Es tickt… Irgendwo, während ich am Fenster sitze. Draußen fast nur Stille. Der Himmel hängt schwer über allem. Es ist einer dieser Tage, an denen die Welt so ruhig scheint, dass man das eigene Atmen hört. Der Dampf meiner Tasse verliert sich. Langsam. Das Licht ist gedämpft. Der Wind hat aufgehört, selbst die Bäume wirken, als würden sie meinen Gedanken zuhören. Vielleicht gibt es immer wieder diese Momente, in denen ich begreife, dass das Universum gar nicht da draußen ist, sondern hier. Überall. Um uns herum. In uns. In jeder Zelle. In jedem Atemzug. In jedem Gedanken, der kurz aufflackert und wieder vergeht. Und wenn ich diesen Gedanken Raum gebe, verstehe ich mehr und mehr, was es bedeutet, nicht getrennt von all dem, sondern ein Teil von allem zu sein. Und doch verhalten wir Menschen uns oft so, als stünden wir außerhalb. Als könnten wir das Leben beobachten, statt es wirklich zu leben, statt es zu sein. Draußen gehen Menschen vorbei. Sie folgen ihrem Weg, blicken weder nach rechts noch nach links. Einer schaut auf die Uhr, sagt etwas, das ich nicht verstehe, und alle gehen ein wenig schneller. Wir hetzen, als wäre Zeit ein Gegner, und vergessen, dass sie unser Blut ist. Währenddessen bewegt sich das Universum, dessen Teil wir sind und immer waren, in einer Gelassenheit, die wir verlernt haben. Sterne verglühen, Planeten kreisen, Lichtjahre vergehen und alles bleibt in Ordnung. Kein Lärm. Keine Eile. Nur das leise Ticken der Ewigkeit. Und wir? Wir füllen Kalender, als ließe sich Sinn addieren. Wir zählen Minuten, als wären sie etwas wert. Vielleicht liegt genau darin unser Fehler. Draußen läuft alles im eigenen Takt, drinnen überschlagen sich die Gedanken. Erinnerungen, die man nicht mehr ändern kann. Ich frage mich, wann wir schneller wurden als das Leben selbst. Vielleicht in dem Moment, als wir Angst bekamen, es zu verlieren. Doch das Universum kennt keine Angst. Es geschieht. Es lässt geschehen. Und ich sitze hier, immer noch im gleichen stillen Licht, während draußen alles ruht und trotzdem weitergeht. Vielleicht ist das der wahre Abstand zwischen uns und dem Rest des Seins, nicht Raum, nicht Zeit, sondern die Unfähigkeit, einfach still zu sein.
Der Tag ist müde geworden. So wie jemand, der zu lange wach war. Ich sitze immer noch am Fenster. Auf dem Fensterbrett die Tasse. Längst kalt. Irgendwo das Ticken. Die Sekunden tropfen gleichmäßig. Aber irgendwie ohne Bedeutung. Und doch spüre ich dieses Drängen unter der Haut. Kein Schmerz. Eher ein Ziehen. So, als wollte etwas wachsen, das keinen Platz findet. Ein leises Flüstern, das mir sagt, dass ich nichts ändern muss, aber will. Nicht weil das Leben schlecht ist. Sondern weil etwas fehlt. Ein Ton, der nicht mehr klingt. Ein Atemzug, der stockt. Ich schaue durch das Fenster in den wolkenverhangenen Himmel, der langsam die Farbe der Nacht annimmt. Vielleicht ist das Universum wirklich voller Frieden. Aber selbst in diesem Frieden bewegt sich alles. Sterne kollabieren, Pflanzen brechen durch Beton. Selbst der Staub auf dem Fensterbrett verändert sich, während ich ihn ansehe. Alles dehnt sich, schiebt sich nach außen, unmerklich und doch unaufhaltsam. Alles wächst immer von innen nach außen. Leise, aber trotzdem. Es gibt keine andere Art von natürlichem Wachstum. Es geht nur von innen nach außen. Zuerst war da ein Puls. Ein Gedanke. Ein Herzschlag. Immer. Unbeirrbar. Und vielleicht ist das, was wir Unruhe nennen, nur das Echo dieses Wachstums. Ein Zeichen, dass wir leben. Ich schaue auf die Straße, sehe die Laternen angehen, eine nach der anderen. Drinnen flackert das Licht, draußen zieht die Nacht auf. Und irgendwo, zwischen dem, was bleibt und dem, was vergeht, verstehe ich kurz, dass das Universum nicht ruht, sondern atmet. So wie ich. Nur gleichmäßiger.
Ich schaue in das Fensterglas, das mehr spiegelt als zeigt. Draußen ist es längst Nacht geworden. Mein Gesicht überlagert sich mit der Dunkelheit, als wäre ich beides – das, was ich sehe, und das, was mich ansieht. Es gibt einen Moment, in dem ich denke, dass Veränderung vielleicht genau hier beginnt: in diesem stillen Blick, der nichts beschönigt. Man kann nicht ewig derselbe bleiben. Die Dinge verändern sich, ob man will oder nicht. Alles wächst von innen nach außen – Bäume, Wunden, Gedanken, selbst das Licht. Nur wir Menschen versuchen, dagegenzuhalten, aus Angst, uns zu verlieren. Aber vielleicht verliert man sich nicht. Vielleicht findet man sich erst, wenn man aufhört, festzuhalten. Ich weiß, dass ich mich verändern muss. Nicht für andere, nicht, weil etwas fehlt, sondern weil in mir etwas drängt, das nicht länger in mir bleiben will. Etwas, das hinaus will in die Welt, egal, ob sie zuhört oder nicht. Veränderung ist kein Entschluss, sie ist ein Zustand, der schon begonnen hat, bevor man ihn bemerkt. Ich spüre sie jetzt – irgendwo tief unter der Haut, wo alles Leben anfängt. Leise, aber unaufhaltsam. Wie das Universum selbst. Und vielleicht geht es am Ende nur darum: sich wieder dem Rhythmus anzugleichen, dem man längst angehört, ohne es zu wissen.
Und plötzlich, in genau diesem Moment begreife ich eine Sache. Jede Veränderung ist ein stiller Tod. Kein plötzlicher. Kein dramatischer. Sondern einer, der sich über Jahre zieht. Unbemerkt, während man lacht, arbeitet, liebt, leidet. Man stirbt nicht einmal, sondern in kleinen Stücken. Jedes Mal, wenn man etwas loslässt, von dem man glaubte, es würde für immer sein. Eine Erinnerung. Ein Gesicht. Ein früheres Ich. Ein Mensch. Ein Traum. Und wenn man dann zurückblickt, erkennt man, dass man längst ein anderer geworden ist, ohne es zu bemerken. Vielleicht ist das das eigentliche Gewicht des Lebens. Nichts bleibt. Alles vergeht. Und wir machen trotzdem weiter. Immer weiter. Als wäre es ein Trost, dass selbst der Schmerz ein Teil von uns ist, der lebt.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2025-10-13 15:56:452025-10-13 15:56:45Vom Sterben der Dinge.
Der Regen hat aufgehört. Und doch ist die Welt noch voll davon. An einem Haus läuft Wasser aus den Rinnen des Daches, sammelt sich am Rand der Straße und findet immer neue Wege, um irgendwohin zu verschwinden. Der Himmel ist bleigrau. Wie längst gebrauchte Leichentücher, ohne Kontur, als hätte er die Form vergessen. Die Felder liegen hügelig und schwer. Übersättigt von dem, was war. Ich gehe ein Stück die Landstraße hinunter. Der Asphalt ist dunkel, gesprenkelt von Pfützen, in denen sich bei näherer Betrachtung die Bäume spiegeln. Verdreht. Wie Erinnerungen, die man nicht mehr richtig zusammensetzen kann. Am Straßenrand steht ein alter Zaun aus Holz. Nass. Rissig. An einigen Stellen mit Moos überzogen. Ein Vogel sitzt dort. Klein. Fast unscheinbar. Vielleicht bleibt er deshalb. Vielleicht, weil er verstanden hat, dass man manchmal einfach nur aushalten muss. Der Wind, der von Westen kommt, trägt den Geruch von nasser Erde mit sich. Und auch das entfernte Dröhnen einer Bundesstraße. Alles vergeht. Und alles bleibt. Der Regen hört auf, aber die Nässe bleibt noch im Boden. Der Tag geht zu Ende, aber das Licht hängt noch eine Weile in den Pfützen. Manchmal frage ich mich, ob Bewegung überhaupt etwas verändert oder ob sie nur dafür sorgt, dass wir glauben, wir kämen irgendwo an. Weiter unten beginnt die Stadt. Zunächst nur einzelne Häuser. Verstreut zwischen den Hängen. Dann werden sie dichter. Geordneter. Größer. Als hätte jemand beschlossen, das Chaos zu zähmen. Auf einem Hof im Industriegebiet steht ein alter Bus. Das Dach voller Laub. Daneben stapeln sich Reifen. Auch hier hat der Regen Spuren hinterlassen. Kleine Rinnsale, die sich über Beton ziehen. Fast so, als wüssten sie noch nicht, dass hier kein Boden ist, der sie aufnehmen kann. Hinter einer Scheibe flackert ein Fernseher, und auf dem Bürgersteig liegen Zigarettenstummel. Ein Junge fährt mit dem Fahrrad vorbei. Das Schutzblech klappert. Der Reifen schleudert Tropfen auf seine Hose. Nichts davon ist besonders, und doch erzählt es vom Leben, wie es weitergeht. Auch dann, wenn niemand hinsieht.
Ich gehe weiter. Langsam. Mit den Händen in den Taschen. Vorbei an Garagen. Hallen. Werkstätten. Hier und da Gebäude mit verblassten Firmenschildern. Irgendwo klappert ein Rolltor. Glaube ich. Metall auf Beton. Auf einem Schild steht „Zu vermieten“. Der Lack blättert bereits ab. Einen Augenblick bleibe ich stehen. Vielleicht war dort mal eine Tischlerei. Oder ein Traum, der sich nicht mehr gerechnet hat. Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Manchmal rechnen sich die eigenen Träume nicht. Vielleicht waren es auch nur die falschen. Hinter einer der staubigen Scheiben hängt ein alter Kalender. Einer dieser großformatigen, mit halb verblassten Fotografien von Models zwischen Werkzeugen, Autos und Maschinen. Es gibt Männer, die mögen sowas. Ich nicht. Die Jahreszahl kann ich nicht erkennen, nur die Zeit, die darin steckt. Es gibt Jahre, die gehen einfach nicht weiter. Während ich einen Fuß vor den anderen setze, denke ich darüber nach, ob Arbeit wirklich das ist, was sie uns immer erzählt haben. Sicherheit. Struktur. Sinn. Ich bin vierundvierzig. Fast fünfundvierzig. Und wenn man zu lange aus dem alltäglichen Berufsleben verschwunden ist, wird man schnell übersehen. Zu alt für einen Neuanfang. Zu jung, um aufzugeben. Manchmal schreibe ich Bewerbungen, die nie beantwortet werden. Manchmal bekomme ich Absagen. Und manchmal schicke ich sie gar nicht erst ab. Aus Stolz vielleicht. Oder aus Müdigkeit. Ein Bus fährt vorbei. Hinter beschlagenen Scheiben sitzen Menschen, die vielleicht gerade von der Arbeit kommen. Ihre Gesichter wirken müde, leblos, wie ausgewaschen vom Tag. Sie schauen irgendwohin, aber sehen nichts. Kurz darauf verschwindet der Bus in der Kurve. Für einen Moment bleibt nur das Brummen des Motors zurück. Dann wieder Stille. Jeder hat seinen eigenen Kampf, den er still mit sich selbst austrägt.
Es gibt Tage, da denke ich an das, was hätte sein können. Nicht, weil ich etwas bedauere. Sondern weil ich verstehen will, wo die Weggabelungen oder Kreuzungen wirklich lagen. Früher dachte ich immer, Träume wären etwas, das man festhalten muss. Heute weiß ich, sie haben ihr eigenes Tempo. Wir träumen, bis das Leben uns einholt, und nennen das dann Erfahrung. Vielleicht ist das der Preis dafür, älter zu werden. Man erkennt, dass nichts verloren geht, aber vieles zu etwas anderem wird. Wünsche, die man zu lange mit sich trägt, werden schwer. Erst merkt man es kaum. Aber dann, mit jeder Erinnerung ein bisschen mehr. Irgendwann verändern sie sich. Sie werden zu Geschichten, die man sich selbst erzählt, um nicht zu vergessen, was man einmal wollte. Zu Sätzen, die man nicht mehr laut sagt, weil man längst weiß, dass sie nichts mehr ändern. Vielleicht auch, weil man nicht mehr die Stimme dafür hat. Manchmal spüre ich sie noch, meine alten Wünsche. Nachts, wenn alles still ist und der Kopf zu viel Platz hat. Dann riecht die Luft nach Benzin. Nach Papier. Nach Staub. Gerüche, die man nicht loswird, weil sie irgendwo tief in einem geblieben sind. Und während ich dann irgendwo sitze, frage ich mich, ob das noch Sehnsucht ist, dieses leise Ziehen, das nicht wehtut, aber bleibt oder nur der Versuch meiner Seele, endlich Frieden zu finden.
