Narben vom Sommer
Mit etwas Glück bleibt da eine Narbe. Eine ziemlich große sogar. Direkt über meinem rechten Auge. Das Herz schlägt zwar links, aber vielleicht gehören Narben sowieso nicht dahin, wo das Herz sitzt. Vielleicht gehören sie ja dahin, wo man sie morgens im Spiegel sieht. Genau da, wo man hinguckt, bevor man sich Kaffee macht, die Zähne putzt und versucht, für einen weiteren Tag halbwegs wie ein funktionierender Erwachsener auszusehen. Und vielleicht werde ich in ein paar Jahren, wenn ich mit etwas Glück wirklich alt bin, auch vor einem Spiegel stehen, die Narbe anschauen und grinsen. Weil ich dann sofort wieder an diese eine Party im Jahr 2026 denken werde. An eine Party von Freunden für Freunde. An einen dieser Tage, die eigentlich vollkommen normal anfangen und irgendwann beschließen, dass sie bleiben. Unter Apfelbäumen. Am Fluss. Zwischen alten Eichen, deren Äste sich im Wind bewegen, während unten das Wasser Richtung Stadt zieht. Noch ein gutes Stück entfernt von Häusern, Straßen und all dem Kram, der sonst ständig wichtig sein möchte. Dort haben Freunde gemeinsam einen Garten hergerichtet. Kabel gezogen. Beleuchtung aufgebaut. Technik angeschlossen. Tische verschoben. Dinge irgendwo hingestellt und später noch einmal woanders hingestellt, weil das bei solchen Aktionen offenbar zum offiziellen Ablauf gehört. Keine durchgestylte Pinterest-Scheiße. Keine Servietten, die farblich auf irgendwelche Trockenblumen abgestimmt waren. Einfach ein richtig geiler Garten. Freitag. Kaffee und Kuchen in der Küche. Pizza auf alten Holzpaletten. Musik. Getränke. Leute, die kamen, blieben, halfen, lachten und diesen Ort für ein paar Stunden zu etwas gemacht haben, das man nicht planen kann. Und genau deshalb war es so gut. Denn es gibt Tage, da merkt man plötzlich mittendrin, dass man sich genau daran einmal erinnern wird. Nicht, weil gerade etwas wahnsinnig Spektakuläres geschieht. Sondern weil einfach alles stimmt. Der Ort. Die Menschen. Die Stimmung. Dieses schwer zu erklärende Gefühl, dass man gerade verdammt gerne genau dort ist, wo man ist.
Ich verstehe schon, warum Menschen Narben im Gesicht meistens nicht besonders geil finden. Sie passen nicht unbedingt in das, was uns jahrelang als schön verkauft wurde. Glatte Haut. Symmetrie. Möglichst wenig Spuren davon, dass man dieses Leben tatsächlich benutzt hat. Und natürlich erzählen Narben nicht immer schöne Geschichten. Manche entstehen durch Unfälle. Durch Gewalt. Durch Krankheiten. Durch Dinge, an die man sich vielleicht lieber nicht jeden Morgen erinnern möchte. Aber meine wird anders. Meine wird von einem verdammt guten Tag erzählen. Von einem Garten am Fluss. Von Pizza auf Holzpaletten, Musik und Freunden. Von Menschen, bei denen man nicht erklären muss, warum sie einem wichtig sind. Und davon, dass dieser Tag offenbar so gut war, dass er beschlossen hat, ein kleines Stück von sich einfach dazulassen. Direkt über meinem rechten Auge. Wie es dazu gekommen ist? Das erzähle ich später. Denn diese Geschichte gehört ans Ende. Genau dahin, wo sie passiert ist.
Aber wir bleiben am Anfang. Nicht ganz am Anfang, denn solche Geschichten fangen sowieso immer früher an, als man später behauptet. Vielleicht Jahre vorher. Mit irgendeiner Entscheidung. Mit einem Termin, der abgesagt wurde. Mit etwas, das sich nicht verschieben ließ. Mit einem Satz zwischen Freunden, der erstmal gar nicht besonders groß klang. Lass uns das einfach mal machen. Könnte ja gut werden. Oder komplett bescheuert. Und meistens sind genau das die Sachen, bei denen man vorher noch ein bisschen zweifelt. Bei denen niemand so richtig weiß, ob das eine gute Idee ist. Bei denen man kurz über Vernunft nachdenkt und sich dann entscheidet, auf jede angezogene Handbremse und Vollkaskoversicherung einfach mal zu scheißen. Man macht. Und manchmal wird genau daraus etwas richtig Geiles. Vielleicht liegt der eigentliche Anfang also irgendwo dort. Aber den erzähle ich nicht. Ich fange am Samstag an.
