Es gibt diesen einen Satz. Den haben wir vermutlich alle schon gesagt. Hundertmal. Mindestens. Das würde ich auch gerne mal machen.
Sagt sich ja auch schön. Wenn jemand von seiner Reise erzählt. Wenn man an einem Haus vorbeifährt und denkt: Ja. Genau so. Nur ohne diese beschissenen grauen Pflastersteine. Wenn irgendeiner seinen Job kündigt und plötzlich Töpfer wird, ein Café eröffnet oder irgendetwas anderes macht, bei dem die eigene Familie erstmal sehr langsam fragt: „Ähhhhm. Und davon kann man leben?“
Wenn jemand ein Buch schreibt. Einen Marathon läuft. Nach Schweden zieht. Mit dem Motorrad durch Europa fährt. Oder einfach feststellt, dass er keinen Bock mehr darauf hat, jeden Donnerstag genauso zu verbringen wie die letzten 400 Donnerstage davor. Dann sagen wir: Das würde ich auch gerne mal machen.
Und direkt dahinter kommt meistens dieses kleine, völlig harmlose Wort.
Irgendwann.
Irgendwann fahre ich da hin. Irgendwann kündige ich. Irgendwann schreibe ich dieses Buch. Irgendwann rufe ich ihn an. Irgendwann suche ich mir eine andere Wohnung. Irgendwann mache ich wieder mehr Sport. Nicht jetzt natürlich. Nee. Jetzt ist gerade ungünstig. Die Arbeit. Die Kinder. Das Geld. Das Wetter. Der Rücken. Merkur steht vermutlich auch gerade scheiße. Erst muss dieses Projekt fertig werden. Nach Weihnachten. Nach dem Sommer. Wenn es auf der Arbeit ruhiger wird. Wenn die Kinder größer sind. Wenn ich mehr Geld habe. Wenn ich weniger Angst habe. Wenn ich endlich weiß, ob das überhaupt funktioniert.
Wenn. Wenn. Wenn.
Wir können das ziemlich gut. Wir könnten vermutlich Weltmeister darin werden, Dinge nicht zu machen und trotzdem ausführlich darüber zu reden. Und erstmal ist daran nichts verkehrt. Menschen brauchen Wünsche. Natürlich. Sonst bestünde das Leben irgendwann nur noch aus Einkaufen, Wäsche, Rechnungen und der Frage, warum im Kühlschrank schon wieder drei offene Gläser Senf stehen. Eine Reise. Eine neue Wohnung. Ein anderer Job. Ein Mensch. Ein Konzert. Ein eigenes Café oder zumindest so ein Siebträgerdingens. Ein verdammt gutes Essen in irgendeiner Stadt, deren Namen man vorher dreimal falsch ausspricht. Alles fein. Das Problem ist nur, dass wir Wünsche gerne für ziemlich coole Pläne halten. Sind sie aber nicht.
Ein Wunsch ist erstmal nur ein Gedanke, der sich wichtig anzieht. Mehr nicht.
Ich kann zehn Jahre davon erzählen, dass ich unbedingt einmal nach New York möchte, ohne auch nur zu gucken, was ein Flug kostet. Ich kann sagen, dass ich irgendwann ein Buch schreiben will, ohne eine einzige verdammte Seite zu schreiben. Ich kann jeden Sonntagabend feststellen, dass mich mein Job nervt und Montagmorgen trotzdem wieder hingehen. Pünktlich. Mit Brotdose. Ich kann jemanden vermissen und ihr trotzdem nicht schreiben. Ich kann seit fünf Jahren sagen, dass ich „wirklich mal wieder mehr für mich machen muss“. Was auch immer das bedeutet. Und dann mache ich erstmal nichts. Funktioniert hervorragend. Jahrelang. Das ist nämlich das Geile an Wünschen: Die erwarten erstmal nichts. Kein Geld. Kein Termin. Kein Zugticket. Kein Anruf. Keine Kündigung. Keine Buchung. Kein peinlicher erster Versuch.
Und vor allem kein Risiko. Solange etwas nur ein Wunsch ist, kann es nicht schiefgehen. Das Café geht nicht pleite. Das Buch findet niemand kacke. Die Reise wird kein Desaster. Der neue Job nervt nicht genauso wie der alte. Der Mensch sagt nicht Nein. Alles bleibt schön. Im Kopf. Da ist sowieso vieles einfacher. Und genau deshalb schleppen wir manche Wünsche jahrelang mit uns herum. Zehn Jahre. Zwanzig. Manchmal ein halbes Leben. Nicht unbedingt, weil sie uns so verdammt wichtig sind. Sondern weil sie da, wo sie liegen, ausgesprochen bequem sind. Kein Risiko. Keine Blamage. Keine Veränderung. Und trotzdem kann man sich einreden, man hätte da ja noch etwas vor.