Was wäre gewesen, hätte ich mich anders entschieden? Früher vielleicht. Entschlossener. Lauter. Aber wer weiß schon, was richtig war? Vielleicht ist es wie mit dem Regen. Er fällt, wann er will, und hört auf, wenn niemand mehr hinsieht. Vielleicht ist das Leben genauso. Es passiert. Und während wir damit beschäftigt sind, es uns selbst irgendwie verständlich zu machen, zieht es einfach weiter. Nein. Die großen Wendepunkte gibt es nicht. Das wird mir immer klarer. Alles beginnt viel früher. Es sind die kleinen Dinge, die bleiben. Formen. Verändern. Ein Satz, den jemand beiläufig sagt. Das Geräusch von Schritten in einer leeren Halle. Der Blick eines Hundes, der nichts fragt. Der kleine Einkauf an einem Samstag, weil sonntags die Geschäfte geschlossen sind. Die Kartoffeln, mit denen man sich solche Mühe gegeben hat und die am Ende trotzdem nicht schmecken. Komisch. Aber in solchen Momenten verstehe ich, dass Träume nicht sterben. Sie werden nur leiser. Vielleicht war das immer ihr eigentlicher Zweck. Vielleicht gibt es Träume nur, damit wir nicht stehen bleiben. Damit wir uns an etwas festhalten, wenn alles andere sich verändert. Vielleicht geben sie uns Richtung, auch wenn sie uns nie wirklich irgendwohin führen. Vielleicht ist genau das ihre Aufgabe, uns lange genug hoffen zu lassen, bis wir müde werden vom Warten. Bis wir begreifen, dass das, was wir gesucht haben, gar nicht in der Bewegung liegt, sondern im Stillwerden danach. Vielleicht sollen sie uns nicht erfüllen, sondern begleiten. Wie ein leises Versprechen, das man irgendwann nicht mehr wörtlich nimmt, aber trotzdem nicht ganz vergisst. Und wenn sie schließlich verblassen, bleibt etwas anderes zurück. Kein Schmerz. Kein Verlust. Eher diese Art von Ruhe, die kommt, wenn man sich nicht mehr wehren muss. Wenn man nicht mehr warten will. Vielleicht war das der Sinn von allem, zu lernen, in der Ruhe Heimat zu finden, ohne das Gefühl zu bekommen, irgendetwas verpasst zu haben. Am Ende wartet nichts auf uns. Kein Ziel. Kein Versprechen. Nur die Stille. Und sie ist gnädiger, als man denkt. Vielleicht ging es nie darum, irgendwo anzukommen. Vielleicht war das Ziel einfach, nicht stehen zu bleiben, während man langsam verschwindet.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2025-10-09 07:44:352025-10-09 07:44:36Nach dem Regen.
Und vielleicht ist die Zeit ja gar kein gerader Weg. Kein Strom, der uns irgendwohin führt. Vielleicht ist sie mehr wie ein Raum, der sich dehnt und zusammenzieht. Wie ein Atem, den man nicht kontrollieren kann. Die meisten Menschen glauben, sie würde vergehen, als könnte man sie verlieren, wenn man nicht aufpasst. Aber das stimmt nicht. Sie vergeht nicht. Sie bleibt. Wir sind es, die sich hindurchbewegen, wie Staub, der kurz im Licht schwebt, bevor er wieder verschwindet. Und wenn du genau hinsiehst, merkst du, dass sie überall ist. In den Linien deines Gesichts, das du jeden Tag im Spiegel siehst. In der Art, wie sich das Licht am Nachmittag verändert. In der Stille zwischen zwei Sätzen, wenn niemand mehr etwas zu sagen hat. Die Zeit lebt in diesen Momenten, sie atmet durch uns hindurch. Und während wir glauben, voranzukommen, hält sie uns längst in der Hand. Trotzdem denke ich oft, sie ist nachsichtiger, als wir glauben. Sie zerstört nicht. Sie verändert. Sie nimmt nichts mit Gewalt, sie nimmt nur das, was ohnehin gehen wollte. Erinnerungen. Stimmen. Gedanken. Und doch lässt sie Spuren zurück. Plötzlich ist da eine Melodie, die du wiedererkennst. Ein Geruch, der dich an etwas erinnert, das du längst vergessen hattest. Ja, ich glaube, so arbeitet sie. Still. Beständig. Ohne Eile. Ohne Druck. Auch wenn wir oft etwas anderes glauben.
Ich sitze am Fenster. Halte mit beiden Händen meine Tasse fest, als könnte ich die restliche Wärme speichern. Aber das kann ich nicht. Draußen hängt der Abend zwischen Grau und Gold. Es scheint fast, als hätte die Sonne vergessen, wohin sie gehört. Und irgendwie verstehe ich sie. Auf dem Fensterbrett steht eine alte Uhr. Ein Geschenk aus längst vergangenen Zeiten, von einem Menschen, der nicht mehr da ist. Sie hat einen Sprung im Glas. Noch tickt sie, aber unregelmäßig. Ich lächle, weil ich denke, dass sie ebenfalls einfach beschlossen hat, sich nicht mehr an die Regeln zu halten. Da ist dieses Zittern des Sekundenzeigers. Dieses nervöse, kleine Zucken, das doch alles bedeutet. Früher hätte ich mich darüber geärgert, weil die Zeit dieser Uhr nicht so läuft, wie man es erwartet. Heute lasse ich sie einfach laufen. Nicht alles muss repariert werden. In der Küche steht noch ein Topf auf dem Herd. Das Wasser darin spiegelt das Licht des Fensters. Für einen Moment erkenne ich mein Gesicht darin. Blasser als früher. Aber irgendwie klarer. Ich erinnere mich an Tage, die länger waren. Oder waren sie nur voller, gefüllt mit Eindrücken, die geblieben sind? Ich weiß es nicht. Da war Lärm. Da waren Stimmen. Da war Bewegung. Jetzt? In diesem Augenblick ist es still. Nur das Ticken der Uhr, fast gleichmäßig und doch beruhigend. Die Zeit geht weiter, auch wenn ich stehen bleibe. Zurück am Fenster sehe ich, wie die Schatten sich über den Boden schieben. Alles ist in Bewegung, auch das, was stillsteht. Ich hebe die Hand, als könnte ich den letzten Lichtstreifen halten, bevor er verschwindet. Draußen lösen sich Blätter von den Eichen. Der Wind zieht sie von den Ästen. Ohne Hast. Ohne Hektik. Vielleicht ist es nur der Moment, in dem sich etwas löst, sich dreht und lautlos zu Boden fällt. Auch das ist Zeit. Nicht das Ticken der Uhr. Nicht das, was wir zu messen versuchen. Sondern das Loslassen.
Ein Schluck Kaffee. Draußen fährt ein Auto über die Straße, trifft eine Pfütze, das Wasser spritzt in alle Richtungen. Zurück bleiben Wellen, die langsam auslaufen. Ein Teil des Wassers fließt in eine andere Ecke, ein Teil kehrt zurück. Und nichts ist mehr, wie es vorher war. So funktioniert Zeit. Nicht wie ein Strom, der fließt, sondern wie Bewegung, die Form verändert. Verlagerung. Ein Verschieben von dem, was war, zu dem, was sein wird. Und trotzdem zählen, messen, vergleichen wir. Ständig im Glauben Kontrolle zu haben, wenn wir dem Unendlichen Zahlen geben. Dabei haben wir keine Ahnung, wovon wir sprechen. Wir haben Maßeinheiten erschaffen, um uns selbst zu beruhigen. Sekunden. Meter. Kilogramm. Alles nur Worte, um uns in einem Universum zu orientieren, das wir nicht begreifen können. Wir sagen eine Sekunde, wenn sich die Erde ein Stück weiterdreht. Ein Jahr, wenn sie ihre Umlaufbahn vollendet hat. Und doch das sind nur Etiketten. Spuren in Sand geschrieben, bevor die Wellen kommen. Vielleicht ist Zeit nichts, das vergeht. Vielleicht ist sie die Veränderung selbst. Etwas, das nicht an uns vorbeizieht, sondern durch uns hindurch. Wir sind nicht außerhalb der Zeit, wir sind ihre Bewegung, ihre Dehnung, ihr Atem.
Wissenschaftlich, ja, kann man sie messen. Aber selbst dort bleibt sie relativ. So wie Einstein es mal sagte, sie ist nicht fest. Sie dehnt sich, krümmt sich, verlangsamt sich. Für den, der stillsteht, vergeht sie anders als für den, der sich schnell bewegt. Und vielleicht ist in gewisser Weise alles gleichzeitig. Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft. Alles Schichten derselben Landschaft. Nur unser Bewusstsein geht hindurch und nennt das Bewegung. Vielleicht ist es das, was Leben wirklich ist, ein Riss im Gewebe der Zeit, durch den das Bewusstsein hindurchsieht. Für einen Augenblick. Ich weiß, es klingt verrückt, aber manchmal stelle ich mir vor, dass alles, was war und sein wird, längst da ist. Dass nichts entsteht und nichts vergeht, sondern nur aufleuchtet, für den Bruchteil eines Moments. Und dass wir, während wir uns an Sekunden festhalten, glauben, etwas verstanden zu haben. Dabei sind wir nur Zeugen einer Illusion, die uns ruhig schlafen lässt. Vielleicht ist Zeit kein Maß, sondern ein Spiegel. Und was wir darin sehen, sind nicht die Jahre, die vergehen sondern immer die Veränderungen in uns, die wir nicht wahrhaben wollen.
Der Kaffee ist nur noch lauwarm. Die Dunkelheit liegt mittlerweile schwer über den Dächern der Vorstadtsiedlung. Draußen hat der Regen begonnen. Gleichmäßig, als würde die Nacht selbst atmen. Talko liegt neben mir, hebt den Kopf, seine Augen folgen mir, während ich den letzten Schluck trinke. Er steht auf, kommt näher, stupst mit der Nase gegen mein Bein. Ein Zeichen, das vielleicht mehr sagt als Worte. Vielleicht will er raus. Vielleicht merkt er nur, dass ich zu lange stillgesessen habe. Ich nehme die Leine und vergesse die Jacke. Die Tür fällt hinter uns ins Schloss. Die Luft draußen ist kalt. Schärfer, als sie es noch vor ein paar Wochen war. Der Sommer ist vorbei. Da ist kein Wind mehr, der Wärme trägt. Nur Regen, der fällt. Gleichgültig als wüsste er, dass alles irgendwann ausgelöscht wird. Selbst die Erinnerung daran, wie es einmal roch, wenn die Sonne die Straßen trocknete. Ich gehe langsam, höre das Tropfen auf dem Asphalt. Talko läuft voraus, bleibt stehen, dreht sich um, prüft, ob ich nachkomme. Ich tue es. Natürlich. Und vielleicht tue ich das schon mein ganzes Leben. Einfach folgen. Schritt für Schritt, durch das, was Zeit hinterlässt. Ich denke an die Tage, die hell waren. An Nachmittage, die sich wie Versprechen anfühlten. Aber sie sind vorbei, ohne dass ich es gemerkt hätte. Vielleicht ist das der wahre Trick der Zeit. Wie gesagt, sie nimmt dir nichts mit Gewalt. Sie lässt dich glauben, du hättest noch genug davon. Und während du rechnest, misst, planst, zieht sie leise Linien um dich herum, verschiebt das Licht auf den Dingen und eines Tages erkennst du die Welt nicht mehr wieder, obwohl du nie weg warst.
Wir biegen in die kleine Straße ein. Wasser sammelt sich in Rinnen, die Laternen spiegeln sich darin wie Erinnerungen, die sich weigern, endgültig zu verschwinden. Ich sehe wieder mein Spiegelbild. Diesmal verzerrt. Flüchtig, im Wasser eines Bordsteins. Nichts hält lange. Nicht der Regen. Nicht das Licht. Nicht wir. Man könnte meinen, dass alles vergeht, damit Bewegung bleibt. Der Sommer musste gehen, damit der Herbst Platz findet. Etwas Altes stirbt, damit etwas anderes atmen kann. Vielleicht hat die Zeit gar kein Ziel. Vielleicht ist sie einfach das, was bleibt, wenn alles andere aufhört, sich zu wehren.
Ich bleibe kurz stehen, sehe in den Himmel, wo kein Stern zu sehen ist. Nur Wolken, schwer und träge. Talko wartet, blickt mich an, und in seinem Blick liegt diese einfache Wahrheit, die Menschen selten begreifen. Das Leben ist keine Abfolge von Momenten. Sie ist eine einzige, endlose Gegenwart, die wir zu zerteilen versuchen, weil wir Angst vor ihrer Tiefe haben. Ich streiche ihm über den Kopf, gehe weiter. Der Regen wird stärker, die Straße glänzt. Und während wir durch die Dunkelheit laufen, denke ich immer noch über die Zeit nach. Sie ist das, was bleibt. Sie trägt uns, verändert uns, formt uns. Und wenn der Morgen kommt, wird alles ein wenig anders aussehen, ohne dass jemand sagen könnte, warum.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2025-10-06 12:33:282025-10-06 12:37:14Die Geometrie der Zeit.
