Und dann drücke ich auf Senden.
Ich habe keine Ahnung. Absolut nicht. Ich sehe mir an, was ich gerade vorhabe, und komme mir vor wie jemand, der vor einer Maschine steht, an der vierzehn Knöpfe blinken. Irgendwo hängt ein Kabel raus. Keine Ahnung, wofür das ist. Auf einem Schalter steht was, das vermutlich wichtig wäre, wenn ich wüsste, was es bedeutet. Ich suche nach einer Bedienungsanleitung. Unter dem Apparat. Daneben. Vielleicht hat sie jemand in die Verpackung gelegt. Nö. Nichts. Fuck. Nur ich, dieses Ding und die berechtigte Frage, wer auf die Idee gekommen ist, mich damit allein zu lassen. Ach ja. Ich selbst. Ich wollte das hier. Ich will es immer noch. Das ist ja das Beschissene. Wäre es mir egal, könnte ich einfach gehen. Hände in die Taschen.Kleiner Schulterzucker. Sollen sich andere damit beschäftigen. Aber da ist diese Vorstellung davon, was passieren könnte, wenn ich das Ding zum Laufen kriege. Die lässt mich nicht in Ruhe. Also stehe ich weiter davor und gucke fachmännisch. Fachmännisch gucken kann ich. Es darf nur niemand eine Rückfrage stellen. Gott bewahre. Sicheres Auftreten bei vollkommener Ahnungslosigkeit.
Man könnte meinen, mit Mitte vierzig müsste man allmählich wissen, wie die Dinge funktionieren. Wen man anruft. Was man schreibt. Wie man eine Idee so vorträgt, dass am anderen Ende jemand sagt: Ja, klingt geil. Machen wir. Stattdessen sitze ich da und überlege, ob schon der erste Satz bescheuert klingt. Dann ändere ich ihn. Dann ändere ich ihn nochmal. Irgendwann habe ich drei Varianten einer Begrüßung und immer noch niemanden begrüßt. Ja Otto, das muss man auch erst einmal hinkriegen. Natürlich könnte ich mich noch besser vorbereiten. Etwas nachlesen, jemanden fragen, herausfinden, welcher Knopf wofür gedacht ist. Das ist vernünftig. Allerdings kenne ich mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich mich mit Vorbereitung auch hervorragend vom Anfangen abhalten kann. Es gibt immer noch etwas, das ich wissen könnte. Noch eine Seite. Noch eine Meinung. Noch einen Menschen, der sich besser auskennt. Und solange ich damit beschäftigt bin, darf mein Vorhaben ziemlich heile in meinem Kopf stehen bleiben. Dort funktioniert es übrigens ausgezeichnet. Begeistertes Publikum. Keine Rückfragen.
Draußen könnte jemand Nein sagen. Ich glaube, davor habe ich mehr Schiss als vor der ganzen komplizierten Maschine. Die könnte ich vermutlich nach und nach verstehen. Aber jemandem zu zeigen, dass ich etwas will, macht mich auf eine Weise sichtbar, die sich nicht besonders lässig anfühlt. Plötzlich weiß ein anderer Mensch davon. Weiß, dass mir etwas wichtig ist. Dass ich mir Mühe gegeben habe. Dass hinter meiner Anfrage eine Hoffnung steckt, auch wenn ich versucht habe, sie möglichst sachlich zu formulieren. Und dann kann dieser Mensch sagen: Danke, aber nein. Drei Worte. Schnell geschrieben. Man kann sie zwischen zwei Terminen verschicken und anschließend überlegen, was es mittags zu essen gibt. Während ich auf meiner Seite womöglich noch eine Weile auf den Bildschirm starre. Weil dort für mich mehr stand als eine Anfrage. Weil ich mich ein Stück weit mitgeschickt habe.
