Zwei Zigaretten bis zum Herbst

Der Morgen war noch nicht richtig wach. Er hatte angefangen, aber offenbar ohne groß Bock zu haben. Der Himmel war dunkel. Die Straßenlaternen brannten. Und die Häuser sahen aus, als würden sie für diese eine Stunde niemandem gehören. Als wären die Menschen darin nur vorübergehend verschwunden und kämen später zurück, sobald es sich draußen wieder lohnte. Hinter einigen Fenstern brannte Licht. Gelbe Rechtecke in dunklen Fassaden. Küchen vermutlich. Badezimmer. Vielleicht stand irgendwo ein Mann in Unterhose vor einer Kaffeemaschine und wartete darauf, dass aus diesem Morgen doch noch etwas Brauchbares wurde. Vielleicht saß eine Frau bereits angezogen am Küchentisch, beide Hände um eine Tasse gelegt, und sah für einen Moment in die Dunkelheit, bevor sie zur Arbeit fuhr. Vielleicht suchte jemand seinen Schlüssel. Vielleicht ein Kind seinen zweiten Schuh. Morgens geschehen in Häusern erstaunlich viele kleine Dramen, über die später niemand spricht. Von der Straße aus konnte ich davon nichts sehen. Nur Licht. Der Rest war Vermutung.

Eine Frau fuhr mit dem Fahrrad von Haus zu Haus und trug längst erzählte Schlagzeilen durch die Siedlung. Politiker hatten Dinge gesagt, die sie vermutlich für wichtig hielten. Mannschaften hatten gewonnen oder verloren. Irgendwo war ein Auto gegen einen Baum gefahren, irgendwo hatte ein Ausschuss etwas beschlossen, irgendwo hatte ein Mensch etwas getan, von dem nun andere Menschen behaupteten, sie hätten es schon immer kommen sehen. Während die meisten noch schliefen, legte die Frau all das, sauber gefaltet in die Zeitungsrohre. Sie trug eine dunkelblaue Jacke. Ihr Fahrrad stand einige Meter entfernt unter einer Straßenlaterne. Beladen und leicht schief. Als hätte es selbst mal überhaupt keinen Bock auf diesen Scheiß. Die Frau aber ging pfeifend zu einem Haus, dann zum nächsten. Manchmal hörte ich das metallische Klappen eines Briefkastens. Sonst nichts. Weiter hinten bellte ein Hund. Zwei- oder dreimal. Dann schlug eine Autotür zu. Ein Motor sprang an. Scheinwerferlicht wanderte über eine Hauswand, streifte die Straße und verschwand an der nächsten Kreuzung. Für einige Sekunden roch es nach Abgasen. Danach wieder nach nassem Stein und diesem frühen Morgen, der noch nicht entschieden hatte, was für ein Tag aus ihm werden sollte.

In der Nacht hatte es geregnet. Das Pflaster glänzte und zwischen den Steinen stand Wasser in kleinen dunklen Schlaglöchern. Die Luft war kühl. Nicht kalt. Noch nicht. Aber sie hatte sich verändert. Man merkt das zuerst an solchen Morgen. Nicht mittags, wenn die Sonne sich noch einmal zusammenreißt und alle so tun, als wäre der Sommer bloß kurz Zigaretten holen gegangen. Sondern früh. Wenn man vor die Tür geht und zum ersten Mal darüber nachdenkt, ob eine Jacke vielleicht doch keine völlig bescheuerte Idee gewesen wäre. Am Bahnhof stand an Gleis 1 ein Mann und rauchte. Ich stand an Gleis 2. Richtung Bremen. Richtung Oldenburg. Ich glaube, es gibt 3 Gleise, an diesem kleinen Bahnhof. Oder vier? Ich muss morgen mal drauf achten.

Der Sommer verschwindet selten an einem bestimmten Tag. Niemand wacht morgens auf, zieht die Gardine zur Seite und sagt: Ach guck, heute ist Herbst. Es gibt keine Durchsage. Kein Schild. Niemand vom Ordnungsamt kommt vorbei, stempelt den August ab und erklärt die warmen Abende für beendet. Tschüss August. Moin Otto. Es gibt nicht einmal einen letzten Sommermorgen. Jedenfalls keinen, den man in diesem Moment als solchen erkennt. Man trägt noch einmal kurze Hosen. Man sitzt abends draußen, obwohl es irgendwann ein bisschen zu kühl wird, und behauptet trotzdem, es gehe noch. Man lässt das Schlafzimmerfenster über Nacht offen. Man kauft noch einmal Eis. Trinkt Wein unter Lichterketten. Man fährt irgendwohin, ohne eine Jacke mitzunehmen. Und irgendwann tut man all das nicht mehr. Das ist alles.

