Pläne der vergangenen Jahre. Hat er die letzten Tage. Ohne scheiß. Aber gut. Ich freue mich heute. Und morgen wahrscheinlich auch. Und übermorgen.
Vorfreude wird oft behandelt wie der kleine, etwas peinliche Bruder des eigentlichen Erlebnisses. Als würde sie nur im Vorraum sitzen und warten, bis endlich etwas Geiles passiert. Dabei ist sie längst mittendrin. Vorfreude verändert einen ganz normalen Dienstag. Man hat ja ein Datum. Ein Ziel. Eine Richtung. Ein Abend in Bremen, der noch nicht passiert ist und trotzdem schon jetzt irgendwo im Hintergrund läuft. Wie ein Song, den man leise hört, obwohl die Boxen noch gar nicht an sind. Ohrwurm, sagt man, glaub ich. Ich mag das. Ich mag es, mich auf Musik zu freuen. Auf den Moment, in dem der Raum dunkel wird. Auf Stimmen. Auf Schweiß. Auf einen Refrain, den plötzlich Hunderte Menschen gleichzeitig singen, obwohl wahrscheinlich jeder von ihnen mit etwas völlig anderem dort angekommen ist. Der eine hatte eine beschissene Woche. Die andere Liebeskummer. Jemand hat gerade einen neuen Job angefangen. Oder einen verloren. Jemand hat vielleicht sogar überhaupt keinen Plan, wie es weitergeht.
Und dann stehen sie da. Gemeinsam. Mit Bier in der Hand. In alten Jeans, die längst nicht mehr lässig verschlissen, sondern einfach nur verschlissen sind. Vans an den Füßen. Vielleicht etwas zu alt für die erste Reihe, aber ganz sicher zu jung, um nur hinten herumzustehen und vernünftig mit dem Kopf zu nicken. Also tanzen. Jaaa. Tanzen. Nicht gut. Darum geht es nicht. Einfach bewegen, springen, Bier verschütten, zu laut mitsingen und so tun, als wäre man für zwei Stunden nicht verantwortlich für Steuererklärungen, Termine, unbeantwortete Nachrichten und den ganzen anderen Erwachsenenkram, den offenbar irgendjemand mal erfunden hat, um uns von Konzerten fernzuhalten. Ich habe Bock darauf. Auf verrückte Scheiße. Auf Abende, die am nächsten Morgen vielleicht ein bisschen in den Knochen sitzen. Auf Geschichten, bei denen man später nicht genau weiß, ob sie wirklich so passiert sind oder ob das dritte Bier irgendwie nachgeholfen hat.
Auf peinlich sein. Richtig peinlich. Zu laut lachen. Falsch tanzen. Einen Song mitgrölen, obwohl man an einer Stelle den Text nicht kennt und deshalb einfach irgendeinen überzeugenden Laut produziert. Fotos machen, auf denen man scheiße aussieht. Aber auf keinen Fall das Konzert mit dem beschissenen Smartphone filmen. Selbst sehen. Selbst erlegen. Erinnerung schaffen und Momente sammeln.
Noch gar nicht lange her, da hätte ich vermutlich darüber nachgedacht, was andere Menschen davon halten. Heute denke ich mir, wenn man etwas macht, das einen wirklich glücklich macht, sieht es für Menschen, die gerade nur zuschauen, manchmal eben peinlich aus. Dann ist das so. Vielleicht ist peinlich gar nicht das Gegenteil von würdevoll. Vielleicht ist es manchmal nur das Gegenteil von kontrolliert. Und Kontrolle wird ohnehin überschätzt. Wer auf einem Konzert die ganze Zeit darauf achtet, wie er wirkt, kann auch direkt zu Hause bleiben, sich ordentlich auf das Sofa setzen und dort kontrolliert ein Glas stilles Wasser trinken.
Kann man machen. Ist dann nur kein besonders guter Abend. Musik kann etwas, das nur wenige Dinge können. Sie löst nicht alles. Aber sie bringt den Körper wieder dazu, sich zu bewegen, obwohl der Kopf noch irgendwo festhängt. Sie macht aus fremden Menschen für einen Abend eine verdammt laute Gemeinschaft. Sie trägt einen manchmal ein paar Meter weiter.
Vorfreude kann das auch. Sie macht aus einem Datum einen kleinen Rettungsring im Kalender. Jetzt echt nicht so dramatisch. Einfach etwas, worauf man zusteuert. Und es ist ja längst nicht nur das Konzert. Ich freue mich auf gutes Essen vorher. Auf einen Tisch, an dem die richtigen Menschen sitzen. Auf Bier, Wein, Pommes, Pizza oder irgendetwas, das nachts um halb eins plötzlich schmeckt, als hätte ein Sternekoch persönlich beschlossen, einem das Leben zu retten. Ich freue mich auf Gespräche, die 100% nicht mehr vernünftig sind. Auf dieses eine Lachen, bei dem man kurz vergisst, wie viel Scheiße eigentlich noch ungeklärt ist.
Ich freue mich auf Menschen, die mir mittlerweile von Bedeutung sind. Nicht, weil sie mein Leben retten sollen. Das ist ein beschissener Job und außerdem eine Zumutung für jeden Menschen. Sondern weil manche Menschen einen Raum verändern, sobald sie ihn betreten. Weil ein Abend mit ihnen mehr sein kann als nur ein Abend. Weil man bei manchen Menschen nicht ständig überlegen muss, ob man gerade zu laut, zu direkt, zu viel, zu peinlich oder irgendwie falsch ist. Man ist einfach da. Mit verschlissener Jeans. Mit Vans. Mit Bier. Mit ziemlich schlechten Tanzbewegungen. Mit verrückten Ideen. Mit allem, was man ist. Das reicht. Und vielleicht ist genau das Vorfreude.
Nicht nur die Hoffnung, dass später etwas Schönes passiert. Sondern der Beweis, dass man wieder an ein Später glaubt. Dass man wieder Termine macht. Karten kauft. Tische reserviert. Nee, das nicht. Aber das man Songs hört und sich dabei ausmalt, wie es sein wird, wenn sie live gespielt werden. Dass man Menschen vermisst, obwohl man sie bald wiedersehen wird. Dass man morgens aufsteht und weiß, da kommt noch was.
Das ist nicht wenig. Es gab ja Zeiten, da war Zukunft für mich kein Ort, auf den ich mich gefreut habe. Eher etwas, das irgendwie erledigt werden musste. Tage kamen. Tage gingen. Funktionieren. Durchhalten. Kaffee. Noch ein Tag. Noch einer. Jetzt steht da Bremen im Kalender. Der 28. November. Hi! Spencer. „Tel Aviv“. Hörst du noch seinen Namen und weißt du noch, wie er rief? Er rief, das Leben ist so kurz, steh bitte auf nach jedem Sturz. Vergib schnell, küsse langsam, mein Freund. Musik. Bier. Essen. Menschen, die wichtig sind. Alte Jeans. Vans. Tanzen. Verrückte Scheiße. Sich zum Horst machen und irgendwann merken, dass genau das vielleicht Glück ist.
Nicht schön aussehen. Nicht alles im Griff haben. Nicht vernünftig sein. Da sein. Und natürlich ist bis dahin noch Zeit. Zum Glück. Denn Vorfreude ist nicht das Warten auf das Leben. Sie ist längst ein Teil davon. Der 28. November kommt früh genug. Bis dahin drehe ich die Musik auf.
Ich hab etwas gelernt. Die besten Geschichten beginnen selten vernünftig. Sie beginnen nachmittags und enden nachts. Mit zu lauter Musik. Mit einer Nachricht, die man eigentlich nicht mehr erwartet hatte. Mit einem Blick, der eine Sekunde zu lange bleibt. Mit zwei Menschen, die beide so tun, als wäre das hier gerade alles völlig harmlos. Ist es natürlich nicht. Manchmal beginnt eine Geschichte auch morgens. Mit zerknittertem Bettzeug. Kaltem Kaffee. Einem Haargummi auf dem Tisch oder der leisen Frage, ob man gestern wirklich noch diese Sprachnachricht verschickt hat. Hat man. Scheiße.
Manche Geschichten beginnen in einem Restaurant. Pizza auf dem Tisch. Wein in den Gläsern. Ein Abend, der erstmal so aussah, als würde er einfach nur ein Abend werden. Essen. Reden. Lachen. Irgendwann bezahlen. Jacke an. Nach Hause. So der vernünftige Plan. Auf einer Pizza lag ein Stück Paprika, das aussah wie ein Herz. Nicht ungefähr. Ein Herz. Natürlich kann man jetzt sagen, dass es einfach nur ein Stück Paprika war. Kann man machen. Menschen sagen solche Sachen gerne, wenn ihnen etwas zu schön, zu kitschig oder zu eindeutig wird.
„Das ist doch nur Zufall.“
Ja. Vielleicht. Aber manchmal liegt eben ein verdammtes Herz auf einer Pizza und du entscheidest selbst, ob du darüber hinwegisst oder kurz hinschaust. Wir haben hingeschaut. Über uns zog währenddessen der Heißluftballon vom Kliemannsland durch den Himmel. Einfach so. Langsam. Als hätte jemand beschlossen, dass dieser Abend noch ein bisschen mehr Kulisse vertragen könnte. Pizza. Wein. Ein Paprikaherz. Ein Ballon über unseren Köpfen. Das klingt erfunden. Kann sein. Aus irgendeiner Richtung kam Musik. Große Refrains. Bläser. Ein Gemisch aus Melancholie und Vorwärtsdrang, bei dem man gleichzeitig an alles denken und trotzdem aufspringen möchte.
Wir sind nicht in Seattle. Wir sind auch nicht in irgendeiner amerikanischen Filmstadt, in der Menschen nachts an beleuchteten Straßenecken stehen, perfekt aussehen und genau im richtigen Moment den richtigen Satz sagen. Wir sitzen irgendwo hier. In einem Restaurant. Mit Pizza. Mit Wein. Mit einem Stück Paprika, das sich für ein Herz hält. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Die wichtigen Geschichten sehen am Anfang selten wichtig aus. Sie kündigen sich nicht an. Kein Vorspann. Keine dramatische Musik. Niemand sagt: „Achtung. Diesen Abend wirst du später noch brauchen.“ Sie passieren einfach.
Zwischen einem Schluck Wein und dem nächsten Satz. Zwischen einem Lied und einem Lachen. Zwischen dem kurzen Gedanken, dass das hier gerade wirklich schön ist, und der sofort folgenden Angst, bloß nicht zu viel hineinzuinterpretieren. Menschen sind darin großartig. Sobald etwas schön wird, stellen wir innerlich einen Sicherheitsbeauftragten daneben. Ich mach das. Nicht zu viel fühlen. Nicht zu viel hoffen. Nicht zu deutlich werden. Immer schön so tun, als wäre alles locker. Ist es natürlich nicht. Vielleicht muss es das auch gar nicht sein. Vielleicht darf ein Abend einfach Bedeutung bekommen, ohne dass man ihn sofort erklären, einordnen oder für die nächsten fünf Jahre vertraglich absichern muss.
Vielleicht reicht es, dort zu sitzen. Zu trinken. Zu reden. Zu lachen. Zu merken, dass man gerade nirgendwo anders sein möchte. Vielleicht hab ich mir das Alles ausgedacht. Vielleicht auch nicht.
Ich schreibe aber jetzt über solche Geschichten. Über Abende, die größer werden, während sie passieren. Über Menschen, die plötzlich wichtig sind, ohne vorher einen Antrag eingereicht zu haben. Über Musik, die im richtigen Moment einsetzt. Über seltsame Zufälle. Über Nähe. Über Freiheit. Über das ganze unordentliche Leben, das ständig zwischen unseren Plänen herumläuft und dabei meistens die besseren Ideen hat. Nicht jede Geschichte braucht eine Explosion. Manche brauchen nur Pizza. Zwei Gläser Wein. Einen Ballon am Himmel. Und ein Stück Paprika, das verdammt noch mal aussah wie ein Herz. Wir sind nicht in Seattle. Aber ganz ehrlich? An solchen Abenden müssen wir das auch nicht sein.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-08-04 18:26:132026-08-04 18:26:15Nicht in Seatle
Ich weiß nicht mehr genau, welcher Song zuerst lief. Vielleicht Madsen. Vielleicht Hi! Spencer. Vielleicht irgendwas mit Gitarren, das schon in den ersten zehn Sekunden klang, als würde gleich jemand eine Tür eintreten, hinter der ich jahrelang gesessen hatte. Ist im Grunde auch scheißegal. Wichtig ist nur: Die Musik war laut. Echt keine Hintergrundmusik. Nicht dieses belanglose Gedudel, das in Supermärkten läuft, damit man beim Kauf von Klopapier nicht aus Versehen über die eigene Vergänglichkeit nachdenkt. Laut. Mit Schlagzeug. Mit Gitarren. Trompeten. Mit Texten, die nicht so taten, als wäre alles gut, aber trotzdem nicht bereit waren, sich auf den Boden zu legen und dort zu bleiben. Ich stand irgendwo zwischen Kaffeetasse, Handy und einem Leben, das in den Monaten davor ziemlich gründlich gegen die Wand gefahren war.
Nicht elegant. Kein kleiner Parkrempler. Eher Totalschaden mit herumliegenden Einzelteilen, von denen niemand so genau wusste, ob sie noch gebraucht werden. Und plötzlich war da dieser Song. Dann noch einer. Und noch einer. Eine Playlist wurde länger. Mit Mund abwischen. Der Kaffee wurde kalt. Die Musik blieb laut. Ich hörte 100 Kilo Herz, Drei Meter Feldweg, Broilers, Jupiter Jones, Liedfett, Madsen und Hi! Spencer. Bands, die mir irgendwie nicht versprachen, dass morgen alles besser wird.
Sie machten etwas viel Wichtigeres. Sie klangen, als dürfte morgen trotzdem kommen. Vielleicht begann es genau da. Ich saß da. Wahrscheinlich stand irgendwo eine Tasse Kaffee herum. Wahrscheinlich hatte ich zu viele Nachrichten offen, zu viele Gedanken im Kopf und noch immer keinen vernünftigen Plan. Aber ich hatte plötzlich Bock. Erst nur auf einen weiteren Song. Dann auf ein Konzert. Dann auf eine Zugfahrt. Auf einen Nachmittag irgendwo. Auf Menschen. Auf Pläne. Auf völligen Schwachsinn. Darauf, auch von Leuten nach dem Hochamt als peinlich betitelt zu werden. Und das klingt kleiner, als es war.
Denn eine ganze Weile hatte ich auf vieles keinen Bock mehr gehabt. Ich hatte funktioniert, Dinge erledigt, nachgedacht, gezweifelt und versucht, den Scherbenhaufen meines Lebens wenigstens so ordentlich zusammenzufegen, dass niemand darüber stolpert. Vor allem nicht die anderen. Die anderen sollten sich bloß nicht unwohl fühlen. Die anderen sollten verstehen, warum ich etwas tat. Die anderen sollten nicht enttäuscht sein. Die anderen sollten mich weiterhin für einen halbwegs vernünftigen Menschen halten. Hat hervorragend geklappt. Nur ich selbst ging mir dabei langsam verloren.
Vielleicht ist das jetzt genau das Gegenteil davon. Ich weiß, dass du das anders siehst. Und ich mache es trotzdem. Nicht aus Wut. Aus Freiheit. Ich kaufte Konzertkarten, Monate im Voraus, und freute mich darüber wie ein Kind, das noch nicht gelernt hat, Vorfreude angemessen herunterzuregulieren. Vier Monate. Vier verdammte Monate Vorfreude. Kann man peinlich finden. Kann man kindisch finden. Kann man auch einfach geil finden. Ich entschied mich für geil.
Ich fuhr mit Regionalzügen fast dreihundert Kilometer, um eine Pizza zu essen. Ich buchte ein Hotel, das ungefähr dort lag, wo ich nicht hinmusste. Ich stand an Bahnhöfen, schleppte meinen Rucksack herum und fragte mich mehr als einmal, ob ich eigentlich komplett bescheuert geworden war. Die Antwort lautet vermutlich: ein bisschen. Aber ich war unterwegs. Das war neu. Nicht das Reisen. Das Wollen. Ich wollte wieder irgendwohin. Ich wollte Menschen sehen. Konzerte besuchen. Schreiben. Fotografieren. Einen Wagen kaufen. Eine Wohnung finden. Meine Website umbauen. Ziele verfolgen, die niemand verstehen muss. Zeit mit den Menschen verbringen, bei denen sich nichts nach Kampf anfühlt. Ich wollte mein Leben nicht mehr nur irgendwie reparieren. Ich wollte es benutzen. Auch mit Kratzern. Auch mit fehlenden Teilen. Auch ohne Bedienungsanleitung. Vor allem ohne Bedienungsanleitung. Es gibt natürlich weiterhin beschissene Tage. Wird es immer geben. Freude ist kein Schutzhelm. Sie verhindert nicht, dass Dinge wehtun. Menschen gehen trotzdem. Pläne platzen trotzdem. Manchmal sitzt man nachts da und versteht überhaupt nichts.
Aber ein beschissener Tag ist kein beschissenes Leben. Das ist der Unterschied.
Früher hätte ich vielleicht gewartet, bis alles geklärt ist. Bis Ruhe eingekehrt ist. Bis kein Mensch mehr eine Frage hat. Bis jede Entscheidung erklärt, jedes Problem gelöst und jede Socke ihrem rechtmäßigen Partner zugeführt wurde. Dann darf man wieder leben. So ungefähr war der Plan. Rückblickend war das natürlich völliger Schwachsinn. Das Leben wird nicht fertig. Es steht nicht irgendwann frisch gestrichen vor einem, reicht einem den Schlüssel und sagt:
„So, Torsten. Jetzt kannst du einziehen.“
Irgendwas ist immer. Eine Rechnung. Eine Trennung. Eine Sorge. Ein Termin. Ein Mensch, der ungefragt erklärt, wie man sprechen, fühlen oder leben sollte. Wartet man darauf, dass alles geregelt ist, kann man sich direkt einen bequemen Stuhl kaufen. Man sitzt länger.
Also Musik an. Nicht, um irgendetwas zu verdrängen. Sondern um wieder etwas zu spüren. Der Bass. Das Schlagzeug. Eine Stimme, die an der richtigen Stelle sitzt oder verkackt. Ein Refrain, der den Raum größer macht. Diese Musik war kein Soundtrack zu einem perfekten Neuanfang. Sie war der Lärm einer Baustelle. Da wurde nichts feierlich eröffnet. Da wurde gehämmert. Geflucht. Abgerissen. Neu angesetzt. Manchmal schief. Manchmal viel zu laut. Aber es entstand etwas. Ich. Nicht neu. Eher wieder. Nur ohne die ganzen Versionen, die ich jahrelang für andere Menschen gespielt hatte. Die freundliche Version. Die angepasste Version. Die Version, die Ja sagt, obwohl sie Nein meint. Die Version, die hinterherläuft. Fickt Euch. Das mach ich nicht mehr. Die Version, die sich erklärt, bis von der eigenen Entscheidung nichts mehr übrig ist. Die können alle weg. Sperrmüll.
Heute bin ich glücklich. Der Satz fühlt sich noch immer ungewohnt an. Fast verdächtig. Als müsste direkt jemand um die Ecke kommen und fragen, ob ich dafür überhaupt eine Genehmigung habe. Habe ich nicht. Brauche ich auch nicht. Ich bin nicht glücklich, weil plötzlich alles funktioniert. Tut es nicht. Ich bin glücklich, weil ich nicht mehr darauf warte.
Ich habe jetzt Menschen in meinem Leben, bei denen ich nichts beweisen muss. Ich mache Pläne, obwohl andere Dinge noch offen sind. Ich fahre los, auch wenn die Verbindung scheiße ist. Ich freue mich zu laut. Ich rede, wie ich rede. Ich trage Klamotten, die mir gefallen. Ich höre Musik, die irgendetwas in mir aufrichtet. Und ich mache mich vermutlich gelegentlich zum Horst.
Gut.
Wer nie peinlich ist, war wahrscheinlich auch nie richtig begeistert. Wo es begann? Vielleicht mit einem Song. Vielleicht mit einer Nachricht, die besagt, dass sich jemand freut, mich zu sehen. Vielleicht mit einer Konzertkarte. Vielleicht an irgendeinem Nachmittag, an dem ich plötzlich gemerkt habe, dass ich nicht mehr nur darüber nachdachte, was alles vorbei war.
Sondern darüber, was als Nächstes kommt. Aus den Boxen liefen Gitarren. Ich trank Hefeweizen im Sonnenlicht. Trockenen Weißwein auf einer Terrasse. Mein Leben war noch immer nicht sortiert. Aber irgendwo setzte das Schlagzeug ein. Und ich stand auf.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-08-03 23:39:242026-08-03 23:39:26Wo es begann.
Ich saß letztens, an einem Freitag im Zug und wusste nicht genau, ob das, was ich gerade machte, vernünftig war. Das kommt inzwischen häufiger vor. Ich steige irgendwo ein, fahre los, buche ein Hotel oder beschließe am Abend, am nächsten Morgen knapp 300 Kilometer mit Regionalzügen zu fahren, um irgendwo eine Pizza zu essen. Nicht alles, was ich mittlerweile so mache, ist besonders durchdacht. Manches ist sogar objektiv betrachtet, ein bisschen, ähm, komplett bescheuert. Aber während ich aus dem Fenster sah und draußen Felder, Gewerbegebiete und diese kleinen Bahnhöfe vorbeizogen, an denen irgendwie nie wirklich jemand ein- oder aussteigt, dachte ich: Wen müsste ich eigentlich fragen, ob ich das darf? Wen müsste ich noch fragen, ob er damit einverstanden ist.
Die Antwort ist schon ziemlich geil: niemanden. Trotzdem fühlt es sich manchmal noch so an, als müsste ich meine Entscheidungen und vorhaben irgendwo absegnen lassen. Zur Prüfung. Mit kurzer Begründung, Anlagen und der freundlichen Bitte um Zustimmung. Ich habe das jahrelang gemacht. Nicht offiziell. Es gab kein Formular. Aber in meinem Leben saßen ziemlich viele Menschen an einem sehr langen Tisch und hatten zu allem eine Meinung. Was vernünftig ist. Was sich gehört. Was man in meinem Alter macht. Was man besser lässt. Was andere denken könnten. Und ich stand davor und versuchte, eine Version meines Lebens zu präsentieren, gegen die möglichst niemand Einspruch erhebt. Hat natürlich nicht geklappt.
Ich wollte gefallen. Das ist die ungeschönte Wahrheit. Ich wollte, dass Menschen mich mögen, meine Entscheidungen verstehen und mich für einen vernünftigen, guten Menschen halten. Also sagte ich viel zu oft Ja, obwohl ich Nein meinte. Ich erklärte Dinge, die niemanden etwas angingen. Ich rechtfertigte Entscheidungen, die nur mein eigenes Leben betrafen. Und wenn jemand enttäuscht von mir war, fragte ich mich nicht zuerst, ob meine Entscheidung trotzdem richtig gewesen war. Ich überlegte, wie ich sie wieder zurücknehmen konnte. Hat auch funktioniert. Viele Menschen waren vermutlich ziemlich zufrieden mit mir. Ich selbst wurde es immer weniger.
Das Merkwürdige ist, dass der ganze Bums von außen wahrscheinlich gar nicht unfrei ausgesehen hat. Ich war erwachsen. Ich konnte arbeiten, reisen, Geld ausgeben, Verträge unterschreiben und in einem Baumarkt eigenständig Dübel kaufen, obwohl auch das nicht unterschätzt werden sollte. Niemand hielt mich fest. Niemand verbot mir, irgendwohin zu fahren oder etwas Neues anzufangen. Und trotzdem bestand ein großer Teil meines Lebens daraus, Erwartungen zu erfüllen. Manche waren ausgesprochen. Viele nicht. Einige hatte ich mir vermutlich selbst ausgedacht, weil echte Erwartungen offenbar noch nicht genug waren. Man ist ja schon irgendwie bescheuert, wenn man immer jedem gefallen möchte.
Autonomie klingt nach einem Begriff, über den ein Mann mit Rollkragenpullover neunzig Minuten in einem Podcast spricht. Dabei ist sie im Alltag oft ziemlich unspektakulär. Sie beginnt nicht mit wehenden Haaren auf einer Klippe. Bei mir wäre das schon aus biologischen Gründen schwierig. Sie beginnt mit einem Nein. Mit einer Entscheidung, die nicht jeder verstehen muss. Mit dem Moment, in dem ich nicht mehr sofort zurückrudere, nur weil jemand anders meine Grenze unbequem findet.
Es ist so geil. Ich lerne gerade, dass Freiheit nicht bedeutet, alles tun zu können. Das kann ohnehin niemand. Jede Entscheidung hat Folgen. Jeder Weg schließt einen anderen aus. Wenn ich losfahre, kann ich nicht gleichzeitig zu Hause bleiben. Wenn ich Nein sage, wird vielleicht jemand enttäuscht sein. Wenn ich mein eigenes Leben führe, passt es zwangsläufig nicht mehr vollständig in die Vorstellungen anderer Menschen. Genau das habe ich lange vermeiden wollen. Vielleicht habe ich Freiheit deshalb immer an den falschen Orten gesucht. In Reisen. In neuen Städten. Auf Feldwegen, Bahnhöfen und in Hotelzimmern. Ich dachte, ich müsste nur weit genug wegfahren, dann wäre ich frei. Aber man kann 300 Kilometer entfernt in einem Hotel sitzen und trotzdem noch darüber nachdenken, ob jemand zu Hause die eigene Entscheidung gut findet. Man kann allein reisen und innerlich weiterhin um Erlaubnis bitten.
Das möchte ich nicht mehr.
Ich möchte Entscheidungen treffen, weil sie für mich richtig sind. Nicht, weil ich sie besonders überzeugend erklären kann. Ich möchte losfahren, wenn ich losfahren will. Bleiben, wenn ich bleiben möchte. Menschen mögen, ohne vorher zu prüfen, ob das klug ist. Ziele verfolgen, die andere für unnötig, klein oder komplett bekloppt halten. Ich möchte Fehler machen dürfen, die wenigstens meine eigenen sind.