Unter Freunden
Aber wir bleiben am Anfang. Nicht ganz am Anfang, denn solche Geschichten fangen sowieso immer früher an, als man später behauptet. Vielleicht Jahre vorher. Mit irgendeiner Entscheidung. Mit einem Termin, der abgesagt wurde. Mit etwas, das sich nicht verschieben ließ. Mit einem Satz zwischen Freunden, der erstmal gar nicht besonders groß klang. Lass uns das einfach mal machen. Könnte ja gut werden. Oder komplett bescheuert. Und meistens sind genau das die Sachen, bei denen man vorher noch ein bisschen zweifelt. Bei denen niemand so richtig weiß, ob das eine gute Idee ist. Bei denen man kurz über Vernunft nachdenkt und sich dann entscheidet, auf jede angezogene Handbremse und Vollkaskoversicherung einfach mal zu scheißen. Man macht. Und manchmal wird genau daraus etwas richtig Geiles. Vielleicht liegt der eigentliche Anfang also irgendwo dort. Aber den erzähle ich nicht. Ich fange am Samstag an.

Die letzten Vorbereitungen laufen. Kleinkram. Details. Nichts, was einzeln besonders wichtig aussieht, aber zusammen genau den Unterschied macht zwischen „Wir stellen hier ein bisschen was hin“ und „Scheiße, das wird heute wirklich gut.“ Am Rand steht jemand und raucht. Ein paar Meter weiter werden die letzten Kabel verlegt. Irgendwer malt ein Plakat. Jemand anderes baut dafür noch schnell einen Rahmen. Der Zeitplan der Bands wird aufgehängt. Aufgaben werden verteilt, geändert, wieder anders verteilt und am Ende macht sowieso jeder noch irgendwas, das ursprünglich gar nicht auf seiner Liste stand. Der Grill kommt an seinen Platz. Die ersten Gäste trudeln ein. Ein paar bauen ihre Zelte auf. Andere schlafen später in Bullis. Für die Bands stehen Wohnwagen parat, falls irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem Heimfahren zwar theoretisch noch möglich, praktisch aber einfach eine beschissene Idee wäre. Auf der Bühne wird weiter geschraubt. Aber anders. Der Tontechniker feilt am Sound. Die erste Band stimmt die Gitarren, redet sich mit ihm durch Pegel, Monitore und diesen ganzen Kram, von dem ich ungefähr so viel verstehe wie von der, ich sach mal, korrekten Besteuerung einer liechtensteinischen Briefkastenfirma. Aber es klingt langsam richtig. Nicht perfekt. Perfekt würde hier sowieso nicht passen. Dafür geht die Musik zu sehr nach vorne. Dafür ist das hier zu echt.
Ich frage mich gerade, ob ich auf die Bands überhaupt einzeln eingehen soll. Ich bin kein Musikexperte. Nicht mal ansatzweise. Technik. Genres. Klangbilder. Gitarrensounds. Irgendwelche Unterschiede, die andere Menschen nach drei Takten erkennen und anschließend zwölf Minuten erklären können. Keine Ahnung. Ich kann eigentlich nur sagen, ob mich eine Band abholt oder eben nicht. Und an diesem Tag haben sie das. Manche mehr. Manche weniger. Aber am Ende ist das sowieso nur meine Meinung. Kann man lesen. Muss man aber nicht übernehmen. Denn das, was ich überragend finde, klingt für jemand anderen vielleicht einfach nach Geschrammel von wilden Leuten, die vermutlich gerade irgendeine Phase durchmachen. Ist natürlich Quatsch. Aber Menschen reden erstaunlich gern über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben. Erfahrungswerte. Was soll ich machen? Und ich nehme mich da ausdrücklich nicht raus. Hab ich selbst oft genug gemacht. Irgendwas gesehen. Kurz eingeordnet. Schublade auf. Rein damit. Fertig. Heute versuche ich lieber neugierig zu sein als wertend. Klappt manchmal ziemlich gut. Und manchmal eben überhaupt nicht. Auch das gehört vermutlich dazu. Egal Karl.
