Mit etwas Glück bleibt da eine Narbe. Eine ziemlich große sogar. Direkt über meinem rechten Auge. Das Herz schlägt zwar links, aber vielleicht gehören Narben sowieso nicht dahin, wo das Herz sitzt. Vielleicht gehören sie ja dahin, wo man sie morgens im Spiegel sieht. Genau da, wo man hinguckt, bevor man sich Kaffee macht, die Zähne putzt und versucht, für einen weiteren Tag halbwegs wie ein funktionierender Erwachsener auszusehen. Und vielleicht werde ich in ein paar Jahren, wenn ich mit etwas Glück wirklich alt bin, auch vor einem Spiegel stehen, die Narbe anschauen und grinsen. Weil ich dann sofort wieder an diese eine Party im Jahr 2026 denken werde. An eine Party von Freunden für Freunde. An einen dieser Tage, die eigentlich vollkommen normal anfangen und irgendwann beschließen, dass sie bleiben. Unter Apfelbäumen. Am Fluss. Zwischen alten Eichen, deren Äste sich im Wind bewegen, während unten das Wasser Richtung Stadt zieht. Noch ein gutes Stück entfernt von Häusern, Straßen und all dem Kram, der sonst ständig wichtig sein möchte. Dort haben Freunde gemeinsam einen Garten hergerichtet. Kabel gezogen. Beleuchtung aufgebaut. Technik angeschlossen. Tische verschoben. Dinge irgendwo hingestellt und später noch einmal woanders hingestellt, weil das bei solchen Aktionen offenbar zum offiziellen Ablauf gehört. Keine durchgestylte Pinterest-Scheiße. Keine Servietten, die farblich auf irgendwelche Trockenblumen abgestimmt waren. Einfach ein richtig geiler Garten. Freitag. Kaffee und Kuchen in der Küche. Pizza auf alten Holzpaletten. Musik. Getränke. Leute, die kamen, blieben, halfen, lachten und diesen Ort für ein paar Stunden zu etwas gemacht haben, das man nicht planen kann. Und genau deshalb war es so gut. Denn es gibt Tage, da merkt man plötzlich mittendrin, dass man sich genau daran einmal erinnern wird. Nicht, weil gerade etwas wahnsinnig Spektakuläres geschieht. Sondern weil einfach alles stimmt. Der Ort. Die Menschen. Die Stimmung. Dieses schwer zu erklärende Gefühl, dass man gerade verdammt gerne genau dort ist, wo man ist.
Ich verstehe schon, warum Menschen Narben im Gesicht meistens nicht besonders geil finden. Sie passen nicht unbedingt in das, was uns jahrelang als schön verkauft wurde. Glatte Haut. Symmetrie. Möglichst wenig Spuren davon, dass man dieses Leben tatsächlich benutzt hat. Und natürlich erzählen Narben nicht immer schöne Geschichten. Manche entstehen durch Unfälle. Durch Gewalt. Durch Krankheiten. Durch Dinge, an die man sich vielleicht lieber nicht jeden Morgen erinnern möchte. Aber meine wird anders. Meine wird von einem verdammt guten Tag erzählen. Von einem Garten am Fluss. Von Pizza auf Holzpaletten, Musik und Freunden. Von Menschen, bei denen man nicht erklären muss, warum sie einem wichtig sind. Und davon, dass dieser Tag offenbar so gut war, dass er beschlossen hat, ein kleines Stück von sich einfach dazulassen. Direkt über meinem rechten Auge. Wie es dazu gekommen ist? Das erzähle ich später. Denn diese Geschichte gehört ans Ende. Genau dahin, wo sie passiert ist.
Unter Freunden
Aber wir bleiben am Anfang. Nicht ganz am Anfang, denn solche Geschichten fangen sowieso immer früher an, als man später behauptet. Vielleicht Jahre vorher. Mit irgendeiner Entscheidung. Mit einem Termin, der abgesagt wurde. Mit etwas, das sich nicht verschieben ließ. Mit einem Satz zwischen Freunden, der erstmal gar nicht besonders groß klang. Lass uns das einfach mal machen. Könnte ja gut werden. Oder komplett bescheuert. Und meistens sind genau das die Sachen, bei denen man vorher noch ein bisschen zweifelt. Bei denen niemand so richtig weiß, ob das eine gute Idee ist. Bei denen man kurz über Vernunft nachdenkt und sich dann entscheidet, auf jede angezogene Handbremse und Vollkaskoversicherung einfach mal zu scheißen. Man macht. Und manchmal wird genau daraus etwas richtig Geiles. Vielleicht liegt der eigentliche Anfang also irgendwo dort. Aber den erzähle ich nicht. Ich fange am Samstag an.
Die letzten Vorbereitungen laufen. Kleinkram. Details. Nichts, was einzeln besonders wichtig aussieht, aber zusammen genau den Unterschied macht zwischen „Wir stellen hier ein bisschen was hin“ und „Scheiße, das wird heute wirklich gut.“ Am Rand steht jemand und raucht. Ein paar Meter weiter werden die letzten Kabel verlegt. Irgendwer malt ein Plakat. Jemand anderes baut dafür noch schnell einen Rahmen. Der Zeitplan der Bands wird aufgehängt. Aufgaben werden verteilt, geändert, wieder anders verteilt und am Ende macht sowieso jeder noch irgendwas, das ursprünglich gar nicht auf seiner Liste stand. Der Grill kommt an seinen Platz. Die ersten Gäste trudeln ein. Ein paar bauen ihre Zelte auf. Andere schlafen später in Bullis. Für die Bands stehen Wohnwagen parat, falls irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem Heimfahren zwar theoretisch noch möglich, praktisch aber einfach eine beschissene Idee wäre. Auf der Bühne wird weiter geschraubt. Aber anders. Der Tontechniker feilt am Sound. Die erste Band stimmt die Gitarren, redet sich mit ihm durch Pegel, Monitore und diesen ganzen Kram, von dem ich ungefähr so viel verstehe wie von der, ich sach mal, korrekten Besteuerung einer liechtensteinischen Briefkastenfirma. Aber es klingt langsam richtig. Nicht perfekt. Perfekt würde hier sowieso nicht passen. Dafür geht die Musik zu sehr nach vorne. Dafür ist das hier zu echt.
Ich frage mich gerade, ob ich auf die Bands überhaupt einzeln eingehen soll. Ich bin kein Musikexperte. Nicht mal ansatzweise. Technik. Genres. Klangbilder. Gitarrensounds. Irgendwelche Unterschiede, die andere Menschen nach drei Takten erkennen und anschließend zwölf Minuten erklären können. Keine Ahnung. Ich kann eigentlich nur sagen, ob mich eine Band abholt oder eben nicht. Und an diesem Tag haben sie das. Manche mehr. Manche weniger. Aber am Ende ist das sowieso nur meine Meinung. Kann man lesen. Muss man aber nicht übernehmen. Denn das, was ich überragend finde, klingt für jemand anderen vielleicht einfach nach Geschrammel von wilden Leuten, die vermutlich gerade irgendeine Phase durchmachen. Ist natürlich Quatsch. Aber Menschen reden erstaunlich gern über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Erfahrungswerte. Was soll ich machen? Und ich nehme mich da ausdrücklich nicht raus. Hab ich selbst oft genug gemacht. Irgendwas gesehen. Kurz eingeordnet. Schublade auf. Rein damit. Fertig. Heute versuche ich lieber neugierig zu sein als wertend. Klappt manchmal ziemlich gut. Und manchmal eben überhaupt nicht. Auch das gehört vermutlich dazu. Egal Karl.
Bands
Die Bands, die an diesem Samstag gespielt haben, hießen KID DAD, CARA, Badminton, Kann Karate, Bony Macaroni und Plaiins. Alle cool. Alle richtig gut. Und natürlich jede auf ihre eigene Art. Wäre ja auch maximal ätzend, wenn sechs Bands nacheinander exakt denselben Kram machen würden. Keine Coverbands. Keine Top-40-Schützenfestkapelle. Kein Mainstream-Gedudel, bei dem spätestens beim dritten Song irgendwer „Summer of ’69“ erwartet. Meist Indie. Punk. Irgendwas dazwischen. Vielleicht auch komplett anders. Wie gesagt: Ich hab doch keine Ahnung.
KID DAD kamen, wenn ich das richtig im Kopf habe, aus Berlin und Paderborn. Glaub ich. Paderborn. Früher habe ich aus irgendeinem vollkommen unerklärlichen Grund geglaubt, Paderborn läge irgendwo an der Nordsee. Ein kleiner, verschlafener Ort, in dem grundsätzlich alle Menschen gelbe Regenjacken tragen. Friesennerze. Immer. Weil es in Paderborn natürlich auch immer regnet. Immer Herbst. Keine Ahnung, woher mein Kopf diesen Quatsch hatte. Vermutlich dieselbe Abteilung, die jahrelang auch andere vollkommen unbelegte Dinge einfach als Fakten abgespeichert hat. Heute weiß ich natürlich, wo Paderborn liegt. Irgendwo da am Rand Richtung Sauerland. Und Berlin? Ja gut. Davon hab ich schon mal gehört.
CARA hingegen kam aus Köln. Schon deutlich ruhiger oder vielleicht auch melancholischer. Songs über Selbstfindung, Beziehungen, Nähe, Entfernung und diesen ganzen Kram, bei dem man eigentlich nur Musik hören will und plötzlich trotzdem irgendwo in seinem eigenen Leben landet. Unfassbar schöne Stimme. Viel Gefühl. Mir persönlich fast ein bisschen zu viel davon. Und damit meine ich nicht, dass es schlecht war. Ganz im Gegenteil. Es hat mich nur ziemlich erwischt. Emotional. Mehr, als ich in dem Moment eigentlich gebrauchen konnte. Keine Ahnung. Es gibt Musik, die läuft einfach. Und es gibt Musik, die stellt sich neben dich, legt dir kurz die Hand auf die Schulter und sagt: So. Jetzt gucken wir uns das hier mal gemeinsam an. CARA war eher die zweite Sorte. Wunderschön. Aber eben auch gefährlich nah dran. Das ist ein richtiges Kompliment, auch wenn es erstmal anders klingt. Ich war nur nicht bereit.
Und wo wir gerade bei Menschen sind, die an diesem Tag irgendwie präsent waren, obwohl sie gar nicht da waren: Mareike und Marina haben gefehlt. Beide. So nämlich. Irgendwas war dazwischengekommen. Familienurlaub. Termine. Leben eben. Diese lästige Angewohnheit des Alltags, sich nicht danach zu richten, wann irgendwo ein richtig guter Abend geplant ist. Kann man nichts machen. Trotzdem haben sie gefehlt. Jetzt nicht so, dass ständig jemand traurig in eine Ecke geguckt hätte. So meine ich das gar nicht. Eher auf diese stille Art. Wenn man zwischendurch denkt: Das hier würde ihr gefallen. Oder: Jetzt würde sie wahrscheinlich genau darüber lachen. Oder wenn irgendwo ein Platz frei ist, obwohl eigentlich niemand einen Platz freigehalten hat. Menschen können fehlen, ohne dass dadurch alles schlechter wird. Der Abend war großartig. Vielleicht gerade deshalb merkt man manchmal besonders deutlich, wen man gern dabeigehabt hätte. Mareike und Marina gehörten an diesem Tag oder Abend dazu. Definitiv.
Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das war, aber irgendwann vor CARAs Auftritt stand BADMINTON hinten auf dem Platz und spielte mit den Kids Fußball. Einfach so. Keine große Ansage. Kein Programmpunkt. Kein „Jetzt bitte alle einmal hier entlang“. Ball da. Kinder da. Band da. Also wurde gespielt. Ohne Linienrichter, ohne Regeln und ohne doppelten Boden. Okay, ein Netz gab es. Genau solche Sachen machen dieses Fest aus. Es passiert einfach. Menschen kommen zusammen und für ein paar Stunden interessiert es wirklich niemanden, wo jemand herkommt, was jemand verdient, woran jemand glaubt oder in welche verdammte Schublade er laut irgendeinem Formular eigentlich gehören soll. Zumindest hatte ich genau dieses Gefühl. Und ganz ehrlich: All der ganze Bums würde mich auch nicht interessieren. Nach dem Fußball war dann BADMINTON dran. Und die haben das Publikum schon ziemlich ordentlich zerfickt. Darf man das so schreiben? Ja. Natürlich darf ich das so schreiben. Meine Seite. Meine Texte. Kein Chefredakteur, der mit rotem Stift danebensteht und aus „zerfickt“ am Ende „begeisterte das Publikum“ macht. Auch irgendwie geil. Aber wie gesagt: Ich will hier gar nicht anfangen, jede Band musikalisch auseinanderzunehmen. Dafür fehlt mir erstens das Fachwissen und zweitens wäre meine Meinung am Ende sowieso genau das, meine Meinung. Subjektiv. Ich werde die Bands am Ende verlinken und dann kann sich jeder selbst anhören, was davon hängen bleibt. Denn vielleicht finde ich etwas großartig und jemand anderes hält es für drei Gitarren und einen mittelschweren Nervenzusammenbruch. Völlig okay. So funktioniert Musik vermutlich. Denke ich. Wie gesagt: Keine Ahnung.
Ich habe mich mit Tim unterhalten, der gerade mit meinem Buch arbeitet. Mit Matthias, mit dem ich früher mal zur Schule gegangen bin. Mit Jens und Simon, die ich auch irgendwie von früher kenne, obwohl wir nie gemeinsam in irgendeinem Klassenraum gesessen haben. Mit Anneliese, die 2008 für einen ziemlich kurzen Moment meine Arbeitskollegin war. Vielleicht ein paar Wochen. Keine Ahnung. Lange genug jedenfalls, dass man sich fast zwanzig Jahre später noch erkennt. Mit Mirco. Mit Ralf. Rolf. Stefan. Maria. Gerd. Mit all den Menschen, die dieses Fest auf die Beine gestellt haben. Und mit Sicherheit habe ich jetzt jemanden vergessen. Oder ich kenne manche Namen überhaupt nicht. War aber auch vollkommen egal. Niemand lief dort herum und stellte sich mit vollständigem Namen, Beruf und aktueller Lebenssituation vor. Man redete einfach. Über Musik. Über früher. Über heute. Über irgendeinen Quatsch, der genau in diesem Moment wichtig genug war, um ein paar Minuten darüber zu sprechen.
Besonders gefreut habe ich mich über Anne. Wir kennen uns noch aus Zeiten, in denen wir im Scheibenwischer Partys gefeiert haben. Den Scheibenwischer gibt es schon ewig nicht mehr. Und diese Abende liegen inzwischen so weit zurück, dass vermutlich ganze Teile davon irgendwo zwischen zu lauter Musik, Bier und den allgemeinen Gedächtnislücken der frühen Erwachsenenjahre verschollen sind. Aber manches ist eben trotzdem noch da. Keine komplette Nacht. Keine genaue Uhrzeit. Keine Ahnung mehr, welche Musik lief oder wer damals welches Shirt getragen hat. Sondern so kleine Szenen. Momente eben. Ein Gespräch draußen vor der Tür. Irgendein Lachen. Ein kurzer Moment an der Theke. Zwei Sätze, die vollkommen unwichtig waren und sich trotzdem irgendwo festgesetzt haben. Schon verrückt. Oder? Ich mein, wenn mich heute jemand fragen würde, was ich damals so hatte an Kram, könnte ich vermutlich kaum etwas aufzählen. Welche Schuhe. Welche Jacke. Was damals unbedingt wichtig wirkte. Echt. Keine Ahnung. Aber ich weiß noch, wie sich manche Abende angefühlt haben.
Vielleicht sollten wir tatsächlich wieder ein bisschen mehr davon sammeln. Nicht Zeug. Momente. Dinge kann man verlieren. Verkaufen. Wegwerfen. Sie gehen kaputt oder liegen irgendwann in irgendeinem Karton, bei dem man seit sechs Jahren behauptet, man würde ihn demnächst mal aussortieren. Momente aber sind anders. Die nimmt man einfach mit. Manchmal über Jahre. Manchmal über Jahrzehnte. Vielleicht sogar weit darüber hinaus. Keine Ahnung. Zum Glück bin ich noch nie gestorben, deshalb fehlen mir da belastbare Erfahrungswerte. Aber genau diese kleinen Augenblicke gab es auch an diesem Samstag wieder. Am Fluss. Unter den Apfelbäumen. Zwischen Musik, Gesprächen und Menschen, die sich irgendwann irgendwo im Leben schon einmal begegnet waren oder sich genau dort zum ersten Mal trafen. Nichts davon musste besonders teuer sein. Kein Luxus. Kein großes Spektakel. Manchmal reichen ein Garten, ein paar alte Holzpaletten, Musik und Menschen, mit denen man verdammt gerne genau dort steht. Und vielleicht ist das am Ende wirklich der Kram, der bleibt.
Ich merke schon. Dieser Text wird länger als erwartet.
Wahrscheinlich liegt es an den unzähligen Eindrücken. An den vielen kleinen Momenten. An diesen verdammt guten Waffeln. An einer Essensorganisation, bei der offenbar tatsächlich Menschen vorher nachgedacht hatten. An der Musik. An Gesprächen. An all dem Zeug, das an einem einzigen Tag passiert und sich später trotzdem nicht vernünftig auf drei Absätze zusammenstreichen lässt. Kannste machen. Wäre dann aber schade. Dann standen KANN KARATE auf der Bühne. Vier Jungs aus Berlin. Indierock. Rotzige Hymnen. Hab ich gerade bei Instagram gelesen. Klingt gut. Nehmen wir so. Und dann kam „Blumen“. Der Song hängt mir immer noch im Kopf. Was für ein Abriss. Was für eine Stimmung. Vor der Bühne standen keine Menschen mehr herum, die höflich mit dem Fuß wippten und darauf achteten, bloß nicht unangenehm aufzufallen. Da wurde getanzt. Mitgesungen. Gelacht. Irgendwann war die Musik kurz weg und die Stimmen waren immer noch da.
Genau solche Momente liebe ich. Wenn eine Band eigentlich schon gar nichts mehr machen muss, weil die Menschen vor der Bühne den Song einfach übernehmen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist „Blumen“ wahrscheinlich der Song dieses Tages, der sich bei mir am tiefsten festgesetzt hat. Keine Ahnung, ob er musikalisch der beste war. Ist mir auch vollkommen egal. Er ist geblieben. Und wenn ich ihn jetzt höre, denke ich sofort wieder an diesen Garten. An den Abend. An tanzende Menschen. An dieses ziemlich seltene Gefühl, dass man gerade nirgendwo anders sein möchte. Das ist so ein Song, bei dem man sich bewegen muss. Tanzen. Lachen. Vielleicht jemanden küssen. Glücklich sein. Oder wenigstens für diese paar Minuten vergessen, warum man es gerade nicht sein sollte. Stillstehen funktioniert jedenfalls nicht. Hab ich versucht. Ehrlich. Keine Chance.
Die Übergänge an diesem Abend waren fließend. Eigentlich ging alles irgendwie ineinander über. Eine Band hörte auf. Menschen holten sich etwas zu essen. Irgendwo wurde gelacht. Jemand stand am Fluss. Dann fing schon wieder irgendwo Musik an. Stunden fühlten sich an wie Minuten. Zeit ist sowieso so ein seltsamer Kram, den ich wahrscheinlich niemals wirklich verstehen werde. A-Theorie. B-Theorie. Linear. Blockuniversum. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Alles gleichzeitig oder doch schön ordentlich hintereinander? Keine Ahnung. Muss ich mich damit jetzt beschäftigen? Wahrscheinlich nicht. Was würde Einstein dazu sagen? Vermutlich würde er irgendetwas sehr Kluges über Relativität erzählen und danach, wie fast jeder Mensch, mit dem ich über solche Sachen irgendwann zu lange gesprochen habe, einfach sagen:
„Halt die Fresse, Torsten.“
Zurück in den Garten. Überall gingen langsam die kleinen Lichter an. Und was mir irgendwann auffiel, niemand war wirklich richtig betrunken. Natürlich waren hier und da ein paar Leute leicht angeschossen. Gehört wahrscheinlich dazu. Aber dieses komplette Wegschießen, wie man es von manchen Dorfschützenfesten kennt, bei denen ab einer bestimmten Uhrzeit Menschen anfangen, persönliche Feindschaften mit Bierzeltgarnituren auszutragen, blieb aus. Zumindest habe ich nichts davon gesehen. Ich lief mit der Kamera durch die Reihen und niemand fiel unangenehm auf. Es wurde getrunken. Aber vor allem wurde gefeiert. Das ist ein Unterschied.
Irgendwas um 21 Uhr kamen Bony Macaroni auf die Bühne. Wo die herkamen? Keine Ahnung. Wirklich nicht. Aber was sie gemacht haben, weiß ich noch. Und als plötzlich „Mr. Brightside“ von The Killers kam, einer von gerade mal zwei Coversongs an diesem ganzen Tag, war sowieso alles vorbei. CARA hatte vorher schon „Nur ein Wort“ von Wir sind Helden gespielt. Und jetzt das. Natürlich konnten plötzlich alle mitsingen. Wirklich alle. Zumindest klang es so. Leck mich. Was für ein Moment. Überragend.
Ein paar Meter weiter brannte das Lagerfeuer. Menschen, die gerade nicht vor der Bühne tanzten, sangen oder ihre Hände irgendwo in die Luft warfen, saßen am Feuer. Auf der Wiese. Auf kleinen Bänken. Andere standen an Stehtischen, aßen, tranken, redeten. Manche lachten. Manche führten vielleicht Gespräche, die überhaupt nicht lustig waren. Vielleicht verliebten sich an diesem Abend zwei Menschen. Vielleicht stellten zwei andere fest, dass sie sich eigentlich nicht besonders gut leiden können. Vielleicht erzählte jemand einem Menschen, den er kaum kannte, Dinge, die man manchmal genau deshalb erzählen kann. Weil da keine Geschichte davor ist. Keine Erwartung. Kein Urteil. Nur dieser eine Abend. Und irgendwie durfte all das nebeneinander existieren. Die Musik. Das Feuer. Die Gespräche. Das Lachen. Das Schweigen. Kinder schwammen im Fluss, als wäre das alles das Normalste der Welt. Und der Fluss? Dem war das sowieso scheißegal. Der fragte niemanden, woher er kommt. Was er glaubt. Wen er liebt. Was er verdient. Oder ob er in irgendeine Vorstellung davon passt, wie man angeblich zu sein hat. Vielleicht ist Frieden am Ende gar nichts besonders Großes. Vielleicht beginnt er genau da. Wo Menschen aufhören, sich gegenseitig erklären zu wollen. Und stattdessen einfach mal nebeneinander am selben Fluss stehen. Es könnte so einfach sein.
Pure Morning
PLAIINS stimmen ihre Gitarren. Stimmen wehen über den Platz. Im Backstagebereich sitzen Mitglieder der anderen Bands, checken ihre Handys, reden miteinander, lernen sich kennen. Auf dem Tisch steht alles Mögliche. Süßigkeiten. Vegane Schokolade. Gebäck. Wurst. Tatsächlich für jeden irgendwas. Es riecht nach Lagerfeuer, Sommer und diesem seltsamen Gefühl, dass gerade Erinnerungen entstehen, obwohl man sie noch gar nicht so nennen kann. Zwei Menschen laufen Hand in Hand über den Platz. Ein paar Meter weiter füllt jemand Toilettenpapier in den Wagen nach. Auch das gehört dazu. Vielleicht sogar mehr als alles andere. Niemand ist sich für irgendwas zu schade. Dann kurz Ruhe. Und plötzlich brechen PLAIINS los. Vor der Bühne wird es eng. Laut. Unruhig. Auf die gute Art. Irgendwo entsteht vielleicht eine Wall of Death. Vielleicht auch einfach nur ein ziemlich wilder Moshpit. Ich kenne die korrekten Fachbegriffe nicht und werde jetzt auch nicht anfangen, während eines Punkkonzerts Wikipedia zu spielen.
Menschen gehen kollektiv auf den Boden. Warten. Dann kommt dieser Moment. Drop? Nennt man das so? Keine Ahnung. Jedenfalls springen plötzlich alle wieder hoch und alles explodiert. Ich mittendrin. Und ganz ehrlich, es wäre nicht vollkommen undenkbar gewesen, sich dort ein blaues Auge zu holen. Aber selbst das hätte sich wahrscheinlich weniger nach Verletzung angefühlt als nach Souvenir. Ein kleines Andenken an einen Abend mit Punk, Schweiß und Leuten, die für ein paar Minuten beschlossen haben, vernünftig einfach mal sein zu lassen.
Dann der letzte Song. Zugabe. Verabschiedung. Die Bühne wird still. Der DJ übernimmt. Placebo. „Pure Morning“. Vor dem Pult wird weitergetanzt. Langsam gehen die ersten Menschen nach Hause. Die Reihen werden dünner. An der Theke wird es ruhiger. Irgendwann bleiben nur noch die übrig, die offenbar beschlossen haben, dass Schlaf auch morgen noch eine Option ist. Am Lagerfeuer sitzt jemand mit einer Gitarre. „Knockin’ on Heaven’s Door“. Natürlich. Manche Songs bekommt man wahrscheinlich automatisch ausgehändigt, sobald man irgendwo nachts mit einer Akustikgitarre am Feuer sitzt. Aber geil.
Ich frage jemanden, wer er ist. Und zum ersten Mal an diesem Tag habe ich kurz das Gefühl, dass mich jemand nicht besonders mag. Auch okay. Niemand muss mich mögen. Wirklich nicht. Ein paar Minuten später wird von diesem Menschen über mich gesprochen. Nicht lange. Aber laut genug, dass ich es hören kann. Auch das ist okay. Einer verkauft Versicherungen. Der andere ist Geschäftsführer eines größeren Unternehmens. Vielleicht leben wir einfach in ziemlich unterschiedlichen Welten.
