Am Freitag war in Langwedel Markt. So eine Art Kirmes. Oder Volksfest. Ich weiß nicht, wo da die genaue Grenze verläuft. Die Straßen waren gesperrt. Überall standen Buden. Es blinkte und leuchtete und an erstaunlich vielen Stellen konnte man Dinge kaufen, die entweder frittiert, gegrillt oder großzügig mit Zucker ausgestattet waren. Die Dunkelheit hatte sich längst über die Dächer gelegt. Von den Häusern sah man nur noch das, was die beleuchteten Stände von ihnen übrig ließen. Davor dieses bunte Licht, das einen Ort für ein paar Stunden verändert. Man läuft auf einer Straße, auf der sonst Autos fahren, schaut sich um und bekommt schon wieder Hunger, obwohl man drei Meter vorher eigentlich beschlossen hatte, erst einmal nur zu gucken. Es roch nach gebrannten Mandeln. Jedenfalls so lange, bis man in den Dunst der Bratwurstbude geriet. Dann kamen Pommes dazu. Irgendwo drehte sich Gyros und zwischendurch zog dieser süße Geruch von Zuckerwatte vorbei. Schon krass, wie etwas gleichzeitig so sehr nach Kindheit und klebrigen Fingern riechen kann. Natürlich gab es auch Champignons. Diese großen Pfannen, an denen man vorbeigeht und sofort denkt: Ach, komm. Scheiß drauf, die passen noch. Als hätte man für Pilze einen gesonderten Magen.

Ich war an diesem Abend auf dem Weg zu Mareike. Von Bremen aus. Mit dem Zug. So übers Wochenende. Ein überschaubarer Plan. Einsteigen. Zug fahren. Aussteigen. Da sein. Keine Ahnung. Zwei Stunden mit unzählbaren Geschichten, die ich mir selbst erzähle. Ich liebe das. In Bremen am Hauptbahnhof kam ihre Nachricht. Ich sollte sitzen bleiben. An dem Bahnhof, an dem ich sonst ausgestiegen wäre, würde sie zusteigen, und dann könnten wir gemeinsam weiterfahren. Nach Langwedel. Zum Markt. Kurz Pommes essen, was trinken, eine Runde über den Markt gehen und anschließend wieder zurück.

Fand ich gut. Sehr gut sogar. Ich mag solche Vorschläge. Man ist schon unterwegs, hat sich gedanklich ungefähr eingerichtet, weiß, wo man gleich aussteigt, und plötzlich bekommt der Abend noch eine Abzweigung. Dafür musste ich in diesem Fall nicht einmal aufstehen. Ich musste einfach nur eine Sache lassen, die ich ohnehin erst später vorgehabt hatte: aussteigen. Wir verabredeten uns im letzten Waggon. Damit wir uns schneller fanden und nicht einer vorne und der andere hinten saß, während beide auf ihr Handy guckten und Nachrichten schrieben wie: „Ich bin doch hier.“ Ein Satz, der geografisch ungefähr so hilfreich ist wie „auf der Erde“. Also ganz hinten. Klare Ansage. Das sollte funktionieren. Tat es auch. Erstaunlich problemlos sogar. Sie stieg ein. Wir fanden uns. Und auf einmal waren wir gemeinsam unterwegs. Eben noch saß ich allein im Zug und wollte zu ihr. Jetzt war sie da, und wir fuhren irgendwohin, wo ich an diesem Abend nicht mit gerechnet hatte. Ich musste grinsen. So schnell konnte das gehen.

Eine Pommes. Ein Getränk. Ein bisschen zwischen den Buden herumlaufen. Mehr hatten wir uns nicht vorgenommen. Ich hatte schließlich meinen Rucksack dabei, war auf Wochenendbesuch eingestellt und nicht darauf, mit Gepäck ein Volksfest zu besuchen. Aber kurz über den Markt, das ging. Natürlich ging das. Wobei „kurz“ ein ziemlich großzügiges Wort ist, sobald man mit dem richtigen Menschen unterwegs ist. Beim Warten auf einen Zug hat man recht genaue Vorstellungen davon, wie lang zehn Minuten sind. Bei einem schönen Abend wird man da plötzlich erheblich toleranter. Aber so weit dachte ich noch gar nicht. Mareike war da. In Langwedel gab es Pommes. So unser Plan. Das Leben hatte ihn offenbar auch gelesen. Und musste lachen.

Ein paar Minuten später stiegen wir in Langwedel aus. Vom Bahnhof bis zum Markt war es nicht weit. Ein kurzer Fußweg und wir waren mittendrin. Wir liefen über die Straße, schauten nach links und rechts und gingen erst einmal bis zum Ende durch. Dann wieder zurück. Erst mal gucken. Das macht man so. Irgendwo stand eine große Bühne. Wo genau, könnte ich heute nicht mehr sagen. Ich könnte vermutlich noch in die ungefähre Richtung zeigen, aber darauf sollte man sich nicht verlassen. Vor der Bühne standen Menschen unter freiem Himmel. Auf der Bühne spielte eine Band. Eine Coverband. Was zunächst einmal alles heißen kann. Es gibt Veranstaltungen, da hört man die ersten drei Takte und weiß bereits, dass man jetzt dringend weitergehen muss. Wir blieben stehen. Da kamen Gitarren von der Bühne. Ordentlich Gitarren. System of a Down. Linkin Park. Metallica. AC/DC. Disturbed. Volbeat. Diese ganze wunderbare Abteilung von Musik, bei der ein Schlagzeug auch benutzt werden darf. Ich war gerade noch mit der Frage beschäftigt gewesen, was ich essen wollte. Jetzt wollte ich erst einmal hören, was die als Nächstes spielten. Also standen wir da. Hörten zu. Tranken etwas. Kamen mit Menschen ins Gespräch. Zwischendurch wurde getanzt, dann wieder geredet und sobald ein Lied kam, das wir kannten, sangen wir mit. Nicht schön. Aber laut. So wie die anderen auch. Ich mag das, wenn Musik so etwas macht. Eben stehen da noch Menschen, die einander überhaupt nicht kennen und einen Refrain später singen sie gemeinsam, als hätten sie dafür wochenlang geprobt. Haben sie natürlich nicht. Hört man auch. Aber es stört niemanden. Man grinst sich kurz an, weil der andere offenbar genauso viel Bock auf diesen Song hat und singt weiter.

Aus unserem kurzen Stehenbleiben wurde noch ein Lied. Und noch eins. Dann konnte man bei dem nächsten natürlich auch nicht einfach gehen. Es gab keinen richtigen Beschluss, länger zu bleiben. Wir blieben einfach. Der Abend lief. Die Band spielte. Mareike war neben mir und ich hatte überhaupt kein Interesse daran, irgendwo anders zu sein. Dann kündigten sie ihren letzten Song an. Welcher das war, weiß ich nicht mehr. Ich weiß noch, dass danach Schluss war und sie anfingen, ihre Sachen abzubauen. Eben noch Musik, jetzt wurden Kabel zusammengerollt. Für die da oben war offenbar Feierabend. Für uns hatte sich das noch nicht so eindeutig geklärt. Im Hintergrund übernahm ein DJ. Ungefähr zur gleichen Zeit fing es an zu regnen. Erst ein bisschen. So ein Regen, bei dem man kurz nach oben schaut und beschließt, dass das wohl nicht weiter schlimm werden wird. Eine Wetterprognose, die hauptsächlich auf dem Wunsch beruht, recht zu behalten. Hielten wir eine Weile für belastbar. Dann regnete es stärker.

Vor der Bühne wurde es leerer. Die Menschen rückten unter die Vordächer der Geschäfte und unter das Dach des Bierpavillons. Einige gingen vermutlich nach Hause. Vielleicht waren die vernünftig. Vielleicht waren sie müde. Vielleicht hatten sie auch einfach keine Lust, nass zu werden. Mareike und ich suchten uns einen Platz unter dem Vordach eines Fachgeschäfts und blieben dort einfach erstmal stehen. Was für ein Fachgeschäft? Keine Ahnung. Es hatte ein Dach. Das war in diesem Moment die für uns entscheidende Fachkompetenz. Wir tranken noch etwas und hörten der Musik zu. Der DJ machte seine Sache nämlich ebenfalls ziemlich gut. Nicht mehr ganz so harte Gitarren wie vorher, aber immer noch amtlich. Madsen. Sportfreunde Stiller. Die Ärzte. Was sonst noch lief, bekomme ich nicht mehr zusammen. Ich habe an diesem Abend offensichtlich wenig für eine lückenlose Dokumentation getan. Weder wusste ich noch, wie spät es war, noch dachte ich daran, dass ich die ganze Zeit meinen Rucksack auf dem Rücken hatte. Drauf geschissen. Den hatte ich längst vergessen.

Um uns herum standen die Menschen unter den Dächern, redeten, tranken, rauchten. Davor fiel der Regen auf die Straße. Wir standen zunächst noch bei ihnen. Einigermaßen trocken, hörten zu und sangen mit. Dann wurde aus dem Mitsingen wieder Tanzen. Ich weiß nicht mehr, wer angefangen hat. Wer zuerst einen Schritt nach draußen gemacht hat. Ob einer von uns den anderen mitgezogen hat oder wir einfach irgendwann dort standen. Auf einmal waren Mareike und ich nicht mehr unter dem Dach. Wir tanzten daneben. Neben dem Fachgeschäft, neben dem Bierpavillon, auf dem Platz. Über uns nichts, was den Regen hätte abhalten können. Den hatte ich durchaus bemerkt. Er hörte bloß auf, ein Grund zu sein, sich wieder unterzustellen. Da lief Musik, die wir liebten, und vor mir war diese Frau, mit der ich eigentlich nur kurz eine Pommes hatte essen wollen. Ich sah sie an. Sie sang. Ich sang mit. Wir bewegten uns. Zur Musik. Und was davon tatsächlich im Takt war, lässt sich hinterher zum Glück nicht mehr feststellen. Mein Rucksack machte jedenfalls alles mit. Die anderen Menschen waren noch da. Unter den Vordächern, am Bierpavillon, nur ein paar Schritte von uns entfernt. Aber ich achtete nicht mehr auf sie. Ich wusste nicht, ob jemand zu uns herübersah. Es war mir auch egal. Ich war viel zu beschäftigt damit, Mareike anzusehen, mitzusingen und bei ihr zu sein. Es regnete. Wir tanzten weiter. Mitten auf dieser verdammten Straße. Und nach Hause wollten wir gerade beide nicht.

Und genau da, irgendwo zwischen der Musik und dem Regen, bemerkte ich etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Wir tanzten immer noch auf derselben Straße. Ich hatte immer noch diesen bescheuerten Rucksack auf. Aber ich dachte nicht mehr darüber nach, wie ich aussah. Ob ich mich merkwürdig bewegte. Ob ich zu laut sang. Ich war einfach da. Bei ihr. Und musste mich um nichts davon kümmern. Ich musste mich nicht erklären. Nicht vorsichtshalber einen Teil von mir zurückhalten oder kurz überprüfen, ob ich gerade noch in Ordnung war. Sie sah mich an und ich hatte nicht das Gefühl, irgendetwas korrigieren zu müssen. Ich durfte so bleiben. Mit meiner Lautstärke, meinen Bewegungen und meiner bemerkenswerten Fähigkeit, auch bekannte Liedtexte stellenweise durch selbst erfundene Laute zu ergänzen.

Vielleicht hatte ich mir Zuhause deshalb immer zu eng vorgestellt. Als etwas mit einer Adresse. Einer Haustür, zu der man einen Schlüssel besitzt. Einem Zimmer, in dem die eigenen Sachen stehen. Und natürlich wollte ich so einen Ort. Aber während ich da mit ihr im Regen stand, begriff ich, dass dieses Gefühl auch mitten auf einer Straße entstehen konnte. Weit weg von den eigenen vier Wänden. Bei einem Menschen, in dessen Nähe man aufhört, sich selbst von außen zu betrachten. Mareike tanzte mit mir. Sie stand nicht daneben und wartete darauf, dass ich mich wieder benahm. Sie fragte nicht, ob das jetzt sein musste oder was die anderen denken könnten. Sie hatte selbst Bock darauf. Auf die Musik. Auf diesen Abend. Auf uns. Ich musste sie nicht erst davon überzeugen, dass man das machen durfte. Sie war längst dabei.

Und ich liebte es, sie so zu sehen. Ihr Lachen. Ihren Blick. Diese Freude, die sie nicht kleiner machte, nur weil um uns herum noch andere Menschen standen. Ich wollte, dass sie sich bei mir genauso frei fühlen konnte wie ich mich bei ihr. Dass sie laut sein konnte, albern, still, müde, was auch immer sie gerade war. Dass sie mir nichts vorspielen musste. Auch an einem Abend, an dem ihr nicht nach Tanzen zumute wäre. Ich glaube, das war es, was mich so berührte. Ich stand vor dieser Frau und wollte gerade überhaupt nichts an ihr anders haben. Ich wollte keinen besseren Moment. Ich wollte nicht irgendwohin, wo es schöner, wärmer oder trockener war. Sie sah mich an und ich war glücklich, dass ausgerechnet ich der Mensch sein durfte, der da mit ihr im Regen stand.

Irgendwann schauten wir dann doch auf die Uhr. Offenbar war die Zeit währenddessen unbeaufsichtigt weitergelaufen. Wir konnten noch einen Zug bekommen. Ich glaube, es war der letzte. Ganz sicher bin ich nicht mehr. Jedenfalls war es einer, bei dem es einfach nötig war, jetzt tatsächlich Richtung Bahnhof zu gehen. Die Pommesbuden hatten längst geschlossen. Dafür waren wir ursprünglich hergefahren. Kurz etwas essen, ein Getränk, dann wieder zurück. Hatte eher mittelgut funktioniert. Wir waren nass. Es war spät. Die geplanten Pommes hatten wir nicht bekommen. Aber das war scheißegal. Vollkommen scheißegal. Auf dem Weg zum Bahnhof hielt ich ihre Hand. Die Musik wurde hinter uns leiser und wir gingen nebeneinander durch Langwedel. Ich wusste wieder, wohin wir mussten. Aber dieses Gefühl von eben blieb. Mein Zuhause lief neben mir.

Und falls mich jemand fragt: Ich habe ihre Hand bis heute nicht losgelassen.

Ich habe keine Ahnung. Absolut nicht. Ich sehe mir an, was ich gerade vorhabe, und komme mir vor wie jemand, der vor einer Maschine steht, an der vierzehn Knöpfe blinken. Irgendwo hängt ein Kabel raus. Keine Ahnung, wofür das ist. Auf einem Schalter steht was, das vermutlich wichtig wäre, wenn ich wüsste, was es bedeutet. Ich suche nach einer Bedienungsanleitung. Unter dem Apparat. Daneben. Vielleicht hat sie jemand in die Verpackung gelegt. Nö. Nichts. Fuck. Nur ich, dieses Ding und die berechtigte Frage, wer auf die Idee gekommen ist, mich damit allein zu lassen. Ach ja. Ich selbst. Ich wollte das hier. Ich will es immer noch. Das ist ja das Beschissene. Wäre es mir egal, könnte ich einfach gehen. Hände in die Taschen.Kleiner Schulterzucker. Sollen sich andere damit beschäftigen. Aber da ist diese Vorstellung davon, was passieren könnte, wenn ich das Ding zum Laufen kriege. Die lässt mich nicht in Ruhe. Also stehe ich weiter davor und gucke fachmännisch. Fachmännisch gucken kann ich. Es darf nur niemand eine Rückfrage stellen. Gott bewahre. Sicheres Auftreten bei vollkommener Ahnungslosigkeit.