Bands
Die Bands, die an diesem Samstag gespielt haben, hießen KID DAD, CARA, Badminton, Kann Karate, Bony Macaroni und Plaiins. Alle cool. Alle richtig gut. Und natürlich jede auf ihre eigene Art. Wäre ja auch maximal ätzend, wenn sechs Bands nacheinander exakt denselben Kram machen würden. Keine Coverbands. Keine Top-40-Schützenfestkapelle. Kein Mainstream-Gedudel, bei dem spätestens beim dritten Song irgendwer „Summer of ’69“ erwartet. Meist Indie. Punk. Irgendwas dazwischen. Vielleicht auch komplett anders. Wie gesagt: Ich hab doch keine Ahnung.
KID DAD kamen, wenn ich das richtig im Kopf habe, aus Berlin und Paderborn. Glaub ich. Paderborn. Früher habe ich aus irgendeinem vollkommen unerklärlichen Grund geglaubt, Paderborn läge irgendwo an der Nordsee. Ein kleiner, verschlafener Ort, in dem grundsätzlich alle Menschen gelbe Regenjacken tragen. Friesennerze. Immer. Weil es in Paderborn natürlich auch immer regnet. Immer Herbst. Keine Ahnung, woher mein Kopf diesen Quatsch hatte. Vermutlich dieselbe Abteilung, die jahrelang auch andere vollkommen unbelegte Dinge einfach als Fakten abgespeichert hat. Heute weiß ich natürlich, wo Paderborn liegt. Irgendwo da am Rand Richtung Sauerland. Und Berlin? Ja gut. Davon hab ich schon mal gehört.

CARA hingegen kam aus Köln. Schon deutlich ruhiger oder vielleicht auch melancholischer. Songs über Selbstfindung, Beziehungen, Nähe, Entfernung und diesen ganzen Kram, bei dem man eigentlich nur Musik hören will und plötzlich trotzdem irgendwo in seinem eigenen Leben landet. Unfassbar schöne Stimme. Viel Gefühl. Mir persönlich fast ein bisschen zu viel davon. Und damit meine ich nicht, dass es schlecht war. Ganz im Gegenteil. Es hat mich nur ziemlich erwischt. Emotional. Mehr, als ich in dem Moment eigentlich gebrauchen konnte. Keine Ahnung. Es gibt Musik, die läuft einfach. Und es gibt Musik, die stellt sich neben dich, legt dir kurz die Hand auf die Schulter und sagt: So. Jetzt gucken wir uns das hier mal gemeinsam an. CARA war eher die zweite Sorte. Wunderschön. Aber eben auch gefährlich nah dran. Das ist ein richtiges Kompliment, auch wenn es erstmal anders klingt. Ich war nur nicht bereit.

Und wo wir gerade bei Menschen sind, die an diesem Tag irgendwie präsent waren, obwohl sie gar nicht da waren: Mareike und Marina haben gefehlt. Beide. So nämlich. Irgendwas war dazwischengekommen. Familienurlaub. Termine. Leben eben. Diese lästige Angewohnheit des Alltags, sich nicht danach zu richten, wann irgendwo ein richtig guter Abend geplant ist. Kann man nichts machen. Trotzdem haben sie gefehlt. Jetzt nicht so, dass ständig jemand traurig in eine Ecke geguckt hätte. So meine ich das gar nicht. Eher auf diese stille Art. Wenn man zwischendurch denkt: Das hier würde ihr gefallen. Oder: Jetzt würde sie wahrscheinlich genau darüber lachen. Oder wenn irgendwo ein Platz frei ist, obwohl eigentlich niemand einen Platz freigehalten hat. Menschen können fehlen, ohne dass dadurch alles schlechter wird. Der Abend war großartig. Vielleicht gerade deshalb merkt man manchmal besonders deutlich, wen man gern dabeigehabt hätte. Mareike und Marina gehörten an diesem Tag oder Abend dazu. Definitiv.
Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das war, aber irgendwann vor CARAs Auftritt stand BADMINTON hinten auf dem Platz und spielte mit den Kids Fußball. Einfach so. Keine große Ansage. Kein Programmpunkt. Kein „Jetzt bitte alle einmal hier entlang“. Ball da. Kinder da. Band da. Also wurde gespielt. Ohne Linienrichter, ohne Regeln und ohne doppelten Boden. Okay, ein Netz gab es. Genau solche Sachen machen dieses Fest aus. Es passiert einfach. Menschen kommen zusammen und für ein paar Stunden interessiert es wirklich niemanden, wo jemand herkommt, was jemand verdient, woran jemand glaubt oder in welche verdammte Schublade er laut irgendeinem Formular eigentlich gehören soll. Zumindest hatte ich genau dieses Gefühl. Und ganz ehrlich: All der ganze Bums würde mich auch nicht interessieren. Nach dem Fußball war dann BADMINTON dran. Und die haben das Publikum schon ziemlich ordentlich zerfickt. Darf man das so schreiben? Ja. Natürlich darf ich das so schreiben. Meine Seite. Meine Texte. Kein Chefredakteur, der mit rotem Stift danebensteht und aus „zerfickt“ am Ende „begeisterte das Publikum“ macht. Auch irgendwie geil. Aber wie gesagt: Ich will hier gar nicht anfangen, jede Band musikalisch auseinanderzunehmen. Dafür fehlt mir erstens das Fachwissen und zweitens wäre meine Meinung am Ende sowieso genau das, meine Meinung. Subjektiv. Ich werde die Bands am Ende verlinken und dann kann sich jeder selbst anhören, was davon hängen bleibt. Denn vielleicht finde ich etwas großartig und jemand anderes hält es für drei Gitarren und einen mittelschweren Nervenzusammenbruch. Völlig okay. So funktioniert Musik vermutlich. Denke ich. Wie gesagt: Keine Ahnung.

Ich habe mich mit Tim unterhalten, der gerade mit meinem Buch arbeitet. Mit Matthias, mit dem ich früher mal zur Schule gegangen bin. Mit Jens und Simon, die ich auch irgendwie von früher kenne, obwohl wir nie gemeinsam in irgendeinem Klassenraum gesessen haben. Mit Anneliese, die 2008 für einen ziemlich kurzen Moment meine Arbeitskollegin war. Vielleicht ein paar Wochen. Keine Ahnung. Lange genug jedenfalls, dass man sich fast zwanzig Jahre später noch erkennt. Mit Mirco. Mit Ralf. Rolf. Stefan. Maria. Gerd. Mit all den Menschen, die dieses Fest auf die Beine gestellt haben. Und mit Sicherheit habe ich jetzt jemanden vergessen. Oder ich kenne manche Namen überhaupt nicht. War aber auch vollkommen egal. Niemand lief dort herum und stellte sich mit vollständigem Namen, Beruf und aktueller Lebenssituation vor. Man redete einfach. Über Musik. Über früher. Über heute. Über irgendeinen Quatsch, der genau in diesem Moment wichtig genug war, um ein paar Minuten darüber zu sprechen.
Besonders gefreut habe ich mich über Anne. Wir kennen uns noch aus Zeiten, in denen wir im Scheibenwischer Partys gefeiert haben. Den Scheibenwischer gibt es schon ewig nicht mehr. Und diese Abende liegen inzwischen so weit zurück, dass vermutlich ganze Teile davon irgendwo zwischen zu lauter Musik, Bier und den allgemeinen Gedächtnislücken der frühen Erwachsenenjahre verschollen sind. Aber manches ist eben trotzdem noch da. Keine komplette Nacht. Keine genaue Uhrzeit. Keine Ahnung mehr, welche Musik lief oder wer damals welches Shirt getragen hat. Sondern so kleine Szenen. Momente eben. Ein Gespräch draußen vor der Tür. Irgendein Lachen. Ein kurzer Moment an der Theke. Zwei Sätze, die vollkommen unwichtig waren und sich trotzdem irgendwo festgesetzt haben. Schon verrückt. Oder? Ich mein, wenn mich heute jemand fragen würde, was ich damals so hatte an Kram, könnte ich vermutlich kaum etwas aufzählen. Welche Schuhe. Welche Jacke. Was damals unbedingt wichtig wirkte. Echt. Keine Ahnung. Aber ich weiß noch, wie sich manche Abende angefühlt haben.