Das heißt nicht, dass mir andere Menschen egal werden. Im Gegenteil. Es gibt Menschen, die mir wichtig sind. Längst nicht alle. Aber ein paar. Ihre Gefühle auch. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Rücksicht und Selbstaufgabe. Rücksicht bedeutet, andere mitzudenken. Selbstaufgabe bedeutet, sich selbst dabei ständig zu vergessen. Ich habe diesen Unterschied lange nicht besonders sauber hinbekommen.
Autonomie bedeutet für mich deshalb nicht: Ich mache, was ich will, und alle anderen können mich mal. Das wäre keine Freiheit, sondern vermutlich einfach nur ein ziemlich anstrengender Charakterzug. Autonomie bedeutet: Ich höre zu, aber ich entscheide selbst. Ich nehme andere ernst, aber nicht mehr wichtiger als mich. Ich kann jemanden enttäuschen, ohne deshalb automatisch etwas Falsches getan zu haben.
Das ist wahrscheinlich der schwierigste Teil. Auszuhalten, dass nicht jeder die eigene Entscheidung gut findet. Dass Menschen einen vielleicht egoistisch nennen. Dass manche Beziehungen nur so lange einfach waren, so lange man selbst ordentlich und dem Dorfleben entsprechend funktioniert hat. Dass ein Nein manchmal mehr über eine Verbindung zeigt als hundert freundliche Jas.
Ich weiß noch nicht, ob ich das schon gut kann. Wahrscheinlich nicht. Alte Gewohnheiten verschwinden nicht, nur weil man einen klugen Begriff dafür gefunden hat. Manchmal erkläre ich mich noch immer zu viel. Manchmal denke ich zuerst darüber nach, was andere erwarten. Manchmal möchte ich eine Entscheidung am liebsten so lange begründen, bis selbst der letzte Mensch im Raum zustimmt.
Aber ich merke es inzwischen. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Naja. Neulich saß ich also in diesem Zug, sah aus dem Fenster und wusste nicht, ob mein Plan vernünftig war. Irgendwo hinter mir lagen Menschen, Erwartungen und all die guten Gründe, etwas nicht zu tun. Vor mir lagen ein Bahnhof, ein Hotel und vermutlich wieder irgendein unnötig komplizierter Umstieg. Ich bin trotzdem weitergefahren. Nicht, weil es allen gefallen hätte. Sondern weil ich es wollte. Und dann sind Menschen verschwunden. Aber das ist egal. Die richtigen bleiben. Der Rest passt nicht.
Es rasen die Zeiger der Uhr. Draußen fahren die Erntemaschinen über die Dorfstraßen. Mähdrescher, so groß, dass man sich bei Gegenverkehr kurz überlegen muss, ob der Straßengraben nicht vielleicht doch ganz gemütlich aussieht. Dahinter Traktoren mit Anhängern. Voll mit Korn. Für Brot. Für Kuchen. Für Nudeln. Für Tierfutter. Für Dinge, über die man sich beim Frühstück normalerweise keine großen Gedanken macht, solange das Brötchen da liegt und niemand erwartet, dass man selbst vorher einen Hektar aberntet. Bis der Mais dran ist, dauert es noch ein paar Wochen. Gerade bleiben Stoppeln, Reifenspuren und der Geruch nach Erde, Staub und Spätsommer. Wenn die Sonne langsam im Westen verschwindet, wird es ruhiger. Die Maschinen fahren zurück auf die Höfe. Ab nach Hause. Die Straßen werden wieder breiter. Zumindest gefühlt. Und manchmal kann man auf den abgeernteten Feldern Füchse sehen. Früher waren es mehr. Ich glaube, es sind weniger geworden. Vielleicht sind sie auch nur vorsichtiger. Vielleicht bin ich seltener draußen. Oder ich schaue nicht mehr richtig hin. Mit Gewissheit kann ich dazu nichts sagen. Ich habe keine Fuchsstatistik geführt. Keine Tabellen angelegt. Keine nächtlichen Zählungen veranstaltet. Es ist nur so ein Gefühl. Egal. Die Abende werden langsam kürzer. Die Nächte länger. Der Sommer macht zwar noch keine Anstalten zu verschwinden, aber er räumt schon mal ein bisschen auf. Und irgendwo zwischen Mähdreschern, Stoppelfeldern und dem Licht, das abends inzwischen ein paar Minuten früher aus den Straßen verschwindet, ist mir aufgefallen, dass ich etwas ziemlich lange vergessen hatte. Die Musik.
Mareike hat mir gestern Songs geschickt. Nicht einen. Einen nach dem anderen. 100 Kilo Herz. Drei Meter Feldweg. Broilers. Madsen. Liedfett. Feine Sahne Fischfilet. Gitarren. Trompeten. Stimmen, die nicht höflich fragen, ob sie kurz stören dürfen. Musik mit Schrammen. Musik, die nach draußen will. Musik, die nicht im Hintergrund steht und darauf wartet, dass jemand sie bemerkt. Macht sie nicht. Sie scheißt drauf. Sie macht einfach. Und ich habe daraus eine Playlist gemacht. „Mit Mund abwischen“ habe ich sie genannt. Das ist ein kleiner Insider. Den muss auch nicht jeder verstehen. Gestern Abend bin ich mit dieser Playlist spazieren gegangen. Einige Songs kannte ich noch von früher. Nicht unbedingt Wort für Wort. Aber mein Körper kannte sie offenbar noch. Der erkannte manche Stellen schneller als mein Kopf. Ein Gitarrenriff, ein Trompeteneinsatz, eine Stimme und plötzlich war da wieder etwas Vertrautes. Wie ein Mensch, den man seit Jahren nicht gesehen hat und bei dem man trotzdem sofort weiß, wie er seinen Kaffee trinkt.
Krass. Früher war Musik wichtig für mich. Richtig wichtig. Ich stand stundenlang in Plattenläden. Vor diesen Regalen mit CDs, deren Sortierung vermutlich nur von Menschen verstanden wurde, die dort seit 1987 arbeiteten. Ich zog Hüllen heraus, las Titel, schaute mir Cover an, hörte in Alben rein und versuchte anhand von dreißig Sekunden herauszufinden, ob diese Musik mein Leben verändern oder mich nur 29,99 Mark kosten würde. Manches fand ich scheiße. Manches fand ich sofort großartig. Und bei manchen CDs wusste ich es nicht. Die nahm ich trotzdem mit. Aus Hoffnung. Oder weil das Cover gut war. Oder weil der Typ hinter der Theke gesagt hatte, das müsse man gehört haben. Menschen hinter Plattenladentheken hatten damals eine Autorität, die heute vermutlich nur noch Apotheker und Bahnkontrolleure besitzen. Dann stand man da und musste sich entscheiden. Single oder Album. Auf der Single war der Song, den man mochte. In fünf Versionen. Glaub ich. Auf dem Album waren zusätzlich elf Lieder, von denen man neun noch gar nicht kannte und zwei vermutlich nie mögen würde. Ich nahm meistens das Album. Man wollte schließlich die Band unterstützen. Die Musiker. Die Plattenfirma. Den Einzelhandel. Den Mann hinter der Theke mit dem ungewaschenen Pullover. Irgendwie alle. Nee. War gelogen. Am Ende war das nur für mich. Und dann?
Dann wurde Musik leiser. Nicht plötzlich. So etwas passiert selten plötzlich. Es gibt ja keinen Morgen, an dem man aufwacht und beschließt, einen Teil von sich ab heute nicht mehr zu brauchen. Man unterschreibt dafür keinen Vertrag. Man gibt nichts ab. Es gibt keine Quittung. Es passiert einfach. So nebenbei. Am Anfang waren da Menschen, die nicht mochten, was ich hörte. Also drehte ich die Musik leiser. Nicht immer. Nicht bewusst. Nur ein bisschen. Dann vielleicht noch ein bisschen. Irgendwann war sie aus. Und wenn etwas lange genug leiser wird, wird es irgendwann auch in einem selbst stiller.
Man gewöhnt sich daran.
Das ist vermutlich eine der gefährlichsten Fähigkeiten des Menschen. Wir können uns an fast alles gewöhnen. An Lärm. An Stille. An schlechte Matratzen. An Menschen, bei denen wir vorsichtiger sprechen. An Tage, in denen etwas fehlt, ohne dass wir genau sagen könnten, was. Und scheiße, irgendwann denkt man, es sei eben so. Man brauche das nicht mehr. Die Musik nicht. Das Tanzen nicht. Die Lautstärke nicht. Diese eine bestimmte Art von Freude, die keinen vernünftigen Anlass benötigt.
Aber das stimmt nicht.
Die Dinge, die uns fehlen, verschwinden nicht einfach. Sie liegen nur irgendwo herum. Unter Terminen. Unter Rücksicht. Unter Alltag. Unter all den Entscheidungen, die beschissen vernünftig aussehen und einen trotzdem Stück für Stück von sich selbst entfernen können. Und dann, schleichend und maximal scheiße legt sich etwas über das eigene Leben. Kein großer Schatten. Eher ein Schleier. Die Welt ist noch da. Die Farben auch. Die Menschen. Die Straßen. Die Felder. Der Kaffee am Morgen. Alles sieht aus wie vorher. Nur etwas trüber. Und weil es langsam passiert, merkt man es nicht. Man läuft weiter. Man erledigt Dinge. Man antwortet auf Nachrichten. Man kauft ein. Man funktioniert. Man glaubt, alles sei in Ordnung, weil nichts offensichtlich kaputt ist. Und irgendwann fällt einem einfach so auf, dass man aufgehört hat zu tanzen. Nicht sinnbildlich. Echt jetzt. Man tanzt nicht mehr.
Gestern habe ich wieder getanzt. Draußen. Auf der Straße. Beim Spazierengehen. Nicht besonders gut. Das sollte der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Es war weniger professionelles Tanzen als eine Mischung aus Wechselschritt, Vorwärtsbewegung und dem Versuch, dabei nicht in einen Graben zu geraten. Aber scheißegal, ich habe getanzt.
Trompeten im Ohr. Gitarren irgendwo zwischen Brustkorb und Kehle. Ska-Punk. Sommerabend. Sonne. Frische Luft. Die Hände nicht in den Taschen. Ein Schritt. Noch einer. Dann zwei zur Seite. Ein bisschen hüpfen. Ein bisschen laufen. Ein bisschen so tun, als sei die Dorfstraße gerade keine Dorfstraße, sondern die Hauptbühne eines Festivals, bei dem der Headliner erstaunlicherweise nur aus mir besteht. Ein paar Autofahrer haben natürlich geguckt. Manche haben gelacht. Vielleicht haben sie mich ausgelacht. Ist mir scheißegal. Vielleicht haben sie auch einfach gelacht, weil da jemand auf nem Bürgersteig getanzt hat. Das passiert hier nicht ständig. Normalerweise stehen Menschen am Straßenrand und beurteilen die Verkehrsentwicklung.
Ich jedenfalls musste ebenfalls lachen. Nicht, weil etwas besonders lustig gewesen wäre. Sondern weil es sich gut anfühlte. Leicht. Vertraut. Wie etwas, das lange weg war, obwohl es die ganze Zeit noch irgendwo in mir gesteckt hatte. Und während ich dort lief und tanzte, dachte ich an Mareike. Daran, dass sie wahrscheinlich einfach ein paar Songs verschickt hatte. Ohne großen Plan. Ohne pädagogisches Konzept. Das könnte sie definitv. Ohne zu wissen, was sie damit auslöst. Sie hat nicht gesagt, dass ich wieder mehr Musik hören soll. Sie hat nicht gefragt, wann ich eigentlich aufgehört habe zu tanzen. Sie hat nichts analysiert, nichts erklärt und schon gar keinen klugen Satz über Lebensfreude daruntergeschrieben. Sie hat einfach Musik geschickt.
Einen Song nach dem anderen. Und vielleicht war genau das genug. Manchmal braucht es keinen Menschen, der einen rettet. Das wäre ohnehin eine ziemlich große Aufgabe für einen Dienstagabend. Manchmal reicht jemand, der einem etwas gibt, das man irgendwann aus der Hand gelegt hat. Einen Song. Eine Erinnerung. Ein Gefühl. Mareike hat, ohne es zu wissen, einen Lappen genommen und eine Scheibe sauber gewischt, von der ich gar nicht bemerkt hatte, wie vergilbt sie inzwischen war.
Die Welt dahinter war die ganze Zeit noch da. Die Felder. Die Sonne. Die Straße. Die Füchse vielleicht. Und irgendwo dazwischen auch ich. Mit Trompeten im Ohr. Gitarren im Herzen. Und den Händen endlich wieder raus aus den Taschen. Geil. Echt jetzt.
Vorgestern stand ich allein in einem Laden für Outdoorbekleidung in Oldenburg. Und allein ist in solchen Läden ein gefährlicher Zustand. Zumindest für Menschen wie mich. Weil niemand neben einem steht und sagt: „Torsten, leg das Messer wieder hin. Du brauchst kein Messer, mit dem man vermutlich einen Elch erlegen könnte. Du willst nur in den Wald. Nicht die Zivilisation neu gründen.“ Nee. Sagt keiner. Egal. Der Laden war jedenfalls großartig. Nicht so großartig im Sinne von „Ach, nett hier, da kann man mal gucken“, sondern eher im Sinne von, dass ich dort problemlos mehrere Stunden hätte verbringen können, ohne dass es mir selbst merkwürdig vorgekommen wäre. Messer. Lampen. Schlafsäcke. Socken. Hosen. Pullover. Jacken. Rucksäcke. Dinge, von denen man sofort glaubt, dass das eigene Leben deutlich besser sortiert wäre, wenn man sie besitzen würde. Das ist natürlich Schwachsinn. Aber ein sehr überzeugender.
Outdoorläden haben diese besondere Wirkung. Man betritt sie als Mensch, der eigentlich nur eine Hose sucht und zehn Minuten später steht man vor einem Regal mit Stirnlampen und denkt ernsthaft darüber nach, ob man nicht vielleicht doch eine Lichtquelle braucht, die auch bei minus zwölf Grad, Starkregen und mittelgroßer innerer Krise zuverlässig in Höhlen funktioniert, die man eigentlich nicht betreten darf. Dabei bringt man höchstens nur mal den Müll im dunklen raus. Aber gut. Ich war dort wegen einer Hose. Nicht irgendeiner Hose. Natürlich nicht. Ich hatte eine Vorstellung. Eine sehr klare sogar. Was bei mir meistens bedeutet, dass ich ganz genau weiß, was ich will, kann es aber nur ungefähr beschreiben und bin dann beleidigt, wenn die Realität nicht sofort mitmacht.
Ich brauche eine Hose für den Herbst. Oktober. November. Für draußen. Für Matsch. Für Wald. Für Wege, die nicht danach aussehen, als hätte sie jemand für Menschen mit weißen Sneakern geplant. Für eines meiner NICHT-IRGENDWANN-Ziele. Für dieses Gefühl, wenn man nicht nur irgendwo hinfährt, um dort kurz ein Foto zu machen, sondern wirklich draußen ist. Mit kalten Händen. Mit dreckigen Schuhen. Mit Kaffee aus einem Becher, der nach zwei Stunden ungefähr die Temperatur eines alten Gedankens hat. So eine Hose sollte das sein. Robust. Bequem. Nicht zu eng. Nicht zu modern. Nicht diese Art von Outdoorhose, mit der man aussieht, als würde man gleich in einem Start-up erklären, dass man am Wochenende „gern mal rauskommt“. Sondern eine Hose, die nach Wald aussieht. Nach Herbst. Nach Holzofen. Nach Rucksack. Nach „kann dreckig werden, ist nicht schlimm“.
Und natürlich fand ich sie. Klar. Das war ja das Problem. Sie hing da. Einfach so. Nicht besonders beleuchtet. Keine Engelschöre. Kein Windstoß aus Richtung Skandinavien. Sie hing einfach da. Sachlich. Dunkelgrün. Unbeeindruckt von meiner finanziellen Gesamtlage. Ich nahm sie vom Bügel und schon beim Anfassen merkte ich: Mist. Man merkt das ja manchmal sofort. Stoff. Gewicht. Verarbeitung. Taschen an Stellen, an denen Taschen Sinn ergeben. Nicht aus modischer Laune heraus, sondern weil dort tatsächlich Dinge hineinpassen könnten. Messer vielleicht. Oder eine Karte. Oder ein Handy. Oder ein Müsliriegel, den man irgendwann findet, wenn man längst vergessen hat, dass man ihn gekauft hat. Eine Axt. Natürlich eine Axt. Ich probierte sie an. Sie passte. Natürlich passte sie. Es wäre auch zu freundlich vom Leben gewesen, wenn sie irgendwo gedrückt hätte. Wenn sie zu kurz gewesen wäre. Zu lang. Zu weit. Zu irgendwas. Dann hätte ich sagen können: „Uiii. Wie blöd jetzt. Wäre schön gewesen. Aber passt nicht.“ Und wäre mit dem Gesichtsausdruck eines vernünftigen Mannes aus der Kabine gekommen.
Aber nein. Sie saß, als hätte sie vorher kurz meine Maße genommen. Ich stand also vor dem Spiegel in dieser Hose und sah für einen Moment aus wie jemand, der im Herbst ernsthaft Pläne hat. Nicht nur Gedanken. Nicht nur Instagram im Kopf. Sondern echte Pläne. Rausfahren. Losgehen. Im Bauwagen schlafen. Durch Wald laufen. Abends Holz nachlegen. Morgens mit zerknittertem Gesicht irgendwo stehen und so tun, als sei Kälte ein Charaktertest. Diese Hose konnte das alles. Ich vermutlich auch. Aber die Hose sah überzeugender aus. Dann sah ich auf den Preis. 199,99 Euro.
Das ist ein Preis, bei dem Menschen gern sagen: „Ja gut, Qualität kostet eben.“ Stimmt. Qualität kostet. Aber Kontoauszüge haben leider selten Verständnis für Lebensgefühl. Die sagen nicht: „Ach Torsten, mach ruhig. Herbst. Wald. Aufbruch. Persönliche Entwicklung. Dunkelgrün steht dir.“ Kontoauszüge sind da eher norddeutsch. Trocken. Unromantisch. Fast schon beleidigend sachlich. 199,99 Euro sind 200 Euro. Da kann man noch so lange diese eine Cent-Lüge stehen lassen. Wir wissen alle, was gemeint ist. Niemand steht an der Kasse und denkt: „Zum Glück keine 200.“ Außer vielleicht Menschen, die auch glauben, ein Croissant sei ein ausgewogenes Frühstück, wenn ein Salatblatt draufliegt. Ich stand also da. In einer Hose, die perfekt war. In einem Laden, der sowieso gefährlich war. Mit einem Ziel im Kopf, das nach Herbst roch. Und mit einer Vernunft, die unangenehm wach wurde. Ich hätte sie kaufen können. Irgendwie. Klar. Kaufen kann man vieles. Zur Not kann man heute alles kaufen und sich morgen erzählen, es sei eine Investition gewesen. Menschen nennen sehr viel „Investition“, wenn sie eigentlich nur meinen: „Ich wollte das haben.“ Ich kenne das. Ich bin da nicht besser. Ich bin sogar ziemlich gut darin, mir Gründe zurechtzulegen. Das ist eine meiner unterschätzten Fähigkeiten. Wenn ich etwas wirklich will, arbeitet mein Kopf nicht mehr als Berater. Er arbeitet als Anwalt. Und zwar als einer dieser unangenehm ehrgeizigen Anwälte, die selbst aus einem klaren Fall noch ein dreiteiliges Argumentationspapier machen.
„Du brauchst die Hose ja wirklich.“ „Für den Herbst.“ „Für dein Ziel.“ „Billig kaufen heißt zweimal kaufen.“ „Du willst doch nicht frieren.“ „Du fängst neu an, aber gerade deshalb brauchst du gute Dinge.“ „Außerdem sitzt sie perfekt.“
Das klang alles nicht falsch. Das ist das Gemeine. Die besten Ausreden sind selten kompletter Blödsinn. Sie sind meistens halbwahr. Und Halbwahrheiten sind gefährlich, weil sie sich anfühlen wie Vernunft mit besserer Jacke.
Aber da war eben auch die andere Seite.
Ich beginne gerade noch einmal neu. Theoretisch. Praktisch auch. Schritt für Schritt. Rechnen. Sortieren. Prioritäten. Nicht jeden Wunsch sofort in den Einkaufswagen werfen, nur weil er gut aussieht und Taschen an den richtigen Stellen hat. Das ist nicht besonders romantisch. Auf gar keinen Fall geil. Aber notwendig. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man merkt, ob man es ernst meint.
Nicht bei den großen Sätzen. Nicht bei den Plänen. Nicht bei den Momenten, in denen man anderen erzählt, was man vorhat. Sondern in so einem Laden in Oldenburg, allein vor einem Spiegel, in einer Hose, die wirklich verdammt gut sitzt, während irgendwo im Hintergrund wahrscheinlich ein Mann überlegt, ob er für seinen Campingkocher noch einen Adapter braucht, obwohl er seit 2003 nicht mehr zelten war.
Da entscheidet sich manchmal mehr, als man denkt. Ich zog die Hose wieder aus, hängte sie zurück. Es gibt Klamotten, die hängt man nicht zurück, man trennt sich von ihnen auf Probe. So fühlte sich das an. Vielleicht kaufe ich sie irgendwann. Vielleicht finde ich sie günstiger. Vielleicht gibt es eine Alternative. Vielleicht ist genau diese Hose später immer noch da. Vielleicht auch nicht. Das Leben ist hart. Besonders bei Outdoorbekleidung in Dark Olive. Aber vorgestern habe ich sie nicht gekauft. Und das war richtig. Nicht, weil ich sie nicht wollte. Ich wollte sie echt. Sondern weil ich gemerkt habe, wie sehr ich versucht habe, Gründe zu finden, sie kaufen zu können. Kleine, stabile, vernünftig aussehende Gründe. Gründe mit Reißverschluss und verstärkten Knien. Und genau da liegt für mich inzwischen eine ziemlich einfache Regel.
Wenn ich Gründe suchen muss, um etwas zu tun, sollte ich es meistens lassen. Wenn ich allerdings Gründe suche, um etwas nicht zu tun, dann ist es oft genau das, was ich machen muss.
Klingt einfach. Ist es auch. Nur leider steht man im echten Leben selten mit dieser Erkenntnis auf einem Berggipfel, während die Sonne aufgeht und irgendein Adler symbolisch durchs Bild fliegt. Man steht eher in Oldenburg in einem Outdoorladen. In Socken. Vor einem Spiegel. Und versucht, einer Hose zu erklären, dass es gerade nicht an ihr liegt.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-07-11 08:24:572026-07-11 08:24:59Es liegt nicht an dir.
Bis 2014 habe ich das Marketing für eine Bank gemacht. Das klingt erst einmal vernünftig. Nach Schreibtisch. Nach Besprechungsraum. Nach einem edlen Kugelschreiber mit Logo. Nach einem Leben, bei dem Menschen morgens wissen, wo sie parken und abends wissen, warum sie müde sind. Also nach etwas, das mir rückblickend fast verdächtig geordnet vorkommt. Danach habe ich mich selbstständig gemacht. Ich habe fotografiert. Texte geschrieben. Webseiten gebaut. Marketingkonzepte entwickelt. Unternehmen sichtbarer gemacht als ihre eigenen Hinweisschilder, was in manchen Fällen keine große Kunst war, weil diese Hinweisschilder irgendwo zwischen Efeu, Parkplatz und vollständiger Resignation hingen. Und das sah von außen oft ziemlich vernünftig aus. Echt jetzt. Kamera in der Hand. Termine im Kalender. Rechnungen im System. Kunden, die nickten. Webseiten, die online gingen. Texte, die besser klangen als das, was vorher auf irgendeiner Unterseite unter „Über uns“ stand und vermutlich seit 2009 niemand mehr freiwillig gelesen hatte.
Aber von innen war das alles manchmal eher ein wackeliger, alter Campingtisch. So einer, bei dem ein Bein immer ein bisschen zu kurz ist. Und auf diesem Tisch lagen Ideen, Rechnungen, halbfertige Pläne, zu viele Gedanken und diese besondere Form von Existenzangst, die morgens keinen Kaffee braucht, weil sie sowieso schon wach ist. Ich sag mal so, es war nicht immer einfach. Dann kam 2026.
Und plötzlich fiel nicht nur ein Stein aus der Mauer. Es fiel gleich die ganze verdammte Wand. Das Zuhause war weg. Das Auto war weg. Mein Hund war in einem neuen Zuhause. Nicht, weil er mir egal war. Sondern weil Liebe manchmal auch bedeutet, nicht der Mittelpunkt zu sein. Eine Erkenntnis, die grundsätzlich schön klingt, aber in der Praxis ungefähr so angenehm ist wie barfuß auf Lego zu treten. Ich saß da und dachte: Fuck. Das war es jetzt. Tschüss. Ende. Abspann. Nur ohne Musik. Ich glaube, das Kino des Lebens ist mitunter erstaunlich geizig, wenn es um dramatische Effekte geht. Kein Regen gegen die Scheibe. Kein Streichorchester. Kein letzter Blick in den Rückspiegel. Meistens sitzt man einfach irgendwo, trinkt schlechten Kaffee und merkt, dass selbst große Zusammenbrüche echt unspektakulär aussehen können. Eine Zeit lang war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch zurückkommen wollte. Einfach, weil manchmal alles so still wird, dass selbst der nächste Tag wie eine Zumutung wirkt. Ein paar Tage später wurde mir klar, dass dieser Gedanke verständlich war. Aber auch ziemlich unpraktisch.
Das Gute ist, ich war noch da. Nicht besonders sortiert. Nicht besonders erfolgreich. Nicht mit erhobenem Kopf und fester Stimme, wie Menschen das in Filmen tun, kurz bevor sie eine neue Firma gründen oder einen Berg besteigen. Eher mit müdem Blick, zu vielen offenen Fragen und diesem inneren Geräusch, das entsteht, wenn das Leben einmal kräftig durchgelüftet hat, ohne vorher zu fragen, ob noch wichtige Unterlagen auf dem Tisch liegen. Und da stellte ich mir einfach mal eine andere Frage. Was wäre, wenn das hier gar kein Ende ist? Was, wenn es einfach nur der Punkt ist, an dem nichts mehr hübsch eingerichtet werden kann? Kein Vielleicht-später. Kein Wenn-mal-Zeit-ist. Kein Irgendwann, dieses kleine feige Wort, mit dem man ganze Leben in die Abstellkammer stellt. Und ich glaube, auch daraus ist NICHT IRGENDWANN entstanden. Ich habe angefangen, über hundert Dinge nachzudenken, die ich erleben möchte, bevor ich sterbe. Nicht, weil ich plötzlich besonders mutig geworden wäre. Ich bin nicht morgens aufgewacht und hatte auf einmal einen Abenteuerbart, ein Taschenmesser und ein sehr ernstes Verhältnis zu Sonnenaufgängen. Mir ist nur einfach aufgefallen, wie leicht man sein ganzes Leben auf irgendwann verschiebt. Ist doch so. Irgendwann mache ich das. Irgendwann fahre ich dorthin. Irgendwann sage ich das, was ich immer schon sagen wollte. Irgendwann fange ich an. Und irgendwann ist oft nur ein anderes Wort für nie.