An diesem Morgen stieg aus einem Schornstein Rauch. Ein dünner Streifen, der beinahe senkrecht in der kühlen Luft stand. Vielleicht war es das erste Kaminfeuer der Saison. Vielleicht hatte dort auch im August schon jemand gefroren. Es gibt Menschen, die den Kamin anballern, sobald die Temperatur unter einundzwanzig Grad fällt. Und es gibt  Menschen, die noch im November behaupten, ein Pullover reiche vollkommen aus. Egal. Da war Rauch. Anfang September. Irgendetwas hatte begonnen. Oder aufgehört. Bei Jahreszeiten lässt sich das manchmal schwer unterscheiden.

Im September habe ich gelegentlich das Gefühl, das Jahr sei im Grunde bereits vorbei. Das ist natürlich Quatsch. Es liegen noch fast vier Monate rum, mit denen man theoretisch eine ganze Menge anfangen könnte. Praktisch benehmen wir uns trotzdem, als wäre nach dem Sommer nur noch Aufräumen angesagt. Der Sommer war schließlich der Teil, auf den alle gewartet hatten. Schon im Januar sagen Menschen, dass es hoffentlich bald wieder wärmer wird. Im März wird jeder einzelne Sonnenstrahl behandelt wie eine persönliche Zusage. Im April sitzen die ersten Menschen vor Cafés, in Jacken und mit kalten Händen. Aber immerhin draußen. Im Mai beginnt dann endlich die Zeit, für die offenbar der gesamte Rest des Jahres nur als Vorbereitung gedacht war. Lange Abende. Offene Fenster. Biergärten. Urlaube. Kinder auf Fahrrädern. Menschen vor Eisdielen. Grillgeruch aus Gärten. Musik aus Autos. Dieses Licht, das selbst einen Parkplatz für zehn Minuten so aussehen lässt, als könnte dort gleich noch etwas Großartiges passieren. Niemand sagt im Januar, dass es nur noch zehn Monate bis November sind. Am Arsch. Alle warten auf den Sommer.

Und wenn er geht, sieht es erstmal so aus, als würde nicht bloß eine Jahreszeit zu Ende gehen, sondern der brauchbare Teil des ganzen Jahres. Die Abende werden kürzer. Morgens braucht man plötzlich wieder Licht. Auf den Gehwegen liegen die ersten Blätter. Niemand weiß genau, wann sie dort hingefallen sind. Jacken tauchen an Garderoben auf. Erst dünne. Dann dickere. Die Stühle vor den Cafés stehen noch draußen, sehen aber bereits aus, als hätten sie die Sache verstanden. Vorbei der ganze Bums. In Supermärkten liegen schon Dinge mit Zimt herum, obwohl draußen noch nicht einmal alle Bäume begriffen haben, was los ist. Mareike und ich standen gestern vor einem Regal mit Christstollen. Am 3. September. Christstollen.

Während irgendwo vermutlich noch ein aufblasbares Krokodil in einem Planschbecken lag, hatte der Einzelhandel Weihnachten eröffnet. Man hätte sich zwischen Sonnencreme und Spekulatius beinahe einen schönen Heiligabend machen können. Vielleicht noch schnell Grillkohle dazu. Dann ist das Jahr wenigstens vollständig verwirrt. Fuck ja. Es geht schnell. Vielleicht täuscht das aber auch. Vielleicht geht es immer schnell und wir merken es nur an bestimmten Dingen. Am ersten Christstollen. Am ersten Rauch aus einem Schornstein. An einem Morgen, an dem man plötzlich wieder eine Jacke braucht. Zeit selbst sieht man schließlich nicht. Man sieht nur, was sie mit den Dingen macht. Mit Bäumen zum Beispiel.