Man könnte meinen, mit Mitte vierzig müsste man allmählich wissen, wie die Dinge funktionieren. Wen man anruft. Was man schreibt. Wie man eine Idee so vorträgt, dass am anderen Ende jemand sagt: Ja, klingt geil. Machen wir. Stattdessen sitze ich da und überlege, ob schon der erste Satz bescheuert klingt. Dann ändere ich ihn. Dann ändere ich ihn nochmal. Irgendwann habe ich drei Varianten einer Begrüßung und immer noch niemanden begrüßt. Ja Otto, das muss man auch erst einmal hinkriegen. Natürlich könnte ich mich noch besser vorbereiten. Etwas nachlesen, jemanden fragen, herausfinden, welcher Knopf wofür gedacht ist. Das ist vernünftig. Allerdings kenne ich mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich mich mit Vorbereitung auch hervorragend vom Anfangen abhalten kann. Es gibt immer noch etwas, das ich wissen könnte. Noch eine Seite. Noch eine Meinung. Noch einen Menschen, der sich besser auskennt. Und solange ich damit beschäftigt bin, darf mein Vorhaben ziemlich heile in meinem Kopf stehen bleiben. Dort funktioniert es übrigens ausgezeichnet. Begeistertes Publikum. Keine Rückfragen.

Draußen könnte jemand Nein sagen. Ich glaube, davor habe ich mehr Schiss als vor der ganzen komplizierten Maschine. Die könnte ich vermutlich nach und nach verstehen. Aber jemandem zu zeigen, dass ich etwas will, macht mich auf eine Weise sichtbar, die sich nicht besonders lässig anfühlt. Plötzlich weiß ein anderer Mensch davon. Weiß, dass mir etwas wichtig ist. Dass ich mir Mühe gegeben habe. Dass hinter meiner Anfrage eine Hoffnung steckt, auch wenn ich versucht habe, sie möglichst sachlich zu formulieren. Und dann kann dieser Mensch sagen: Danke, aber nein. Drei Worte. Schnell geschrieben. Man kann sie zwischen zwei Terminen verschicken und anschließend überlegen, was es mittags zu essen gibt. Während ich auf meiner Seite womöglich noch eine Weile auf den Bildschirm starre. Weil dort für mich mehr stand als eine Anfrage. Weil ich mich ein Stück weit mitgeschickt habe.

Ein Nein, das ich mir nur vorstelle, lässt mir wenigstens noch eine Ausrede. Die hätten wahrscheinlich sowieso abgesagt. Gerade passt es bestimmt nicht. Vielleicht nächstes Jahr. Ich kann mir die Antwort selbst zurechtlegen und dabei darauf achten, dass sie mich nicht an der empfindlichsten Stelle trifft. Ein ausgesprochenes Nein nimmt mir diese Möglichkeit. Da hat jemand tatsächlich hingesehen und sich dagegen entschieden. Wobei genau da mein Kopf gern eine ziemlich beschissene Übersetzungsarbeit leistet. Jemand schreibt, dass etwas nicht passt, und bei mir kommt an, dass ich nicht reiche. Aus einer Absage an einen Vorschlag wird innerhalb von Sekunden ein Urteil über den Menschen, der ihn gemacht hat. Dafür braucht mein Gehirn keine Fortbildung. Das beherrscht es aus dem Stand. Dabei steht das da überhaupt nicht.

Da steht ein Nein zu dieser Sache, von diesem Menschen, zu diesem Zeitpunkt. Vielleicht war meine Idee nicht gut genug. Vielleicht habe ich sie schlecht erklärt. Vielleicht bin ich an der falschen Adresse. Das kann alles sein. Aber ich muss aus einer Absage nicht gleich eine vollständige Beschreibung meiner Person basteln. Dafür ist sie dann doch ein bisschen dünn. Und der Apparat vor mir? Wenn ich ehrlich bin, ist der gar nicht so empfindlich, wie ich tue. Bei dem Versuch, um den es hier geht, verliere ich nicht gleich meine gesamte Existenz. Vielleicht etwas Zeit. Vielleicht einen Nachmittag, an dem ich enttäuscht bin und keinen Bock habe, mir das Gegenteil einzureden. Mein Stolz könnte eine kleine Delle bekommen. Nun gut. Der hat ohnehin schon Gebrauchsspuren.

Dann kam mir dieser Gedanke mit dem Zähler. Was wäre, wenn in dem Ding hundert Nein stecken, bevor ein Ja herauskommt? Vielleicht hundertzwanzig. Eine völlig bescheuerte Idee. Aber ich habe schon Drucker besessen, denen ich Ähnliches zugetraut hätte. Was würde ich dann mit der ersten Absage machen? Würde ich die Maschine für kaputt erklären? Oder würde ich denken: Gut. Eine weniger. Ich würde vermutlich immer noch fluchen. Aber vielleicht würde ich danach weitermachen.

Natürlich schuldet mir niemand nach der hundertsten Absage eine Zusage. Es gibt keine volle Stempelkarte, die ich irgendwo vorzeigen kann. Vielleicht muss ich etwas verändern. Besser werden. Anders fragen. Einen anderen Zugang suchen. Der Gedanke gefällt mir, weil ich mit ihm anders auf einen Versuch schaue. Ich hätte dann wenigstens etwas getan, das eine Antwort möglich gemacht hat. Und mit einer Antwort lässt sich mehr anfangen als mit dem, was ich mir nachts darüber zusammenfantasiere. Vielleicht ist das überhaupt der Teil, den ich gerade lernen muss. Etwas noch nicht zu können, ohne mich dafür für einen Vollidioten zu halten. Anfänger sein dürfen, obwohl mein Ausweis längst die fragwürdige Geschichte erzählt, ich sei erwachsen. Eine Frage stellen, deren Antwort andere selbstverständlich finden. Sich korrigieren lassen. Noch einmal ansetzen.

Beim Laufenlernen haben wir das schließlich auch gemacht. Hochgezogen, losgelassen, auf den Arsch gefallen. Kurz erschrocken. Geguckt. Vielleicht geheult. Mit Sicherheit geheult. Dann stand da aber immer noch dieser Tisch, dieses Sofa, dieser Mensch, zu dem wir hinwollten. Also wieder hoch. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass ein Kind nach dem dritten Versuch beschlossen hätte, Fortbewegung sei offenbar nichts für seinen Persönlichkeitstyp. Heute hätte ich gern vorher die Bestätigung, dass ich stehen bleibe. Am besten schriftlich. Dabei will ich doch eigentlich irgendwohin. Ich habe keine Ahnung. Keine Ahnung, wie das hier ausgeht. Ein bisschen mehr darüber, was ich als Nächstes versuchen könnte, vielleicht schon. Das muss vorerst reichen. Für eine Frage. Eine Mail. Etwas, das meinen Kopf verlässt und auf der anderen Seite tatsächlich ankommen kann. Der Apparat steht immer noch vor mir. Die Anleitung? Alter, Die gibt’s nicht. Ich schaue auf die Knöpfe, entscheide mich für einen und drücke drauf. Mal sehen, was der Scheiß kann.

Ich habe keine Ahnung, wie man ein Buch in eine Buchhandlung bringt. Wie man einen Verlag findet, der es drucken möchte. Wie man es verkauft und Menschen dazu bekommt, zwischen all den anderen Büchern ausgerechnet dieses in die Hand zu nehmen. Ich habe ein Manuskript geschrieben. Jetzt würde ich gern wissen, wie es weitergeht. Leider öffnet sich nach dem letzten Satz kein Fenster mit der Aufschrift: Geilomat. Wir übernehmen ab hier.

Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, vor dem Schaufenster einer Buchhandlung zu stehen und dort das eigene Buch zu sehen. Zwischen anderen Büchern, an denen andere Menschen vermutlich genauso gezweifelt haben. Ich weiß nicht, wie das ist, hineinzugehen, ein Exemplar aus dem Regal zu nehmen und darin zu blättern. Den eigenen Namen auf dem Umschlag zu lesen. Einen Satz wiederzufinden, an dem man einmal festhing und der jetzt einfach da steht, als wäre es nie anders gewesen. Und um mich herum geht der Laden weiter. Jemand sucht ein Geburtstagsgeschenk. An der Kasse wird bezahlt. Eine Tür geht auf. Niemand weiß, dass der Typ da gerade sein eigenes Buch in den Händen hält und sich ausgesprochen zusammenreißen muss, nicht jedem davon zu erzählen. Vielleicht kaufe ich es sogar. Einfach, weil ich wissen möchte, wie das ist, mit meinem Buch zur Kasse zu gehen. Die Frage, ob es als Geschenk eingepackt werden soll, könnte mich allerdings kurz überfordern.

Ich möchte das wissen. Verdammt, ich möchte wissen, wie sich das anfühlt.

Das aufzuschreiben kostet mich schon etwas Überwindung. Solange ich sage, ich hätte da mal etwas geschrieben und würde einfach schauen, was daraus wird, kann ich ziemlich entspannt wirken. Jetzt steht hier, was ich mir tatsächlich wünsche. Und falls es nicht klappt, kann ich hinterher schlecht behaupten, es sei mir ohnehin nicht besonders wichtig gewesen.

Ist es nämlich.

Deshalb muss ich jetzt an diese Knöpfe. Herausfinden, wen ich anschreiben kann. Mein Manuskript vorstellen. Fragen, ob jemand es lesen möchte. Und dann aushalten, dass eine Antwort kommen könnte, die ich mir anders gewünscht hätte. Vielleicht finden sich viele freundliche Formulierungen für dasselbe Nein. Vielleicht möchte tatsächlich niemand das Buch verlegen. Das wäre beschissen. Ich würde vermutlich eine Weile brauchen, bis ich wüsste, was ich damit anfange.

Aber ich möchte diese Entscheidung nicht schon vorher für alle anderen treffen. Ich möchte nicht aus Angst vor einer Absage dafür sorgen, dass niemand überhaupt die Gelegenheit bekommt, Ja zu sagen. Wenn ich nicht frage, muss mich zwar niemand ablehnen. Nur liegt mein Manuskript dann immer noch bei mir, und das Buch im Schaufenster bleibt etwas, das ich mir ausgedacht habe.

Also werde ich lernen zu fragen. Mit dem Wunsch, dass es klappt, und dem Risiko, dass es wehtut. Ich werde wahrscheinlich zu lange an der ersten Nachricht sitzen. Die Begrüßung ändern. Sie wieder zurückändern. Noch einmal nachsehen, ob der Anhang wirklich dranhängt.

Und dann drücke ich auf Senden.

Delmenhorst schläft noch. Jedenfalls sieht es aus dem Zug so aus. Ich sitze im IC Richtung Norddeich Mole. Bis Oldenburg. Der Zug steht an einer Einkaufspassage. EDEKA, ein Kino, ein Restaurant, ein Fitnesscenter. Die übliche Ansammlung von Möglichkeiten, Geld auszugeben, satt zu werden und den eigenen Körper anschließend dafür zur Verantwortung zu ziehen. Vor dem Restaurant stehen Tische und Stühle. Niemand sitzt dort. Die Fenster sind dunkel, obwohl der Morgen längst hell ist. Ich sehe keine Menschen. Keine Autos. Niemand trägt eine Einkaufstasche über den Platz. Niemand schließt eine Tür auf. Keiner läuft mit diesem leicht beleidigten Gesichtsausdruck zur Arbeit. Alles steht einfach. Bereit für einen Tag, der noch auf sich warten lässt. Natürlich weiß ich, dass Delmenhorst nicht schläft. Irgendwo wird jemand Brötchen aufschneiden. Oder vor einer Kaffeemaschine stehen und hoffen, dass sich mit dem ersten Schluck auch sein Verhältnis zur Menschheit verbessert. Aber in dieser Szene hinter der Scheibe passiert nichts. Und weil ich nur diesen Ausschnitt sehe, darf die Stadt für einen Moment genau so sein. Es beruhigt mich irgendwie, ihr dabei zuzusehen, wie sie nichts tut. Ich bin müde. Die Müdigkeit sitzt mir noch im Gesicht, hängt ein bisschen an den Augen und wird vermutlich auch nicht verschwinden, wenn ich besonders interessiert aus dem Fenster gucke. Aber sie stört mich nicht. Ich muss mich heute Morgen nicht gegen sie wehren. Ich sitze hier, lasse mich nach Oldenburg fahren und merke, dass es mir gut geht. Eine ziemlich einfache Feststellung. Und trotzdem bleibe ich innerlich an ihr hängen. Mir geht es gut.

Ich suche kurz nach dem Nachsatz. Nach dem Aber. Nach irgendeinem Haken, der sich normalerweise sofort meldet, sobald ich mit einer Sache zufrieden bin. Als müsste jemand dazwischenrufen, dass wir bei aller Begeisterung bitte nicht vergessen wollen, was noch alles ungeklärt ist. Es gäbe bestimmt genug aufzuzählen. Nur interessiert es mich gerade nicht. Der ganze dumme Bums darf später wieder anstrengend sein. Ich muss ihm nicht schon vor Oldenburg entgegenkommen. In mir ist Ruhe. Ich sitze auf einem Sitz der Deutschen Bahn, draußen steht ein leerer EDEKA, und ich empfinde etwas, für das ich früher vermutlich eine wesentlich aufwendigere Kulisse erwartet hätte. Vielleicht habe ich mir Luxus lange zu sichtbar vorgestellt. Ein teures Auto erkennt man. Eine Designertasche kann man auf den Tisch stellen. Auf einer Uhr steht im günstigsten Fall der Name eines Unternehmens, das einem für sehr viel Geld mitteilt, dass es bereits Viertel nach acht ist. Alles Kram, den man besitzen, zeigen und bewundern kann. Soll jeder seine Freude daran haben. Ich könnte mir wahrscheinlich auch eine verdammt lange Liste mit Dingen schreiben, die ich gern hätte. Aber heute Morgen fällt mir nichts ein, das ich gegen dieses Gefühl eintauschen möchte.

Diese Ruhe, wenn man sich gerade nicht fragt, ob man genug ist. Wenn man im Kopf nicht schon wieder an einer etwas vorzeigbareren Ausgabe von sich arbeitet. Eine, die weniger redet oder erfolgreicher ist, die vernünftiger plant, besser aussieht, seltener zweifelt und auf Familienfeiern ausschließlich Geschichten erzählt, bei denen sich garantiert niemand an seinem Kartoffelsalat verschluckt. Ich kenne dieses ständige Prüfen. Kann ich das sagen? Darf ich mich so freuen? Bin ich gerade zu viel? Was könnten die Leute denken? Irgendwann braucht man niemanden mehr, der solche Fragen stellt. Man fragt das einfach selbst. Sehr gewissenhaft sogar. Man sitzt mit Menschen zusammen und ist gleichzeitig damit beschäftigt, sich aus deren vermeintlicher Sicht zu beobachten. Ein anstrengender Nebenjob, für den es nicht einmal Geld gibt. Aber ich hab da gekündigt. Die Menschen hinter mir gelassen. Sie und ihre Vorstellungen von einem richtigen Leben.

Ich fühle mich geliebt. Das hinzuschreiben ist beinahe schwieriger, als es zu empfinden. Es steht dann so da, ziemlich ungeschützt, und ich könnte jetzt irgendeinen Witz hinterherschieben, damit niemand merkt, wie viel mir das bedeutet. Aber es bedeutet mir eben viel. Verdammt viel. Da ist dieses Gefühl, dass ich sein darf, wie ich bin. Auch müde. Auch mit Gedanken, die noch nicht zu Ende gedacht sind. Mit meiner Begeisterung, meinen Unsicherheiten und den Dingen, über die ich lachen muss, obwohl sie vermutlich nicht jedem einleuchten. Ich muss mich nicht erst zusammenreißen, bevor Nähe möglich wird. Ich muss keine bessere Zukunftsversion von mir versprechen, damit die gegenwärtige bleiben darf. Das ist neu für mich. Vor allem diese Selbstverständlichkeit darin. Kein Ziehen, kein Drücken. Kein vorsichtiges Abtasten, ob meine Freude vielleicht gerade unpassend ist. Ich merke erst jetzt, wie viel Kraft dieses Aufpassen kosten kann, weil ich sie in diesem Moment nicht brauche.