Wir sind nur Geschichten, die sich selbst erzählen, bis sie verstummen. Zwischen Geburt und Tod ein paar Jahre, in denen wir glauben, irgendetwas zu verstehen. In den Fenstern spiegelt sich das Licht der Bildschirme, Gesichter leuchten kurz auf, verschwinden wieder. Menschen reden, ohne zuzuhören. Lachen, ohne Freude. Und irgendwo, mitten in all dem, sitzt jemand an einem Küchentisch, eine Tasse halbvoll und starrt auf die Wand gegenüber, als würde sie gleich etwas sagen. Vielleicht tut sie das auch. Vielleicht erzählt sie von all den Dingen, die wir längst vergessen haben. Aber wir hören nicht zu. Wir schreiben, lieben, verlieren. Machen Fehler, nennen es Erfahrung. Und jedes Mal, wenn wir glauben, es verstanden zu haben, zieht das Leben einfach weiter. Wortlos. Unbeeindruckt. Auf Fotos halten wir Gesichter fest, die wir irgendwann kaum noch erkennen. Stimmen klingen in der Erinnerung, aber sie bleiben nicht dieselben. Alles verblasst. Langsam. Wie Straßenkreide auf nassem Asphalt. Zurück bleibt nur das Knistern eines Moments, den man fast berühren konnte, bevor er sich auflöste. Vielleicht sind wir wirklich nur Echos. Wandernde Schatten auf einer Leinwand aus Zeit. Und manchmal, spät in der Nacht, wenn die Welt den Atem anhält und selbst die Uhr aufhört zu ticken, kann man sie hören. Leise, gebrochene Melodien, die von uns erzählen. Nicht laut. Nicht klar. Nur gerade genug, um zu wissen, dass wir einmal da waren.
Vielleicht geht es nicht darum, etwas zu verstehen. Vielleicht ist alles nur Bewegung. Das Leben, ein Fluss, der uns mitnimmt, egal, wie sehr wir uns an den Ufern festklammern. Und dann nennen wir es Sinn, wenn wir glauben, eine Richtung zu erkennen. Doch am Ende ist es auch nur Strömung. Die Tage kommen. Sie gehen. Ohne Abschied. Morgens riecht die Luft nach Regen. Mittags nach Beton. Abends nach nichts. Und zwischen all dem verschieben sich die Schatten auf den Wänden. Langsam. Als wollten sie uns zeigen, wie die Zeit vergeht, ohne sich zu entschuldigen. Manchmal denke ich, das Leben besteht aus lauter Wiederholungen. Denselben Fragen, denselben Fehlern, denselben stillen Momenten, in denen niemand hinsieht. Wir suchen nach Bedeutung in Dingen, die keine haben, und übersehen das, was uns still begleitet. Das Tropfen des Wassers im Waschbecken. Das Flackern einer Lampe. Das Atmen eines anderen Menschen. Es sind die kleinsten Geräusche, die uns verraten, dass wir noch hier sind. Und vielleicht ist das alles, was bleibt. Die Gewissheit, dass wir einmal existierten, für einen Moment, zwischen Licht und Dunkel. Danach wird es wieder still. Und irgendwer, irgendwann, erzählt unsere Geschichte weiter, ohne zu wissen, dass es eigentlich seine eigene ist.
Ich glaube, wir haben verlernt, still zu sein. Wir füllen jede Sekunde mit etwas, das uns ablenkt. Geräusche. Gesichter. Worte, die nichts bedeuten. Wir nennen es Verbindung, aber die Wahrheit ist, wir fürchten uns vor der Leere. Vor dem Moment, in dem nichts mehr antwortet. In dem man sich selbst hört. Ohne Filter. Ohne Kulisse. Vielleicht ist das der Grund, warum wir uns dauernd bewegen, dauernd reden, dauernd etwas festhalten müssen. Weil Stillstand uns immer an das erinnert, was wir verloren haben. Und vielleicht bin ich deshalb immer unterwegs. Getrieben. Ja, ich hab Fehler gemacht. Große und kleine. Manche haben leise geflüstert. Andere haben alles zum Einsturz gebracht. Ich hab geglaubt, man könne Menschen festhalten, wenn man sie nur genug liebt. Aber Liebe ist kein Griff. Kein Werkzeug. Sie ist ein Wind, der weht, wo er will. Ich habe zu spät verstanden, dass wir oft nur das wiederholen, was uns zerstört, weil es vertraut klingt. Und manchmal erkennst du erst, wer du wirklich bist, wenn du in den Trümmern stehst und siehst, dass da nichts mehr zu retten ist. Wir klammern uns an Dinge, die keinen Wert haben. An Namen, an Erinnerungen, an alte Nachrichten, als könnten sie irgendetwas beweisen. Doch alles, was bleibt, sind Fetzen. Bilder. Stimmen. Schatten. Und irgendwann merkst du, dass du dich an nichts mehr erinnerst, ohne dabei etwas zu verlieren. Je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass das Leben kein Kreis und keine Linie ist. Es ist nur ein langsames Verblassen. Eine Bewegung, die so gleichgültig ist, dass man sie kaum spürt. Und irgendwo dazwischen versuchen wir, Bedeutung zu finden, wo keine ist. Vielleicht ist das der wahre Irrtum, zu glauben, das Leben müsse etwas erklären Oder einen Sinn haben. Das tut es nicht. Das hat es nicht. Es passiert einfach. Und wenn es still wird, wenn das Rauschen der Welt endlich verstummt, dann bleibt vielleicht nur ein leiser Gedanke, der durchs Dunkel treibt. Wir waren hier. Und dass es, für einen kurzen Moment, genug war.
Ich fahre jetzt den Rechner runter. Das Licht des Bildschirms verblasst langsam. Das Smartphone liegt daneben. Es bleibt stumm. Keine Nachrichten. Keine Stimmen. Nur das schwache Spiegeln meines Gesichts im schwarzen Glas. Ich ziehe die alten Stiefel an, die an den Nähten aufgeplatzt sind. Das sie nicht mehr lange halten, ist mir klar. Aber manchmal habe ich das Gefühl, sie kennen die Wege besser als ich. Draußen hängt der Tag müde zwischen Regen und Sonne, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er noch leben will. Die Straße glänzt feucht, der Wind riecht nach altem Laub. Johann sagte mal zu mir, man solle alte Zöpfe abschneiden. Ich denke, ich habe mehr davon, als mir lieb ist. Menschen. Erinnerungen. Ideen. All die Dinge, die ich zu lange festgehalten habe, als könnten sie mich retten. Aber nichts rettet dich. Du lernst nur, das Gewicht zu tragen, bis du es nicht mehr spürst. Ich glaube, ein Teil von mir ist heute gestorben. Nicht mit Drama, nicht mit Schmerz. Einfach so. Leise, wie eine Tür, die zufällt, ohne dass man sich noch einmal umdreht. Ja. Der Tag geht zu Ende. Und das, was von mir übrig war, auch. Aber vielleicht ist das in Ordnung. Vielleicht geht es nicht darum, etwas festzuhalten, sondern darum, loszulassen, bevor man selbst zu einer Erinnerung wird. Ich gehe raus. Weiter. Schritt für Schritt, durch das Zwielicht, das über allem liegt. Kein Ziel, kein Plan. Nur Bewegung. Und irgendwo in der Ferne, hinter den Wolken, flackert ein Rest von Licht. So schwach, dass man nicht weiß, ob es bleibt oder schon vergeht.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2025-10-04 17:06:152025-10-04 17:06:16Bis es still wird.
Oktober. Er ist da. Er kam fast unscheinbar. Kein Feuerwerk. Kein lauter Auftakt. Nur ein sanftes Kippen der Tage. Leise, fast schüchtern. Man wacht auf und merkt, dass die Luft kühler ist, die Jacke am Haken plötzlich wieder Sinn hat. Auf den Straßen liegen Kastanien. Halb zertreten und doch glänzend wie Münzen, die niemand mehr aufhebt. Ein älterer Mann fegt das Laub von seiner Einfahrt, als würde er den Sommer endgültig ausradieren. Manchmal denke ich, der Oktober ist dieser Monat, der einem zeigt, wie schnell sich Dinge verändern, ohne dass man es wirklich bemerkt. Der Bus kommt wie immer zur gleichen Zeit. Der Nachbar trägt den Müll raus. Die Welt dreht sich weiter. Nur das Licht fällt anders. Tiefer, schräger, manchmal so, als wolle es die Wahrheit hervorholen, die man sonst übersieht. Und plötzlich merkt man, dass es genau diese leisen Bewegungen sind, die das Leben verändern.
Ich sitze am Schreibtisch. Vor mir ein Notizbuch. Daneben ein Stift, der nicht mehr schreibt. Ein Glas, in dem nur noch ein Rest Wasser steht. Abgestanden. Geschmacklos. Nichts davon hat Bedeutung und trotzdem bleibt mein Blick daran hängen. Vielleicht, weil das Leben manchmal genau so ist. Es erscheint bedeutungslos in seinen Details und doch nicht auszuhalten ohne sie. Draußen knallt eine Autotür, dumpf, endgültig. Eine Frau fährt mit ihrem Fahrrad über die Straße. Talko seufzt unter dem Tisch, als wüsste er mehr als ich. Es sind immer Kleinigkeiten und doch haben sie Gewicht. Das Leben besteht nicht nur aus Höhepunkten. Wir tun nur oftmals so. Oder wir zeigen nur diese. Es kommt aufs Gleiche hinaus. Und dann warten wir auf diese Momente, die alles erklären, die uns retten sollen. Aber vielleicht ist das eine Lüge. Vielleicht sind diese großen Dinge nur das, was zwischen den Momenten passiert. Vielleicht ist es der Staub auf dem Tisch, das Knistern eines Blattes unter dem Schuh. Vielleicht sind es diese Dinge, die uns wirklich irgendwie verändern. Der Oktober zieht uns den Sommer aus den Händen, ohne uns zu fragen, und gibt uns dafür nichts als kürzere Tage und längere Nächte. Veränderung fragt nie, ob wir bereit sind. Sie passiert einfach. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem das Leben anfängt.
Vielleicht merke ich es gerade an mir selbst. Ich stehe jeden Morgen auf, noch bevor es hell wird, gehe mit Talko über alte Feldwege. Der Boden ist feucht, das Gras kalt, meine Gedanken lauter als der Wind. Ich zähle Schritte, aber sie zählen nicht wirklich. Eigentlich sind sie vollkommen belanglos. Und manchmal denke ich, dass ich mich so bewege, um nicht stillzustehen. Ich bin 44 Jahre alt und habe oft immer noch das Gefühl, nirgends wirklich angekommen zu sein. Kein Ort, an dem man sagt: hier bin ich richtig. Eher ein Zwischenraum, ein Warten, ein Dazwischen. Ich tue, was ich kann, ich arbeite, ich schreibe, ich laufe, ich halte durch. Aber es bleibt dieses Gefühl, dass sich das Leben nicht festhalten lässt, dass es durch die Finger rinnt wie Wasser aus einem Glas, das schon fast leer ist. Jammern auf hohem Niveau. Es sind keine großen Dramen, nur diese kleinen Dinge, die sich stapeln. Mein Blick in den Spiegel am frühen Morgen, der nichts Neues zeigt. Der Schritt in einen Raum, in dem die Stille schwer an den Wänden hängt. Der Gedanke, dass man längst hätte weiter sein sollen.
Ich denke schon, es ist dieser Gedanke, der mich immer wieder einholt und langsam begreife ich, dass nicht die großen Sprünge zählen, sondern die kleinen Dinge, die man selbst jeden Tag verändert. Oder verändern kann. Es braucht im eigenen Leben keine Revolution, keinen ständigen Neuanfang über Nacht, sondern winzige Handgriffe, die am Ende aber doch schwerer sind, als sie aussehen.
Ehrlich zu sich selbst sein. Klingt eigentlich ganz einfach. Man schaut in den Spiegel, nickt sich zu, sagt sich die Wahrheit. Aber in echt ist es wie ein Messer, das langsam angesetzt wird. Es schneidet durch die Geschichten, die man sich über Jahre erzählt hat. Und das kann weh tun.
Loslassen. Ob Menschen, alte Träume oder Vorstellungen. Jeder sagt, man solle loslassen, als sei es ein Knopfdruck. Und irgendwie habe ich das selbst immer getan. Doch in Wahrheit reißt es einen innerlich auseinander. Man verliert zuerst ein Stück seiner Identität, bevor man merkt, dass es nur Ballast war.
Nein sagen. Nur zwei Buchstaben, aber sie haben das Gewicht von tausend. Nein sagen heißt, Grenzen setzen. Heißt, vielleicht jemanden zu enttäuschen. Heißt, sich selbst nicht mehr ausverkaufen.
