Punkrockromantiker.

Ich glaub ja, ich bin ein Punkrockromantiker. Keine Ahnung, ob das ein echtes Wort ist. Vermutlich nicht. Umso besser. Echte Wörter haben sowieso viel zu oft Aktenordnercharakter. Punkrockromantiker klingt dagegen nach alten kaputten Chucks, viel zu lauten Gitarren und diesem einen Menschen, bei dem man plötzlich leiser wird. Nach zerknitterten Konzertkarten, Bahnsteigen um Mitternacht, schwarzem Kaffee am nächsten Morgen und Nachrichten wie „Sag Bescheid, wenn du zuhause bist“, die manchmal mehr Liebe enthalten als drei Seiten Gedicht.

Früher dachte ich ja, man müsse sich auch mal entscheiden. Keine Ahnung. Erwachsen werden. Entweder, oder. Hart oder weich. Laut oder empfindsam. Unabhängig oder verliebt. Entweder der Typ vorne im Pulk, der beim Refrain den Mittelfinger hochreißt, oder derjenige, der nachts im Bett liegt und sich fragt, ob es dem anderen gerade wirklich gut geht. Kompletter Quatsch. Ich will beides. Ich will Gitarren, die mir das Hirn durchlüften, und Menschen, bei denen ich merke, wenn sich ihre Stimme um einen halben Ton verändert. Ich will mich nicht verbiegen, aber für die richtigen Menschen auch mal einen verdammten Umweg machen. Ich will gehen können, wenn etwas mich klein macht, und bleiben, wenn es nur gerade schwierig ist. Ich will schnell vergeben und langsam küssen. Ich will morgens mit zerknittertem Gesicht Kaffee trinken und trotzdem dieses völlig uncoole Kribbeln haben, wenn ein bestimmter Name auf meinem Display erscheint.

Vielleicht ist genau das Punkrockromantik. Nicht Rosenblätter auf irgendeinem Hotelbett. Nicht Sonnenuntergang mit Geigenmusik. Und bitte auch kein Typ mit Akustikgitarre, der ungefragt Wonderwall anstimmt. Brechreizstimmung. Echt. Punkrockromantik ist, wenn jemand nachts um zwei noch, keine Ahnung, 100 Kilometer fährt, weil du gerade jemanden brauchst. Wenn dir einer beim Konzert wortlos die Hand auf die Schulter legt, weil er gesehen hat, dass dein Abend scheiße läuft. Wenn man sich streitet, sich kurz gegenseitig für komplett bescheuert hält und trotzdem nicht sofort alles wegwirft. Wenn jemand deine Macken kennt und nicht versucht, daraus ein Renovierungsprojekt zu machen. Wenn Nähe nicht bedeutet, sich gegenseitig einzusperren, sondern Türen offen zu lassen und trotzdem zu hoffen, dass der andere bleibt. Aber ohne daraus einen verdammten Besitzanspruch zu machen. Menschen gehören einem nicht.

Ich mag Menschen mit Ecken. Menschen, die schon mal auf die Fresse gefallen sind und deshalb nicht so tun müssen, als hätten sie das Leben verstanden. Menschen mit Narben, schlechten Entscheidungen, zu vielen ausgewaschenen Shirts und Geschichten, die nicht sauber in drei Sätze passen. Menschen, die laut lachen, ehrlich fluchen und trotzdem vorsichtig werden, wenn jemand ihnen etwas anvertraut. Dieses ganze Gerede davon, dass man sich selbst genügen muss, klingt für mich sowieso nach einem Satz, der erfunden wurde, damit niemand zugeben muss, dass wir einander brauchen. Natürlich kann ich alleine leben. Ich kann alleine Zug fahren, alleine essen, alleine durch Wälder laufen und vermutlich sogar alleine einen Kleiderschrank aufbauen, wobei spätestens bei Seite sieben der Anleitung ernsthafte Zweifel angebracht wären. Aber ich möchte gar nicht alles alleine können müssen. Ich mag dieses Wir. Nur eben nicht als Käfig.

Punk war für mich sowieso nie einfach nur dagegen sein. Gegen alles sein kann jeder schlecht gelaunte Hausmeister. Ok. Der ist es meistens auch. Punk ist für mich eher, dass ich selbst entscheide, was mir wichtig ist. Ich muss mein Leben nicht nach irgendeiner Hausordnung führen, die mir Menschen geschrieben haben, die darin gar nicht wohnen. Ich darf mit Mitte vierzig noch zu Konzerten fahren. Mich verlieben. Blödsinn machen. Scheiße labern. Neu anfangen. Zu laut lachen. Eine Nacht durchreden. Einen Menschen vermissen. Einen anderen gehen lassen. Ich darf weich sein, ohne schwach zu werden. Und ich darf Grenzen haben, ohne zum Arschloch zu werden.

Vielleicht ist Romantik überhaupt viel weniger hübsch, als wir immer tun. Vielleicht trägt sie gar kein weißes Hemd. Vielleicht hat sie eine alte Jeans an, verschütteten Kaffee auf dem Tisch und Augenringe vom Vorabend. Vielleicht steht sie morgens am Bahnhof, friert ein bisschen und wartet trotzdem. Vielleicht ist Liebe manchmal einfach, jemandem die Pommes zu überlassen, obwohl man selbst noch Hunger hat. Den letzten Schluck Kaffee. Wobei das natürlich schon härter ist, als ein Heiratsantrag. Die bessere Bettseite. Okay, halt, irgendwo muss Romantik auch Grenzen haben.

Ich möchte jedenfalls nicht mehr vorsichtig leben. Vorsichtig habe ich lange genug gemacht. Vorsichtig sagen, vorsichtig fühlen, vorsichtig hoffen, vorsichtig bloß nicht zu viel wollen. Leck mich. Ich will Menschen sagen, wenn ich sie mag. Ich will Freunde umarmen, ohne vorher die gesellschaftlich zulässige Umarmungsdauer auszurechnen. Ich will mich freuen, ohne sofort nach dem Haken zu suchen. Ich will Pläne machen, obwohl ich sie verkacken könnte. Ich will lieben, obwohl ich längst weiß, was Liebe anrichten kann. Gerade deshalb vielleicht.

Und wenn es irgendwann wieder kracht? Wenn irgendetwas auseinanderfliegt, obwohl man dachte, diesmal würde es halten? Dann wird es wehtun. Natürlich. Punkrockromantiker sind schließlich keine gefühllosen Idioten mit Lederjacke. Das Wort hab ich mir ausgedacht. Vielleicht trifft es sie sogar etwas härter, weil sie trotz allem immer wieder das Herz auf den Tisch legen, direkt neben den Autoschlüssel, die Konzertkarte und den ganzen anderen Kram, den man unterwegs so braucht. Dann liegt man eben kurz da. Flucht ein bisschen. Vielleicht auch länger. Aber man steht wieder auf, wischt sich den Dreck von der Hose und dreht die Musik hoch. Und wenn unterwegs jemand kommt, der bleiben möchte, macht man eben Platz. Auf der Rückbank. Auf dem Beifahrersitz. In der Küche. Egal. Wo auch immer. Hauptsache, man macht Platz.