Neben mir sitzt ein Vater mit seinen beiden Kindern. Die beiden sind wach. Also richtig wach. Während Teile von Delmenhorst offenbar noch über den Beginn des Tages verhandeln, beschäftigen sie sich bereits mit den wesentlichen Fragen der menschlichen Existenz. „Kann ein Mensch so groß werden wie dieser Zug?“

Ich höre hin und lächle. Der Vater bemerkt es und lacht mich an. Wir müssen nicht reden. Die Frage gefällt mir. Ich wäre nicht auf sie gekommen. Ich hätte vermutlich wissen wollen, ob wir pünktlich sind. Das ist natürlich auch eine Frage, allerdings eine mit deutlich weniger Fantasie. Die Kinder schauen ihren Vater an und warten. Für sie scheint es vollkommen denkbar, dass irgendwo ein Mensch herumläuft, der so hoch ist wie ein IC. Man wird das ja wohl erst einmal klären dürfen. Der Vater überlegt kurz. Dann antwortet er. Ruhig, ohne die Frage wegzulächeln. Er nimmt sich Zeit für die Erklärung, und die beiden hören ihm zu.

„Kannst du so schnell laufen wie ein Auto, Papa?“ Offenbar steht als Nächstes seine persönliche Leistungsfähigkeit auf dem Prüfstand. Wieder diese großen Augen. Wieder diese ernsthafte Neugier. Und wieder nimmt er sich einen Moment, bevor er spricht. Er wirkt nicht so, als suche er den kürzesten Weg aus diesem Gespräch. Er erklärt. Die Kinder fragen weiter. Er bleibt dabei. Ich kenne diesen Mann nicht. Ich weiß nicht, wie sein Morgen bisher war, ob er gut geschlafen hat oder gerade zum achtzehnten Mal eine Frage beantwortet, während er eigentlich gern in ein Brötchen beißen würde. Ich sehe nur diese paar Minuten. Aber ich mag, wie er in ihnen mit seinen Kindern umgeht.

Keine ihrer Fragen scheint ihm peinlich zu sein. Er schaut nicht zu den anderen Fahrgästen, um sich vorsorglich für die Lautstärke ihrer Neugier zu entschuldigen. Er sitzt bei ihnen, hört zu und antwortet so, dass sie etwas damit anfangen können. Dabei wirkt nichts vorgeführt. Die beiden fragen ihn schließlich auch nicht, damit ich daneben einen schönen Gedanken haben kann. Sie wollen wissen, ob ihr Vater ein Auto überholen könnte. Ich schaue wieder kurz nach draußen, dann zurück zu den dreien. Vielleicht bleibe ich gerade deshalb an ihnen hängen, weil ich selbst so ruhig bin. Weil mein Kopf Platz hat für etwas anderes als mich. Ich kann einfach zuhören. Mich über eine Kinderfrage freuen. Über einen Vater, der sie ernst nimmt.

Die beiden müssen mit ihrer Neugier nirgendwo anders hin. Sie dürfen sie hier auspacken. Voll und ganz. Mitten im Zug, zwischen den Sitzen und Gepäck. Und wenn eine Antwort die nächste Frage hervorbringt, ist eben noch eine dran.

„Wie lang ist dieser Zug, Papa?“

Diesmal weiß er es nicht. Er sitzt einen Augenblick da. Dann dreht er sich zu mir und fragt, ob ich kurz auf das Gepäck achten könnte. „Selbstverständlich“, sage ich und lächle. Er dreht sich wieder seinen Kindern zu.

„Kommt. Wir gehen mal von vorne bis hinten.“

Ich gucke ihnen hinterher, bis sie am Ende des Wagens verschwinden. Die beiden Kinder, die wissen wollen, wie lang dieser Zug ist. Und ihr Papa, der es auch nicht weiß und einfach mal mitgeht. Ich bleibe da und passe auf fremdes Gepäck auf. Draußen zieht der Morgen vorbei. Ich bin immer noch müde und muss lächeln. Es gibt einiges, das ich nicht weiß. Wie die nächsten Monate werden. Welche meiner Pläne aufgehen. Wie ich manches hinbekommen soll. Normalerweise kann ich mich mit solchen Fragen eine ganze Zugfahrt beschäftigen und steige anschließend erschöpfter aus, als ich eingestiegen bin. Heute schaue ich aus dem Fenster. Denke an meinen Lieblingsmenschen und freue mich darauf, sie wiederzusehen. Bis Oldenburg sitze ich einfach hier. Und während nebenan zwei Kinder herausfinden, wie lang ein Zug ist, fällt mir auf, dass ich schon eine ganze Weile nicht mehr darüber nachdenke, was mir fehlt.

Der Morgen war noch nicht richtig wach. Er hatte angefangen, aber offenbar ohne groß Bock zu haben. Der Himmel war dunkel. Die Straßenlaternen brannten. Und die Häuser sahen aus, als würden sie für diese eine Stunde niemandem gehören. Als wären die Menschen darin nur vorübergehend verschwunden und kämen später zurück, sobald es sich draußen wieder lohnte. Hinter einigen Fenstern brannte Licht. Gelbe Rechtecke in dunklen Fassaden. Küchen vermutlich. Badezimmer. Vielleicht stand irgendwo ein Mann in Unterhose vor einer Kaffeemaschine und wartete darauf, dass aus diesem Morgen doch noch etwas Brauchbares wurde. Vielleicht saß eine Frau bereits angezogen am Küchentisch, beide Hände um eine Tasse gelegt, und sah für einen Moment in die Dunkelheit, bevor sie zur Arbeit fuhr. Vielleicht suchte jemand seinen Schlüssel. Vielleicht ein Kind seinen zweiten Schuh. Morgens geschehen in Häusern erstaunlich viele kleine Dramen, über die später niemand spricht. Von der Straße aus konnte ich davon nichts sehen. Nur Licht. Der Rest war Vermutung.

Eine Frau fuhr mit dem Fahrrad von Haus zu Haus und trug längst erzählte Schlagzeilen durch die Siedlung. Politiker hatten Dinge gesagt, die sie vermutlich für wichtig hielten. Mannschaften hatten gewonnen oder verloren. Irgendwo war ein Auto gegen einen Baum gefahren, irgendwo hatte ein Ausschuss etwas beschlossen, irgendwo hatte ein Mensch etwas getan, von dem nun andere Menschen behaupteten, sie hätten es schon immer kommen sehen. Während die meisten noch schliefen, legte die Frau all das, sauber gefaltet in die Zeitungsrohre. Sie trug eine dunkelblaue Jacke. Ihr Fahrrad stand einige Meter entfernt unter einer Straßenlaterne. Beladen und leicht schief. Als hätte es selbst mal überhaupt keinen Bock auf diesen Scheiß. Die Frau aber ging pfeifend zu einem Haus, dann zum nächsten. Manchmal hörte ich das metallische Klappen eines Briefkastens. Sonst nichts. Weiter hinten bellte ein Hund. Zwei- oder dreimal. Dann schlug eine Autotür zu. Ein Motor sprang an. Scheinwerferlicht wanderte über eine Hauswand, streifte die Straße und verschwand an der nächsten Kreuzung. Für einige Sekunden roch es nach Abgasen. Danach wieder nach nassem Stein und diesem frühen Morgen, der noch nicht entschieden hatte, was für ein Tag aus ihm werden sollte.

In der Nacht hatte es geregnet. Das Pflaster glänzte und zwischen den Steinen stand Wasser in kleinen dunklen Schlaglöchern. Die Luft war kühl. Nicht kalt. Noch nicht. Aber sie hatte sich verändert. Man merkt das zuerst an solchen Morgen. Nicht mittags, wenn die Sonne sich noch einmal zusammenreißt und alle so tun, als wäre der Sommer bloß kurz Zigaretten holen gegangen. Sondern früh. Wenn man vor die Tür geht und zum ersten Mal darüber nachdenkt, ob eine Jacke vielleicht doch keine völlig bescheuerte Idee gewesen wäre. Am Bahnhof stand an Gleis 1 ein Mann und rauchte. Ich stand an Gleis 2. Richtung Bremen. Richtung Oldenburg. Ich glaube, es gibt 3 Gleise, an diesem kleinen Bahnhof. Oder vier? Ich muss morgen mal drauf achten.

Der Sommer verschwindet selten an einem bestimmten Tag. Niemand wacht morgens auf, zieht die Gardine zur Seite und sagt: Ach guck, heute ist Herbst. Es gibt keine Durchsage. Kein Schild. Niemand vom Ordnungsamt kommt vorbei, stempelt den August ab und erklärt die warmen Abende für beendet. Tschüss August. Moin Otto. Es gibt nicht einmal einen letzten Sommermorgen. Jedenfalls keinen, den man in diesem Moment als solchen erkennt. Man trägt noch einmal kurze Hosen. Man sitzt abends draußen, obwohl es irgendwann ein bisschen zu kühl wird, und behauptet trotzdem, es gehe noch. Man lässt das Schlafzimmerfenster über Nacht offen. Man kauft noch einmal Eis. Trinkt Wein unter Lichterketten. Man fährt irgendwohin, ohne eine Jacke mitzunehmen. Und irgendwann tut man all das nicht mehr. Das ist alles.

An diesem Morgen stieg aus einem Schornstein Rauch. Ein dünner Streifen, der beinahe senkrecht in der kühlen Luft stand. Vielleicht war es das erste Kaminfeuer der Saison. Vielleicht hatte dort auch im August schon jemand gefroren. Es gibt Menschen, die den Kamin anballern, sobald die Temperatur unter einundzwanzig Grad fällt. Und es gibt  Menschen, die noch im November behaupten, ein Pullover reiche vollkommen aus. Egal. Da war Rauch. Anfang September. Irgendetwas hatte begonnen. Oder aufgehört. Bei Jahreszeiten lässt sich das manchmal schwer unterscheiden.

Im September habe ich gelegentlich das Gefühl, das Jahr sei im Grunde bereits vorbei. Das ist natürlich Quatsch. Es liegen noch fast vier Monate rum, mit denen man theoretisch eine ganze Menge anfangen könnte. Praktisch benehmen wir uns trotzdem, als wäre nach dem Sommer nur noch Aufräumen angesagt. Der Sommer war schließlich der Teil, auf den alle gewartet hatten. Schon im Januar sagen Menschen, dass es hoffentlich bald wieder wärmer wird. Im März wird jeder einzelne Sonnenstrahl behandelt wie eine persönliche Zusage. Im April sitzen die ersten Menschen vor Cafés, in Jacken und mit kalten Händen. Aber immerhin draußen. Im Mai beginnt dann endlich die Zeit, für die offenbar der gesamte Rest des Jahres nur als Vorbereitung gedacht war. Lange Abende. Offene Fenster. Biergärten. Urlaube. Kinder auf Fahrrädern. Menschen vor Eisdielen. Grillgeruch aus Gärten. Musik aus Autos. Dieses Licht, das selbst einen Parkplatz für zehn Minuten so aussehen lässt, als könnte dort gleich noch etwas Großartiges passieren. Niemand sagt im Januar, dass es nur noch zehn Monate bis November sind. Am Arsch. Alle warten auf den Sommer.

Und wenn er geht, sieht es erstmal so aus, als würde nicht bloß eine Jahreszeit zu Ende gehen, sondern der brauchbare Teil des ganzen Jahres. Die Abende werden kürzer. Morgens braucht man plötzlich wieder Licht. Auf den Gehwegen liegen die ersten Blätter. Niemand weiß genau, wann sie dort hingefallen sind. Jacken tauchen an Garderoben auf. Erst dünne. Dann dickere. Die Stühle vor den Cafés stehen noch draußen, sehen aber bereits aus, als hätten sie die Sache verstanden. Vorbei der ganze Bums. In Supermärkten liegen schon Dinge mit Zimt herum, obwohl draußen noch nicht einmal alle Bäume begriffen haben, was los ist. Mareike und ich standen gestern vor einem Regal mit Christstollen. Am 3. September. Christstollen.

Während irgendwo vermutlich noch ein aufblasbares Krokodil in einem Planschbecken lag, hatte der Einzelhandel Weihnachten eröffnet. Man hätte sich zwischen Sonnencreme und Spekulatius beinahe einen schönen Heiligabend machen können. Vielleicht noch schnell Grillkohle dazu. Dann ist das Jahr wenigstens vollständig verwirrt. Fuck ja. Es geht schnell. Vielleicht täuscht das aber auch. Vielleicht geht es immer schnell und wir merken es nur an bestimmten Dingen. Am ersten Christstollen. Am ersten Rauch aus einem Schornstein. An einem Morgen, an dem man plötzlich wieder eine Jacke braucht. Zeit selbst sieht man schließlich nicht. Man sieht nur, was sie mit den Dingen macht. Mit Bäumen zum Beispiel.

Bevor der Winter kommt, passiert etwas ziemlich Großartiges. Die Natur, die sich eigentlich gerade zurückzieht, wird für kurze Zeit auffälliger als vorher. Das Grün verschwindet. Blätter werden gelb, dann orange, dann rot. Manche Bäume sehen für ein paar Tage aus, als würden sie brennen, obwohl sie in Wahrheit nur dabei sind, sich auf eine ziemlich karge Zeit vorzubereiten. Gerade in dem Moment, in dem alles leiser wird, dreht die Natur die Farben noch einmal vollständig auf.

Im Frühling versteht man das leichter. Alles beginnt. Knospen öffnen sich, Pflanzen schieben sich aus der Erde, Vögel machen einen beträchtlichen Lärm um die Tatsache, dass sie da sind. Überall wird gebaut, gebrütet, gevögelt, gewachsen und herumgeflogen. Der Frühling hat die Energie eines Menschen, der morgens bereits drei Dinge erledigt hat, während man selbst noch versucht herauszufinden, wo man am Vorabend seine Hose hingelegt hat. Der Frühling erzählt vom Anfang. Das ist eine Geschichte, die wir mögen. Anfänge sind voller Möglichkeiten. Noch ist nichts schiefgegangen. Noch kann alles großartig werden. Deswegen pflanzen Menschen Blumen, buchen Reisen, verlieben sich und kaufen Fahrräder, auf denen sie dann nach drei Wochen nur noch gelegentlich zum Bäcker fahren. Egal. Der Anfang war schön.

Der Herbst erzählt von etwas anderem. Er erzählt davon, dass auch das Verschwinden eine Form besitzt. Vielleicht sogar Schönheit. Nicht als Trostpflaster. Nicht im Sinne irgendeines Kalenderspruchs darüber, wie wunderbar das Loslassen sei. Loslassen kann scheiße sein. Abschiede können wehtun. Dinge dürfen fehlen, nachdem sie gegangen sind. Daran ändert auch ein besonders hübsches Ahornblatt nichts. Ein Blatt wird schließlich nicht rot, weil der Baum uns noch einmal beeindrucken möchte. Der Baum hat keinen Instagram-Account. Er interessiert sich einen Scheiß dafür, ob jemand vor ihm stehen bleibt, ein Foto macht und „Herbstliebe“ darunter schreibt. Das Grün verschwindet, weil das Chlorophyll abgebaut wird. Nährstoffe werden zurückgezogen. Der Baum bereitet sich auf Monate vor, in denen Licht und Wasser knapper werden und er mit weniger auskommen muss. Botanisch betrachtet ist der Herbst kein Gedicht. Er ist eine ziemlich nüchterne Überlebensstrategie. Ein schönes Sterben, quasi. Die Natur kennt keine Melancholie. Ein Baum steht im Oktober nicht auf einer Wiese, denkt darüber nach, wie schön der Juli war, und hört dabei Songs von The Smiths.

Das erledigen wir.

Wir sehen fallende Blätter und denken an Zeit. An Sommer, die vorbei sind. An Jahre, von denen wir eben noch glaubten, sie hätten gerade erst angefangen. An Menschen, die einmal jeden Tag da waren und irgendwann nur noch in bestimmten Gedanken auftauchen. An Orte, an denen wir lange nicht gewesen sind. An Kinder, die plötzlich Jacken tragen, die ihnen im vergangenen Herbst noch viel zu groß waren. An uns selbst in irgendeinem anderen Oktober, mit anderen Plänen, anderen Sorgen und manchmal auch einem anderen Leben. Vielleicht kommt uns der Herbst deshalb näher als die anderen Jahreszeiten. Er macht sichtbar, was ohnehin ständig geschieht. Dass Dinge sich verändern, während wir mit Einkaufen, Arbeiten, Schreiben, Lieben und dem erstaunlich komplizierten Versuch beschäftigt sind, halbwegs vernünftige Erwachsene zu sein. Dass etwas schön sein kann und trotzdem nicht bleibt. Dass beides gleichzeitig wahr ist.