Vielleicht sollten wir tatsächlich wieder ein bisschen mehr davon sammeln. Nicht Zeug. Momente. Dinge kann man verlieren. Verkaufen. Wegwerfen. Sie gehen kaputt oder liegen irgendwann in irgendeinem Karton, bei dem man seit sechs Jahren behauptet, man würde ihn demnächst mal aussortieren. Momente aber sind anders. Die nimmt man einfach mit. Manchmal über Jahre. Manchmal über Jahrzehnte. Vielleicht sogar weit darüber hinaus. Keine Ahnung. Zum Glück bin ich noch nie gestorben, deshalb fehlen mir da belastbare Erfahrungswerte. Aber genau diese kleinen Augenblicke gab es auch an diesem Samstag wieder. Am Fluss. Unter den Apfelbäumen. Zwischen Musik, Gesprächen und Menschen, die sich irgendwann irgendwo im Leben schon einmal begegnet waren oder sich genau dort zum ersten Mal trafen. Nichts davon musste besonders teuer sein. Kein Luxus. Kein großes Spektakel. Manchmal reichen ein Garten, ein paar alte Holzpaletten, Musik und Menschen, mit denen man verdammt gerne genau dort steht. Und vielleicht ist das am Ende wirklich der Kram, der bleibt.
Ich merke schon. Dieser Text wird länger als erwartet.
Wahrscheinlich liegt es an den unzähligen Eindrücken. An den vielen kleinen Momenten. An diesen verdammt guten Waffeln. An einer Essensorganisation, bei der offenbar tatsächlich Menschen vorher nachgedacht hatten. An der Musik. An Gesprächen. An all dem Zeug, das an einem einzigen Tag passiert und sich später trotzdem nicht vernünftig auf drei Absätze zusammenstreichen lässt. Kannste machen. Wäre dann aber schade. Dann standen KANN KARATE auf der Bühne. Vier Jungs aus Berlin. Indierock. Rotzige Hymnen. Hab ich gerade bei Instagram gelesen. Klingt gut. Nehmen wir so. Und dann kam „Blumen“. Der Song hängt mir immer noch im Kopf. Was für ein Abriss. Was für eine Stimmung. Vor der Bühne standen keine Menschen mehr herum, die höflich mit dem Fuß wippten und darauf achteten, bloß nicht unangenehm aufzufallen. Da wurde getanzt. Mitgesungen. Gelacht. Irgendwann war die Musik kurz weg und die Stimmen waren immer noch da.


Genau solche Momente liebe ich. Wenn eine Band eigentlich schon gar nichts mehr machen muss, weil die Menschen vor der Bühne den Song einfach übernehmen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist „Blumen“ wahrscheinlich der Song dieses Tages, der sich bei mir am tiefsten festgesetzt hat. Keine Ahnung, ob er musikalisch der beste war. Ist mir auch vollkommen egal. Er ist geblieben. Und wenn ich ihn jetzt höre, denke ich sofort wieder an diesen Garten. An den Abend. An tanzende Menschen. An dieses ziemlich seltene Gefühl, dass man gerade nirgendwo anders sein möchte. Das ist so ein Song, bei dem man sich bewegen muss. Tanzen. Lachen. Vielleicht jemanden küssen. Glücklich sein. Oder wenigstens für diese paar Minuten vergessen, warum man es gerade nicht sein sollte. Stillstehen funktioniert jedenfalls nicht. Hab ich versucht. Ehrlich. Keine Chance.
