Servus, Nebelhorn.

Reisetagebuch Teil IV

Es ist Sonntagmorgen. Kurz nach sechs. Die Straßen von Oberstdorf wirken ruhig. Ich frühstücke ordentlich. Zwei Brote. Ein Stück Hefezopf. Kaffee natürlich. Sehr viel Kaffee sogar. Wandern ohne Kaffee ist im Grunde nur zielloses Gehen mit schlechter Laune. Gegen halb acht schnüre ich die Wanderschuhe ungewöhnlich motiviert fest. Draußen leert die Stadtreinigung gerade die Mülltonnen an der Kirche. Einer der Männer nickt mir zu. „Servus.“ Ich antworte ebenfalls mit „Servus“, obwohl ich bis heute nicht genau weiß, was das Wort eigentlich alles bedeutet. Bei „Moin“ kenne ich die Regeln. Ein einfaches „Moin“ ist korrekt. Ein „Moin Moin“ entlarvt zuverlässig Touristen. Aber „Servus“? Kann man das morgens sagen? Abends? Beim Wandern? Auf Beerdigungen? In Bäckereien? Ich habe keine Ahnung. Vermutlich sagt man es hier einfach immer.

Mein Plan für diesen Morgen ist klar. Mit der Nebelhornbahn fahren. Oben ein bisschen so tun, als wäre ich ein erfahrener Bergmensch. Gipfelkreuz. Foto. Aussicht. Persönlicher Triumph über die Höhenangst. Eventuell noch ein übertrieben nachdenklicher Blick in die Alpen für Instagram. Ordentliche Tagesplanung eigentlich. Schon auf dem Weg wundere ich mich allerdings über den ungewöhnlich leeren Parkplatz an der Talstation. Keine Reisebusse. Keine Senioren mit Wanderstöcken. Keine Menschen in Wanderklamotten. Vor der Tür der Talstation endet mein Plan dann ziemlich abrupt. Geschlossen. Wegen Instandhaltungsarbeiten. Irgendetwas Gesetzliches. Irgendetwas Technisches. Jedenfalls fuhr die Bahn nicht. Kein Stück. Ich stand davor wie jemand, der voller Vorfreude ins Kino geht und erst am Eingang erfährt, dass der Film gestern zum letzten Mal lief.

Kurz war ich genervt. Nicht dramatisch. Eher dieses Genervtsein, bei dem man zweimal langsam nickt und innerlich beleidigt auf eine Tür schaut. Dann dachte ich mir: Scheiß drauf. Dann eben zu Fuß. 10,5 Kilometer. Easy. Laufe ich doch ständig. Morgens. Nachmittags. Gehen kann ich. An die ungefähr 1.400 Höhenmeter dachte ich in diesem Moment nicht. Überhaupt nicht. Höhenmeter wirken auf dem Papier auch erstaunlich harmlos. Das Wort klingt fast freundlich. Meter eben. Was sollen Meter schon machen? Die Antwort darauf lautet übrigens: sehr viel. Vor allem bergauf. Doch wie gesagt, daran dachte ich nicht. Ich lief los. Voller Motivation. Die Luft war kühl. Wiesen leuchteten im Morgenlicht. Irgendwo läuteten Kuhglocken. Nur vereinzelt Menschen. Die ersten Meter liefen hervorragend. Zu hervorragend sogar. Ich begann innerlich bereits damit, mich selbst zu bewundern. Dachte Dinge wie: Siehst du. Läuft doch. Vielleicht steckt in dir doch ein richtiger Bergmensch. Vielleicht kaufst du dir irgendwann auch so eine ultraleichte Outdoorjacke für 480 Euro. Etwa eine Stunde später saß ich schwitzend irgendwo am Wegesrand, atmete wie ein überforderter Staubsauger und beobachtete eine Oma, die deutlich entspannt an mir vorbeiging. Sie nickte mir freundlich zu. Ich konnte nur noch zurückatmen.

„Langsam“, sagte ich irgendwann zu mir selbst. „Geh einfach langsamer. Du musst hier nichts gewinnen.“ Ein erstaunlich vernünftiger Satz für jemanden, der eine Stunde vorher noch dachte, 1.400 Höhenmeter seien im Grunde nur ein etwas längerer Spaziergang. Ich nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack, blieb kurz stehen und wartete, bis der Wind mein T-Shirt wenigstens ansatzweise getrocknet hatte. Danach ging ich weiter. Langsam diesmal. Wirklich langsam. Der Weg führte inzwischen über Strecken, die mit normalen norddeutschen Vorstellungen von „Weg“ nur noch begrenzt etwas zu tun hatten. Teilweise wirkte das eher wie eine Meinungsverschiedenheit mit dicken, nassen Steinen. Ich ärgerte mich kurz darüber, kein Geodreieck eingepackt zu haben, um den Steigungswinkel exakt zu bestimmen. Rein wissenschaftlich natürlich. Emotional war längst klar, dass es steil war. Sehr steil sogar.