Kann sein. Früher hätte ich wahrscheinlich länger darüber nachgedacht, was genau da gerade falsch gelaufen ist. Heute denke ich eher, anders ist erstmal nur anders. Nicht besser. Nicht schlechter. Nur anders. Ich drehe mich wieder zum Feuer. Neben mir sitzt der Gitarrist Bassist* von PLAIINS. Wir reden kurz, tauschen unsere Instagram-Accounts aus und folgen uns gegenseitig. So einfach kann das auch gehen. Später spielt er „Schrei nach Liebe“. Und fast alle singen mit. Fast. Auch das ist okay. Niemand muss denselben Song mögen. Niemand muss dieselben Menschen mögen. Niemand muss dieselbe Welt sehen. Ich muss in diesem Moment an einen Satz denken, den ich irgendwann mal gehört habe: Wenn du wissen willst, wie ein Mensch wirklich ist, gib ihm Macht. Keine Ahnung, ob das immer stimmt. Aber manchmal reichen offenbar schon ein bisschen Status, ein bisschen Aufmerksamkeit oder einfach nur die Möglichkeit zu entscheiden, wie man mit jemand anderem umgeht. Dann zeigt sich ziemlich schnell, was darunter liegt.
Narben vom Sommer
Irgendwann wird das Feuer kleiner. Menschen stehen auf, verabschieden sich, verschwinden nach Hause, in Zelten, Bullis oder Wohnwagen. Gespräche werden kürzer. Stimmen leiser. Irgendwer legt noch Holz nach, obwohl eigentlich längst klar ist, dass dieser Abend langsam zu Ende geht. Auch ich stehe irgendwann auf. Meine Kamera liegt im Rucksack im Haus. Die Tür ist zu. Klingeln? Nee. Wegen einer Kamera hole ich jetzt niemanden mehr aus dem Bett. Die brauche ich in dieser Nacht sowieso nicht mehr.
Also morgen.
Ich nehme das Fahrrad, das ich mir von meinem Bruder geliehen habe. Mountainbike. Mit Unterstützung. Läuft gut. 25 km/h sind kein Problem. Ich fahre los. Durch die Nacht. Ein Stück Straße, dann an der Umgehungsstraße entlang und über die Brücke der Bundesstraße. Kaum Verkehr. Trotzdem nehme ich brav die Fußgängerampel. Man will ja schließlich verantwortungsvoll leben. Zumindest für ungefähr die nächsten zehn Minuten. Ich fahre durch die Stadt. Dunkle Häuser. Hier und da noch Menschen auf der Straße. Man grüßt sich. Moin. Moin. Ganz normaler Samstagabend, der inzwischen eigentlich schon Sonntag ist. Vor der evangelischen Kirche liegen Parkplätze direkt an der Straße. Aus Richtung Innenstadt kommt ein Auto. Vielleicht ein bisschen zu schnell. Vielleicht auch nicht. Es kommt kurz von der Fahrbahn ab, zieht über den Parkstreifen und fährt weiter Richtung Ortsausgang. Mehr bekomme ich davon eigentlich gar nicht mit.
Ich erschrecke mich. Richtig. Reiße den Lenker zur Seite. Und dann geht alles ziemlich schnell. Rad weg. Boden da. Und ich bremse mit dem Gesicht. Kann man machen. Ist allerdings nicht die vom Hersteller empfohlene Methode. Ich stehe wieder auf. Mein erster Gedanke: Brille. Ich suche im Dunkeln, finde sie aber nicht. Dann kommen die Schmerzen. Über dem Auge. Im Auge. Am Knie. An der linken Hand. Und dieses warme Gefühl im Gesicht, bei dem man ziemlich schnell weiß, dass das vermutlich kein Schweiß mehr ist.
Blut läuft mir über die Wange. Ich ziehe ein paar Taschentücher aus der Hosentasche und drücke sie auf die Stelle über dem Auge. Sehen kann ich kaum etwas. Es ist dunkel. Ich habe keine Brille. Und offenbar gerade beschlossen, meinen Kopf einem unfreiwilligen Belastungstest zu unterziehen. Was macht ein vernünftiger Mensch jetzt? Krankenhaus. Richtig. Was mache ich? Ich fahre nach Hause. Dumm. Ganz eindeutig. Aber manchmal steht man nach so einem Sturz auf, kontrolliert kurz, ob noch ungefähr alles am Körper befestigt ist, und beschließt dann vollkommen grundlos, wird schon gehen. Ich fahre weiter. Diesmal langsamer. Deutlich langsamer. Am nächsten Tag wird Ralf sich die Wunde ansehen und sagen, dass da wahrscheinlich eine ziemlich große Narbe bleiben wird. Direkt über meinem rechten Auge. Und damit wären wir wieder am Anfang.
Mit etwas Glück bleibt sie. Nicht, weil ich besonders scharf darauf bin, mir das Gesicht zu verzieren. Sondern weil Narben Geschichten erzählen können. Nicht jede davon ist schön. Manche möchte man wahrscheinlich am liebsten vergessen. Aber wenn ich diese irgendwann morgens im Spiegel sehe, werde ich mich nicht zuerst an Asphalt erinnern. Nicht an Blut. Nicht an ein Auto, eine verlorene Brille oder daran, dass man mit dem Gesicht wirklich erstaunlich schlecht bremsen kann. Ich werde mich an Apfelbäume erinnern. An einen Fluss. An Waffeln und Pizza auf Holzpaletten. An Gitarren. An Lagerfeuer. An Menschen, die miteinander aufgebaut, gefeiert, getanzt, geredet und diesen einen Samstag zu etwas gemacht haben, das viel länger bleiben wird als die Musik. Vielleicht sogar länger als wir alle. Keine Ahnung. Zum Glück bin ich immer noch nicht gestorben.
Aber bis dahin sammle ich weiter. Menschen. Musik. Abende. Momente. Und manchmal eben auch Narben vom Sommer.
*Danke Adrian für die Verbesserung. Adiran ist DER BASSIST von Plaiins. Gut, dass ich schrieb, dass ich keine Ahnung hab.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svgAltenoytherTorsten2026-08-11 09:12:302026-08-11 12:55:51Narben vom Sommer
Komm, wir leihen uns nen Bulli und werfen alles hinten rein. Zwei Shirts. Zwei Hosen, alte Jacken. Auf viel mehr kommt es gar nicht an. Komm, wir scheißen ein paar Tage auf alles und fahren los. Keine Ahnung, wo wir schlafen. Wir haben einfach keinen Plan, nur die Straße vor den Reifen und dein Lachen im Gesicht. Komm wir hören die alten Lieder, die wir früher schon gut kannten. Wir drehen sie auf, singen schief und werden dann noch schiefer. Und verpassen wir die Ausfahrt, dann ist das eben so. Dann fahren wir einfach weiter, während meine Hand nach deiner sucht. Mit dir an meiner Seite fühlt sich selbst ein langer Umweg wie Glück.
Komm, wir brettern mal ans Meer und vergessen für eine Weile all das, was einmal war. Dieses viel zu laute Leben war viel zu lange laut. Du und ich und unsere alten Lieder. Salzige Luft, tosende Wellen. Wir setzen uns, malen Spuren in den Sand und schauen einfach nur nach Norden, bis der Himmel offensteht. Und ich sag dir nicht, was ich so fühle, weil man es mir sowieso ansieht. Was sagst du? Kommst du mit ans Meer? Nur du und ich?
Und wenn die Nacht auf unsere Schultern fällt und der volle Mond über den Wellen steht, wenn dieses ganze viel zu laute Leben endlich mal die Fresse hält, erzählst du mir vielleicht von Dingen, die du sonst für dich behältst. Von den Tagen, die du magst, und von denen, wo du fällst. Nein. Wir müssen uns nicht retten. Und doch will ich dich halten, wenn du Nähe suchst, und dich gehen lassen, wenn du gehen musst. Ich brauche dich nicht, um ganz zu sein, und du brauchst mich nicht dafür. Aber wenn du einfach neben mir stehst, wird aus Dunkelheit oft Licht und selbst die Kälte fühlt sich plötzlich wärmer an. Ey, komm, wir werfen unsere Sachen in den warmen Sand und rennen in die See. Wir lachen auf dem Weg und sobald das kalte Wasser unsere Haut berührt, fluchen wir ganz laut. Du hältst dich an meinen Schultern fest, obwohl du selbst stehen kannst. Und genau das mag ich so sehr an dir.
Du bleibst, obwohl du niemals musst.
Später liegen wir im Dunkeln. Die Haare nass, der Sand noch warm und das Bier steht neben uns. Dein Kopf liegt ruhig auf meiner Schulter, während meine Finger zwischen deinen liegen. Ich brauche keine Sterne, keine Wünsche und kein Vermögen. Ich brauche kein Zurück. Denn mein einer Wunsch, der sitzt längst neben mir und sieht mich an wie pures Glück.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svgAltenoytherTorsten2026-08-06 13:57:232026-08-06 13:57:25Lautes Leben.
Ich denke in letzter Zeit öfter darüber nach, dass Reichtum und Vermögen zwei völlig verschiedene Dinge sind. Klingt erstmal wie derselbe Kram. Ist es aber echt nicht. Vermögen ist ja das, was irgendwo auf einem Konto liegt. In Aktien steckt. In Häusern. Autos. Uhren. Dingen, die teuer sind und trotzdem nur herumstehen, sobald niemand hinguckt. Reichtum ist etwas anderes.
Scheiße, wie lange hab ich geglaubt, ich müsste erst ordentlich Geld besitzen, um reich zu sein. Als würde sich ein geiles Leben an schweren Autos, teuren Klamotten und Schuhen erkennen lassen, in denen man nicht mal vernünftig durch eine Pfütze laufen kann. Als müsste ich in einem frisch polierten Audi sitzen, ein Polohemd tragen, das mehr kostet als ein Wochenende am Meer, und dabei aussehen, als hätte ich mein Leben komplett im Griff. Und nur damit andere denken: Der hat es geschafft.
Was für ein Bullshit, denn die meisten würden wahrscheinlich gar nichts denken. Die würden vorbeigehen, an ihren Tag, ihren Feierabend oder daran denken, dass sie noch Klopapier brauchen. Und ein paar wenige würden vielleicht denken: Wenn ich in diesem Auto säße, würden die Leute bestimmt glauben, ich hätte es geschafft. Das ist echt so ein ganzer Kreislauf aus Menschen, die Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die überhaupt nicht wirklich hingucken. Oder die sie nicht mal mögen. Warum muss man überhaupt jemanden beeindrucken wollen? Das ist doch komplett bescheuert.
Ich glaube, reich wirst du nicht in dem Moment, in dem andere dich beneiden. Reich wirst du, wenn es dir scheißegal wird, ob sie es tun. Wenn du niemandem mehr beweisen musst, dass dein Leben etwas wert ist. Wenn du begreifst, dass Perfektion kein messbarer Zustand ist, sondern meistens nur eine hübsch beleuchtete Lüge. Echt jetzt. Perfektion. Auch so ein Wort, das sich Menschen ausgedacht haben, damit sie sich schlechter fühlen können.
Heute Morgen kam ich in den Laden hier im Ort. Rechts so ’ne Art Bäckerei, der Rest ist Geschäft. Brot. Käse. Fleisch. Süßigkeiten. Alles, was man so braucht, wenn man keinen Bock hat, dafür erst durch drei Orte zu fahren. Klamotten gibt es nicht. Muss auch nicht. Der Laden ist gut, die Leute dort sind cool und ich bin gern da. Man spricht miteinander. Kennt sich nicht wirklich, aber eben doch genug, um sich zu erkennen. Dorf halt.
Naja. Ich hatte gerade entspannte fünf Kilometer hinter mir. Ungeduscht. Verschwitzt. Haare irgendwo zwischen Aufstehen und Gegenwind. So sieht man eben aus, wenn man morgens schon unterwegs war, statt ordentlich angezogen irgendwo herumzusitzen und so zu tun, als hätte man sein Leben im Griff. Am Tresen der Bäckerei stand eine Frau, etwas jünger als ich. Sie hatte früher mal hinter mir gewohnt. Hinter mir. Nicht neben mir. Wir kannten uns nicht wirklich, aber man wusste eben, wer der andere ist. Dorfkenntnis. Mehr nicht. Sie bestellte frische Backwaren. Was sonst.
Ich hatte Drei Meter Feldweg auf den Ohren. „Und sie tanzt“. Melancholischer Text, Musik in die Fresse und ab nach vorne. Mittlerweile wieder genau mein Ding. Traurig gucken kann ich später auch noch. Muss aber nicht. Meine Laune war jedenfalls komplett oben. Ich pfiff, lief tanzend in den Laden und rief ein freundliches Hallo in die Runde. Nicht leise. Nicht vorsichtig. Einfach Hallo. Die Frau am Tresen schaute mich an, als hätte man mich gerade mit einer Brotkruste aus dem Wald gelockt. Ein bisschen erschrocken. Ein bisschen abwertend. Dieses knappe Nicken, das weniger nach Begrüßung aussah und mehr nach: Was stimmt denn mit dem nicht?
Und? Keine Ahnung. Vielleicht stimmt endlich wieder ziemlich viel mit mir.
Ihr Blick war ihre Reaktion. Ihr Blickwinkel. Ihre Meinung. Das alles gehört ihr. Nicht mir. Und nichts davon bestimmt meinen Wert. Nicht mein verschwitztes Shirt. Nicht mein Tanzen. Nicht die Tatsache, dass ich morgens im Dorfladen gute Laune habe. Sie trat auf der Stelle. Ich ging weiter. Nein. Ich tanzte weiter. Und genau da wusste ich: Leck mich. Bin ich reich.
Vielleicht ist das überhaupt der Unterschied. Vermögen sammelt Dinge. Und Reichtum sammelt Momente. Nicht die Tasche, auf der irgendein Name steht. Nicht das Auto, das beim Starten klingt, als müsste es allen im Umkreis von drei Kilometern etwas beweisen. Nicht die Uhr, die mehr kostet als ein verdammt gutes Jahr voller Konzerte, Zugfahrten, Essen, Bier, Kaffee und Menschen, die man wirklich mag. Solche Sachen können schön sein. Natürlich. Geld ist auch nicht unwichtig. Wer behauptet, Geld spiele überhaupt keine Rolle, hatte vermutlich immer genug davon. Es macht vieles leichter. Es bezahlt Miete, Essen, Fahrkarten und manchmal auch die Flucht aus Situationen, in denen man nicht mehr bleiben sollte. Aber Geld allein macht noch keinen Reichtum.
Reich ist, wer morgens verschwitzt durch einen Dorfladen tanzt und sich nicht mehr fragt, ob das jemand peinlich findet. Reich ist, wer einen Song hört und für drei Minuten alles andere vergisst. Wer mit Menschen an einem Tisch sitzt und irgendwann nicht mehr weiß, wie spät es ist. Wer losfährt. Wer bleibt. Wer lacht, obwohl der Tag eigentlich anders geplant war. Reichtum sind die Geschichten, die entstehen, wenn man das Leben nicht die ganze Zeit ordentlich halten will.
Ey, am Ende kommt kein Umzugsunternehmen. Niemand fährt dir den Audi hinterher. Niemand packt die teuren Schuhe in Kartons. Keine Uhr, keine Tasche und kein verdammtes Polohemd kommt mit auf die letzte Reise. Was bleibt, sind die Momente. Songs auf den Ohren. Der verschwitzte Morgen. Der Blick, der dir plötzlich egal war. Die Menschen, mit denen du gelacht hast. Die Paprika auf der Pizza. Das Weizenbier im Paddy’s am Bremer Hauptbahnhof. Die Abende, die viel zu kurz waren. Die Tage, an denen du kurz vergessen hast, vernünftig zu sein.
Vielleicht darf man all das auch nicht wirklich mitnehmen. Keine Ahnung. Ich bin zum Glück noch nie gestorben. Aber bis dahin ist es das Einzige, was einem wirklich gehört.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svgAltenoytherTorsten2026-08-05 12:17:442026-08-05 12:18:41Scheiß auf Status.
Der 28. November steht im Kalender. Dick und fett. Hi! Spencer. Bremen. Ja. Noch Monate hin. Weiß ich. Eigentlich vollkommen bescheuert, sich jetzt schon darauf zu freuen. Vernünftige Menschen würden vermutlich sagen, man solle erst einmal abwarten. Bis November könne schließlich noch einiges passieren. Wetter. Termine. Bahnstreiks. Weltuntergang. Die Deutsche Bahn braucht für eine Katastrophe bekanntlich nicht mal einen besonderen Anlass. Meistens reicht der Herbst, Sonne oder Schnee. Mir egal. Ich freue mich jetzt. Nicht erst am 28. November, wenn das Licht ausgeht, die ersten Gitarren einsetzen und irgendwo zwischen Bühne, Bierbechern und viel zu vielen Jacken plötzlich alles genau richtig ist. Nicht erst, wenn die ersten Takte von „Tel Aviv“ laufen und dieser eine Song für ein paar Minuten mehr Ordnung in meinem Kopf schafft als sämtliche vernünftigen Pläne der vergangenen Jahre. Hat er die letzten Tage. Ohne scheiß. Aber gut. Ich freue mich heute. Und morgen wahrscheinlich auch. Und übermorgen.
Vorfreude wird oft behandelt wie der kleine, etwas peinliche Bruder des eigentlichen Erlebnisses. Als würde sie nur im Vorraum sitzen und warten, bis endlich etwas Geiles passiert. Dabei ist sie längst mittendrin. Vorfreude verändert einen ganz normalen Dienstag. Man hat ja ein Datum. Ein Ziel. Eine Richtung. Ein Abend in Bremen, der noch nicht passiert ist und trotzdem schon jetzt irgendwo im Hintergrund läuft. Wie ein Song, den man leise hört, obwohl die Boxen noch gar nicht an sind. Ohrwurm, sagt man, glaub ich. Ich mag das. Ich mag es, mich auf Musik zu freuen. Auf den Moment, in dem der Raum dunkel wird. Auf Stimmen. Auf Schweiß. Auf einen Refrain, den plötzlich Hunderte Menschen gleichzeitig singen, obwohl wahrscheinlich jeder von ihnen mit etwas völlig anderem dort angekommen ist. Der eine hatte eine beschissene Woche. Die andere Liebeskummer. Jemand hat gerade einen neuen Job angefangen. Oder einen verloren. Jemand hat vielleicht sogar überhaupt keinen Plan, wie es weitergeht.
Und dann stehen sie da. Gemeinsam. Mit Bier in der Hand. In alten Jeans, die längst nicht mehr lässig verschlissen, sondern einfach nur verschlissen sind. Vans an den Füßen. Vielleicht etwas zu alt für die erste Reihe, aber ganz sicher zu jung, um nur hinten herumzustehen und vernünftig mit dem Kopf zu nicken. Also tanzen. Jaaa. Tanzen. Nicht gut. Darum geht es nicht. Einfach bewegen, springen, Bier verschütten, zu laut mitsingen und so tun, als wäre man für zwei Stunden nicht verantwortlich für Steuererklärungen, Termine, unbeantwortete Nachrichten und den ganzen anderen Erwachsenenkram, den offenbar irgendjemand mal erfunden hat, um uns von Konzerten fernzuhalten. Ich habe Bock darauf. Auf verrückte Scheiße. Auf Abende, die am nächsten Morgen vielleicht ein bisschen in den Knochen sitzen. Auf Geschichten, bei denen man später nicht genau weiß, ob sie wirklich so passiert sind oder ob das dritte Bier irgendwie nachgeholfen hat.
Auf peinlich sein. Richtig peinlich. Zu laut lachen. Falsch tanzen. Einen Song mitgrölen, obwohl man an einer Stelle den Text nicht kennt und deshalb einfach irgendeinen überzeugenden Laut produziert. Fotos machen, auf denen man scheiße aussieht. Aber auf keinen Fall das Konzert mit dem beschissenen Smartphone filmen. Selbst sehen. Selbst erlegen. Erinnerung schaffen und Momente sammeln.
Noch gar nicht lange her, da hätte ich vermutlich darüber nachgedacht, was andere Menschen davon halten. Heute denke ich mir, wenn man etwas macht, das einen wirklich glücklich macht, sieht es für Menschen, die gerade nur zuschauen, manchmal eben peinlich aus. Dann ist das so. Vielleicht ist peinlich gar nicht das Gegenteil von würdevoll. Vielleicht ist es manchmal nur das Gegenteil von kontrolliert. Und Kontrolle wird ohnehin überschätzt. Wer auf einem Konzert die ganze Zeit darauf achtet, wie er wirkt, kann auch direkt zu Hause bleiben, sich ordentlich auf das Sofa setzen und dort kontrolliert ein Glas stilles Wasser trinken.
Kann man machen. Ist dann nur kein besonders guter Abend. Musik kann etwas, das nur wenige Dinge können. Sie löst nicht alles. Aber sie bringt den Körper wieder dazu, sich zu bewegen, obwohl der Kopf noch irgendwo festhängt. Sie macht aus fremden Menschen für einen Abend eine verdammt laute Gemeinschaft. Sie trägt einen manchmal ein paar Meter weiter.
Vorfreude kann das auch. Sie macht aus einem Datum einen kleinen Rettungsring im Kalender. Jetzt echt nicht so dramatisch. Einfach etwas, worauf man zusteuert. Und es ist ja längst nicht nur das Konzert. Ich freue mich auf gutes Essen vorher. Auf einen Tisch, an dem die richtigen Menschen sitzen. Auf Bier, Wein, Pommes, Pizza oder irgendetwas, das nachts um halb eins plötzlich schmeckt, als hätte ein Sternekoch persönlich beschlossen, einem das Leben zu retten. Ich freue mich auf Gespräche, die 100% nicht mehr vernünftig sind. Auf dieses eine Lachen, bei dem man kurz vergisst, wie viel Scheiße eigentlich noch ungeklärt ist.
Ich freue mich auf Menschen, die mir mittlerweile von Bedeutung sind. Nicht, weil sie mein Leben retten sollen. Das ist ein beschissener Job und außerdem eine Zumutung für jeden Menschen. Sondern weil manche Menschen einen Raum verändern, sobald sie ihn betreten. Weil ein Abend mit ihnen mehr sein kann als nur ein Abend. Weil man bei manchen Menschen nicht ständig überlegen muss, ob man gerade zu laut, zu direkt, zu viel, zu peinlich oder irgendwie falsch ist. Man ist einfach da. Mit verschlissener Jeans. Mit Vans. Mit Bier. Mit ziemlich schlechten Tanzbewegungen. Mit verrückten Ideen. Mit allem, was man ist. Das reicht. Und vielleicht ist genau das Vorfreude.
Nicht nur die Hoffnung, dass später etwas Schönes passiert. Sondern der Beweis, dass man wieder an ein Später glaubt. Dass man wieder Termine macht. Karten kauft. Tische reserviert. Nee, das nicht. Aber das man Songs hört und sich dabei ausmalt, wie es sein wird, wenn sie live gespielt werden. Dass man Menschen vermisst, obwohl man sie bald wiedersehen wird. Dass man morgens aufsteht und weiß, da kommt noch was.
Das ist nicht wenig. Es gab ja Zeiten, da war Zukunft für mich kein Ort, auf den ich mich gefreut habe. Eher etwas, das irgendwie erledigt werden musste. Tage kamen. Tage gingen. Funktionieren. Durchhalten. Kaffee. Noch ein Tag. Noch einer. Jetzt steht da Bremen im Kalender. Der 28. November. Hi! Spencer. „Tel Aviv“. Hörst du noch seinen Namen und weißt du noch, wie er rief? Er rief, das Leben ist so kurz, steh bitte auf nach jedem Sturz. Vergib schnell, küsse langsam, mein Freund. Musik. Bier. Essen. Menschen, die wichtig sind. Alte Jeans. Vans. Tanzen. Verrückte Scheiße. Sich zum Horst machen und irgendwann merken, dass genau das vielleicht Glück ist.
Nicht schön aussehen. Nicht alles im Griff haben. Nicht vernünftig sein. Da sein. Und natürlich ist bis dahin noch Zeit. Zum Glück. Denn Vorfreude ist nicht das Warten auf das Leben. Sie ist längst ein Teil davon. Der 28. November kommt früh genug. Bis dahin drehe ich die Musik auf.
Ich hab etwas gelernt. Die besten Geschichten beginnen selten vernünftig. Sie beginnen nachmittags und enden nachts. Mit zu lauter Musik. Mit einer Nachricht, die man eigentlich nicht mehr erwartet hatte. Mit einem Blick, der eine Sekunde zu lange bleibt. Mit zwei Menschen, die beide so tun, als wäre das hier gerade alles völlig harmlos. Ist es natürlich nicht. Manchmal beginnt eine Geschichte auch morgens. Mit zerknittertem Bettzeug. Kaltem Kaffee. Einem Haargummi auf dem Tisch oder der leisen Frage, ob man gestern wirklich noch diese Sprachnachricht verschickt hat. Hat man. Scheiße.
Manche Geschichten beginnen in einem Restaurant. Pizza auf dem Tisch. Wein in den Gläsern. Ein Abend, der erstmal so aussah, als würde er einfach nur ein Abend werden. Essen. Reden. Lachen. Irgendwann bezahlen. Jacke an. Nach Hause. So der vernünftige Plan. Auf einer Pizza lag ein Stück Paprika, das aussah wie ein Herz. Nicht ungefähr. Ein Herz. Natürlich kann man jetzt sagen, dass es einfach nur ein Stück Paprika war. Kann man machen. Menschen sagen solche Sachen gerne, wenn ihnen etwas zu schön, zu kitschig oder zu eindeutig wird.