Vergeben. Nicht irgendwelchen anderen Menschen. Sondern sich selbst. Ich glaube, das ist die härteste Übung. Man schaut auf sein Leben und erkennt Fehler, Schwächen, Dinge, die man anders machen wollte aber nie getan hat. Und dann sagt man trotzdem: es ist okay.
Sich wirklich entscheiden. Wie oft habe ich das schon aufgeschoben, weil eine klare Entscheidung eben auch bedeutet, dass alle anderen Wege sterben. Aber am Ende frisst jede nicht getroffene Entscheidung Zeit, sie frisst Leben.
Der Schreibtisch liegt hinter mir. Ich stehe draußen. Oktoberluft auf der Haut. Klar. Kühl. Wie ein Versprechen, das keiner laut ausspricht. Die Jacke macht Sinn. Über mir hängen Wolken wie schwere Tücher, darunter ein schmaler Streifen Licht, der alles für einen Moment weich macht. Auf den Wegen liegt das Laub der Eichen, der Kastanien. Aufgeweicht. Zerrissen. Und doch hat jedes noch seine Form. Ich gehe weiter, höre Talkos Schritte neben meinen, das leise Rascheln, den Wind, der durch die Hecken zieht. Alles ist so einfach und so schwer zugleich. Nichts davon gehört mir und doch ist es alles, was ich habe. Oktober. Herbst. Er zeigt mir, dass Dinge fallen dürfen, dass Verluste nicht immer ein Ende sind, sondern Platz schaffen. Dieser Monat erinnert mich daran, dass das Leben kein Ziel ist, sondern ein Weg. Und vielleicht liegt darin mehr Trost, als ich mir eingestehen will. Ich muss nicht angekommen sein, wenn Leben bedeutet, unterwegs zu sein.
„Je mehr man über sich selbst und das, was man will, weiß, desto weniger lässt man an sich ran“, sagt Bill Murray in Lost in Translation. Ich schaue mich um. Das Licht im Raum ist gedämpft, die Luft still, als hielte sie etwas zurück. Zeit tropft von den Rändern, unbemerkt, fast so, als hätte sie beschlossen, in andere Richtungen zu verschwinden. Schritte verhallen. Türen schließen sich. Tage kommen und gehen, werfen Schatten über den Boden, die sich nicht festhalten lassen. Vielleicht bleibt am Ende nur das übrig, was unausgesprochen bleibt. Ein Rest von Nähe. Eine Erinnerung. Ein Fetzen von dem, was einmal groß erschien. Und vielleicht sind es die Rollen, die wir dabei verlieren oder jene, die wir nie hätten annehmen sollen. Masken, die irgendwann zu schwer werden. Sätze, die nicht die eigenen waren. Manchmal genügt ein Atemzug, um zu spüren, dass etwas zu Ende geht: ein Raum, ein Blick, ein stilles Nicken. Die Welt dreht sich weiter, während irgendwo ein Vorhang zum letzten Mal fällt…
Den Film habe ich nie gesehen. Zugegeben. Aber ich habe das Zitat irgendwo aufgeschnappt und länger darüber nachgedacht. Es klang im ersten Augenblick kalt, fast schon abweisend. Doch vielleicht meint Murray gar nicht Kälte, sondern Klarheit. Vielleicht bedeutet es, dass je genauer ich weiß, was ich will, desto weniger lasse ich die Dinge an mich ran, die mich von mir wegtragen. Erwartungen, Menschen, Geschichten, in denen ich nur eine Nebenrolle war.
Früher habe ich das verwechselt. Ich hielt Grenzen für Härte. Heute denke ich viel mehr, es sind Türen, die ich leise schließe, damit es in mir endlich still genug wird, meine eigene Stimme zu hören. Und wenn ich weiter darüber nachdenke, stelle ich fest: Ja, ich bin geflohen. Ich habe Dinge verbrannt, Ideen, Anläufe, ganze Räume. Wie ein Beweis, dass etwas passiert. Rauch statt Arbeit.
Das war immer ein schöner Trick, um nicht dorthin gehen zu müssen, wo es wehtut. Dahin, wo Entscheidungen fällig sind. Dahin, wo Gespräche warten, die ich vermeiden wollte. Dahin, wo die Aufgaben liegen, die niemand für mich erledigt. Stattdessen habe ich Rollen gewählt. Kostüme, die nach außen funktionieren und innen hohl sind. Man trägt sie, weil man gesehen werden will, weil man glaubt, sonst zu verschwinden. Doch langsam merke ich mehr und mehr, wie schwer sie geworden sind. Wie sie mir den Atem nehmen.
Jetzt, so langsam, je mehr ich über mich weiß, desto deutlicher spüre ich, was nicht mehr an mich darf. Es sind die geliehenen Sätze, die gelernten Gesten, die Lügen in freundlichen Farben. Und wenn das wegfällt, bleibt die Arbeit übrig: all die Masken fallen zu lassen. Ohne Drama. Ohne Pose. Man darf aufhören zu spielen, auch wenn noch Licht auf der Bühne liegt. Man darf aufstehen. Runter von den Brettern, die eben nicht die Welt bedeuten. Runtergehen in den Flur, wo das normale Licht brennt. Dorthin, wo keine Musik, kein Text, kein Publikum zu finden ist. Nur Schritte. Nur Atem. Und dann kommt dieses kleine, unspektakuläre Nicken vor dem eigenen Spiegel. Ja. Aufgeben statt weiterspielen. Das ist in Ordnung. Das ist kein Scheitern. Keine Niederlage. Sondern ein Beginn.
Vielleicht war auch die Seite nachmittage.de auch nur wieder eine dieser Rollen. Ein weiteres Projekt, das ich verbrannt habe. Ich habe gemerkt, dass ich mich da wieder in etwas hineinzwang, das nicht wirklich zu mir gehörte. Eine Fassade, die schön aussah, aber schwer zu tragen war. Wieder ein Kostüm. Wieder ein Spiel, das nicht meins war. Ich wollte etwas sein, etwas darstellen, das ich am Ende nicht ausfüllen konnte.
Aber das muss ich nicht. Es reicht, einfach zu tun, was mir Spaß macht. Schreiben, wenn ein Gedanke länger bleibt. Fotografieren, wenn ein Bild mir zufällig begegnet. Ein Video drehen, weil es Freude macht, nicht weil es Pflicht ist. Ohne Themen, ohne festen Rahmen. Ohne den Druck, dass daraus etwas Großes werden muss. Ich denke, so werde ich es zukünftig machen. Unter meinem Namen. Dem Namen, den meine Eltern mir geschenkt haben. Ohne Masken. Ohne Spiel. Einfach so, wie ich bin. Vielleicht sind es Geschichten, die ich mir ausdenke. Vielleicht ein Gedicht, das mir auf einem Spaziergang einfällt. Vielleicht gar nichts davon. Aber es wird echt sein. Kein Programm. Kein Kalender. Keine Erwartungen. Nur Worte, Bilder, Sätze, wenn sie entstehen wollen.
Es heißt ja oft, man dürfe nie aufgeben. Doch vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht bedeutet Aufgeben manchmal, endlich weiterzugehen. Rollen loszulassen, die nie die eigenen waren. Projekte oder Ideen, die nur Maske und nicht Wahrheit waren. Aber auch Menschen. Beziehungen enden. Jobs, in die man Jahre gesteckt hat, verlieren vielleicht einfach ihre Bedeutung. Freunde, von denen man dachte, sie wären für immer, verschwinden ohne ein Wort. Früher hat mich das verunsichert. Ich fand es beschissen und habe geglaubt, man könne Dinge festhalten, wenn man nur genug investiert. Oder indem man nur noch stärker eine Rolle spielt. Aber all das stimmt nicht. So verliert man sich am schnellsten selbst. Fakt ist: Wer oder was bleiben will, bleibt. Und was geht, geht. Heute sage ich mir öfter: Niemand muss bleiben. Und das gilt auch für mich. Ich muss und will nicht mehr an Rollen, Menschen, Orten, Projekten, Ideen, Träumen oder Umständen hängen, die mir dann doch nicht guttun. Heute denke ich, aufgeben statt weiterspielen. Und wie gesagt, das ist kein Scheitern. Kein Ende. Sondern der Beginn von etwas Neuem. Von etwas Echtem.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2025-09-24 17:21:202025-09-30 12:29:42Der letzte Vorhang.
Der Kaffee auf dem Tisch ist halb leer, längst kalt, doch er gehört dazu wie das Schweigen zwischen zwei Sätzen. Draußen zieht die Welt ihre Bahnen, als wäre alles längst entschieden. Sterne stürzen vom Nachthimmel, ohne dass jemand es bemerkt. Vielleicht ist unser Leben nicht mehr als ein kurzer Wimpernschlag im Dunkel, ein Atemzug, der sich verliert. Und trotzdem bleibt da dieses Drängen, die Nähe einer Haut, das Gewicht einer Hand. Manchmal reicht ein Blick, um alles infrage zu stellen. Ein Raum, zwei Menschen, ein Herzschlag zu viel. Die Zeit hält nicht an, aber für einen Moment tut sie so, als könnte sie es…
Manchmal meint man es, aber die Welt ändert sich nicht laut. Sie tut es leise. Ein Schatten verschiebt sich. Ein Blick dauert länger als er sollte. Eine Tür fällt ins Schloss. Und plötzlich bist du nicht mehr der, der du gestern warst. Veränderungen kommen nicht wie Stürme. Sie kommen wie Staub, der sich unbemerkt auf deine Haut legt, bis du merkst, dass du eine andere Gestalt angenommen hast. Ende und Anfang sind kein Gegensatz. Sie sind das gleiche Gesicht im Spiegel. Nur leicht anders. Man verliert etwas, das man für unverrückbar hielt und findet sich in einer neuen Ordnung wieder, die längst auf dich gewartet hat. Vielleicht ist das Leben nichts weiter als ein ständiges Verlernen, ein Auflösen in dem, was bleibt. Und wenn man Glück hat, ist da jemand, der still neben einem sitzt. Jemand, der den Kaffee nicht trinkt, aber versteht, warum er kalt werden durfte.
Man sagt, Kafka habe einmal geschrieben, das Leben sei ein Maskenball, und er schäme sich, ohne Maske erschienen zu sein. Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht. Egal. Ich verstehe das. Doch bei mir ist es anders. Ich habe fast nie ohne Maske am Leben teilgenommen. Ich habe sie gewählt. Immer. Keine einzige wurde mir aufgezwungen. Ich trug sie wie eine zweite Haut. Aus Angst. Aus Schwäche. Aus dem Wunsch, gesehen zu werden. Und doch führten sie mich weg von dem, der ich wirklich bin. Vielleicht war ihr einziger Sinn, mich zu schützen. Nicht, weil ich mich nicht ertrug, sondern weil ich Angst davor hatte, nicht genug zu sein. Nur selten gab es Ausnahmen. Zwei, vielleicht drei Menschen, vor denen ich sein konnte, wer ich wirklich bin. Bei ihnen durfte ich lachen, ohne den Gedanken zu tragen, was dieses Lachen kosten könnte. Ohne Angst haben zu müssen, dass es mir wieder genommen wird. Sie gehören zu den Besten meines Lebens.
Ende September. Der Herbst nimmt dem Sommer das Leben. Nicht auf einmal, sondern in kleinen Zügen. Erst die Nächte, die kühler werden. Dann das Licht, das nicht mehr warm, sondern scharf durch die Bäume fällt. Am Ende sind es die Blätter, die fallen. Eines nach dem anderen, bis der Sommer nur noch in der Erinnerung weiterlebt. Und man beginnt zu sortieren, was bleibt. Momente in der Heide, das trockene Gras unter den Füßen, die Luft, die nach Erde roch, der Regen am Schafstall. Wege zwischen den Bruchhauser Steinen, leicht und hell, als würde alles von selbst getragen. Gespräche, die ohne Gewicht waren und gerade deshalb blieben. Ein Lächeln, das nicht gesucht werden musste. Worte, die keinen Zweck hatten, außer da zu sein. Und Kalle, der kleine Deutsch-Jagdterrier, der wie ein Wächter immer wieder vorauslief, verschwand, zurückkam, als wollte er sagen: Hier ist es gut. Zufällige Berührungen, beiläufig, fast unscheinbar und doch das, was im Gedächtnis Wurzeln schlägt. Vielleicht ist es so, dass die schönsten Augenblicke immer jene sind, in denen keine Maske nötig ist. In denen man nicht nachdenkt, nicht spielt, sondern einfach ist. Echt. So schlicht, dass selbst ein ausgestreckter Mittelfinger Teil der Nähe wird. Ein Scherz und zugleich ein Versprechen.
Und jetzt, da der Herbst das grüne Laub von den Ästen zieht und der Sommer in ihnen stirbt, versteht man, dass Wert nichts mit den Augen der anderen zu tun hat. Man muss nichts leisten, um zu gefallen. Man muss nichts vortäuschen. Es geschieht von selbst, wenn man sich zeigt, wie man ist. Und wer bleibt, bleibt deshalb. Die, die gehen, waren nie wirklich Teil von einem. Sie hielten sich nur an den Masken fest.