Die Übergänge an diesem Abend waren fließend. Eigentlich ging alles irgendwie ineinander über. Eine Band hörte auf. Menschen holten sich etwas zu essen. Irgendwo wurde gelacht. Jemand stand am Fluss. Dann fing schon wieder irgendwo Musik an. Stunden fühlten sich an wie Minuten. Zeit ist sowieso so ein seltsamer Kram, den ich wahrscheinlich niemals wirklich verstehen werde. A-Theorie. B-Theorie. Linear. Blockuniversum. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Alles gleichzeitig oder doch schön ordentlich hintereinander? Keine Ahnung. Muss ich mich damit jetzt beschäftigen? Wahrscheinlich nicht. Was würde Einstein dazu sagen? Vermutlich würde er irgendetwas sehr Kluges über Relativität erzählen und danach, wie fast jeder Mensch, mit dem ich über solche Sachen irgendwann zu lange gesprochen habe, einfach sagen:
„Halt die Fresse, Torsten.“
Zurück in den Garten. Überall gingen langsam die kleinen Lichter an. Und was mir irgendwann auffiel, niemand war wirklich richtig betrunken. Natürlich waren hier und da ein paar Leute leicht angeschossen. Gehört wahrscheinlich dazu. Aber dieses komplette Wegschießen, wie man es von manchen Dorfschützenfesten kennt, bei denen ab einer bestimmten Uhrzeit Menschen anfangen, persönliche Feindschaften mit Bierzeltgarnituren auszutragen, blieb aus. Zumindest habe ich nichts davon gesehen. Ich lief mit der Kamera durch die Reihen und niemand fiel unangenehm auf. Es wurde getrunken. Aber vor allem wurde gefeiert. Das ist ein Unterschied.
Irgendwas um 21 Uhr kamen Bony Macaroni auf die Bühne. Wo die herkamen? Keine Ahnung. Wirklich nicht. Aber was sie gemacht haben, weiß ich noch. Und als plötzlich „Mr. Brightside“ von The Killers kam, einer von gerade mal zwei Coversongs an diesem ganzen Tag, war sowieso alles vorbei. CARA hatte vorher schon „Nur ein Wort“ von Wir sind Helden gespielt. Und jetzt das. Natürlich konnten plötzlich alle mitsingen. Wirklich alle. Zumindest klang es so. Leck mich. Was für ein Moment. Überragend.


Ein paar Meter weiter brannte das Lagerfeuer. Menschen, die gerade nicht vor der Bühne tanzten, sangen oder ihre Hände irgendwo in die Luft warfen, saßen am Feuer. Auf der Wiese. Auf kleinen Bänken. Andere standen an Stehtischen, aßen, tranken, redeten. Manche lachten. Manche führten vielleicht Gespräche, die überhaupt nicht lustig waren. Vielleicht verliebten sich an diesem Abend zwei Menschen. Vielleicht stellten zwei andere fest, dass sie sich eigentlich nicht besonders gut leiden können. Vielleicht erzählte jemand einem Menschen, den er kaum kannte, Dinge, die man manchmal genau deshalb erzählen kann. Weil da keine Geschichte davor ist. Keine Erwartung. Kein Urteil. Nur dieser eine Abend. Und irgendwie durfte all das nebeneinander existieren. Die Musik. Das Feuer. Die Gespräche. Das Lachen. Das Schweigen. Kinder schwammen im Fluss, als wäre das alles das Normalste der Welt. Und der Fluss? Dem war das sowieso scheißegal. Der fragte niemanden, woher er kommt. Was er glaubt. Wen er liebt. Was er verdient. Oder ob er in irgendeine Vorstellung davon passt, wie man angeblich zu sein hat. Vielleicht ist Frieden am Ende gar nichts besonders Großes. Vielleicht beginnt er genau da. Wo Menschen aufhören, sich gegenseitig erklären zu wollen. Und stattdessen einfach mal nebeneinander am selben Fluss stehen. Es könnte so einfach sein.
Pure Morning
PLAIINS stimmen ihre Gitarren. Stimmen wehen über den Platz. Im Backstagebereich sitzen Mitglieder der anderen Bands, checken ihre Handys, reden miteinander, lernen sich kennen. Auf dem Tisch steht alles Mögliche. Süßigkeiten. Vegane Schokolade. Gebäck. Wurst. Tatsächlich für jeden irgendwas. Es riecht nach Lagerfeuer, Sommer und diesem seltsamen Gefühl, dass gerade Erinnerungen entstehen, obwohl man sie noch gar nicht so nennen kann. Zwei Menschen laufen Hand in Hand über den Platz. Ein paar Meter weiter füllt jemand Toilettenpapier in den Wagen nach. Auch das gehört dazu. Vielleicht sogar mehr als alles andere. Niemand ist sich für irgendwas zu schade. Dann kurz Ruhe. Und plötzlich brechen PLAIINS los. Vor der Bühne wird es eng. Laut. Unruhig. Auf die gute Art. Irgendwo entsteht vielleicht eine Wall of Death. Vielleicht auch einfach nur ein ziemlich wilder Moshpit. Ich kenne die korrekten Fachbegriffe nicht und werde jetzt auch nicht anfangen, während eines Punkkonzerts Wikipedia zu spielen.