„Das ist doch nur Zufall.“
Ja. Vielleicht. Aber manchmal liegt eben ein verdammtes Herz auf einer Pizza und du entscheidest selbst, ob du darüber hinwegisst oder kurz hinschaust. Wir haben hingeschaut. Über uns zog währenddessen der Heißluftballon vom Kliemannsland durch den Himmel. Einfach so. Langsam. Als hätte jemand beschlossen, dass dieser Abend noch ein bisschen mehr Kulisse vertragen könnte. Pizza. Wein. Ein Paprikaherz. Ein Ballon über unseren Köpfen. Das klingt erfunden. Kann sein. Aus irgendeiner Richtung kam Musik. Große Refrains. Bläser. Ein Gemisch aus Melancholie und Vorwärtsdrang, bei dem man gleichzeitig an alles denken und trotzdem aufspringen möchte.
Wir sind nicht in Seattle. Wir sind auch nicht in irgendeiner amerikanischen Filmstadt, in der Menschen nachts an beleuchteten Straßenecken stehen, perfekt aussehen und genau im richtigen Moment den richtigen Satz sagen. Wir sitzen irgendwo hier. In einem Restaurant. Mit Pizza. Mit Wein. Mit einem Stück Paprika, das sich für ein Herz hält. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Die wichtigen Geschichten sehen am Anfang selten wichtig aus. Sie kündigen sich nicht an. Kein Vorspann. Keine dramatische Musik. Niemand sagt: „Achtung. Diesen Abend wirst du später noch brauchen.“ Sie passieren einfach.
Zwischen einem Schluck Wein und dem nächsten Satz. Zwischen einem Lied und einem Lachen. Zwischen dem kurzen Gedanken, dass das hier gerade wirklich schön ist, und der sofort folgenden Angst, bloß nicht zu viel hineinzuinterpretieren. Menschen sind darin großartig. Sobald etwas schön wird, stellen wir innerlich einen Sicherheitsbeauftragten daneben. Ich mach das. Nicht zu viel fühlen. Nicht zu viel hoffen. Nicht zu deutlich werden. Immer schön so tun, als wäre alles locker. Ist es natürlich nicht. Vielleicht muss es das auch gar nicht sein. Vielleicht darf ein Abend einfach Bedeutung bekommen, ohne dass man ihn sofort erklären, einordnen oder für die nächsten fünf Jahre vertraglich absichern muss.
Vielleicht reicht es, dort zu sitzen. Zu trinken. Zu reden. Zu lachen. Zu merken, dass man gerade nirgendwo anders sein möchte. Vielleicht hab ich mir das Alles ausgedacht. Vielleicht auch nicht.
Ich schreibe aber jetzt über solche Geschichten. Über Abende, die größer werden, während sie passieren. Über Menschen, die plötzlich wichtig sind, ohne vorher einen Antrag eingereicht zu haben. Über Musik, die im richtigen Moment einsetzt. Über seltsame Zufälle. Über Nähe. Über Freiheit. Über das ganze unordentliche Leben, das ständig zwischen unseren Plänen herumläuft und dabei meistens die besseren Ideen hat. Nicht jede Geschichte braucht eine Explosion. Manche brauchen nur Pizza. Zwei Gläser Wein. Einen Ballon am Himmel. Und ein Stück Paprika, das verdammt noch mal aussah wie ein Herz. Wir sind nicht in Seattle. Aber ganz ehrlich? An solchen Abenden müssen wir das auch nicht sein.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svgAltenoytherTorsten2026-08-04 18:26:132026-08-04 18:26:15Nicht in Seatle
Ich weiß nicht mehr genau, welcher Song zuerst lief. Vielleicht Madsen. Vielleicht Hi! Spencer. Vielleicht irgendwas mit Gitarren, das schon in den ersten zehn Sekunden klang, als würde gleich jemand eine Tür eintreten, hinter der ich jahrelang gesessen hatte. Ist im Grunde auch scheißegal. Wichtig ist nur: Die Musik war laut. Echt keine Hintergrundmusik. Nicht dieses belanglose Gedudel, das in Supermärkten läuft, damit man beim Kauf von Klopapier nicht aus Versehen über die eigene Vergänglichkeit nachdenkt. Laut. Mit Schlagzeug. Mit Gitarren. Trompeten. Mit Texten, die nicht so taten, als wäre alles gut, aber trotzdem nicht bereit waren, sich auf den Boden zu legen und dort zu bleiben. Ich stand irgendwo zwischen Kaffeetasse, Handy und einem Leben, das in den Monaten davor ziemlich gründlich gegen die Wand gefahren war.
Nicht elegant. Kein kleiner Parkrempler. Eher Totalschaden mit herumliegenden Einzelteilen, von denen niemand so genau wusste, ob sie noch gebraucht werden. Und plötzlich war da dieser Song. Dann noch einer. Und noch einer. Eine Playlist wurde länger. Mit Mund abwischen. Der Kaffee wurde kalt. Die Musik blieb laut. Ich hörte 100 Kilo Herz, Drei Meter Feldweg, Broilers, Jupiter Jones, Liedfett, Madsen und Hi! Spencer. Bands, die mir irgendwie nicht versprachen, dass morgen alles besser wird.
Sie machten etwas viel Wichtigeres. Sie klangen, als dürfte morgen trotzdem kommen. Vielleicht begann es genau da. Ich saß da. Wahrscheinlich stand irgendwo eine Tasse Kaffee herum. Wahrscheinlich hatte ich zu viele Nachrichten offen, zu viele Gedanken im Kopf und noch immer keinen vernünftigen Plan. Aber ich hatte plötzlich Bock. Erst nur auf einen weiteren Song. Dann auf ein Konzert. Dann auf eine Zugfahrt. Auf einen Nachmittag irgendwo. Auf Menschen. Auf Pläne. Auf völligen Schwachsinn. Darauf, auch von Leuten nach dem Hochamt als peinlich betitelt zu werden. Und das klingt kleiner, als es war.
Denn eine ganze Weile hatte ich auf vieles keinen Bock mehr gehabt. Ich hatte funktioniert, Dinge erledigt, nachgedacht, gezweifelt und versucht, den Scherbenhaufen meines Lebens wenigstens so ordentlich zusammenzufegen, dass niemand darüber stolpert. Vor allem nicht die anderen. Die anderen sollten sich bloß nicht unwohl fühlen. Die anderen sollten verstehen, warum ich etwas tat. Die anderen sollten nicht enttäuscht sein. Die anderen sollten mich weiterhin für einen halbwegs vernünftigen Menschen halten. Hat hervorragend geklappt. Nur ich selbst ging mir dabei langsam verloren.
Vielleicht ist das jetzt genau das Gegenteil davon. Ich weiß, dass du das anders siehst. Und ich mache es trotzdem. Nicht aus Wut. Aus Freiheit. Ich kaufte Konzertkarten, Monate im Voraus, und freute mich darüber wie ein Kind, das noch nicht gelernt hat, Vorfreude angemessen herunterzuregulieren. Vier Monate. Vier verdammte Monate Vorfreude. Kann man peinlich finden. Kann man kindisch finden. Kann man auch einfach geil finden. Ich entschied mich für geil.
Ich fuhr mit Regionalzügen fast dreihundert Kilometer, um eine Pizza zu essen. Ich buchte ein Hotel, das ungefähr dort lag, wo ich nicht hinmusste. Ich stand an Bahnhöfen, schleppte meinen Rucksack herum und fragte mich mehr als einmal, ob ich eigentlich komplett bescheuert geworden war. Die Antwort lautet vermutlich: ein bisschen. Aber ich war unterwegs. Das war neu. Nicht das Reisen. Das Wollen. Ich wollte wieder irgendwohin. Ich wollte Menschen sehen. Konzerte besuchen. Schreiben. Fotografieren. Einen Wagen kaufen. Eine Wohnung finden. Meine Website umbauen. Ziele verfolgen, die niemand verstehen muss. Zeit mit den Menschen verbringen, bei denen sich nichts nach Kampf anfühlt. Ich wollte mein Leben nicht mehr nur irgendwie reparieren. Ich wollte es benutzen. Auch mit Kratzern. Auch mit fehlenden Teilen. Auch ohne Bedienungsanleitung. Vor allem ohne Bedienungsanleitung. Es gibt natürlich weiterhin beschissene Tage. Wird es immer geben. Freude ist kein Schutzhelm. Sie verhindert nicht, dass Dinge wehtun. Menschen gehen trotzdem. Pläne platzen trotzdem. Manchmal sitzt man nachts da und versteht überhaupt nichts.
Aber ein beschissener Tag ist kein beschissenes Leben. Das ist der Unterschied.
Früher hätte ich vielleicht gewartet, bis alles geklärt ist. Bis Ruhe eingekehrt ist. Bis kein Mensch mehr eine Frage hat. Bis jede Entscheidung erklärt, jedes Problem gelöst und jede Socke ihrem rechtmäßigen Partner zugeführt wurde. Dann darf man wieder leben. So ungefähr war der Plan. Rückblickend war das natürlich völliger Schwachsinn. Das Leben wird nicht fertig. Es steht nicht irgendwann frisch gestrichen vor einem, reicht einem den Schlüssel und sagt:
„So, Torsten. Jetzt kannst du einziehen.“
Irgendwas ist immer. Eine Rechnung. Eine Trennung. Eine Sorge. Ein Termin. Ein Mensch, der ungefragt erklärt, wie man sprechen, fühlen oder leben sollte. Wartet man darauf, dass alles geregelt ist, kann man sich direkt einen bequemen Stuhl kaufen. Man sitzt länger.
Also Musik an. Nicht, um irgendetwas zu verdrängen. Sondern um wieder etwas zu spüren. Der Bass. Das Schlagzeug. Eine Stimme, die an der richtigen Stelle sitzt oder verkackt. Ein Refrain, der den Raum größer macht. Diese Musik war kein Soundtrack zu einem perfekten Neuanfang. Sie war der Lärm einer Baustelle. Da wurde nichts feierlich eröffnet. Da wurde gehämmert. Geflucht. Abgerissen. Neu angesetzt. Manchmal schief. Manchmal viel zu laut. Aber es entstand etwas. Ich. Nicht neu. Eher wieder. Nur ohne die ganzen Versionen, die ich jahrelang für andere Menschen gespielt hatte. Die freundliche Version. Die angepasste Version. Die Version, die Ja sagt, obwohl sie Nein meint. Die Version, die hinterherläuft. Fickt Euch. Das mach ich nicht mehr. Die Version, die sich erklärt, bis von der eigenen Entscheidung nichts mehr übrig ist. Die können alle weg. Sperrmüll.
Heute bin ich glücklich. Der Satz fühlt sich noch immer ungewohnt an. Fast verdächtig. Als müsste direkt jemand um die Ecke kommen und fragen, ob ich dafür überhaupt eine Genehmigung habe. Habe ich nicht. Brauche ich auch nicht. Ich bin nicht glücklich, weil plötzlich alles funktioniert. Tut es nicht. Ich bin glücklich, weil ich nicht mehr darauf warte.
Ich habe jetzt Menschen in meinem Leben, bei denen ich nichts beweisen muss. Ich mache Pläne, obwohl andere Dinge noch offen sind. Ich fahre los, auch wenn die Verbindung scheiße ist. Ich freue mich zu laut. Ich rede, wie ich rede. Ich trage Klamotten, die mir gefallen. Ich höre Musik, die irgendetwas in mir aufrichtet. Und ich mache mich vermutlich gelegentlich zum Horst.
Gut.
Wer nie peinlich ist, war wahrscheinlich auch nie richtig begeistert. Wo es begann? Vielleicht mit einem Song. Vielleicht mit einer Nachricht, die besagt, dass sich jemand freut, mich zu sehen. Vielleicht mit einer Konzertkarte. Vielleicht an irgendeinem Nachmittag, an dem ich plötzlich gemerkt habe, dass ich nicht mehr nur darüber nachdachte, was alles vorbei war.
Sondern darüber, was als Nächstes kommt. Aus den Boxen liefen Gitarren. Ich trank Hefeweizen im Sonnenlicht. Trockenen Weißwein auf einer Terrasse. Mein Leben war noch immer nicht sortiert. Aber irgendwo setzte das Schlagzeug ein. Und ich stand auf.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svgAltenoytherTorsten2026-08-03 23:39:242026-08-03 23:39:26Wo es begann.
Ich saß letztens, an einem Freitag im Zug und wusste nicht genau, ob das, was ich gerade machte, vernünftig war. Das kommt inzwischen häufiger vor. Ich steige irgendwo ein, fahre los, buche ein Hotel oder beschließe am Abend, am nächsten Morgen knapp 300 Kilometer mit Regionalzügen zu fahren, um irgendwo eine Pizza zu essen. Nicht alles, was ich mittlerweile so mache, ist besonders durchdacht. Manches ist sogar objektiv betrachtet, ein bisschen, ähm, komplett bescheuert. Aber während ich aus dem Fenster sah und draußen Felder, Gewerbegebiete und diese kleinen Bahnhöfe vorbeizogen, an denen irgendwie nie wirklich jemand ein- oder aussteigt, dachte ich: Wen müsste ich eigentlich fragen, ob ich das darf? Wen müsste ich noch fragen, ob er damit einverstanden ist.
Die Antwort ist schon ziemlich geil: niemanden. Trotzdem fühlt es sich manchmal noch so an, als müsste ich meine Entscheidungen und vorhaben irgendwo absegnen lassen. Zur Prüfung. Mit kurzer Begründung, Anlagen und der freundlichen Bitte um Zustimmung. Ich habe das jahrelang gemacht. Nicht offiziell. Es gab kein Formular. Aber in meinem Leben saßen ziemlich viele Menschen an einem sehr langen Tisch und hatten zu allem eine Meinung. Was vernünftig ist. Was sich gehört. Was man in meinem Alter macht. Was man besser lässt. Was andere denken könnten. Und ich stand davor und versuchte, eine Version meines Lebens zu präsentieren, gegen die möglichst niemand Einspruch erhebt. Hat natürlich nicht geklappt.
Ich wollte gefallen. Das ist die ungeschönte Wahrheit. Ich wollte, dass Menschen mich mögen, meine Entscheidungen verstehen und mich für einen vernünftigen, guten Menschen halten. Also sagte ich viel zu oft Ja, obwohl ich Nein meinte. Ich erklärte Dinge, die niemanden etwas angingen. Ich rechtfertigte Entscheidungen, die nur mein eigenes Leben betrafen. Und wenn jemand enttäuscht von mir war, fragte ich mich nicht zuerst, ob meine Entscheidung trotzdem richtig gewesen war. Ich überlegte, wie ich sie wieder zurücknehmen konnte. Hat auch funktioniert. Viele Menschen waren vermutlich ziemlich zufrieden mit mir. Ich selbst wurde es immer weniger.
Das Merkwürdige ist, dass der ganze Bums von außen wahrscheinlich gar nicht unfrei ausgesehen hat. Ich war erwachsen. Ich konnte arbeiten, reisen, Geld ausgeben, Verträge unterschreiben und in einem Baumarkt eigenständig Dübel kaufen, obwohl auch das nicht unterschätzt werden sollte. Niemand hielt mich fest. Niemand verbot mir, irgendwohin zu fahren oder etwas Neues anzufangen. Und trotzdem bestand ein großer Teil meines Lebens daraus, Erwartungen zu erfüllen. Manche waren ausgesprochen. Viele nicht. Einige hatte ich mir vermutlich selbst ausgedacht, weil echte Erwartungen offenbar noch nicht genug waren. Man ist ja schon irgendwie bescheuert, wenn man immer jedem gefallen möchte.
Autonomie klingt nach einem Begriff, über den ein Mann mit Rollkragenpullover neunzig Minuten in einem Podcast spricht. Dabei ist sie im Alltag oft ziemlich unspektakulär. Sie beginnt nicht mit wehenden Haaren auf einer Klippe. Bei mir wäre das schon aus biologischen Gründen schwierig. Sie beginnt mit einem Nein. Mit einer Entscheidung, die nicht jeder verstehen muss. Mit dem Moment, in dem ich nicht mehr sofort zurückrudere, nur weil jemand anders meine Grenze unbequem findet.
Es ist so geil. Ich lerne gerade, dass Freiheit nicht bedeutet, alles tun zu können. Das kann ohnehin niemand. Jede Entscheidung hat Folgen. Jeder Weg schließt einen anderen aus. Wenn ich losfahre, kann ich nicht gleichzeitig zu Hause bleiben. Wenn ich Nein sage, wird vielleicht jemand enttäuscht sein. Wenn ich mein eigenes Leben führe, passt es zwangsläufig nicht mehr vollständig in die Vorstellungen anderer Menschen. Genau das habe ich lange vermeiden wollen. Vielleicht habe ich Freiheit deshalb immer an den falschen Orten gesucht. In Reisen. In neuen Städten. Auf Feldwegen, Bahnhöfen und in Hotelzimmern. Ich dachte, ich müsste nur weit genug wegfahren, dann wäre ich frei. Aber man kann 300 Kilometer entfernt in einem Hotel sitzen und trotzdem noch darüber nachdenken, ob jemand zu Hause die eigene Entscheidung gut findet. Man kann allein reisen und innerlich weiterhin um Erlaubnis bitten.
Das möchte ich nicht mehr.
Ich möchte Entscheidungen treffen, weil sie für mich richtig sind. Nicht, weil ich sie besonders überzeugend erklären kann. Ich möchte losfahren, wenn ich losfahren will. Bleiben, wenn ich bleiben möchte. Menschen mögen, ohne vorher zu prüfen, ob das klug ist. Ziele verfolgen, die andere für unnötig, klein oder komplett bekloppt halten. Ich möchte Fehler machen dürfen, die wenigstens meine eigenen sind.
Das heißt nicht, dass mir andere Menschen egal werden. Im Gegenteil. Es gibt Menschen, die mir wichtig sind. Längst nicht alle. Aber ein paar. Ihre Gefühle auch. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Rücksicht und Selbstaufgabe. Rücksicht bedeutet, andere mitzudenken. Selbstaufgabe bedeutet, sich selbst dabei ständig zu vergessen. Ich habe diesen Unterschied lange nicht besonders sauber hinbekommen.
Autonomie bedeutet für mich deshalb nicht: Ich mache, was ich will, und alle anderen können mich mal. Das wäre keine Freiheit, sondern vermutlich einfach nur ein ziemlich anstrengender Charakterzug. Autonomie bedeutet: Ich höre zu, aber ich entscheide selbst. Ich nehme andere ernst, aber nicht mehr wichtiger als mich. Ich kann jemanden enttäuschen, ohne deshalb automatisch etwas Falsches getan zu haben.
Das ist wahrscheinlich der schwierigste Teil. Auszuhalten, dass nicht jeder die eigene Entscheidung gut findet. Dass Menschen einen vielleicht egoistisch nennen. Dass manche Beziehungen nur so lange einfach waren, so lange man selbst ordentlich und dem Dorfleben entsprechend funktioniert hat. Dass ein Nein manchmal mehr über eine Verbindung zeigt als hundert freundliche Jas.
Ich weiß noch nicht, ob ich das schon gut kann. Wahrscheinlich nicht. Alte Gewohnheiten verschwinden nicht, nur weil man einen klugen Begriff dafür gefunden hat. Manchmal erkläre ich mich noch immer zu viel. Manchmal denke ich zuerst darüber nach, was andere erwarten. Manchmal möchte ich eine Entscheidung am liebsten so lange begründen, bis selbst der letzte Mensch im Raum zustimmt.
Aber ich merke es inzwischen. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Naja. Neulich saß ich also in diesem Zug, sah aus dem Fenster und wusste nicht, ob mein Plan vernünftig war. Irgendwo hinter mir lagen Menschen, Erwartungen und all die guten Gründe, etwas nicht zu tun. Vor mir lagen ein Bahnhof, ein Hotel und vermutlich wieder irgendein unnötig komplizierter Umstieg. Ich bin trotzdem weitergefahren. Nicht, weil es allen gefallen hätte. Sondern weil ich es wollte. Und dann sind Menschen verschwunden. Aber das ist egal. Die richtigen bleiben. Der Rest passt nicht.
Es rasen die Zeiger der Uhr. Draußen fahren die Erntemaschinen über die Dorfstraßen. Mähdrescher, so groß, dass man sich bei Gegenverkehr kurz überlegen muss, ob der Straßengraben nicht vielleicht doch ganz gemütlich aussieht. Dahinter Traktoren mit Anhängern. Voll mit Korn. Für Brot. Für Kuchen. Für Nudeln. Für Tierfutter. Für Dinge, über die man sich beim Frühstück normalerweise keine großen Gedanken macht, solange das Brötchen da liegt und niemand erwartet, dass man selbst vorher einen Hektar aberntet. Bis der Mais dran ist, dauert es noch ein paar Wochen. Gerade bleiben Stoppeln, Reifenspuren und der Geruch nach Erde, Staub und Spätsommer. Wenn die Sonne langsam im Westen verschwindet, wird es ruhiger. Die Maschinen fahren zurück auf die Höfe. Ab nach Hause. Die Straßen werden wieder breiter. Zumindest gefühlt. Und manchmal kann man auf den abgeernteten Feldern Füchse sehen. Früher waren es mehr. Ich glaube, es sind weniger geworden. Vielleicht sind sie auch nur vorsichtiger. Vielleicht bin ich seltener draußen. Oder ich schaue nicht mehr richtig hin. Mit Gewissheit kann ich dazu nichts sagen. Ich habe keine Fuchsstatistik geführt. Keine Tabellen angelegt. Keine nächtlichen Zählungen veranstaltet. Es ist nur so ein Gefühl. Egal. Die Abende werden langsam kürzer. Die Nächte länger. Der Sommer macht zwar noch keine Anstalten zu verschwinden, aber er räumt schon mal ein bisschen auf. Und irgendwo zwischen Mähdreschern, Stoppelfeldern und dem Licht, das abends inzwischen ein paar Minuten früher aus den Straßen verschwindet, ist mir aufgefallen, dass ich etwas ziemlich lange vergessen hatte. Die Musik.
Mareike hat mir gestern Songs geschickt. Nicht einen. Einen nach dem anderen. 100 Kilo Herz. Drei Meter Feldweg. Broilers. Madsen. Liedfett. Feine Sahne Fischfilet. Gitarren. Trompeten. Stimmen, die nicht höflich fragen, ob sie kurz stören dürfen. Musik mit Schrammen. Musik, die nach draußen will. Musik, die nicht im Hintergrund steht und darauf wartet, dass jemand sie bemerkt. Macht sie nicht. Sie scheißt drauf. Sie macht einfach. Und ich habe daraus eine Playlist gemacht. „Mit Mund abwischen“ habe ich sie genannt. Das ist ein kleiner Insider. Den muss auch nicht jeder verstehen. Gestern Abend bin ich mit dieser Playlist spazieren gegangen. Einige Songs kannte ich noch von früher. Nicht unbedingt Wort für Wort. Aber mein Körper kannte sie offenbar noch. Der erkannte manche Stellen schneller als mein Kopf. Ein Gitarrenriff, ein Trompeteneinsatz, eine Stimme und plötzlich war da wieder etwas Vertrautes. Wie ein Mensch, den man seit Jahren nicht gesehen hat und bei dem man trotzdem sofort weiß, wie er seinen Kaffee trinkt.
Krass. Früher war Musik wichtig für mich. Richtig wichtig. Ich stand stundenlang in Plattenläden. Vor diesen Regalen mit CDs, deren Sortierung vermutlich nur von Menschen verstanden wurde, die dort seit 1987 arbeiteten. Ich zog Hüllen heraus, las Titel, schaute mir Cover an, hörte in Alben rein und versuchte anhand von dreißig Sekunden herauszufinden, ob diese Musik mein Leben verändern oder mich nur 29,99 Mark kosten würde. Manches fand ich scheiße. Manches fand ich sofort großartig. Und bei manchen CDs wusste ich es nicht. Die nahm ich trotzdem mit. Aus Hoffnung. Oder weil das Cover gut war. Oder weil der Typ hinter der Theke gesagt hatte, das müsse man gehört haben. Menschen hinter Plattenladentheken hatten damals eine Autorität, die heute vermutlich nur noch Apotheker und Bahnkontrolleure besitzen. Dann stand man da und musste sich entscheiden. Single oder Album. Auf der Single war der Song, den man mochte. In fünf Versionen. Glaub ich. Auf dem Album waren zusätzlich elf Lieder, von denen man neun noch gar nicht kannte und zwei vermutlich nie mögen würde. Ich nahm meistens das Album. Man wollte schließlich die Band unterstützen. Die Musiker. Die Plattenfirma. Den Einzelhandel. Den Mann hinter der Theke mit dem ungewaschenen Pullover. Irgendwie alle. Nee. War gelogen. Am Ende war das nur für mich. Und dann?
Dann wurde Musik leiser. Nicht plötzlich. So etwas passiert selten plötzlich. Es gibt ja keinen Morgen, an dem man aufwacht und beschließt, einen Teil von sich ab heute nicht mehr zu brauchen. Man unterschreibt dafür keinen Vertrag. Man gibt nichts ab. Es gibt keine Quittung. Es passiert einfach. So nebenbei. Am Anfang waren da Menschen, die nicht mochten, was ich hörte. Also drehte ich die Musik leiser. Nicht immer. Nicht bewusst. Nur ein bisschen. Dann vielleicht noch ein bisschen. Irgendwann war sie aus. Und wenn etwas lange genug leiser wird, wird es irgendwann auch in einem selbst stiller.