Wir tun uns schwer damit. Meistens, wenn etwas zu Ende geht, suchen wir nach einem Fehler. Wir wollen wissen, wer schuld war, was wir hätten verhindern können und ob man die Sache nicht doch noch irgendwie zurückholen kann. Als müsse alles, was gut war, automatisch für immer gut bleiben. Als würde sein Ende rückwirkend beweisen, dass es vorher gar nichts wert gewesen sei.

Aber ein Sommer war nicht schlecht, nur weil September geworden ist. Ein Moment war nicht bedeutungslos, nur weil er vorbei ist. Ein Mensch war nicht unwichtig, nur weil er nicht geblieben ist. Eine Zeit war nicht weniger schön, weil irgendwann eine andere begonnen hat. Vielleicht ist das die eigentliche Unverschämtheit des Herbstes. Er zeigt uns jedes Jahr, dass etwas aufhören kann, ohne dass deshalb alles kaputt ist. Die Blätter fallen. Der Baum bleibt stehen. Jetzt nicht mehr so geil. Nicht krass motiviert. Er steht da einfach rum und macht, was gerade nötig ist. Kann man sich durchaus mal angucken.

Auf der Straße war inzwischen etwas mehr Bewegung. Hinter einem weiteren Fenster ging Licht an. Ein Mann kam aus einem Haus und führte einen kleinen Hund über den Gehweg. Der Hund blieb an einem Laternenmast stehen, pisst dran und untersuchte ihn mit der Ernsthaftigkeit eines Menschen, der vor einer folgenreichen Entscheidung stand. Der Mann wartete. Hunde dürfen sich morgens offenbar noch Zeit nehmen. Menschen stehen daneben, halten die Leine und akzeptieren, dass dieser eine Laternenmast nun gründlich ausgewertet werden muss. Vielleicht wissen Hunde etwas über das Leben, das uns irgendwann abhandengekommen ist. Wahrscheinlich wissen sie aber auch einfach nur, wer dort zuletzt hingepinkelt hat, obwohl es nicht sein beschissenes Revier ist. Egal.

Es begann zu nieseln. Zunächst nur ein paar Tropfen. Im Licht der Laterne waren sie schon zu sehen, bevor man sie auf der Haut bemerkte. Die Zeitungsfrau war inzwischen verschwunden. In einigen Zeitungsrohren lagen die Ereignisse der Welt. In vielen nicht mehr. Digital und so. Wahrscheinlich waren die ersten Menschen bereits dabei, dieselben Nachrichten auf ihren Handys zu lesen, noch bevor sie richtig wach waren. Man muss schließlich früh wissen, worüber man sich bis zum Frühstück aufregen kann. Nachrichten verschlechtern einem den Tag am Besten.

Aus einem weiteren Schornstein stieg Rauch. Hinter den Häusern musste inzwischen die Sonne aufgegangen sein, obwohl von ihr nichts zu sehen war. Der Himmel wurde einfach heller. Langsam. Ohne Spektakel. Keine Farbe brach durch die Wolken. Die Dunkelheit wurde nur etwas weniger dunkel. Vielleicht sind Übergänge meistens so. Sie kündigen sich nicht an. Sie passieren, während man noch glaubt, alles sei wie vorher. Erst später merkt man, dass man längst mittendrin stand. In einem Abschied. In einem Anfang. In einem neuen Leben. Oder einfach in einem anderen Abschnitt desselben.

Der Sommer war nicht plötzlich verschwunden. Er zog sich zurück. Abend für Abend. Grad für Grad. Blatt für Blatt. Der Winter ließ noch auf sich warten. Dazwischen lag dieser Morgen. Nass, grau und kühl. In den Häusern wurde Kaffee gekocht. Menschen suchten Schlüssel, Schuhe und vermutlich den Bock, überhaut wieder zur Arbeit zu fahren. Freitag. Da hat doch eh niemand so wirklich Lust. Irgendwo standen Christstollen in einem Supermarktregal. Und oben in den Bäumen hatte das erste Grün bereits beschlossen, nicht mehr grün zu bleiben. Der Mann auf Gleis 1 rauchte seine zweite Zigarette zu Ende. Dann erschienen zwei Lichter. Schienen begannen zu klingen, erst leise, dann lauter. Der Mann warf die Zigarette auf den Boden, trat sie aus und nahm seine Tasche. Zwei Zigarettenlängen. Dann kam der Zug. Gleis 1. Richtung Verden (Aller). Ich wartete noch fünf Minuten. Oder drei. Ist doch scheißegal.

Samstagvormittag. Mitten in Oldenburg. Ich sitze im MA vor einem Strammen Max. Also dem Frühstück. Spiegelei, Salami statt Schinken, Brot. Nicht irgendeinem Typen namens Max, der den Vorabend noch nicht ganz verarbeitet hat. Dazu Kaffee. Groß. Schwarz. Gegenüber sitzt mein Lieblingsmensch vor einer bunten Stulle. Mit Avocado-Creme. Ich gucke zu ihr rüber. Sie guckt zurück. Und eigentlich könnte der Tag an dieser Stelle schon ziemlich erfolgreich als gelungen verbucht werden. Aber wir haben ja gerade erst angefangen. Danach Innenstadt. Wir laufen einfach los. Ohne Ziel. Ohne Plan. Ohne diesen Quatsch, aus einem Samstag unbedingt eine Geschichte machen zu müssen, bei der hinterher alle denken: Scheiße, was haben die für ein geiles Leben. Ohne irgendwem beweisen zu müssen, dass man gerade verdammt viel Spaß hat. Das mag ich mit ihr. Man muss nicht ständig wissen, was als Nächstes kommt. Man kann einfach irgendwo langlaufen, stehenbleiben, sich umentscheiden, lachen, weitergehen. Mitten in der Fußgängerzone machen zwei Menschen Akrobatik. Andere bleiben stehen. Kinder gucken. Erwachsene auch, tun aber teilweise so, als würden sie nur zufällig gerade langsamer gehen. Wir bleiben natürlich auch stehen. Und als ich eher beiläufig frage, ob das jetzt eigentlich „Kunst“ ist, gucken mich ein paar Leute an, als hätte ich gerade öffentlich die Abschaffung von Kultur gefordert. Mein Lieblingsmensch lacht.

Wir laufen weiter. Etwas später sitzen wir im Extrablatt. Eigentlich davor. Alkoholfreies Hefeweizen. Keine Ahnung, ob Punkrockromantiker alkoholfreies Hefeweizen trinken dürfen. Vermutlich steht dazu irgendwas in der Hausordnung. Hab ich nicht gelesen. Nun gut, wir sitzen da, reden über irgendeinen Quatsch, gucken Menschen an, erfinden vielleicht für drei Sekunden komplette Lebensgeschichten zu Fremden und vergessen sie anschließend wieder. Genau mein Tempo. Wie lange wir dort saßen? Keine Ahnung. Irgendwann war Zeit einfach nichts, worüber wir nachgedacht haben. Aber dann wieder Innenstadt. Menschen. Geräusche. Samstag. Irgendwo am Rand der Fußgängerzone, in der Nähe des Pferdemarktes läuft plötzlich Musik. Ein kleiner Rave. Nicht riesig. Kein Festivalgelände. Keine zwölf Meter hohe Bühne mit LED-Wand und Einlasskontrolle. Einfach nur Musik. Ein DJ-Set.  Ein paar Menschen tanzen. Ein paar Meter weiter spielen Kinder auf einem Spielplatz. Wir bleiben wieder stehen. Natürlich. Und für einen Moment sieht das alles erstaunlich logisch aus. Die einen springen zum Bass. Die anderen rutschen eine Rutsche runter. Im Grunde machen alle dasselbe. Sie haben gerade Bock. Wir gucken uns an und müssen lachen. Vielleicht, weil es schön ist. Vielleicht, weil die ganze Szene ein bisschen bescheuert ist. Vielleicht auch einfach, weil man mit manchen Menschen gar keinen besonderen Grund braucht.

Das ist sowieso eine der Sachen, die ich inzwischen ziemlich großartig finde. Mit dem richtigen Menschen muss nicht ständig etwas passieren. Man sitzt irgendwo. Man läuft irgendwo lang. Man trinkt irgendwas. Und trotzdem fühlt es sich nach ziemlich viel an. Wir ziehen weiter. Barcelona. Mitten in Oldenburg. Draußen sitzen. Fußgängerzone. Menschen gucken. Ich könnte das stundenlang. Mit ihr tatsächlich noch länger. Menschen laufen schließlich selten einfach nur von A nach B. Sie diskutieren. Suchen jemanden. Streiten darüber, wo man jetzt essen soll. Ziehen Kinder hinter sich her. Bleiben vor Schaufenstern stehen. Lachen zu laut. Gucken auf Handys. Küssen sich. Verlieren ihre Freunde. Finden sie fünf Minuten später wieder. Hier ein Junggesellenabschied, bei dem alle Bock haben. Zehn Meter weiter einer, der aussieht wie eine dienstliche Pflichtveranstaltung. Eine Innenstadt ist eigentlich nur ein sehr großes Theaterstück ohne Drehbuch. Und wir sitzen mittendrin. Reden. Lachen. Gucken. Manchmal reden wir über wichtiges Zeug. Manchmal komplette Scheiße. Beides find ich ziemlich gut. Ich glaub ja sowieso, dass Nähe oft völlig falsch beschrieben wird. Als müsste sie immer aus großen Gesprächen, Kerzenlicht und Sätzen bestehen, die später jemand auf eine Postkarte drucken könnte. Quatsch. Hühnerkacke. Manchmal ist Nähe einfach, zusammen in einer Fußgängerzone zu sitzen und sich gegenseitig auf irgendeinen Typen aufmerksam zu machen, der gerade seit fünf Minuten versucht, gleichzeitig ein Eis zu essen und eine Sprachnachricht aufzunehmen. Auch Liebe.

Irgendwann sagt sie, ich müsse was essen. Es gibt einen neu eröffneten Dönerladen. Also rein da. Döner mit Granatapfel und verdammt gutem Schafskäse. Granatapfel. Auf einem Döner. Mein Lieblingsmensch ist genauso begeistert wie ich, und spätestens jetzt ist klar, dass dieser Tag kulinarisch keinerlei Interesse mehr an Vernunft hat. Ich weiß ja nicht, wer von den Dönermenschen mal gesagt hat: „Da müssen noch kleine rote Kerne drauf.“ Aber ich hoffe, dieser Mensch bekommt regelmäßig Anerkennung.

Danach kurz in die Ols Brauerei. Ein Bier. „Kurz“ ist übrigens eines dieser Wörter, bei denen man samstags grundsätzlich vorsichtig sein sollte. Genau wie „nur eins“. Oder: „Wir gucken mal.“ Wir gucken also mal. Zusammen. Zwischen älteren Herrschaften, die auch auf Sylt sitzen könnten, läuft ein Nirvana-Song und irgendjemand ruft: „Geil Offspring.“

Danach Wallstraße. Nur bis zur nächsten Kreuzung. Nur mal gucken. Klar. Plötzlich ein Irish Pub. Handgemachte Musik. Und spätestens hier bekommt der Tag einen anderen Takt. Es ist voll. Menschen stehen an der Theke, sitzen an Tischen, lehnen irgendwo herum, reden durcheinander. Man trifft Leute, die man kennt. Und Leute, die man nicht kennt. Was kein besonders großer Unterschied bleibt. Wir kommen ins Gespräch. Mit diesem. Mit jener. Mit Menschen, deren Namen man fünf Minuten später vielleicht schon wieder vergessen hat, deren Geschichte man aber trotzdem für einen Moment kennt. Zwischendurch finde ich meinen Lieblingsmenschen immer irgendwo zwischen all diesen Leuten wieder. Sie lacht. Und ich denke kurz: Ja. Genau das.

Keine Ahnung, wie man solche Augenblicke vernünftig beschreibt, ohne sofort in irgendeinen romantischen Unfall zu geraten. Also lasse ich es. Es war einfach schön. Richtig schön. Ich mag solche Abende. Nicht dieses Sehen-und-gesehen-werden-Gedöns. Sondern Abende, an denen Menschen einfach Bock haben. Auf Musik. Auf Bier. Auf Gespräche. Aufeinander. Die Leute lachen. Singen. Tanzen. Und wir mittendrin. Auf dem Weg nach Hause landen wir natürlich noch in einer Karaoke-Bar. Natürlich. Es gibt Momente im Leben, bei denen man vorher ziemlich genau weiß, dass sie am nächsten Morgen nur schwer vernünftig zu erklären sein werden. Eine Karaoke-Bar gehört dazu.Es läuft Justin Bieber. „Baby.“ Und plötzlich verliert die komplette Bar kollektiv den Verstand. Abriss. Wirklich. Menschen singen. Menschen brüllen. Menschen tanzen. Und wir eben auch. Oder zumindest etwas, das unter großzügiger Auslegung als Tanzen durchgeht. Menschen, denen man morgens um elf vermutlich niemals zugetraut hätte, freiwillig Justin Bieber mitzusingen, geben um diese Uhrzeit alles, als hinge die Zukunft der gesamten Zivilisation davon ab, diesen Refrain gemeinsam zu überleben. Geil. Ich gucke zu meinem Lieblingsmenschen. Sie kennt den Song eigentlich gar nicht. Was die komplette Bar allerdings nicht als gültige Ausrede akzeptiert. Die ganze Bande da singt. Und in diesem Moment ist mir vollkommen scheißegal, dass Justin Bieber wahrscheinlich nicht unbedingt zum offiziellen Soundtrack meines Lebens gehört. Aber vielleicht besteht ein wirklich guter Abend genau daraus. Dass für ein paar Stunden niemand cool sein muss. Dass niemand darüber nachdenkt, ob das gerade peinlich ist. Dass irgendein Lied läuft, das man unter normalen Umständen vielleicht sofort wegdrücken würde, und plötzlich liegt man sich fast mit Fremden in den Armen und singt mit. Und vielleicht besteht ein wirklich guter Tag auch daraus, jemanden neben sich zu haben, mit dem man diesen ganzen Quatsch teilen will. Das Frühstück. Das Herumlaufen. Das Menschenbeobachten. Den Döner. Das Bier. Die Gespräche. Die Musik. Den komplett bescheuerten, kollektiven Justin-Bieber-Zusammenbruch einer Karaoke-Bar. Nicht, weil jeder dieser Momente für sich riesig wäre. Sondern weil sie zusammen plötzlich etwas werden.

Unser Samstag. Viel zu spät gehen wir schlafen. Drei Stunden. Mehr werden es nicht. Völlig bescheuert. Natürlich. Vernünftige Menschen hätten irgendwann gesagt: „Wir sollten langsam.“ Haben wir nicht. Zum Glück. Denn am nächsten Morgen bin ich müde wie ein Mensch, der eine sehr schlechte wirtschaftliche Entscheidung getroffen hat. Und während mein Körper offenbar versucht, offiziell Beschwerde gegen mich einzureichen, denke ich nur: Scheiße. Was für ein guter Tag.

Vielleicht lag es an Oldenburg. Vielleicht am Döner. Vielleicht an Justin Bieber. Aber eigentlich weiß ich ziemlich genau, woran es wirklich lag.

Ich glaub ja, ich bin ein Punkrockromantiker. Keine Ahnung, ob das ein echtes Wort ist. Vermutlich nicht. Umso besser. Echte Wörter haben sowieso viel zu oft Aktenordnercharakter. Punkrockromantiker klingt dagegen nach alten kaputten Chucks, viel zu lauten Gitarren und diesem einen Menschen, bei dem man plötzlich leiser wird. Nach zerknitterten Konzertkarten, Bahnsteigen um Mitternacht, schwarzem Kaffee am nächsten Morgen und Nachrichten wie „Sag Bescheid, wenn du zuhause bist“, die manchmal mehr Liebe enthalten als drei Seiten Gedicht.