Naja. Der aktuelle Stand der Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie tun möchte, bevor ich sterbe? 0 von 100. Aber ich glaube, genau deshalb beginnt die Geschichte jetzt. Nicht irgendwann. Jetzt.
Und jetzt sitze ich immer irgendwo und brainstorme. Kinnas. Was für ein schönes Wort. Brainstorming klingt immer, als säßen irgendwo kluge Menschen mit Whiteboard-Stiften in einem hellen Raum und würden Zukunft gestalten. Bei mir sieht es eher so aus, dass ich Notizen mache, wieder streiche, Kaffee trinke, kurz aufs Handy gucke, mich selbst dafür verachte, wieder Notizen mache und zwischendurch überlege, ob „mit Haien tauchen“ wirklich ein Ziel ist oder nur ein sehr aufwendiger Weg, um später von einem Tier ignoriert zu werden. Aber genau darum geht es. Ich will diese hundert Dinge eben nicht so auswählen, dass sie auf Instagram gut aussehen. Das wäre ja vermutlich sogar der einfachste Weg. Ballonfahrt bei Sonnenaufgang. Irgendein Berg. Irgendein See. Irgendein Foto, auf dem jemand von hinten in die Ferne schaut, als hätte er gerade in einem sehr teuren Onlinekurs gelernt, dass Freiheit auch nur ein anderes Wort für eine neue Jacke ist. Nein. Es sollen meine Ziele sein.
Nicht die Ziele, die besonders gut wirken. Nicht die Ziele, die andere beeindrucken. Nicht die Ziele, bei denen irgendjemand denkt: „Stark, der hat sein Leben im Griff.“ Das wäre ohnehin gelogen. Ich habe aktuell nicht einmal meine Kabel im Griff. Und Kabel sind im Vergleich zum Leben noch relativ überschaubar, obwohl auch das vermutlich eine gewagte Behauptung ist. Ich will Dinge aufschreiben, die wirklich etwas mit mir zu tun haben. Kleine Dinge. Große Dinge. Bescheuerte Dinge. Mutige Dinge. Dinge, die mir Angst machen. Dinge, die vielleicht niemand versteht. Dinge, bei denen andere sagen: „Warum ausgerechnet das?“ Und genau dann wird es wahrscheinlich interessant. Denn es sind meine Ziele. Nicht die der anderen. Nicht die des Algorithmus. Nicht die einer Zielgruppe, die angeblich zwischen 18 und 49 liegt und sich laut Statistik besonders für Authentizität interessiert, solange sie gut ausgeleuchtet ist.
Und ich will diese Geschichte erzählen. Nicht perfekt. Nicht glatt. Nicht mit dieser unangenehmen Selbstgewissheit von Menschen, die schon beim Frühstück klingen, als hätten sie drei Bücher über Disziplin gelesen und dabei ihren eigenen Schatten motiviert. Ich will filmen. Ich will fotografieren. Ich will zeigen, wie diese Liste entsteht. Wie ich überlege. Wie ich zweifle. Wie ich Ziele finde und wieder verwerfe. Wie ich vielleicht Dinge tue, die am Anfang unangenehm sind. Peinlich. Unbeholfen. Cringe, wie Menschen sagen, die wahrscheinlich auch schon einmal „Content Journey“ gesagt haben und danach trotzdem weiterleben durften. Es wird diesen Berg des Cringe geben. Fick dich. Ja. Ganz sicher. Vielleicht sogar mehrere. Kleine Mittelgebirge aus Unsicherheit, komischen Videos, schiefem Licht, falschen Sätzen und diesem Moment, in dem man sich selbst auf dem Bildschirm sieht und sofort versteht, warum manche Tiere lieber im Wald bleiben. Aber da muss ich rüber. Nicht, weil ich plötzlich Influencer werden will. Sondern weil ich glaube, dass diese Geschichte erzählt werden muss, während sie passiert. Nicht hinterher, wenn alles hübsch sortiert ist. Nicht erst dann, wenn aus dem Chaos eine Erfolgsgeschichte geworden ist und man in Interviews so tun kann, als hätte man die ganze Zeit einen Plan gehabt.
Ich habe keinen Plan.
Das ist vielleicht der ehrlichste Teil daran.
Ich habe ein Buch, das mir als Werkzeug dienen soll. Ein Buch, das ich selbst benutze, selbst gemacht habe. Nicht als Deko. Nicht als schönes Objekt für Menschen, die gerne Notizbücher kaufen und dann ehrfürchtig unbenutzt ins Regal stellen, als wären sie kleine Altäre der eigenen Möglichkeiten. Sondern als Arbeitsfläche. Als Liste. Als Erinnerung. Als Tritt in den Arsch, wenn das Leben wieder anfängt, sich in Ausreden einzurichten. Und ja, dieses Buch kann man kaufen. Nicht, weil ich plötzlich so tue, als hätte ich die große Antwort gefunden. Habe ich nicht. Ich habe nicht mal die kleine Antwort gefunden. Ich habe bisher 0 von 100. Das ist kein Expertenstatus. Das ist eher ein sehr sauber dokumentierter Anfang. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.
Ich habe außerdem ein Plugin gebastelt. Kostenlos. Für alle, die ihre eigene Liste auf ihrer Webseite zeigen wollen. Ihre Ziele. Ihre Fortschritte. Ihre Geschichten. Nicht als Leistungsschau. Nicht als digitales Schulterklopfen. Sondern als sichtbare Erinnerung daran, dass man Dinge nicht ewig im Kopf parken sollte. Im Kopf stehen sie nämlich irgendwann herum wie alte Kartons im Keller. Man weiß, dass sie da sind, aber man geht nicht mehr gern hin. Also: Buch. Webseite. Videos. Fotos. Plugin. Liste. Geschichte. Und irgendwo dazwischen ich. Mit ziemlich wenig Sicherheit, aber mit dem Gefühl, dass genau das gerade richtig ist.
All in, nennt man das wohl.
Oder, etwas weniger cool formuliert, ich werfe jetzt einfach alles auf den Tisch und schaue, was davon stehen bleibt. Der Tisch wackelt sowieso schon. Dann kann auch etwas Sinnvolles draufliegen.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2026-06-29 15:36:242026-06-29 15:36:260 von 100.
Es ist kurz nach acht. Ich sitze in einer kleinen Bäckerei. Nicht in so einer Bäckerei, die aussieht, als hätte ein Innenarchitekt vorher drei Wochen überlegt, wie Brot möglichst skandinavisch wirken kann. Sondern in einer normalen Bäckerei. Mit kleinen Tischen, hellen Lampen, einer Theke, hinter der Menschen arbeiten, die morgens vermutlich schon mehr Sätze gehört haben als andere an einem ganzen Montag. Vor mir steht Kaffee. Daneben liegt ein belegtes Brötchen. Beides eine gute Entscheidung. Vielleicht sogar wie die beste Entscheidung heute morgen. Mein MacBook steht auf dem Tisch, was in einer Bäckerei immer ein bisschen aussieht, als hätte jemand sein Büro verloren und versuche jetzt, es zwischen Körnerbrötchen und Serviettenspender wieder aufzubauen. Egal. An der Theke bestellen Menschen Brötchen. Brot. Kaffee zum Mitnehmen. Eine Frau bestellt sechs normale Brötchen, dann doch acht, dann fragt sie nach Dinkel. Der Mann hinter ihr sieht kurz so aus, als hätte er innerlich bereits gekündigt. Nicht seinen Job. Den Tag. Einen Moment später bestellt jemand Kuchen. Kuchen. Morgens um acht.Ich finde das richtig.
Wahrscheinlich gibt es ohnehin viel zu wenige Menschen, die morgens um acht den Mut haben, Kuchen zu bestellen. Die meisten tun so, als gäbe es für Kuchen eine gesellschaftlich akzeptierte Uhrzeit. Als hätte irgendjemand in einem Ministerium festgelegt, dass Kuchen erst ab 15 Uhr als anständig gilt. Aber das ist natürlich Blödsinn. Kuchen kennt keine Uhrzeit. Kuchen ist eher so eine stille Übereinkunft mit dem Leben. Eine kleine, süße Kapitulation vor der Vernunft. Und irgendwo ist ja immer 15 Uhr. Vielleicht nicht hier. Aber irgendwo.
Ich nehme einen Schluck Kaffee und muss wieder an Ferdinand denken. Ferdinand hatte vor einiger Zeit diesen Satz gesagt, der seitdem in meinem Kopf herumliegt wie ein Gegenstand, den niemand wegräumt, weil alle ahnen, dass er noch gebraucht wird. „Sterben“, sagte Ferdinand, „ist immer das Letzte, was du tun solltest.“ Ferdinand sagt solche Dinge eher nebenbei. Als hätte er gerade festgestellt, dass der Kaffee etwas dünn. Aber der Satz blieb.
Sterben ist immer das Letzte, was du tun solltest.
Das klingt erst einmal nach einer dieser Wahrheiten, die so logisch sind, dass niemand sie ernst nimmt. Natürlich ist Sterben das Letzte. Rein organisatorisch betrachtet ist danach nicht mehr viel einzutragen. Kein Zahnarzttermin. Keine Steuererklärung. Kein „ich müsste eigentlich mal“. Kein „nächste Woche fange ich an“. Kein „wenn es ruhiger wird“. Keine Fitnessuhr, die einem mitteilt, dass die Regeneration nicht optimal sei. Sterben ist der letzte Punkt auf der Liste. Punkt. Aber vielleicht, denke ich, sollte vor diesem letzten Punkt in jedem Fall noch Kuchen stehen. Nicht unbedingt als Lebenskonzept. Eher als Sicherheitsmaßnahme.
Vor einigen Wochen saß ich in einer Buchhandlung. Nicht weit von hier. Genauer gesagt saß ich auf einer Treppe, weil Buchhandlungen zu den wenigen Orten gehören, an denen erwachsene Menschen noch auf Treppen sitzen dürfen, ohne dass sofort jemand fragt, ob alles in Ordnung ist. In Buchhandlungen sieht fast alles nach Denken aus. Selbst Sitzen. Selbst zielloses Blättern. Selbst dieses Herumstehen vor einem Regal, bei dem man so tut, als suche man ein bestimmtes Buch, obwohl man in Wahrheit nur kurz aus dem eigenen Leben ausgestiegen ist. Ich hatte ein kleines Notizbuch in der Hand. Eine Bucket-List. Oder, wie es in Deutschland manchmal heißt: eine Löffelliste. Löffelliste ist natürlich ein Wort, bei dem sofort jede Sehnsucht in Hausschuhen das Zimmer verlässt. Bucket-List klingt nach weitem Himmel, altem Jeep, vielleicht ein bisschen Staub auf der Straße und einem Menschen, der am Meer steht und sein Leben neu sortiert. Löffelliste klingt nach Besteckkasten, Seniorenbeirat und einem laminierten Aushang im Vereinsheim. Aber gut. Sprache ist manchmal eine Zumutung. Wir haben uns daran gewöhnt. Immerhin sagen wir auch „Feierabend“ und meinen damit oft nur den Moment, in dem wir erschöpft auf dem Sofa sitzen und nicht mehr wissen, warum wir das Handy geöffnet haben.
Ich blätterte also in diesem Buch. Die Idee gefiel mir sofort. Eine Liste mit Dingen, die ich erleben möchte, bevor ich sterbe. Das ist im Grunde eine sehr einfache Sache. Fast brutal einfach. Du schreibst auf, was du noch machen willst. Nicht was vernünftig wäre. Nicht was andere erwarten. Nicht was sich gut in einem Gespräch anhört, in dem alle so tun, als hätten sie ihr Leben im Griff. Sondern das, was wirklich da ist. Die Reise. Der Ort. Das Gespräch. Der Sprung. Die Wanderung. Der Brief. Das Abenteuer. Der kleine Schwachsinn, der eigentlich keinen Zweck hat, aber trotzdem nach Leben riecht. Das Buch selbst gefiel mir allerdings nicht besonders.
Es war nicht schlecht. Das wäre ungerecht. Es lag da. Es hatte Seiten. Linien. Ein paar Zitate. Vermutlich gute Absichten. Und gute Absichten sind ja das, womit sehr viele Dinge anfangen, bevor sie dann aussehen wie ein Elternabend in Papierform. Aber mir fehlte etwas. Vielleicht Haltung. Vielleicht Humor. Vielleicht dieser kleine Schubser, den ein solches Buch braucht. Nicht im Sinne von „Du musst dein Leben ändern“, weil bei solchen Sätzen sofort irgendwo ein Coach aus einem Leasing-SUV steigt und ein Webinar verkaufen möchte. Nein. Eher im Sinne von: Jetzt schreib endlich auf, was du willst. Du musst dafür nicht sofort nackt durch Patagonien laufen und deine Kindheit komplett aufzuarbeiten. Es reicht, ehrlich zu sein. Und das Buch in meiner Hand war mir zu brav. Zu ordentlich. Zu lieb. Zu sehr „Hier kannst du deine Träume notieren“ und zu wenig „Junge, du bist Mitte vierzig, vielleicht solltest du langsam mal anfangen, bevor deine Knie eigene Interessen entwickeln.“ Ich saß also auf dieser Treppe, hielt dieses Notizbuch in der Hand und dachte: Das könnte ich irgendwann selbst machen.
Irgendwann.
Da war es. Dieses Wort. Dieses kleine, harmlose und trotzdem verfickte Wort. Irgendwann. Ich legte das Buch zurück, stellte es einfach wieder ins Regal, was die bürgerlichste Form der Ablehnung ist. Dann verließ ich die Buchhandlung, ging auf die Straße und musste lachen. Nicht laut. Nicht so, dass Leute stehen geblieben wären. Eher dieses kurze Lachen, das entsteht, wenn man merkt, dass man gerade selbst der Idiot in der Geschichte ist. Das ist zwar unangenehm. Aber immerhin ehrlich. Ich hatte ernsthaft gedacht, ich könnte irgendwann eine Bucket-List machen. Irgendwann. Eine Liste, deren einziger Zweck darin besteht, Dinge nicht auf irgendwann zu verschieben. So dumm. Das muss man auch erst einmal schaffen. Das ist ungefähr so, als würde man sich ein Buch über Ordnung kaufen und es dann ungelesen auf den Stapel mit den anderen Büchern über Ordnung legen. Oder als würde man eine App herunterladen, die einem helfen soll, weniger am Handy zu sein. Der Mensch ist ein erstaunliches Wesen. Er kann Feuer machen, Brücken bauen, Raumsonden losschicken und gleichzeitig denken, irgendwann eine Liste zu erstellen, mit Dingen, die er machen möchte, bevor er stirbt. Vielleicht ist „irgendwann“ überhaupt eines der gefährlichsten Wörter, die wir haben. Es klingt weich. Freundlich. Offen. Nach Möglichkeit. Aber in Wahrheit ist es oft nur ein hübscheres Wort für nie.
Irgendwann fahre ich ans Meer. Irgendwann springe ich mit dem Fallschirm. Irgendwann melde ich mich bei dem Menschen. Irgendwann fahre ich mit dem Van durch Norwegen. Irgendwann fange ich wieder an zu filmen. Irgendwann ändere ich etwas. Irgendwann nehme ich mir Zeit.
Irgendwann ist praktisch. Es verlangt nichts. Es hat keinen Termin. Keine Uhrzeit. Keine Verantwortung. Es steht da wie ein sehr höflicher Ausweichtermin im Kalender des Lebens. Und genau deshalb ist es eigentlich ziemlich scheiße. Denn irgendwann fühlt sich nicht nach Aufgabe an. Es fühlt sich nach Hoffnung an. Dabei ist es oft nur eine Art Verschiebung mit besserem Image. Ich ging aus der Buchhandlung und dachte: Nein. NICHT IRGENDWANN.
Nicht, weil ich plötzlich ein anderer Mensch geworden wäre. So funktioniert das nicht. Niemand geht in eine Buchhandlung, sieht ein Notizbuch und kommt als disziplinierter Abenteurer wieder heraus. Das Leben ist keine Montage-Sequenz aus einem mittelmäßigen Film, in der jemand neue Schuhe anzieht, drei inspirierende Sätze hört und ab dann sein komplettes Leben im Griff hat. Aber manchmal reicht ein Moment. Eine Treppe. Ein Buch. Ein Satz. Ein dummes Wort an der falschen Stelle. Und plötzlich begreift man endlich, wie selten dämlich man sich selbst im Weg steht. Ich wollte kein braves Notizbuch, in das Menschen ihre Träume schreiben und es dann in eine Schublade legen, wo es zwischen Bedienungsanleitungen, alten Ladekabeln und vergessenen Garantiekarten langsam stirbt.
Ich wollte ein Buch, das ein bisschen mehr nach Leben klingt.
Nach Kaffee. Nach Zweifel. Nach Aufbruch. Nach „mach mal“. Nach „nicht perfekt, aber geil“. Nach Dingen, die nicht erst passieren dürfen, wenn Konto, Wetter, Rücken, Mut und innere Verfassung eine gemeinsame Freigabe erteilt haben. Denn wenn man auf den perfekten Moment wartet, kann man sich auch gleich einen Klappstuhl nehmen. Das dauert nämlich. Der perfekte Moment kommt selten. Oder nie. Meistens kommt ein Dienstag. Oder Regen. Oder eine Rechnung. Oder ein Anruf. Oder ein Körperteil, das plötzlich findet, es sei jetzt alt genug für Beschwerden. Oder irgendeine Nachricht, die den ganzen Tag in eine andere Richtung schiebt. Oder direkt der Todeszeitpunkt. Der kommt ja eh ungefragt. Das Leben fragt eben nicht, ob es gerade passt. Es läuft einfach weiter. In Bäckereien. An Theken. Auf Straßen. In Buchhandlungen. Zwischen Kaffee und Kuchen. Zwischen Plänen und Ausreden. Zwischen dem, was wir tun wollen, und dem, was wir dann tatsächlich tun.
Vielleicht braucht man deshalb so eine Liste. Jetzt nicht als Beweis, dass man ein besonders aufregender Mensch ist. Nicht als Wettbewerb. Nicht als Instagram-Futter für Leute, die barfuß auf Felsen stehen und in die Ferne schauen, als hätten sie gerade ihre Stromabrechnung spirituell verarbeitet. Sondern für sich. Als Erinnerung. An das, was noch offen ist. An das, was noch ruft. An das, was nicht erledigt werden will, sondern erlebt.
Ich glaube, eine Bucket-List ist keine Liste für den Tod. Sie ist eine Liste für das Leben. Der Tod steht nur am Ende daneben und macht diese unangenehme Sache, die er nun mal macht: Er sorgt dafür, dass die Zeit nicht unendlich wirkt. Was unhöflich ist, aber vermutlich wirkungsvoll. Ferdinand, die alte Hundelunge hatte also recht. Sterben ist immer das Letzte, was du tun solltest. Vorher sollte man noch ein paar Dinge machen. Vielleicht erstmal eine Liste schreiben. Nicht irgendwann. Jetzt. Oder wenigstens heute.
Das klingt klein. Ist es aber nicht. Ich sitze noch immer in der Bäckerei. Der Kaffee ist inzwischen fast leer. Das Brötchen aufgegessen. An der Theke bestellt jemand zwei Franzbrötchen und sagt sicherheitshalber dazu, dass es „nur für zwei Personen“ sei. Niemand fragt nach. Und es interessiert auch niemanden. Das ist wahrscheinlich das Schöne an Bäckereien. Sie urteilen nicht. Sie verkaufen. Ich klappe mein MacBook nicht zu. Noch nicht. Denn genau hier, zwischen Kaffee, Brötchen, Kuchen und dem ganz normalen Morgenbetrieb, arbeite ich die Idee weiter aus. Meine Bucket-List ist fertig. Also nicht die Liste, sondern das Werkzeug. Das Buch. 247 Seiten. Eine Möglichkeit, die Dinge zu finden, die nicht länger auf irgendwann warten sollen. Hundert Dinge Dinge. Große. Kleine. Dumme. Mutige. Peinliche. Schöne. Unnötige. Wichtige. Dinge, bei denen man später vielleicht sagt: War nicht vernünftig. Aber gut. Und vielleicht ist genau das ein ziemlich brauchbarer Maßstab. Nicht alles muss vernünftig sein. Manches muss nur lebendig sein.
Und dann passierte etwas, das ich in solchen Momenten selbst immer ein bisschen verdächtig finde. Ich habe es gemacht. Nicht perfekt. Nicht mit einem Businessplan, der so umfangreich ist, dass schon beim Lesen der Wille zur Existenz verschwindet. Ich habe mich einfach hingesetzt. An den Küchentisch. In Cafés. In Bäckereien. Überall dort, wo ein MacBook stehen kann, ohne dass jemand sofort fragt, ob das jetzt Arbeit oder Flucht ist. Wobei die Grenze da manchmal erstaunlich dünn ist. Ein belegtes Brötchen daneben, Kaffee in Reichweite, Kopf irgendwo zwischen „Das könnte gut werden“ und „Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?“ Also im Grunde der aktuelle Normalzustand in meinem Leben.
Ich fing an, Texte zu schreiben. Ich zog Linien. Setzte Seiten. Schob Kästen von links nach rechts und wieder zurück, weil Menschen offenbar nicht nur Möbel umstellen, sondern auch Textfelder. Ich überlegte, wo Platz sein musste. Wo Luft. Wo jemand später etwas eintragen würde. Wo eine Frage stehen sollte. Wo besser keine Frage stand. Ich schrieb Überschriften. Verwarf Überschriften. Schrieb neue Überschriften. Dann sah ich sie mir an und dachte: Hm. Dieses „Hm“ ist beim Gestalten ein sehr ernstzunehmender Moment. Es bedeutet selten etwas Gutes, aber fast immer etwas Nötiges.
Ich erstellte Grafiken mit KI. Das muss man heute dazusagen, weil wir in einer Zeit leben, in der Menschen einerseits Raumsonden zum Mars schicken, andererseits aber noch immer nicht zuverlässig erkennen, ob ein Bild echt ist, wenn eine Hand plötzlich zwölf Finger hat und der Hintergrund aussieht, als hätte ein Architekt im Fieber geträumt. Also ja. KI. Nicht als Ersatz für Idee. Eher als Werkzeug. Wie ein Stift. Nur mit mehr Rechenleistung und einer gelegentlich fragwürdigen Auffassung von menschlicher Anatomie.
Dann stellte ich alles selbst zusammen. In Illustrator. Text. Grafik. Linien. Seitenzahlen. Abstände. Weißräume. Und dann lag da eine Datei. Eine fertige Datei. Was natürlich gelogen ist. Sowas ist nie fertig. Sie ist nur der Moment, in dem man entscheidet, dass weitere Änderungen vermutlich mehr Schaden anrichten als Nutzen. Auch das ist eine Lebensweisheit, die nicht auf Kaffeetassen gedruckt werden sollte, obwohl sie vermutlich wahrer ist als die meisten. Dann kam der Probedruck. Ich schlug das Paket auf wie jemand, der gleichzeitig neugierig und bereit für eine kleine persönliche Niederlage ist. Auch das kennt man ja. Diese Mischung aus Vorfreude und dem leisen Verdacht, dass gleich irgendwo ein sehr offensichtlicher Fehler auftaucht, den man vorher 189 Mal übersehen hat.
Und natürlich fand ich Dinge. Kleine Dinge. Abstände. Linien. Seiten. Stellen, die plötzlich anders wirkten. Texte, die auf Papier nicht mehr ganz so klangen wie auf dem Bildschirm. Grafiken, die noch Luft brauchten. Oder weniger Luft. Oder einfach einen Menschen, der sich kurz zusammenreißt und eine Entscheidung trifft. Also überarbeitete ich alles noch einmal. Nicht ein bisschen. Richtig. Ich ging wieder rein. Seite für Seite. Zeile für Zeile. Ich veränderte, strich, setzte neu, prüfte, zweifelte und tat zwischendurch so, als hätte ich alles im Griff. Und jetzt ist es fertig.
Das Buch ist fertig. Ein echtes Buch. Eines, das bald gekauft werden kann. Eines, in das Menschen schreiben können. Eines, das nicht nur hübsch herumliegen soll, damit ein Couchtisch wirkt, als hätte der Besitzer ein Innenleben. Sondern eines, das benutzt werden will. Angefasst. Aufgeschlagen. Vollgeschrieben. Vielleicht auch ein bisschen schief. Mit Kaffee daneben. Mit durchgestrichenen Ideen. Mit Dingen, die erst albern wirken und später vielleicht wichtiger werden, als gedacht. Und während ich auf den Probedruck wartete, tat ich allerdings nicht das, was vernünftige Menschen vielleicht getan hätten. Also warten.
Ich kann das nicht besonders gut. Warten ist für mich eine Tätigkeit, bei der der Körper still ist und der Kopf Möbel rückt. Also schrieb ich eine Webseite. Natürlich. Weil es nicht reicht, ein Buch zu machen. Nein. Da muss dann noch eine Webseite her. Ein Ort für das Projekt. Ein Zuhause im Internet. Eine Seite für dieses Buch. Für diese Idee. Für dieses „Nicht irgendwann“. Für Texte über Ziele, Wünsche, Träume und diesen ganzen Kram, der sofort schlimm klingt, wenn Menschen mit zu weißen Zähnen darüber sprechen, aber erstaunlich brauchbar wird, wenn man ihn ernst meint und trotzdem nicht so tut, als hätte das Universum einem persönlich eine PowerPoint geschickt. Und weil eine Webseite offenbar noch nicht reichte, schrieb ich auch ein WordPress-Plugin. Für eine Bucket-List.