Menschen gehen kollektiv auf den Boden. Warten. Dann kommt dieser Moment. Drop? Nennt man das so? Keine Ahnung. Jedenfalls springen plötzlich alle wieder hoch und alles explodiert. Ich mittendrin. Und ganz ehrlich, es wäre nicht vollkommen undenkbar gewesen, sich dort ein blaues Auge zu holen. Aber selbst das hätte sich wahrscheinlich weniger nach Verletzung angefühlt als nach Souvenir. Ein kleines Andenken an einen Abend mit Punk, Schweiß und Leuten, die für ein paar Minuten beschlossen haben, vernünftig einfach mal sein zu lassen.



Dann der letzte Song. Zugabe. Verabschiedung. Die Bühne wird still. Der DJ übernimmt. Placebo. „Pure Morning“. Vor dem Pult wird weitergetanzt. Langsam gehen die ersten Menschen nach Hause. Die Reihen werden dünner. An der Theke wird es ruhiger. Irgendwann bleiben nur noch die übrig, die offenbar beschlossen haben, dass Schlaf auch morgen noch eine Option ist. Am Lagerfeuer sitzt jemand mit einer Gitarre. „Knockin’ on Heaven’s Door“. Natürlich. Manche Songs bekommt man wahrscheinlich automatisch ausgehändigt, sobald man irgendwo nachts mit einer Akustikgitarre am Feuer sitzt. Aber geil.
Ich frage jemanden, wer er ist. Und zum ersten Mal an diesem Tag habe ich kurz das Gefühl, dass mich jemand nicht besonders mag. Auch okay. Niemand muss mich mögen. Wirklich nicht. Ein paar Minuten später wird von diesem Menschen über mich gesprochen. Nicht lange. Aber laut genug, dass ich es hören kann. Auch das ist okay. Einer verkauft Versicherungen. Der andere ist Geschäftsführer eines größeren Unternehmens. Vielleicht leben wir einfach in ziemlich unterschiedlichen Welten.
Kann sein. Früher hätte ich wahrscheinlich länger darüber nachgedacht, was genau da gerade falsch gelaufen ist. Heute denke ich eher, anders ist erstmal nur anders. Nicht besser. Nicht schlechter. Nur anders. Ich drehe mich wieder zum Feuer. Neben mir sitzt der Gitarrist Bassist* von PLAIINS. Wir reden kurz, tauschen unsere Instagram-Accounts aus und folgen uns gegenseitig. So einfach kann das auch gehen. Später spielt er „Schrei nach Liebe“. Und fast alle singen mit. Fast. Auch das ist okay. Niemand muss denselben Song mögen. Niemand muss dieselben Menschen mögen. Niemand muss dieselbe Welt sehen. Ich muss in diesem Moment an einen Satz denken, den ich irgendwann mal gehört habe: Wenn du wissen willst, wie ein Mensch wirklich ist, gib ihm Macht. Keine Ahnung, ob das immer stimmt. Aber manchmal reichen offenbar schon ein bisschen Status, ein bisschen Aufmerksamkeit oder einfach nur die Möglichkeit zu entscheiden, wie man mit jemand anderem umgeht. Dann zeigt sich ziemlich schnell, was darunter liegt.
Narben vom Sommer
Irgendwann wird das Feuer kleiner. Menschen stehen auf, verabschieden sich, verschwinden nach Hause, in Zelten, Bullis oder Wohnwagen. Gespräche werden kürzer. Stimmen leiser. Irgendwer legt noch Holz nach, obwohl eigentlich längst klar ist, dass dieser Abend langsam zu Ende geht. Auch ich stehe irgendwann auf. Meine Kamera liegt im Rucksack im Haus. Die Tür ist zu. Klingeln? Nee. Wegen einer Kamera hole ich jetzt niemanden mehr aus dem Bett. Die brauche ich in dieser Nacht sowieso nicht mehr.
Also morgen.