Früher dachte ich ja, man müsse sich auch mal entscheiden. Keine Ahnung. Erwachsen werden. Entweder, oder. Hart oder weich. Laut oder empfindsam. Unabhängig oder verliebt. Entweder der Typ vorne im Pulk, der beim Refrain den Mittelfinger hochreißt, oder derjenige, der nachts im Bett liegt und sich fragt, ob es dem anderen gerade wirklich gut geht. Kompletter Quatsch. Ich will beides. Ich will Gitarren, die mir das Hirn durchlüften, und Menschen, bei denen ich merke, wenn sich ihre Stimme um einen halben Ton verändert. Ich will mich nicht verbiegen, aber für die richtigen Menschen auch mal einen verdammten Umweg machen. Ich will gehen können, wenn etwas mich klein macht, und bleiben, wenn es nur gerade schwierig ist. Ich will schnell vergeben und langsam küssen. Ich will morgens mit zerknittertem Gesicht Kaffee trinken und trotzdem dieses völlig uncoole Kribbeln haben, wenn ein bestimmter Name auf meinem Display erscheint.

Vielleicht ist genau das Punkrockromantik. Nicht Rosenblätter auf irgendeinem Hotelbett. Nicht Sonnenuntergang mit Geigenmusik. Und bitte auch kein Typ mit Akustikgitarre, der ungefragt Wonderwall anstimmt. Brechreizstimmung. Echt. Punkrockromantik ist, wenn jemand nachts um zwei noch, keine Ahnung, 100 Kilometer fährt, weil du gerade jemanden brauchst. Wenn dir einer beim Konzert wortlos die Hand auf die Schulter legt, weil er gesehen hat, dass dein Abend scheiße läuft. Wenn man sich streitet, sich kurz gegenseitig für komplett bescheuert hält und trotzdem nicht sofort alles wegwirft. Wenn jemand deine Macken kennt und nicht versucht, daraus ein Renovierungsprojekt zu machen. Wenn Nähe nicht bedeutet, sich gegenseitig einzusperren, sondern Türen offen zu lassen und trotzdem zu hoffen, dass der andere bleibt. Aber ohne daraus einen verdammten Besitzanspruch zu machen. Menschen gehören einem nicht.

Ich mag Menschen mit Ecken. Menschen, die schon mal auf die Fresse gefallen sind und deshalb nicht so tun müssen, als hätten sie das Leben verstanden. Menschen mit Narben, schlechten Entscheidungen, zu vielen ausgewaschenen Shirts und Geschichten, die nicht sauber in drei Sätze passen. Menschen, die laut lachen, ehrlich fluchen und trotzdem vorsichtig werden, wenn jemand ihnen etwas anvertraut. Dieses ganze Gerede davon, dass man sich selbst genügen muss, klingt für mich sowieso nach einem Satz, der erfunden wurde, damit niemand zugeben muss, dass wir einander brauchen. Natürlich kann ich alleine leben. Ich kann alleine Zug fahren, alleine essen, alleine durch Wälder laufen und vermutlich sogar alleine einen Kleiderschrank aufbauen, wobei spätestens bei Seite sieben der Anleitung ernsthafte Zweifel angebracht wären. Aber ich möchte gar nicht alles alleine können müssen. Ich mag dieses Wir. Nur eben nicht als Käfig.

Punk war für mich sowieso nie einfach nur dagegen sein. Gegen alles sein kann jeder schlecht gelaunte Hausmeister. Ok. Der ist es meistens auch. Punk ist für mich eher, dass ich selbst entscheide, was mir wichtig ist. Ich muss mein Leben nicht nach irgendeiner Hausordnung führen, die mir Menschen geschrieben haben, die darin gar nicht wohnen. Ich darf mit Mitte vierzig noch zu Konzerten fahren. Mich verlieben. Blödsinn machen. Scheiße labern. Neu anfangen. Zu laut lachen. Eine Nacht durchreden. Einen Menschen vermissen. Einen anderen gehen lassen. Ich darf weich sein, ohne schwach zu werden. Und ich darf Grenzen haben, ohne zum Arschloch zu werden.

Vielleicht ist Romantik überhaupt viel weniger hübsch, als wir immer tun. Vielleicht trägt sie gar kein weißes Hemd. Vielleicht hat sie eine alte Jeans an, verschütteten Kaffee auf dem Tisch und Augenringe vom Vorabend. Vielleicht steht sie morgens am Bahnhof, friert ein bisschen und wartet trotzdem. Vielleicht ist Liebe manchmal einfach, jemandem die Pommes zu überlassen, obwohl man selbst noch Hunger hat. Den letzten Schluck Kaffee. Wobei das natürlich schon härter ist, als ein Heiratsantrag. Die bessere Bettseite. Okay, halt, irgendwo muss Romantik auch Grenzen haben.

Ich möchte jedenfalls nicht mehr vorsichtig leben. Vorsichtig habe ich lange genug gemacht. Vorsichtig sagen, vorsichtig fühlen, vorsichtig hoffen, vorsichtig bloß nicht zu viel wollen. Leck mich. Ich will Menschen sagen, wenn ich sie mag. Ich will Freunde umarmen, ohne vorher die gesellschaftlich zulässige Umarmungsdauer auszurechnen. Ich will mich freuen, ohne sofort nach dem Haken zu suchen. Ich will Pläne machen, obwohl ich sie verkacken könnte. Ich will lieben, obwohl ich längst weiß, was Liebe anrichten kann. Gerade deshalb vielleicht.

Und wenn es irgendwann wieder kracht? Wenn irgendetwas auseinanderfliegt, obwohl man dachte, diesmal würde es halten? Dann wird es wehtun. Natürlich. Punkrockromantiker sind schließlich keine gefühllosen Idioten mit Lederjacke. Das Wort hab ich mir ausgedacht. Vielleicht trifft es sie sogar etwas härter, weil sie trotz allem immer wieder das Herz auf den Tisch legen, direkt neben den Autoschlüssel, die Konzertkarte und den ganzen anderen Kram, den man unterwegs so braucht. Dann liegt man eben kurz da. Flucht ein bisschen. Vielleicht auch länger. Aber man steht wieder auf, wischt sich den Dreck von der Hose und dreht die Musik hoch. Und wenn unterwegs jemand kommt, der bleiben möchte, macht man eben Platz. Auf der Rückbank. Auf dem Beifahrersitz. In der Küche. Egal. Wo auch immer. Hauptsache, man macht Platz.

Irgendwo weit hinter dem Dorf strecken die Sonnenblumen ihre Köpfe Richtung Himmel. Sie flüstern leise, dass der Sommer bald vorbei sein wird. Noch liegt die Sonne warm über den Feldern. Noch riecht die Luft abends nach Staub, Gras und diesen langen Tagen, von denen man im Juni immer glaubt, sie würden niemals enden. Aber morgens liegt bereits etwas anderes zwischen den Häusern der Vorstadtsiedlungen. Ein kühlerer Wind. Ein anderes Licht. Dieses Gefühl, dass der August schon angefangen hat, seine Sachen zusammenzupacken. Und während draußen hoffentlich langsam alles ein wenig leiser wird, beginnt man selbst zu sortieren, was von diesem Sommer übrigbleiben soll. Abende. Gesichter. Musik. Gespräche. Ein paar völlig bescheuerte Ideen. Nächte, die viel länger wurden als geplant. Fahrradstürze. Lagerfeuer. Dinge, die man gemacht hat, obwohl sie morgens betrachtet vielleicht nicht besonders klug waren. Und manche Menschen.

„Auf leisen Sohlen wird man erwachsen“, sagte früher immer einer von den Alten. Vielleicht stampften wir deshalb manchmal etwas fester auf den Boden. Vielleicht tanzten wir genau deshalb immer tiefere Spuren in den Sand, fast so, als könnten wir damit verhindern, dass die Zeit irgendwann einfach über uns hinweggeht. Fuck. Wir hatten diese Angst, dass die Jahre uns automatisch vorsichtiger machen würden. Dass mit jedem Geburtstag ein Stück von dem verschwinden müsste, was uns früher leichtgefallen war. Laut lachen. Unsinn machen. Uns verlieben, ohne vorher eine Risikoanalyse anzufertigen. Abends Pläne schmieden, die am nächsten Morgen vielleicht nicht besonders vernünftig, aber verdammt schön waren. Nee. Stattdessen lernten wir, wie wichtig es angeblich sei, Rechnungen pünktlich zu bezahlen, Termine einzuhalten und Entscheidungen nicht mehr ausschließlich danach zu treffen, ob sie sich gut anfühlen. Wir lernten, Kalender zu füllen, Versicherungen zu verstehen und bei irgendwelchen Formularen Kreuze an Stellen zu setzen, deren Bedeutung man trotzdem nie ganz verstanden hat. Offenbar gehört auch das zum Erwachsensein. Man wird nicht unbedingt klüger. Man besitzt irgendwann nur mehr Zugangsdaten. Auch nicht geil.

Und wir mussten lernen, dass Menschen verschwinden. Auch die, bei denen man sich niemals vorstellen konnte, dass sie irgendwann nicht mehr da sein würden. Menschen, deren Stimme man kennt, deren Lachen irgendwo tief im Gedächtnis sitzt und deren Nummer manchmal noch Jahre später im Telefon gespeichert ist, obwohl man längst weiß, dass niemand mehr rangehen wird. Nun besucht man sie hin und wieder. Steht vor kalten Steinen, wischt mit der Hand über ihre Namen und erzählt ihnen Dinge, die sie vermutlich längst wissen würden, wenn sie noch da wären. Man lacht über alte Geschichten und hat im selben Moment Tränen in den Augen. Scheiße. Ihr Asis. Ihr fehlt. Vielleicht ist genau das eine dieser seltsamen Fähigkeiten, die man irgendwann entwickelt. Gleichzeitig traurig sein und dankbar. Gleichzeitig vermissen und lächeln. Gleichzeitig wissen, dass etwas vorbei ist, und trotzdem spüren, dass es einen nie ganz verlassen hat. Und trotzdem lebt man die meiste Zeit weiter, als würde all das immer nur die anderen treffen. Wahrscheinlich muss man das sogar. Niemand könnte morgens aufstehen, Kaffee kochen und zur Arbeit fahren, wenn er sich bei jedem Schritt daran erinnern würde, dass nichts von diesem ganzen Bums hier garantiert ist. Vielleicht werden unsere Schritte trotzdem ein bisschen leiser. Nicht weil wir keinen Mut mehr haben, sondern weil wir irgendwann begriffen haben, dass Hinfallen weh tun kann.

Und dann gibt es Menschen, die einem nicht plötzlich begegnen.

Sie kommen nicht durch irgendeine Tür und verändern innerhalb von drei Sekunden das komplette Leben. Kein Feuerwerk. Keine verdammte Musik im Hintergrund. Kein Schicksal, das einem mit Leuchtreklame erklärt, dass man jetzt gefälligst aufpassen soll. Dieser Mensch war längst da. Man kennt das Gesicht. Die Stimme. Die Art zu lachen. Vielleicht kennt man sogar bestimmte Gesten, kleine Eigenheiten, die einem früher nie besonders aufgefallen sind. Man ist sich hundertmal begegnet, hat miteinander gesprochen, gelacht und getrunken. Hat sich Geschichten erzählt, manche behalten, andere wieder vergessen. Irgendwann ging jeder nach Hause und verschwand wieder in seinem eigenen Leben. Zwei Menschen können sich verdammt lange kennen, ohne sich wirklich zu sehen.

Vielleicht auch, weil das Leben gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist. Weil Jahre zwischen ihnen liegen. Andere Beziehungen. Kinder. Arbeit. Verpflichtungen. Erwartungen. Ängste. Entscheidungen. Und diese ganzen Umwege, über die man sich unterwegs so gerne beschwert. Wege, die sich falsch anfühlen, solange man auf ihnen steht, und von denen man erst viel später begreift, dass sie vielleicht doch irgendwohin geführt haben. Vielleicht braucht man manchmal genau diese Jahre. Vielleicht muss man erst an anderen Tischen sitzen, andere Hände halten, Abschiede erleben, Entscheidungen treffen und ein paarmal ziemlich ordentlich auf die Fresse fallen, bevor man überhaupt erkennen kann, wer da eigentlich schon die ganze Zeit irgendwo am Rand der eigenen Geschichte stand.

Und dann steht dieser Mensch wieder vor einem. Eigentlich genauso wie früher und trotzdem vollkommen anders. Ein Gespräch dauert plötzlich länger. Ein Satz bleibt hängen. Ein Blick vielleicht auch. Nichts davon ist groß genug, um sofort einen Namen dafür zu haben. Es passiert einfach. Vielleicht erscheint morgens eine Nachricht auf dem Telefon und dieses kleine Aufleuchten des Displays macht plötzlich etwas mit einem, das sich nur schwer vernünftig erklären lässt. Man erkennt den Namen schon aus einem Meter Entfernung und freut sich eine Spur zu sehr. Man wartet auf eine Antwort, obwohl man überhaupt nicht wartet. Natürlich nicht. Und irgendwann merkt man, dass man einen Menschen vermisst, den man seit Ewigkeiten kennt. Zum ersten Mal.

Vielleicht beginnt Liebe manchmal genau so unspektakulär. Nicht mit einem Knall. Nicht mit einem verdammten Schicksal, das seinen Namen in den Himmel schreibt. Vielleicht verändert sich nur ganz langsam die Bedeutung eines Menschen. Aus einem Gespräch wird eines, auf das man sich freut. Aus einem Gesicht eines, nach dem man in einem Raum automatisch sucht. Aus einer Nachricht etwas, das einen schlechten Morgen plötzlich ein bisschen besser macht. Und irgendwann sitzt man da und denkt: Halt die Fresse. Da bist du ja.

Natürlich denkt man dann auch an die Jahre davor. Wahrscheinlich lässt sich das kaum verhindern. Man fragt sich, was gewesen wäre, wenn man früher genauer hingesehen hätte. Zehn Jahre vielleicht. Zwanzig. Man hätte mehr Sommer gehabt. Mehr Nächte. Mehr Sonntage, an denen morgens noch niemand weiß, wie der Tag später enden wird.

Man hätte zusammen auf Konzerten stehen können, irgendwo zwischen verschwitzten, stinkenden Menschen, klebrigem Boden und viel zu lauten Gitarren. Madsen hätte gespielt, draußen wäre längst Nacht gewesen und für einen Refrain lang hätte niemand darüber nachgedacht, was am nächsten Morgen auf irgendeinem Kalender steht. Erstmal Nachtbaden. Man hätte Autofahrten mit offenen Fenstern haben können. Musik viel zu laut. Eine Hand draußen im Fahrtwind. Dieses vollkommen sinnlose Bedürfnis, die Luft festhalten zu wollen, obwohl man genau weiß, dass das nicht funktioniert. Man hätte ans Meer fahren können. Die Schuhe irgendwo im Sand liegen lassen und Richtung Wasser laufen. Hätte Spuren hinterlassen können, nebeneinander, bis irgendwann eine Welle gekommen wäre und sie wieder verschwinden lässt. Man hätte morgens Kaffee trinken, abends Wein, nachts Scheiße erzählen und sich über Dinge streiten können, an die man sich zwei Tage später schon nicht mehr erinnert. Geburtstage. Schlechte Tage. Völlig durchschnittliche Dienstage. Und vielleicht ein paar dieser seltenen Nächte, von denen man schon währenddessen weiß, dass man sie später vermissen wird.