Das klingt schon ziemlich bescheuert. I know. Aber genau dieses Bescheuerte gefällt mir daran. Ich baue ein Buch, in das Menschen ihre Ziele schreiben können, und programmiere nebenbei ein Plugin, mit dem sich solche Ziele digital organisieren lassen. Sortieren. Eintragen. Verschieben. Wiederfinden. Nicht abarbeiten. Das Wort mag ich nicht.
Abarbeiten klingt nach Aktenordner. Nach Pflicht. Nach Montagmorgen. Nach Menschen, die „Workflow“ sagen und dabei ernst bleiben. Eine Bucket-List sollte nicht abgearbeitet werden. Sie sollte erlebt werden. Vielleicht Schritt für Schritt. Vielleicht chaotisch. Vielleicht mit Umwegen. Vielleicht mit Fehlern. Aber nicht wie eine Liste im Baumarkt, auf der Dübel, Silikon und ein Gefühl von innerer Leere stehen.
Ich fing auch selbst an, meine Liste zu erarbeiten. Und das war der Moment, in dem aus dem Projekt noch einmal etwas anderes wurde. Denn plötzlich war es nicht mehr nur ein Buch, das ich gemacht hatte. Es war ein Werkzeug. Für mich. Das klingt klein, ist es aber nicht. Ich saß da und schrieb Dinge auf. Große Dinge. Kleine Dinge. Dinge, die sofort machbar wirkten. Dinge, bei denen ich selbst dachte: Torsten, komm mal kurz klar. Dinge, die mich reizten. Dinge, die mich überforderten. Dinge, die eigentlich keinen Nutzen hatten, außer dass sie sich nach Leben anfühlten.
Und genau das war der Punkt. Es baute mich auf. Nicht auf diese „Du kannst alles schaffen“-Art, bei der man schon nach drei Sekunden das Bedürfnis bekommt, jemanden mit einem Motivationskalender zu erschlagen. Ich merkte, was passiert, wenn man wieder Ziele hat. Nicht Pflichten. Ziele. Nicht diese Ziele, die in Bewerbungsgesprächen gut klingen. Nicht „in fünf Jahren sehe ich mich in einer verantwortungsvollen Position mit Entwicklungspotenzial“, während innerlich ein kleiner Teil bereits den Notausgang sucht. Sondern Ziele, die etwas mit einem selbst zu tun haben.
Mit Sehnsucht. Mit Neugier. Mit Trotz. Mit Lust. Mit dem Bedürfnis, nicht nur zu funktionieren, sondern wieder irgendwohin zu wollen. Ich spielte mit Ideen. Ich spann herum. Ich schrieb Dinge auf, ohne sie sofort zu überprüfen. Ohne direkt zu fragen, ob sie realistisch sind. Ob sie sinnvoll sind. Ob sie vernünftig sind. Ob irgendjemand das nachvollziehen kann. Dieses ständige Überprüfen, was andere denken und finden könnten, ist ohnehin eine der zuverlässigsten Methoden, sein eigenes Leben klein zu halten. Natürlich muss nicht jede Idee umgesetzt werden. Nicht jeder Gedanke ist ein Auftrag. Nicht jeder Wunsch ist ein Projekt.
Aber es macht etwas mit einem, wenn wieder Möglichkeiten im Raum stehen. Wenn der Kopf nicht nur Probleme sortiert, sondern Wege sieht. Wenn das Leben nicht nur aus Reaktion besteht, sondern wieder aus Richtung. Ich habe in dieser Zeit Entscheidungen getroffen, die sich im ersten Moment vollkommen falsch angefühlt haben. Vielleicht waren sie auch falsch.
Das ist ja das Gemeine an Entscheidungen. Die tragen kein kleines Schild um den Hals, auf dem steht: „Keine Sorge, ich bin später mal wichtig.“ Entscheidungen kommen selten mit Garantiekarte. Meistens kommen sie mit Bauchschmerzen, Schlafmangel und diesem Blick auf die Zimmerdecke, den man bekommt, wenn das Gehirn morgens um 3:17 Uhr findet, jetzt sei ein guter Zeitpunkt für eine Grundsatzdebatte.
Aber manche Entscheidungen müssen sich vielleicht erst falsch anfühlen, weil sie etwas Altes verlassen. Eine Sicherheit. Eine Gewohnheit. Eine Version von sich selbst, die zwar nicht mehr passte, aber wenigstens bekannt war. Und bekannt fühlt sich oft sicher an. Selbst dann, wenn es eng geworden ist.
Vielleicht waren diese Entscheidungen nicht bequem. Vielleicht waren sie nicht elegant. Vielleicht sahen sie von außen nicht nach Plan aus. Aber im Nachhinein, glaube ich, werden sie richtig gewesen sein. Nicht, weil plötzlich alles leicht wird. Das wäre Schwachsinn. Dinge werden nicht leicht, nur weil man sie endlich macht. Manchmal werden sie sogar erst einmal komplizierter. Aber sie werden wahrer. Und das ist mehr wert, als man denkt.
Aus dieser kleinen Idee ist ein Projekt geworden. Ein echtes Projekt. Eines, das mich mehr erfüllt als vieles, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. Und das ist ein Satz, den ich nicht leichtfertig schreibe. Denn Erfüllung ist auch so ein Wort, das inzwischen oft klingt, als müsste man dazu morgens um fünf meditieren, Selleriesaft trinken und seinem Spiegelbild danken. Fick Dich. Muss man nicht. Manchmal reicht es, an etwas zu arbeiten, das sich richtig anfühlt, obwohl es noch nicht fertig ist. Oder gerade deshalb.
Dieses Projekt verbindet plötzlich Dinge, die vorher lose herumlagen. Schreiben. Gestalten. Fotografieren. Webseiten bauen. Programmieren. Filmen. Beobachten. Erzählen. Menschen erreichen. Sich selbst wieder ein Stück sortieren. Nicht im Sinne von: Jetzt ergibt alles einen großen, sauberen Sinn. So einfach ist das Leben nicht. Und wenn es so einfach wäre, hätten Menschen vermutlich längst eine App daraus gemacht, inklusive Premium-Abo und Push-Nachrichten mit schlecht formulierten Lebensweisheiten.
Aber es entsteht eine Linie. Eine Richtung. Etwas, das vorher vielleicht schon da war, aber verstreut. Wie Zettel auf einem Tisch. Jeder für sich nicht falsch. Aber erst zusammen wird sichtbar, dass daraus etwas werden kann. Vielleicht war vieles von dem, was war, nicht umsonst. Vielleicht waren die Umwege keine Fehler. Vielleicht waren sie Material. Für Texte. Für Bücher. Für Geschichten. Für diesen Blick auf die Welt. Für dieses Projekt. Für ein Buch, das nicht sagt: Werde ein anderer Mensch. Sondern eher: Fang mit dem Menschen an, der du bist. Der reicht erst einmal. Auch wenn er morgens in einer Bäckerei sitzt, Kaffee trinkt, Kuchen um acht Uhr für eine vertretbare Entscheidung hält und ein Buch darüber baut, dass „irgendwann“ ein ziemlich schlechter Ort zum Leben ist.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht warten, bis alles richtig ist. Nicht warten, bis alles verheilt ist. Nicht warten, bis niemand mehr Zweifel hat. Nicht warten, bis das Leben aussieht, als hätte es eine ordentliche Struktur.
Sondern anfangen. Mit dem, was da ist. Mit dem Kopf, den man hat. Mit den Möglichkeiten, die gerade erreichbar sind. Mit den Ideen, die drängeln. Mit den Träumen, die noch nicht beleidigt gegangen sind. Mit den Zielen, die vielleicht erst albern wirken und später wichtig werden. Ich sitze also hier. Kaffee fast leer. Brötchen weg. Kuchen immer noch eine Option.
Und aus einem Gedanken, der vor ein paar Wochen auf einer Buchhandlungstreppe begann, ist etwas geworden, das jetzt wirklich existiert.
Ein Buch. Eine Webseite. Ein Plugin. Eine Liste. Ein Anfang. Nicht alles muss sofort groß sein. Nicht alles muss sofort verstanden werden. Nicht alles muss sofort funktionieren. Aber etwas muss beginnen. Denn irgendwann ist ein sehr gemütliches Wort. Nur leider wohnt da niemand. Nee. Nie wieder. Nicht irgendwann. Jetzt.
Ferdinand sagte das jetzt echt nicht feierlich. Das war das Gemeine daran. Er sagte es nicht an einem Kamin, nicht bei Regen am Fenster und auch nicht mit dieser Stimme, die Menschen manchmal benutzen, wenn sie glauben, gerade etwas gesagt zu haben, das später auf eine Postkarte gedruckt werden könnte. Nee. Ferdinand sagte es nebenbei. Irgendwo zwischen Kaffee, einem halben Stück Bienenstich und diesem Blick, den ältere Männer bekommen, wenn sie finden, dass die Welt inzwischen zu viele Ladegeräte hat. „Sterben“, meinte er, „muss das Letzte sein, was du tust.“
Ich sah ihn an. Verdutzt natürlich. Trotzdem klang es erst mal logisch. Sogar erstaunlich logisch. Sterben als letzter Programmpunkt. Ganz hinten auf der Liste. Nach Einkaufen, Steuererklärung, Zahnarzt, Fallschirmsprung, Buch schreiben, jemandem endlich sagen, was Sache ist und vielleicht noch einmal allein irgendwo ans Meer fahren, ohne vorher drei Wochen Wetter-Apps zu vergleichen. Menschen vergleichen heute ja sogar das Wetter für ihre Träume. Ferdinand nahm noch einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht, als hätte der Kaffee ihm gerade persönlich etwas vorgeworfen. Dann sagte er, dass nach dem Tod alles liegen bleibt. Nicht ordentlich sortiert. Nicht abgeheftet. Nicht mit einem gelben Zettel versehen. Einfach so. Unerledigt. Wie diese eine Schublade in der Küche, in der Kabel liegen, von denen man nicht mehr weiß, wofür sie eigentlich sind, die aber trotzdem nicht weggeworfen werden, weil sie vielleicht irgendwann noch wichtig sein könnten. Irgendwann. Dieses Wort, das klingt wie Hoffnung. Und sich oft benimmt wie eine Ausrede mit guter Handschrift.
„Deine Wünsche“, sagte Ferdinand, „macht danach keiner für dich.“
Das war einer dieser Sätze, die erst einmal völlig unspektakulär im Raum stehen. Wie ein Stuhl. Und dann merkt man langsam, dass es kein Stuhl ist, sondern ein Möbelstück aus Wahrheit, an dem man sich nachts noch das Schienbein stößt. Fuck. Er meinte, dass all die unerfüllten Träume nicht irgendwann von selbst losziehen. Kein anderer Mensch würde morgens aufwachen und sagen: Geil. Heute erfülle ich mal Torstens heimlichen Wunsch, nach Norwegen zu fahren, ein Buch zu veröffentlichen, sich in einem fremden Café an ein Fenster zu setzen und für drei Stunden so zu tun, als hätte das Leben gerade keine offenen Rechnungen. Niemand macht das. Nicht die Menschen, denen ich hinterhergelaufen bin. Nicht die, für die ich immer Zeit hatte. Nicht die, bei denen ich sofort geantwortet habe, obwohl meine eigenen Nachrichten in mir seit Monaten ungelesen herumlagen. Ein absurder Zustand übrigens. Innerlich ungelesene Nachrichten. Willkommen im Erwachsenenleben. Die Benutzeroberfläche ist schlecht, aber immerhin stürzt sie regelmäßig ab. Ferdinand meinte dann noch, ich solle aufhören zu glauben, dass Für-andere-da-sein automatisch bedeutet, dass irgendwann jemand für mich lebt. Das sei ein schöner Gedanke. Aber eben auch Quatsch. Also kein kleiner Quatsch. Eher so ein Quatsch mit Eigenheim, Carport und ordentlich gepflegter Hecke. Die meisten Menschen seien einfach damit beschäftigt, ihre eigenen Tage irgendwie durchzubekommen, ihre Termine nicht zu vergessen, ihre Pflanzen nicht umzubringen und beim Einkaufen nicht wieder mit drei Dingen nach Hause zu kommen, die sie nie wirklich brauchen werden. Da könne ich nicht erwarten, dass sie nebenbei noch meine Träume übernehmen. Oder mir dabei helfen. Geschissen. Und ich wusste, dass er recht hatte.
Er sagte das garnicht hart. Er war kein Mann für Härte. Eher für diese norddeutsche, trockene Form von Klarheit, bei der der Satz ohne Umwege ins Zimmer kommt, sich hinsetzt und bleibt. „Wenn du etwas erleben willst“, sagte er, „musst du es erleben. Nicht darüber reden. Nicht darauf warten. Nicht hoffen, dass das Leben irgendwann klingelt und sagt: Hallo, ich hätte da jetzt mal Zeit für dich.“ Das Leben klingelt nämlich selten. Meistens steht es irgendwo draußen, raucht heimlich, schaut auf die Uhr und fragt sich, warum wir so lange brauchen.
Plötzlich kamen mir einige der Dinge in den Kopf, die ich immer verschoben habe, weil ich glaubte, der Zeitpunkt sei nicht richtig. Reisen. Texte. Gespräche. Entscheidungen. Kleine Abenteuer. Große auch. Dinge, die nicht vernünftig waren, aber vielleicht richtig. Orte, die ich sehen wollte. Sätze, die ich sagen wollte. Menschen, die ich loslassen müsste. Menschen, denen ich vielleicht viel zu lange hinterhergelaufen war, als wäre irgendwo am Ende dieser Strecke ein Pokal für emotionale Ausdauer aufgestellt. Fick dich. Da ist keiner. Kein Preis. Kein Pokal. Da steht nur Müdigkeit. Und manchmal ein Parkplatz. Ohne Auto.
Ferdinand meinte auf jeden Fall mit Nachdruck, der Tod sei nicht das Problem. Das Problem sei unser seltsames Talent, schon vorher so zu leben, als hätten wir Zeit. Als hätten wir unendlich viele Nachmittage. Unendlich viele Sommer. Unendlich viele Chancen, noch einmal anzufangen. Dabei wissen wir alle, dass das nicht stimmt. Wir wissen es. Wir tun nur so, als hätten wir die AGB des Lebens nicht gelesen. Was verständlich ist. Niemand liest AGB. Niemand. Und niemand lebt unser Leben.
„Du musst das schon selbst machen“, sagte Ferdinand.
Und da war er wieder. Dieser Satz. Einfach. Unangenehm. Wahr. Kein Pathos. Kein Applaus. Kein Sonnenuntergang. Nur ein alter Mann, ein Kaffee, ein Viertel Stück Bienenstich und die ziemlich klare Erkenntnis, dass niemand mein Leben für mich leben wird. Einfach, weil jeder sein eigenes hat. Und weil meine Träume, so schön sie vielleicht sind, nun mal nicht in fremden Kalendern stehen. Naja. Seitdem denke ich manchmal, dass Sterben tatsächlich das Letzte sein sollte, was ich tue. Auch aus organisatorischen Gründen. Vorher ist ja noch einiges offen. Nur weiß ich mit fünfundvierzig immer noch nicht genau, was es ist.
Das ist vielleicht das Komische daran. Man denkt ja immer, irgendwann käme dieser Moment, in dem das Leben sich endlich sortiert. Man steht morgens auf, trinkt Kaffee und plötzlich liegt da eine innere Liste auf dem Tisch. Sauber nummeriert. Keine Ahnung. Hundert Dinge, die du machen musst, bevor du den Löffel wieder abgibst. Alles klar. Oben steht: Leben. Unten steht: Sterben. Dazwischen ein paar mutige Entscheidungen, ein paar dumme Entscheidungen, ein paar Reisen, ein paar Menschen, ein paar Sätze, die man längst hätte sagen sollen. Aber so funktioniert es nicht.
Jedenfalls nicht bei mir. Bei mir liegt da eher ein Zettel mit Kaffeeflecken, drei halb lesbaren Gedanken und einem Satz, den ich irgendwann mal aufgeschrieben habe und selbst nicht mehr richtig entziffern kann. Vielleicht weiß ich auch einfach noch gar nicht, welche hundert Dinge ich machen möchte. Vielleicht weiß ich nur, dass es nicht nichts sein kann. Dass da noch etwas ist. Irgendwo zwischen den Tagen, die einfach vorbeigehen, den Nachrichten, auf die man wartet, den Menschen, denen man zu lange hinterherläuft und diesen Nachmittagen, an denen man merkt, dass man schon wieder mehr funktioniert als gelebt hat. Vielleicht beginnt so eine Liste nicht mit großen Träumen. Nicht mit Patagonien, Fallschirmsprung und einem Foto vor irgendeinem Wasserfall, an dem schon dreitausend Menschen so getan haben, als hätten sie gerade sich selbst gefunden. Vielleicht beginnt diese Liste viel kleiner. Mit der Frage, was ich eigentlich noch erleben will, bevor alles erledigt ist. Oder bevor ich selbst erledigt bin. Was ja, je nach Woche, manchmal erschreckend ähnlich wirkt.
Ich weiß es nicht. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Nicht die fertige Liste. Nicht der große Plan. Nicht diese alberne Sicherheit, mit der Menschen im Internet behaupten, sie hätten ihr Leben verstanden, während im Hintergrund vermutlich die Motorleuchte im Auto blinkt. Sondern dieses ehrliche Davorstehen. Vor einem leeren Blatt. Vor hundert freien Zeilen. Vor der ziemlich klaren Erkenntnis, dass niemand diese Dinge für mich eintragen wird. Und schon gar nicht für mich erleben. Sterben kommt dann eben später. Ganz nach hinten. Hinter die Suche. Hinter die leeren Zeilen. Hinter die Dinge, von denen ich heute noch nicht weiß, dass ich sie eines Tages unbedingt erleben will. Und vor allem hinter das Leben, das vielleicht genau da beginnt, wo man endlich zugibt, dass man noch keine Ahnung hat.
Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe ein Blatt Papier. Und einen Stift. Immerhin. Man muss ja nicht gleich übertreiben.
Kurz vor acht. Vor der Bäckerei standen ein paar ältere Herren, die sich dort nicht verabredet hatten, sondern einfach vom Leben dort abgestellt worden sind. Jeder mit seiner eigenen Haltung zum Sonntag. Einer mit verschränkten Armen. Einer mit den Händen auf dem Rücken. Man kennt das. Und einer mit einem Blick, der bereits mehr über die Bundesregierung wusste, als Friedrich Merz selbst. Ich stand ein Stück daneben und wartete ebenfalls darauf, dass die Türen sich öffneten. Und damit war ich, also rein organisatorisch betrachtet, einer von ihnen. Altersmäßig noch nicht. Jedenfalls hoffte ich das. Vielleicht würde ich das Alter auch nie erreichen. Wer weiß das schon. Aber wer morgens kurz vor acht vor einer Bäckerei steht und wartet, hat den ersten Antrag auf Mitgliedschaft in diesem Club im Grunde bereits gestellt. Man merkt das nur nicht sofort, weil es keine Satzung gibt. Nur Brötchen, kurze Kommentare zum Wetter und diese besondere norddeutsche Form des Zusammenstehens, bei der niemand so richtig miteinander redet und trotzdem alle irgendwie beteiligt sind. Moin. Wer mehr sagt, hat entweder Urlaub oder Redebedarf.
Der Sommer hatte sich längst im Dorf breitgemacht. In den Vorgärten standen die Hortensien so ordentlich, als hätten sie Angst vor Beschwerden aus der Nachbarschaft. Das Schützenfest stand schließlich vor der Tür. Da wird selbst eine Hortensie irgendwann Teil der Außendarstellung. Auf der Straße lag schon dieses helle, trockene Licht, das später am Tag unangenehm werden würde. Aber jetzt war es noch kühl. Noch friedlich. Einfach diese kurze Zeit am Morgen, in der selbst der Tag so tut, als hätte er nichts Schlimmes vor. Die Tür der Bäckerei war ja noch geschlossen. Aber drinnen bewegte sich jemand hinter der Theke. Man sah Bleche, Tüten, eine Hand, die irgendetwas zurechtrückte. Vor uns roch es nach frischem Brot, sogar nach Kaffee und der leisen Hoffnung, dass das Leben mit einem guten Brötchen vielleicht doch noch einmal verhandelbar wäre. Dann bog ein grüner Geländewagen auf den Parkplatz ein. Nicht schnell. Nicht hektisch. Eher mit der Haltung eines Fahrers, der seit Jahren der Meinung war, Parkflächen seien nur eine Empfehlung für andere. Er rollte über den Platz, nahm sich Raum, stand schließlich leicht schräg und wirkte trotzdem überzeugt von sich. Aus dem Wagen stieg ein älterer Mann. Oder genauer: Er löste sich langsam aus dem Innenraum, als müsse er erst mit mehreren Körperregionen einzeln abstimmen, ob dieser Ausstieg wirklich nötig sei.
Er trug ein kurzärmeliges Hemd, eine Hose, die wahrscheinlich schon auf vielen Dorfveranstaltungen sachlich anwesend gewesen war und den Gesichtsausdruck eines Mannes, der nicht nur Brötchen holen, sondern auch seine Meinung kundtun wollte. Das ist morgens vor Bäckereien ja nicht selten. Manche Menschen bringen Einkaufszettel mit. Andere erklären ungefragt die politische Lage des Landes. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, obwohl die Hitze noch gar nicht richtig angefangen hatte. Aber manche Körper arbeiten offenbar vorausschauend. Klimatisch, meine ich. Dann schlug er die Autotür zu, sah kurz über den Parkplatz, nickte in die Runde und ging zu den anderen Männern hinüber, als gehöre er dort längst dazu. Vielleicht tat er das auch. Keine Ahnung. In Dörfern gibt es Gruppen, in die wird man nicht aufgenommen. Man steht irgendwann einfach dabei. Erst zufällig. Dann regelmäßig. Und eines Morgens beschwert man sich über den Rasenmäher vom Nachbarn oder die Nationalmannschaft und niemand stellt mehr Fragen. „Junge“, sagte er, noch bevor er richtig stand, „was haben die Deutschen gestern scheiße gespielt.“ Der Satz fiel auf den Parkplatz wie ein nasser Sack Blumenerde. Nicht schön, aber eindeutig. Die anderen Männer reagierten nicht überrascht. Eher erleichtert. Endlich war das Thema da. Wetter und Fußball sind auf dem Dorf sichere Gesprächseinstiege. Das Schützenfest auch, aber eher saisonal. Wetter, weil es jeden betrifft. Fußball, weil jeder glaubt, es besser zu wissen. Ich wusste natürlich sofort, welches Spiel er meinte. Man musste es nicht gesehen haben, um darüber reden zu können. Das ist vielleicht eine der größten kulturellen Leistungen des Fußballs. Er ermöglicht Meinungen auch bei unvollständiger Sachlage. Der Mann setzte noch einen Schritt nach, blieb breitbeinig stehen und schaute, als sei er persönlich beim DFB angestellt und gestern Abend enttäuscht worden. Seine eigene Beweglichkeit wirkte an diesem Morgen eher theoretisch, aber das ist beim Fußballreden nicht entscheidend. Niemand verlangt von einem Zuschauer, dass er bei der Analyse eines misslungenen Pressings selbst noch einmal kurz in den Vollsprint geht. Zum Glück. Sonst wären viele Bäckereigespräche nach acht Sekunden beendet und der Rettungsdienst müsste gucken, wo er überhaupt parken kann. Einer der anderen Männer brummte zustimmend. Ein zweiter sagte: „Die laufen ja gar nicht mehr.“ Der dritte sagte nichts, nickte aber so ernst, als sei gerade nicht über ein Fußballspiel gesprochen worden, sondern über die Statik einer Brücke. Ich stand daneben, hörte zu und dachte, dass es erstaunlich ist, wie schnell ein ganz normaler Morgen eine Expertenrunde hervorbringen kann. Fünf Männer vor einer Bäckerei, keiner mit Trainingsanzug, keiner mit Taktiktafel, aber alle mit der Gewissheit, dass man dieses Spiel mit drei klaren Sätzen, zwei Handbewegungen und einem tiefen Seufzer vollständig erklären könne.
Vielleicht ist das auch schön. Vielleicht braucht der Mensch solche Orte. Parkplätze. Bäckereien. Kurze Gespräche, in denen man für einen Moment so tut, als ließe sich die Welt ordnen, wenn nur endlich mal jemand Tacheles, oder wie das heißt, reden würde. Die Tür der Bäckerei öffnete sich. Der Geruch von Brötchen wurde stärker. Die Männer rückten fast unmerklich näher zusammen, als beginne nun der eigentliche Teil des Morgens. Der Mann aus dem Geländewagen schüttelte noch einmal den Kopf. „So wird das nichts“, sagte er. Niemand widersprach. Vielleicht, weil er recht hatte. Vielleicht, weil es kurz vor acht war. Vielleicht, weil Menschen vor Bäckereien nicht diskutieren wollen, sondern Zustimmung suchen, Brötchen kaufen und danach wieder nach Hause fahren, bevor der Sommer richtig anfängt.
Ich bestellte später zwei Brötchen. Der Mann nahm sechs normale, vier Körner und eine Zeitung. Bild am Sonntag. Es passte ins Bild, auch wenn das jetzt ein sehr billiger Satz ist. Egal. Beim Bezahlen sagte er zur Verkäuferin, dass es heute wieder warm werde. Sie sagte: „Ja, sieht so aus.“ Mehr mussten sie nicht sagen. Draußen sprang der Geländewagen an. Die Männer verteilten sich langsam. Andere kamen. Der Parkplatz wurde wieder Parkplatz. Und ich ging mit meiner Tüte in der Hand zurück durch den kühlen Morgen und dachte, dass das Dorf manchmal keine großen Geschichten braucht. Manchmal reicht ein Mann, der aus einem Geländewagen steigt und über Fußball spricht, als hätte Friedrich Merz ihn persönlich beauftragt, vor der Bäckerei die deutsche Lage zu erklären. Vielleicht ist es ja auch so. Oder so ähnlich. Wer weiß das schon.
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Bier. Vans. Glück.