Ich nehme das Fahrrad, das ich mir von meinem Bruder geliehen habe. Mountainbike. Mit Unterstützung. Läuft gut. 25 km/h sind kein Problem. Ich fahre los. Durch die Nacht. Ein Stück Straße, dann an der Umgehungsstraße entlang und über die Brücke der Bundesstraße. Kaum Verkehr. Trotzdem nehme ich brav die Fußgängerampel. Man will ja schließlich verantwortungsvoll leben. Zumindest für ungefähr die nächsten zehn Minuten. Ich fahre durch die Stadt. Dunkle Häuser. Hier und da noch Menschen auf der Straße. Man grüßt sich. Moin. Moin. Ganz normaler Samstagabend, der inzwischen eigentlich schon Sonntag ist. Vor der evangelischen Kirche liegen Parkplätze direkt an der Straße. Aus Richtung Innenstadt kommt ein Auto. Vielleicht ein bisschen zu schnell. Vielleicht auch nicht. Es kommt kurz von der Fahrbahn ab, zieht über den Parkstreifen und fährt weiter Richtung Ortsausgang. Mehr bekomme ich davon eigentlich gar nicht mit.
Ich erschrecke mich. Richtig. Reiße den Lenker zur Seite. Und dann geht alles ziemlich schnell. Rad weg. Boden da. Und ich bremse mit dem Gesicht. Kann man machen. Ist allerdings nicht die vom Hersteller empfohlene Methode. Ich stehe wieder auf. Mein erster Gedanke: Brille. Ich suche im Dunkeln, finde sie aber nicht. Dann kommen die Schmerzen. Über dem Auge. Im Auge. Am Knie. An der linken Hand. Und dieses warme Gefühl im Gesicht, bei dem man ziemlich schnell weiß, dass das vermutlich kein Schweiß mehr ist.
Blut läuft mir über die Wange. Ich ziehe ein paar Taschentücher aus der Hosentasche und drücke sie auf die Stelle über dem Auge. Sehen kann ich kaum etwas. Es ist dunkel. Ich habe keine Brille. Und offenbar gerade beschlossen, meinen Kopf einem unfreiwilligen Belastungstest zu unterziehen. Was macht ein vernünftiger Mensch jetzt? Krankenhaus. Richtig. Was mache ich? Ich fahre nach Hause. Dumm. Ganz eindeutig. Aber manchmal steht man nach so einem Sturz auf, kontrolliert kurz, ob noch ungefähr alles am Körper befestigt ist, und beschließt dann vollkommen grundlos, wird schon gehen. Ich fahre weiter. Diesmal langsamer. Deutlich langsamer. Am nächsten Tag wird Ralf sich die Wunde ansehen und sagen, dass da wahrscheinlich eine ziemlich große Narbe bleiben wird. Direkt über meinem rechten Auge. Und damit wären wir wieder am Anfang.
Mit etwas Glück bleibt sie. Nicht, weil ich besonders scharf darauf bin, mir das Gesicht zu verzieren. Sondern weil Narben Geschichten erzählen können. Nicht jede davon ist schön. Manche möchte man wahrscheinlich am liebsten vergessen. Aber wenn ich diese irgendwann morgens im Spiegel sehe, werde ich mich nicht zuerst an Asphalt erinnern. Nicht an Blut. Nicht an ein Auto, eine verlorene Brille oder daran, dass man mit dem Gesicht wirklich erstaunlich schlecht bremsen kann. Ich werde mich an Apfelbäume erinnern. An einen Fluss. An Waffeln und Pizza auf Holzpaletten. An Gitarren. An Lagerfeuer. An Menschen, die miteinander aufgebaut, gefeiert, getanzt, geredet und diesen einen Samstag zu etwas gemacht haben, das viel länger bleiben wird als die Musik. Vielleicht sogar länger als wir alle. Keine Ahnung. Zum Glück bin ich immer noch nicht gestorben.
Aber bis dahin sammle ich weiter. Menschen. Musik. Abende. Momente. Und manchmal eben auch Narben vom Sommer.
*Danke Adrian für die Verbesserung. Adiran ist DER BASSIST von Plaiins.
Gut, dass ich schrieb, dass ich keine Ahnung hab.
Bandlinks:
KID DAD – CARA – BADMINTON – KANN KARATE – BONY MACARONI – PLAIINS