Man gewöhnt sich daran.
Das ist vermutlich eine der gefährlichsten Fähigkeiten des Menschen. Wir können uns an fast alles gewöhnen. An Lärm. An Stille. An schlechte Matratzen. An Menschen, bei denen wir vorsichtiger sprechen. An Tage, in denen etwas fehlt, ohne dass wir genau sagen könnten, was. Und scheiße, irgendwann denkt man, es sei eben so. Man brauche das nicht mehr. Die Musik nicht. Das Tanzen nicht. Die Lautstärke nicht. Diese eine bestimmte Art von Freude, die keinen vernünftigen Anlass benötigt.
Aber das stimmt nicht.
Die Dinge, die uns fehlen, verschwinden nicht einfach. Sie liegen nur irgendwo herum. Unter Terminen. Unter Rücksicht. Unter Alltag. Unter all den Entscheidungen, die beschissen vernünftig aussehen und einen trotzdem Stück für Stück von sich selbst entfernen können. Und dann, schleichend und maximal scheiße legt sich etwas über das eigene Leben. Kein großer Schatten. Eher ein Schleier. Die Welt ist noch da. Die Farben auch. Die Menschen. Die Straßen. Die Felder. Der Kaffee am Morgen. Alles sieht aus wie vorher. Nur etwas trüber. Und weil es langsam passiert, merkt man es nicht. Man läuft weiter. Man erledigt Dinge. Man antwortet auf Nachrichten. Man kauft ein. Man funktioniert. Man glaubt, alles sei in Ordnung, weil nichts offensichtlich kaputt ist. Und irgendwann fällt einem einfach so auf, dass man aufgehört hat zu tanzen. Nicht sinnbildlich. Echt jetzt. Man tanzt nicht mehr.
Gestern habe ich wieder getanzt. Draußen. Auf der Straße. Beim Spazierengehen. Nicht besonders gut. Das sollte der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Es war weniger professionelles Tanzen als eine Mischung aus Wechselschritt, Vorwärtsbewegung und dem Versuch, dabei nicht in einen Graben zu geraten. Aber scheißegal, ich habe getanzt.
Trompeten im Ohr. Gitarren irgendwo zwischen Brustkorb und Kehle. Ska-Punk. Sommerabend. Sonne. Frische Luft. Die Hände nicht in den Taschen. Ein Schritt. Noch einer. Dann zwei zur Seite. Ein bisschen hüpfen. Ein bisschen laufen. Ein bisschen so tun, als sei die Dorfstraße gerade keine Dorfstraße, sondern die Hauptbühne eines Festivals, bei dem der Headliner erstaunlicherweise nur aus mir besteht. Ein paar Autofahrer haben natürlich geguckt. Manche haben gelacht. Vielleicht haben sie mich ausgelacht. Ist mir scheißegal. Vielleicht haben sie auch einfach gelacht, weil da jemand auf nem Bürgersteig getanzt hat. Das passiert hier nicht ständig. Normalerweise stehen Menschen am Straßenrand und beurteilen die Verkehrsentwicklung.
Ich jedenfalls musste ebenfalls lachen. Nicht, weil etwas besonders lustig gewesen wäre. Sondern weil es sich gut anfühlte. Leicht. Vertraut. Wie etwas, das lange weg war, obwohl es die ganze Zeit noch irgendwo in mir gesteckt hatte. Und während ich dort lief und tanzte, dachte ich an Mareike. Daran, dass sie wahrscheinlich einfach ein paar Songs verschickt hatte. Ohne großen Plan. Ohne pädagogisches Konzept. Das könnte sie definitv. Ohne zu wissen, was sie damit auslöst. Sie hat nicht gesagt, dass ich wieder mehr Musik hören soll. Sie hat nicht gefragt, wann ich eigentlich aufgehört habe zu tanzen. Sie hat nichts analysiert, nichts erklärt und schon gar keinen klugen Satz über Lebensfreude daruntergeschrieben. Sie hat einfach Musik geschickt.
Einen Song nach dem anderen. Und vielleicht war genau das genug. Manchmal braucht es keinen Menschen, der einen rettet. Das wäre ohnehin eine ziemlich große Aufgabe für einen Dienstagabend. Manchmal reicht jemand, der einem etwas gibt, das man irgendwann aus der Hand gelegt hat. Einen Song. Eine Erinnerung. Ein Gefühl. Mareike hat, ohne es zu wissen, einen Lappen genommen und eine Scheibe sauber gewischt, von der ich gar nicht bemerkt hatte, wie vergilbt sie inzwischen war.
Die Welt dahinter war die ganze Zeit noch da. Die Felder. Die Sonne. Die Straße. Die Füchse vielleicht. Und irgendwo dazwischen auch ich. Mit Trompeten im Ohr. Gitarren im Herzen. Und den Händen endlich wieder raus aus den Taschen. Geil. Echt jetzt.
Vorgestern stand ich allein in einem Laden für Outdoorbekleidung in Oldenburg. Und allein ist in solchen Läden ein gefährlicher Zustand. Zumindest für Menschen wie mich. Weil niemand neben einem steht und sagt: „Torsten, leg das Messer wieder hin. Du brauchst kein Messer, mit dem man vermutlich einen Elch erlegen könnte. Du willst nur in den Wald. Nicht die Zivilisation neu gründen.“ Nee. Sagt keiner. Egal. Der Laden war jedenfalls großartig. Nicht so großartig im Sinne von „Ach, nett hier, da kann man mal gucken“, sondern eher im Sinne von, dass ich dort problemlos mehrere Stunden hätte verbringen können, ohne dass es mir selbst merkwürdig vorgekommen wäre. Messer. Lampen. Schlafsäcke. Socken. Hosen. Pullover. Jacken. Rucksäcke. Dinge, von denen man sofort glaubt, dass das eigene Leben deutlich besser sortiert wäre, wenn man sie besitzen würde. Das ist natürlich Schwachsinn. Aber ein sehr überzeugender.
Outdoorläden haben diese besondere Wirkung. Man betritt sie als Mensch, der eigentlich nur eine Hose sucht und zehn Minuten später steht man vor einem Regal mit Stirnlampen und denkt ernsthaft darüber nach, ob man nicht vielleicht doch eine Lichtquelle braucht, die auch bei minus zwölf Grad, Starkregen und mittelgroßer innerer Krise zuverlässig in Höhlen funktioniert, die man eigentlich nicht betreten darf. Dabei bringt man höchstens nur mal den Müll im dunklen raus. Aber gut. Ich war dort wegen einer Hose. Nicht irgendeiner Hose. Natürlich nicht. Ich hatte eine Vorstellung. Eine sehr klare sogar. Was bei mir meistens bedeutet, dass ich ganz genau weiß, was ich will, kann es aber nur ungefähr beschreiben und bin dann beleidigt, wenn die Realität nicht sofort mitmacht.
Ich brauche eine Hose für den Herbst. Oktober. November. Für draußen. Für Matsch. Für Wald. Für Wege, die nicht danach aussehen, als hätte sie jemand für Menschen mit weißen Sneakern geplant. Für eines meiner NICHT-IRGENDWANN-Ziele. Für dieses Gefühl, wenn man nicht nur irgendwo hinfährt, um dort kurz ein Foto zu machen, sondern wirklich draußen ist. Mit kalten Händen. Mit dreckigen Schuhen. Mit Kaffee aus einem Becher, der nach zwei Stunden ungefähr die Temperatur eines alten Gedankens hat. So eine Hose sollte das sein. Robust. Bequem. Nicht zu eng. Nicht zu modern. Nicht diese Art von Outdoorhose, mit der man aussieht, als würde man gleich in einem Start-up erklären, dass man am Wochenende „gern mal rauskommt“. Sondern eine Hose, die nach Wald aussieht. Nach Herbst. Nach Holzofen. Nach Rucksack. Nach „kann dreckig werden, ist nicht schlimm“.
Und natürlich fand ich sie. Klar. Das war ja das Problem. Sie hing da. Einfach so. Nicht besonders beleuchtet. Keine Engelschöre. Kein Windstoß aus Richtung Skandinavien. Sie hing einfach da. Sachlich. Dunkelgrün. Unbeeindruckt von meiner finanziellen Gesamtlage. Ich nahm sie vom Bügel und schon beim Anfassen merkte ich: Mist. Man merkt das ja manchmal sofort. Stoff. Gewicht. Verarbeitung. Taschen an Stellen, an denen Taschen Sinn ergeben. Nicht aus modischer Laune heraus, sondern weil dort tatsächlich Dinge hineinpassen könnten. Messer vielleicht. Oder eine Karte. Oder ein Handy. Oder ein Müsliriegel, den man irgendwann findet, wenn man längst vergessen hat, dass man ihn gekauft hat. Eine Axt. Natürlich eine Axt. Ich probierte sie an. Sie passte. Natürlich passte sie. Es wäre auch zu freundlich vom Leben gewesen, wenn sie irgendwo gedrückt hätte. Wenn sie zu kurz gewesen wäre. Zu lang. Zu weit. Zu irgendwas. Dann hätte ich sagen können: „Uiii. Wie blöd jetzt. Wäre schön gewesen. Aber passt nicht.“ Und wäre mit dem Gesichtsausdruck eines vernünftigen Mannes aus der Kabine gekommen.
Aber nein. Sie saß, als hätte sie vorher kurz meine Maße genommen. Ich stand also vor dem Spiegel in dieser Hose und sah für einen Moment aus wie jemand, der im Herbst ernsthaft Pläne hat. Nicht nur Gedanken. Nicht nur Instagram im Kopf. Sondern echte Pläne. Rausfahren. Losgehen. Im Bauwagen schlafen. Durch Wald laufen. Abends Holz nachlegen. Morgens mit zerknittertem Gesicht irgendwo stehen und so tun, als sei Kälte ein Charaktertest. Diese Hose konnte das alles. Ich vermutlich auch. Aber die Hose sah überzeugender aus. Dann sah ich auf den Preis. 199,99 Euro.
Das ist ein Preis, bei dem Menschen gern sagen: „Ja gut, Qualität kostet eben.“ Stimmt. Qualität kostet. Aber Kontoauszüge haben leider selten Verständnis für Lebensgefühl. Die sagen nicht: „Ach Torsten, mach ruhig. Herbst. Wald. Aufbruch. Persönliche Entwicklung. Dunkelgrün steht dir.“ Kontoauszüge sind da eher norddeutsch. Trocken. Unromantisch. Fast schon beleidigend sachlich. 199,99 Euro sind 200 Euro. Da kann man noch so lange diese eine Cent-Lüge stehen lassen. Wir wissen alle, was gemeint ist. Niemand steht an der Kasse und denkt: „Zum Glück keine 200.“ Außer vielleicht Menschen, die auch glauben, ein Croissant sei ein ausgewogenes Frühstück, wenn ein Salatblatt draufliegt. Ich stand also da. In einer Hose, die perfekt war. In einem Laden, der sowieso gefährlich war. Mit einem Ziel im Kopf, das nach Herbst roch. Und mit einer Vernunft, die unangenehm wach wurde. Ich hätte sie kaufen können. Irgendwie. Klar. Kaufen kann man vieles. Zur Not kann man heute alles kaufen und sich morgen erzählen, es sei eine Investition gewesen. Menschen nennen sehr viel „Investition“, wenn sie eigentlich nur meinen: „Ich wollte das haben.“ Ich kenne das. Ich bin da nicht besser. Ich bin sogar ziemlich gut darin, mir Gründe zurechtzulegen. Das ist eine meiner unterschätzten Fähigkeiten. Wenn ich etwas wirklich will, arbeitet mein Kopf nicht mehr als Berater. Er arbeitet als Anwalt. Und zwar als einer dieser unangenehm ehrgeizigen Anwälte, die selbst aus einem klaren Fall noch ein dreiteiliges Argumentationspapier machen.
„Du brauchst die Hose ja wirklich.“ „Für den Herbst.“ „Für dein Ziel.“ „Billig kaufen heißt zweimal kaufen.“ „Du willst doch nicht frieren.“ „Du fängst neu an, aber gerade deshalb brauchst du gute Dinge.“ „Außerdem sitzt sie perfekt.“
Das klang alles nicht falsch. Das ist das Gemeine. Die besten Ausreden sind selten kompletter Blödsinn. Sie sind meistens halbwahr. Und Halbwahrheiten sind gefährlich, weil sie sich anfühlen wie Vernunft mit besserer Jacke.
Aber da war eben auch die andere Seite.
Ich beginne gerade noch einmal neu. Theoretisch. Praktisch auch. Schritt für Schritt. Rechnen. Sortieren. Prioritäten. Nicht jeden Wunsch sofort in den Einkaufswagen werfen, nur weil er gut aussieht und Taschen an den richtigen Stellen hat. Das ist nicht besonders romantisch. Auf gar keinen Fall geil. Aber notwendig. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man merkt, ob man es ernst meint.
Nicht bei den großen Sätzen. Nicht bei den Plänen. Nicht bei den Momenten, in denen man anderen erzählt, was man vorhat. Sondern in so einem Laden in Oldenburg, allein vor einem Spiegel, in einer Hose, die wirklich verdammt gut sitzt, während irgendwo im Hintergrund wahrscheinlich ein Mann überlegt, ob er für seinen Campingkocher noch einen Adapter braucht, obwohl er seit 2003 nicht mehr zelten war.
Da entscheidet sich manchmal mehr, als man denkt. Ich zog die Hose wieder aus, hängte sie zurück. Es gibt Klamotten, die hängt man nicht zurück, man trennt sich von ihnen auf Probe. So fühlte sich das an. Vielleicht kaufe ich sie irgendwann. Vielleicht finde ich sie günstiger. Vielleicht gibt es eine Alternative. Vielleicht ist genau diese Hose später immer noch da. Vielleicht auch nicht. Das Leben ist hart. Besonders bei Outdoorbekleidung in Dark Olive. Aber vorgestern habe ich sie nicht gekauft. Und das war richtig. Nicht, weil ich sie nicht wollte. Ich wollte sie echt. Sondern weil ich gemerkt habe, wie sehr ich versucht habe, Gründe zu finden, sie kaufen zu können. Kleine, stabile, vernünftig aussehende Gründe. Gründe mit Reißverschluss und verstärkten Knien. Und genau da liegt für mich inzwischen eine ziemlich einfache Regel.
Wenn ich Gründe suchen muss, um etwas zu tun, sollte ich es meistens lassen. Wenn ich allerdings Gründe suche, um etwas nicht zu tun, dann ist es oft genau das, was ich machen muss.
Klingt einfach. Ist es auch. Nur leider steht man im echten Leben selten mit dieser Erkenntnis auf einem Berggipfel, während die Sonne aufgeht und irgendein Adler symbolisch durchs Bild fliegt. Man steht eher in Oldenburg in einem Outdoorladen. In Socken. Vor einem Spiegel. Und versucht, einer Hose zu erklären, dass es gerade nicht an ihr liegt.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svgAltenoytherTorsten2026-07-11 08:24:572026-07-11 08:24:59Es liegt nicht an dir.
Bis 2014 habe ich das Marketing für eine Bank gemacht. Das klingt erst einmal vernünftig. Nach Schreibtisch. Nach Besprechungsraum. Nach einem edlen Kugelschreiber mit Logo. Nach einem Leben, bei dem Menschen morgens wissen, wo sie parken und abends wissen, warum sie müde sind. Also nach etwas, das mir rückblickend fast verdächtig geordnet vorkommt. Danach habe ich mich selbstständig gemacht. Ich habe fotografiert. Texte geschrieben. Webseiten gebaut. Marketingkonzepte entwickelt. Unternehmen sichtbarer gemacht als ihre eigenen Hinweisschilder, was in manchen Fällen keine große Kunst war, weil diese Hinweisschilder irgendwo zwischen Efeu, Parkplatz und vollständiger Resignation hingen. Und das sah von außen oft ziemlich vernünftig aus. Echt jetzt. Kamera in der Hand. Termine im Kalender. Rechnungen im System. Kunden, die nickten. Webseiten, die online gingen. Texte, die besser klangen als das, was vorher auf irgendeiner Unterseite unter „Über uns“ stand und vermutlich seit 2009 niemand mehr freiwillig gelesen hatte.
Aber von innen war das alles manchmal eher ein wackeliger, alter Campingtisch. So einer, bei dem ein Bein immer ein bisschen zu kurz ist. Und auf diesem Tisch lagen Ideen, Rechnungen, halbfertige Pläne, zu viele Gedanken und diese besondere Form von Existenzangst, die morgens keinen Kaffee braucht, weil sie sowieso schon wach ist. Ich sag mal so, es war nicht immer einfach. Dann kam 2026.
Und plötzlich fiel nicht nur ein Stein aus der Mauer. Es fiel gleich die ganze verdammte Wand. Das Zuhause war weg. Das Auto war weg. Mein Hund war in einem neuen Zuhause. Nicht, weil er mir egal war. Sondern weil Liebe manchmal auch bedeutet, nicht der Mittelpunkt zu sein. Eine Erkenntnis, die grundsätzlich schön klingt, aber in der Praxis ungefähr so angenehm ist wie barfuß auf Lego zu treten. Ich saß da und dachte: Fuck. Das war es jetzt. Tschüss. Ende. Abspann. Nur ohne Musik. Ich glaube, das Kino des Lebens ist mitunter erstaunlich geizig, wenn es um dramatische Effekte geht. Kein Regen gegen die Scheibe. Kein Streichorchester. Kein letzter Blick in den Rückspiegel. Meistens sitzt man einfach irgendwo, trinkt schlechten Kaffee und merkt, dass selbst große Zusammenbrüche echt unspektakulär aussehen können. Eine Zeit lang war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch zurückkommen wollte. Einfach, weil manchmal alles so still wird, dass selbst der nächste Tag wie eine Zumutung wirkt. Ein paar Tage später wurde mir klar, dass dieser Gedanke verständlich war. Aber auch ziemlich unpraktisch.
Das Gute ist, ich war noch da. Nicht besonders sortiert. Nicht besonders erfolgreich. Nicht mit erhobenem Kopf und fester Stimme, wie Menschen das in Filmen tun, kurz bevor sie eine neue Firma gründen oder einen Berg besteigen. Eher mit müdem Blick, zu vielen offenen Fragen und diesem inneren Geräusch, das entsteht, wenn das Leben einmal kräftig durchgelüftet hat, ohne vorher zu fragen, ob noch wichtige Unterlagen auf dem Tisch liegen. Und da stellte ich mir einfach mal eine andere Frage. Was wäre, wenn das hier gar kein Ende ist? Was, wenn es einfach nur der Punkt ist, an dem nichts mehr hübsch eingerichtet werden kann? Kein Vielleicht-später. Kein Wenn-mal-Zeit-ist. Kein Irgendwann, dieses kleine feige Wort, mit dem man ganze Leben in die Abstellkammer stellt. Und ich glaube, auch daraus ist NICHT IRGENDWANN entstanden. Ich habe angefangen, über hundert Dinge nachzudenken, die ich erleben möchte, bevor ich sterbe. Nicht, weil ich plötzlich besonders mutig geworden wäre. Ich bin nicht morgens aufgewacht und hatte auf einmal einen Abenteuerbart, ein Taschenmesser und ein sehr ernstes Verhältnis zu Sonnenaufgängen. Mir ist nur einfach aufgefallen, wie leicht man sein ganzes Leben auf irgendwann verschiebt. Ist doch so. Irgendwann mache ich das. Irgendwann fahre ich dorthin. Irgendwann sage ich das, was ich immer schon sagen wollte. Irgendwann fange ich an. Und irgendwann ist oft nur ein anderes Wort für nie.
Naja. Der aktuelle Stand der Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie tun möchte, bevor ich sterbe? 0 von 100. Aber ich glaube, genau deshalb beginnt die Geschichte jetzt. Nicht irgendwann. Jetzt.
Und jetzt sitze ich immer irgendwo und brainstorme. Kinnas. Was für ein schönes Wort. Brainstorming klingt immer, als säßen irgendwo kluge Menschen mit Whiteboard-Stiften in einem hellen Raum und würden Zukunft gestalten. Bei mir sieht es eher so aus, dass ich Notizen mache, wieder streiche, Kaffee trinke, kurz aufs Handy gucke, mich selbst dafür verachte, wieder Notizen mache und zwischendurch überlege, ob „mit Haien tauchen“ wirklich ein Ziel ist oder nur ein sehr aufwendiger Weg, um später von einem Tier ignoriert zu werden. Aber genau darum geht es. Ich will diese hundert Dinge eben nicht so auswählen, dass sie auf Instagram gut aussehen. Das wäre ja vermutlich sogar der einfachste Weg. Ballonfahrt bei Sonnenaufgang. Irgendein Berg. Irgendein See. Irgendein Foto, auf dem jemand von hinten in die Ferne schaut, als hätte er gerade in einem sehr teuren Onlinekurs gelernt, dass Freiheit auch nur ein anderes Wort für eine neue Jacke ist. Nein. Es sollen meine Ziele sein.
Nicht die Ziele, die besonders gut wirken. Nicht die Ziele, die andere beeindrucken. Nicht die Ziele, bei denen irgendjemand denkt: „Stark, der hat sein Leben im Griff.“ Das wäre ohnehin gelogen. Ich habe aktuell nicht einmal meine Kabel im Griff. Und Kabel sind im Vergleich zum Leben noch relativ überschaubar, obwohl auch das vermutlich eine gewagte Behauptung ist. Ich will Dinge aufschreiben, die wirklich etwas mit mir zu tun haben. Kleine Dinge. Große Dinge. Bescheuerte Dinge. Mutige Dinge. Dinge, die mir Angst machen. Dinge, die vielleicht niemand versteht. Dinge, bei denen andere sagen: „Warum ausgerechnet das?“ Und genau dann wird es wahrscheinlich interessant. Denn es sind meine Ziele. Nicht die der anderen. Nicht die des Algorithmus. Nicht die einer Zielgruppe, die angeblich zwischen 18 und 49 liegt und sich laut Statistik besonders für Authentizität interessiert, solange sie gut ausgeleuchtet ist.
Und ich will diese Geschichte erzählen. Nicht perfekt. Nicht glatt. Nicht mit dieser unangenehmen Selbstgewissheit von Menschen, die schon beim Frühstück klingen, als hätten sie drei Bücher über Disziplin gelesen und dabei ihren eigenen Schatten motiviert. Ich will filmen. Ich will fotografieren. Ich will zeigen, wie diese Liste entsteht. Wie ich überlege. Wie ich zweifle. Wie ich Ziele finde und wieder verwerfe. Wie ich vielleicht Dinge tue, die am Anfang unangenehm sind. Peinlich. Unbeholfen. Cringe, wie Menschen sagen, die wahrscheinlich auch schon einmal „Content Journey“ gesagt haben und danach trotzdem weiterleben durften. Es wird diesen Berg des Cringe geben. Fick dich. Ja. Ganz sicher. Vielleicht sogar mehrere. Kleine Mittelgebirge aus Unsicherheit, komischen Videos, schiefem Licht, falschen Sätzen und diesem Moment, in dem man sich selbst auf dem Bildschirm sieht und sofort versteht, warum manche Tiere lieber im Wald bleiben. Aber da muss ich rüber. Nicht, weil ich plötzlich Influencer werden will. Sondern weil ich glaube, dass diese Geschichte erzählt werden muss, während sie passiert. Nicht hinterher, wenn alles hübsch sortiert ist. Nicht erst dann, wenn aus dem Chaos eine Erfolgsgeschichte geworden ist und man in Interviews so tun kann, als hätte man die ganze Zeit einen Plan gehabt.
Ich habe keinen Plan.
Das ist vielleicht der ehrlichste Teil daran.
Ich habe ein Buch, das mir als Werkzeug dienen soll. Ein Buch, das ich selbst benutze, selbst gemacht habe. Nicht als Deko. Nicht als schönes Objekt für Menschen, die gerne Notizbücher kaufen und dann ehrfürchtig unbenutzt ins Regal stellen, als wären sie kleine Altäre der eigenen Möglichkeiten. Sondern als Arbeitsfläche. Als Liste. Als Erinnerung. Als Tritt in den Arsch, wenn das Leben wieder anfängt, sich in Ausreden einzurichten. Und ja, dieses Buch kann man kaufen. Nicht, weil ich plötzlich so tue, als hätte ich die große Antwort gefunden. Habe ich nicht. Ich habe nicht mal die kleine Antwort gefunden. Ich habe bisher 0 von 100. Das ist kein Expertenstatus. Das ist eher ein sehr sauber dokumentierter Anfang. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.
Ich habe außerdem ein Plugin gebastelt. Kostenlos. Für alle, die ihre eigene Liste auf ihrer Webseite zeigen wollen. Ihre Ziele. Ihre Fortschritte. Ihre Geschichten. Nicht als Leistungsschau. Nicht als digitales Schulterklopfen. Sondern als sichtbare Erinnerung daran, dass man Dinge nicht ewig im Kopf parken sollte. Im Kopf stehen sie nämlich irgendwann herum wie alte Kartons im Keller. Man weiß, dass sie da sind, aber man geht nicht mehr gern hin. Also: Buch. Webseite. Videos. Fotos. Plugin. Liste. Geschichte. Und irgendwo dazwischen ich. Mit ziemlich wenig Sicherheit, aber mit dem Gefühl, dass genau das gerade richtig ist.
All in, nennt man das wohl.