Der 28. November steht im Kalender. Dick und fett. Hi! Spencer. Bremen. Ja. Noch Monate hin. Weiß ich. Eigentlich vollkommen bescheuert, sich jetzt schon darauf zu freuen. Vernünftige Menschen würden vermutlich sagen, man solle erst einmal abwarten. Bis November könne schließlich noch einiges passieren. Wetter. Termine. Bahnstreiks. Weltuntergang. Die Deutsche Bahn braucht für eine Katastrophe bekanntlich nicht mal einen besonderen Anlass. Meistens reicht der Herbst, Sonne oder Schnee. Mir egal. Ich freue mich jetzt. Nicht erst am 28. November, wenn das Licht ausgeht, die ersten Gitarren einsetzen und irgendwo zwischen Bühne, Bierbechern und viel zu vielen Jacken plötzlich alles genau richtig ist. Nicht erst, wenn die ersten Takte von „Tel Aviv“ laufen und dieser eine Song für ein paar Minuten mehr Ordnung in meinem Kopf schafft als sämtliche vernünftigen Pläne der vergangenen Jahre. Hat er die letzten Tage. Ohne scheiß. Aber gut. Ich freue mich heute. Und morgen wahrscheinlich auch. Und übermorgen.
Vorfreude wird oft behandelt wie der kleine, etwas peinliche Bruder des eigentlichen Erlebnisses. Als würde sie nur im Vorraum sitzen und warten, bis endlich etwas Geiles passiert. Dabei ist sie längst mittendrin. Vorfreude verändert einen ganz normalen Dienstag. Man hat ja ein Datum. Ein Ziel. Eine Richtung. Ein Abend in Bremen, der noch nicht passiert ist und trotzdem schon jetzt irgendwo im Hintergrund läuft. Wie ein Song, den man leise hört, obwohl die Boxen noch gar nicht an sind. Ohrwurm, sagt man, glaub ich. Ich mag das. Ich mag es, mich auf Musik zu freuen. Auf den Moment, in dem der Raum dunkel wird. Auf Stimmen. Auf Schweiß. Auf einen Refrain, den plötzlich Hunderte Menschen gleichzeitig singen, obwohl wahrscheinlich jeder von ihnen mit etwas völlig anderem dort angekommen ist. Der eine hatte eine beschissene Woche. Die andere Liebeskummer. Jemand hat gerade einen neuen Job angefangen. Oder einen verloren. Jemand hat vielleicht sogar überhaupt keinen Plan, wie es weitergeht.
Und dann stehen sie da. Gemeinsam. Mit Bier in der Hand. In alten Jeans, die längst nicht mehr lässig verschlissen, sondern einfach nur verschlissen sind. Vans an den Füßen. Vielleicht etwas zu alt für die erste Reihe, aber ganz sicher zu jung, um nur hinten herumzustehen und vernünftig mit dem Kopf zu nicken. Also tanzen. Jaaa. Tanzen. Nicht gut. Darum geht es nicht. Einfach bewegen, springen, Bier verschütten, zu laut mitsingen und so tun, als wäre man für zwei Stunden nicht verantwortlich für Steuererklärungen, Termine, unbeantwortete Nachrichten und den ganzen anderen Erwachsenenkram, den offenbar irgendjemand mal erfunden hat, um uns von Konzerten fernzuhalten. Ich habe Bock darauf. Auf verrückte Scheiße. Auf Abende, die am nächsten Morgen vielleicht ein bisschen in den Knochen sitzen. Auf Geschichten, bei denen man später nicht genau weiß, ob sie wirklich so passiert sind oder ob das dritte Bier irgendwie nachgeholfen hat.
Auf peinlich sein. Richtig peinlich. Zu laut lachen. Falsch tanzen. Einen Song mitgrölen, obwohl man an einer Stelle den Text nicht kennt und deshalb einfach irgendeinen überzeugenden Laut produziert. Fotos machen, auf denen man scheiße aussieht. Aber auf keinen Fall das Konzert mit dem beschissenen Smartphone filmen. Selbst sehen. Selbst erlegen. Erinnerung schaffen und Momente sammeln.
Noch gar nicht lange her, da hätte ich vermutlich darüber nachgedacht, was andere Menschen davon halten. Heute denke ich mir, wenn man etwas macht, das einen wirklich glücklich macht, sieht es für Menschen, die gerade nur zuschauen, manchmal eben peinlich aus. Dann ist das so. Vielleicht ist peinlich gar nicht das Gegenteil von würdevoll. Vielleicht ist es manchmal nur das Gegenteil von kontrolliert. Und Kontrolle wird ohnehin überschätzt. Wer auf einem Konzert die ganze Zeit darauf achtet, wie er wirkt, kann auch direkt zu Hause bleiben, sich ordentlich auf das Sofa setzen und dort kontrolliert ein Glas stilles Wasser trinken.
Kann man machen. Ist dann nur kein besonders guter Abend. Musik kann etwas, das nur wenige Dinge können. Sie löst nicht alles. Aber sie bringt den Körper wieder dazu, sich zu bewegen, obwohl der Kopf noch irgendwo festhängt. Sie macht aus fremden Menschen für einen Abend eine verdammt laute Gemeinschaft. Sie trägt einen manchmal ein paar Meter weiter.
Vorfreude kann das auch. Sie macht aus einem Datum einen kleinen Rettungsring im Kalender. Jetzt echt nicht so dramatisch. Einfach etwas, worauf man zusteuert. Und es ist ja längst nicht nur das Konzert. Ich freue mich auf gutes Essen vorher. Auf einen Tisch, an dem die richtigen Menschen sitzen. Auf Bier, Wein, Pommes, Pizza oder irgendetwas, das nachts um halb eins plötzlich schmeckt, als hätte ein Sternekoch persönlich beschlossen, einem das Leben zu retten. Ich freue mich auf Gespräche, die 100% nicht mehr vernünftig sind. Auf dieses eine Lachen, bei dem man kurz vergisst, wie viel Scheiße eigentlich noch ungeklärt ist.
Ich freue mich auf Menschen, die mir mittlerweile von Bedeutung sind. Nicht, weil sie mein Leben retten sollen. Das ist ein beschissener Job und außerdem eine Zumutung für jeden Menschen. Sondern weil manche Menschen einen Raum verändern, sobald sie ihn betreten. Weil ein Abend mit ihnen mehr sein kann als nur ein Abend. Weil man bei manchen Menschen nicht ständig überlegen muss, ob man gerade zu laut, zu direkt, zu viel, zu peinlich oder irgendwie falsch ist. Man ist einfach da. Mit verschlissener Jeans. Mit Vans. Mit Bier. Mit ziemlich schlechten Tanzbewegungen. Mit verrückten Ideen. Mit allem, was man ist. Das reicht. Und vielleicht ist genau das Vorfreude.
Nicht nur die Hoffnung, dass später etwas Schönes passiert. Sondern der Beweis, dass man wieder an ein Später glaubt. Dass man wieder Termine macht. Karten kauft. Tische reserviert. Nee, das nicht. Aber das man Songs hört und sich dabei ausmalt, wie es sein wird, wenn sie live gespielt werden. Dass man Menschen vermisst, obwohl man sie bald wiedersehen wird. Dass man morgens aufsteht und weiß, da kommt noch was.
Das ist nicht wenig. Es gab ja Zeiten, da war Zukunft für mich kein Ort, auf den ich mich gefreut habe. Eher etwas, das irgendwie erledigt werden musste. Tage kamen. Tage gingen. Funktionieren. Durchhalten. Kaffee. Noch ein Tag. Noch einer. Jetzt steht da Bremen im Kalender. Der 28. November. Hi! Spencer. „Tel Aviv“. Hörst du noch seinen Namen und weißt du noch, wie er rief? Er rief, das Leben ist so kurz, steh bitte auf nach jedem Sturz. Vergib schnell, küsse langsam, mein Freund. Musik. Bier. Essen. Menschen, die wichtig sind. Alte Jeans. Vans. Tanzen. Verrückte Scheiße. Sich zum Horst machen und irgendwann merken, dass genau das vielleicht Glück ist.
Nicht schön aussehen. Nicht alles im Griff haben. Nicht vernünftig sein. Da sein. Und natürlich ist bis dahin noch Zeit. Zum Glück. Denn Vorfreude ist nicht das Warten auf das Leben. Sie ist längst ein Teil davon. Der 28. November kommt früh genug. Bis dahin drehe ich die Musik auf.
Nicht in Seatle
Ich hab etwas gelernt. Die besten Geschichten beginnen selten vernünftig. Sie beginnen nachmittags und enden nachts. Mit zu lauter Musik. Mit einer Nachricht, die man eigentlich nicht mehr erwartet hatte. Mit einem Blick, der eine Sekunde zu lange bleibt. Mit zwei Menschen, die beide so tun, als wäre das hier gerade alles völlig harmlos. Ist es natürlich nicht. Manchmal beginnt eine Geschichte auch morgens. Mit zerknittertem Bettzeug. Kaltem Kaffee. Einem Haargummi auf dem Tisch oder der leisen Frage, ob man gestern wirklich noch diese Sprachnachricht verschickt hat. Hat man. Scheiße.
Manche Geschichten beginnen in einem Restaurant. Pizza auf dem Tisch. Wein in den Gläsern. Ein Abend, der erstmal so aussah, als würde er einfach nur ein Abend werden. Essen. Reden. Lachen. Irgendwann bezahlen. Jacke an. Nach Hause. So der vernünftige Plan. Auf einer Pizza lag ein Stück Paprika, das aussah wie ein Herz. Nicht ungefähr. Ein Herz. Natürlich kann man jetzt sagen, dass es einfach nur ein Stück Paprika war. Kann man machen. Menschen sagen solche Sachen gerne, wenn ihnen etwas zu schön, zu kitschig oder zu eindeutig wird.
„Das ist doch nur Zufall.“
Ja. Vielleicht. Aber manchmal liegt eben ein verdammtes Herz auf einer Pizza und du entscheidest selbst, ob du darüber hinwegisst oder kurz hinschaust. Wir haben hingeschaut. Über uns zog währenddessen der Heißluftballon vom Kliemannsland durch den Himmel. Einfach so. Langsam. Als hätte jemand beschlossen, dass dieser Abend noch ein bisschen mehr Kulisse vertragen könnte. Pizza. Wein. Ein Paprikaherz. Ein Ballon über unseren Köpfen. Das klingt erfunden. Kann sein. Aus irgendeiner Richtung kam Musik. Große Refrains. Bläser. Ein Gemisch aus Melancholie und Vorwärtsdrang, bei dem man gleichzeitig an alles denken und trotzdem aufspringen möchte.
Wir sind nicht in Seattle. Wir sind auch nicht in irgendeiner amerikanischen Filmstadt, in der Menschen nachts an beleuchteten Straßenecken stehen, perfekt aussehen und genau im richtigen Moment den richtigen Satz sagen. Wir sitzen irgendwo hier. In einem Restaurant. Mit Pizza. Mit Wein. Mit einem Stück Paprika, das sich für ein Herz hält. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Die wichtigen Geschichten sehen am Anfang selten wichtig aus. Sie kündigen sich nicht an. Kein Vorspann. Keine dramatische Musik. Niemand sagt: „Achtung. Diesen Abend wirst du später noch brauchen.“ Sie passieren einfach.
Zwischen einem Schluck Wein und dem nächsten Satz. Zwischen einem Lied und einem Lachen. Zwischen dem kurzen Gedanken, dass das hier gerade wirklich schön ist, und der sofort folgenden Angst, bloß nicht zu viel hineinzuinterpretieren. Menschen sind darin großartig. Sobald etwas schön wird, stellen wir innerlich einen Sicherheitsbeauftragten daneben. Ich mach das. Nicht zu viel fühlen. Nicht zu viel hoffen. Nicht zu deutlich werden. Immer schön so tun, als wäre alles locker. Ist es natürlich nicht. Vielleicht muss es das auch gar nicht sein. Vielleicht darf ein Abend einfach Bedeutung bekommen, ohne dass man ihn sofort erklären, einordnen oder für die nächsten fünf Jahre vertraglich absichern muss.
Vielleicht reicht es, dort zu sitzen. Zu trinken. Zu reden. Zu lachen. Zu merken, dass man gerade nirgendwo anders sein möchte. Vielleicht hab ich mir das Alles ausgedacht. Vielleicht auch nicht.
Ich schreibe aber jetzt über solche Geschichten. Über Abende, die größer werden, während sie passieren. Über Menschen, die plötzlich wichtig sind, ohne vorher einen Antrag eingereicht zu haben. Über Musik, die im richtigen Moment einsetzt. Über seltsame Zufälle. Über Nähe. Über Freiheit. Über das ganze unordentliche Leben, das ständig zwischen unseren Plänen herumläuft und dabei meistens die besseren Ideen hat. Nicht jede Geschichte braucht eine Explosion. Manche brauchen nur Pizza. Zwei Gläser Wein. Einen Ballon am Himmel. Und ein Stück Paprika, das verdammt noch mal aussah wie ein Herz. Wir sind nicht in Seattle. Aber ganz ehrlich? An solchen Abenden müssen wir das auch nicht sein.
Wo es begann.
Ich weiß nicht mehr genau, welcher Song zuerst lief. Vielleicht Madsen. Vielleicht Hi! Spencer. Vielleicht irgendwas mit Gitarren, das schon in den ersten zehn Sekunden klang, als würde gleich jemand eine Tür eintreten, hinter der ich jahrelang gesessen hatte. Ist im Grunde auch scheißegal. Wichtig ist nur: Die Musik war laut. Echt keine Hintergrundmusik. Nicht dieses belanglose Gedudel, das in Supermärkten läuft, damit man beim Kauf von Klopapier nicht aus Versehen über die eigene Vergänglichkeit nachdenkt. Laut. Mit Schlagzeug. Mit Gitarren. Trompeten. Mit Texten, die nicht so taten, als wäre alles gut, aber trotzdem nicht bereit waren, sich auf den Boden zu legen und dort zu bleiben. Ich stand irgendwo zwischen Kaffeetasse, Handy und einem Leben, das in den Monaten davor ziemlich gründlich gegen die Wand gefahren war.
Nicht elegant. Kein kleiner Parkrempler. Eher Totalschaden mit herumliegenden Einzelteilen, von denen niemand so genau wusste, ob sie noch gebraucht werden. Und plötzlich war da dieser Song. Dann noch einer. Und noch einer. Eine Playlist wurde länger. Mit Mund abwischen. Der Kaffee wurde kalt. Die Musik blieb laut. Ich hörte 100 Kilo Herz, Drei Meter Feldweg, Broilers, Jupiter Jones, Liedfett, Madsen und Hi! Spencer. Bands, die mir irgendwie nicht versprachen, dass morgen alles besser wird.
Sie machten etwas viel Wichtigeres. Sie klangen, als dürfte morgen trotzdem kommen. Vielleicht begann es genau da. Ich saß da. Wahrscheinlich stand irgendwo eine Tasse Kaffee herum. Wahrscheinlich hatte ich zu viele Nachrichten offen, zu viele Gedanken im Kopf und noch immer keinen vernünftigen Plan. Aber ich hatte plötzlich Bock. Erst nur auf einen weiteren Song. Dann auf ein Konzert. Dann auf eine Zugfahrt. Auf einen Nachmittag irgendwo. Auf Menschen. Auf Pläne. Auf völligen Schwachsinn. Darauf, auch von Leuten nach dem Hochamt als peinlich betitelt zu werden. Und das klingt kleiner, als es war.
Denn eine ganze Weile hatte ich auf vieles keinen Bock mehr gehabt. Ich hatte funktioniert, Dinge erledigt, nachgedacht, gezweifelt und versucht, den Scherbenhaufen meines Lebens wenigstens so ordentlich zusammenzufegen, dass niemand darüber stolpert. Vor allem nicht die anderen. Die anderen sollten sich bloß nicht unwohl fühlen. Die anderen sollten verstehen, warum ich etwas tat. Die anderen sollten nicht enttäuscht sein. Die anderen sollten mich weiterhin für einen halbwegs vernünftigen Menschen halten. Hat hervorragend geklappt. Nur ich selbst ging mir dabei langsam verloren.
Vielleicht ist das jetzt genau das Gegenteil davon. Ich weiß, dass du das anders siehst. Und ich mache es trotzdem. Nicht aus Wut. Aus Freiheit. Ich kaufte Konzertkarten, Monate im Voraus, und freute mich darüber wie ein Kind, das noch nicht gelernt hat, Vorfreude angemessen herunterzuregulieren. Vier Monate. Vier verdammte Monate Vorfreude. Kann man peinlich finden. Kann man kindisch finden. Kann man auch einfach geil finden. Ich entschied mich für geil.
Ich fuhr mit Regionalzügen fast dreihundert Kilometer, um eine Pizza zu essen. Ich buchte ein Hotel, das ungefähr dort lag, wo ich nicht hinmusste. Ich stand an Bahnhöfen, schleppte meinen Rucksack herum und fragte mich mehr als einmal, ob ich eigentlich komplett bescheuert geworden war. Die Antwort lautet vermutlich: ein bisschen. Aber ich war unterwegs. Das war neu. Nicht das Reisen. Das Wollen. Ich wollte wieder irgendwohin. Ich wollte Menschen sehen. Konzerte besuchen. Schreiben. Fotografieren. Einen Wagen kaufen. Eine Wohnung finden. Meine Website umbauen. Ziele verfolgen, die niemand verstehen muss. Zeit mit den Menschen verbringen, bei denen sich nichts nach Kampf anfühlt. Ich wollte mein Leben nicht mehr nur irgendwie reparieren. Ich wollte es benutzen. Auch mit Kratzern. Auch mit fehlenden Teilen. Auch ohne Bedienungsanleitung. Vor allem ohne Bedienungsanleitung. Es gibt natürlich weiterhin beschissene Tage. Wird es immer geben. Freude ist kein Schutzhelm. Sie verhindert nicht, dass Dinge wehtun. Menschen gehen trotzdem. Pläne platzen trotzdem. Manchmal sitzt man nachts da und versteht überhaupt nichts.
Aber ein beschissener Tag ist kein beschissenes Leben. Das ist der Unterschied.
Früher hätte ich vielleicht gewartet, bis alles geklärt ist. Bis Ruhe eingekehrt ist. Bis kein Mensch mehr eine Frage hat. Bis jede Entscheidung erklärt, jedes Problem gelöst und jede Socke ihrem rechtmäßigen Partner zugeführt wurde. Dann darf man wieder leben. So ungefähr war der Plan. Rückblickend war das natürlich völliger Schwachsinn. Das Leben wird nicht fertig. Es steht nicht irgendwann frisch gestrichen vor einem, reicht einem den Schlüssel und sagt:
„So, Torsten. Jetzt kannst du einziehen.“
Irgendwas ist immer. Eine Rechnung. Eine Trennung. Eine Sorge. Ein Termin. Ein Mensch, der ungefragt erklärt, wie man sprechen, fühlen oder leben sollte. Wartet man darauf, dass alles geregelt ist, kann man sich direkt einen bequemen Stuhl kaufen. Man sitzt länger.
Also Musik an. Nicht, um irgendetwas zu verdrängen. Sondern um wieder etwas zu spüren. Der Bass. Das Schlagzeug. Eine Stimme, die an der richtigen Stelle sitzt oder verkackt. Ein Refrain, der den Raum größer macht. Diese Musik war kein Soundtrack zu einem perfekten Neuanfang. Sie war der Lärm einer Baustelle. Da wurde nichts feierlich eröffnet. Da wurde gehämmert. Geflucht. Abgerissen. Neu angesetzt. Manchmal schief. Manchmal viel zu laut. Aber es entstand etwas. Ich. Nicht neu. Eher wieder. Nur ohne die ganzen Versionen, die ich jahrelang für andere Menschen gespielt hatte. Die freundliche Version. Die angepasste Version. Die Version, die Ja sagt, obwohl sie Nein meint. Die Version, die hinterherläuft. Fickt Euch. Das mach ich nicht mehr. Die Version, die sich erklärt, bis von der eigenen Entscheidung nichts mehr übrig ist. Die können alle weg. Sperrmüll.
Heute bin ich glücklich. Der Satz fühlt sich noch immer ungewohnt an. Fast verdächtig. Als müsste direkt jemand um die Ecke kommen und fragen, ob ich dafür überhaupt eine Genehmigung habe. Habe ich nicht. Brauche ich auch nicht. Ich bin nicht glücklich, weil plötzlich alles funktioniert. Tut es nicht. Ich bin glücklich, weil ich nicht mehr darauf warte.
Ich habe jetzt Menschen in meinem Leben, bei denen ich nichts beweisen muss. Ich mache Pläne, obwohl andere Dinge noch offen sind. Ich fahre los, auch wenn die Verbindung scheiße ist. Ich freue mich zu laut. Ich rede, wie ich rede. Ich trage Klamotten, die mir gefallen. Ich höre Musik, die irgendetwas in mir aufrichtet. Und ich mache mich vermutlich gelegentlich zum Horst.
Gut.
Wer nie peinlich ist, war wahrscheinlich auch nie richtig begeistert. Wo es begann? Vielleicht mit einem Song. Vielleicht mit einer Nachricht, die besagt, dass sich jemand freut, mich zu sehen. Vielleicht mit einer Konzertkarte. Vielleicht an irgendeinem Nachmittag, an dem ich plötzlich gemerkt habe, dass ich nicht mehr nur darüber nachdachte, was alles vorbei war.
Sondern darüber, was als Nächstes kommt. Aus den Boxen liefen Gitarren. Ich trank Hefeweizen im Sonnenlicht. Trockenen Weißwein auf einer Terrasse. Mein Leben war noch immer nicht sortiert. Aber irgendwo setzte das Schlagzeug ein. Und ich stand auf.
Autonomie.
Ich saß letztens, an einem Freitag im Zug und wusste nicht genau, ob das, was ich gerade machte, vernünftig war. Das kommt inzwischen häufiger vor. Ich steige irgendwo ein, fahre los, buche ein Hotel oder beschließe am Abend, am nächsten Morgen knapp 300 Kilometer mit Regionalzügen zu fahren, um irgendwo eine Pizza zu essen. Nicht alles, was ich mittlerweile so mache, ist besonders durchdacht. Manches ist sogar objektiv betrachtet, ein bisschen, ähm, komplett bescheuert. Aber während ich aus dem Fenster sah und draußen Felder, Gewerbegebiete und diese kleinen Bahnhöfe vorbeizogen, an denen irgendwie nie wirklich jemand ein- oder aussteigt, dachte ich: Wen müsste ich eigentlich fragen, ob ich das darf? Wen müsste ich noch fragen, ob er damit einverstanden ist.
Die Antwort ist schon ziemlich geil: niemanden. Trotzdem fühlt es sich manchmal noch so an, als müsste ich meine Entscheidungen und vorhaben irgendwo absegnen lassen. Zur Prüfung. Mit kurzer Begründung, Anlagen und der freundlichen Bitte um Zustimmung. Ich habe das jahrelang gemacht. Nicht offiziell. Es gab kein Formular. Aber in meinem Leben saßen ziemlich viele Menschen an einem sehr langen Tisch und hatten zu allem eine Meinung. Was vernünftig ist. Was sich gehört. Was man in meinem Alter macht. Was man besser lässt. Was andere denken könnten. Und ich stand davor und versuchte, eine Version meines Lebens zu präsentieren, gegen die möglichst niemand Einspruch erhebt. Hat natürlich nicht geklappt.
Ich wollte gefallen. Das ist die ungeschönte Wahrheit. Ich wollte, dass Menschen mich mögen, meine Entscheidungen verstehen und mich für einen vernünftigen, guten Menschen halten. Also sagte ich viel zu oft Ja, obwohl ich Nein meinte. Ich erklärte Dinge, die niemanden etwas angingen. Ich rechtfertigte Entscheidungen, die nur mein eigenes Leben betrafen. Und wenn jemand enttäuscht von mir war, fragte ich mich nicht zuerst, ob meine Entscheidung trotzdem richtig gewesen war. Ich überlegte, wie ich sie wieder zurücknehmen konnte. Hat auch funktioniert. Viele Menschen waren vermutlich ziemlich zufrieden mit mir. Ich selbst wurde es immer weniger.
Das Merkwürdige ist, dass der ganze Bums von außen wahrscheinlich gar nicht unfrei ausgesehen hat. Ich war erwachsen. Ich konnte arbeiten, reisen, Geld ausgeben, Verträge unterschreiben und in einem Baumarkt eigenständig Dübel kaufen, obwohl auch das nicht unterschätzt werden sollte. Niemand hielt mich fest. Niemand verbot mir, irgendwohin zu fahren oder etwas Neues anzufangen. Und trotzdem bestand ein großer Teil meines Lebens daraus, Erwartungen zu erfüllen. Manche waren ausgesprochen. Viele nicht. Einige hatte ich mir vermutlich selbst ausgedacht, weil echte Erwartungen offenbar noch nicht genug waren. Man ist ja schon irgendwie bescheuert, wenn man immer jedem gefallen möchte.
Autonomie klingt nach einem Begriff, über den ein Mann mit Rollkragenpullover neunzig Minuten in einem Podcast spricht. Dabei ist sie im Alltag oft ziemlich unspektakulär. Sie beginnt nicht mit wehenden Haaren auf einer Klippe. Bei mir wäre das schon aus biologischen Gründen schwierig. Sie beginnt mit einem Nein. Mit einer Entscheidung, die nicht jeder verstehen muss. Mit dem Moment, in dem ich nicht mehr sofort zurückrudere, nur weil jemand anders meine Grenze unbequem findet.
Es ist so geil. Ich lerne gerade, dass Freiheit nicht bedeutet, alles tun zu können. Das kann ohnehin niemand. Jede Entscheidung hat Folgen. Jeder Weg schließt einen anderen aus. Wenn ich losfahre, kann ich nicht gleichzeitig zu Hause bleiben. Wenn ich Nein sage, wird vielleicht jemand enttäuscht sein. Wenn ich mein eigenes Leben führe, passt es zwangsläufig nicht mehr vollständig in die Vorstellungen anderer Menschen. Genau das habe ich lange vermeiden wollen. Vielleicht habe ich Freiheit deshalb immer an den falschen Orten gesucht. In Reisen. In neuen Städten. Auf Feldwegen, Bahnhöfen und in Hotelzimmern. Ich dachte, ich müsste nur weit genug wegfahren, dann wäre ich frei. Aber man kann 300 Kilometer entfernt in einem Hotel sitzen und trotzdem noch darüber nachdenken, ob jemand zu Hause die eigene Entscheidung gut findet. Man kann allein reisen und innerlich weiterhin um Erlaubnis bitten.
Das möchte ich nicht mehr.