Aber vielleicht ist genau dieser Gedanke falsch. Dieses: Wir hätten uns früher finden sollen. Denn früher waren da andere Leben. Andere Wege. Andere Menschen. Und irgendwann waren da Kinder. Kinder, die heute auf dieser Welt sind. Kinder, die man liebt. Für die man ohne einen verdammten Moment nachzudenken alles geben würde. Kinder, deren Lachen, deren Hände, deren Stimmen, deren ganz eigene Art zu leben heute zu allem dazugehören. Menschen, bei denen sich jede Vorstellung verbietet, sie könnten nicht existieren, nur damit irgendeine andere Geschichte zehn oder zwanzig Jahre früher hätte beginnen können.

Vielleicht darf man deshalb gar nicht von verlorenen Jahren sprechen. Denn verlorene Jahre wären Jahre, die man zurückhaben möchte. Und ich möchte keine einzige Sekunde davon zurück, wenn der Preis dafür wäre, dass ein Mensch fehlt, der heute auf dieser Welt ist. Keinen Sommer. Keine falsche Entscheidung. Keine Beziehung. Keinen Umweg. Nicht einmal die Dinge, bei denen man bis heute manchmal denkt, sie hätten besser anders laufen können. Denn vielleicht verändert schon eine einzige Entscheidung alles, was danach kommt. Eine Tür, die man früher schließt. Eine Reise, die man nicht macht. Ein Abend, den man absagt. Ein Mensch, dem man nie begegnet. Eine Straße, die man an diesem einen Nachmittag anders fährt.

Und plötzlich verschiebt sich die ganze verdammte Geschichte. Vielleicht gäbe es dann dieses Gespräch heute nicht. Diesen Blick nicht. Diese Nachricht am Morgen nicht. Vielleicht gäbe es aber vor allem Menschen nicht, deren Existenz durch nichts auf der Welt aufzuwiegen wäre. Und genau deshalb würde ich nichts zurückdrehen. Nicht zehn Jahre. Nicht zwanzig. Keinen einzigen verdammten Tag.

Vielleicht musste alles genauso laufen. Jede Begegnung. Jede Trennung. Jeder falsche Zeitpunkt. Jede Entscheidung, über die man später den Kopf geschüttelt hat. Jeder Umweg und jede Sackgasse. Nicht weil alles schön oder gut gewesen wäre. Das war es verdammt noch mal nicht. Manche Dinge bleiben scheiße, auch wenn Jahre vergangen sind. Man muss ihnen im Nachhinein keinen Sinn ankleben, nur damit die Geschichte hübscher aussieht. Aber all diese Wege führen bis hierher.

Zu den Menschen, die heute da sind. Zu den Kindern, die ohne diese Wege vielleicht niemals geboren worden wären. Zu dem Menschen, der heute vor einem steht. Und vielleicht zu genau diesem einen Augenblick. Manchmal stelle ich mir das wie eine unfassbar komplizierte Reihe kleiner Bewegungen vor. Millionen Entscheidungen, Begegnungen, Zufälle und Abzweigungen, die miteinander überhaupt nichts zu tun zu haben scheinen und am Ende trotzdem genau hier landen.

Vielleicht hat das Universum überhaupt keinen Plan. Wahrscheinlich nicht. Vielleicht erzählen wir uns solche Dinge nur, weil Zufall manchmal schwer auszuhalten ist und wir Menschen verdammt gerne glauben, dass hinter allem irgendeine große Idee steckt. Aber manchmal fühlt es sich eben trotzdem so an. Als hätte dieses ganze riesige, chaotische Ding sehr lange und ziemlich geduldig an genau diesem Punkt gearbeitet. Nicht daran, dass zwei Menschen sich früher finden. Sondern daran, dass sie erst all diese anderen Wege gehen. Dass Menschen geboren werden, ohne die diese Welt nicht dieselbe wäre. Dass Leben entstehen. Dass andere Leben enden. Dass man liebt, verliert, lernt, hinfällt, wieder aufsteht und irgendwann ein anderer Mensch geworden ist als der, der man vor zehn oder zwanzig Jahren einmal war.

Und dass man sich dann wieder begegnet. Nicht zu spät. Sondern jetzt. Vielleicht hätten wir uns früher gefunden und trotzdem nicht erkannt. Vielleicht wären wir zur falschen Zeit die falschen Menschen füreinander gewesen. Vielleicht hätten wir einander wieder verloren. Niemand weiß das. Das Leben legt einem keine zweite Version daneben, damit man vergleichen kann. Keine Alternativroute. Kein „Was wäre gewesen, wenn“. Es gibt nur die Straße, die man tatsächlich gefahren ist. Mit allen Umwegen. Mit Abzweigungen, Baustellen, Sackgassen und diesen Momenten, in denen man schwört, dass man endgültig keine Ahnung mehr hat, wo zur Hölle man eigentlich gelandet ist. Und vielleicht ist es irgendwann gar nicht mehr wichtig, ob man zehn oder zwanzig Jahre früher hätte abbiegen können.

Denn dieser Mensch steht jetzt da. Jetzt kennt man sein Lachen anders. Jetzt bleibt der Blick diese Sekunde länger. Jetzt leuchtet morgens der Name auf dem Display und plötzlich fühlt sich ein ganz gewöhnlicher Mittwoch nicht mehr ganz gewöhnlich an. Vielleicht gibt es für manche Menschen gar kein zu spät. Vielleicht gibt es nur den Moment, in dem man endlich hinsieht und begreift, dass alles davor nicht die Wartezeit auf etwas Besseres war. Es war das Leben. Mit allem, was dazugehört. Mit den Menschen, die daraus entstanden sind. Mit denen, die geblieben sind. Mit denen, die fehlen. Mit denen, die man um nichts auf dieser Welt wieder hergeben würde.

Und mit diesem einen Menschen, den man vielleicht schon ewig kennt und trotzdem gerade erst entdeckt.

Irgendwo weit hinter dem Dorf stehen noch immer die Sonnenblumen. Bald werden ihre Köpfe schwerer werden. Die Felder werden brauner, die Abende kälter und irgendwann wird niemand mehr wissen, wie heiß der Asphalt in diesem August gewesen ist. Der Sommer geht. Das tut er immer. Aber nicht alles, was in einem Sommer beginnt, muss mit ihm verschwinden. Manche Dinge hinterlassen Spuren. Und manchmal merkt man erst sehr spät, dass die eigene all die Jahre genau hierher geführt hat. Dorthin, wo plötzlich eine zweite neben ihr verläuft.

Mit etwas Glück bleibt da eine Narbe. Eine ziemlich große sogar. Direkt über meinem rechten Auge. Das Herz schlägt zwar links, aber vielleicht gehören Narben sowieso nicht dahin, wo das Herz sitzt. Vielleicht gehören sie ja dahin, wo man sie morgens im Spiegel sieht. Genau da, wo man hinguckt, bevor man sich Kaffee macht, die Zähne putzt und versucht, für einen weiteren Tag halbwegs wie ein funktionierender Erwachsener auszusehen. Und vielleicht werde ich in ein paar Jahren, wenn ich mit etwas Glück wirklich alt bin, auch vor einem Spiegel stehen, die Narbe anschauen und grinsen. Weil ich dann sofort wieder an diese eine Party im Jahr 2026 denken werde. An eine Party von Freunden für Freunde. An einen dieser Tage, die eigentlich vollkommen normal anfangen und irgendwann beschließen, dass sie bleiben. Unter Apfelbäumen. Am Fluss. Zwischen alten Eichen, deren Äste sich im Wind bewegen, während unten das Wasser Richtung Stadt zieht. Noch ein gutes Stück entfernt von Häusern, Straßen und all dem Kram, der sonst ständig wichtig sein möchte. Dort haben Freunde gemeinsam einen Garten hergerichtet. Kabel gezogen. Beleuchtung aufgebaut. Technik angeschlossen. Tische verschoben. Dinge irgendwo hingestellt und später noch einmal woanders hingestellt, weil das bei solchen Aktionen offenbar zum offiziellen Ablauf gehört. Keine durchgestylte Pinterest-Scheiße. Keine Servietten, die farblich auf irgendwelche Trockenblumen abgestimmt waren. Einfach ein richtig geiler Garten. Freitag. Kaffee und Kuchen in der Küche. Pizza auf alten Holzpaletten. Musik. Getränke. Leute, die kamen, blieben, halfen, lachten und diesen Ort für ein paar Stunden zu etwas gemacht haben, das man nicht planen kann. Und genau deshalb war es so gut. Denn es gibt Tage, da merkt man plötzlich mittendrin, dass man sich genau daran einmal erinnern wird. Nicht, weil gerade etwas wahnsinnig Spektakuläres geschieht. Sondern weil einfach alles stimmt. Der Ort. Die Menschen. Die Stimmung. Dieses schwer zu erklärende Gefühl, dass man gerade verdammt gerne genau dort ist, wo man ist.

Ich verstehe schon, warum Menschen Narben im Gesicht meistens nicht besonders geil finden. Sie passen nicht unbedingt in das, was uns jahrelang als schön verkauft wurde. Glatte Haut. Symmetrie. Möglichst wenig Spuren davon, dass man dieses Leben tatsächlich benutzt hat. Und natürlich erzählen Narben nicht immer schöne Geschichten. Manche entstehen durch Unfälle. Durch Gewalt. Durch Krankheiten. Durch Dinge, an die man sich vielleicht lieber nicht jeden Morgen erinnern möchte. Aber meine wird anders. Meine wird von einem verdammt guten Tag erzählen. Von einem Garten am Fluss. Von Pizza auf Holzpaletten, Musik und Freunden. Von Menschen, bei denen man nicht erklären muss, warum sie einem wichtig sind. Und davon, dass dieser Tag offenbar so gut war, dass er beschlossen hat, ein kleines Stück von sich einfach dazulassen. Direkt über meinem rechten Auge. Wie es dazu gekommen ist? Das erzähle ich später. Denn diese Geschichte gehört ans Ende. Genau dahin, wo sie passiert ist.

Unter Freunden

Aber wir bleiben am Anfang. Nicht ganz am Anfang, denn solche Geschichten fangen sowieso immer früher an, als man später behauptet. Vielleicht Jahre vorher. Mit irgendeiner Entscheidung. Mit einem Termin, der abgesagt wurde. Mit etwas, das sich nicht verschieben ließ. Mit einem Satz zwischen Freunden, der erstmal gar nicht besonders groß klang. Lass uns das einfach mal machen. Könnte ja gut werden. Oder komplett bescheuert. Und meistens sind genau das die Sachen, bei denen man vorher noch ein bisschen zweifelt. Bei denen niemand so richtig weiß, ob das eine gute Idee ist. Bei denen man kurz über Vernunft nachdenkt und sich dann entscheidet, auf jede angezogene Handbremse und Vollkaskoversicherung einfach mal zu scheißen. Man macht. Und manchmal wird genau daraus etwas richtig Geiles. Vielleicht liegt der eigentliche Anfang also irgendwo dort. Aber den erzähle ich nicht. Ich fange am Samstag an.

Die letzten Vorbereitungen laufen. Kleinkram. Details. Nichts, was einzeln besonders wichtig aussieht, aber zusammen genau den Unterschied macht zwischen „Wir stellen hier ein bisschen was hin“ und „Scheiße, das wird heute wirklich gut.“ Am Rand steht jemand und raucht. Ein paar Meter weiter werden die letzten Kabel verlegt. Irgendwer malt ein Plakat. Jemand anderes baut dafür noch schnell einen Rahmen. Der Zeitplan der Bands wird aufgehängt. Aufgaben werden verteilt, geändert, wieder anders verteilt und am Ende macht sowieso jeder noch irgendwas, das ursprünglich gar nicht auf seiner Liste stand. Der Grill kommt an seinen Platz. Die ersten Gäste trudeln ein. Ein paar bauen ihre Zelte auf. Andere schlafen später in Bullis. Für die Bands stehen Wohnwagen parat, falls irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem Heimfahren zwar theoretisch noch möglich, praktisch aber einfach eine beschissene Idee wäre. Auf der Bühne wird weiter geschraubt. Aber anders. Der Tontechniker feilt am Sound. Die erste Band stimmt die Gitarren, redet sich mit ihm durch Pegel, Monitore und diesen ganzen Kram, von dem ich ungefähr so viel verstehe wie von der, ich sach mal, korrekten Besteuerung einer liechtensteinischen Briefkastenfirma. Aber es klingt langsam richtig. Nicht perfekt. Perfekt würde hier sowieso nicht passen. Dafür geht die Musik zu sehr nach vorne. Dafür ist das hier zu echt.

Ich frage mich gerade, ob ich auf die Bands überhaupt einzeln eingehen soll. Ich bin kein Musikexperte. Nicht mal ansatzweise. Technik. Genres. Klangbilder. Gitarrensounds. Irgendwelche Unterschiede, die andere Menschen nach drei Takten erkennen und anschließend zwölf Minuten erklären können. Keine Ahnung. Ich kann eigentlich nur sagen, ob mich eine Band abholt oder eben nicht. Und an diesem Tag haben sie das. Manche mehr. Manche weniger. Aber am Ende ist das sowieso nur meine Meinung. Kann man lesen. Muss man aber nicht übernehmen. Denn das, was ich überragend finde, klingt für jemand anderen vielleicht einfach nach Geschrammel von wilden Leuten, die vermutlich gerade irgendeine Phase durchmachen. Ist natürlich Quatsch. Aber Menschen reden erstaunlich gern über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Erfahrungswerte. Was soll ich machen? Und ich nehme mich da ausdrücklich nicht raus. Hab ich selbst oft genug gemacht. Irgendwas gesehen. Kurz eingeordnet. Schublade auf. Rein damit. Fertig. Heute versuche ich lieber neugierig zu sein als wertend. Klappt manchmal ziemlich gut. Und manchmal eben überhaupt nicht. Auch das gehört vermutlich dazu. Egal Karl.

Bands

Die Bands, die an diesem Samstag gespielt haben, hießen KID DAD, CARA, Badminton, Kann Karate, Bony Macaroni und Plaiins. Alle cool. Alle richtig gut. Und natürlich jede auf ihre eigene Art. Wäre ja auch maximal ätzend, wenn sechs Bands nacheinander exakt denselben Kram machen würden. Keine Coverbands. Keine Top-40-Schützenfestkapelle. Kein Mainstream-Gedudel, bei dem spätestens beim dritten Song irgendwer „Summer of ’69“ erwartet. Meist Indie. Punk. Irgendwas dazwischen. Vielleicht auch komplett anders. Wie gesagt: Ich hab doch keine Ahnung.

KID DAD kamen, wenn ich das richtig im Kopf habe, aus Berlin und Paderborn. Glaub ich. Paderborn. Früher habe ich aus irgendeinem vollkommen unerklärlichen Grund geglaubt, Paderborn läge irgendwo an der Nordsee. Ein kleiner, verschlafener Ort, in dem grundsätzlich alle Menschen gelbe Regenjacken tragen. Friesennerze. Immer. Weil es in Paderborn natürlich auch immer regnet. Immer Herbst. Keine Ahnung, woher mein Kopf diesen Quatsch hatte. Vermutlich dieselbe Abteilung, die jahrelang auch andere vollkommen unbelegte Dinge einfach als Fakten abgespeichert hat. Heute weiß ich natürlich, wo Paderborn liegt. Irgendwo da am Rand Richtung Sauerland. Und Berlin? Ja gut. Davon hab ich schon mal gehört.

CARA hingegen kam aus Köln. Schon deutlich ruhiger oder vielleicht auch melancholischer. Songs über Selbstfindung, Beziehungen, Nähe, Entfernung und diesen ganzen Kram, bei dem man eigentlich nur Musik hören will und plötzlich trotzdem irgendwo in seinem eigenen Leben landet. Unfassbar schöne Stimme. Viel Gefühl. Mir persönlich fast ein bisschen zu viel davon. Und damit meine ich nicht, dass es schlecht war. Ganz im Gegenteil. Es hat mich nur ziemlich erwischt. Emotional. Mehr, als ich in dem Moment eigentlich gebrauchen konnte. Keine Ahnung. Es gibt Musik, die läuft einfach. Und es gibt Musik, die stellt sich neben dich, legt dir kurz die Hand auf die Schulter und sagt: So. Jetzt gucken wir uns das hier mal gemeinsam an. CARA war eher die zweite Sorte. Wunderschön. Aber eben auch gefährlich nah dran. Das ist ein richtiges Kompliment, auch wenn es erstmal anders klingt. Ich war nur nicht bereit.