Der Kaffee auf dem Tisch ist längst leer, die Tasse kalt. Und doch erzählt er von dem, was bleibt, wenn alles andere vergeht. Wie ein Beweis dafür, dass die Zeit nicht anzuhalten ist. Ich will keine Masken mehr tragen. Nicht jetzt, nicht später. Aber Masken fallen nicht in einem Augenblick. Sie kleben, weil man sie zu lange getragen hat. Veränderung kommt nicht wie ein Donnerschlag. Sie kommt leise, fast unbemerkt. Ein Gedanke, der anders klingt. Ein Satz, den man nicht mehr glaubt. Ein neuer, der sich langsam über den alten legt. Was so einfach scheint, wird schwer, wenn man merkt, wie tief die alten Überzeugungen in einem wurzeln. Sie halten fest, wie Ketten, die niemand angelegt hat außer man selbst. Und doch lässt sich etwas lösen. Schritt für Schritt. Man legt ab, was nicht mehr zu einem gehört. Man schafft neue Sätze, neue Wahrheiten. Sie brauchen Zeit, bis sie Teil werden von dem, der man ist. Vielleicht ist das der Weg. Langsam, unbeholfen, schmerzhaft und zugleich notwendig. Ein Blick, ein Atemzug, eine Geste, die andeutet, dass Veränderung möglich ist.
Das Ziel? Die Bruchhauser Steine. Wir kamen an, Denise, Kalle und ich. Der Hund sprang aus dem Auto, schnupperte, markierte, als müsse er den Platz sofort zu seinem machen. Unsere Rucksäcke wurden geschultert, die Schuhe festgezogen, und schon waren wir unterwegs. Der Weg begann harmlos, Kies unter den Sohlen, Bäume dicht an dicht. Es roch nach Wald, nach Erde, nach einem Sommer, der langsam auslief. Kalle zog manchmal an der Leine, verschwand ins Gebüsch, tauchte wieder auf, mit einem Stück Holz, groß genug, um fast komisch zu wirken. Denise und ich lachten. Der Aufstieg war gleichmäßig. Oben eine herrliche Ruhe. Die Steine waren grau, schwer, unbeeindruckt von allem. Für sie gibt es keinen Sommer, keinen Herbst, nur Zeit. Wir standen da, sahen uns um, sprachen, lachten.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2025/08/kalle-1-scaled.jpg17072560AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2025-08-31 14:59:002025-12-28 08:49:08Unterwegs mit Kalle.
Der Sommer zieht vorbei. Die alten Fachwerkfassaden lehnen sich dicht aneinander, schwarz und weiß wie ein Gedicht, das niemand je zu Ende geschrieben hat. Auf den Pflastersteinen liegt das erste welke Laub. Man bemerkt es kaum, und doch erzählen die Blätter, dass diese Jahreszeit vergeht. Im Wind liegt der Geruch von feuchtem Holz, von einer Kühle, die bleiben wird. Auf einer Mauer streckt sich eine Katze, träge, als sei auch sie ein Teil dieser Müdigkeit. Sie hebt kurz den Kopf, als jemand vorbei geht und legt ihn unbeeindruckt wieder ab. Am Ende des Augusts sortiert man, was von den Wochen übrig ist. Manche Bilder verblassen schnell, andere öffnet man immer wieder, wie kleine Schachteln voller Licht. Ob der Sommer gut oder schlecht war, spielt keine Rolle mehr. Wichtig ist nur, was bleibt. Die Abende, die man nicht vergessen will. Das Lachen, das man aufbewahrt. Die kleinen Stunden, die wärmen, wenn die Tage dunkel werden. Vielleicht ist es ja das Beste, die letzten Tage des Sommers mit Momenten zu füllen, die genau das tragen. Damit man sie hervorkramen kann, wenn der Himmel dunkelgrau ist und der Wind kälter durch die Gassen zieht.
Wir steigen ins Auto. Eine knappe Stunde Fahrt liegt vor uns. Genug Zeit, um zu reden, während die Straßen sich durch Felder und kleine Orte ziehen. Noch bevor wir den Ort verlassen, halten wir an einer Bäckerei. Drinnen riecht es nach frischem Brot, nach Kaffee und süßem Gebäck. Ein paar Brötchen, frisch geschmiert und in Papier gewickelt, wandern in die Tüte, dann in den Rucksack. Nichts Besonderes, doch genau das Richtige für diesen Tag. Der Himmel wirkt, als wolle er sich öffnen. Graue Schleier hängen tief, schwer und fast unbeweglich über den Dächern. Doch an diesem Tag reißen sie nicht. Er bleibt geschlossen, als hielte er den Regen zurück. Die Landschaft zieht vorbei, erst sanft, dann rauer, bis in der Ferne die Konturen der Bruchhauser Steine auftauchen. Ein Ort, der wirkt, als sei er schon immer dort gewesen, gleichgültig gegenüber allem, was vergeht.
Am Parkplatz vor dem Info-Center liegt eine eigentümliche Ruhe. Nur wenige Autos stehen in der Reihe. Als die Klappe des Kofferraums aufgeht, springt Kalle, der Deutsch-Jagdterrier, sofort hinaus. Er landet, schüttelt sich und beginnt, die Umgebung in Besitz zu nehmen. Er schnuppert an Büschen, verschwindet halb in einem Strauch, hebt die Nase und atmet die Luft, als wollte er sie ganz für sich beanspruchen. Nach Sekunden ist klar, dass dieser Ort jetzt auch zu seinem Revier gehört. Ich muss lachen. Wir nehmen uns Zeit, schnüren die Schuhe fest, ziehen die Rucksäcke zurecht. Vor dem Info-Center hängt der Geruch von Wald und trockener Erde. Drinnen kaufen wir die Tickets. Der Weg beginnt harmlos, zwischen Bäumen, die dicht stehen und deren Kronen den Himmel fast verschließen. Es riecht nach Moos und Pilzen, nach einer Wärme, die noch vom Sommer erzählt. Unter den Schuhen knirscht feiner Kies, leise, gleichmäßig und irgendwie schön. Kalle läuft an der Leine voraus, zieht mal nach links, mal nach rechts, als wolle er nichts verpassen. Für mich ist es der zweite Aufstieg in diesem Jahr. Und das allein sagt genug. Man kehrt nicht zurück, wenn ein Ort nichts in einem berührt. Die Steine dort oben sind mehr als nur Felsen. Sie stehen da, unbewegt, und doch erzählen sie Geschichten von Zeiten, die wir vergessen haben, von einer Welt, die ohne uns weitergeht. Ich glaube, wer dafür empfänglich ist, der findet hier etwas, das bleibt.
Kalle.
Wie erwähnt, ich war in diesem Jahr schon hier. Allein. Es war ein Tag, an dem der Sommer in vollem Saft stand. Die Luft flimmerte, das Grün der Wälder leuchtete. Es gab kein Gespräch, niemand war neben mir. Nur meine und Talkos Schritte auf dem Kies, das gleichmäßige Atmen, das sich mit dem Summen der Insekten mischte. Ich erinnere mich an die Pausen, an das Wasser, das in der Flasche längst warm geworden war, und an die Ruhe, die sich in mir ausbreitete. Sie hatte nichts Einsames, sondern etwas Schönes, als würde mich dieser Ort aufnehmen, ohne etwas zu verlangen.
Jetzt, Ende August, ist es ein anderer Weg, obwohl es derselbe ist. Die Luft ist kühler, der Himmel schwerer, die Farben stumpfer. Das Grün, das im Juli noch überquoll, hat an Glanz verloren. Es ist, als hätte die Natur in wenigen Wochen ein Kapitel abgeschlossen, das man nicht zurückblättern kann. Neben mir eine vertraute Stimme, Gespräche, ein Hund, der manchmal ungeduldig an der Leine zieht. Es ist ein anderes Gehen, lauter und trotzdem mit derselben Ahnung, dass auch dieser Tag sich in Erinnerung verwandeln wird. Seltsam, denke ich, wie nah beides beieinanderliegt und sich doch anfühlt, als läge ein ganzer Sommer dazwischen. Was eben noch Gegenwart war, ist jetzt Erinnerung. Was wir heute erleben, wird morgen dasselbe Schicksal haben. Dann sortiert man diese Tage ein wie kleine Schachteln, legt manche einfach weg und öffnet andere wieder und wieder, weil sie einen wärmen.
Kannst du die Gesichter sehen?
Die Steine tauchen auf. Sie kennen keinen Juli, keinen August, keinen Unterschied zwischen einem heißen Sommertag und einem kühlen Spätsommer. Für sie ist alles nur Zeit, die vergeht. Gleichgültig, endlos. Für mich aber sind es Bilder, die nebeneinanderliegen. Ein Tag im Juli, hell und drückend, allein. Ein Tag Ende August, grauer, geteilt mit jemandem, den ich mag. Zwei Augenblicke, die schon beginnen zu verblassen und die doch bleiben, weil man sie nicht vergessen will.
Der Sommer zieht vorbei. Ob er heute, morgen oder erst in ein paar Tagen endet, spielt keine Rolle. Der Kalender mag zwar seine Linien ziehen, doch in Wirklichkeit gibt es keine scharfen Kanten. Alles fließt. Alles geht immer ineinander über. Tag und Nacht. Ebbe und Flut. Anfang und Ende sind nur Namen, die wir erfinden, um Wandel für uns greifbar zu machen. Trotzdem schließe ich das Kapitel des Sommers 2025 mit dem heutigen Tag. Mit einem lachenden Auge. Vielleicht auch mit einem, das ein wenig wehmütig zurückschaut, denn ich weiß, dass manche Stunden dieses Sommers nie wiederkehren werden. Sie mögen sich eines Tages ähneln, aber niemals werden sie noch einmal so sein, wie sie waren. Und ich glaube, darin liegt ihr Wert. Sie sind einmalig, Singulär. Flüchtig und gerade deshalb so unfassbar wertvoll. Trotzdem kämpfe nicht mehr darum, dass etwas bleibt. Stattdessen lasse ich alles ziehen, was gehen will. Ich nehme an, was kommt, und bewahre, was geht, als Erinnerung, so wie es war.
Ja, vielleicht ist es genau das, was die Bruchhauser Steine einem zuflüstern. Also, dass alles vergeht und doch immer etwas irgendwie bleibt. Nicht die Tage selbst, nicht die Stunden, sondern die Bilder, die wir in uns tragen. Ein Tag im Juli. Ein Tag Ende August. Zwei Augenblicke, die längst beginnen zu verblassen und doch leuchten, weil man sie nicht vergisst. Wir gehen den Weg zurück, über Kies und Laub, vorbei an Büschen, an denen der Hund noch einmal schnuppert. Der Himmel bleibt geschlossen, das Ende des Sommers leise. Aber in mir ist er noch da. Als Erinnerung. Als etwas, das bleibt.
https://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svg00AltenoytherTorstenhttps://www.torsten-luttmann.de/wp-content/uploads/2026/08/logo-torsten-luttmann.svgAltenoytherTorsten2025-08-31 14:49:002025-09-27 14:56:24Wenn Sommer geht.
Ich drehe mich ein letztes Mal um. Eigentlich ist der Nachmittag längst vorbei. Hat nur offenbar niemand dem Garten gesagt. Zwischen den Apfelbäumen hängen noch die Lichterketten. Das Feuer brennt kleiner als vorhin, aber immer noch groß genug, um ein paar der Gesichter orange auszuleuchten. Menschen sitzen darum herum, Bierflaschen irgendwo zwischen den Füßen, Jacken über den Schultern, Gespräche halb im Rauch und halb in der Nacht. Über ihnen Sterne. Vor ihnen Glut. Irgendwo läuft noch Musik. Und für einen kurzen Moment bleibe ich einfach stehen. Kamera in der Hand. Müde. Ziemlich im Arsch. Ziemlich glücklich. Vielleicht auch ein bisschen voll mit diesem ganzen Tag.
Am Feuer sitzen Menschen nebeneinander, die sich heute Mittag wahrscheinlich noch nicht mal kannten. Jetzt erzählen sie sich Sachen, die man einem Fremden eigentlich nicht erzählt. Zumindest nicht nach dem verschissenen, gesellschaftlich anerkanntem Zeitplan. Hier und Nachts funktioniert das offenbar anders. Vielleicht liegt es am Feuer. Vielleicht an der Musik. Vielleicht daran, dass irgendwann diese höfliche Schicht verschwindet, mit der wir tagsüber so durch die Gegend laufen. Beruf. Haus. Auto. Was machst du so? Ach interessant. Und irgendwann, Stunden später, sitzt man da und redet plötzlich über die Sachen, die tatsächlich interessant sind. Menschen. Liebe. Verlust. Irgendwelche vollkommen bescheuerten Entscheidungen. Die Dinge, die wehgetan haben. Die Dinge, die einen gerettet haben. Das Leben eben.
Keine Ahnung, wann genau dieser Nachmittag gekippt ist. Von einer Veranstaltung zu einem dieser Tage, die sich irgendwo festsetzen. Zu einem dieser Tage, die unbedingt bleiben dürfen, weil sie geil waren. Vielleicht muss ich deshalb noch mal zurück. Ganz an den Anfang. Kurz nach eins.