Ich möchte Entscheidungen treffen, weil sie für mich richtig sind. Nicht, weil ich sie besonders überzeugend erklären kann. Ich möchte losfahren, wenn ich losfahren will. Bleiben, wenn ich bleiben möchte. Menschen mögen, ohne vorher zu prüfen, ob das klug ist. Ziele verfolgen, die andere für unnötig, klein oder komplett bekloppt halten. Ich möchte Fehler machen dürfen, die wenigstens meine eigenen sind.
Das heißt nicht, dass mir andere Menschen egal werden. Im Gegenteil. Es gibt Menschen, die mir wichtig sind. Längst nicht alle. Aber ein paar. Ihre Gefühle auch. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Rücksicht und Selbstaufgabe. Rücksicht bedeutet, andere mitzudenken. Selbstaufgabe bedeutet, sich selbst dabei ständig zu vergessen. Ich habe diesen Unterschied lange nicht besonders sauber hinbekommen.
Autonomie bedeutet für mich deshalb nicht: Ich mache, was ich will, und alle anderen können mich mal. Das wäre keine Freiheit, sondern vermutlich einfach nur ein ziemlich anstrengender Charakterzug. Autonomie bedeutet: Ich höre zu, aber ich entscheide selbst. Ich nehme andere ernst, aber nicht mehr wichtiger als mich. Ich kann jemanden enttäuschen, ohne deshalb automatisch etwas Falsches getan zu haben.
Das ist wahrscheinlich der schwierigste Teil. Auszuhalten, dass nicht jeder die eigene Entscheidung gut findet. Dass Menschen einen vielleicht egoistisch nennen. Dass manche Beziehungen nur so lange einfach waren, so lange man selbst ordentlich und dem Dorfleben entsprechend funktioniert hat. Dass ein Nein manchmal mehr über eine Verbindung zeigt als hundert freundliche Jas.
Ich weiß noch nicht, ob ich das schon gut kann. Wahrscheinlich nicht. Alte Gewohnheiten verschwinden nicht, nur weil man einen klugen Begriff dafür gefunden hat. Manchmal erkläre ich mich noch immer zu viel. Manchmal denke ich zuerst darüber nach, was andere erwarten. Manchmal möchte ich eine Entscheidung am liebsten so lange begründen, bis selbst der letzte Mensch im Raum zustimmt.
Aber ich merke es inzwischen. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Naja. Neulich saß ich also in diesem Zug, sah aus dem Fenster und wusste nicht, ob mein Plan vernünftig war. Irgendwo hinter mir lagen Menschen, Erwartungen und all die guten Gründe, etwas nicht zu tun. Vor mir lagen ein Bahnhof, ein Hotel und vermutlich wieder irgendein unnötig komplizierter Umstieg. Ich bin trotzdem weitergefahren. Nicht, weil es allen gefallen hätte. Sondern weil ich es wollte. Und dann sind Menschen verschwunden. Aber das ist egal. Die richtigen bleiben. Der Rest passt nicht.
Milchglas
Es rasen die Zeiger der Uhr. Draußen fahren die Erntemaschinen über die Dorfstraßen. Mähdrescher, so groß, dass man sich bei Gegenverkehr kurz überlegen muss, ob der Straßengraben nicht vielleicht doch ganz gemütlich aussieht. Dahinter Traktoren mit Anhängern. Voll mit Korn. Für Brot. Für Kuchen. Für Nudeln. Für Tierfutter. Für Dinge, über die man sich beim Frühstück normalerweise keine großen Gedanken macht, solange das Brötchen da liegt und niemand erwartet, dass man selbst vorher einen Hektar aberntet. Bis der Mais dran ist, dauert es noch ein paar Wochen. Gerade bleiben Stoppeln, Reifenspuren und der Geruch nach Erde, Staub und Spätsommer. Wenn die Sonne langsam im Westen verschwindet, wird es ruhiger. Die Maschinen fahren zurück auf die Höfe. Ab nach Hause. Die Straßen werden wieder breiter. Zumindest gefühlt. Und manchmal kann man auf den abgeernteten Feldern Füchse sehen. Früher waren es mehr. Ich glaube, es sind weniger geworden. Vielleicht sind sie auch nur vorsichtiger. Vielleicht bin ich seltener draußen. Oder ich schaue nicht mehr richtig hin. Mit Gewissheit kann ich dazu nichts sagen. Ich habe keine Fuchsstatistik geführt. Keine Tabellen angelegt. Keine nächtlichen Zählungen veranstaltet. Es ist nur so ein Gefühl. Egal. Die Abende werden langsam kürzer. Die Nächte länger. Der Sommer macht zwar noch keine Anstalten zu verschwinden, aber er räumt schon mal ein bisschen auf. Und irgendwo zwischen Mähdreschern, Stoppelfeldern und dem Licht, das abends inzwischen ein paar Minuten früher aus den Straßen verschwindet, ist mir aufgefallen, dass ich etwas ziemlich lange vergessen hatte. Die Musik.
Mareike hat mir gestern Songs geschickt. Nicht einen. Einen nach dem anderen. 100 Kilo Herz. Drei Meter Feldweg. Broilers. Madsen. Liedfett. Feine Sahne Fischfilet. Gitarren. Trompeten. Stimmen, die nicht höflich fragen, ob sie kurz stören dürfen. Musik mit Schrammen. Musik, die nach draußen will. Musik, die nicht im Hintergrund steht und darauf wartet, dass jemand sie bemerkt. Macht sie nicht. Sie scheißt drauf. Sie macht einfach. Und ich habe daraus eine Playlist gemacht. „Mit Mund abwischen“ habe ich sie genannt. Das ist ein kleiner Insider. Den muss auch nicht jeder verstehen. Gestern Abend bin ich mit dieser Playlist spazieren gegangen. Einige Songs kannte ich noch von früher. Nicht unbedingt Wort für Wort. Aber mein Körper kannte sie offenbar noch. Der erkannte manche Stellen schneller als mein Kopf. Ein Gitarrenriff, ein Trompeteneinsatz, eine Stimme und plötzlich war da wieder etwas Vertrautes. Wie ein Mensch, den man seit Jahren nicht gesehen hat und bei dem man trotzdem sofort weiß, wie er seinen Kaffee trinkt.
Krass. Früher war Musik wichtig für mich. Richtig wichtig. Ich stand stundenlang in Plattenläden. Vor diesen Regalen mit CDs, deren Sortierung vermutlich nur von Menschen verstanden wurde, die dort seit 1987 arbeiteten. Ich zog Hüllen heraus, las Titel, schaute mir Cover an, hörte in Alben rein und versuchte anhand von dreißig Sekunden herauszufinden, ob diese Musik mein Leben verändern oder mich nur 29,99 Mark kosten würde. Manches fand ich scheiße. Manches fand ich sofort großartig. Und bei manchen CDs wusste ich es nicht. Die nahm ich trotzdem mit. Aus Hoffnung. Oder weil das Cover gut war. Oder weil der Typ hinter der Theke gesagt hatte, das müsse man gehört haben. Menschen hinter Plattenladentheken hatten damals eine Autorität, die heute vermutlich nur noch Apotheker und Bahnkontrolleure besitzen. Dann stand man da und musste sich entscheiden. Single oder Album. Auf der Single war der Song, den man mochte. In fünf Versionen. Glaub ich. Auf dem Album waren zusätzlich elf Lieder, von denen man neun noch gar nicht kannte und zwei vermutlich nie mögen würde. Ich nahm meistens das Album. Man wollte schließlich die Band unterstützen. Die Musiker. Die Plattenfirma. Den Einzelhandel. Den Mann hinter der Theke mit dem ungewaschenen Pullover. Irgendwie alle. Nee. War gelogen. Am Ende war das nur für mich. Und dann?
Dann wurde Musik leiser. Nicht plötzlich. So etwas passiert selten plötzlich. Es gibt ja keinen Morgen, an dem man aufwacht und beschließt, einen Teil von sich ab heute nicht mehr zu brauchen. Man unterschreibt dafür keinen Vertrag. Man gibt nichts ab. Es gibt keine Quittung. Es passiert einfach. So nebenbei. Am Anfang waren da Menschen, die nicht mochten, was ich hörte. Also drehte ich die Musik leiser. Nicht immer. Nicht bewusst. Nur ein bisschen. Dann vielleicht noch ein bisschen. Irgendwann war sie aus. Und wenn etwas lange genug leiser wird, wird es irgendwann auch in einem selbst stiller.
Man gewöhnt sich daran.
Das ist vermutlich eine der gefährlichsten Fähigkeiten des Menschen. Wir können uns an fast alles gewöhnen. An Lärm. An Stille. An schlechte Matratzen. An Menschen, bei denen wir vorsichtiger sprechen. An Tage, in denen etwas fehlt, ohne dass wir genau sagen könnten, was. Und scheiße, irgendwann denkt man, es sei eben so. Man brauche das nicht mehr. Die Musik nicht. Das Tanzen nicht. Die Lautstärke nicht. Diese eine bestimmte Art von Freude, die keinen vernünftigen Anlass benötigt.
Aber das stimmt nicht.
Die Dinge, die uns fehlen, verschwinden nicht einfach. Sie liegen nur irgendwo herum. Unter Terminen. Unter Rücksicht. Unter Alltag. Unter all den Entscheidungen, die beschissen vernünftig aussehen und einen trotzdem Stück für Stück von sich selbst entfernen können. Und dann, schleichend und maximal scheiße legt sich etwas über das eigene Leben. Kein großer Schatten. Eher ein Schleier. Die Welt ist noch da. Die Farben auch. Die Menschen. Die Straßen. Die Felder. Der Kaffee am Morgen. Alles sieht aus wie vorher. Nur etwas trüber. Und weil es langsam passiert, merkt man es nicht. Man läuft weiter. Man erledigt Dinge. Man antwortet auf Nachrichten. Man kauft ein. Man funktioniert. Man glaubt, alles sei in Ordnung, weil nichts offensichtlich kaputt ist. Und irgendwann fällt einem einfach so auf, dass man aufgehört hat zu tanzen. Nicht sinnbildlich. Echt jetzt. Man tanzt nicht mehr.
Gestern habe ich wieder getanzt. Draußen. Auf der Straße. Beim Spazierengehen. Nicht besonders gut. Das sollte der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Es war weniger professionelles Tanzen als eine Mischung aus Wechselschritt, Vorwärtsbewegung und dem Versuch, dabei nicht in einen Graben zu geraten. Aber scheißegal, ich habe getanzt.
Trompeten im Ohr. Gitarren irgendwo zwischen Brustkorb und Kehle. Ska-Punk. Sommerabend. Sonne. Frische Luft. Die Hände nicht in den Taschen. Ein Schritt. Noch einer. Dann zwei zur Seite. Ein bisschen hüpfen. Ein bisschen laufen. Ein bisschen so tun, als sei die Dorfstraße gerade keine Dorfstraße, sondern die Hauptbühne eines Festivals, bei dem der Headliner erstaunlicherweise nur aus mir besteht. Ein paar Autofahrer haben natürlich geguckt. Manche haben gelacht. Vielleicht haben sie mich ausgelacht. Ist mir scheißegal. Vielleicht haben sie auch einfach gelacht, weil da jemand auf nem Bürgersteig getanzt hat. Das passiert hier nicht ständig. Normalerweise stehen Menschen am Straßenrand und beurteilen die Verkehrsentwicklung.
Ich jedenfalls musste ebenfalls lachen. Nicht, weil etwas besonders lustig gewesen wäre. Sondern weil es sich gut anfühlte. Leicht. Vertraut. Wie etwas, das lange weg war, obwohl es die ganze Zeit noch irgendwo in mir gesteckt hatte. Und während ich dort lief und tanzte, dachte ich an Mareike. Daran, dass sie wahrscheinlich einfach ein paar Songs verschickt hatte. Ohne großen Plan. Ohne pädagogisches Konzept. Das könnte sie definitv. Ohne zu wissen, was sie damit auslöst. Sie hat nicht gesagt, dass ich wieder mehr Musik hören soll. Sie hat nicht gefragt, wann ich eigentlich aufgehört habe zu tanzen. Sie hat nichts analysiert, nichts erklärt und schon gar keinen klugen Satz über Lebensfreude daruntergeschrieben. Sie hat einfach Musik geschickt.
Einen Song nach dem anderen. Und vielleicht war genau das genug. Manchmal braucht es keinen Menschen, der einen rettet. Das wäre ohnehin eine ziemlich große Aufgabe für einen Dienstagabend. Manchmal reicht jemand, der einem etwas gibt, das man irgendwann aus der Hand gelegt hat. Einen Song. Eine Erinnerung. Ein Gefühl. Mareike hat, ohne es zu wissen, einen Lappen genommen und eine Scheibe sauber gewischt, von der ich gar nicht bemerkt hatte, wie vergilbt sie inzwischen war.
Die Welt dahinter war die ganze Zeit noch da. Die Felder. Die Sonne. Die Straße. Die Füchse vielleicht. Und irgendwo dazwischen auch ich. Mit Trompeten im Ohr. Gitarren im Herzen. Und den Händen endlich wieder raus aus den Taschen. Geil. Echt jetzt.
Es liegt nicht an dir.
Vorgestern stand ich allein in einem Laden für Outdoorbekleidung in Oldenburg. Und allein ist in solchen Läden ein gefährlicher Zustand. Zumindest für Menschen wie mich. Weil niemand neben einem steht und sagt: „Torsten, leg das Messer wieder hin. Du brauchst kein Messer, mit dem man vermutlich einen Elch erlegen könnte. Du willst nur in den Wald. Nicht die Zivilisation neu gründen.“ Nee. Sagt keiner. Egal. Der Laden war jedenfalls großartig. Nicht so großartig im Sinne von „Ach, nett hier, da kann man mal gucken“, sondern eher im Sinne von, dass ich dort problemlos mehrere Stunden hätte verbringen können, ohne dass es mir selbst merkwürdig vorgekommen wäre. Messer. Lampen. Schlafsäcke. Socken. Hosen. Pullover. Jacken. Rucksäcke. Dinge, von denen man sofort glaubt, dass das eigene Leben deutlich besser sortiert wäre, wenn man sie besitzen würde. Das ist natürlich Schwachsinn. Aber ein sehr überzeugender.
Outdoorläden haben diese besondere Wirkung. Man betritt sie als Mensch, der eigentlich nur eine Hose sucht und zehn Minuten später steht man vor einem Regal mit Stirnlampen und denkt ernsthaft darüber nach, ob man nicht vielleicht doch eine Lichtquelle braucht, die auch bei minus zwölf Grad, Starkregen und mittelgroßer innerer Krise zuverlässig in Höhlen funktioniert, die man eigentlich nicht betreten darf. Dabei bringt man höchstens nur mal den Müll im dunklen raus. Aber gut. Ich war dort wegen einer Hose. Nicht irgendeiner Hose. Natürlich nicht. Ich hatte eine Vorstellung. Eine sehr klare sogar. Was bei mir meistens bedeutet, dass ich ganz genau weiß, was ich will, kann es aber nur ungefähr beschreiben und bin dann beleidigt, wenn die Realität nicht sofort mitmacht.
Ich brauche eine Hose für den Herbst. Oktober. November. Für draußen. Für Matsch. Für Wald. Für Wege, die nicht danach aussehen, als hätte sie jemand für Menschen mit weißen Sneakern geplant. Für eines meiner NICHT-IRGENDWANN-Ziele. Für dieses Gefühl, wenn man nicht nur irgendwo hinfährt, um dort kurz ein Foto zu machen, sondern wirklich draußen ist. Mit kalten Händen. Mit dreckigen Schuhen. Mit Kaffee aus einem Becher, der nach zwei Stunden ungefähr die Temperatur eines alten Gedankens hat. So eine Hose sollte das sein. Robust. Bequem. Nicht zu eng. Nicht zu modern. Nicht diese Art von Outdoorhose, mit der man aussieht, als würde man gleich in einem Start-up erklären, dass man am Wochenende „gern mal rauskommt“. Sondern eine Hose, die nach Wald aussieht. Nach Herbst. Nach Holzofen. Nach Rucksack. Nach „kann dreckig werden, ist nicht schlimm“.
Und natürlich fand ich sie. Klar. Das war ja das Problem. Sie hing da. Einfach so. Nicht besonders beleuchtet. Keine Engelschöre. Kein Windstoß aus Richtung Skandinavien. Sie hing einfach da. Sachlich. Dunkelgrün. Unbeeindruckt von meiner finanziellen Gesamtlage. Ich nahm sie vom Bügel und schon beim Anfassen merkte ich: Mist. Man merkt das ja manchmal sofort. Stoff. Gewicht. Verarbeitung. Taschen an Stellen, an denen Taschen Sinn ergeben. Nicht aus modischer Laune heraus, sondern weil dort tatsächlich Dinge hineinpassen könnten. Messer vielleicht. Oder eine Karte. Oder ein Handy. Oder ein Müsliriegel, den man irgendwann findet, wenn man längst vergessen hat, dass man ihn gekauft hat. Eine Axt. Natürlich eine Axt. Ich probierte sie an. Sie passte. Natürlich passte sie. Es wäre auch zu freundlich vom Leben gewesen, wenn sie irgendwo gedrückt hätte. Wenn sie zu kurz gewesen wäre. Zu lang. Zu weit. Zu irgendwas. Dann hätte ich sagen können: „Uiii. Wie blöd jetzt. Wäre schön gewesen. Aber passt nicht.“ Und wäre mit dem Gesichtsausdruck eines vernünftigen Mannes aus der Kabine gekommen.
Aber nein. Sie saß, als hätte sie vorher kurz meine Maße genommen. Ich stand also vor dem Spiegel in dieser Hose und sah für einen Moment aus wie jemand, der im Herbst ernsthaft Pläne hat. Nicht nur Gedanken. Nicht nur Instagram im Kopf. Sondern echte Pläne. Rausfahren. Losgehen. Im Bauwagen schlafen. Durch Wald laufen. Abends Holz nachlegen. Morgens mit zerknittertem Gesicht irgendwo stehen und so tun, als sei Kälte ein Charaktertest. Diese Hose konnte das alles. Ich vermutlich auch. Aber die Hose sah überzeugender aus. Dann sah ich auf den Preis. 199,99 Euro.
Das ist ein Preis, bei dem Menschen gern sagen: „Ja gut, Qualität kostet eben.“ Stimmt. Qualität kostet. Aber Kontoauszüge haben leider selten Verständnis für Lebensgefühl. Die sagen nicht: „Ach Torsten, mach ruhig. Herbst. Wald. Aufbruch. Persönliche Entwicklung. Dunkelgrün steht dir.“ Kontoauszüge sind da eher norddeutsch. Trocken. Unromantisch. Fast schon beleidigend sachlich. 199,99 Euro sind 200 Euro. Da kann man noch so lange diese eine Cent-Lüge stehen lassen. Wir wissen alle, was gemeint ist. Niemand steht an der Kasse und denkt: „Zum Glück keine 200.“ Außer vielleicht Menschen, die auch glauben, ein Croissant sei ein ausgewogenes Frühstück, wenn ein Salatblatt draufliegt. Ich stand also da. In einer Hose, die perfekt war. In einem Laden, der sowieso gefährlich war. Mit einem Ziel im Kopf, das nach Herbst roch. Und mit einer Vernunft, die unangenehm wach wurde. Ich hätte sie kaufen können. Irgendwie. Klar. Kaufen kann man vieles. Zur Not kann man heute alles kaufen und sich morgen erzählen, es sei eine Investition gewesen. Menschen nennen sehr viel „Investition“, wenn sie eigentlich nur meinen: „Ich wollte das haben.“ Ich kenne das. Ich bin da nicht besser. Ich bin sogar ziemlich gut darin, mir Gründe zurechtzulegen. Das ist eine meiner unterschätzten Fähigkeiten. Wenn ich etwas wirklich will, arbeitet mein Kopf nicht mehr als Berater. Er arbeitet als Anwalt. Und zwar als einer dieser unangenehm ehrgeizigen Anwälte, die selbst aus einem klaren Fall noch ein dreiteiliges Argumentationspapier machen.
„Du brauchst die Hose ja wirklich.“ „Für den Herbst.“ „Für dein Ziel.“ „Billig kaufen heißt zweimal kaufen.“ „Du willst doch nicht frieren.“ „Du fängst neu an, aber gerade deshalb brauchst du gute Dinge.“ „Außerdem sitzt sie perfekt.“
Das klang alles nicht falsch. Das ist das Gemeine. Die besten Ausreden sind selten kompletter Blödsinn. Sie sind meistens halbwahr. Und Halbwahrheiten sind gefährlich, weil sie sich anfühlen wie Vernunft mit besserer Jacke.
Aber da war eben auch die andere Seite.
Ich beginne gerade noch einmal neu. Theoretisch. Praktisch auch. Schritt für Schritt. Rechnen. Sortieren. Prioritäten. Nicht jeden Wunsch sofort in den Einkaufswagen werfen, nur weil er gut aussieht und Taschen an den richtigen Stellen hat. Das ist nicht besonders romantisch. Auf gar keinen Fall geil. Aber notwendig. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man merkt, ob man es ernst meint.
Nicht bei den großen Sätzen. Nicht bei den Plänen. Nicht bei den Momenten, in denen man anderen erzählt, was man vorhat. Sondern in so einem Laden in Oldenburg, allein vor einem Spiegel, in einer Hose, die wirklich verdammt gut sitzt, während irgendwo im Hintergrund wahrscheinlich ein Mann überlegt, ob er für seinen Campingkocher noch einen Adapter braucht, obwohl er seit 2003 nicht mehr zelten war.
Da entscheidet sich manchmal mehr, als man denkt. Ich zog die Hose wieder aus, hängte sie zurück. Es gibt Klamotten, die hängt man nicht zurück, man trennt sich von ihnen auf Probe. So fühlte sich das an. Vielleicht kaufe ich sie irgendwann. Vielleicht finde ich sie günstiger. Vielleicht gibt es eine Alternative. Vielleicht ist genau diese Hose später immer noch da. Vielleicht auch nicht. Das Leben ist hart. Besonders bei Outdoorbekleidung in Dark Olive. Aber vorgestern habe ich sie nicht gekauft. Und das war richtig. Nicht, weil ich sie nicht wollte. Ich wollte sie echt. Sondern weil ich gemerkt habe, wie sehr ich versucht habe, Gründe zu finden, sie kaufen zu können. Kleine, stabile, vernünftig aussehende Gründe. Gründe mit Reißverschluss und verstärkten Knien. Und genau da liegt für mich inzwischen eine ziemlich einfache Regel.
Wenn ich Gründe suchen muss, um etwas zu tun, sollte ich es meistens lassen.
Wenn ich allerdings Gründe suche, um etwas nicht zu tun, dann ist es oft genau das, was ich machen muss.
Klingt einfach. Ist es auch. Nur leider steht man im echten Leben selten mit dieser Erkenntnis auf einem Berggipfel, während die Sonne aufgeht und irgendein Adler symbolisch durchs Bild fliegt. Man steht eher in Oldenburg in einem Outdoorladen. In Socken. Vor einem Spiegel. Und versucht, einer Hose zu erklären, dass es gerade nicht an ihr liegt.
0 von 100.
Bis 2014 habe ich das Marketing für eine Bank gemacht. Das klingt erst einmal vernünftig. Nach Schreibtisch. Nach Besprechungsraum. Nach einem edlen Kugelschreiber mit Logo. Nach einem Leben, bei dem Menschen morgens wissen, wo sie parken und abends wissen, warum sie müde sind. Also nach etwas, das mir rückblickend fast verdächtig geordnet vorkommt. Danach habe ich mich selbstständig gemacht. Ich habe fotografiert. Texte geschrieben. Webseiten gebaut. Marketingkonzepte entwickelt. Unternehmen sichtbarer gemacht als ihre eigenen Hinweisschilder, was in manchen Fällen keine große Kunst war, weil diese Hinweisschilder irgendwo zwischen Efeu, Parkplatz und vollständiger Resignation hingen. Und das sah von außen oft ziemlich vernünftig aus. Echt jetzt. Kamera in der Hand. Termine im Kalender. Rechnungen im System. Kunden, die nickten. Webseiten, die online gingen. Texte, die besser klangen als das, was vorher auf irgendeiner Unterseite unter „Über uns“ stand und vermutlich seit 2009 niemand mehr freiwillig gelesen hatte.
Aber von innen war das alles manchmal eher ein wackeliger, alter Campingtisch. So einer, bei dem ein Bein immer ein bisschen zu kurz ist. Und auf diesem Tisch lagen Ideen, Rechnungen, halbfertige Pläne, zu viele Gedanken und diese besondere Form von Existenzangst, die morgens keinen Kaffee braucht, weil sie sowieso schon wach ist. Ich sag mal so, es war nicht immer einfach. Dann kam 2026.
Und plötzlich fiel nicht nur ein Stein aus der Mauer. Es fiel gleich die ganze verdammte Wand. Das Zuhause war weg. Das Auto war weg. Mein Hund war in einem neuen Zuhause. Nicht, weil er mir egal war. Sondern weil Liebe manchmal auch bedeutet, nicht der Mittelpunkt zu sein. Eine Erkenntnis, die grundsätzlich schön klingt, aber in der Praxis ungefähr so angenehm ist wie barfuß auf Lego zu treten. Ich saß da und dachte: Fuck. Das war es jetzt. Tschüss. Ende. Abspann. Nur ohne Musik. Ich glaube, das Kino des Lebens ist mitunter erstaunlich geizig, wenn es um dramatische Effekte geht. Kein Regen gegen die Scheibe. Kein Streichorchester. Kein letzter Blick in den Rückspiegel. Meistens sitzt man einfach irgendwo, trinkt schlechten Kaffee und merkt, dass selbst große Zusammenbrüche echt unspektakulär aussehen können. Eine Zeit lang war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch zurückkommen wollte. Einfach, weil manchmal alles so still wird, dass selbst der nächste Tag wie eine Zumutung wirkt. Ein paar Tage später wurde mir klar, dass dieser Gedanke verständlich war. Aber auch ziemlich unpraktisch.