Oder, etwas weniger cool formuliert, ich werfe jetzt einfach alles auf den Tisch und schaue, was davon stehen bleibt. Der Tisch wackelt sowieso schon. Dann kann auch etwas Sinnvolles draufliegen.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logow.svgAltenoytherTorsten2026-06-29 15:36:242026-06-29 15:36:260 von 100.
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Narben vom Sommer
Mit etwas Glück bleibt da eine Narbe. Eine ziemlich große sogar. Direkt über meinem rechten Auge. Das Herz schlägt zwar links, aber vielleicht gehören Narben sowieso nicht dahin, wo das Herz sitzt. Vielleicht gehören sie ja dahin, wo man sie morgens im Spiegel sieht. Genau da, wo man hinguckt, bevor man sich Kaffee macht, die Zähne putzt und versucht, für einen weiteren Tag halbwegs wie ein funktionierender Erwachsener auszusehen. Und vielleicht werde ich in ein paar Jahren, wenn ich mit etwas Glück wirklich alt bin, auch vor einem Spiegel stehen, die Narbe anschauen und grinsen. Weil ich dann sofort wieder an diese eine Party im Jahr 2026 denken werde. An eine Party von Freunden für Freunde. An einen dieser Tage, die eigentlich vollkommen normal anfangen und irgendwann beschließen, dass sie bleiben. Unter Apfelbäumen. Am Fluss. Zwischen alten Eichen, deren Äste sich im Wind bewegen, während unten das Wasser Richtung Stadt zieht. Noch ein gutes Stück entfernt von Häusern, Straßen und all dem Kram, der sonst ständig wichtig sein möchte. Dort haben Freunde gemeinsam einen Garten hergerichtet. Kabel gezogen. Beleuchtung aufgebaut. Technik angeschlossen. Tische verschoben. Dinge irgendwo hingestellt und später noch einmal woanders hingestellt, weil das bei solchen Aktionen offenbar zum offiziellen Ablauf gehört. Keine durchgestylte Pinterest-Scheiße. Keine Servietten, die farblich auf irgendwelche Trockenblumen abgestimmt waren. Einfach ein richtig geiler Garten. Freitag. Kaffee und Kuchen in der Küche. Pizza auf alten Holzpaletten. Musik. Getränke. Leute, die kamen, blieben, halfen, lachten und diesen Ort für ein paar Stunden zu etwas gemacht haben, das man nicht planen kann. Und genau deshalb war es so gut. Denn es gibt Tage, da merkt man plötzlich mittendrin, dass man sich genau daran einmal erinnern wird. Nicht, weil gerade etwas wahnsinnig Spektakuläres geschieht. Sondern weil einfach alles stimmt. Der Ort. Die Menschen. Die Stimmung. Dieses schwer zu erklärende Gefühl, dass man gerade verdammt gerne genau dort ist, wo man ist.
Ich verstehe schon, warum Menschen Narben im Gesicht meistens nicht besonders geil finden. Sie passen nicht unbedingt in das, was uns jahrelang als schön verkauft wurde. Glatte Haut. Symmetrie. Möglichst wenig Spuren davon, dass man dieses Leben tatsächlich benutzt hat. Und natürlich erzählen Narben nicht immer schöne Geschichten. Manche entstehen durch Unfälle. Durch Gewalt. Durch Krankheiten. Durch Dinge, an die man sich vielleicht lieber nicht jeden Morgen erinnern möchte. Aber meine wird anders. Meine wird von einem verdammt guten Tag erzählen. Von einem Garten am Fluss. Von Pizza auf Holzpaletten, Musik und Freunden. Von Menschen, bei denen man nicht erklären muss, warum sie einem wichtig sind. Und davon, dass dieser Tag offenbar so gut war, dass er beschlossen hat, ein kleines Stück von sich einfach dazulassen. Direkt über meinem rechten Auge. Wie es dazu gekommen ist? Das erzähle ich später. Denn diese Geschichte gehört ans Ende. Genau dahin, wo sie passiert ist.
Unter Freunden
Aber wir bleiben am Anfang. Nicht ganz am Anfang, denn solche Geschichten fangen sowieso immer früher an, als man später behauptet. Vielleicht Jahre vorher. Mit irgendeiner Entscheidung. Mit einem Termin, der abgesagt wurde. Mit etwas, das sich nicht verschieben ließ. Mit einem Satz zwischen Freunden, der erstmal gar nicht besonders groß klang. Lass uns das einfach mal machen. Könnte ja gut werden. Oder komplett bescheuert. Und meistens sind genau das die Sachen, bei denen man vorher noch ein bisschen zweifelt. Bei denen niemand so richtig weiß, ob das eine gute Idee ist. Bei denen man kurz über Vernunft nachdenkt und sich dann entscheidet, auf jede angezogene Handbremse und Vollkaskoversicherung einfach mal zu scheißen. Man macht. Und manchmal wird genau daraus etwas richtig Geiles. Vielleicht liegt der eigentliche Anfang also irgendwo dort. Aber den erzähle ich nicht. Ich fange am Samstag an.
Die letzten Vorbereitungen laufen. Kleinkram. Details. Nichts, was einzeln besonders wichtig aussieht, aber zusammen genau den Unterschied macht zwischen „Wir stellen hier ein bisschen was hin“ und „Scheiße, das wird heute wirklich gut.“ Am Rand steht jemand und raucht. Ein paar Meter weiter werden die letzten Kabel verlegt. Irgendwer malt ein Plakat. Jemand anderes baut dafür noch schnell einen Rahmen. Der Zeitplan der Bands wird aufgehängt. Aufgaben werden verteilt, geändert, wieder anders verteilt und am Ende macht sowieso jeder noch irgendwas, das ursprünglich gar nicht auf seiner Liste stand. Der Grill kommt an seinen Platz. Die ersten Gäste trudeln ein. Ein paar bauen ihre Zelte auf. Andere schlafen später in Bullis. Für die Bands stehen Wohnwagen parat, falls irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem Heimfahren zwar theoretisch noch möglich, praktisch aber einfach eine beschissene Idee wäre. Auf der Bühne wird weiter geschraubt. Aber anders. Der Tontechniker feilt am Sound. Die erste Band stimmt die Gitarren, redet sich mit ihm durch Pegel, Monitore und diesen ganzen Kram, von dem ich ungefähr so viel verstehe wie von der, ich sach mal, korrekten Besteuerung einer liechtensteinischen Briefkastenfirma. Aber es klingt langsam richtig. Nicht perfekt. Perfekt würde hier sowieso nicht passen. Dafür geht die Musik zu sehr nach vorne. Dafür ist das hier zu echt.
Ich frage mich gerade, ob ich auf die Bands überhaupt einzeln eingehen soll. Ich bin kein Musikexperte. Nicht mal ansatzweise. Technik. Genres. Klangbilder. Gitarrensounds. Irgendwelche Unterschiede, die andere Menschen nach drei Takten erkennen und anschließend zwölf Minuten erklären können. Keine Ahnung. Ich kann eigentlich nur sagen, ob mich eine Band abholt oder eben nicht. Und an diesem Tag haben sie das. Manche mehr. Manche weniger. Aber am Ende ist das sowieso nur meine Meinung. Kann man lesen. Muss man aber nicht übernehmen. Denn das, was ich überragend finde, klingt für jemand anderen vielleicht einfach nach Geschrammel von wilden Leuten, die vermutlich gerade irgendeine Phase durchmachen. Ist natürlich Quatsch. Aber Menschen reden erstaunlich gern über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Erfahrungswerte. Was soll ich machen? Und ich nehme mich da ausdrücklich nicht raus. Hab ich selbst oft genug gemacht. Irgendwas gesehen. Kurz eingeordnet. Schublade auf. Rein damit. Fertig. Heute versuche ich lieber neugierig zu sein als wertend. Klappt manchmal ziemlich gut. Und manchmal eben überhaupt nicht. Auch das gehört vermutlich dazu. Egal Karl.
Bands
Die Bands, die an diesem Samstag gespielt haben, hießen KID DAD, CARA, Badminton, Kann Karate, Bony Macaroni und Plaiins. Alle cool. Alle richtig gut. Und natürlich jede auf ihre eigene Art. Wäre ja auch maximal ätzend, wenn sechs Bands nacheinander exakt denselben Kram machen würden. Keine Coverbands. Keine Top-40-Schützenfestkapelle. Kein Mainstream-Gedudel, bei dem spätestens beim dritten Song irgendwer „Summer of ’69“ erwartet. Meist Indie. Punk. Irgendwas dazwischen. Vielleicht auch komplett anders. Wie gesagt: Ich hab doch keine Ahnung.
KID DAD kamen, wenn ich das richtig im Kopf habe, aus Berlin und Paderborn. Glaub ich. Paderborn. Früher habe ich aus irgendeinem vollkommen unerklärlichen Grund geglaubt, Paderborn läge irgendwo an der Nordsee. Ein kleiner, verschlafener Ort, in dem grundsätzlich alle Menschen gelbe Regenjacken tragen. Friesennerze. Immer. Weil es in Paderborn natürlich auch immer regnet. Immer Herbst. Keine Ahnung, woher mein Kopf diesen Quatsch hatte. Vermutlich dieselbe Abteilung, die jahrelang auch andere vollkommen unbelegte Dinge einfach als Fakten abgespeichert hat. Heute weiß ich natürlich, wo Paderborn liegt. Irgendwo da am Rand Richtung Sauerland. Und Berlin? Ja gut. Davon hab ich schon mal gehört.
CARA hingegen kam aus Köln. Schon deutlich ruhiger oder vielleicht auch melancholischer. Songs über Selbstfindung, Beziehungen, Nähe, Entfernung und diesen ganzen Kram, bei dem man eigentlich nur Musik hören will und plötzlich trotzdem irgendwo in seinem eigenen Leben landet. Unfassbar schöne Stimme. Viel Gefühl. Mir persönlich fast ein bisschen zu viel davon. Und damit meine ich nicht, dass es schlecht war. Ganz im Gegenteil. Es hat mich nur ziemlich erwischt. Emotional. Mehr, als ich in dem Moment eigentlich gebrauchen konnte. Keine Ahnung. Es gibt Musik, die läuft einfach. Und es gibt Musik, die stellt sich neben dich, legt dir kurz die Hand auf die Schulter und sagt: So. Jetzt gucken wir uns das hier mal gemeinsam an. CARA war eher die zweite Sorte. Wunderschön. Aber eben auch gefährlich nah dran. Das ist ein richtiges Kompliment, auch wenn es erstmal anders klingt. Ich war nur nicht bereit.
Und wo wir gerade bei Menschen sind, die an diesem Tag irgendwie präsent waren, obwohl sie gar nicht da waren: Mareike und Marina haben gefehlt. Beide. So nämlich. Irgendwas war dazwischengekommen. Familienurlaub. Termine. Leben eben. Diese lästige Angewohnheit des Alltags, sich nicht danach zu richten, wann irgendwo ein richtig guter Abend geplant ist. Kann man nichts machen. Trotzdem haben sie gefehlt. Jetzt nicht so, dass ständig jemand traurig in eine Ecke geguckt hätte. So meine ich das gar nicht. Eher auf diese stille Art. Wenn man zwischendurch denkt: Das hier würde ihr gefallen. Oder: Jetzt würde sie wahrscheinlich genau darüber lachen. Oder wenn irgendwo ein Platz frei ist, obwohl eigentlich niemand einen Platz freigehalten hat. Menschen können fehlen, ohne dass dadurch alles schlechter wird. Der Abend war großartig. Vielleicht gerade deshalb merkt man manchmal besonders deutlich, wen man gern dabeigehabt hätte. Mareike und Marina gehörten an diesem Tag oder Abend dazu. Definitiv.
Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das war, aber irgendwann vor CARAs Auftritt stand BADMINTON hinten auf dem Platz und spielte mit den Kids Fußball. Einfach so. Keine große Ansage. Kein Programmpunkt. Kein „Jetzt bitte alle einmal hier entlang“. Ball da. Kinder da. Band da. Also wurde gespielt. Ohne Linienrichter, ohne Regeln und ohne doppelten Boden. Okay, ein Netz gab es. Genau solche Sachen machen dieses Fest aus. Es passiert einfach. Menschen kommen zusammen und für ein paar Stunden interessiert es wirklich niemanden, wo jemand herkommt, was jemand verdient, woran jemand glaubt oder in welche verdammte Schublade er laut irgendeinem Formular eigentlich gehören soll. Zumindest hatte ich genau dieses Gefühl. Und ganz ehrlich: All der ganze Bums würde mich auch nicht interessieren. Nach dem Fußball war dann BADMINTON dran. Und die haben das Publikum schon ziemlich ordentlich zerfickt. Darf man das so schreiben? Ja. Natürlich darf ich das so schreiben. Meine Seite. Meine Texte. Kein Chefredakteur, der mit rotem Stift danebensteht und aus „zerfickt“ am Ende „begeisterte das Publikum“ macht. Auch irgendwie geil. Aber wie gesagt: Ich will hier gar nicht anfangen, jede Band musikalisch auseinanderzunehmen. Dafür fehlt mir erstens das Fachwissen und zweitens wäre meine Meinung am Ende sowieso genau das, meine Meinung. Subjektiv. Ich werde die Bands am Ende verlinken und dann kann sich jeder selbst anhören, was davon hängen bleibt. Denn vielleicht finde ich etwas großartig und jemand anderes hält es für drei Gitarren und einen mittelschweren Nervenzusammenbruch. Völlig okay. So funktioniert Musik vermutlich. Denke ich. Wie gesagt: Keine Ahnung.
Ich habe mich mit Tim unterhalten, der gerade mit meinem Buch arbeitet. Mit Matthias, mit dem ich früher mal zur Schule gegangen bin. Mit Jens und Simon, die ich auch irgendwie von früher kenne, obwohl wir nie gemeinsam in irgendeinem Klassenraum gesessen haben. Mit Anneliese, die 2008 für einen ziemlich kurzen Moment meine Arbeitskollegin war. Vielleicht ein paar Wochen. Keine Ahnung. Lange genug jedenfalls, dass man sich fast zwanzig Jahre später noch erkennt. Mit Mirco. Mit Ralf. Rolf. Stefan. Maria. Gerd. Mit all den Menschen, die dieses Fest auf die Beine gestellt haben. Und mit Sicherheit habe ich jetzt jemanden vergessen. Oder ich kenne manche Namen überhaupt nicht. War aber auch vollkommen egal. Niemand lief dort herum und stellte sich mit vollständigem Namen, Beruf und aktueller Lebenssituation vor. Man redete einfach. Über Musik. Über früher. Über heute. Über irgendeinen Quatsch, der genau in diesem Moment wichtig genug war, um ein paar Minuten darüber zu sprechen.
Besonders gefreut habe ich mich über Anne. Wir kennen uns noch aus Zeiten, in denen wir im Scheibenwischer Partys gefeiert haben. Den Scheibenwischer gibt es schon ewig nicht mehr. Und diese Abende liegen inzwischen so weit zurück, dass vermutlich ganze Teile davon irgendwo zwischen zu lauter Musik, Bier und den allgemeinen Gedächtnislücken der frühen Erwachsenenjahre verschollen sind. Aber manches ist eben trotzdem noch da. Keine komplette Nacht. Keine genaue Uhrzeit. Keine Ahnung mehr, welche Musik lief oder wer damals welches Shirt getragen hat. Sondern so kleine Szenen. Momente eben. Ein Gespräch draußen vor der Tür. Irgendein Lachen. Ein kurzer Moment an der Theke. Zwei Sätze, die vollkommen unwichtig waren und sich trotzdem irgendwo festgesetzt haben. Schon verrückt. Oder? Ich mein, wenn mich heute jemand fragen würde, was ich damals so hatte an Kram, könnte ich vermutlich kaum etwas aufzählen. Welche Schuhe. Welche Jacke. Was damals unbedingt wichtig wirkte. Echt. Keine Ahnung. Aber ich weiß noch, wie sich manche Abende angefühlt haben.
Vielleicht sollten wir tatsächlich wieder ein bisschen mehr davon sammeln. Nicht Zeug. Momente. Dinge kann man verlieren. Verkaufen. Wegwerfen. Sie gehen kaputt oder liegen irgendwann in irgendeinem Karton, bei dem man seit sechs Jahren behauptet, man würde ihn demnächst mal aussortieren. Momente aber sind anders. Die nimmt man einfach mit. Manchmal über Jahre. Manchmal über Jahrzehnte. Vielleicht sogar weit darüber hinaus. Keine Ahnung. Zum Glück bin ich noch nie gestorben, deshalb fehlen mir da belastbare Erfahrungswerte. Aber genau diese kleinen Augenblicke gab es auch an diesem Samstag wieder. Am Fluss. Unter den Apfelbäumen. Zwischen Musik, Gesprächen und Menschen, die sich irgendwann irgendwo im Leben schon einmal begegnet waren oder sich genau dort zum ersten Mal trafen. Nichts davon musste besonders teuer sein. Kein Luxus. Kein großes Spektakel. Manchmal reichen ein Garten, ein paar alte Holzpaletten, Musik und Menschen, mit denen man verdammt gerne genau dort steht. Und vielleicht ist das am Ende wirklich der Kram, der bleibt.
Ich merke schon. Dieser Text wird länger als erwartet.
Wahrscheinlich liegt es an den unzähligen Eindrücken. An den vielen kleinen Momenten. An diesen verdammt guten Waffeln. An einer Essensorganisation, bei der offenbar tatsächlich Menschen vorher nachgedacht hatten. An der Musik. An Gesprächen. An all dem Zeug, das an einem einzigen Tag passiert und sich später trotzdem nicht vernünftig auf drei Absätze zusammenstreichen lässt. Kannste machen. Wäre dann aber schade. Dann standen KANN KARATE auf der Bühne. Vier Jungs aus Berlin. Indierock. Rotzige Hymnen. Hab ich gerade bei Instagram gelesen. Klingt gut. Nehmen wir so. Und dann kam „Blumen“. Der Song hängt mir immer noch im Kopf. Was für ein Abriss. Was für eine Stimmung. Vor der Bühne standen keine Menschen mehr herum, die höflich mit dem Fuß wippten und darauf achteten, bloß nicht unangenehm aufzufallen. Da wurde getanzt. Mitgesungen. Gelacht. Irgendwann war die Musik kurz weg und die Stimmen waren immer noch da.
Genau solche Momente liebe ich. Wenn eine Band eigentlich schon gar nichts mehr machen muss, weil die Menschen vor der Bühne den Song einfach übernehmen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist „Blumen“ wahrscheinlich der Song dieses Tages, der sich bei mir am tiefsten festgesetzt hat. Keine Ahnung, ob er musikalisch der beste war. Ist mir auch vollkommen egal. Er ist geblieben. Und wenn ich ihn jetzt höre, denke ich sofort wieder an diesen Garten. An den Abend. An tanzende Menschen. An dieses ziemlich seltene Gefühl, dass man gerade nirgendwo anders sein möchte. Das ist so ein Song, bei dem man sich bewegen muss. Tanzen. Lachen. Vielleicht jemanden küssen. Glücklich sein. Oder wenigstens für diese paar Minuten vergessen, warum man es gerade nicht sein sollte. Stillstehen funktioniert jedenfalls nicht. Hab ich versucht. Ehrlich. Keine Chance.
Die Übergänge an diesem Abend waren fließend. Eigentlich ging alles irgendwie ineinander über. Eine Band hörte auf. Menschen holten sich etwas zu essen. Irgendwo wurde gelacht. Jemand stand am Fluss. Dann fing schon wieder irgendwo Musik an. Stunden fühlten sich an wie Minuten. Zeit ist sowieso so ein seltsamer Kram, den ich wahrscheinlich niemals wirklich verstehen werde. A-Theorie. B-Theorie. Linear. Blockuniversum. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Alles gleichzeitig oder doch schön ordentlich hintereinander? Keine Ahnung. Muss ich mich damit jetzt beschäftigen? Wahrscheinlich nicht. Was würde Einstein dazu sagen? Vermutlich würde er irgendetwas sehr Kluges über Relativität erzählen und danach, wie fast jeder Mensch, mit dem ich über solche Sachen irgendwann zu lange gesprochen habe, einfach sagen:
„Halt die Fresse, Torsten.“
Zurück in den Garten. Überall gingen langsam die kleinen Lichter an. Und was mir irgendwann auffiel, niemand war wirklich richtig betrunken. Natürlich waren hier und da ein paar Leute leicht angeschossen. Gehört wahrscheinlich dazu. Aber dieses komplette Wegschießen, wie man es von manchen Dorfschützenfesten kennt, bei denen ab einer bestimmten Uhrzeit Menschen anfangen, persönliche Feindschaften mit Bierzeltgarnituren auszutragen, blieb aus. Zumindest habe ich nichts davon gesehen. Ich lief mit der Kamera durch die Reihen und niemand fiel unangenehm auf. Es wurde getrunken. Aber vor allem wurde gefeiert. Das ist ein Unterschied.
Irgendwas um 21 Uhr kamen Bony Macaroni auf die Bühne. Wo die herkamen? Keine Ahnung. Wirklich nicht. Aber was sie gemacht haben, weiß ich noch. Und als plötzlich „Mr. Brightside“ von The Killers kam, einer von gerade mal zwei Coversongs an diesem ganzen Tag, war sowieso alles vorbei. CARA hatte vorher schon „Nur ein Wort“ von Wir sind Helden gespielt. Und jetzt das. Natürlich konnten plötzlich alle mitsingen. Wirklich alle. Zumindest klang es so. Leck mich. Was für ein Moment. Überragend.
Ein paar Meter weiter brannte das Lagerfeuer. Menschen, die gerade nicht vor der Bühne tanzten, sangen oder ihre Hände irgendwo in die Luft warfen, saßen am Feuer. Auf der Wiese. Auf kleinen Bänken. Andere standen an Stehtischen, aßen, tranken, redeten. Manche lachten. Manche führten vielleicht Gespräche, die überhaupt nicht lustig waren. Vielleicht verliebten sich an diesem Abend zwei Menschen. Vielleicht stellten zwei andere fest, dass sie sich eigentlich nicht besonders gut leiden können. Vielleicht erzählte jemand einem Menschen, den er kaum kannte, Dinge, die man manchmal genau deshalb erzählen kann. Weil da keine Geschichte davor ist. Keine Erwartung. Kein Urteil. Nur dieser eine Abend. Und irgendwie durfte all das nebeneinander existieren. Die Musik. Das Feuer. Die Gespräche. Das Lachen. Das Schweigen. Kinder schwammen im Fluss, als wäre das alles das Normalste der Welt. Und der Fluss? Dem war das sowieso scheißegal. Der fragte niemanden, woher er kommt. Was er glaubt. Wen er liebt. Was er verdient. Oder ob er in irgendeine Vorstellung davon passt, wie man angeblich zu sein hat. Vielleicht ist Frieden am Ende gar nichts besonders Großes. Vielleicht beginnt er genau da. Wo Menschen aufhören, sich gegenseitig erklären zu wollen. Und stattdessen einfach mal nebeneinander am selben Fluss stehen. Es könnte so einfach sein.
Pure Morning
PLAIINS stimmen ihre Gitarren. Stimmen wehen über den Platz. Im Backstagebereich sitzen Mitglieder der anderen Bands, checken ihre Handys, reden miteinander, lernen sich kennen. Auf dem Tisch steht alles Mögliche. Süßigkeiten. Vegane Schokolade. Gebäck. Wurst. Tatsächlich für jeden irgendwas. Es riecht nach Lagerfeuer, Sommer und diesem seltsamen Gefühl, dass gerade Erinnerungen entstehen, obwohl man sie noch gar nicht so nennen kann. Zwei Menschen laufen Hand in Hand über den Platz. Ein paar Meter weiter füllt jemand Toilettenpapier in den Wagen nach. Auch das gehört dazu. Vielleicht sogar mehr als alles andere. Niemand ist sich für irgendwas zu schade. Dann kurz Ruhe. Und plötzlich brechen PLAIINS los. Vor der Bühne wird es eng. Laut. Unruhig. Auf die gute Art. Irgendwo entsteht vielleicht eine Wall of Death. Vielleicht auch einfach nur ein ziemlich wilder Moshpit. Ich kenne die korrekten Fachbegriffe nicht und werde jetzt auch nicht anfangen, während eines Punkkonzerts Wikipedia zu spielen.
Menschen gehen kollektiv auf den Boden. Warten. Dann kommt dieser Moment. Drop? Nennt man das so? Keine Ahnung. Jedenfalls springen plötzlich alle wieder hoch und alles explodiert. Ich mittendrin. Und ganz ehrlich, es wäre nicht vollkommen undenkbar gewesen, sich dort ein blaues Auge zu holen. Aber selbst das hätte sich wahrscheinlich weniger nach Verletzung angefühlt als nach Souvenir. Ein kleines Andenken an einen Abend mit Punk, Schweiß und Leuten, die für ein paar Minuten beschlossen haben, vernünftig einfach mal sein zu lassen.
Dann der letzte Song. Zugabe. Verabschiedung. Die Bühne wird still. Der DJ übernimmt. Placebo. „Pure Morning“. Vor dem Pult wird weitergetanzt. Langsam gehen die ersten Menschen nach Hause. Die Reihen werden dünner. An der Theke wird es ruhiger. Irgendwann bleiben nur noch die übrig, die offenbar beschlossen haben, dass Schlaf auch morgen noch eine Option ist. Am Lagerfeuer sitzt jemand mit einer Gitarre. „Knockin’ on Heaven’s Door“. Natürlich. Manche Songs bekommt man wahrscheinlich automatisch ausgehändigt, sobald man irgendwo nachts mit einer Akustikgitarre am Feuer sitzt. Aber geil.