Am Anfang
Der Garten liegt etwas außerhalb. Hinter der Stadt, nah am Fluss. Eichen stehen am Rand, Apfelbäume verteilen Schatten, auf einer gemähten Wiese stehen zwei Fußballtore und auf einer kleinen Bühne wird gerade der erste Soundcheck gemacht. Noch ist hier fast niemand. Ein paar Menschen laufen herum, tragen Sachen von links nach rechts, überprüfen Kabel, stellen Getränke hin und erledigen all diesen Kram, von dem später niemand etwas bemerkt, solange er funktioniert. Veranstaltungen sind vermutlich genau wie das Leben. Die schönsten Momente sehen immer wahnsinnig selbstverständlich aus, obwohl vorher irgendjemand acht Stunden lang Kabelbinder gesucht hat. Kannst du dir nicht ausdenken. Und nebenbei steht hier überall die Frage im Raum, ob überhaupt genug Leute kommen. Einschulungen sind an diesem Wochenende. Irgendwo gibt die Feuerwehr einen aus und schenkt wahrscheinlich heftig einen ein. Es gab schon Absagen. Diese übliche Mischung aus Hoffnung und leichter Veranstalterpanik also. Auf der Wiese interessiert das niemanden. Da spielen ein paar Jungs Fußball. Ein Ball. Ein Tor. Rennen. Fertig. Keins der Kids diskutiert dort Besucherzahlen oder Reichweite. Vielleicht sollten Erwachsene grundsätzlich häufiger Fußball auf gemähten Wiesen spielen. Würde einiges vereinfachen.
Das Wetter macht jedenfalls mit. Ein paar Wolken, bisschen Wind, kein Weltuntergang. Später wird niemand erzählen müssen, dass wir sechs Stunden unter einem Pavillon standen und so getan haben, als wäre Regen irgendwie romantisch. Und dann kommen die ersten Menschen. Dann noch welche. Dann mehr. Und ziemlich schnell sieht dieser Garten nicht mehr aus wie ein Garten. Sondern wie ein verdammt kleines Festival.
Paul Post
Den Anfang macht Paul Post. Eine Hälfte von Wrong Chat aus Bremen. An diesem Nachmittag steht er allerdings allein auf der Bühne. Keine komplette Band. Kein riesiges Setup. Eine Gitarre. Stimme. Mehr braucht er gerade auch nicht. Es ist einer dieser Auftritte, bei denen man wieder merkt, dass Musik nicht automatisch besser wird, nur weil mehr Kram auf einer Bühne steht. Man hört seine Finger auf den Saiten. Die Pausen. Das Atmen. Kleine Unebenheiten. Genau das macht es gut.
Wrong Chat bewegen sich irgendwo zwischen Indie und Grunge. Gitarrenmusik mit Kanten. Kein Hochglanz. Kein klinisch sauberer Sound, bei dem am Ende jeder Ton perfekt sitzt und trotzdem niemand mehr weiß, wie er sich eigentlich angefühlt hat. Paul? Dewr steht da vorne und macht einfach. Und langsam füllt sich der Platz. Menschen bleiben stehen. Andere setzen sich ins Gras. Die ersten Gespräche beginnen. Dieser Nachmittag bekommt einen Puls. Noch langsam. Aber er ist da.
Später steht Jupiter Flynn auf der Bühne. Und zwischen zwei Liedern erzählt sie von der Pride-Flagge am Eingang. Davon, wie sie dieses Ding gesehen hat und sofort wusste: Geil. Hier bin ich sicher. So ein Satz bleibt hängen. Weil eine Fahne für manche Menschen einfach nur eine Fahne ist. Und für andere bedeutet sie: Geil, dass du da bist. Einfach so. Ohne Erklärung. Ohne Verteidigung. Ohne vorher zu prüfen, welche Version von dir gerade gesehen werden will.
Sie erzählt von ihrer ersten Liebe. Offen. Verletzlich. Weil sie sich sicher fühlt. Und plötzlich verändert sich der ganze Auftritt. Die Musik ist immer noch Musik. Natürlich. Aber zwischen den Gitarren liegt jetzt etwas anderes. Vertrauen. Und Vertrauen kann man nicht am Mischpult einstellen. Das entsteht zwischen Menschen. Oder eben nicht. Hier entsteht es. Für ein paar Minuten wird diese kleine Bühne zu einem Ort, an dem jemand etwas erzählen kann, das vielleicht nicht überall erzählt werden könnte.
Eigentlich ziemlich beschissen, dass so etwas im Jahr 2025 überhaupt noch erwähnenswert ist. Ist es aber. Also erwähnt man es.
Während Jupiter Flynn noch über den Platz klingt, riecht es plötzlich nach Waffeln. Was wahrscheinlich der härteste Stilbruch dieses Festivals ist. Indie. Melancholie. Verletzlichkeit. Puderzucker. Kinder laufen mit heißen Waffeln durch den Garten und haben ungefähr so viel Puderzucker darauf, dass die Europäische Zentralbank vermutlich anfangen würde, die Menge zu regulieren. Natürlich essen die Erwachsenen auch welche. Erwachsene behaupten bei solchen Veranstaltungen gerne erst, sie bräuchten nichts. Dann sehen sie eine Waffel. Ende der Selbstbeherrschung.
Ich stehe mit Mareike, Marina und Ulrike irgendwo zwischen Bühne, Menschen und diesem ganzen wunderbaren Durcheinander. Wir reden. Lachen. Auf der Bühne ist kurz Pause, vom DJ-Pult kommt Musik. Einige tanzen. Andere springen in den Fluss. Auf der Wiese wird immer noch Fußball gespielt. Natürlich. Und ich merke irgendwann, dass hier gerade sehr viele verschiedene Nachmittage gleichzeitig stattfinden.
Für die einen ist es ein Konzert. Für andere ein Familienfest. Für manche wahrscheinlich ein Wiedersehen. Für irgendwen vielleicht ein erstes Date. Für die Jungs auf der Wiese weiterhin einfach Fußball. Genau das macht den Garten gut und diesen Tag so unfassbar geil. Niemand muss dasselbe daraus machen.
Dann kommen Versacer. Vier Menschen, verteilt über Dresden, Berlin, Hannover und München. Was schon organisatorisch nach einem mittelschweren Problem klingt. Musikalisch hört man davon nichts. Deutsch. Englisch. Indie. Pop. Gitarren. Irgendwas dazwischen. Genregrenzen scheinen ihnen ungefähr so wichtig zu sein wie mir mittlerweile die Frage, ob irgendjemand etwas „in deinem Alter noch macht“. Kann man diskutieren. Muss man aber nicht. Einfach Musik an. Die Leute vor der Bühne sehen das ähnlich. Erst wippen ein paar. Dann bewegen sich mehr. Dann fliegen Arme hoch. Und irgendwann entsteht dieses leicht chaotische Gedränge, bei dem Außenstehende vermutlich glauben würden, es gäbe Streit.
Gibt es nicht. Im Gegenteil. Alle rasten aus, poggen oder wie das geschrieben wird und freuen sich darüber. Konzerte sind manchmal schon eine bemerkenswert bescheuerte gesellschaftliche Vereinbarung. Im Supermarkt wäre exakt dasselbe Verhalten ein Fall für den Sicherheitsdienst. Vor einer Bühne nennt man es Glück. Na dann lieber vor die Bühne. Oder rauf. Oder wieder runter. Keine Ahnung. Drauf geschissen. Hauptsache geil.
Zwischen den Bands gehe ich mit der Kamera durch die Menge. Das mache ich automatisch. Licht suchen. Gesichter. Hände. Bewegungen. Diese Sekunden, die eine halbe Sekunde später schon wieder vorbei sind. Fotografierende kennen das. Alle anderen dürfen einfach glauben, dass wir etwas Wichtiges tun.
Mareike entdeckt mich. Sie lacht. Sagt, wie schön es ist, dass ich da bin. Dann drückt sie plötzlich ihr Gesicht gegen meinen Oberarm. Ich bin kurz irritiert. Kann ja alles passieren auf so einem Festival. Dann sehe ich den Glitzer. Mein Arm funkelt. Sie war vorher am Kinderschminktisch. Damit wäre das geklärt. An diesem Tisch sitzen übrigens erstaunlich häufig Erwachsene. Kinder stehen davor und malen ihnen mit sehr ernsten Gesichtern Sterne, Herzen, Kreise und irgendwelche Formen ins Gesicht, die wahrscheinlich künstlerisch extrem wichtig sind und deren Bedeutung Erwachsene ohnehin nicht verstehen.
Und plötzlich laufen Menschen über diesen Platz, die im normalen Leben vielleicht Steuererklärungen machen, Teams führen oder irgendwo Entscheidungen treffen und jetzt einen schiefen pinken Stern auf der Wange tragen. Mega. Mehr davon. Echt jetzt. Weniger Würde. Gehörschutz für die Kleinsten gibt es übrigens auch. Das ist sinnvoll. Denn anschließend wird es laut. Richtig laut.
Eine junge Band aus den Niederlanden. „Diet Grunge Pop“ nennen sie ihren Sound selbst. Keine Ahnung, was genau man sich darunter vorstellen soll. Nach ungefähr dreißig Sekunden weiß man es trotzdem. Dreckige Gitarren. Popmelodien. Neunziger. Krach. Energie. Vor allem Energie. Joan de Bruyn Kops steht vorne und wirkt ungefähr so, als hätte ihr vor dem Auftritt jemand gesagt, sie solle sich bitte ein bisschen zurückhalten. Und sie hätte geantwortet: Fick Dich. Sie springt. Schreit. Singt. Geht voll in die Menge. Löst einen Moshpit aus und behandelt die imaginäre Grenze zwischen Publikum und Bühne eher wie eine unverbindliche Empfehlung.
Mareike steht neben mir, schaut nach vorne und sagt trocken: „Die Sängerin ist heiß.“ Ich schaue hin. Ja. Kann man so stehen lassen.
Währenddessen zerlegt HUNK weiter den Garten. Und obwohl die Band noch nicht besonders lange unterwegs ist, merkt man sofort, dass die keinen Bock darauf haben, Dinge einfach so zu machen, wie Bands sie eben machen. Zu Veröffentlichungen gibt es Spiele. Filme. Listening-Sessions. Ideen. Alles wirkt ein bisschen wie: Mal gucken, was passiert, wenn wir das jetzt einfach machen.
Ich mag solche Menschen. Wahrscheinlich, weil ich mir mittlerweile dieselbe Frage häufiger stelle. Mal gucken, was passiert. Das ist manchmal ein deutlich besserer Lebensplan als die Variante mit Excel-Tabelle. Live ist HUNK jedenfalls weniger Band als kontrollierter Unfall. Wut. Euphorie. Schweiß. Gitarren. Und dieser ganze kleine Garten bewegt sich.
Irgendwann wird es Abend. Sieben Uhr. Acht Uhr. Keine Ahnung. Ich habe wirklich kaum auf die Uhr gesehen. Was vermutlich das beste Zeichen für einen guten Tag ist. Vom Grill zieht Rauch über den Platz. Bratwürste. Nackensteaks. Vegetarisches. Veganes. Brot. Menschen stehen Schlange. Die Veranstalterinnen und Veranstalter selbst stehen hinter dem Grill, drehen Fleisch, reichen Teller rüber, schneiden Brot und sehen aus, als wäre genau das seit Jahren ihr eigentlicher Beruf. Niemand meckert über die Wartezeit. Auch bemerkenswert. Normalerweise reichen in Deutschland ungefähr vier Minuten Wartezeit, damit jemand ein grundsätzliches Problem mit dem System erkennt. Hier nicht. Hier steht man eben. Redet. Hört Musik. Holt Getränke. Und irgendwann bekommt man Essen. Verrücktes Konzept. Funktioniert.
Ich stehe ein Stück daneben und komme mit einem Mann ins Gespräch. Er verwaltet beruflich einen Friedhof. Natürlich. Wo sonst sollte man an einem Sommerabend zwischen Punkmusik und Bratwurst über Bestattungsformen sprechen? Er erzählt mir von Urnenfeldern. Baumgräbern. Reihengräbern. Anonymen Bestattungen. Irgendeiner Regenbestattung. Und mindestens einer weiteren Variante, deren Namen ich vergessen habe. Nach zehn Minuten bin ich überraschend umfassend darüber informiert, welche Möglichkeiten man in Deutschland besitzt, wenn man irgendwann nicht mehr mitfeiert. Neben uns brutzeln Nackensteaks. Jemand sortiert Bierflaschen. Menschen lachen. Und wir reden über Friedhöfe. Es passt überhaupt nicht. Also passt es perfekt. Denn wann bekommt man schon die Gelegenheit, jemanden so etwas zu fragen, wenn man es gerade nicht wissen muss? Normalerweise beschäftigt man sich mit Tod erst dann, wenn er irgendwo vor der Tür steht. Eigentlich ziemlich dämlich. Jetzt stehe ich jedenfalls auf einem Festival und bekomme zwischen zwei Bands eine kostenlose Fortbildung in Bestattungskultur. Kannste dir nicht ausdenken.