Und wo wir gerade bei Menschen sind, die an diesem Tag irgendwie präsent waren, obwohl sie gar nicht da waren: Mareike und Marina haben gefehlt. Beide. So nämlich. Irgendwas war dazwischengekommen. Familienurlaub. Termine. Leben eben. Diese lästige Angewohnheit des Alltags, sich nicht danach zu richten, wann irgendwo ein richtig guter Abend geplant ist. Kann man nichts machen. Trotzdem haben sie gefehlt. Jetzt nicht so, dass ständig jemand traurig in eine Ecke geguckt hätte. So meine ich das gar nicht. Eher auf diese stille Art. Wenn man zwischendurch denkt: Das hier würde ihr gefallen. Oder: Jetzt würde sie wahrscheinlich genau darüber lachen. Oder wenn irgendwo ein Platz frei ist, obwohl eigentlich niemand einen Platz freigehalten hat. Menschen können fehlen, ohne dass dadurch alles schlechter wird. Der Abend war großartig. Vielleicht gerade deshalb merkt man manchmal besonders deutlich, wen man gern dabeigehabt hätte. Mareike und Marina gehörten an diesem Tag oder Abend dazu. Definitiv.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das war, aber irgendwann vor CARAs Auftritt stand BADMINTON hinten auf dem Platz und spielte mit den Kids Fußball. Einfach so. Keine große Ansage. Kein Programmpunkt. Kein „Jetzt bitte alle einmal hier entlang“. Ball da. Kinder da. Band da. Also wurde gespielt. Ohne Linienrichter, ohne Regeln und ohne doppelten Boden. Okay, ein Netz gab es. Genau solche Sachen machen dieses Fest aus. Es passiert einfach. Menschen kommen zusammen und für ein paar Stunden interessiert es wirklich niemanden, wo jemand herkommt, was jemand verdient, woran jemand glaubt oder in welche verdammte Schublade er laut irgendeinem Formular eigentlich gehören soll. Zumindest hatte ich genau dieses Gefühl. Und ganz ehrlich: All der ganze Bums würde mich auch nicht interessieren. Nach dem Fußball war dann BADMINTON dran. Und die haben das Publikum schon ziemlich ordentlich zerfickt. Darf man das so schreiben? Ja. Natürlich darf ich das so schreiben. Meine Seite. Meine Texte. Kein Chefredakteur, der mit rotem Stift danebensteht und aus „zerfickt“ am Ende „begeisterte das Publikum“ macht. Auch irgendwie geil. Aber wie gesagt: Ich will hier gar nicht anfangen, jede Band musikalisch auseinanderzunehmen. Dafür fehlt mir erstens das Fachwissen und zweitens wäre meine Meinung am Ende sowieso genau das, meine Meinung. Subjektiv. Ich werde die Bands am Ende verlinken und dann kann sich jeder selbst anhören, was davon hängen bleibt. Denn vielleicht finde ich etwas großartig und jemand anderes hält es für drei Gitarren und einen mittelschweren Nervenzusammenbruch. Völlig okay. So funktioniert Musik vermutlich. Denke ich. Wie gesagt: Keine Ahnung.

Ich habe mich mit Tim unterhalten, der gerade mit meinem Buch arbeitet. Mit Matthias, mit dem ich früher mal zur Schule gegangen bin. Mit Jens und Simon, die ich auch irgendwie von früher kenne, obwohl wir nie gemeinsam in irgendeinem Klassenraum gesessen haben. Mit Anneliese, die 2008 für einen ziemlich kurzen Moment meine Arbeitskollegin war. Vielleicht ein paar Wochen. Keine Ahnung. Lange genug jedenfalls, dass man sich fast zwanzig Jahre später noch erkennt. Mit Mirco. Mit Ralf. Rolf. Stefan. Maria. Gerd. Mit all den Menschen, die dieses Fest auf die Beine gestellt haben. Und mit Sicherheit habe ich jetzt jemanden vergessen. Oder ich kenne manche Namen überhaupt nicht. War aber auch vollkommen egal. Niemand lief dort herum und stellte sich mit vollständigem Namen, Beruf und aktueller Lebenssituation vor. Man redete einfach. Über Musik. Über früher. Über heute. Über irgendeinen Quatsch, der genau in diesem Moment wichtig genug war, um ein paar Minuten darüber zu sprechen.

Besonders gefreut habe ich mich über Anne. Wir kennen uns noch aus Zeiten, in denen wir im Scheibenwischer Partys gefeiert haben. Den Scheibenwischer gibt es schon ewig nicht mehr. Und diese Abende liegen inzwischen so weit zurück, dass vermutlich ganze Teile davon irgendwo zwischen zu lauter Musik, Bier und den allgemeinen Gedächtnislücken der frühen Erwachsenenjahre verschollen sind. Aber manches ist eben trotzdem noch da. Keine komplette Nacht. Keine genaue Uhrzeit. Keine Ahnung mehr, welche Musik lief oder wer damals welches Shirt getragen hat. Sondern so kleine Szenen. Momente eben. Ein Gespräch draußen vor der Tür. Irgendein Lachen. Ein kurzer Moment an der Theke. Zwei Sätze, die vollkommen unwichtig waren und sich trotzdem irgendwo festgesetzt haben. Schon verrückt. Oder? Ich mein, wenn mich heute jemand fragen würde, was ich damals so hatte an Kram, könnte ich vermutlich kaum etwas aufzählen. Welche Schuhe. Welche Jacke. Was damals unbedingt wichtig wirkte. Echt. Keine Ahnung. Aber ich weiß noch, wie sich manche Abende angefühlt haben.

Vielleicht sollten wir tatsächlich wieder ein bisschen mehr davon sammeln. Nicht Zeug. Momente. Dinge kann man verlieren. Verkaufen. Wegwerfen. Sie gehen kaputt oder liegen irgendwann in irgendeinem Karton, bei dem man seit sechs Jahren behauptet, man würde ihn demnächst mal aussortieren. Momente aber sind anders. Die nimmt man einfach mit. Manchmal über Jahre. Manchmal über Jahrzehnte. Vielleicht sogar weit darüber hinaus. Keine Ahnung. Zum Glück bin ich noch nie gestorben, deshalb fehlen mir da belastbare Erfahrungswerte. Aber genau diese kleinen Augenblicke gab es auch an diesem Samstag wieder. Am Fluss. Unter den Apfelbäumen. Zwischen Musik, Gesprächen und Menschen, die sich irgendwann irgendwo im Leben schon einmal begegnet waren oder sich genau dort zum ersten Mal trafen. Nichts davon musste besonders teuer sein. Kein Luxus. Kein großes Spektakel. Manchmal reichen ein Garten, ein paar alte Holzpaletten, Musik und Menschen, mit denen man verdammt gerne genau dort steht. Und vielleicht ist das am Ende wirklich der Kram, der bleibt.

Ich merke schon. Dieser Text wird länger als erwartet.

Wahrscheinlich liegt es an den unzähligen Eindrücken. An den vielen kleinen Momenten. An diesen verdammt guten Waffeln. An einer Essensorganisation, bei der offenbar tatsächlich Menschen vorher nachgedacht hatten. An der Musik. An Gesprächen. An all dem Zeug, das an einem einzigen Tag passiert und sich später trotzdem nicht vernünftig auf drei Absätze zusammenstreichen lässt. Kannste machen. Wäre dann aber schade. Dann standen KANN KARATE auf der Bühne. Vier Jungs aus Berlin. Indierock. Rotzige Hymnen. Hab ich gerade bei Instagram gelesen. Klingt gut. Nehmen wir so. Und dann kam „Blumen“. Der Song hängt mir immer noch im Kopf. Was für ein Abriss. Was für eine Stimmung. Vor der Bühne standen keine Menschen mehr herum, die höflich mit dem Fuß wippten und darauf achteten, bloß nicht unangenehm aufzufallen. Da wurde getanzt. Mitgesungen. Gelacht. Irgendwann war die Musik kurz weg und die Stimmen waren immer noch da.

Genau solche Momente liebe ich. Wenn eine Band eigentlich schon gar nichts mehr machen muss, weil die Menschen vor der Bühne den Song einfach übernehmen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist „Blumen“ wahrscheinlich der Song dieses Tages, der sich bei mir am tiefsten festgesetzt hat. Keine Ahnung, ob er musikalisch der beste war. Ist mir auch vollkommen egal. Er ist geblieben. Und wenn ich ihn jetzt höre, denke ich sofort wieder an diesen Garten. An den Abend. An tanzende Menschen. An dieses ziemlich seltene Gefühl, dass man gerade nirgendwo anders sein möchte. Das ist so ein Song, bei dem man sich bewegen muss. Tanzen. Lachen. Vielleicht jemanden küssen. Glücklich sein. Oder wenigstens für diese paar Minuten vergessen, warum man es gerade nicht sein sollte. Stillstehen funktioniert jedenfalls nicht. Hab ich versucht. Ehrlich. Keine Chance.

Die Übergänge an diesem Abend waren fließend. Eigentlich ging alles irgendwie ineinander über. Eine Band hörte auf. Menschen holten sich etwas zu essen. Irgendwo wurde gelacht. Jemand stand am Fluss. Dann fing schon wieder irgendwo Musik an. Stunden fühlten sich an wie Minuten. Zeit ist sowieso so ein seltsamer Kram, den ich wahrscheinlich niemals wirklich verstehen werde. A-Theorie. B-Theorie. Linear. Blockuniversum. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Alles gleichzeitig oder doch schön ordentlich hintereinander? Keine Ahnung. Muss ich mich damit jetzt beschäftigen? Wahrscheinlich nicht. Was würde Einstein dazu sagen? Vermutlich würde er irgendetwas sehr Kluges über Relativität erzählen und danach, wie fast jeder Mensch, mit dem ich über solche Sachen irgendwann zu lange gesprochen habe, einfach sagen:

„Halt die Fresse, Torsten.“

Zurück in den Garten. Überall gingen langsam die kleinen Lichter an. Und was mir irgendwann auffiel, niemand war wirklich richtig betrunken. Natürlich waren hier und da ein paar Leute leicht angeschossen. Gehört wahrscheinlich dazu. Aber dieses komplette Wegschießen, wie man es von manchen Dorfschützenfesten kennt, bei denen ab einer bestimmten Uhrzeit Menschen anfangen, persönliche Feindschaften mit Bierzeltgarnituren auszutragen, blieb aus. Zumindest habe ich nichts davon gesehen. Ich lief mit der Kamera durch die Reihen und niemand fiel unangenehm auf. Es wurde getrunken. Aber vor allem wurde gefeiert. Das ist ein Unterschied.

Irgendwas um 21 Uhr kamen Bony Macaroni auf die Bühne. Wo die herkamen? Keine Ahnung. Wirklich nicht. Aber was sie gemacht haben, weiß ich noch. Und als plötzlich „Mr. Brightside“ von The Killers kam, einer von gerade mal zwei Coversongs an diesem ganzen Tag, war sowieso alles vorbei. CARA hatte vorher schon „Nur ein Wort“ von Wir sind Helden gespielt. Und jetzt das. Natürlich konnten plötzlich alle mitsingen. Wirklich alle. Zumindest klang es so. Leck mich. Was für ein Moment. Überragend.

Ein paar Meter weiter brannte das Lagerfeuer. Menschen, die gerade nicht vor der Bühne tanzten, sangen oder ihre Hände irgendwo in die Luft warfen, saßen am Feuer. Auf der Wiese. Auf kleinen Bänken. Andere standen an Stehtischen, aßen, tranken, redeten. Manche lachten. Manche führten vielleicht Gespräche, die überhaupt nicht lustig waren. Vielleicht verliebten sich an diesem Abend zwei Menschen. Vielleicht stellten zwei andere fest, dass sie sich eigentlich nicht besonders gut leiden können. Vielleicht erzählte jemand einem Menschen, den er kaum kannte, Dinge, die man manchmal genau deshalb erzählen kann. Weil da keine Geschichte davor ist. Keine Erwartung. Kein Urteil. Nur dieser eine Abend. Und irgendwie durfte all das nebeneinander existieren. Die Musik. Das Feuer. Die Gespräche. Das Lachen. Das Schweigen. Kinder schwammen im Fluss, als wäre das alles das Normalste der Welt. Und der Fluss? Dem war das sowieso scheißegal. Der fragte niemanden, woher er kommt. Was er glaubt. Wen er liebt. Was er verdient. Oder ob er in irgendeine Vorstellung davon passt, wie man angeblich zu sein hat. Vielleicht ist Frieden am Ende gar nichts besonders Großes. Vielleicht beginnt er genau da. Wo Menschen aufhören, sich gegenseitig erklären zu wollen. Und stattdessen einfach mal nebeneinander am selben Fluss stehen. Es könnte so einfach sein.  

Pure Morning

PLAIINS stimmen ihre Gitarren. Stimmen wehen über den Platz. Im Backstagebereich sitzen Mitglieder der anderen Bands, checken ihre Handys, reden miteinander, lernen sich kennen. Auf dem Tisch steht alles Mögliche. Süßigkeiten. Vegane Schokolade. Gebäck. Wurst. Tatsächlich für jeden irgendwas. Es riecht nach Lagerfeuer, Sommer und diesem seltsamen Gefühl, dass gerade Erinnerungen entstehen, obwohl man sie noch gar nicht so nennen kann. Zwei Menschen laufen Hand in Hand über den Platz. Ein paar Meter weiter füllt jemand Toilettenpapier in den Wagen nach. Auch das gehört dazu. Vielleicht sogar mehr als alles andere. Niemand ist sich für irgendwas zu schade. Dann kurz Ruhe. Und plötzlich brechen PLAIINS los. Vor der Bühne wird es eng. Laut. Unruhig. Auf die gute Art. Irgendwo entsteht vielleicht eine Wall of Death. Vielleicht auch einfach nur ein ziemlich wilder Moshpit. Ich kenne die korrekten Fachbegriffe nicht und werde jetzt auch nicht anfangen, während eines Punkkonzerts Wikipedia zu spielen.

Menschen gehen kollektiv auf den Boden. Warten. Dann kommt dieser Moment. Drop? Nennt man das so? Keine Ahnung. Jedenfalls springen plötzlich alle wieder hoch und alles explodiert. Ich mittendrin. Und ganz ehrlich, es wäre nicht vollkommen undenkbar gewesen, sich dort ein blaues Auge zu holen. Aber selbst das hätte sich wahrscheinlich weniger nach Verletzung angefühlt als nach Souvenir. Ein kleines Andenken an einen Abend mit Punk, Schweiß und Leuten, die für ein paar Minuten beschlossen haben, vernünftig einfach mal sein zu lassen.

Dann der letzte Song. Zugabe. Verabschiedung. Die Bühne wird still. Der DJ übernimmt. Placebo. „Pure Morning“. Vor dem Pult wird weitergetanzt. Langsam gehen die ersten Menschen nach Hause. Die Reihen werden dünner. An der Theke wird es ruhiger. Irgendwann bleiben nur noch die übrig, die offenbar beschlossen haben, dass Schlaf auch morgen noch eine Option ist. Am Lagerfeuer sitzt jemand mit einer Gitarre. „Knockin’ on Heaven’s Door“. Natürlich. Manche Songs bekommt man wahrscheinlich automatisch ausgehändigt, sobald man irgendwo nachts mit einer Akustikgitarre am Feuer sitzt. Aber geil.

Ich frage jemanden, wer er ist. Und zum ersten Mal an diesem Tag habe ich kurz das Gefühl, dass mich jemand nicht besonders mag. Auch okay. Niemand muss mich mögen. Wirklich nicht. Ein paar Minuten später wird von diesem Menschen über mich gesprochen. Nicht lange. Aber laut genug, dass ich es hören kann. Auch das ist okay. Einer verkauft Versicherungen. Der andere ist Geschäftsführer eines größeren Unternehmens. Vielleicht leben wir einfach in ziemlich unterschiedlichen Welten.