Das Gute ist, ich war noch da. Nicht besonders sortiert. Nicht besonders erfolgreich. Nicht mit erhobenem Kopf und fester Stimme, wie Menschen das in Filmen tun, kurz bevor sie eine neue Firma gründen oder einen Berg besteigen. Eher mit müdem Blick, zu vielen offenen Fragen und diesem inneren Geräusch, das entsteht, wenn das Leben einmal kräftig durchgelüftet hat, ohne vorher zu fragen, ob noch wichtige Unterlagen auf dem Tisch liegen. Und da stellte ich mir einfach mal eine andere Frage. Was wäre, wenn das hier gar kein Ende ist? Was, wenn es einfach nur der Punkt ist, an dem nichts mehr hübsch eingerichtet werden kann? Kein Vielleicht-später. Kein Wenn-mal-Zeit-ist. Kein Irgendwann, dieses kleine feige Wort, mit dem man ganze Leben in die Abstellkammer stellt. Und ich glaube, auch daraus ist NICHT IRGENDWANN entstanden. Ich habe angefangen, über hundert Dinge nachzudenken, die ich erleben möchte, bevor ich sterbe. Nicht, weil ich plötzlich besonders mutig geworden wäre. Ich bin nicht morgens aufgewacht und hatte auf einmal einen Abenteuerbart, ein Taschenmesser und ein sehr ernstes Verhältnis zu Sonnenaufgängen. Mir ist nur einfach aufgefallen, wie leicht man sein ganzes Leben auf irgendwann verschiebt. Ist doch so. Irgendwann mache ich das. Irgendwann fahre ich dorthin. Irgendwann sage ich das, was ich immer schon sagen wollte. Irgendwann fange ich an. Und irgendwann ist oft nur ein anderes Wort für nie.
Naja. Der aktuelle Stand der Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie tun möchte, bevor ich sterbe? 0 von 100. Aber ich glaube, genau deshalb beginnt die Geschichte jetzt. Nicht irgendwann. Jetzt.
Und jetzt sitze ich immer irgendwo und brainstorme. Kinnas. Was für ein schönes Wort. Brainstorming klingt immer, als säßen irgendwo kluge Menschen mit Whiteboard-Stiften in einem hellen Raum und würden Zukunft gestalten. Bei mir sieht es eher so aus, dass ich Notizen mache, wieder streiche, Kaffee trinke, kurz aufs Handy gucke, mich selbst dafür verachte, wieder Notizen mache und zwischendurch überlege, ob „mit Haien tauchen“ wirklich ein Ziel ist oder nur ein sehr aufwendiger Weg, um später von einem Tier ignoriert zu werden. Aber genau darum geht es. Ich will diese hundert Dinge eben nicht so auswählen, dass sie auf Instagram gut aussehen. Das wäre ja vermutlich sogar der einfachste Weg. Ballonfahrt bei Sonnenaufgang. Irgendein Berg. Irgendein See. Irgendein Foto, auf dem jemand von hinten in die Ferne schaut, als hätte er gerade in einem sehr teuren Onlinekurs gelernt, dass Freiheit auch nur ein anderes Wort für eine neue Jacke ist. Nein. Es sollen meine Ziele sein.
Nicht die Ziele, die besonders gut wirken. Nicht die Ziele, die andere beeindrucken. Nicht die Ziele, bei denen irgendjemand denkt: „Stark, der hat sein Leben im Griff.“ Das wäre ohnehin gelogen. Ich habe aktuell nicht einmal meine Kabel im Griff. Und Kabel sind im Vergleich zum Leben noch relativ überschaubar, obwohl auch das vermutlich eine gewagte Behauptung ist. Ich will Dinge aufschreiben, die wirklich etwas mit mir zu tun haben. Kleine Dinge. Große Dinge. Bescheuerte Dinge. Mutige Dinge. Dinge, die mir Angst machen. Dinge, die vielleicht niemand versteht. Dinge, bei denen andere sagen: „Warum ausgerechnet das?“ Und genau dann wird es wahrscheinlich interessant. Denn es sind meine Ziele. Nicht die der anderen. Nicht die des Algorithmus. Nicht die einer Zielgruppe, die angeblich zwischen 18 und 49 liegt und sich laut Statistik besonders für Authentizität interessiert, solange sie gut ausgeleuchtet ist.
Und ich will diese Geschichte erzählen. Nicht perfekt. Nicht glatt. Nicht mit dieser unangenehmen Selbstgewissheit von Menschen, die schon beim Frühstück klingen, als hätten sie drei Bücher über Disziplin gelesen und dabei ihren eigenen Schatten motiviert. Ich will filmen. Ich will fotografieren. Ich will zeigen, wie diese Liste entsteht. Wie ich überlege. Wie ich zweifle. Wie ich Ziele finde und wieder verwerfe. Wie ich vielleicht Dinge tue, die am Anfang unangenehm sind. Peinlich. Unbeholfen. Cringe, wie Menschen sagen, die wahrscheinlich auch schon einmal „Content Journey“ gesagt haben und danach trotzdem weiterleben durften. Es wird diesen Berg des Cringe geben. Fick dich. Ja. Ganz sicher. Vielleicht sogar mehrere. Kleine Mittelgebirge aus Unsicherheit, komischen Videos, schiefem Licht, falschen Sätzen und diesem Moment, in dem man sich selbst auf dem Bildschirm sieht und sofort versteht, warum manche Tiere lieber im Wald bleiben. Aber da muss ich rüber. Nicht, weil ich plötzlich Influencer werden will. Sondern weil ich glaube, dass diese Geschichte erzählt werden muss, während sie passiert. Nicht hinterher, wenn alles hübsch sortiert ist. Nicht erst dann, wenn aus dem Chaos eine Erfolgsgeschichte geworden ist und man in Interviews so tun kann, als hätte man die ganze Zeit einen Plan gehabt.
Ich habe keinen Plan.
Das ist vielleicht der ehrlichste Teil daran.
Ich habe ein Buch, das mir als Werkzeug dienen soll. Ein Buch, das ich selbst benutze, selbst gemacht habe. Nicht als Deko. Nicht als schönes Objekt für Menschen, die gerne Notizbücher kaufen und dann ehrfürchtig unbenutzt ins Regal stellen, als wären sie kleine Altäre der eigenen Möglichkeiten. Sondern als Arbeitsfläche. Als Liste. Als Erinnerung. Als Tritt in den Arsch, wenn das Leben wieder anfängt, sich in Ausreden einzurichten. Und ja, dieses Buch kann man kaufen. Nicht, weil ich plötzlich so tue, als hätte ich die große Antwort gefunden. Habe ich nicht. Ich habe nicht mal die kleine Antwort gefunden. Ich habe bisher 0 von 100. Das ist kein Expertenstatus. Das ist eher ein sehr sauber dokumentierter Anfang. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.
Ich habe außerdem ein Plugin gebastelt. Kostenlos. Für alle, die ihre eigene Liste auf ihrer Webseite zeigen wollen. Ihre Ziele. Ihre Fortschritte. Ihre Geschichten. Nicht als Leistungsschau. Nicht als digitales Schulterklopfen. Sondern als sichtbare Erinnerung daran, dass man Dinge nicht ewig im Kopf parken sollte. Im Kopf stehen sie nämlich irgendwann herum wie alte Kartons im Keller. Man weiß, dass sie da sind, aber man geht nicht mehr gern hin. Also: Buch. Webseite. Videos. Fotos. Plugin. Liste. Geschichte. Und irgendwo dazwischen ich. Mit ziemlich wenig Sicherheit, aber mit dem Gefühl, dass genau das gerade richtig ist.
All in, nennt man das wohl.
Oder, etwas weniger cool formuliert, ich werfe jetzt einfach alles auf den Tisch und schaue, was davon stehen bleibt. Der Tisch wackelt sowieso schon. Dann kann auch etwas Sinnvolles draufliegen.
Nicht irgendwann.
Jetzt.
Es ist kurz nach acht. Ich sitze in einer kleinen Bäckerei. Nicht in so einer Bäckerei, die aussieht, als hätte ein Innenarchitekt vorher drei Wochen überlegt, wie Brot möglichst skandinavisch wirken kann. Sondern in einer normalen Bäckerei. Mit kleinen Tischen, hellen Lampen, einer Theke, hinter der Menschen arbeiten, die morgens vermutlich schon mehr Sätze gehört haben als andere an einem ganzen Montag. Vor mir steht Kaffee. Daneben liegt ein belegtes Brötchen. Beides eine gute Entscheidung. Vielleicht sogar wie die beste Entscheidung heute morgen. Mein MacBook steht auf dem Tisch, was in einer Bäckerei immer ein bisschen aussieht, als hätte jemand sein Büro verloren und versuche jetzt, es zwischen Körnerbrötchen und Serviettenspender wieder aufzubauen. Egal. An der Theke bestellen Menschen Brötchen. Brot. Kaffee zum Mitnehmen. Eine Frau bestellt sechs normale Brötchen, dann doch acht, dann fragt sie nach Dinkel. Der Mann hinter ihr sieht kurz so aus, als hätte er innerlich bereits gekündigt. Nicht seinen Job. Den Tag. Einen Moment später bestellt jemand Kuchen. Kuchen. Morgens um acht.Ich finde das richtig.
Wahrscheinlich gibt es ohnehin viel zu wenige Menschen, die morgens um acht den Mut haben, Kuchen zu bestellen. Die meisten tun so, als gäbe es für Kuchen eine gesellschaftlich akzeptierte Uhrzeit. Als hätte irgendjemand in einem Ministerium festgelegt, dass Kuchen erst ab 15 Uhr als anständig gilt. Aber das ist natürlich Blödsinn. Kuchen kennt keine Uhrzeit. Kuchen ist eher so eine stille Übereinkunft mit dem Leben. Eine kleine, süße Kapitulation vor der Vernunft. Und irgendwo ist ja immer 15 Uhr. Vielleicht nicht hier. Aber irgendwo.
Ich nehme einen Schluck Kaffee und muss wieder an Ferdinand denken. Ferdinand hatte vor einiger Zeit diesen Satz gesagt, der seitdem in meinem Kopf herumliegt wie ein Gegenstand, den niemand wegräumt, weil alle ahnen, dass er noch gebraucht wird. „Sterben“, sagte Ferdinand, „ist immer das Letzte, was du tun solltest.“ Ferdinand sagt solche Dinge eher nebenbei. Als hätte er gerade festgestellt, dass der Kaffee etwas dünn. Aber der Satz blieb.
Sterben ist immer das Letzte, was du tun solltest.
Das klingt erst einmal nach einer dieser Wahrheiten, die so logisch sind, dass niemand sie ernst nimmt. Natürlich ist Sterben das Letzte. Rein organisatorisch betrachtet ist danach nicht mehr viel einzutragen. Kein Zahnarzttermin. Keine Steuererklärung. Kein „ich müsste eigentlich mal“. Kein „nächste Woche fange ich an“. Kein „wenn es ruhiger wird“. Keine Fitnessuhr, die einem mitteilt, dass die Regeneration nicht optimal sei. Sterben ist der letzte Punkt auf der Liste. Punkt. Aber vielleicht, denke ich, sollte vor diesem letzten Punkt in jedem Fall noch Kuchen stehen. Nicht unbedingt als Lebenskonzept. Eher als Sicherheitsmaßnahme.
Vor einigen Wochen saß ich in einer Buchhandlung. Nicht weit von hier. Genauer gesagt saß ich auf einer Treppe, weil Buchhandlungen zu den wenigen Orten gehören, an denen erwachsene Menschen noch auf Treppen sitzen dürfen, ohne dass sofort jemand fragt, ob alles in Ordnung ist. In Buchhandlungen sieht fast alles nach Denken aus. Selbst Sitzen. Selbst zielloses Blättern. Selbst dieses Herumstehen vor einem Regal, bei dem man so tut, als suche man ein bestimmtes Buch, obwohl man in Wahrheit nur kurz aus dem eigenen Leben ausgestiegen ist. Ich hatte ein kleines Notizbuch in der Hand. Eine Bucket-List. Oder, wie es in Deutschland manchmal heißt: eine Löffelliste. Löffelliste ist natürlich ein Wort, bei dem sofort jede Sehnsucht in Hausschuhen das Zimmer verlässt. Bucket-List klingt nach weitem Himmel, altem Jeep, vielleicht ein bisschen Staub auf der Straße und einem Menschen, der am Meer steht und sein Leben neu sortiert. Löffelliste klingt nach Besteckkasten, Seniorenbeirat und einem laminierten Aushang im Vereinsheim. Aber gut. Sprache ist manchmal eine Zumutung. Wir haben uns daran gewöhnt. Immerhin sagen wir auch „Feierabend“ und meinen damit oft nur den Moment, in dem wir erschöpft auf dem Sofa sitzen und nicht mehr wissen, warum wir das Handy geöffnet haben.
Ich blätterte also in diesem Buch. Die Idee gefiel mir sofort. Eine Liste mit Dingen, die ich erleben möchte, bevor ich sterbe. Das ist im Grunde eine sehr einfache Sache. Fast brutal einfach. Du schreibst auf, was du noch machen willst. Nicht was vernünftig wäre. Nicht was andere erwarten. Nicht was sich gut in einem Gespräch anhört, in dem alle so tun, als hätten sie ihr Leben im Griff. Sondern das, was wirklich da ist. Die Reise. Der Ort. Das Gespräch. Der Sprung. Die Wanderung. Der Brief. Das Abenteuer. Der kleine Schwachsinn, der eigentlich keinen Zweck hat, aber trotzdem nach Leben riecht. Das Buch selbst gefiel mir allerdings nicht besonders.
Es war nicht schlecht. Das wäre ungerecht. Es lag da. Es hatte Seiten. Linien. Ein paar Zitate. Vermutlich gute Absichten. Und gute Absichten sind ja das, womit sehr viele Dinge anfangen, bevor sie dann aussehen wie ein Elternabend in Papierform. Aber mir fehlte etwas. Vielleicht Haltung. Vielleicht Humor. Vielleicht dieser kleine Schubser, den ein solches Buch braucht. Nicht im Sinne von „Du musst dein Leben ändern“, weil bei solchen Sätzen sofort irgendwo ein Coach aus einem Leasing-SUV steigt und ein Webinar verkaufen möchte. Nein. Eher im Sinne von: Jetzt schreib endlich auf, was du willst. Du musst dafür nicht sofort nackt durch Patagonien laufen und deine Kindheit komplett aufzuarbeiten. Es reicht, ehrlich zu sein. Und das Buch in meiner Hand war mir zu brav. Zu ordentlich. Zu lieb. Zu sehr „Hier kannst du deine Träume notieren“ und zu wenig „Junge, du bist Mitte vierzig, vielleicht solltest du langsam mal anfangen, bevor deine Knie eigene Interessen entwickeln.“ Ich saß also auf dieser Treppe, hielt dieses Notizbuch in der Hand und dachte: Das könnte ich irgendwann selbst machen.
Irgendwann.
Da war es. Dieses Wort. Dieses kleine, harmlose und trotzdem verfickte Wort. Irgendwann. Ich legte das Buch zurück, stellte es einfach wieder ins Regal, was die bürgerlichste Form der Ablehnung ist. Dann verließ ich die Buchhandlung, ging auf die Straße und musste lachen. Nicht laut. Nicht so, dass Leute stehen geblieben wären. Eher dieses kurze Lachen, das entsteht, wenn man merkt, dass man gerade selbst der Idiot in der Geschichte ist. Das ist zwar unangenehm. Aber immerhin ehrlich. Ich hatte ernsthaft gedacht, ich könnte irgendwann eine Bucket-List machen. Irgendwann. Eine Liste, deren einziger Zweck darin besteht, Dinge nicht auf irgendwann zu verschieben. So dumm. Das muss man auch erst einmal schaffen. Das ist ungefähr so, als würde man sich ein Buch über Ordnung kaufen und es dann ungelesen auf den Stapel mit den anderen Büchern über Ordnung legen. Oder als würde man eine App herunterladen, die einem helfen soll, weniger am Handy zu sein. Der Mensch ist ein erstaunliches Wesen. Er kann Feuer machen, Brücken bauen, Raumsonden losschicken und gleichzeitig denken, irgendwann eine Liste zu erstellen, mit Dingen, die er machen möchte, bevor er stirbt. Vielleicht ist „irgendwann“ überhaupt eines der gefährlichsten Wörter, die wir haben. Es klingt weich. Freundlich. Offen. Nach Möglichkeit. Aber in Wahrheit ist es oft nur ein hübscheres Wort für nie.
Irgendwann fahre ich ans Meer.
Irgendwann springe ich mit dem Fallschirm.
Irgendwann melde ich mich bei dem Menschen.
Irgendwann fahre ich mit dem Van durch Norwegen.
Irgendwann fange ich wieder an zu filmen.
Irgendwann ändere ich etwas.
Irgendwann nehme ich mir Zeit.
Irgendwann ist praktisch. Es verlangt nichts. Es hat keinen Termin. Keine Uhrzeit. Keine Verantwortung. Es steht da wie ein sehr höflicher Ausweichtermin im Kalender des Lebens. Und genau deshalb ist es eigentlich ziemlich scheiße. Denn irgendwann fühlt sich nicht nach Aufgabe an. Es fühlt sich nach Hoffnung an. Dabei ist es oft nur eine Art Verschiebung mit besserem Image. Ich ging aus der Buchhandlung und dachte: Nein. NICHT IRGENDWANN.
Nicht, weil ich plötzlich ein anderer Mensch geworden wäre. So funktioniert das nicht. Niemand geht in eine Buchhandlung, sieht ein Notizbuch und kommt als disziplinierter Abenteurer wieder heraus. Das Leben ist keine Montage-Sequenz aus einem mittelmäßigen Film, in der jemand neue Schuhe anzieht, drei inspirierende Sätze hört und ab dann sein komplettes Leben im Griff hat. Aber manchmal reicht ein Moment. Eine Treppe. Ein Buch. Ein Satz. Ein dummes Wort an der falschen Stelle. Und plötzlich begreift man endlich, wie selten dämlich man sich selbst im Weg steht. Ich wollte kein braves Notizbuch, in das Menschen ihre Träume schreiben und es dann in eine Schublade legen, wo es zwischen Bedienungsanleitungen, alten Ladekabeln und vergessenen Garantiekarten langsam stirbt.
Ich wollte ein Buch, das ein bisschen mehr nach Leben klingt.
Nach Kaffee. Nach Zweifel. Nach Aufbruch. Nach „mach mal“. Nach „nicht perfekt, aber geil“. Nach Dingen, die nicht erst passieren dürfen, wenn Konto, Wetter, Rücken, Mut und innere Verfassung eine gemeinsame Freigabe erteilt haben. Denn wenn man auf den perfekten Moment wartet, kann man sich auch gleich einen Klappstuhl nehmen. Das dauert nämlich. Der perfekte Moment kommt selten. Oder nie. Meistens kommt ein Dienstag. Oder Regen. Oder eine Rechnung. Oder ein Anruf. Oder ein Körperteil, das plötzlich findet, es sei jetzt alt genug für Beschwerden. Oder irgendeine Nachricht, die den ganzen Tag in eine andere Richtung schiebt. Oder direkt der Todeszeitpunkt. Der kommt ja eh ungefragt. Das Leben fragt eben nicht, ob es gerade passt. Es läuft einfach weiter. In Bäckereien. An Theken. Auf Straßen. In Buchhandlungen. Zwischen Kaffee und Kuchen. Zwischen Plänen und Ausreden. Zwischen dem, was wir tun wollen, und dem, was wir dann tatsächlich tun.
Vielleicht braucht man deshalb so eine Liste. Jetzt nicht als Beweis, dass man ein besonders aufregender Mensch ist. Nicht als Wettbewerb. Nicht als Instagram-Futter für Leute, die barfuß auf Felsen stehen und in die Ferne schauen, als hätten sie gerade ihre Stromabrechnung spirituell verarbeitet. Sondern für sich. Als Erinnerung. An das, was noch offen ist. An das, was noch ruft. An das, was nicht erledigt werden will, sondern erlebt.
Ich glaube, eine Bucket-List ist keine Liste für den Tod. Sie ist eine Liste für das Leben. Der Tod steht nur am Ende daneben und macht diese unangenehme Sache, die er nun mal macht: Er sorgt dafür, dass die Zeit nicht unendlich wirkt. Was unhöflich ist, aber vermutlich wirkungsvoll. Ferdinand, die alte Hundelunge hatte also recht. Sterben ist immer das Letzte, was du tun solltest. Vorher sollte man noch ein paar Dinge machen. Vielleicht erstmal eine Liste schreiben. Nicht irgendwann. Jetzt. Oder wenigstens heute.
Das klingt klein. Ist es aber nicht. Ich sitze noch immer in der Bäckerei. Der Kaffee ist inzwischen fast leer. Das Brötchen aufgegessen. An der Theke bestellt jemand zwei Franzbrötchen und sagt sicherheitshalber dazu, dass es „nur für zwei Personen“ sei. Niemand fragt nach. Und es interessiert auch niemanden. Das ist wahrscheinlich das Schöne an Bäckereien. Sie urteilen nicht. Sie verkaufen. Ich klappe mein MacBook nicht zu. Noch nicht. Denn genau hier, zwischen Kaffee, Brötchen, Kuchen und dem ganz normalen Morgenbetrieb, arbeite ich die Idee weiter aus. Meine Bucket-List ist fertig. Also nicht die Liste, sondern das Werkzeug. Das Buch. 247 Seiten. Eine Möglichkeit, die Dinge zu finden, die nicht länger auf irgendwann warten sollen. Hundert Dinge Dinge. Große. Kleine. Dumme. Mutige. Peinliche. Schöne. Unnötige. Wichtige. Dinge, bei denen man später vielleicht sagt: War nicht vernünftig. Aber gut. Und vielleicht ist genau das ein ziemlich brauchbarer Maßstab. Nicht alles muss vernünftig sein. Manches muss nur lebendig sein.
Und dann passierte etwas, das ich in solchen Momenten selbst immer ein bisschen verdächtig finde. Ich habe es gemacht. Nicht perfekt. Nicht mit einem Businessplan, der so umfangreich ist, dass schon beim Lesen der Wille zur Existenz verschwindet. Ich habe mich einfach hingesetzt. An den Küchentisch. In Cafés. In Bäckereien. Überall dort, wo ein MacBook stehen kann, ohne dass jemand sofort fragt, ob das jetzt Arbeit oder Flucht ist. Wobei die Grenze da manchmal erstaunlich dünn ist. Ein belegtes Brötchen daneben, Kaffee in Reichweite, Kopf irgendwo zwischen „Das könnte gut werden“ und „Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?“ Also im Grunde der aktuelle Normalzustand in meinem Leben.
Ich fing an, Texte zu schreiben. Ich zog Linien. Setzte Seiten. Schob Kästen von links nach rechts und wieder zurück, weil Menschen offenbar nicht nur Möbel umstellen, sondern auch Textfelder. Ich überlegte, wo Platz sein musste. Wo Luft. Wo jemand später etwas eintragen würde. Wo eine Frage stehen sollte. Wo besser keine Frage stand. Ich schrieb Überschriften. Verwarf Überschriften. Schrieb neue Überschriften. Dann sah ich sie mir an und dachte: Hm. Dieses „Hm“ ist beim Gestalten ein sehr ernstzunehmender Moment. Es bedeutet selten etwas Gutes, aber fast immer etwas Nötiges.
Ich erstellte Grafiken mit KI. Das muss man heute dazusagen, weil wir in einer Zeit leben, in der Menschen einerseits Raumsonden zum Mars schicken, andererseits aber noch immer nicht zuverlässig erkennen, ob ein Bild echt ist, wenn eine Hand plötzlich zwölf Finger hat und der Hintergrund aussieht, als hätte ein Architekt im Fieber geträumt. Also ja. KI. Nicht als Ersatz für Idee. Eher als Werkzeug. Wie ein Stift. Nur mit mehr Rechenleistung und einer gelegentlich fragwürdigen Auffassung von menschlicher Anatomie.
Dann stellte ich alles selbst zusammen. In Illustrator. Text. Grafik. Linien. Seitenzahlen. Abstände. Weißräume. Und dann lag da eine Datei. Eine fertige Datei. Was natürlich gelogen ist. Sowas ist nie fertig. Sie ist nur der Moment, in dem man entscheidet, dass weitere Änderungen vermutlich mehr Schaden anrichten als Nutzen. Auch das ist eine Lebensweisheit, die nicht auf Kaffeetassen gedruckt werden sollte, obwohl sie vermutlich wahrer ist als die meisten. Dann kam der Probedruck. Ich schlug das Paket auf wie jemand, der gleichzeitig neugierig und bereit für eine kleine persönliche Niederlage ist. Auch das kennt man ja. Diese Mischung aus Vorfreude und dem leisen Verdacht, dass gleich irgendwo ein sehr offensichtlicher Fehler auftaucht, den man vorher 189 Mal übersehen hat.
Und natürlich fand ich Dinge. Kleine Dinge. Abstände. Linien. Seiten. Stellen, die plötzlich anders wirkten. Texte, die auf Papier nicht mehr ganz so klangen wie auf dem Bildschirm. Grafiken, die noch Luft brauchten. Oder weniger Luft. Oder einfach einen Menschen, der sich kurz zusammenreißt und eine Entscheidung trifft. Also überarbeitete ich alles noch einmal. Nicht ein bisschen. Richtig. Ich ging wieder rein. Seite für Seite. Zeile für Zeile. Ich veränderte, strich, setzte neu, prüfte, zweifelte und tat zwischendurch so, als hätte ich alles im Griff. Und jetzt ist es fertig.
Das Buch ist fertig. Ein echtes Buch. Eines, das bald gekauft werden kann. Eines, in das Menschen schreiben können. Eines, das nicht nur hübsch herumliegen soll, damit ein Couchtisch wirkt, als hätte der Besitzer ein Innenleben. Sondern eines, das benutzt werden will. Angefasst. Aufgeschlagen. Vollgeschrieben. Vielleicht auch ein bisschen schief. Mit Kaffee daneben. Mit durchgestrichenen Ideen. Mit Dingen, die erst albern wirken und später vielleicht wichtiger werden, als gedacht. Und während ich auf den Probedruck wartete, tat ich allerdings nicht das, was vernünftige Menschen vielleicht getan hätten. Also warten.
Ich kann das nicht besonders gut. Warten ist für mich eine Tätigkeit, bei der der Körper still ist und der Kopf Möbel rückt. Also schrieb ich eine Webseite. Natürlich. Weil es nicht reicht, ein Buch zu machen. Nein. Da muss dann noch eine Webseite her. Ein Ort für das Projekt. Ein Zuhause im Internet. Eine Seite für dieses Buch. Für diese Idee. Für dieses „Nicht irgendwann“. Für Texte über Ziele, Wünsche, Träume und diesen ganzen Kram, der sofort schlimm klingt, wenn Menschen mit zu weißen Zähnen darüber sprechen, aber erstaunlich brauchbar wird, wenn man ihn ernst meint und trotzdem nicht so tut, als hätte das Universum einem persönlich eine PowerPoint geschickt. Und weil eine Webseite offenbar noch nicht reichte, schrieb ich auch ein WordPress-Plugin. Für eine Bucket-List.