Nach einer niederländischen Band kommt dann eine Kölner Band mit niederländischem Namen.
Iedereen. Bedeutet: Alle. Besser kann man einen Übergang kaum bauen. Iedereen sind allerdings nicht alle. Sondern zwei. Tom. Ron. Gitarre. Schlagzeug. Reicht vollkommen. Die beiden machen einen Lärm, als hätten sie heimlich noch vier Leute hinter der Bühne versteckt. Vor der Bühne bildet sich ein Circle Pit. Menschen rennen im Kreis. Arme fliegen. Körper knallen gegeneinander. Schweiß. Geschrei. Lachen. Das volle Programm. Ich stehe daneben. Kamera Berufliches Risiko und so. Egal. Sowas von. Eigentlich wäre ich vermutlich gerne einmal mitten reingelaufen. Aber Kameras kosten Geld. Das ist ätzend. Aber verständlich. Menschen drehen sich immer schneller und der Garten, in dem am Nachmittag Kinder mit Waffeln über die Wiese gelaufen sind, sieht plötzlich aus, als würde hier gerade ein sehr freundlicher Aufstand stattfinden. Iedereen ziehen durch. Ohne Pause. Ohne Sicherheitsabstand. Als das Set vorbei ist, steht Tom vorne, komplett durchgeschwitzt. Ausgewrungen. Fertig. Glücklich. Und genau so muss das wahrscheinlich aussehen. Nicht schön. Echt.
Dann CAVA. Berlin. Mela Schulz. Peppi Ahrens. Garage Rock. Punk. Und eine Haltung, die nicht erst lange höflich anklopft. Die beiden kommen auf die Bühne und hauen los. Gehen rein. Mitten in die Fresse. Mit Anstand? Vergiss es. Keine zehnminütige Einleitung. Keine musikalische Bedienungsanleitung. Gitarre. Schlagzeug. Druck. Die Songs richten sich gegen Strukturen im Musikbusiness, gegen patriarchalen Mist, gegen Wegsehen, gegen Täterschutz und gegen die Vorstellung, man müsse sich mit Dingen arrangieren, nur weil sie schon immer so waren.
Das Schöne daran: Es klingt nicht nach Vortrag. Es klingt nach Musik. Nach Trotz. Nach Wut. Nach: Nein. So nicht. Halts Maul. Und genau deshalb funktioniert es. Menschen vor der Bühne tanzen. Andere hören einfach zu. CAVA müssen niemandem erklären, dass Haltung wichtig ist. Man hört sie. Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Haltung und Pose. Pose erzählt dir, dass sie Haltung besitzt. Haltung spielt einfach den nächsten Song.
Später wird das Feuer angezündet. Oder vielleicht brannte es schon vorher. Keine Ahnung. Wie gesagt: Uhrzeit ist nicht meine Kernkompetenz. Jedenfalls sitzen irgendwann Menschen darum herum. Die Flammen sind groß. Dann kleiner. Dann wieder größer, weil jemand Holz nachlegt. Zwischen den Apfelbäumen hängen weiterhin die Lichterketten. Über ihnen Sterne. Rauch zieht durch die Äste und alles riecht nac Holz, Sommer und diesem leicht verbrannten Zeug, das man morgens garantiert noch in der Jacke haben wird. An den Theken stehen Menschen. Andere sitzen auf Bänken. Manche auf dem Boden. Gespräche laufen gleichzeitig. Lachen. Musik. Flaschen klirren. Irgendjemand erzählt irgendjemandem irgendeine Geschichte.
Und ich gehe mit meiner Kamera dazwischen herum und merke irgendwann, dass ich heute Menschen getroffen habe, die ich vorher nicht kannte. Andere kenne ich schon lange. Und manche fühlen sich merkwürdigerweise vertrauter an, als die Zeit eigentlich erlauben würde. Mareike und Maike bringen mich an diesem Tag wahrscheinlich am häufigsten zum Lachen. Ein erstklassiges Currywurst-Date mit Mund abwischen. Fast wie früher. Wie ganz früher. Und vielleicht ist genau das einer dieser Momente, die man nicht groß erklären sollte. Weil sie kaputtgehen, wenn man sie zu lange analysiert. Es ist einfach schön. Fertig.
Was mir an diesem Garten auffällt: Die ganzen Unterschiede, mit denen wir uns draußen so wahnsinnig gerne beschäftigen, interessieren hier fast keine Sau. Welchen Beruf jemand hat. Was jemand verdient. Welches Auto draußen steht. Ob überhaupt eins draußen steht. Welche Uhr am Handgelenk hängt. Wer irgendwas erreicht hat. Wer gerade überhaupt nicht weiß, wohin. Vor der Bühne hilft dir deine verschissene Visitenkarte herzlich wenig. Im Circle Pit sowieso nicht. Und da, am Feuer fragt auch niemand nach deinem LinkedIn-Profil, bevor du eine Geschichte erzählen darfst.
Zum Glück. Vielleicht sind solche Orte deshalb wichtig. Nicht, weil dort plötzlich alle Menschen gleich sind. Sind sie nicht. Menschen bleiben unterschiedlich. Manche werden sich mögen. Andere nicht. Einige werden heute Nummern austauschen. Andere werden sich nie wiedersehen. Manche Geschichten beginnen vielleicht gerade. Andere enden hier. So ist das. Was willste machen? Aber für ein paar Stunden gibt es diesen gemeinsamen Raum. Musik. Essen. Feuer. Glitzer. Fußball. Menschen. Mehr braucht man offenbar gar nicht.
Irgendwann merke ich die Müdigkeit. Nicht diese kaputte Müdigkeit nach einem beschissenen Tag. Diese gute. Die, bei der der Körper sagt: Reicht jetzt Otto. War genug Leben für heute. Ich packe meine Sachen zusammen. Objektiv runter. Alles in die Tasche. Reißverschluss zu. Ich verabschiede mich gar nicht. Gehe einfach Richtung Auto. Auf dem Weg höre ich hinter mir noch Stimmen. Musik. Lachen. Das Feuer knackt. Ich lege die Kamera in den Kofferraum und setze mich hinter das Steuer. Aber ich fahre noch nicht. Durch die Scheibe sehe ich zurück in den Garten. Das Feuer ist kleiner geworden. Menschen sitzen immer noch dort. Und plötzlich denke ich darüber nach, wie bekloppt viel Zeit wir damit verbringen, Dinge zu sammeln, von denen wir glauben, sie würden irgendwann beweisen, dass unser Leben gut gewesen ist. Häuser. Autos. Geld. Uhren. Zeug. Kram. Schrott. Kann man alles haben. Ist auch überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Ich hätte selbst gerne einen ziemlich guten Van.
Aber wenn ich daran denke, was von diesem Nachmittag bei mir bleibt, dann ist es nichts davon. Es ist Mareikes Glitzer auf meinem Arm. Ein Satz über eine Pride-Flagge. Kinder mit Waffeln. Ein Sänger, der völlig durchgeschwitzt auf einer Bühne steht. Ein Circle Pit auf einer Wiese. Ein Gespräch über Friedhöfe neben einem Grill. Mareike und Marina, die mich zum Lachen bringen. Eine Sängerin, die offenbar heiß ist. Menschen am Feuer. Geschichten. Das Zeug eben, das man nirgendwo kaufen kann. Vielleicht ist das überhaupt das Verrückteste an Erinnerungen: Sie kosten im Moment oft fast nichts. Und werden später unbezahlbar. Ich starte den Motor noch immer nicht. Draußen zieht jemand einen Stuhl näher ans Feuer. Eine Person lacht. Jemand hebt eine Flasche auf. Die Lichterketten hängen zwischen den Apfelbäumen und darüber steht dieser verdammt große Himmel, als hätte er den ganzen Abend nichts anderes gemacht, als auf diesen kleinen Garten aufzupassen. Man sagt immer, der erste Eindruck zählt. Kann sein. Ich glaube mittlerweile, der letzte ist mindestens genauso wichtig. Und meiner ist ziemlich einfach. Da sitzen Menschen. Nicht Lebensläufe. Nicht Berufe. Nicht Kontostände. Menschen. Sie erzählen sich Geschichten. Sie hören einander zu. Sie lachen. Sie tanzen. Sie machen sich ein bisschen lächerlich. Zum Glück. Sie leben.
Ich steige noch einmal aus, mache den Kofferraum richtig zu. Am Feuer sitzen immer noch Menschen. Dann drehe ich mich ein letztes Mal um.
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Vom Sterben der Dinge.
Wir verglühen, ohne es zu merken.
Es tickt… Irgendwo, während ich am Fenster sitze. Draußen fast nur Stille. Der Himmel hängt schwer über allem. Es ist einer dieser Tage, an denen die Welt so ruhig scheint, dass man das eigene Atmen hört. Der Dampf meiner Tasse verliert sich. Langsam. Das Licht ist gedämpft. Der Wind hat aufgehört, selbst die Bäume wirken, als würden sie meinen Gedanken zuhören. Vielleicht gibt es immer wieder diese Momente, in denen ich begreife, dass das Universum gar nicht da draußen ist, sondern hier. Überall. Um uns herum. In uns. In jeder Zelle. In jedem Atemzug. In jedem Gedanken, der kurz aufflackert und wieder vergeht. Und wenn ich diesen Gedanken Raum gebe, verstehe ich mehr und mehr, was es bedeutet, nicht getrennt von all dem, sondern ein Teil von allem zu sein. Und doch verhalten wir Menschen uns oft so, als stünden wir außerhalb. Als könnten wir das Leben beobachten, statt es wirklich zu leben, statt es zu sein. Draußen gehen Menschen vorbei. Sie folgen ihrem Weg, blicken weder nach rechts noch nach links. Einer schaut auf die Uhr, sagt etwas, das ich nicht verstehe, und alle gehen ein wenig schneller. Wir hetzen, als wäre Zeit ein Gegner, und vergessen, dass sie unser Blut ist. Währenddessen bewegt sich das Universum, dessen Teil wir sind und immer waren, in einer Gelassenheit, die wir verlernt haben. Sterne verglühen, Planeten kreisen, Lichtjahre vergehen und alles bleibt in Ordnung. Kein Lärm. Keine Eile. Nur das leise Ticken der Ewigkeit. Und wir? Wir füllen Kalender, als ließe sich Sinn addieren. Wir zählen Minuten, als wären sie etwas wert. Vielleicht liegt genau darin unser Fehler. Draußen läuft alles im eigenen Takt, drinnen überschlagen sich die Gedanken. Erinnerungen, die man nicht mehr ändern kann. Ich frage mich, wann wir schneller wurden als das Leben selbst. Vielleicht in dem Moment, als wir Angst bekamen, es zu verlieren. Doch das Universum kennt keine Angst. Es geschieht. Es lässt geschehen. Und ich sitze hier, immer noch im gleichen stillen Licht, während draußen alles ruht und trotzdem weitergeht. Vielleicht ist das der wahre Abstand zwischen uns und dem Rest des Seins, nicht Raum, nicht Zeit, sondern die Unfähigkeit, einfach still zu sein.
Der Tag ist müde geworden. So wie jemand, der zu lange wach war. Ich sitze immer noch am Fenster. Auf dem Fensterbrett die Tasse. Längst kalt. Irgendwo das Ticken. Die Sekunden tropfen gleichmäßig. Aber irgendwie ohne Bedeutung. Und doch spüre ich dieses Drängen unter der Haut. Kein Schmerz. Eher ein Ziehen. So, als wollte etwas wachsen, das keinen Platz findet. Ein leises Flüstern, das mir sagt, dass ich nichts ändern muss, aber will. Nicht weil das Leben schlecht ist. Sondern weil etwas fehlt. Ein Ton, der nicht mehr klingt. Ein Atemzug, der stockt. Ich schaue durch das Fenster in den wolkenverhangenen Himmel, der langsam die Farbe der Nacht annimmt. Vielleicht ist das Universum wirklich voller Frieden. Aber selbst in diesem Frieden bewegt sich alles. Sterne kollabieren, Pflanzen brechen durch Beton. Selbst der Staub auf dem Fensterbrett verändert sich, während ich ihn ansehe. Alles dehnt sich, schiebt sich nach außen, unmerklich und doch unaufhaltsam. Alles wächst immer von innen nach außen. Leise, aber trotzdem. Es gibt keine andere Art von natürlichem Wachstum. Es geht nur von innen nach außen. Zuerst war da ein Puls. Ein Gedanke. Ein Herzschlag. Immer. Unbeirrbar. Und vielleicht ist das, was wir Unruhe nennen, nur das Echo dieses Wachstums. Ein Zeichen, dass wir leben. Ich schaue auf die Straße, sehe die Laternen angehen, eine nach der anderen. Drinnen flackert das Licht, draußen zieht die Nacht auf. Und irgendwo, zwischen dem, was bleibt und dem, was vergeht, verstehe ich kurz, dass das Universum nicht ruht, sondern atmet. So wie ich. Nur gleichmäßiger.