Nee. Hat man nicht. Man hat einen Wunsch. Das ist nett. Und manchmal scheint uns genau das sogar zu reichen. Vielleicht, weil Wünsche noch einen ziemlich praktischen Nebeneffekt haben. Sie erzählen uns eine schöne Geschichte über uns selbst. Dass wir eigentlich jemand sind, der gerne die Welt sehen würde. Dass wir eigentlich mutiger wären. Eigentlich kündigen würden. Eigentlich noch einmal ganz neu anfangen könnten. Eigentlich viel mehr aus unserem Leben machen würden.
Wenn gerade nicht so viel los wäre. Wenn die Kinder größer wären. Wenn das Konto ein bisschen spektakulärer aussehen würde. Wenn. Ja. Kacke. Da ist es wieder. Und direkt daneben sitzt sein kleiner Bruder: Eigentlich.
Auch so ein abgefahrenes Wort. Vielleicht sogar noch besser als irgendwann. Denn „eigentlich“ erlaubt uns, eine ziemlich geile Version von uns selbst zu besitzen, ohne sie jemals benutzen zu müssen. Eigentlich bin ich mutig. Eigentlich bin ich spontan. Eigentlich könnte ich ein Buch schreiben. Eigentlich könnte ich einen Marathon laufen. Eigentlich würde ich sofort nach Schweden ziehen. Eigentlich. Nur gerade eben jetzt nicht. Praktisch. Denn solange ich etwas nicht versuche, kann ich mir fast alles darüber erzählen, wer ich sein könnte.
Vielleicht wäre ich eine großartige Schauspielerin. Vielleicht würde mein Café fantastisch laufen. Vielleicht hätte ich nach sechs Monaten einen Marathon unter vier Stunden in den Beinen und würde plötzlich Menschen ungefragt erklären, welche Laufsocken ihr Leben verändern. Vielleicht wäre Schweden genau mein Ding. Rotes Haus. See. Wald. Keine Menschen in unmittelbarer Nähe, die nerven. Frieden. Elche. Keine Ahnung, was man sich da sonst so vorstellt. Kann alles sein. Kann aber genauso gut kompletter Quatsch sein. Und leider gibt es nur eine ausgesprochen ungemütliche Methode, das herauszufinden.
Machen.
Scheiße. Denn in dem Moment passiert etwas ziemlich Unangenehmes: Die schöne Geschichte bekommt Kontakt mit der Realität. Und Realität interessiert sich einen Scheiß dafür, was wir uns vorher über uns selbst erzählt haben.
Vielleicht eröffnet das Café und nach drei Monaten sitzen dort hauptsächlich zwei Freunde, meine Steuerberaterin und jemand, der eigentlich nur aufs Klo musste. Vielleicht fahre ich nach Schweden und stelle nach vier Tagen fest, dass mir Wald, Seen und diese ganze skandinavische Gelassenheit gewaltig auf den Sack gehen. Vielleicht kündige ich meinen Job, fange etwas Neues an und merke: Scheiße. Der Job war gar nicht das Problem. Vielleicht stehe ich beim Marathon bei Kilometer 31 irgendwo am Straßenrand und frage mich, welcher Idiot eigentlich beschlossen hat, dass 42 Kilometer eine vernünftige Entfernung zum Laufen sind. Vielleicht schreibe ich diesem Menschen. Und er sagt Nein. Oder noch schlimmer: „Du bist echt ein lieber Mensch.“ Alter. Dann ist der Drops auch erstmal gelutscht.
Plötzlich wird aus diesem wunderbaren „Ich könnte“ ein „Ich habe es versucht.“ Und das ist ein verdammt großer Unterschied. „Ich könnte“ lässt alles offen. „Ich habe es versucht“ liefert Ergebnisse. Manchmal gute. Manchmal beschissene. Manchmal welche, bei denen man sich hinterher fragt, warum man nicht einfach gemütlich auf dem Sofa geblieben ist und weiter behauptet hat, man könne das bestimmt.
Aber immerhin weiß man es dann. Und vielleicht drücken wir uns genau davor häufiger, als wir zugeben wollen. Nicht nur vor dem „Auf die Fresse fliegen“. Sondern davor, dass die Realität unsere schöne Geschichte über uns selbst überprüft. Denn solange niemand nachmisst, können wir verdammt weit springen. Solange niemand die Stoppuhr drückt, sind wir ziemlich schnell. Und solange wir nie anfangen, könnten wir vermutlich alles sein. Ist nur leider ein ziemlich beschissener Ersatz für ein Leben, das tatsächlich stattfindet.
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