Bevor der Winter kommt, passiert etwas ziemlich Großartiges. Die Natur, die sich eigentlich gerade zurückzieht, wird für kurze Zeit auffälliger als vorher. Das Grün verschwindet. Blätter werden gelb, dann orange, dann rot. Manche Bäume sehen für ein paar Tage aus, als würden sie brennen, obwohl sie in Wahrheit nur dabei sind, sich auf eine ziemlich karge Zeit vorzubereiten. Gerade in dem Moment, in dem alles leiser wird, dreht die Natur die Farben noch einmal vollständig auf.

Im Frühling versteht man das leichter. Alles beginnt. Knospen öffnen sich, Pflanzen schieben sich aus der Erde, Vögel machen einen beträchtlichen Lärm um die Tatsache, dass sie da sind. Überall wird gebaut, gebrütet, gevögelt, gewachsen und herumgeflogen. Der Frühling hat die Energie eines Menschen, der morgens bereits drei Dinge erledigt hat, während man selbst noch versucht herauszufinden, wo man am Vorabend seine Hose hingelegt hat. Der Frühling erzählt vom Anfang. Das ist eine Geschichte, die wir mögen. Anfänge sind voller Möglichkeiten. Noch ist nichts schiefgegangen. Noch kann alles großartig werden. Deswegen pflanzen Menschen Blumen, buchen Reisen, verlieben sich und kaufen Fahrräder, auf denen sie dann nach drei Wochen nur noch gelegentlich zum Bäcker fahren. Egal. Der Anfang war schön.

Der Herbst erzählt von etwas anderem. Er erzählt davon, dass auch das Verschwinden eine Form besitzt. Vielleicht sogar Schönheit. Nicht als Trostpflaster. Nicht im Sinne irgendeines Kalenderspruchs darüber, wie wunderbar das Loslassen sei. Loslassen kann scheiße sein. Abschiede können wehtun. Dinge dürfen fehlen, nachdem sie gegangen sind. Daran ändert auch ein besonders hübsches Ahornblatt nichts. Ein Blatt wird schließlich nicht rot, weil der Baum uns noch einmal beeindrucken möchte. Der Baum hat keinen Instagram-Account. Er interessiert sich einen Scheiß dafür, ob jemand vor ihm stehen bleibt, ein Foto macht und „Herbstliebe“ darunter schreibt. Das Grün verschwindet, weil das Chlorophyll abgebaut wird. Nährstoffe werden zurückgezogen. Der Baum bereitet sich auf Monate vor, in denen Licht und Wasser knapper werden und er mit weniger auskommen muss. Botanisch betrachtet ist der Herbst kein Gedicht. Er ist eine ziemlich nüchterne Überlebensstrategie. Ein schönes Sterben, quasi. Die Natur kennt keine Melancholie. Ein Baum steht im Oktober nicht auf einer Wiese, denkt darüber nach, wie schön der Juli war, und hört dabei Songs von The Smiths.

Das erledigen wir.

Wir sehen fallende Blätter und denken an Zeit. An Sommer, die vorbei sind. An Jahre, von denen wir eben noch glaubten, sie hätten gerade erst angefangen. An Menschen, die einmal jeden Tag da waren und irgendwann nur noch in bestimmten Gedanken auftauchen. An Orte, an denen wir lange nicht gewesen sind. An Kinder, die plötzlich Jacken tragen, die ihnen im vergangenen Herbst noch viel zu groß waren. An uns selbst in irgendeinem anderen Oktober, mit anderen Plänen, anderen Sorgen und manchmal auch einem anderen Leben. Vielleicht kommt uns der Herbst deshalb näher als die anderen Jahreszeiten. Er macht sichtbar, was ohnehin ständig geschieht. Dass Dinge sich verändern, während wir mit Einkaufen, Arbeiten, Schreiben, Lieben und dem erstaunlich komplizierten Versuch beschäftigt sind, halbwegs vernünftige Erwachsene zu sein. Dass etwas schön sein kann und trotzdem nicht bleibt. Dass beides gleichzeitig wahr ist.

Wir tun uns schwer damit. Meistens, wenn etwas zu Ende geht, suchen wir nach einem Fehler. Wir wollen wissen, wer schuld war, was wir hätten verhindern können und ob man die Sache nicht doch noch irgendwie zurückholen kann. Als müsse alles, was gut war, automatisch für immer gut bleiben. Als würde sein Ende rückwirkend beweisen, dass es vorher gar nichts wert gewesen sei.