Irgendwann kam ich an einem Wasserfall vorbei. Laut. Gewaltig. Dieses kalte, klare Wasser schoss zwischen den Felsen runter, als hätte es irgendwo einen wichtigen Termin. Ich blieb stehen und sah einfach eine Weile zu. Kurz darauf kam der nächste Wasserfall. Dann noch einer. Offenbar bewegte sich der Fluss hier von Wasserfall zu Wasserfall durch die Berge und hielt erstaunlich wenig von Ruhe oder Zurückhaltung. Überall rauschte und tobte es. Und genau das machte es so gut. Natürlich zog ich irgendwann mein Handy raus, weil man heute offenbar selbst mitten in den Alpen noch kurz dokumentieren muss, dass Wasser existiert. Ich filmte das Ganze für meine Story und stellte bereits währenddessen fest, dass dieses Naturschauspiel auf Video ungefähr achtzig Prozent seiner Wirkung verlor. Vielleicht sogar neunzig. Auf dem Display sah alles plötzlich kleiner aus. Flacher. Weiter weg. Es ist ein bisschen wie bei Konzerten. Menschen halten zwei Stunden lang ihr Telefon in die Luft, schauen die gesamte Show über ein sechs Zoll großes Display an und besitzen danach ein verwackeltes Video mit Soundqualität einer kaputten Auspuffanlage. Und trotzdem machen es alle. Mich eingeschlossen. Ich postete das Video. Und ein paar Minuten später ein Foto. Social-Media-Opfer.

Dann wechselte der Weg plötzlich in etwas, das ich vermutlich als Straße bezeichnen würde. Wobei „Straße“ hier ein dehnbarer Begriff ist. Für norddeutsche Verhältnisse sah das eher aus wie ein Wirtschaftsweg mit leicht aggressiver Haltung. Ich folgte ihm den Berg hinauf. Nicht besonders elegant, aber immerhin vorwärts. Wenige Minuten später verwandelte sich das Ganze allerdings wieder in einen schmalen Wanderweg. An einer Stelle ging es links und rechts ziemlich deutlich bergab. Nicht senkrecht. Aber doch in einem Winkel, bei dem man instinktiv etwas langsamer läuft und plötzlich sehr bewusst darüber nachdenkt, wo genau man seine Füße hinstellt. Unten standen Bäume. Viele Bäume. Sicherlich hätten sie mich beim Fallen irgendwann gebremst. Vermutlich allerdings auf eine Weise, die medizinisch eher kritisch bewertet wird. Ich entschied mich deshalb gegen einen Selbstversuch. Dabei musste ich an einen Satz denken, den mal jemand zu mir gesagt hatte: „Sterben ist das, was du als Letztes machen solltest. Mach vorher erstmal alles andere.“ Ich halte mich inzwischen ziemlich konsequent daran. Funktioniert bisher erstaunlich gut.

Während ich weiterging, dachte ich kurz darüber nach, vielleicht so eine Löffelliste anzulegen. Also eine Liste mit Dingen, die man unbedingt noch machen will, bevor man irgendwann den Löffel abgibt. Reisen. Orte sehen. Irgendwelche absurden Ideen umsetzen. Mehr draußen sein. Mit der Nebelhornbahn fahren. Solche Sachen eben. Allerdings hatte ich weder Papier noch Stift dabei. Außerdem fragte ich mich plötzlich, ob man das Anlegen einer Löffelliste eigentlich ebenfalls auf die Löffelliste schreiben müsste. Das Ganze wurde mir innerhalb von ungefähr zehn Sekunden deutlich zu philosophisch für jemanden, der gleichzeitig versuchte, nicht vom Berg zu fallen. Irgendwann sah ich weiter oben etwas, das aussah wie eine große Hütte. Und wie das bei Wanderungen manchmal so ist, entwickelte ich sofort eine emotionale Bindung zu diesem Gebäude, obwohl ich noch nicht einmal wusste, was es eigentlich war.

Es war eine kleine Holzhütte, ganz in der Nähe der Gastwirtschaft Seealpsee. Die Gastwirtschaft selbst hatte geschlossen. Die Hütte natürlich auch. Trotzdem ging ich hin, sah mich ein wenig um und setzte mich kurz in die Sonne. Dort oben hatte sie erstaunlich viel Kraft. Diese Bergsonne, die sich erst angenehm anfühlt und ungefähr zwanzig Minuten später dafür sorgt, dass Menschen aussehen, als hätten sie einen Halbmarathon durch die Sahara absolviert. Ich nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack und trank den letzten Schluck. Danach schüttelte ich sie noch einmal leicht, als würde plötzlich doch wieder Wasser erscheinen, wenn man nur fest genug daran glaubt. Tat es natürlich nicht.

Bis zum Gipfel wären es von dort noch ungefähr zwei Stunden gewesen. Vielleicht etwas mehr. Vielleicht sogar viel mehr. Rein konditionell hätte ich das vermutlich irgendwie geschafft. Nicht schön. Aber irgendwie. Gleichzeitig begann sich das Wetter langsam zu verändern. Der Himmel zog etwas zu. Wind kam auf. Und irgendwo zwischen meinen Knien und meinem restlichen Körper entstand plötzlich dieses sehr deutliche Gefühl, dass Vernunft heute möglicherweise die bessere Geschichte schreiben würde. Also beschloss ich umzudrehen. Nicht frustriert oder enttäuscht. Eher erstaunlich zufrieden. Ich musste dort oben niemandem etwas beweisen. Und selbst wenn irgendjemand mein Scheitern mitbekommen hätte, wäre es vermutlich spätestens beim Abendessen wieder vergessen gewesen. Menschen sind schließlich hauptsächlich mit ihren eigenen Knien beschäftigt.

Für den Rückweg nahm ich dann allerdings eine echte Straße. Mit Asphalt. Mit Kurven. Mit einer Oberfläche, die nicht permanent versuchte, mich körperlich neu zu sortieren. Ehrlich gesagt war das auch völlig in Ordnung. Ich werde bald fünfundvierzig. Da darf man langsam akzeptieren, dass „vernünftig“ manchmal einfach die schönere Form von „nicht abgestürzt“ ist. Außerdem existierte meine Löffelliste zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal. Und es wäre wirklich ärgerlich gewesen, zu sterben, bevor man überhaupt aufschreiben konnte, was man vorher noch alles machen muss.