Scheiß auf Status.
Ich denke in letzter Zeit öfter darüber nach, dass Reichtum und Vermögen zwei völlig verschiedene Dinge sind. Klingt erstmal wie derselbe Kram. Ist es aber echt nicht. Vermögen ist ja das, was irgendwo auf einem Konto liegt. In Aktien steckt. In Häusern. Autos. Uhren. Dingen, die teuer sind und trotzdem nur herumstehen, sobald niemand hinguckt. Reichtum ist etwas anderes.
Scheiße, wie lange hab ich geglaubt, ich müsste erst ordentlich Geld besitzen, um reich zu sein. Als würde sich ein geiles Leben an schweren Autos, teuren Klamotten und Schuhen erkennen lassen, in denen man nicht mal vernünftig durch eine Pfütze laufen kann. Als müsste ich in einem frisch polierten Audi sitzen, ein Polohemd tragen, das mehr kostet als ein Wochenende am Meer, und dabei aussehen, als hätte ich mein Leben komplett im Griff. Und nur damit andere denken: Der hat es geschafft.
Was für ein Bullshit, denn die meisten würden wahrscheinlich gar nichts denken. Die würden vorbeigehen, an ihren Tag, ihren Feierabend oder daran denken, dass sie noch Klopapier brauchen. Und ein paar wenige würden vielleicht denken: Wenn ich in diesem Auto säße, würden die Leute bestimmt glauben, ich hätte es geschafft. Das ist echt so ein ganzer Kreislauf aus Menschen, die Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die überhaupt nicht wirklich hingucken. Oder die sie nicht mal mögen. Warum muss man überhaupt jemanden beeindrucken wollen? Das ist doch komplett bescheuert.
Ich glaube, reich wirst du nicht in dem Moment, in dem andere dich beneiden. Reich wirst du, wenn es dir scheißegal wird, ob sie es tun. Wenn du niemandem mehr beweisen musst, dass dein Leben etwas wert ist. Wenn du begreifst, dass Perfektion kein messbarer Zustand ist, sondern meistens nur eine hübsch beleuchtete Lüge. Echt jetzt. Perfektion. Auch so ein Wort, das sich Menschen ausgedacht haben, damit sie sich schlechter fühlen können.
Heute Morgen kam ich in den Laden hier im Ort. Rechts so ’ne Art Bäckerei, der Rest ist Geschäft. Brot. Käse. Fleisch. Süßigkeiten. Alles, was man so braucht, wenn man keinen Bock hat, dafür erst durch drei Orte zu fahren. Klamotten gibt es nicht. Muss auch nicht. Der Laden ist gut, die Leute dort sind cool und ich bin gern da. Man spricht miteinander. Kennt sich nicht wirklich, aber eben doch genug, um sich zu erkennen. Dorf halt.
Naja. Ich hatte gerade entspannte fünf Kilometer hinter mir. Ungeduscht. Verschwitzt. Haare irgendwo zwischen Aufstehen und Gegenwind. So sieht man eben aus, wenn man morgens schon unterwegs war, statt ordentlich angezogen irgendwo herumzusitzen und so zu tun, als hätte man sein Leben im Griff. Am Tresen der Bäckerei stand eine Frau, etwas jünger als ich. Sie hatte früher mal hinter mir gewohnt. Hinter mir. Nicht neben mir. Wir kannten uns nicht wirklich, aber man wusste eben, wer der andere ist. Dorfkenntnis. Mehr nicht. Sie bestellte frische Backwaren. Was sonst.
Ich hatte Drei Meter Feldweg auf den Ohren. „Und sie tanzt“. Melancholischer Text, Musik in die Fresse und ab nach vorne. Mittlerweile wieder genau mein Ding. Traurig gucken kann ich später auch noch. Muss aber nicht. Meine Laune war jedenfalls komplett oben. Ich pfiff, lief tanzend in den Laden und rief ein freundliches Hallo in die Runde. Nicht leise. Nicht vorsichtig. Einfach Hallo. Die Frau am Tresen schaute mich an, als hätte man mich gerade mit einer Brotkruste aus dem Wald gelockt. Ein bisschen erschrocken. Ein bisschen abwertend. Dieses knappe Nicken, das weniger nach Begrüßung aussah und mehr nach: Was stimmt denn mit dem nicht?
Und? Keine Ahnung. Vielleicht stimmt endlich wieder ziemlich viel mit mir.
Ihr Blick war ihre Reaktion. Ihr Blickwinkel. Ihre Meinung. Das alles gehört ihr. Nicht mir. Und nichts davon bestimmt meinen Wert. Nicht mein verschwitztes Shirt. Nicht mein Tanzen. Nicht die Tatsache, dass ich morgens im Dorfladen gute Laune habe. Sie trat auf der Stelle. Ich ging weiter. Nein. Ich tanzte weiter. Und genau da wusste ich: Leck mich. Bin ich reich.
Vielleicht ist das überhaupt der Unterschied. Vermögen sammelt Dinge. Und Reichtum sammelt Momente. Nicht die Tasche, auf der irgendein Name steht. Nicht das Auto, das beim Starten klingt, als müsste es allen im Umkreis von drei Kilometern etwas beweisen. Nicht die Uhr, die mehr kostet als ein verdammt gutes Jahr voller Konzerte, Zugfahrten, Essen, Bier, Kaffee und Menschen, die man wirklich mag. Solche Sachen können schön sein. Natürlich. Geld ist auch nicht unwichtig. Wer behauptet, Geld spiele überhaupt keine Rolle, hatte vermutlich immer genug davon. Es macht vieles leichter. Es bezahlt Miete, Essen, Fahrkarten und manchmal auch die Flucht aus Situationen, in denen man nicht mehr bleiben sollte. Aber Geld allein macht noch keinen Reichtum.
Reich ist, wer morgens verschwitzt durch einen Dorfladen tanzt und sich nicht mehr fragt, ob das jemand peinlich findet. Reich ist, wer einen Song hört und für drei Minuten alles andere vergisst. Wer mit Menschen an einem Tisch sitzt und irgendwann nicht mehr weiß, wie spät es ist. Wer losfährt. Wer bleibt. Wer lacht, obwohl der Tag eigentlich anders geplant war. Reichtum sind die Geschichten, die entstehen, wenn man das Leben nicht die ganze Zeit ordentlich halten will.
Ey, am Ende kommt kein Umzugsunternehmen. Niemand fährt dir den Audi hinterher. Niemand packt die teuren Schuhe in Kartons. Keine Uhr, keine Tasche und kein verdammtes Polohemd kommt mit auf die letzte Reise. Was bleibt, sind die Momente. Songs auf den Ohren. Der verschwitzte Morgen. Der Blick, der dir plötzlich egal war. Die Menschen, mit denen du gelacht hast. Die Paprika auf der Pizza. Das Weizenbier im Paddy’s am Bremer Hauptbahnhof. Die Abende, die viel zu kurz waren. Die Tage, an denen du kurz vergessen hast, vernünftig zu sein.
Vielleicht darf man all das auch nicht wirklich mitnehmen. Keine Ahnung. Ich bin zum Glück noch nie gestorben. Aber bis dahin ist es das Einzige, was einem wirklich gehört.