Aber ein Sommer war nicht schlecht, nur weil September geworden ist. Ein Moment war nicht bedeutungslos, nur weil er vorbei ist. Ein Mensch war nicht unwichtig, nur weil er nicht geblieben ist. Eine Zeit war nicht weniger schön, weil irgendwann eine andere begonnen hat. Vielleicht ist das die eigentliche Unverschämtheit des Herbstes. Er zeigt uns jedes Jahr, dass etwas aufhören kann, ohne dass deshalb alles kaputt ist. Die Blätter fallen. Der Baum bleibt stehen. Jetzt nicht mehr so geil. Nicht krass motiviert. Er steht da einfach rum und macht, was gerade nötig ist. Kann man sich durchaus mal angucken.

Auf der Straße war inzwischen etwas mehr Bewegung. Hinter einem weiteren Fenster ging Licht an. Ein Mann kam aus einem Haus und führte einen kleinen Hund über den Gehweg. Der Hund blieb an einem Laternenmast stehen, pisst dran und untersuchte ihn mit der Ernsthaftigkeit eines Menschen, der vor einer folgenreichen Entscheidung stand. Der Mann wartete. Hunde dürfen sich morgens offenbar noch Zeit nehmen. Menschen stehen daneben, halten die Leine und akzeptieren, dass dieser eine Laternenmast nun gründlich ausgewertet werden muss. Vielleicht wissen Hunde etwas über das Leben, das uns irgendwann abhandengekommen ist. Wahrscheinlich wissen sie aber auch einfach nur, wer dort zuletzt hingepinkelt hat, obwohl es nicht sein beschissenes Revier ist. Egal.

Es begann zu nieseln. Zunächst nur ein paar Tropfen. Im Licht der Laterne waren sie schon zu sehen, bevor man sie auf der Haut bemerkte. Die Zeitungsfrau war inzwischen verschwunden. In einigen Zeitungsrohren lagen die Ereignisse der Welt. In vielen nicht mehr. Digital und so. Wahrscheinlich waren die ersten Menschen bereits dabei, dieselben Nachrichten auf ihren Handys zu lesen, noch bevor sie richtig wach waren. Man muss schließlich früh wissen, worüber man sich bis zum Frühstück aufregen kann. Nachrichten verschlechtern einem den Tag am Besten.

Aus einem weiteren Schornstein stieg Rauch. Hinter den Häusern musste inzwischen die Sonne aufgegangen sein, obwohl von ihr nichts zu sehen war. Der Himmel wurde einfach heller. Langsam. Ohne Spektakel. Keine Farbe brach durch die Wolken. Die Dunkelheit wurde nur etwas weniger dunkel. Vielleicht sind Übergänge meistens so. Sie kündigen sich nicht an. Sie passieren, während man noch glaubt, alles sei wie vorher. Erst später merkt man, dass man längst mittendrin stand. In einem Abschied. In einem Anfang. In einem neuen Leben. Oder einfach in einem anderen Abschnitt desselben.

Der Sommer war nicht plötzlich verschwunden. Er zog sich zurück. Abend für Abend. Grad für Grad. Blatt für Blatt. Der Winter ließ noch auf sich warten. Dazwischen lag dieser Morgen. Nass, grau und kühl. In den Häusern wurde Kaffee gekocht. Menschen suchten Schlüssel, Schuhe und vermutlich den Bock, überhaut wieder zur Arbeit zu fahren. Freitag. Da hat doch eh niemand so wirklich Lust. Irgendwo standen Christstollen in einem Supermarktregal. Und oben in den Bäumen hatte das erste Grün bereits beschlossen, nicht mehr grün zu bleiben. Der Mann auf Gleis 1 rauchte seine zweite Zigarette zu Ende. Dann erschienen zwei Lichter. Schienen begannen zu klingen, erst leise, dann lauter. Der Mann warf die Zigarette auf den Boden, trat sie aus und nahm seine Tasche. Zwei Zigarettenlängen. Dann kam der Zug. Gleis 1. Richtung Verden (Aller). Ich wartete noch fünf Minuten. Oder drei. Ist doch scheißegal.