Ich frage jemanden, wer er ist. Und zum ersten Mal an diesem Tag habe ich kurz das Gefühl, dass mich jemand nicht besonders mag. Auch okay. Niemand muss mich mögen. Wirklich nicht. Ein paar Minuten später wird von diesem Menschen über mich gesprochen. Nicht lange. Aber laut genug, dass ich es hören kann. Auch das ist okay. Einer verkauft Versicherungen. Der andere ist Geschäftsführer eines größeren Unternehmens. Vielleicht leben wir einfach in ziemlich unterschiedlichen Welten.
Kann sein. Früher hätte ich wahrscheinlich länger darüber nachgedacht, was genau da gerade falsch gelaufen ist. Heute denke ich eher, anders ist erstmal nur anders. Nicht besser. Nicht schlechter. Nur anders. Ich drehe mich wieder zum Feuer. Neben mir sitzt der
GitarristBassist* von PLAIINS. Wir reden kurz, tauschen unsere Instagram-Accounts aus und folgen uns gegenseitig. So einfach kann das auch gehen. Später spielt er „Schrei nach Liebe“. Und fast alle singen mit. Fast. Auch das ist okay. Niemand muss denselben Song mögen. Niemand muss dieselben Menschen mögen. Niemand muss dieselbe Welt sehen. Ich muss in diesem Moment an einen Satz denken, den ich irgendwann mal gehört habe: Wenn du wissen willst, wie ein Mensch wirklich ist, gib ihm Macht. Keine Ahnung, ob das immer stimmt. Aber manchmal reichen offenbar schon ein bisschen Status, ein bisschen Aufmerksamkeit oder einfach nur die Möglichkeit zu entscheiden, wie man mit jemand anderem umgeht. Dann zeigt sich ziemlich schnell, was darunter liegt.Narben vom Sommer
Irgendwann wird das Feuer kleiner. Menschen stehen auf, verabschieden sich, verschwinden nach Hause, in Zelten, Bullis oder Wohnwagen. Gespräche werden kürzer. Stimmen leiser. Irgendwer legt noch Holz nach, obwohl eigentlich längst klar ist, dass dieser Abend langsam zu Ende geht. Auch ich stehe irgendwann auf. Meine Kamera liegt im Rucksack im Haus. Die Tür ist zu. Klingeln? Nee. Wegen einer Kamera hole ich jetzt niemanden mehr aus dem Bett. Die brauche ich in dieser Nacht sowieso nicht mehr.
Also morgen.
Ich nehme das Fahrrad, das ich mir von meinem Bruder geliehen habe. Mountainbike. Mit Unterstützung. Läuft gut. 25 km/h sind kein Problem. Ich fahre los. Durch die Nacht. Ein Stück Straße, dann an der Umgehungsstraße entlang und über die Brücke der Bundesstraße. Kaum Verkehr. Trotzdem nehme ich brav die Fußgängerampel. Man will ja schließlich verantwortungsvoll leben. Zumindest für ungefähr die nächsten zehn Minuten. Ich fahre durch die Stadt. Dunkle Häuser. Hier und da noch Menschen auf der Straße. Man grüßt sich. Moin. Moin. Ganz normaler Samstagabend, der inzwischen eigentlich schon Sonntag ist. Vor der evangelischen Kirche liegen Parkplätze direkt an der Straße. Aus Richtung Innenstadt kommt ein Auto. Vielleicht ein bisschen zu schnell. Vielleicht auch nicht. Es kommt kurz von der Fahrbahn ab, zieht über den Parkstreifen und fährt weiter Richtung Ortsausgang. Mehr bekomme ich davon eigentlich gar nicht mit.
Ich erschrecke mich. Richtig. Reiße den Lenker zur Seite. Und dann geht alles ziemlich schnell. Rad weg. Boden da. Und ich bremse mit dem Gesicht. Kann man machen. Ist allerdings nicht die vom Hersteller empfohlene Methode. Ich stehe wieder auf. Mein erster Gedanke: Brille. Ich suche im Dunkeln, finde sie aber nicht. Dann kommen die Schmerzen. Über dem Auge. Im Auge. Am Knie. An der linken Hand. Und dieses warme Gefühl im Gesicht, bei dem man ziemlich schnell weiß, dass das vermutlich kein Schweiß mehr ist.
Blut läuft mir über die Wange. Ich ziehe ein paar Taschentücher aus der Hosentasche und drücke sie auf die Stelle über dem Auge. Sehen kann ich kaum etwas. Es ist dunkel. Ich habe keine Brille. Und offenbar gerade beschlossen, meinen Kopf einem unfreiwilligen Belastungstest zu unterziehen. Was macht ein vernünftiger Mensch jetzt? Krankenhaus. Richtig. Was mache ich? Ich fahre nach Hause. Dumm. Ganz eindeutig. Aber manchmal steht man nach so einem Sturz auf, kontrolliert kurz, ob noch ungefähr alles am Körper befestigt ist, und beschließt dann vollkommen grundlos, wird schon gehen. Ich fahre weiter. Diesmal langsamer. Deutlich langsamer. Am nächsten Tag wird Ralf sich die Wunde ansehen und sagen, dass da wahrscheinlich eine ziemlich große Narbe bleiben wird. Direkt über meinem rechten Auge. Und damit wären wir wieder am Anfang.
Mit etwas Glück bleibt sie. Nicht, weil ich besonders scharf darauf bin, mir das Gesicht zu verzieren. Sondern weil Narben Geschichten erzählen können. Nicht jede davon ist schön. Manche möchte man wahrscheinlich am liebsten vergessen. Aber wenn ich diese irgendwann morgens im Spiegel sehe, werde ich mich nicht zuerst an Asphalt erinnern. Nicht an Blut. Nicht an ein Auto, eine verlorene Brille oder daran, dass man mit dem Gesicht wirklich erstaunlich schlecht bremsen kann. Ich werde mich an Apfelbäume erinnern. An einen Fluss. An Waffeln und Pizza auf Holzpaletten. An Gitarren. An Lagerfeuer. An Menschen, die miteinander aufgebaut, gefeiert, getanzt, geredet und diesen einen Samstag zu etwas gemacht haben, das viel länger bleiben wird als die Musik. Vielleicht sogar länger als wir alle. Keine Ahnung. Zum Glück bin ich immer noch nicht gestorben.
Aber bis dahin sammle ich weiter. Menschen. Musik. Abende. Momente. Und manchmal eben auch Narben vom Sommer.
*Danke Adrian für die Verbesserung. Adiran ist DER BASSIST von Plaiins.
Gut, dass ich schrieb, dass ich keine Ahnung hab.
Bandlinks:
KID DAD – CARA – BADMINTON – KANN KARATE – BONY MACARONI – PLAIINS
Lautes Leben.
Komm, wir leihen uns nen Bulli und werfen alles hinten rein. Zwei Shirts. Zwei Hosen, alte Jacken. Auf viel mehr kommt es gar nicht an. Komm, wir scheißen ein paar Tage auf alles und fahren los. Keine Ahnung, wo wir schlafen. Wir haben einfach keinen Plan, nur die Straße vor den Reifen und dein Lachen im Gesicht. Komm wir hören die alten Lieder, die wir früher schon gut kannten. Wir drehen sie auf, singen schief und werden dann noch schiefer. Und verpassen wir die Ausfahrt, dann ist das eben so. Dann fahren wir einfach weiter, während meine Hand nach deiner sucht. Mit dir an meiner Seite fühlt sich selbst ein langer Umweg wie Glück.
Komm, wir brettern mal ans Meer und vergessen für eine Weile all das, was einmal war. Dieses viel zu laute Leben war viel zu lange laut. Du und ich und unsere alten Lieder. Salzige Luft, tosende Wellen. Wir setzen uns, malen Spuren in den Sand und schauen einfach nur nach Norden, bis der Himmel offensteht. Und ich sag dir nicht, was ich so fühle, weil man es mir sowieso ansieht. Was sagst du? Kommst du mit ans Meer? Nur du und ich?
Und wenn die Nacht auf unsere Schultern fällt und der volle Mond über den Wellen steht, wenn dieses ganze viel zu laute Leben endlich mal die Fresse hält, erzählst du mir vielleicht von Dingen, die du sonst für dich behältst. Von den Tagen, die du magst, und von denen, wo du fällst. Nein. Wir müssen uns nicht retten. Und doch will ich dich halten, wenn du Nähe suchst, und dich gehen lassen, wenn du gehen musst. Ich brauche dich nicht, um ganz zu sein, und du brauchst mich nicht dafür. Aber wenn du einfach neben mir stehst, wird aus Dunkelheit oft Licht und selbst die Kälte fühlt sich plötzlich wärmer an. Ey, komm, wir werfen unsere Sachen in den warmen Sand und rennen in die See. Wir lachen auf dem Weg und sobald das kalte Wasser unsere Haut berührt, fluchen wir ganz laut. Du hältst dich an meinen Schultern fest, obwohl du selbst stehen kannst. Und genau das mag ich so sehr an dir.
Du bleibst, obwohl du niemals musst.
Später liegen wir im Dunkeln. Die Haare nass, der Sand noch warm und das Bier steht neben uns. Dein Kopf liegt ruhig auf meiner Schulter, während meine Finger zwischen deinen liegen. Ich brauche keine Sterne, keine Wünsche und kein Vermögen. Ich brauche kein Zurück. Denn mein einer Wunsch, der sitzt längst neben mir und sieht mich an wie pures Glück.
Scheiß auf Status.
Ich denke in letzter Zeit öfter darüber nach, dass Reichtum und Vermögen zwei völlig verschiedene Dinge sind. Klingt erstmal wie derselbe Kram. Ist es aber echt nicht. Vermögen ist ja das, was irgendwo auf einem Konto liegt. In Aktien steckt. In Häusern. Autos. Uhren. Dingen, die teuer sind und trotzdem nur herumstehen, sobald niemand hinguckt. Reichtum ist etwas anderes.
Scheiße, wie lange hab ich geglaubt, ich müsste erst ordentlich Geld besitzen, um reich zu sein. Als würde sich ein geiles Leben an schweren Autos, teuren Klamotten und Schuhen erkennen lassen, in denen man nicht mal vernünftig durch eine Pfütze laufen kann. Als müsste ich in einem frisch polierten Audi sitzen, ein Polohemd tragen, das mehr kostet als ein Wochenende am Meer, und dabei aussehen, als hätte ich mein Leben komplett im Griff. Und nur damit andere denken: Der hat es geschafft.
Was für ein Bullshit, denn die meisten würden wahrscheinlich gar nichts denken. Die würden vorbeigehen, an ihren Tag, ihren Feierabend oder daran denken, dass sie noch Klopapier brauchen. Und ein paar wenige würden vielleicht denken: Wenn ich in diesem Auto säße, würden die Leute bestimmt glauben, ich hätte es geschafft. Das ist echt so ein ganzer Kreislauf aus Menschen, die Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die überhaupt nicht wirklich hingucken. Oder die sie nicht mal mögen. Warum muss man überhaupt jemanden beeindrucken wollen? Das ist doch komplett bescheuert.
Ich glaube, reich wirst du nicht in dem Moment, in dem andere dich beneiden. Reich wirst du, wenn es dir scheißegal wird, ob sie es tun. Wenn du niemandem mehr beweisen musst, dass dein Leben etwas wert ist. Wenn du begreifst, dass Perfektion kein messbarer Zustand ist, sondern meistens nur eine hübsch beleuchtete Lüge. Echt jetzt. Perfektion. Auch so ein Wort, das sich Menschen ausgedacht haben, damit sie sich schlechter fühlen können.
Heute Morgen kam ich in den Laden hier im Ort. Rechts so ’ne Art Bäckerei, der Rest ist Geschäft. Brot. Käse. Fleisch. Süßigkeiten. Alles, was man so braucht, wenn man keinen Bock hat, dafür erst durch drei Orte zu fahren. Klamotten gibt es nicht. Muss auch nicht. Der Laden ist gut, die Leute dort sind cool und ich bin gern da. Man spricht miteinander. Kennt sich nicht wirklich, aber eben doch genug, um sich zu erkennen. Dorf halt.
Naja. Ich hatte gerade entspannte fünf Kilometer hinter mir. Ungeduscht. Verschwitzt. Haare irgendwo zwischen Aufstehen und Gegenwind. So sieht man eben aus, wenn man morgens schon unterwegs war, statt ordentlich angezogen irgendwo herumzusitzen und so zu tun, als hätte man sein Leben im Griff. Am Tresen der Bäckerei stand eine Frau, etwas jünger als ich. Sie hatte früher mal hinter mir gewohnt. Hinter mir. Nicht neben mir. Wir kannten uns nicht wirklich, aber man wusste eben, wer der andere ist. Dorfkenntnis. Mehr nicht. Sie bestellte frische Backwaren. Was sonst.
Ich hatte Drei Meter Feldweg auf den Ohren. „Und sie tanzt“. Melancholischer Text, Musik in die Fresse und ab nach vorne. Mittlerweile wieder genau mein Ding. Traurig gucken kann ich später auch noch. Muss aber nicht. Meine Laune war jedenfalls komplett oben. Ich pfiff, lief tanzend in den Laden und rief ein freundliches Hallo in die Runde. Nicht leise. Nicht vorsichtig. Einfach Hallo. Die Frau am Tresen schaute mich an, als hätte man mich gerade mit einer Brotkruste aus dem Wald gelockt. Ein bisschen erschrocken. Ein bisschen abwertend. Dieses knappe Nicken, das weniger nach Begrüßung aussah und mehr nach: Was stimmt denn mit dem nicht?
Und? Keine Ahnung. Vielleicht stimmt endlich wieder ziemlich viel mit mir.
Ihr Blick war ihre Reaktion. Ihr Blickwinkel. Ihre Meinung. Das alles gehört ihr. Nicht mir. Und nichts davon bestimmt meinen Wert. Nicht mein verschwitztes Shirt. Nicht mein Tanzen. Nicht die Tatsache, dass ich morgens im Dorfladen gute Laune habe. Sie trat auf der Stelle. Ich ging weiter. Nein. Ich tanzte weiter. Und genau da wusste ich: Leck mich. Bin ich reich.
Vielleicht ist das überhaupt der Unterschied. Vermögen sammelt Dinge. Und Reichtum sammelt Momente. Nicht die Tasche, auf der irgendein Name steht. Nicht das Auto, das beim Starten klingt, als müsste es allen im Umkreis von drei Kilometern etwas beweisen. Nicht die Uhr, die mehr kostet als ein verdammt gutes Jahr voller Konzerte, Zugfahrten, Essen, Bier, Kaffee und Menschen, die man wirklich mag. Solche Sachen können schön sein. Natürlich. Geld ist auch nicht unwichtig. Wer behauptet, Geld spiele überhaupt keine Rolle, hatte vermutlich immer genug davon. Es macht vieles leichter. Es bezahlt Miete, Essen, Fahrkarten und manchmal auch die Flucht aus Situationen, in denen man nicht mehr bleiben sollte. Aber Geld allein macht noch keinen Reichtum.
Reich ist, wer morgens verschwitzt durch einen Dorfladen tanzt und sich nicht mehr fragt, ob das jemand peinlich findet. Reich ist, wer einen Song hört und für drei Minuten alles andere vergisst. Wer mit Menschen an einem Tisch sitzt und irgendwann nicht mehr weiß, wie spät es ist. Wer losfährt. Wer bleibt. Wer lacht, obwohl der Tag eigentlich anders geplant war. Reichtum sind die Geschichten, die entstehen, wenn man das Leben nicht die ganze Zeit ordentlich halten will.
Ey, am Ende kommt kein Umzugsunternehmen. Niemand fährt dir den Audi hinterher. Niemand packt die teuren Schuhe in Kartons. Keine Uhr, keine Tasche und kein verdammtes Polohemd kommt mit auf die letzte Reise. Was bleibt, sind die Momente. Songs auf den Ohren. Der verschwitzte Morgen. Der Blick, der dir plötzlich egal war. Die Menschen, mit denen du gelacht hast. Die Paprika auf der Pizza. Das Weizenbier im Paddy’s am Bremer Hauptbahnhof. Die Abende, die viel zu kurz waren. Die Tage, an denen du kurz vergessen hast, vernünftig zu sein.
Vielleicht darf man all das auch nicht wirklich mitnehmen. Keine Ahnung. Ich bin zum Glück noch nie gestorben. Aber bis dahin ist es das Einzige, was einem wirklich gehört.
Bier. Vans. Glück.
Der 28. November steht im Kalender. Dick und fett. Hi! Spencer. Bremen. Ja. Noch Monate hin. Weiß ich. Eigentlich vollkommen bescheuert, sich jetzt schon darauf zu freuen. Vernünftige Menschen würden vermutlich sagen, man solle erst einmal abwarten. Bis November könne schließlich noch einiges passieren. Wetter. Termine. Bahnstreiks. Weltuntergang. Die Deutsche Bahn braucht für eine Katastrophe bekanntlich nicht mal einen besonderen Anlass. Meistens reicht der Herbst, Sonne oder Schnee. Mir egal. Ich freue mich jetzt. Nicht erst am 28. November, wenn das Licht ausgeht, die ersten Gitarren einsetzen und irgendwo zwischen Bühne, Bierbechern und viel zu vielen Jacken plötzlich alles genau richtig ist. Nicht erst, wenn die ersten Takte von „Tel Aviv“ laufen und dieser eine Song für ein paar Minuten mehr Ordnung in meinem Kopf schafft als sämtliche vernünftigen Pläne der vergangenen Jahre. Hat er die letzten Tage. Ohne scheiß. Aber gut. Ich freue mich heute. Und morgen wahrscheinlich auch. Und übermorgen.
Vorfreude wird oft behandelt wie der kleine, etwas peinliche Bruder des eigentlichen Erlebnisses. Als würde sie nur im Vorraum sitzen und warten, bis endlich etwas Geiles passiert. Dabei ist sie längst mittendrin. Vorfreude verändert einen ganz normalen Dienstag. Man hat ja ein Datum. Ein Ziel. Eine Richtung. Ein Abend in Bremen, der noch nicht passiert ist und trotzdem schon jetzt irgendwo im Hintergrund läuft. Wie ein Song, den man leise hört, obwohl die Boxen noch gar nicht an sind. Ohrwurm, sagt man, glaub ich. Ich mag das. Ich mag es, mich auf Musik zu freuen. Auf den Moment, in dem der Raum dunkel wird. Auf Stimmen. Auf Schweiß. Auf einen Refrain, den plötzlich Hunderte Menschen gleichzeitig singen, obwohl wahrscheinlich jeder von ihnen mit etwas völlig anderem dort angekommen ist. Der eine hatte eine beschissene Woche. Die andere Liebeskummer. Jemand hat gerade einen neuen Job angefangen. Oder einen verloren. Jemand hat vielleicht sogar überhaupt keinen Plan, wie es weitergeht.
Und dann stehen sie da. Gemeinsam. Mit Bier in der Hand. In alten Jeans, die längst nicht mehr lässig verschlissen, sondern einfach nur verschlissen sind. Vans an den Füßen. Vielleicht etwas zu alt für die erste Reihe, aber ganz sicher zu jung, um nur hinten herumzustehen und vernünftig mit dem Kopf zu nicken. Also tanzen. Jaaa. Tanzen. Nicht gut. Darum geht es nicht. Einfach bewegen, springen, Bier verschütten, zu laut mitsingen und so tun, als wäre man für zwei Stunden nicht verantwortlich für Steuererklärungen, Termine, unbeantwortete Nachrichten und den ganzen anderen Erwachsenenkram, den offenbar irgendjemand mal erfunden hat, um uns von Konzerten fernzuhalten. Ich habe Bock darauf. Auf verrückte Scheiße. Auf Abende, die am nächsten Morgen vielleicht ein bisschen in den Knochen sitzen. Auf Geschichten, bei denen man später nicht genau weiß, ob sie wirklich so passiert sind oder ob das dritte Bier irgendwie nachgeholfen hat.
Auf peinlich sein. Richtig peinlich. Zu laut lachen. Falsch tanzen. Einen Song mitgrölen, obwohl man an einer Stelle den Text nicht kennt und deshalb einfach irgendeinen überzeugenden Laut produziert. Fotos machen, auf denen man scheiße aussieht. Aber auf keinen Fall das Konzert mit dem beschissenen Smartphone filmen. Selbst sehen. Selbst erlegen. Erinnerung schaffen und Momente sammeln.
Noch gar nicht lange her, da hätte ich vermutlich darüber nachgedacht, was andere Menschen davon halten. Heute denke ich mir, wenn man etwas macht, das einen wirklich glücklich macht, sieht es für Menschen, die gerade nur zuschauen, manchmal eben peinlich aus. Dann ist das so. Vielleicht ist peinlich gar nicht das Gegenteil von würdevoll. Vielleicht ist es manchmal nur das Gegenteil von kontrolliert. Und Kontrolle wird ohnehin überschätzt. Wer auf einem Konzert die ganze Zeit darauf achtet, wie er wirkt, kann auch direkt zu Hause bleiben, sich ordentlich auf das Sofa setzen und dort kontrolliert ein Glas stilles Wasser trinken.
Kann man machen. Ist dann nur kein besonders guter Abend. Musik kann etwas, das nur wenige Dinge können. Sie löst nicht alles. Aber sie bringt den Körper wieder dazu, sich zu bewegen, obwohl der Kopf noch irgendwo festhängt. Sie macht aus fremden Menschen für einen Abend eine verdammt laute Gemeinschaft. Sie trägt einen manchmal ein paar Meter weiter.
Vorfreude kann das auch. Sie macht aus einem Datum einen kleinen Rettungsring im Kalender. Jetzt echt nicht so dramatisch. Einfach etwas, worauf man zusteuert. Und es ist ja längst nicht nur das Konzert. Ich freue mich auf gutes Essen vorher. Auf einen Tisch, an dem die richtigen Menschen sitzen. Auf Bier, Wein, Pommes, Pizza oder irgendetwas, das nachts um halb eins plötzlich schmeckt, als hätte ein Sternekoch persönlich beschlossen, einem das Leben zu retten. Ich freue mich auf Gespräche, die 100% nicht mehr vernünftig sind. Auf dieses eine Lachen, bei dem man kurz vergisst, wie viel Scheiße eigentlich noch ungeklärt ist.
Ich freue mich auf Menschen, die mir mittlerweile von Bedeutung sind. Nicht, weil sie mein Leben retten sollen. Das ist ein beschissener Job und außerdem eine Zumutung für jeden Menschen. Sondern weil manche Menschen einen Raum verändern, sobald sie ihn betreten. Weil ein Abend mit ihnen mehr sein kann als nur ein Abend. Weil man bei manchen Menschen nicht ständig überlegen muss, ob man gerade zu laut, zu direkt, zu viel, zu peinlich oder irgendwie falsch ist. Man ist einfach da. Mit verschlissener Jeans. Mit Vans. Mit Bier. Mit ziemlich schlechten Tanzbewegungen. Mit verrückten Ideen. Mit allem, was man ist. Das reicht. Und vielleicht ist genau das Vorfreude.
Nicht nur die Hoffnung, dass später etwas Schönes passiert. Sondern der Beweis, dass man wieder an ein Später glaubt. Dass man wieder Termine macht. Karten kauft. Tische reserviert. Nee, das nicht. Aber das man Songs hört und sich dabei ausmalt, wie es sein wird, wenn sie live gespielt werden. Dass man Menschen vermisst, obwohl man sie bald wiedersehen wird. Dass man morgens aufsteht und weiß, da kommt noch was.
Das ist nicht wenig. Es gab ja Zeiten, da war Zukunft für mich kein Ort, auf den ich mich gefreut habe. Eher etwas, das irgendwie erledigt werden musste. Tage kamen. Tage gingen. Funktionieren. Durchhalten. Kaffee. Noch ein Tag. Noch einer. Jetzt steht da Bremen im Kalender. Der 28. November. Hi! Spencer. „Tel Aviv“. Hörst du noch seinen Namen und weißt du noch, wie er rief? Er rief, das Leben ist so kurz, steh bitte auf nach jedem Sturz. Vergib schnell, küsse langsam, mein Freund. Musik. Bier. Essen. Menschen, die wichtig sind. Alte Jeans. Vans. Tanzen. Verrückte Scheiße. Sich zum Horst machen und irgendwann merken, dass genau das vielleicht Glück ist.
Nicht schön aussehen. Nicht alles im Griff haben. Nicht vernünftig sein. Da sein. Und natürlich ist bis dahin noch Zeit. Zum Glück. Denn Vorfreude ist nicht das Warten auf das Leben. Sie ist längst ein Teil davon. Der 28. November kommt früh genug. Bis dahin drehe ich die Musik auf.
Nicht in Seatle
Ich hab etwas gelernt. Die besten Geschichten beginnen selten vernünftig. Sie beginnen nachmittags und enden nachts. Mit zu lauter Musik. Mit einer Nachricht, die man eigentlich nicht mehr erwartet hatte. Mit einem Blick, der eine Sekunde zu lange bleibt. Mit zwei Menschen, die beide so tun, als wäre das hier gerade alles völlig harmlos. Ist es natürlich nicht. Manchmal beginnt eine Geschichte auch morgens. Mit zerknittertem Bettzeug. Kaltem Kaffee. Einem Haargummi auf dem Tisch oder der leisen Frage, ob man gestern wirklich noch diese Sprachnachricht verschickt hat. Hat man. Scheiße.