Ein Nein, das ich mir nur vorstelle, lässt mir wenigstens noch eine Ausrede. Die hätten wahrscheinlich sowieso abgesagt. Gerade passt es bestimmt nicht. Vielleicht nächstes Jahr. Ich kann mir die Antwort selbst zurechtlegen und dabei darauf achten, dass sie mich nicht an der empfindlichsten Stelle trifft. Ein ausgesprochenes Nein nimmt mir diese Möglichkeit. Da hat jemand tatsächlich hingesehen und sich dagegen entschieden. Wobei genau da mein Kopf gern eine ziemlich beschissene Übersetzungsarbeit leistet. Jemand schreibt, dass etwas nicht passt, und bei mir kommt an, dass ich nicht reiche. Aus einer Absage an einen Vorschlag wird innerhalb von Sekunden ein Urteil über den Menschen, der ihn gemacht hat. Dafür braucht mein Gehirn keine Fortbildung. Das beherrscht es aus dem Stand. Dabei steht das da überhaupt nicht.
Da steht ein Nein zu dieser Sache, von diesem Menschen, zu diesem Zeitpunkt. Vielleicht war meine Idee nicht gut genug. Vielleicht habe ich sie schlecht erklärt. Vielleicht bin ich an der falschen Adresse. Das kann alles sein. Aber ich muss aus einer Absage nicht gleich eine vollständige Beschreibung meiner Person basteln. Dafür ist sie dann doch ein bisschen dünn. Und der Apparat vor mir? Wenn ich ehrlich bin, ist der gar nicht so empfindlich, wie ich tue. Bei dem Versuch, um den es hier geht, verliere ich nicht gleich meine gesamte Existenz. Vielleicht etwas Zeit. Vielleicht einen Nachmittag, an dem ich enttäuscht bin und keinen Bock habe, mir das Gegenteil einzureden. Mein Stolz könnte eine kleine Delle bekommen. Nun gut. Der hat ohnehin schon Gebrauchsspuren.
Dann kam mir dieser Gedanke mit dem Zähler. Was wäre, wenn in dem Ding hundert Nein stecken, bevor ein Ja herauskommt? Vielleicht hundertzwanzig. Eine völlig bescheuerte Idee. Aber ich habe schon Drucker besessen, denen ich Ähnliches zugetraut hätte. Was würde ich dann mit der ersten Absage machen? Würde ich die Maschine für kaputt erklären? Oder würde ich denken: Gut. Eine weniger. Ich würde vermutlich immer noch fluchen. Aber vielleicht würde ich danach weitermachen.
Natürlich schuldet mir niemand nach der hundertsten Absage eine Zusage. Es gibt keine volle Stempelkarte, die ich irgendwo vorzeigen kann. Vielleicht muss ich etwas verändern. Besser werden. Anders fragen. Einen anderen Zugang suchen. Der Gedanke gefällt mir, weil ich mit ihm anders auf einen Versuch schaue. Ich hätte dann wenigstens etwas getan, das eine Antwort möglich gemacht hat. Und mit einer Antwort lässt sich mehr anfangen als mit dem, was ich mir nachts darüber zusammenfantasiere. Vielleicht ist das überhaupt der Teil, den ich gerade lernen muss. Etwas noch nicht zu können, ohne mich dafür für einen Vollidioten zu halten. Anfänger sein dürfen, obwohl mein Ausweis längst die fragwürdige Geschichte erzählt, ich sei erwachsen. Eine Frage stellen, deren Antwort andere selbstverständlich finden. Sich korrigieren lassen. Noch einmal ansetzen.
Beim Laufenlernen haben wir das schließlich auch gemacht. Hochgezogen, losgelassen, auf den Arsch gefallen. Kurz erschrocken. Geguckt. Vielleicht geheult. Mit Sicherheit geheult. Dann stand da aber immer noch dieser Tisch, dieses Sofa, dieser Mensch, zu dem wir hinwollten. Also wieder hoch. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass ein Kind nach dem dritten Versuch beschlossen hätte, Fortbewegung sei offenbar nichts für seinen Persönlichkeitstyp. Heute hätte ich gern vorher die Bestätigung, dass ich stehen bleibe. Am besten schriftlich. Dabei will ich doch eigentlich irgendwohin. Ich habe keine Ahnung. Keine Ahnung, wie das hier ausgeht. Ein bisschen mehr darüber, was ich als Nächstes versuchen könnte, vielleicht schon. Das muss vorerst reichen. Für eine Frage. Eine Mail. Etwas, das meinen Kopf verlässt und auf der anderen Seite tatsächlich ankommen kann. Der Apparat steht immer noch vor mir. Die Anleitung? Alter, Die gibt’s nicht. Ich schaue auf die Knöpfe, entscheide mich für einen und drücke drauf. Mal sehen, was der Scheiß kann.