Kann sein. Früher hätte ich wahrscheinlich länger darüber nachgedacht, was genau da gerade falsch gelaufen ist. Heute denke ich eher, anders ist erstmal nur anders. Nicht besser. Nicht schlechter. Nur anders. Ich drehe mich wieder zum Feuer. Neben mir sitzt der Gitarrist Bassist* von PLAIINS. Wir reden kurz, tauschen unsere Instagram-Accounts aus und folgen uns gegenseitig. So einfach kann das auch gehen. Später spielt er „Schrei nach Liebe“. Und fast alle singen mit. Fast. Auch das ist okay. Niemand muss denselben Song mögen. Niemand muss dieselben Menschen mögen. Niemand muss dieselbe Welt sehen. Ich muss in diesem Moment an einen Satz denken, den ich irgendwann mal gehört habe: Wenn du wissen willst, wie ein Mensch wirklich ist, gib ihm Macht. Keine Ahnung, ob das immer stimmt. Aber manchmal reichen offenbar schon ein bisschen Status, ein bisschen Aufmerksamkeit oder einfach nur die Möglichkeit zu entscheiden, wie man mit jemand anderem umgeht. Dann zeigt sich ziemlich schnell, was darunter liegt.

Narben vom Sommer

Irgendwann wird das Feuer kleiner. Menschen stehen auf, verabschieden sich, verschwinden nach Hause, in Zelten, Bullis oder Wohnwagen. Gespräche werden kürzer. Stimmen leiser. Irgendwer legt noch Holz nach, obwohl eigentlich längst klar ist, dass dieser Abend langsam zu Ende geht. Auch ich stehe irgendwann auf. Meine Kamera liegt im Rucksack im Haus. Die Tür ist zu. Klingeln? Nee. Wegen einer Kamera hole ich jetzt niemanden mehr aus dem Bett. Die brauche ich in dieser Nacht sowieso nicht mehr.

Also morgen.

Ich nehme das Fahrrad, das ich mir von meinem Bruder geliehen habe. Mountainbike. Mit Unterstützung. Läuft gut. 25 km/h sind kein Problem. Ich fahre los. Durch die Nacht. Ein Stück Straße, dann an der Umgehungsstraße entlang und über die Brücke der Bundesstraße. Kaum Verkehr. Trotzdem nehme ich brav die Fußgängerampel. Man will ja schließlich verantwortungsvoll leben. Zumindest für ungefähr die nächsten zehn Minuten. Ich fahre durch die Stadt. Dunkle Häuser. Hier und da noch Menschen auf der Straße. Man grüßt sich. Moin. Moin. Ganz normaler Samstagabend, der inzwischen eigentlich schon Sonntag ist. Vor der evangelischen Kirche liegen Parkplätze direkt an der Straße. Aus Richtung Innenstadt kommt ein Auto. Vielleicht ein bisschen zu schnell. Vielleicht auch nicht. Es kommt kurz von der Fahrbahn ab, zieht über den Parkstreifen und fährt weiter Richtung Ortsausgang. Mehr bekomme ich davon eigentlich gar nicht mit.

Ich erschrecke mich. Richtig. Reiße den Lenker zur Seite. Und dann geht alles ziemlich schnell. Rad weg. Boden da. Und ich bremse mit dem Gesicht. Kann man machen. Ist allerdings nicht die vom Hersteller empfohlene Methode. Ich stehe wieder auf. Mein erster Gedanke: Brille. Ich suche im Dunkeln, finde sie aber nicht. Dann kommen die Schmerzen. Über dem Auge. Im Auge. Am Knie. An der linken Hand. Und dieses warme Gefühl im Gesicht, bei dem man ziemlich schnell weiß, dass das vermutlich kein Schweiß mehr ist.

Blut läuft mir über die Wange. Ich ziehe ein paar Taschentücher aus der Hosentasche und drücke sie auf die Stelle über dem Auge. Sehen kann ich kaum etwas. Es ist dunkel.  Ich habe keine Brille. Und offenbar gerade beschlossen, meinen Kopf einem unfreiwilligen Belastungstest zu unterziehen. Was macht ein vernünftiger Mensch jetzt? Krankenhaus. Richtig.  Was mache ich? Ich fahre nach Hause. Dumm. Ganz eindeutig. Aber manchmal steht man nach so einem Sturz auf, kontrolliert kurz, ob noch ungefähr alles am Körper befestigt ist, und beschließt dann vollkommen grundlos, wird schon gehen. Ich fahre weiter. Diesmal langsamer. Deutlich langsamer. Am nächsten Tag wird Ralf sich die Wunde ansehen und sagen, dass da wahrscheinlich eine ziemlich große Narbe bleiben wird. Direkt über meinem rechten Auge. Und damit wären wir wieder am Anfang.

Mit etwas Glück bleibt sie. Nicht, weil ich besonders scharf darauf bin, mir das Gesicht zu verzieren. Sondern weil Narben Geschichten erzählen können. Nicht jede davon ist schön. Manche möchte man wahrscheinlich am liebsten vergessen. Aber wenn ich diese irgendwann morgens im Spiegel sehe, werde ich mich nicht zuerst an Asphalt erinnern. Nicht an Blut. Nicht an ein Auto, eine verlorene Brille oder daran, dass man mit dem Gesicht wirklich erstaunlich schlecht bremsen kann. Ich werde mich an Apfelbäume erinnern. An einen Fluss. An Waffeln und Pizza auf Holzpaletten. An Gitarren. An Lagerfeuer. An Menschen, die miteinander aufgebaut, gefeiert, getanzt, geredet und diesen einen Samstag zu etwas gemacht haben, das viel länger bleiben wird als die Musik. Vielleicht sogar länger als wir alle. Keine Ahnung. Zum Glück bin ich immer noch nicht gestorben.

Aber bis dahin sammle ich weiter. Menschen. Musik. Abende. Momente. Und manchmal eben auch Narben vom Sommer.

*Danke Adrian für die Verbesserung. Adiran ist DER BASSIST von Plaiins.
Gut, dass ich schrieb, dass ich keine Ahnung hab.

Bandlinks:

KID DAD – CARA – BADMINTON – KANN KARATE – BONY MACARONI – PLAIINS

Komm, wir leihen uns nen Bulli und werfen alles hinten rein. Zwei Shirts. Zwei Hosen, alte Jacken. Auf viel mehr kommt es gar nicht an. Komm, wir scheißen ein paar Tage auf alles und fahren los. Keine Ahnung, wo wir schlafen. Wir haben einfach keinen Plan, nur die Straße vor den Reifen und dein Lachen im Gesicht. Komm wir hören die alten Lieder, die wir früher schon gut kannten. Wir drehen sie auf, singen schief und werden dann noch schiefer. Und verpassen wir die Ausfahrt, dann ist das eben so. Dann fahren wir einfach weiter, während meine Hand nach deiner sucht. Mit dir an meiner Seite fühlt sich selbst ein langer Umweg  wie Glück.

Komm, wir brettern mal ans Meer und vergessen für eine Weile all das, was einmal war. Dieses viel zu laute Leben war viel zu lange laut. Du und ich und unsere alten Lieder. Salzige Luft, tosende Wellen. Wir setzen uns, malen Spuren in den Sand und schauen einfach nur nach Norden, bis der Himmel offensteht. Und ich sag dir nicht, was ich so fühle, weil man es mir sowieso ansieht. Was sagst du? Kommst du mit ans Meer? Nur du und ich?

Und wenn die Nacht auf unsere Schultern fällt und der volle Mond über den Wellen steht, wenn dieses ganze viel zu laute Leben endlich mal die Fresse hält, erzählst du mir vielleicht von Dingen, die du sonst für dich behältst. Von den Tagen, die du magst, und von denen, wo du fällst. Nein. Wir müssen uns nicht retten. Und doch will ich dich halten, wenn du Nähe suchst, und dich gehen lassen, wenn du gehen musst. Ich brauche dich nicht, um ganz zu sein, und du brauchst mich nicht dafür. Aber wenn du einfach neben mir stehst, wird aus Dunkelheit oft Licht und selbst die Kälte fühlt sich plötzlich wärmer an. Ey, komm, wir werfen unsere Sachen in den warmen Sand und rennen in die See. Wir lachen auf dem Weg und sobald das kalte Wasser unsere Haut berührt, fluchen wir ganz laut. Du hältst dich an meinen Schultern fest, obwohl du selbst stehen kannst. Und genau das mag ich so sehr an dir.

Du bleibst, obwohl du niemals musst.

Später liegen wir im Dunkeln. Die Haare nass, der Sand noch warm und das Bier steht neben uns. Dein Kopf liegt ruhig auf meiner Schulter, während meine Finger zwischen deinen liegen. Ich brauche keine Sterne, keine Wünsche und kein Vermögen. Ich brauche kein Zurück. Denn mein einer Wunsch, der sitzt längst neben mir und sieht mich an wie pures Glück.

Ich denke in letzter Zeit öfter darüber nach, dass Reichtum und Vermögen zwei völlig verschiedene Dinge sind. Klingt erstmal wie derselbe Kram. Ist es aber echt nicht. Vermögen ist ja das, was irgendwo auf einem Konto liegt. In Aktien steckt. In Häusern. Autos. Uhren. Dingen, die teuer sind und trotzdem nur herumstehen, sobald niemand hinguckt. Reichtum ist etwas anderes.

Scheiße, wie lange hab ich geglaubt, ich müsste erst ordentlich Geld besitzen, um reich zu sein. Als würde sich ein geiles Leben an schweren Autos, teuren Klamotten und Schuhen erkennen lassen, in denen man nicht mal vernünftig durch eine Pfütze laufen kann. Als müsste ich in einem frisch polierten Audi sitzen, ein Polohemd tragen, das mehr kostet als ein Wochenende am Meer, und dabei aussehen, als hätte ich mein Leben komplett im Griff. Und nur damit andere denken: Der hat es geschafft.

Was für ein Bullshit, denn die meisten würden wahrscheinlich gar nichts denken. Die würden vorbeigehen, an ihren Tag, ihren Feierabend oder daran denken, dass sie noch Klopapier brauchen. Und ein paar wenige würden vielleicht denken: Wenn ich in diesem Auto säße, würden die Leute bestimmt glauben, ich hätte es geschafft. Das ist echt so ein ganzer Kreislauf aus Menschen, die Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die überhaupt nicht wirklich hingucken. Oder die sie nicht mal mögen. Warum muss man überhaupt jemanden beeindrucken wollen? Das ist doch komplett bescheuert.

Ich glaube, reich wirst du nicht in dem Moment, in dem andere dich beneiden. Reich wirst du, wenn es dir scheißegal wird, ob sie es tun. Wenn du niemandem mehr beweisen musst, dass dein Leben etwas wert ist. Wenn du begreifst, dass Perfektion kein messbarer Zustand ist, sondern meistens nur eine hübsch beleuchtete Lüge. Echt jetzt. Perfektion. Auch so ein Wort, das sich Menschen ausgedacht haben, damit sie sich schlechter fühlen können.

Heute Morgen kam ich in den Laden hier im Ort. Rechts so ’ne Art Bäckerei, der Rest ist Geschäft. Brot. Käse. Fleisch. Süßigkeiten. Alles, was man so braucht, wenn man keinen Bock hat, dafür erst durch drei Orte zu fahren. Klamotten gibt es nicht. Muss auch nicht. Der Laden ist gut, die Leute dort sind cool und ich bin gern da. Man spricht miteinander. Kennt sich nicht wirklich, aber eben doch genug, um sich zu erkennen. Dorf halt.

Naja. Ich hatte gerade entspannte fünf Kilometer hinter mir. Ungeduscht. Verschwitzt. Haare irgendwo zwischen Aufstehen und Gegenwind. So sieht man eben aus, wenn man morgens schon unterwegs war, statt ordentlich angezogen irgendwo herumzusitzen und so zu tun, als hätte man sein Leben im Griff. Am Tresen der Bäckerei stand eine Frau, etwas jünger als ich. Sie hatte früher mal hinter mir gewohnt. Hinter mir. Nicht neben mir. Wir kannten uns nicht wirklich, aber man wusste eben, wer der andere ist. Dorfkenntnis. Mehr nicht. Sie bestellte frische Backwaren. Was sonst.

Ich hatte Drei Meter Feldweg auf den Ohren. „Und sie tanzt“. Melancholischer Text, Musik in die Fresse und ab nach vorne. Mittlerweile wieder genau mein Ding. Traurig gucken kann ich später auch noch. Muss aber nicht. Meine Laune war jedenfalls komplett oben. Ich pfiff, lief tanzend in den Laden und rief ein freundliches Hallo in die Runde. Nicht leise. Nicht vorsichtig. Einfach Hallo. Die Frau am Tresen schaute mich an, als hätte man mich gerade mit einer Brotkruste aus dem Wald gelockt. Ein bisschen erschrocken. Ein bisschen abwertend. Dieses knappe Nicken, das weniger nach Begrüßung aussah und mehr nach: Was stimmt denn mit dem nicht?

Und? Keine Ahnung. Vielleicht stimmt endlich wieder ziemlich viel mit mir.

Ihr Blick war ihre Reaktion. Ihr Blickwinkel. Ihre Meinung. Das alles gehört ihr. Nicht mir. Und nichts davon bestimmt meinen Wert. Nicht mein verschwitztes Shirt. Nicht mein Tanzen. Nicht die Tatsache, dass ich morgens im Dorfladen gute Laune habe. Sie trat auf der Stelle. Ich ging weiter. Nein. Ich tanzte weiter. Und genau da wusste ich: Leck mich. Bin ich reich.

Vielleicht ist das überhaupt der Unterschied. Vermögen sammelt Dinge. Und Reichtum sammelt Momente. Nicht die Tasche, auf der irgendein Name steht. Nicht das Auto, das beim Starten klingt, als müsste es allen im Umkreis von drei Kilometern etwas beweisen. Nicht die Uhr, die mehr kostet als ein verdammt gutes Jahr voller Konzerte, Zugfahrten, Essen, Bier, Kaffee und Menschen, die man wirklich mag. Solche Sachen können schön sein. Natürlich. Geld ist auch nicht unwichtig. Wer behauptet, Geld spiele überhaupt keine Rolle, hatte vermutlich immer genug davon. Es macht vieles leichter. Es bezahlt Miete, Essen, Fahrkarten und manchmal auch die Flucht aus Situationen, in denen man nicht mehr bleiben sollte. Aber Geld allein macht noch keinen Reichtum.

Reich ist, wer morgens verschwitzt durch einen Dorfladen tanzt und sich nicht mehr fragt, ob das jemand peinlich findet. Reich ist, wer einen Song hört und für drei Minuten alles andere vergisst. Wer mit Menschen an einem Tisch sitzt und irgendwann nicht mehr weiß, wie spät es ist. Wer losfährt. Wer bleibt. Wer lacht, obwohl der Tag eigentlich anders geplant war. Reichtum sind die Geschichten, die entstehen, wenn man das Leben nicht die ganze Zeit ordentlich halten will.

Ey, am Ende kommt kein Umzugsunternehmen. Niemand fährt dir den Audi hinterher. Niemand packt die teuren Schuhe in Kartons. Keine Uhr, keine Tasche und kein verdammtes Polohemd kommt mit auf die letzte Reise. Was bleibt, sind die Momente. Songs auf den Ohren. Der verschwitzte Morgen. Der Blick, der dir plötzlich egal war. Die Menschen, mit denen du gelacht hast. Die Paprika auf der Pizza. Das Weizenbier im Paddy’s am Bremer Hauptbahnhof. Die Abende, die viel zu kurz waren. Die Tage, an denen du kurz vergessen hast, vernünftig zu sein.

Vielleicht darf man all das auch nicht wirklich mitnehmen. Keine Ahnung. Ich bin zum Glück noch nie gestorben. Aber bis dahin ist es das Einzige, was einem wirklich gehört.