Manche Geschichten beginnen in einem Restaurant. Pizza auf dem Tisch. Wein in den Gläsern. Ein Abend, der erstmal so aussah, als würde er einfach nur ein Abend werden. Essen. Reden. Lachen. Irgendwann bezahlen. Jacke an. Nach Hause. So der vernünftige Plan. Auf einer Pizza lag ein Stück Paprika, das aussah wie ein Herz. Nicht ungefähr. Ein Herz. Natürlich kann man jetzt sagen, dass es einfach nur ein Stück Paprika war. Kann man machen. Menschen sagen solche Sachen gerne, wenn ihnen etwas zu schön, zu kitschig oder zu eindeutig wird.
„Das ist doch nur Zufall.“
Ja. Vielleicht. Aber manchmal liegt eben ein verdammtes Herz auf einer Pizza und du entscheidest selbst, ob du darüber hinwegisst oder kurz hinschaust. Wir haben hingeschaut. Über uns zog währenddessen der Heißluftballon vom Kliemannsland durch den Himmel. Einfach so. Langsam. Als hätte jemand beschlossen, dass dieser Abend noch ein bisschen mehr Kulisse vertragen könnte. Pizza. Wein. Ein Paprikaherz. Ein Ballon über unseren Köpfen. Das klingt erfunden. Kann sein. Aus irgendeiner Richtung kam Musik. Große Refrains. Bläser. Ein Gemisch aus Melancholie und Vorwärtsdrang, bei dem man gleichzeitig an alles denken und trotzdem aufspringen möchte.
Wir sind nicht in Seattle. Wir sind auch nicht in irgendeiner amerikanischen Filmstadt, in der Menschen nachts an beleuchteten Straßenecken stehen, perfekt aussehen und genau im richtigen Moment den richtigen Satz sagen. Wir sitzen irgendwo hier. In einem Restaurant. Mit Pizza. Mit Wein. Mit einem Stück Paprika, das sich für ein Herz hält. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Die wichtigen Geschichten sehen am Anfang selten wichtig aus. Sie kündigen sich nicht an. Kein Vorspann. Keine dramatische Musik. Niemand sagt: „Achtung. Diesen Abend wirst du später noch brauchen.“ Sie passieren einfach.
Zwischen einem Schluck Wein und dem nächsten Satz. Zwischen einem Lied und einem Lachen. Zwischen dem kurzen Gedanken, dass das hier gerade wirklich schön ist, und der sofort folgenden Angst, bloß nicht zu viel hineinzuinterpretieren. Menschen sind darin großartig. Sobald etwas schön wird, stellen wir innerlich einen Sicherheitsbeauftragten daneben. Ich mach das. Nicht zu viel fühlen. Nicht zu viel hoffen. Nicht zu deutlich werden. Immer schön so tun, als wäre alles locker. Ist es natürlich nicht. Vielleicht muss es das auch gar nicht sein. Vielleicht darf ein Abend einfach Bedeutung bekommen, ohne dass man ihn sofort erklären, einordnen oder für die nächsten fünf Jahre vertraglich absichern muss.
Vielleicht reicht es, dort zu sitzen. Zu trinken. Zu reden. Zu lachen. Zu merken, dass man gerade nirgendwo anders sein möchte. Vielleicht hab ich mir das Alles ausgedacht. Vielleicht auch nicht.
Ich schreibe aber jetzt über solche Geschichten. Über Abende, die größer werden, während sie passieren. Über Menschen, die plötzlich wichtig sind, ohne vorher einen Antrag eingereicht zu haben. Über Musik, die im richtigen Moment einsetzt. Über seltsame Zufälle. Über Nähe. Über Freiheit. Über das ganze unordentliche Leben, das ständig zwischen unseren Plänen herumläuft und dabei meistens die besseren Ideen hat. Nicht jede Geschichte braucht eine Explosion. Manche brauchen nur Pizza. Zwei Gläser Wein. Einen Ballon am Himmel. Und ein Stück Paprika, das verdammt noch mal aussah wie ein Herz. Wir sind nicht in Seattle. Aber ganz ehrlich? An solchen Abenden müssen wir das auch nicht sein.
Wo es begann.
Ich weiß nicht mehr genau, welcher Song zuerst lief. Vielleicht Madsen. Vielleicht Hi! Spencer. Vielleicht irgendwas mit Gitarren, das schon in den ersten zehn Sekunden klang, als würde gleich jemand eine Tür eintreten, hinter der ich jahrelang gesessen hatte. Ist im Grunde auch scheißegal. Wichtig ist nur: Die Musik war laut. Echt keine Hintergrundmusik. Nicht dieses belanglose Gedudel, das in Supermärkten läuft, damit man beim Kauf von Klopapier nicht aus Versehen über die eigene Vergänglichkeit nachdenkt. Laut. Mit Schlagzeug. Mit Gitarren. Trompeten. Mit Texten, die nicht so taten, als wäre alles gut, aber trotzdem nicht bereit waren, sich auf den Boden zu legen und dort zu bleiben. Ich stand irgendwo zwischen Kaffeetasse, Handy und einem Leben, das in den Monaten davor ziemlich gründlich gegen die Wand gefahren war.
Nicht elegant. Kein kleiner Parkrempler. Eher Totalschaden mit herumliegenden Einzelteilen, von denen niemand so genau wusste, ob sie noch gebraucht werden. Und plötzlich war da dieser Song. Dann noch einer. Und noch einer. Eine Playlist wurde länger. Mit Mund abwischen. Der Kaffee wurde kalt. Die Musik blieb laut. Ich hörte 100 Kilo Herz, Drei Meter Feldweg, Broilers, Jupiter Jones, Liedfett, Madsen und Hi! Spencer. Bands, die mir irgendwie nicht versprachen, dass morgen alles besser wird.
Sie machten etwas viel Wichtigeres. Sie klangen, als dürfte morgen trotzdem kommen. Vielleicht begann es genau da. Ich saß da. Wahrscheinlich stand irgendwo eine Tasse Kaffee herum. Wahrscheinlich hatte ich zu viele Nachrichten offen, zu viele Gedanken im Kopf und noch immer keinen vernünftigen Plan. Aber ich hatte plötzlich Bock. Erst nur auf einen weiteren Song. Dann auf ein Konzert. Dann auf eine Zugfahrt. Auf einen Nachmittag irgendwo. Auf Menschen. Auf Pläne. Auf völligen Schwachsinn. Darauf, auch von Leuten nach dem Hochamt als peinlich betitelt zu werden. Und das klingt kleiner, als es war.
Denn eine ganze Weile hatte ich auf vieles keinen Bock mehr gehabt. Ich hatte funktioniert, Dinge erledigt, nachgedacht, gezweifelt und versucht, den Scherbenhaufen meines Lebens wenigstens so ordentlich zusammenzufegen, dass niemand darüber stolpert. Vor allem nicht die anderen. Die anderen sollten sich bloß nicht unwohl fühlen. Die anderen sollten verstehen, warum ich etwas tat. Die anderen sollten nicht enttäuscht sein. Die anderen sollten mich weiterhin für einen halbwegs vernünftigen Menschen halten. Hat hervorragend geklappt. Nur ich selbst ging mir dabei langsam verloren.
Vielleicht ist das jetzt genau das Gegenteil davon. Ich weiß, dass du das anders siehst. Und ich mache es trotzdem. Nicht aus Wut. Aus Freiheit. Ich kaufte Konzertkarten, Monate im Voraus, und freute mich darüber wie ein Kind, das noch nicht gelernt hat, Vorfreude angemessen herunterzuregulieren. Vier Monate. Vier verdammte Monate Vorfreude. Kann man peinlich finden. Kann man kindisch finden. Kann man auch einfach geil finden. Ich entschied mich für geil.
Ich fuhr mit Regionalzügen fast dreihundert Kilometer, um eine Pizza zu essen. Ich buchte ein Hotel, das ungefähr dort lag, wo ich nicht hinmusste. Ich stand an Bahnhöfen, schleppte meinen Rucksack herum und fragte mich mehr als einmal, ob ich eigentlich komplett bescheuert geworden war. Die Antwort lautet vermutlich: ein bisschen. Aber ich war unterwegs. Das war neu. Nicht das Reisen. Das Wollen. Ich wollte wieder irgendwohin. Ich wollte Menschen sehen. Konzerte besuchen. Schreiben. Fotografieren. Einen Wagen kaufen. Eine Wohnung finden. Meine Website umbauen. Ziele verfolgen, die niemand verstehen muss. Zeit mit den Menschen verbringen, bei denen sich nichts nach Kampf anfühlt. Ich wollte mein Leben nicht mehr nur irgendwie reparieren. Ich wollte es benutzen. Auch mit Kratzern. Auch mit fehlenden Teilen. Auch ohne Bedienungsanleitung. Vor allem ohne Bedienungsanleitung. Es gibt natürlich weiterhin beschissene Tage. Wird es immer geben. Freude ist kein Schutzhelm. Sie verhindert nicht, dass Dinge wehtun. Menschen gehen trotzdem. Pläne platzen trotzdem. Manchmal sitzt man nachts da und versteht überhaupt nichts.
Aber ein beschissener Tag ist kein beschissenes Leben. Das ist der Unterschied.
Früher hätte ich vielleicht gewartet, bis alles geklärt ist. Bis Ruhe eingekehrt ist. Bis kein Mensch mehr eine Frage hat. Bis jede Entscheidung erklärt, jedes Problem gelöst und jede Socke ihrem rechtmäßigen Partner zugeführt wurde. Dann darf man wieder leben. So ungefähr war der Plan. Rückblickend war das natürlich völliger Schwachsinn. Das Leben wird nicht fertig. Es steht nicht irgendwann frisch gestrichen vor einem, reicht einem den Schlüssel und sagt:
„So, Torsten. Jetzt kannst du einziehen.“
Irgendwas ist immer. Eine Rechnung. Eine Trennung. Eine Sorge. Ein Termin. Ein Mensch, der ungefragt erklärt, wie man sprechen, fühlen oder leben sollte. Wartet man darauf, dass alles geregelt ist, kann man sich direkt einen bequemen Stuhl kaufen. Man sitzt länger.
Also Musik an. Nicht, um irgendetwas zu verdrängen. Sondern um wieder etwas zu spüren. Der Bass. Das Schlagzeug. Eine Stimme, die an der richtigen Stelle sitzt oder verkackt. Ein Refrain, der den Raum größer macht. Diese Musik war kein Soundtrack zu einem perfekten Neuanfang. Sie war der Lärm einer Baustelle. Da wurde nichts feierlich eröffnet. Da wurde gehämmert. Geflucht. Abgerissen. Neu angesetzt. Manchmal schief. Manchmal viel zu laut. Aber es entstand etwas. Ich. Nicht neu. Eher wieder. Nur ohne die ganzen Versionen, die ich jahrelang für andere Menschen gespielt hatte. Die freundliche Version. Die angepasste Version. Die Version, die Ja sagt, obwohl sie Nein meint. Die Version, die hinterherläuft. Fickt Euch. Das mach ich nicht mehr. Die Version, die sich erklärt, bis von der eigenen Entscheidung nichts mehr übrig ist. Die können alle weg. Sperrmüll.
Heute bin ich glücklich. Der Satz fühlt sich noch immer ungewohnt an. Fast verdächtig. Als müsste direkt jemand um die Ecke kommen und fragen, ob ich dafür überhaupt eine Genehmigung habe. Habe ich nicht. Brauche ich auch nicht. Ich bin nicht glücklich, weil plötzlich alles funktioniert. Tut es nicht. Ich bin glücklich, weil ich nicht mehr darauf warte.
Ich habe jetzt Menschen in meinem Leben, bei denen ich nichts beweisen muss. Ich mache Pläne, obwohl andere Dinge noch offen sind. Ich fahre los, auch wenn die Verbindung scheiße ist. Ich freue mich zu laut. Ich rede, wie ich rede. Ich trage Klamotten, die mir gefallen. Ich höre Musik, die irgendetwas in mir aufrichtet. Und ich mache mich vermutlich gelegentlich zum Horst.
Gut.
Wer nie peinlich ist, war wahrscheinlich auch nie richtig begeistert. Wo es begann? Vielleicht mit einem Song. Vielleicht mit einer Nachricht, die besagt, dass sich jemand freut, mich zu sehen. Vielleicht mit einer Konzertkarte. Vielleicht an irgendeinem Nachmittag, an dem ich plötzlich gemerkt habe, dass ich nicht mehr nur darüber nachdachte, was alles vorbei war.
Sondern darüber, was als Nächstes kommt. Aus den Boxen liefen Gitarren. Ich trank Hefeweizen im Sonnenlicht. Trockenen Weißwein auf einer Terrasse. Mein Leben war noch immer nicht sortiert. Aber irgendwo setzte das Schlagzeug ein. Und ich stand auf.
Autonomie.
Ich saß letztens, an einem Freitag im Zug und wusste nicht genau, ob das, was ich gerade machte, vernünftig war. Das kommt inzwischen häufiger vor. Ich steige irgendwo ein, fahre los, buche ein Hotel oder beschließe am Abend, am nächsten Morgen knapp 300 Kilometer mit Regionalzügen zu fahren, um irgendwo eine Pizza zu essen. Nicht alles, was ich mittlerweile so mache, ist besonders durchdacht. Manches ist sogar objektiv betrachtet, ein bisschen, ähm, komplett bescheuert. Aber während ich aus dem Fenster sah und draußen Felder, Gewerbegebiete und diese kleinen Bahnhöfe vorbeizogen, an denen irgendwie nie wirklich jemand ein- oder aussteigt, dachte ich: Wen müsste ich eigentlich fragen, ob ich das darf? Wen müsste ich noch fragen, ob er damit einverstanden ist.
Die Antwort ist schon ziemlich geil: niemanden. Trotzdem fühlt es sich manchmal noch so an, als müsste ich meine Entscheidungen und vorhaben irgendwo absegnen lassen. Zur Prüfung. Mit kurzer Begründung, Anlagen und der freundlichen Bitte um Zustimmung. Ich habe das jahrelang gemacht. Nicht offiziell. Es gab kein Formular. Aber in meinem Leben saßen ziemlich viele Menschen an einem sehr langen Tisch und hatten zu allem eine Meinung. Was vernünftig ist. Was sich gehört. Was man in meinem Alter macht. Was man besser lässt. Was andere denken könnten. Und ich stand davor und versuchte, eine Version meines Lebens zu präsentieren, gegen die möglichst niemand Einspruch erhebt. Hat natürlich nicht geklappt.
Ich wollte gefallen. Das ist die ungeschönte Wahrheit. Ich wollte, dass Menschen mich mögen, meine Entscheidungen verstehen und mich für einen vernünftigen, guten Menschen halten. Also sagte ich viel zu oft Ja, obwohl ich Nein meinte. Ich erklärte Dinge, die niemanden etwas angingen. Ich rechtfertigte Entscheidungen, die nur mein eigenes Leben betrafen. Und wenn jemand enttäuscht von mir war, fragte ich mich nicht zuerst, ob meine Entscheidung trotzdem richtig gewesen war. Ich überlegte, wie ich sie wieder zurücknehmen konnte. Hat auch funktioniert. Viele Menschen waren vermutlich ziemlich zufrieden mit mir. Ich selbst wurde es immer weniger.
Das Merkwürdige ist, dass der ganze Bums von außen wahrscheinlich gar nicht unfrei ausgesehen hat. Ich war erwachsen. Ich konnte arbeiten, reisen, Geld ausgeben, Verträge unterschreiben und in einem Baumarkt eigenständig Dübel kaufen, obwohl auch das nicht unterschätzt werden sollte. Niemand hielt mich fest. Niemand verbot mir, irgendwohin zu fahren oder etwas Neues anzufangen. Und trotzdem bestand ein großer Teil meines Lebens daraus, Erwartungen zu erfüllen. Manche waren ausgesprochen. Viele nicht. Einige hatte ich mir vermutlich selbst ausgedacht, weil echte Erwartungen offenbar noch nicht genug waren. Man ist ja schon irgendwie bescheuert, wenn man immer jedem gefallen möchte.
Autonomie klingt nach einem Begriff, über den ein Mann mit Rollkragenpullover neunzig Minuten in einem Podcast spricht. Dabei ist sie im Alltag oft ziemlich unspektakulär. Sie beginnt nicht mit wehenden Haaren auf einer Klippe. Bei mir wäre das schon aus biologischen Gründen schwierig. Sie beginnt mit einem Nein. Mit einer Entscheidung, die nicht jeder verstehen muss. Mit dem Moment, in dem ich nicht mehr sofort zurückrudere, nur weil jemand anders meine Grenze unbequem findet.
Es ist so geil. Ich lerne gerade, dass Freiheit nicht bedeutet, alles tun zu können. Das kann ohnehin niemand. Jede Entscheidung hat Folgen. Jeder Weg schließt einen anderen aus. Wenn ich losfahre, kann ich nicht gleichzeitig zu Hause bleiben. Wenn ich Nein sage, wird vielleicht jemand enttäuscht sein. Wenn ich mein eigenes Leben führe, passt es zwangsläufig nicht mehr vollständig in die Vorstellungen anderer Menschen. Genau das habe ich lange vermeiden wollen. Vielleicht habe ich Freiheit deshalb immer an den falschen Orten gesucht. In Reisen. In neuen Städten. Auf Feldwegen, Bahnhöfen und in Hotelzimmern. Ich dachte, ich müsste nur weit genug wegfahren, dann wäre ich frei. Aber man kann 300 Kilometer entfernt in einem Hotel sitzen und trotzdem noch darüber nachdenken, ob jemand zu Hause die eigene Entscheidung gut findet. Man kann allein reisen und innerlich weiterhin um Erlaubnis bitten.
Das möchte ich nicht mehr.
Ich möchte Entscheidungen treffen, weil sie für mich richtig sind. Nicht, weil ich sie besonders überzeugend erklären kann. Ich möchte losfahren, wenn ich losfahren will. Bleiben, wenn ich bleiben möchte. Menschen mögen, ohne vorher zu prüfen, ob das klug ist. Ziele verfolgen, die andere für unnötig, klein oder komplett bekloppt halten. Ich möchte Fehler machen dürfen, die wenigstens meine eigenen sind.
Das heißt nicht, dass mir andere Menschen egal werden. Im Gegenteil. Es gibt Menschen, die mir wichtig sind. Längst nicht alle. Aber ein paar. Ihre Gefühle auch. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Rücksicht und Selbstaufgabe. Rücksicht bedeutet, andere mitzudenken. Selbstaufgabe bedeutet, sich selbst dabei ständig zu vergessen. Ich habe diesen Unterschied lange nicht besonders sauber hinbekommen.
Autonomie bedeutet für mich deshalb nicht: Ich mache, was ich will, und alle anderen können mich mal. Das wäre keine Freiheit, sondern vermutlich einfach nur ein ziemlich anstrengender Charakterzug. Autonomie bedeutet: Ich höre zu, aber ich entscheide selbst. Ich nehme andere ernst, aber nicht mehr wichtiger als mich. Ich kann jemanden enttäuschen, ohne deshalb automatisch etwas Falsches getan zu haben.
Das ist wahrscheinlich der schwierigste Teil. Auszuhalten, dass nicht jeder die eigene Entscheidung gut findet. Dass Menschen einen vielleicht egoistisch nennen. Dass manche Beziehungen nur so lange einfach waren, so lange man selbst ordentlich und dem Dorfleben entsprechend funktioniert hat. Dass ein Nein manchmal mehr über eine Verbindung zeigt als hundert freundliche Jas.
Ich weiß noch nicht, ob ich das schon gut kann. Wahrscheinlich nicht. Alte Gewohnheiten verschwinden nicht, nur weil man einen klugen Begriff dafür gefunden hat. Manchmal erkläre ich mich noch immer zu viel. Manchmal denke ich zuerst darüber nach, was andere erwarten. Manchmal möchte ich eine Entscheidung am liebsten so lange begründen, bis selbst der letzte Mensch im Raum zustimmt.
Aber ich merke es inzwischen. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Naja. Neulich saß ich also in diesem Zug, sah aus dem Fenster und wusste nicht, ob mein Plan vernünftig war. Irgendwo hinter mir lagen Menschen, Erwartungen und all die guten Gründe, etwas nicht zu tun. Vor mir lagen ein Bahnhof, ein Hotel und vermutlich wieder irgendein unnötig komplizierter Umstieg. Ich bin trotzdem weitergefahren. Nicht, weil es allen gefallen hätte. Sondern weil ich es wollte. Und dann sind Menschen verschwunden. Aber das ist egal. Die richtigen bleiben. Der Rest passt nicht.
Milchglas
Es rasen die Zeiger der Uhr. Draußen fahren die Erntemaschinen über die Dorfstraßen. Mähdrescher, so groß, dass man sich bei Gegenverkehr kurz überlegen muss, ob der Straßengraben nicht vielleicht doch ganz gemütlich aussieht. Dahinter Traktoren mit Anhängern. Voll mit Korn. Für Brot. Für Kuchen. Für Nudeln. Für Tierfutter. Für Dinge, über die man sich beim Frühstück normalerweise keine großen Gedanken macht, solange das Brötchen da liegt und niemand erwartet, dass man selbst vorher einen Hektar aberntet. Bis der Mais dran ist, dauert es noch ein paar Wochen. Gerade bleiben Stoppeln, Reifenspuren und der Geruch nach Erde, Staub und Spätsommer. Wenn die Sonne langsam im Westen verschwindet, wird es ruhiger. Die Maschinen fahren zurück auf die Höfe. Ab nach Hause. Die Straßen werden wieder breiter. Zumindest gefühlt. Und manchmal kann man auf den abgeernteten Feldern Füchse sehen. Früher waren es mehr. Ich glaube, es sind weniger geworden. Vielleicht sind sie auch nur vorsichtiger. Vielleicht bin ich seltener draußen. Oder ich schaue nicht mehr richtig hin. Mit Gewissheit kann ich dazu nichts sagen. Ich habe keine Fuchsstatistik geführt. Keine Tabellen angelegt. Keine nächtlichen Zählungen veranstaltet. Es ist nur so ein Gefühl. Egal. Die Abende werden langsam kürzer. Die Nächte länger. Der Sommer macht zwar noch keine Anstalten zu verschwinden, aber er räumt schon mal ein bisschen auf. Und irgendwo zwischen Mähdreschern, Stoppelfeldern und dem Licht, das abends inzwischen ein paar Minuten früher aus den Straßen verschwindet, ist mir aufgefallen, dass ich etwas ziemlich lange vergessen hatte. Die Musik.
Mareike hat mir gestern Songs geschickt. Nicht einen. Einen nach dem anderen. 100 Kilo Herz. Drei Meter Feldweg. Broilers. Madsen. Liedfett. Feine Sahne Fischfilet. Gitarren. Trompeten. Stimmen, die nicht höflich fragen, ob sie kurz stören dürfen. Musik mit Schrammen. Musik, die nach draußen will. Musik, die nicht im Hintergrund steht und darauf wartet, dass jemand sie bemerkt. Macht sie nicht. Sie scheißt drauf. Sie macht einfach. Und ich habe daraus eine Playlist gemacht. „Mit Mund abwischen“ habe ich sie genannt. Das ist ein kleiner Insider. Den muss auch nicht jeder verstehen. Gestern Abend bin ich mit dieser Playlist spazieren gegangen. Einige Songs kannte ich noch von früher. Nicht unbedingt Wort für Wort. Aber mein Körper kannte sie offenbar noch. Der erkannte manche Stellen schneller als mein Kopf. Ein Gitarrenriff, ein Trompeteneinsatz, eine Stimme und plötzlich war da wieder etwas Vertrautes. Wie ein Mensch, den man seit Jahren nicht gesehen hat und bei dem man trotzdem sofort weiß, wie er seinen Kaffee trinkt.
Krass. Früher war Musik wichtig für mich. Richtig wichtig. Ich stand stundenlang in Plattenläden. Vor diesen Regalen mit CDs, deren Sortierung vermutlich nur von Menschen verstanden wurde, die dort seit 1987 arbeiteten. Ich zog Hüllen heraus, las Titel, schaute mir Cover an, hörte in Alben rein und versuchte anhand von dreißig Sekunden herauszufinden, ob diese Musik mein Leben verändern oder mich nur 29,99 Mark kosten würde. Manches fand ich scheiße. Manches fand ich sofort großartig. Und bei manchen CDs wusste ich es nicht. Die nahm ich trotzdem mit. Aus Hoffnung. Oder weil das Cover gut war. Oder weil der Typ hinter der Theke gesagt hatte, das müsse man gehört haben. Menschen hinter Plattenladentheken hatten damals eine Autorität, die heute vermutlich nur noch Apotheker und Bahnkontrolleure besitzen. Dann stand man da und musste sich entscheiden. Single oder Album. Auf der Single war der Song, den man mochte. In fünf Versionen. Glaub ich. Auf dem Album waren zusätzlich elf Lieder, von denen man neun noch gar nicht kannte und zwei vermutlich nie mögen würde. Ich nahm meistens das Album. Man wollte schließlich die Band unterstützen. Die Musiker. Die Plattenfirma. Den Einzelhandel. Den Mann hinter der Theke mit dem ungewaschenen Pullover. Irgendwie alle. Nee. War gelogen. Am Ende war das nur für mich. Und dann?
Dann wurde Musik leiser. Nicht plötzlich. So etwas passiert selten plötzlich. Es gibt ja keinen Morgen, an dem man aufwacht und beschließt, einen Teil von sich ab heute nicht mehr zu brauchen. Man unterschreibt dafür keinen Vertrag. Man gibt nichts ab. Es gibt keine Quittung. Es passiert einfach. So nebenbei. Am Anfang waren da Menschen, die nicht mochten, was ich hörte. Also drehte ich die Musik leiser. Nicht immer. Nicht bewusst. Nur ein bisschen. Dann vielleicht noch ein bisschen. Irgendwann war sie aus. Und wenn etwas lange genug leiser wird, wird es irgendwann auch in einem selbst stiller.