Ich habe keine Ahnung, wie man ein Buch in eine Buchhandlung bringt. Wie man einen Verlag findet, der es drucken möchte. Wie man es verkauft und Menschen dazu bekommt, zwischen all den anderen Büchern ausgerechnet dieses in die Hand zu nehmen. Ich habe ein Manuskript geschrieben. Jetzt würde ich gern wissen, wie es weitergeht. Leider öffnet sich nach dem letzten Satz kein Fenster mit der Aufschrift: Geilomat. Wir übernehmen ab hier.
Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, vor dem Schaufenster einer Buchhandlung zu stehen und dort das eigene Buch zu sehen. Zwischen anderen Büchern, an denen andere Menschen vermutlich genauso gezweifelt haben. Ich weiß nicht, wie das ist, hineinzugehen, ein Exemplar aus dem Regal zu nehmen und darin zu blättern. Den eigenen Namen auf dem Umschlag zu lesen. Einen Satz wiederzufinden, an dem man einmal festhing und der jetzt einfach da steht, als wäre es nie anders gewesen. Und um mich herum geht der Laden weiter. Jemand sucht ein Geburtstagsgeschenk. An der Kasse wird bezahlt. Eine Tür geht auf. Niemand weiß, dass der Typ da gerade sein eigenes Buch in den Händen hält und sich ausgesprochen zusammenreißen muss, nicht jedem davon zu erzählen. Vielleicht kaufe ich es sogar. Einfach, weil ich wissen möchte, wie das ist, mit meinem Buch zur Kasse zu gehen. Die Frage, ob es als Geschenk eingepackt werden soll, könnte mich allerdings kurz überfordern.
Ich möchte das wissen. Verdammt, ich möchte wissen, wie sich das anfühlt.
Das aufzuschreiben kostet mich schon etwas Überwindung. Solange ich sage, ich hätte da mal etwas geschrieben und würde einfach schauen, was daraus wird, kann ich ziemlich entspannt wirken. Jetzt steht hier, was ich mir tatsächlich wünsche. Und falls es nicht klappt, kann ich hinterher schlecht behaupten, es sei mir ohnehin nicht besonders wichtig gewesen.
Ist es nämlich.
Deshalb muss ich jetzt an diese Knöpfe. Herausfinden, wen ich anschreiben kann. Mein Manuskript vorstellen. Fragen, ob jemand es lesen möchte. Und dann aushalten, dass eine Antwort kommen könnte, die ich mir anders gewünscht hätte. Vielleicht finden sich viele freundliche Formulierungen für dasselbe Nein. Vielleicht möchte tatsächlich niemand das Buch verlegen. Das wäre beschissen. Ich würde vermutlich eine Weile brauchen, bis ich wüsste, was ich damit anfange.
Aber ich möchte diese Entscheidung nicht schon vorher für alle anderen treffen. Ich möchte nicht aus Angst vor einer Absage dafür sorgen, dass niemand überhaupt die Gelegenheit bekommt, Ja zu sagen. Wenn ich nicht frage, muss mich zwar niemand ablehnen. Nur liegt mein Manuskript dann immer noch bei mir, und das Buch im Schaufenster bleibt etwas, das ich mir ausgedacht habe.
Also werde ich lernen zu fragen. Mit dem Wunsch, dass es klappt, und dem Risiko, dass es wehtut. Ich werde wahrscheinlich zu lange an der ersten Nachricht sitzen. Die Begrüßung ändern. Sie wieder zurückändern. Noch einmal nachsehen, ob der Anhang wirklich dranhängt.
Und dann drücke ich auf Senden.