Das klingt schon ziemlich bescheuert. I know. Aber genau dieses Bescheuerte gefällt mir daran. Ich baue ein Buch, in das Menschen ihre Ziele schreiben können, und programmiere nebenbei ein Plugin, mit dem sich solche Ziele digital organisieren lassen. Sortieren. Eintragen. Verschieben. Wiederfinden. Nicht abarbeiten. Das Wort mag ich nicht.
Abarbeiten klingt nach Aktenordner. Nach Pflicht. Nach Montagmorgen. Nach Menschen, die „Workflow“ sagen und dabei ernst bleiben. Eine Bucket-List sollte nicht abgearbeitet werden. Sie sollte erlebt werden. Vielleicht Schritt für Schritt. Vielleicht chaotisch. Vielleicht mit Umwegen. Vielleicht mit Fehlern. Aber nicht wie eine Liste im Baumarkt, auf der Dübel, Silikon und ein Gefühl von innerer Leere stehen.
Ich fing auch selbst an, meine Liste zu erarbeiten. Und das war der Moment, in dem aus dem Projekt noch einmal etwas anderes wurde. Denn plötzlich war es nicht mehr nur ein Buch, das ich gemacht hatte. Es war ein Werkzeug. Für mich. Das klingt klein, ist es aber nicht. Ich saß da und schrieb Dinge auf. Große Dinge. Kleine Dinge. Dinge, die sofort machbar wirkten. Dinge, bei denen ich selbst dachte: Torsten, komm mal kurz klar. Dinge, die mich reizten. Dinge, die mich überforderten. Dinge, die eigentlich keinen Nutzen hatten, außer dass sie sich nach Leben anfühlten.
Und genau das war der Punkt. Es baute mich auf. Nicht auf diese „Du kannst alles schaffen“-Art, bei der man schon nach drei Sekunden das Bedürfnis bekommt, jemanden mit einem Motivationskalender zu erschlagen. Ich merkte, was passiert, wenn man wieder Ziele hat. Nicht Pflichten. Ziele. Nicht diese Ziele, die in Bewerbungsgesprächen gut klingen. Nicht „in fünf Jahren sehe ich mich in einer verantwortungsvollen Position mit Entwicklungspotenzial“, während innerlich ein kleiner Teil bereits den Notausgang sucht. Sondern Ziele, die etwas mit einem selbst zu tun haben.
Mit Sehnsucht. Mit Neugier. Mit Trotz. Mit Lust. Mit dem Bedürfnis, nicht nur zu funktionieren, sondern wieder irgendwohin zu wollen. Ich spielte mit Ideen. Ich spann herum. Ich schrieb Dinge auf, ohne sie sofort zu überprüfen. Ohne direkt zu fragen, ob sie realistisch sind. Ob sie sinnvoll sind. Ob sie vernünftig sind. Ob irgendjemand das nachvollziehen kann. Dieses ständige Überprüfen, was andere denken und finden könnten, ist ohnehin eine der zuverlässigsten Methoden, sein eigenes Leben klein zu halten. Natürlich muss nicht jede Idee umgesetzt werden. Nicht jeder Gedanke ist ein Auftrag. Nicht jeder Wunsch ist ein Projekt.
Aber es macht etwas mit einem, wenn wieder Möglichkeiten im Raum stehen. Wenn der Kopf nicht nur Probleme sortiert, sondern Wege sieht. Wenn das Leben nicht nur aus Reaktion besteht, sondern wieder aus Richtung. Ich habe in dieser Zeit Entscheidungen getroffen, die sich im ersten Moment vollkommen falsch angefühlt haben. Vielleicht waren sie auch falsch.
Das ist ja das Gemeine an Entscheidungen. Die tragen kein kleines Schild um den Hals, auf dem steht: „Keine Sorge, ich bin später mal wichtig.“ Entscheidungen kommen selten mit Garantiekarte. Meistens kommen sie mit Bauchschmerzen, Schlafmangel und diesem Blick auf die Zimmerdecke, den man bekommt, wenn das Gehirn morgens um 3:17 Uhr findet, jetzt sei ein guter Zeitpunkt für eine Grundsatzdebatte.
Aber manche Entscheidungen müssen sich vielleicht erst falsch anfühlen, weil sie etwas Altes verlassen. Eine Sicherheit. Eine Gewohnheit. Eine Version von sich selbst, die zwar nicht mehr passte, aber wenigstens bekannt war. Und bekannt fühlt sich oft sicher an. Selbst dann, wenn es eng geworden ist.
Vielleicht waren diese Entscheidungen nicht bequem. Vielleicht waren sie nicht elegant. Vielleicht sahen sie von außen nicht nach Plan aus. Aber im Nachhinein, glaube ich, werden sie richtig gewesen sein. Nicht, weil plötzlich alles leicht wird. Das wäre Schwachsinn. Dinge werden nicht leicht, nur weil man sie endlich macht. Manchmal werden sie sogar erst einmal komplizierter. Aber sie werden wahrer. Und das ist mehr wert, als man denkt.
Aus dieser kleinen Idee ist ein Projekt geworden. Ein echtes Projekt. Eines, das mich mehr erfüllt als vieles, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. Und das ist ein Satz, den ich nicht leichtfertig schreibe. Denn Erfüllung ist auch so ein Wort, das inzwischen oft klingt, als müsste man dazu morgens um fünf meditieren, Selleriesaft trinken und seinem Spiegelbild danken. Fick Dich. Muss man nicht. Manchmal reicht es, an etwas zu arbeiten, das sich richtig anfühlt, obwohl es noch nicht fertig ist. Oder gerade deshalb.
Dieses Projekt verbindet plötzlich Dinge, die vorher lose herumlagen. Schreiben. Gestalten. Fotografieren. Webseiten bauen. Programmieren. Filmen. Beobachten. Erzählen. Menschen erreichen. Sich selbst wieder ein Stück sortieren. Nicht im Sinne von: Jetzt ergibt alles einen großen, sauberen Sinn. So einfach ist das Leben nicht. Und wenn es so einfach wäre, hätten Menschen vermutlich längst eine App daraus gemacht, inklusive Premium-Abo und Push-Nachrichten mit schlecht formulierten Lebensweisheiten.
Aber es entsteht eine Linie. Eine Richtung. Etwas, das vorher vielleicht schon da war, aber verstreut. Wie Zettel auf einem Tisch. Jeder für sich nicht falsch. Aber erst zusammen wird sichtbar, dass daraus etwas werden kann. Vielleicht war vieles von dem, was war, nicht umsonst. Vielleicht waren die Umwege keine Fehler. Vielleicht waren sie Material. Für Texte. Für Bücher. Für Geschichten. Für diesen Blick auf die Welt. Für dieses Projekt. Für ein Buch, das nicht sagt: Werde ein anderer Mensch. Sondern eher: Fang mit dem Menschen an, der du bist. Der reicht erst einmal. Auch wenn er morgens in einer Bäckerei sitzt, Kaffee trinkt, Kuchen um acht Uhr für eine vertretbare Entscheidung hält und ein Buch darüber baut, dass „irgendwann“ ein ziemlich schlechter Ort zum Leben ist.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht warten, bis alles richtig ist. Nicht warten, bis alles verheilt ist. Nicht warten, bis niemand mehr Zweifel hat. Nicht warten, bis das Leben aussieht, als hätte es eine ordentliche Struktur.
Sondern anfangen. Mit dem, was da ist. Mit dem Kopf, den man hat. Mit den Möglichkeiten, die gerade erreichbar sind. Mit den Ideen, die drängeln. Mit den Träumen, die noch nicht beleidigt gegangen sind. Mit den Zielen, die vielleicht erst albern wirken und später wichtig werden. Ich sitze also hier. Kaffee fast leer. Brötchen weg. Kuchen immer noch eine Option.
Und aus einem Gedanken, der vor ein paar Wochen auf einer Buchhandlungstreppe begann, ist etwas geworden, das jetzt wirklich existiert.
Ein Buch. Eine Webseite. Ein Plugin. Eine Liste. Ein Anfang. Nicht alles muss sofort groß sein. Nicht alles muss sofort verstanden werden. Nicht alles muss sofort funktionieren. Aber etwas muss beginnen. Denn irgendwann ist ein sehr gemütliches Wort. Nur leider wohnt da niemand. Nee. Nie wieder. Nicht irgendwann. Jetzt.
Online geht der Bums ab dem 01. Juli 2026.
100 Dinge.
Ferdinand sagte das jetzt echt nicht feierlich. Das war das Gemeine daran. Er sagte es nicht an einem Kamin, nicht bei Regen am Fenster und auch nicht mit dieser Stimme, die Menschen manchmal benutzen, wenn sie glauben, gerade etwas gesagt zu haben, das später auf eine Postkarte gedruckt werden könnte. Nee. Ferdinand sagte es nebenbei. Irgendwo zwischen Kaffee, einem halben Stück Bienenstich und diesem Blick, den ältere Männer bekommen, wenn sie finden, dass die Welt inzwischen zu viele Ladegeräte hat. „Sterben“, meinte er, „muss das Letzte sein, was du tust.“
Ich sah ihn an. Verdutzt natürlich. Trotzdem klang es erst mal logisch. Sogar erstaunlich logisch. Sterben als letzter Programmpunkt. Ganz hinten auf der Liste. Nach Einkaufen, Steuererklärung, Zahnarzt, Fallschirmsprung, Buch schreiben, jemandem endlich sagen, was Sache ist und vielleicht noch einmal allein irgendwo ans Meer fahren, ohne vorher drei Wochen Wetter-Apps zu vergleichen. Menschen vergleichen heute ja sogar das Wetter für ihre Träume. Ferdinand nahm noch einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht, als hätte der Kaffee ihm gerade persönlich etwas vorgeworfen. Dann sagte er, dass nach dem Tod alles liegen bleibt. Nicht ordentlich sortiert. Nicht abgeheftet. Nicht mit einem gelben Zettel versehen. Einfach so. Unerledigt. Wie diese eine Schublade in der Küche, in der Kabel liegen, von denen man nicht mehr weiß, wofür sie eigentlich sind, die aber trotzdem nicht weggeworfen werden, weil sie vielleicht irgendwann noch wichtig sein könnten. Irgendwann. Dieses Wort, das klingt wie Hoffnung. Und sich oft benimmt wie eine Ausrede mit guter Handschrift.
„Deine Wünsche“, sagte Ferdinand, „macht danach keiner für dich.“
Das war einer dieser Sätze, die erst einmal völlig unspektakulär im Raum stehen. Wie ein Stuhl. Und dann merkt man langsam, dass es kein Stuhl ist, sondern ein Möbelstück aus Wahrheit, an dem man sich nachts noch das Schienbein stößt. Fuck. Er meinte, dass all die unerfüllten Träume nicht irgendwann von selbst losziehen. Kein anderer Mensch würde morgens aufwachen und sagen: Geil. Heute erfülle ich mal Torstens heimlichen Wunsch, nach Norwegen zu fahren, ein Buch zu veröffentlichen, sich in einem fremden Café an ein Fenster zu setzen und für drei Stunden so zu tun, als hätte das Leben gerade keine offenen Rechnungen. Niemand macht das. Nicht die Menschen, denen ich hinterhergelaufen bin. Nicht die, für die ich immer Zeit hatte. Nicht die, bei denen ich sofort geantwortet habe, obwohl meine eigenen Nachrichten in mir seit Monaten ungelesen herumlagen. Ein absurder Zustand übrigens. Innerlich ungelesene Nachrichten. Willkommen im Erwachsenenleben. Die Benutzeroberfläche ist schlecht, aber immerhin stürzt sie regelmäßig ab. Ferdinand meinte dann noch, ich solle aufhören zu glauben, dass Für-andere-da-sein automatisch bedeutet, dass irgendwann jemand für mich lebt. Das sei ein schöner Gedanke. Aber eben auch Quatsch. Also kein kleiner Quatsch. Eher so ein Quatsch mit Eigenheim, Carport und ordentlich gepflegter Hecke. Die meisten Menschen seien einfach damit beschäftigt, ihre eigenen Tage irgendwie durchzubekommen, ihre Termine nicht zu vergessen, ihre Pflanzen nicht umzubringen und beim Einkaufen nicht wieder mit drei Dingen nach Hause zu kommen, die sie nie wirklich brauchen werden. Da könne ich nicht erwarten, dass sie nebenbei noch meine Träume übernehmen. Oder mir dabei helfen. Geschissen. Und ich wusste, dass er recht hatte.
Er sagte das garnicht hart. Er war kein Mann für Härte. Eher für diese norddeutsche, trockene Form von Klarheit, bei der der Satz ohne Umwege ins Zimmer kommt, sich hinsetzt und bleibt. „Wenn du etwas erleben willst“, sagte er, „musst du es erleben. Nicht darüber reden. Nicht darauf warten. Nicht hoffen, dass das Leben irgendwann klingelt und sagt: Hallo, ich hätte da jetzt mal Zeit für dich.“ Das Leben klingelt nämlich selten. Meistens steht es irgendwo draußen, raucht heimlich, schaut auf die Uhr und fragt sich, warum wir so lange brauchen.
Plötzlich kamen mir einige der Dinge in den Kopf, die ich immer verschoben habe, weil ich glaubte, der Zeitpunkt sei nicht richtig. Reisen. Texte. Gespräche. Entscheidungen. Kleine Abenteuer. Große auch. Dinge, die nicht vernünftig waren, aber vielleicht richtig. Orte, die ich sehen wollte. Sätze, die ich sagen wollte. Menschen, die ich loslassen müsste. Menschen, denen ich vielleicht viel zu lange hinterhergelaufen war, als wäre irgendwo am Ende dieser Strecke ein Pokal für emotionale Ausdauer aufgestellt. Fick dich. Da ist keiner. Kein Preis. Kein Pokal. Da steht nur Müdigkeit. Und manchmal ein Parkplatz. Ohne Auto.
Ferdinand meinte auf jeden Fall mit Nachdruck, der Tod sei nicht das Problem. Das Problem sei unser seltsames Talent, schon vorher so zu leben, als hätten wir Zeit. Als hätten wir unendlich viele Nachmittage. Unendlich viele Sommer. Unendlich viele Chancen, noch einmal anzufangen. Dabei wissen wir alle, dass das nicht stimmt. Wir wissen es. Wir tun nur so, als hätten wir die AGB des Lebens nicht gelesen. Was verständlich ist. Niemand liest AGB. Niemand. Und niemand lebt unser Leben.
„Du musst das schon selbst machen“, sagte Ferdinand.
Und da war er wieder. Dieser Satz. Einfach. Unangenehm. Wahr. Kein Pathos. Kein Applaus. Kein Sonnenuntergang. Nur ein alter Mann, ein Kaffee, ein Viertel Stück Bienenstich und die ziemlich klare Erkenntnis, dass niemand mein Leben für mich leben wird. Einfach, weil jeder sein eigenes hat. Und weil meine Träume, so schön sie vielleicht sind, nun mal nicht in fremden Kalendern stehen. Naja. Seitdem denke ich manchmal, dass Sterben tatsächlich das Letzte sein sollte, was ich tue. Auch aus organisatorischen Gründen. Vorher ist ja noch einiges offen. Nur weiß ich mit fünfundvierzig immer noch nicht genau, was es ist.
Das ist vielleicht das Komische daran. Man denkt ja immer, irgendwann käme dieser Moment, in dem das Leben sich endlich sortiert. Man steht morgens auf, trinkt Kaffee und plötzlich liegt da eine innere Liste auf dem Tisch. Sauber nummeriert. Keine Ahnung. Hundert Dinge, die du machen musst, bevor du den Löffel wieder abgibst. Alles klar. Oben steht: Leben. Unten steht: Sterben. Dazwischen ein paar mutige Entscheidungen, ein paar dumme Entscheidungen, ein paar Reisen, ein paar Menschen, ein paar Sätze, die man längst hätte sagen sollen. Aber so funktioniert es nicht.
Jedenfalls nicht bei mir. Bei mir liegt da eher ein Zettel mit Kaffeeflecken, drei halb lesbaren Gedanken und einem Satz, den ich irgendwann mal aufgeschrieben habe und selbst nicht mehr richtig entziffern kann. Vielleicht weiß ich auch einfach noch gar nicht, welche hundert Dinge ich machen möchte. Vielleicht weiß ich nur, dass es nicht nichts sein kann. Dass da noch etwas ist. Irgendwo zwischen den Tagen, die einfach vorbeigehen, den Nachrichten, auf die man wartet, den Menschen, denen man zu lange hinterherläuft und diesen Nachmittagen, an denen man merkt, dass man schon wieder mehr funktioniert als gelebt hat. Vielleicht beginnt so eine Liste nicht mit großen Träumen. Nicht mit Patagonien, Fallschirmsprung und einem Foto vor irgendeinem Wasserfall, an dem schon dreitausend Menschen so getan haben, als hätten sie gerade sich selbst gefunden. Vielleicht beginnt diese Liste viel kleiner. Mit der Frage, was ich eigentlich noch erleben will, bevor alles erledigt ist. Oder bevor ich selbst erledigt bin. Was ja, je nach Woche, manchmal erschreckend ähnlich wirkt.
Ich weiß es nicht. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Nicht die fertige Liste. Nicht der große Plan. Nicht diese alberne Sicherheit, mit der Menschen im Internet behaupten, sie hätten ihr Leben verstanden, während im Hintergrund vermutlich die Motorleuchte im Auto blinkt. Sondern dieses ehrliche Davorstehen. Vor einem leeren Blatt. Vor hundert freien Zeilen. Vor der ziemlich klaren Erkenntnis, dass niemand diese Dinge für mich eintragen wird. Und schon gar nicht für mich erleben. Sterben kommt dann eben später. Ganz nach hinten. Hinter die Suche. Hinter die leeren Zeilen. Hinter die Dinge, von denen ich heute noch nicht weiß, dass ich sie eines Tages unbedingt erleben will. Und vor allem hinter das Leben, das vielleicht genau da beginnt, wo man endlich zugibt, dass man noch keine Ahnung hat.
Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe ein Blatt Papier. Und einen Stift. Immerhin. Man muss ja nicht gleich übertreiben.
Sechs Normale.
Kurz vor acht. Vor der Bäckerei standen ein paar ältere Herren, die sich dort nicht verabredet hatten, sondern einfach vom Leben dort abgestellt worden sind. Jeder mit seiner eigenen Haltung zum Sonntag. Einer mit verschränkten Armen. Einer mit den Händen auf dem Rücken. Man kennt das. Und einer mit einem Blick, der bereits mehr über die Bundesregierung wusste, als Friedrich Merz selbst. Ich stand ein Stück daneben und wartete ebenfalls darauf, dass die Türen sich öffneten. Und damit war ich, also rein organisatorisch betrachtet, einer von ihnen. Altersmäßig noch nicht. Jedenfalls hoffte ich das. Vielleicht würde ich das Alter auch nie erreichen. Wer weiß das schon. Aber wer morgens kurz vor acht vor einer Bäckerei steht und wartet, hat den ersten Antrag auf Mitgliedschaft in diesem Club im Grunde bereits gestellt. Man merkt das nur nicht sofort, weil es keine Satzung gibt. Nur Brötchen, kurze Kommentare zum Wetter und diese besondere norddeutsche Form des Zusammenstehens, bei der niemand so richtig miteinander redet und trotzdem alle irgendwie beteiligt sind. Moin. Wer mehr sagt, hat entweder Urlaub oder Redebedarf.
Der Sommer hatte sich längst im Dorf breitgemacht. In den Vorgärten standen die Hortensien so ordentlich, als hätten sie Angst vor Beschwerden aus der Nachbarschaft. Das Schützenfest stand schließlich vor der Tür. Da wird selbst eine Hortensie irgendwann Teil der Außendarstellung. Auf der Straße lag schon dieses helle, trockene Licht, das später am Tag unangenehm werden würde. Aber jetzt war es noch kühl. Noch friedlich. Einfach diese kurze Zeit am Morgen, in der selbst der Tag so tut, als hätte er nichts Schlimmes vor. Die Tür der Bäckerei war ja noch geschlossen. Aber drinnen bewegte sich jemand hinter der Theke. Man sah Bleche, Tüten, eine Hand, die irgendetwas zurechtrückte. Vor uns roch es nach frischem Brot, sogar nach Kaffee und der leisen Hoffnung, dass das Leben mit einem guten Brötchen vielleicht doch noch einmal verhandelbar wäre. Dann bog ein grüner Geländewagen auf den Parkplatz ein. Nicht schnell. Nicht hektisch. Eher mit der Haltung eines Fahrers, der seit Jahren der Meinung war, Parkflächen seien nur eine Empfehlung für andere. Er rollte über den Platz, nahm sich Raum, stand schließlich leicht schräg und wirkte trotzdem überzeugt von sich. Aus dem Wagen stieg ein älterer Mann. Oder genauer: Er löste sich langsam aus dem Innenraum, als müsse er erst mit mehreren Körperregionen einzeln abstimmen, ob dieser Ausstieg wirklich nötig sei.
Er trug ein kurzärmeliges Hemd, eine Hose, die wahrscheinlich schon auf vielen Dorfveranstaltungen sachlich anwesend gewesen war und den Gesichtsausdruck eines Mannes, der nicht nur Brötchen holen, sondern auch seine Meinung kundtun wollte. Das ist morgens vor Bäckereien ja nicht selten. Manche Menschen bringen Einkaufszettel mit. Andere erklären ungefragt die politische Lage des Landes. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, obwohl die Hitze noch gar nicht richtig angefangen hatte. Aber manche Körper arbeiten offenbar vorausschauend. Klimatisch, meine ich. Dann schlug er die Autotür zu, sah kurz über den Parkplatz, nickte in die Runde und ging zu den anderen Männern hinüber, als gehöre er dort längst dazu. Vielleicht tat er das auch. Keine Ahnung. In Dörfern gibt es Gruppen, in die wird man nicht aufgenommen. Man steht irgendwann einfach dabei. Erst zufällig. Dann regelmäßig. Und eines Morgens beschwert man sich über den Rasenmäher vom Nachbarn oder die Nationalmannschaft und niemand stellt mehr Fragen. „Junge“, sagte er, noch bevor er richtig stand, „was haben die Deutschen gestern scheiße gespielt.“ Der Satz fiel auf den Parkplatz wie ein nasser Sack Blumenerde. Nicht schön, aber eindeutig. Die anderen Männer reagierten nicht überrascht. Eher erleichtert. Endlich war das Thema da. Wetter und Fußball sind auf dem Dorf sichere Gesprächseinstiege. Das Schützenfest auch, aber eher saisonal. Wetter, weil es jeden betrifft. Fußball, weil jeder glaubt, es besser zu wissen. Ich wusste natürlich sofort, welches Spiel er meinte. Man musste es nicht gesehen haben, um darüber reden zu können. Das ist vielleicht eine der größten kulturellen Leistungen des Fußballs. Er ermöglicht Meinungen auch bei unvollständiger Sachlage. Der Mann setzte noch einen Schritt nach, blieb breitbeinig stehen und schaute, als sei er persönlich beim DFB angestellt und gestern Abend enttäuscht worden. Seine eigene Beweglichkeit wirkte an diesem Morgen eher theoretisch, aber das ist beim Fußballreden nicht entscheidend. Niemand verlangt von einem Zuschauer, dass er bei der Analyse eines misslungenen Pressings selbst noch einmal kurz in den Vollsprint geht. Zum Glück. Sonst wären viele Bäckereigespräche nach acht Sekunden beendet und der Rettungsdienst müsste gucken, wo er überhaupt parken kann. Einer der anderen Männer brummte zustimmend. Ein zweiter sagte: „Die laufen ja gar nicht mehr.“ Der dritte sagte nichts, nickte aber so ernst, als sei gerade nicht über ein Fußballspiel gesprochen worden, sondern über die Statik einer Brücke. Ich stand daneben, hörte zu und dachte, dass es erstaunlich ist, wie schnell ein ganz normaler Morgen eine Expertenrunde hervorbringen kann. Fünf Männer vor einer Bäckerei, keiner mit Trainingsanzug, keiner mit Taktiktafel, aber alle mit der Gewissheit, dass man dieses Spiel mit drei klaren Sätzen, zwei Handbewegungen und einem tiefen Seufzer vollständig erklären könne.
Vielleicht ist das auch schön. Vielleicht braucht der Mensch solche Orte. Parkplätze. Bäckereien. Kurze Gespräche, in denen man für einen Moment so tut, als ließe sich die Welt ordnen, wenn nur endlich mal jemand Tacheles, oder wie das heißt, reden würde. Die Tür der Bäckerei öffnete sich. Der Geruch von Brötchen wurde stärker. Die Männer rückten fast unmerklich näher zusammen, als beginne nun der eigentliche Teil des Morgens. Der Mann aus dem Geländewagen schüttelte noch einmal den Kopf. „So wird das nichts“, sagte er. Niemand widersprach. Vielleicht, weil er recht hatte. Vielleicht, weil es kurz vor acht war. Vielleicht, weil Menschen vor Bäckereien nicht diskutieren wollen, sondern Zustimmung suchen, Brötchen kaufen und danach wieder nach Hause fahren, bevor der Sommer richtig anfängt.
Ich bestellte später zwei Brötchen. Der Mann nahm sechs normale, vier Körner und eine Zeitung. Bild am Sonntag. Es passte ins Bild, auch wenn das jetzt ein sehr billiger Satz ist. Egal. Beim Bezahlen sagte er zur Verkäuferin, dass es heute wieder warm werde. Sie sagte: „Ja, sieht so aus.“ Mehr mussten sie nicht sagen. Draußen sprang der Geländewagen an. Die Männer verteilten sich langsam. Andere kamen. Der Parkplatz wurde wieder Parkplatz. Und ich ging mit meiner Tüte in der Hand zurück durch den kühlen Morgen und dachte, dass das Dorf manchmal keine großen Geschichten braucht. Manchmal reicht ein Mann, der aus einem Geländewagen steigt und über Fußball spricht, als hätte Friedrich Merz ihn persönlich beauftragt, vor der Bäckerei die deutsche Lage zu erklären. Vielleicht ist es ja auch so. Oder so ähnlich. Wer weiß das schon.