Man gewöhnt sich daran.
Das ist vermutlich eine der gefährlichsten Fähigkeiten des Menschen. Wir können uns an fast alles gewöhnen. An Lärm. An Stille. An schlechte Matratzen. An Menschen, bei denen wir vorsichtiger sprechen. An Tage, in denen etwas fehlt, ohne dass wir genau sagen könnten, was. Und scheiße, irgendwann denkt man, es sei eben so. Man brauche das nicht mehr. Die Musik nicht. Das Tanzen nicht. Die Lautstärke nicht. Diese eine bestimmte Art von Freude, die keinen vernünftigen Anlass benötigt.
Aber das stimmt nicht.
Die Dinge, die uns fehlen, verschwinden nicht einfach. Sie liegen nur irgendwo herum. Unter Terminen. Unter Rücksicht. Unter Alltag. Unter all den Entscheidungen, die beschissen vernünftig aussehen und einen trotzdem Stück für Stück von sich selbst entfernen können. Und dann, schleichend und maximal scheiße legt sich etwas über das eigene Leben. Kein großer Schatten. Eher ein Schleier. Die Welt ist noch da. Die Farben auch. Die Menschen. Die Straßen. Die Felder. Der Kaffee am Morgen. Alles sieht aus wie vorher. Nur etwas trüber. Und weil es langsam passiert, merkt man es nicht. Man läuft weiter. Man erledigt Dinge. Man antwortet auf Nachrichten. Man kauft ein. Man funktioniert. Man glaubt, alles sei in Ordnung, weil nichts offensichtlich kaputt ist. Und irgendwann fällt einem einfach so auf, dass man aufgehört hat zu tanzen. Nicht sinnbildlich. Echt jetzt. Man tanzt nicht mehr.
Gestern habe ich wieder getanzt. Draußen. Auf der Straße. Beim Spazierengehen. Nicht besonders gut. Das sollte der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Es war weniger professionelles Tanzen als eine Mischung aus Wechselschritt, Vorwärtsbewegung und dem Versuch, dabei nicht in einen Graben zu geraten. Aber scheißegal, ich habe getanzt.
Trompeten im Ohr. Gitarren irgendwo zwischen Brustkorb und Kehle. Ska-Punk. Sommerabend. Sonne. Frische Luft. Die Hände nicht in den Taschen. Ein Schritt. Noch einer. Dann zwei zur Seite. Ein bisschen hüpfen. Ein bisschen laufen. Ein bisschen so tun, als sei die Dorfstraße gerade keine Dorfstraße, sondern die Hauptbühne eines Festivals, bei dem der Headliner erstaunlicherweise nur aus mir besteht. Ein paar Autofahrer haben natürlich geguckt. Manche haben gelacht. Vielleicht haben sie mich ausgelacht. Ist mir scheißegal. Vielleicht haben sie auch einfach gelacht, weil da jemand auf nem Bürgersteig getanzt hat. Das passiert hier nicht ständig. Normalerweise stehen Menschen am Straßenrand und beurteilen die Verkehrsentwicklung.
Ich jedenfalls musste ebenfalls lachen. Nicht, weil etwas besonders lustig gewesen wäre. Sondern weil es sich gut anfühlte. Leicht. Vertraut. Wie etwas, das lange weg war, obwohl es die ganze Zeit noch irgendwo in mir gesteckt hatte. Und während ich dort lief und tanzte, dachte ich an Mareike. Daran, dass sie wahrscheinlich einfach ein paar Songs verschickt hatte. Ohne großen Plan. Ohne pädagogisches Konzept. Das könnte sie definitv. Ohne zu wissen, was sie damit auslöst. Sie hat nicht gesagt, dass ich wieder mehr Musik hören soll. Sie hat nicht gefragt, wann ich eigentlich aufgehört habe zu tanzen. Sie hat nichts analysiert, nichts erklärt und schon gar keinen klugen Satz über Lebensfreude daruntergeschrieben. Sie hat einfach Musik geschickt.
Einen Song nach dem anderen. Und vielleicht war genau das genug. Manchmal braucht es keinen Menschen, der einen rettet. Das wäre ohnehin eine ziemlich große Aufgabe für einen Dienstagabend. Manchmal reicht jemand, der einem etwas gibt, das man irgendwann aus der Hand gelegt hat. Einen Song. Eine Erinnerung. Ein Gefühl. Mareike hat, ohne es zu wissen, einen Lappen genommen und eine Scheibe sauber gewischt, von der ich gar nicht bemerkt hatte, wie vergilbt sie inzwischen war.
Die Welt dahinter war die ganze Zeit noch da. Die Felder. Die Sonne. Die Straße. Die Füchse vielleicht. Und irgendwo dazwischen auch ich. Mit Trompeten im Ohr. Gitarren im Herzen. Und den Händen endlich wieder raus aus den Taschen. Geil. Echt jetzt.
Es liegt nicht an dir.
Vorgestern stand ich allein in einem Laden für Outdoorbekleidung in Oldenburg. Und allein ist in solchen Läden ein gefährlicher Zustand. Zumindest für Menschen wie mich. Weil niemand neben einem steht und sagt: „Torsten, leg das Messer wieder hin. Du brauchst kein Messer, mit dem man vermutlich einen Elch erlegen könnte. Du willst nur in den Wald. Nicht die Zivilisation neu gründen.“ Nee. Sagt keiner. Egal. Der Laden war jedenfalls großartig. Nicht so großartig im Sinne von „Ach, nett hier, da kann man mal gucken“, sondern eher im Sinne von, dass ich dort problemlos mehrere Stunden hätte verbringen können, ohne dass es mir selbst merkwürdig vorgekommen wäre. Messer. Lampen. Schlafsäcke. Socken. Hosen. Pullover. Jacken. Rucksäcke. Dinge, von denen man sofort glaubt, dass das eigene Leben deutlich besser sortiert wäre, wenn man sie besitzen würde. Das ist natürlich Schwachsinn. Aber ein sehr überzeugender.
Outdoorläden haben diese besondere Wirkung. Man betritt sie als Mensch, der eigentlich nur eine Hose sucht und zehn Minuten später steht man vor einem Regal mit Stirnlampen und denkt ernsthaft darüber nach, ob man nicht vielleicht doch eine Lichtquelle braucht, die auch bei minus zwölf Grad, Starkregen und mittelgroßer innerer Krise zuverlässig in Höhlen funktioniert, die man eigentlich nicht betreten darf. Dabei bringt man höchstens nur mal den Müll im dunklen raus. Aber gut. Ich war dort wegen einer Hose. Nicht irgendeiner Hose. Natürlich nicht. Ich hatte eine Vorstellung. Eine sehr klare sogar. Was bei mir meistens bedeutet, dass ich ganz genau weiß, was ich will, kann es aber nur ungefähr beschreiben und bin dann beleidigt, wenn die Realität nicht sofort mitmacht.
Ich brauche eine Hose für den Herbst. Oktober. November. Für draußen. Für Matsch. Für Wald. Für Wege, die nicht danach aussehen, als hätte sie jemand für Menschen mit weißen Sneakern geplant. Für eines meiner NICHT-IRGENDWANN-Ziele. Für dieses Gefühl, wenn man nicht nur irgendwo hinfährt, um dort kurz ein Foto zu machen, sondern wirklich draußen ist. Mit kalten Händen. Mit dreckigen Schuhen. Mit Kaffee aus einem Becher, der nach zwei Stunden ungefähr die Temperatur eines alten Gedankens hat. So eine Hose sollte das sein. Robust. Bequem. Nicht zu eng. Nicht zu modern. Nicht diese Art von Outdoorhose, mit der man aussieht, als würde man gleich in einem Start-up erklären, dass man am Wochenende „gern mal rauskommt“. Sondern eine Hose, die nach Wald aussieht. Nach Herbst. Nach Holzofen. Nach Rucksack. Nach „kann dreckig werden, ist nicht schlimm“.
Und natürlich fand ich sie. Klar. Das war ja das Problem. Sie hing da. Einfach so. Nicht besonders beleuchtet. Keine Engelschöre. Kein Windstoß aus Richtung Skandinavien. Sie hing einfach da. Sachlich. Dunkelgrün. Unbeeindruckt von meiner finanziellen Gesamtlage. Ich nahm sie vom Bügel und schon beim Anfassen merkte ich: Mist. Man merkt das ja manchmal sofort. Stoff. Gewicht. Verarbeitung. Taschen an Stellen, an denen Taschen Sinn ergeben. Nicht aus modischer Laune heraus, sondern weil dort tatsächlich Dinge hineinpassen könnten. Messer vielleicht. Oder eine Karte. Oder ein Handy. Oder ein Müsliriegel, den man irgendwann findet, wenn man längst vergessen hat, dass man ihn gekauft hat. Eine Axt. Natürlich eine Axt. Ich probierte sie an. Sie passte. Natürlich passte sie. Es wäre auch zu freundlich vom Leben gewesen, wenn sie irgendwo gedrückt hätte. Wenn sie zu kurz gewesen wäre. Zu lang. Zu weit. Zu irgendwas. Dann hätte ich sagen können: „Uiii. Wie blöd jetzt. Wäre schön gewesen. Aber passt nicht.“ Und wäre mit dem Gesichtsausdruck eines vernünftigen Mannes aus der Kabine gekommen.
Aber nein. Sie saß, als hätte sie vorher kurz meine Maße genommen. Ich stand also vor dem Spiegel in dieser Hose und sah für einen Moment aus wie jemand, der im Herbst ernsthaft Pläne hat. Nicht nur Gedanken. Nicht nur Instagram im Kopf. Sondern echte Pläne. Rausfahren. Losgehen. Im Bauwagen schlafen. Durch Wald laufen. Abends Holz nachlegen. Morgens mit zerknittertem Gesicht irgendwo stehen und so tun, als sei Kälte ein Charaktertest. Diese Hose konnte das alles. Ich vermutlich auch. Aber die Hose sah überzeugender aus. Dann sah ich auf den Preis. 199,99 Euro.
Das ist ein Preis, bei dem Menschen gern sagen: „Ja gut, Qualität kostet eben.“ Stimmt. Qualität kostet. Aber Kontoauszüge haben leider selten Verständnis für Lebensgefühl. Die sagen nicht: „Ach Torsten, mach ruhig. Herbst. Wald. Aufbruch. Persönliche Entwicklung. Dunkelgrün steht dir.“ Kontoauszüge sind da eher norddeutsch. Trocken. Unromantisch. Fast schon beleidigend sachlich. 199,99 Euro sind 200 Euro. Da kann man noch so lange diese eine Cent-Lüge stehen lassen. Wir wissen alle, was gemeint ist. Niemand steht an der Kasse und denkt: „Zum Glück keine 200.“ Außer vielleicht Menschen, die auch glauben, ein Croissant sei ein ausgewogenes Frühstück, wenn ein Salatblatt draufliegt. Ich stand also da. In einer Hose, die perfekt war. In einem Laden, der sowieso gefährlich war. Mit einem Ziel im Kopf, das nach Herbst roch. Und mit einer Vernunft, die unangenehm wach wurde. Ich hätte sie kaufen können. Irgendwie. Klar. Kaufen kann man vieles. Zur Not kann man heute alles kaufen und sich morgen erzählen, es sei eine Investition gewesen. Menschen nennen sehr viel „Investition“, wenn sie eigentlich nur meinen: „Ich wollte das haben.“ Ich kenne das. Ich bin da nicht besser. Ich bin sogar ziemlich gut darin, mir Gründe zurechtzulegen. Das ist eine meiner unterschätzten Fähigkeiten. Wenn ich etwas wirklich will, arbeitet mein Kopf nicht mehr als Berater. Er arbeitet als Anwalt. Und zwar als einer dieser unangenehm ehrgeizigen Anwälte, die selbst aus einem klaren Fall noch ein dreiteiliges Argumentationspapier machen.
„Du brauchst die Hose ja wirklich.“ „Für den Herbst.“ „Für dein Ziel.“ „Billig kaufen heißt zweimal kaufen.“ „Du willst doch nicht frieren.“ „Du fängst neu an, aber gerade deshalb brauchst du gute Dinge.“ „Außerdem sitzt sie perfekt.“
Das klang alles nicht falsch. Das ist das Gemeine. Die besten Ausreden sind selten kompletter Blödsinn. Sie sind meistens halbwahr. Und Halbwahrheiten sind gefährlich, weil sie sich anfühlen wie Vernunft mit besserer Jacke.
Aber da war eben auch die andere Seite.
Ich beginne gerade noch einmal neu. Theoretisch. Praktisch auch. Schritt für Schritt. Rechnen. Sortieren. Prioritäten. Nicht jeden Wunsch sofort in den Einkaufswagen werfen, nur weil er gut aussieht und Taschen an den richtigen Stellen hat. Das ist nicht besonders romantisch. Auf gar keinen Fall geil. Aber notwendig. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man merkt, ob man es ernst meint.
Nicht bei den großen Sätzen. Nicht bei den Plänen. Nicht bei den Momenten, in denen man anderen erzählt, was man vorhat. Sondern in so einem Laden in Oldenburg, allein vor einem Spiegel, in einer Hose, die wirklich verdammt gut sitzt, während irgendwo im Hintergrund wahrscheinlich ein Mann überlegt, ob er für seinen Campingkocher noch einen Adapter braucht, obwohl er seit 2003 nicht mehr zelten war.
Da entscheidet sich manchmal mehr, als man denkt. Ich zog die Hose wieder aus, hängte sie zurück. Es gibt Klamotten, die hängt man nicht zurück, man trennt sich von ihnen auf Probe. So fühlte sich das an. Vielleicht kaufe ich sie irgendwann. Vielleicht finde ich sie günstiger. Vielleicht gibt es eine Alternative. Vielleicht ist genau diese Hose später immer noch da. Vielleicht auch nicht. Das Leben ist hart. Besonders bei Outdoorbekleidung in Dark Olive. Aber vorgestern habe ich sie nicht gekauft. Und das war richtig. Nicht, weil ich sie nicht wollte. Ich wollte sie echt. Sondern weil ich gemerkt habe, wie sehr ich versucht habe, Gründe zu finden, sie kaufen zu können. Kleine, stabile, vernünftig aussehende Gründe. Gründe mit Reißverschluss und verstärkten Knien. Und genau da liegt für mich inzwischen eine ziemlich einfache Regel.
Wenn ich Gründe suchen muss, um etwas zu tun, sollte ich es meistens lassen.
Wenn ich allerdings Gründe suche, um etwas nicht zu tun, dann ist es oft genau das, was ich machen muss.
Klingt einfach. Ist es auch. Nur leider steht man im echten Leben selten mit dieser Erkenntnis auf einem Berggipfel, während die Sonne aufgeht und irgendein Adler symbolisch durchs Bild fliegt. Man steht eher in Oldenburg in einem Outdoorladen. In Socken. Vor einem Spiegel. Und versucht, einer Hose zu erklären, dass es gerade nicht an ihr liegt.
0 von 100.
Bis 2014 habe ich das Marketing für eine Bank gemacht. Das klingt erst einmal vernünftig. Nach Schreibtisch. Nach Besprechungsraum. Nach einem edlen Kugelschreiber mit Logo. Nach einem Leben, bei dem Menschen morgens wissen, wo sie parken und abends wissen, warum sie müde sind. Also nach etwas, das mir rückblickend fast verdächtig geordnet vorkommt. Danach habe ich mich selbstständig gemacht. Ich habe fotografiert. Texte geschrieben. Webseiten gebaut. Marketingkonzepte entwickelt. Unternehmen sichtbarer gemacht als ihre eigenen Hinweisschilder, was in manchen Fällen keine große Kunst war, weil diese Hinweisschilder irgendwo zwischen Efeu, Parkplatz und vollständiger Resignation hingen. Und das sah von außen oft ziemlich vernünftig aus. Echt jetzt. Kamera in der Hand. Termine im Kalender. Rechnungen im System. Kunden, die nickten. Webseiten, die online gingen. Texte, die besser klangen als das, was vorher auf irgendeiner Unterseite unter „Über uns“ stand und vermutlich seit 2009 niemand mehr freiwillig gelesen hatte.
Aber von innen war das alles manchmal eher ein wackeliger, alter Campingtisch. So einer, bei dem ein Bein immer ein bisschen zu kurz ist. Und auf diesem Tisch lagen Ideen, Rechnungen, halbfertige Pläne, zu viele Gedanken und diese besondere Form von Existenzangst, die morgens keinen Kaffee braucht, weil sie sowieso schon wach ist. Ich sag mal so, es war nicht immer einfach. Dann kam 2026.
Und plötzlich fiel nicht nur ein Stein aus der Mauer. Es fiel gleich die ganze verdammte Wand. Das Zuhause war weg. Das Auto war weg. Mein Hund war in einem neuen Zuhause. Nicht, weil er mir egal war. Sondern weil Liebe manchmal auch bedeutet, nicht der Mittelpunkt zu sein. Eine Erkenntnis, die grundsätzlich schön klingt, aber in der Praxis ungefähr so angenehm ist wie barfuß auf Lego zu treten. Ich saß da und dachte: Fuck. Das war es jetzt. Tschüss. Ende. Abspann. Nur ohne Musik. Ich glaube, das Kino des Lebens ist mitunter erstaunlich geizig, wenn es um dramatische Effekte geht. Kein Regen gegen die Scheibe. Kein Streichorchester. Kein letzter Blick in den Rückspiegel. Meistens sitzt man einfach irgendwo, trinkt schlechten Kaffee und merkt, dass selbst große Zusammenbrüche echt unspektakulär aussehen können. Eine Zeit lang war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch zurückkommen wollte. Einfach, weil manchmal alles so still wird, dass selbst der nächste Tag wie eine Zumutung wirkt. Ein paar Tage später wurde mir klar, dass dieser Gedanke verständlich war. Aber auch ziemlich unpraktisch.
Das Gute ist, ich war noch da. Nicht besonders sortiert. Nicht besonders erfolgreich. Nicht mit erhobenem Kopf und fester Stimme, wie Menschen das in Filmen tun, kurz bevor sie eine neue Firma gründen oder einen Berg besteigen. Eher mit müdem Blick, zu vielen offenen Fragen und diesem inneren Geräusch, das entsteht, wenn das Leben einmal kräftig durchgelüftet hat, ohne vorher zu fragen, ob noch wichtige Unterlagen auf dem Tisch liegen. Und da stellte ich mir einfach mal eine andere Frage. Was wäre, wenn das hier gar kein Ende ist? Was, wenn es einfach nur der Punkt ist, an dem nichts mehr hübsch eingerichtet werden kann? Kein Vielleicht-später. Kein Wenn-mal-Zeit-ist. Kein Irgendwann, dieses kleine feige Wort, mit dem man ganze Leben in die Abstellkammer stellt. Und ich glaube, auch daraus ist NICHT IRGENDWANN entstanden. Ich habe angefangen, über hundert Dinge nachzudenken, die ich erleben möchte, bevor ich sterbe. Nicht, weil ich plötzlich besonders mutig geworden wäre. Ich bin nicht morgens aufgewacht und hatte auf einmal einen Abenteuerbart, ein Taschenmesser und ein sehr ernstes Verhältnis zu Sonnenaufgängen. Mir ist nur einfach aufgefallen, wie leicht man sein ganzes Leben auf irgendwann verschiebt. Ist doch so. Irgendwann mache ich das. Irgendwann fahre ich dorthin. Irgendwann sage ich das, was ich immer schon sagen wollte. Irgendwann fange ich an. Und irgendwann ist oft nur ein anderes Wort für nie.
Naja. Der aktuelle Stand der Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie tun möchte, bevor ich sterbe? 0 von 100. Aber ich glaube, genau deshalb beginnt die Geschichte jetzt. Nicht irgendwann. Jetzt.
Und jetzt sitze ich immer irgendwo und brainstorme. Kinnas. Was für ein schönes Wort. Brainstorming klingt immer, als säßen irgendwo kluge Menschen mit Whiteboard-Stiften in einem hellen Raum und würden Zukunft gestalten. Bei mir sieht es eher so aus, dass ich Notizen mache, wieder streiche, Kaffee trinke, kurz aufs Handy gucke, mich selbst dafür verachte, wieder Notizen mache und zwischendurch überlege, ob „mit Haien tauchen“ wirklich ein Ziel ist oder nur ein sehr aufwendiger Weg, um später von einem Tier ignoriert zu werden. Aber genau darum geht es. Ich will diese hundert Dinge eben nicht so auswählen, dass sie auf Instagram gut aussehen. Das wäre ja vermutlich sogar der einfachste Weg. Ballonfahrt bei Sonnenaufgang. Irgendein Berg. Irgendein See. Irgendein Foto, auf dem jemand von hinten in die Ferne schaut, als hätte er gerade in einem sehr teuren Onlinekurs gelernt, dass Freiheit auch nur ein anderes Wort für eine neue Jacke ist. Nein. Es sollen meine Ziele sein.
Nicht die Ziele, die besonders gut wirken. Nicht die Ziele, die andere beeindrucken. Nicht die Ziele, bei denen irgendjemand denkt: „Stark, der hat sein Leben im Griff.“ Das wäre ohnehin gelogen. Ich habe aktuell nicht einmal meine Kabel im Griff. Und Kabel sind im Vergleich zum Leben noch relativ überschaubar, obwohl auch das vermutlich eine gewagte Behauptung ist. Ich will Dinge aufschreiben, die wirklich etwas mit mir zu tun haben. Kleine Dinge. Große Dinge. Bescheuerte Dinge. Mutige Dinge. Dinge, die mir Angst machen. Dinge, die vielleicht niemand versteht. Dinge, bei denen andere sagen: „Warum ausgerechnet das?“ Und genau dann wird es wahrscheinlich interessant. Denn es sind meine Ziele. Nicht die der anderen. Nicht die des Algorithmus. Nicht die einer Zielgruppe, die angeblich zwischen 18 und 49 liegt und sich laut Statistik besonders für Authentizität interessiert, solange sie gut ausgeleuchtet ist.
Und ich will diese Geschichte erzählen. Nicht perfekt. Nicht glatt. Nicht mit dieser unangenehmen Selbstgewissheit von Menschen, die schon beim Frühstück klingen, als hätten sie drei Bücher über Disziplin gelesen und dabei ihren eigenen Schatten motiviert. Ich will filmen. Ich will fotografieren. Ich will zeigen, wie diese Liste entsteht. Wie ich überlege. Wie ich zweifle. Wie ich Ziele finde und wieder verwerfe. Wie ich vielleicht Dinge tue, die am Anfang unangenehm sind. Peinlich. Unbeholfen. Cringe, wie Menschen sagen, die wahrscheinlich auch schon einmal „Content Journey“ gesagt haben und danach trotzdem weiterleben durften. Es wird diesen Berg des Cringe geben. Fick dich. Ja. Ganz sicher. Vielleicht sogar mehrere. Kleine Mittelgebirge aus Unsicherheit, komischen Videos, schiefem Licht, falschen Sätzen und diesem Moment, in dem man sich selbst auf dem Bildschirm sieht und sofort versteht, warum manche Tiere lieber im Wald bleiben. Aber da muss ich rüber. Nicht, weil ich plötzlich Influencer werden will. Sondern weil ich glaube, dass diese Geschichte erzählt werden muss, während sie passiert. Nicht hinterher, wenn alles hübsch sortiert ist. Nicht erst dann, wenn aus dem Chaos eine Erfolgsgeschichte geworden ist und man in Interviews so tun kann, als hätte man die ganze Zeit einen Plan gehabt.
Ich habe keinen Plan.
Das ist vielleicht der ehrlichste Teil daran.
Ich habe ein Buch, das mir als Werkzeug dienen soll. Ein Buch, das ich selbst benutze, selbst gemacht habe. Nicht als Deko. Nicht als schönes Objekt für Menschen, die gerne Notizbücher kaufen und dann ehrfürchtig unbenutzt ins Regal stellen, als wären sie kleine Altäre der eigenen Möglichkeiten. Sondern als Arbeitsfläche. Als Liste. Als Erinnerung. Als Tritt in den Arsch, wenn das Leben wieder anfängt, sich in Ausreden einzurichten. Und ja, dieses Buch kann man kaufen. Nicht, weil ich plötzlich so tue, als hätte ich die große Antwort gefunden. Habe ich nicht. Ich habe nicht mal die kleine Antwort gefunden. Ich habe bisher 0 von 100. Das ist kein Expertenstatus. Das ist eher ein sehr sauber dokumentierter Anfang. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.
Ich habe außerdem ein Plugin gebastelt. Kostenlos. Für alle, die ihre eigene Liste auf ihrer Webseite zeigen wollen. Ihre Ziele. Ihre Fortschritte. Ihre Geschichten. Nicht als Leistungsschau. Nicht als digitales Schulterklopfen. Sondern als sichtbare Erinnerung daran, dass man Dinge nicht ewig im Kopf parken sollte. Im Kopf stehen sie nämlich irgendwann herum wie alte Kartons im Keller. Man weiß, dass sie da sind, aber man geht nicht mehr gern hin. Also: Buch. Webseite. Videos. Fotos. Plugin. Liste. Geschichte. Und irgendwo dazwischen ich. Mit ziemlich wenig Sicherheit, aber mit dem Gefühl, dass genau das gerade richtig ist.
All in, nennt man das wohl.
Oder, etwas weniger cool formuliert, ich werfe jetzt einfach alles auf den Tisch und schaue, was davon stehen bleibt. Der Tisch wackelt sowieso schon. Dann kann auch etwas Sinnvolles draufliegen.