Ich schaue in das Fensterglas, das mehr spiegelt als zeigt. Draußen ist es längst Nacht geworden. Mein Gesicht überlagert sich mit der Dunkelheit, als wäre ich beides – das, was ich sehe, und das, was mich ansieht. Es gibt einen Moment, in dem ich denke, dass Veränderung vielleicht genau hier beginnt: in diesem stillen Blick, der nichts beschönigt. Man kann nicht ewig derselbe bleiben. Die Dinge verändern sich, ob man will oder nicht. Alles wächst von innen nach außen – Bäume, Wunden, Gedanken, selbst das Licht. Nur wir Menschen versuchen, dagegenzuhalten, aus Angst, uns zu verlieren. Aber vielleicht verliert man sich nicht. Vielleicht findet man sich erst, wenn man aufhört, festzuhalten. Ich weiß, dass ich mich verändern muss. Nicht für andere, nicht, weil etwas fehlt, sondern weil in mir etwas drängt, das nicht länger in mir bleiben will. Etwas, das hinaus will in die Welt, egal, ob sie zuhört oder nicht. Veränderung ist kein Entschluss, sie ist ein Zustand, der schon begonnen hat, bevor man ihn bemerkt. Ich spüre sie jetzt – irgendwo tief unter der Haut, wo alles Leben anfängt. Leise, aber unaufhaltsam. Wie das Universum selbst. Und vielleicht geht es am Ende nur darum: sich wieder dem Rhythmus anzugleichen, dem man längst angehört, ohne es zu wissen.
Und plötzlich, in genau diesem Moment begreife ich eine Sache. Jede Veränderung ist ein stiller Tod. Kein plötzlicher. Kein dramatischer. Sondern einer, der sich über Jahre zieht. Unbemerkt, während man lacht, arbeitet, liebt, leidet. Man stirbt nicht einmal, sondern in kleinen Stücken. Jedes Mal, wenn man etwas loslässt, von dem man glaubte, es würde für immer sein. Eine Erinnerung. Ein Gesicht. Ein früheres Ich. Ein Mensch. Ein Traum. Und wenn man dann zurückblickt, erkennt man, dass man längst ein anderer geworden ist, ohne es zu bemerken. Vielleicht ist das das eigentliche Gewicht des Lebens. Nichts bleibt. Alles vergeht. Und wir machen trotzdem weiter. Immer weiter. Als wäre es ein Trost, dass selbst der Schmerz ein Teil von uns ist, der lebt.
Nach dem Regen.
Aber es hört nie ganz auf zu regnen.
Der Regen hat aufgehört. Und doch ist die Welt noch voll davon. An einem Haus läuft Wasser aus den Rinnen des Daches, sammelt sich am Rand der Straße und findet immer neue Wege, um irgendwohin zu verschwinden. Der Himmel ist bleigrau. Wie längst gebrauchte Leichentücher, ohne Kontur, als hätte er die Form vergessen. Die Felder liegen hügelig und schwer. Übersättigt von dem, was war. Ich gehe ein Stück die Landstraße hinunter. Der Asphalt ist dunkel, gesprenkelt von Pfützen, in denen sich bei näherer Betrachtung die Bäume spiegeln. Verdreht. Wie Erinnerungen, die man nicht mehr richtig zusammensetzen kann. Am Straßenrand steht ein alter Zaun aus Holz. Nass. Rissig. An einigen Stellen mit Moos überzogen. Ein Vogel sitzt dort. Klein. Fast unscheinbar. Vielleicht bleibt er deshalb. Vielleicht, weil er verstanden hat, dass man manchmal einfach nur aushalten muss. Der Wind, der von Westen kommt, trägt den Geruch von nasser Erde mit sich. Und auch das entfernte Dröhnen einer Bundesstraße. Alles vergeht. Und alles bleibt. Der Regen hört auf, aber die Nässe bleibt noch im Boden. Der Tag geht zu Ende, aber das Licht hängt noch eine Weile in den Pfützen. Manchmal frage ich mich, ob Bewegung überhaupt etwas verändert oder ob sie nur dafür sorgt, dass wir glauben, wir kämen irgendwo an. Weiter unten beginnt die Stadt. Zunächst nur einzelne Häuser. Verstreut zwischen den Hängen. Dann werden sie dichter. Geordneter. Größer. Als hätte jemand beschlossen, das Chaos zu zähmen. Auf einem Hof im Industriegebiet steht ein alter Bus. Das Dach voller Laub. Daneben stapeln sich Reifen. Auch hier hat der Regen Spuren hinterlassen. Kleine Rinnsale, die sich über Beton ziehen. Fast so, als wüssten sie noch nicht, dass hier kein Boden ist, der sie aufnehmen kann. Hinter einer Scheibe flackert ein Fernseher, und auf dem Bürgersteig liegen Zigarettenstummel. Ein Junge fährt mit dem Fahrrad vorbei. Das Schutzblech klappert. Der Reifen schleudert Tropfen auf seine Hose. Nichts davon ist besonders, und doch erzählt es vom Leben, wie es weitergeht. Auch dann, wenn niemand hinsieht.
Ich gehe weiter. Langsam. Mit den Händen in den Taschen. Vorbei an Garagen. Hallen. Werkstätten. Hier und da Gebäude mit verblassten Firmenschildern. Irgendwo klappert ein Rolltor. Glaube ich. Metall auf Beton. Auf einem Schild steht „Zu vermieten“. Der Lack blättert bereits ab. Einen Augenblick bleibe ich stehen. Vielleicht war dort mal eine Tischlerei. Oder ein Traum, der sich nicht mehr gerechnet hat. Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Manchmal rechnen sich die eigenen Träume nicht. Vielleicht waren es auch nur die falschen. Hinter einer der staubigen Scheiben hängt ein alter Kalender. Einer dieser großformatigen, mit halb verblassten Fotografien von Models zwischen Werkzeugen, Autos und Maschinen. Es gibt Männer, die mögen sowas. Ich nicht. Die Jahreszahl kann ich nicht erkennen, nur die Zeit, die darin steckt. Es gibt Jahre, die gehen einfach nicht weiter. Während ich einen Fuß vor den anderen setze, denke ich darüber nach, ob Arbeit wirklich das ist, was sie uns immer erzählt haben. Sicherheit. Struktur. Sinn. Ich bin vierundvierzig. Fast fünfundvierzig. Und wenn man zu lange aus dem alltäglichen Berufsleben verschwunden ist, wird man schnell übersehen. Zu alt für einen Neuanfang. Zu jung, um aufzugeben. Manchmal schreibe ich Bewerbungen, die nie beantwortet werden. Manchmal bekomme ich Absagen. Und manchmal schicke ich sie gar nicht erst ab. Aus Stolz vielleicht. Oder aus Müdigkeit. Ein Bus fährt vorbei. Hinter beschlagenen Scheiben sitzen Menschen, die vielleicht gerade von der Arbeit kommen. Ihre Gesichter wirken müde, leblos, wie ausgewaschen vom Tag. Sie schauen irgendwohin, aber sehen nichts. Kurz darauf verschwindet der Bus in der Kurve. Für einen Moment bleibt nur das Brummen des Motors zurück. Dann wieder Stille. Jeder hat seinen eigenen Kampf, den er still mit sich selbst austrägt.
Es gibt Tage, da denke ich an das, was hätte sein können. Nicht, weil ich etwas bedauere. Sondern weil ich verstehen will, wo die Weggabelungen oder Kreuzungen wirklich lagen. Früher dachte ich immer, Träume wären etwas, das man festhalten muss. Heute weiß ich, sie haben ihr eigenes Tempo. Wir träumen, bis das Leben uns einholt, und nennen das dann Erfahrung. Vielleicht ist das der Preis dafür, älter zu werden. Man erkennt, dass nichts verloren geht, aber vieles zu etwas anderem wird. Wünsche, die man zu lange mit sich trägt, werden schwer. Erst merkt man es kaum. Aber dann, mit jeder Erinnerung ein bisschen mehr. Irgendwann verändern sie sich. Sie werden zu Geschichten, die man sich selbst erzählt, um nicht zu vergessen, was man einmal wollte. Zu Sätzen, die man nicht mehr laut sagt, weil man längst weiß, dass sie nichts mehr ändern. Vielleicht auch, weil man nicht mehr die Stimme dafür hat. Manchmal spüre ich sie noch, meine alten Wünsche. Nachts, wenn alles still ist und der Kopf zu viel Platz hat. Dann riecht die Luft nach Benzin. Nach Papier. Nach Staub. Gerüche, die man nicht loswird, weil sie irgendwo tief in einem geblieben sind. Und während ich dann irgendwo sitze, frage ich mich, ob das noch Sehnsucht ist, dieses leise Ziehen, das nicht wehtut, aber bleibt oder nur der Versuch meiner Seele, endlich Frieden zu finden.
Was wäre gewesen, hätte ich mich anders entschieden? Früher vielleicht. Entschlossener. Lauter. Aber wer weiß schon, was richtig war? Vielleicht ist es wie mit dem Regen. Er fällt, wann er will, und hört auf, wenn niemand mehr hinsieht. Vielleicht ist das Leben genauso. Es passiert. Und während wir damit beschäftigt sind, es uns selbst irgendwie verständlich zu machen, zieht es einfach weiter. Nein. Die großen Wendepunkte gibt es nicht. Das wird mir immer klarer. Alles beginnt viel früher. Es sind die kleinen Dinge, die bleiben. Formen. Verändern. Ein Satz, den jemand beiläufig sagt. Das Geräusch von Schritten in einer leeren Halle. Der Blick eines Hundes, der nichts fragt. Der kleine Einkauf an einem Samstag, weil sonntags die Geschäfte geschlossen sind. Die Kartoffeln, mit denen man sich solche Mühe gegeben hat und die am Ende trotzdem nicht schmecken. Komisch. Aber in solchen Momenten verstehe ich, dass Träume nicht sterben. Sie werden nur leiser. Vielleicht war das immer ihr eigentlicher Zweck. Vielleicht gibt es Träume nur, damit wir nicht stehen bleiben. Damit wir uns an etwas festhalten, wenn alles andere sich verändert. Vielleicht geben sie uns Richtung, auch wenn sie uns nie wirklich irgendwohin führen. Vielleicht ist genau das ihre Aufgabe, uns lange genug hoffen zu lassen, bis wir müde werden vom Warten. Bis wir begreifen, dass das, was wir gesucht haben, gar nicht in der Bewegung liegt, sondern im Stillwerden danach. Vielleicht sollen sie uns nicht erfüllen, sondern begleiten. Wie ein leises Versprechen, das man irgendwann nicht mehr wörtlich nimmt, aber trotzdem nicht ganz vergisst. Und wenn sie schließlich verblassen, bleibt etwas anderes zurück. Kein Schmerz. Kein Verlust. Eher diese Art von Ruhe, die kommt, wenn man sich nicht mehr wehren muss. Wenn man nicht mehr warten will. Vielleicht war das der Sinn von allem, zu lernen, in der Ruhe Heimat zu finden, ohne das Gefühl zu bekommen, irgendetwas verpasst zu haben. Am Ende wartet nichts auf uns. Kein Ziel. Kein Versprechen. Nur die Stille. Und sie ist gnädiger, als man denkt. Vielleicht ging es nie darum, irgendwo anzukommen. Vielleicht war das Ziel einfach, nicht stehen zu bleiben, während man langsam verschwindet.
Die Geometrie der Zeit.
Wir messen, was wir nicht verstehen.
Und vielleicht ist die Zeit ja gar kein gerader Weg. Kein Strom, der uns irgendwohin führt. Vielleicht ist sie mehr wie ein Raum, der sich dehnt und zusammenzieht. Wie ein Atem, den man nicht kontrollieren kann. Die meisten Menschen glauben, sie würde vergehen, als könnte man sie verlieren, wenn man nicht aufpasst. Aber das stimmt nicht. Sie vergeht nicht. Sie bleibt. Wir sind es, die sich hindurchbewegen, wie Staub, der kurz im Licht schwebt, bevor er wieder verschwindet. Und wenn du genau hinsiehst, merkst du, dass sie überall ist. In den Linien deines Gesichts, das du jeden Tag im Spiegel siehst. In der Art, wie sich das Licht am Nachmittag verändert. In der Stille zwischen zwei Sätzen, wenn niemand mehr etwas zu sagen hat. Die Zeit lebt in diesen Momenten, sie atmet durch uns hindurch. Und während wir glauben, voranzukommen, hält sie uns längst in der Hand. Trotzdem denke ich oft, sie ist nachsichtiger, als wir glauben. Sie zerstört nicht. Sie verändert. Sie nimmt nichts mit Gewalt, sie nimmt nur das, was ohnehin gehen wollte. Erinnerungen. Stimmen. Gedanken. Und doch lässt sie Spuren zurück. Plötzlich ist da eine Melodie, die du wiedererkennst. Ein Geruch, der dich an etwas erinnert, das du längst vergessen hattest. Ja, ich glaube, so arbeitet sie. Still. Beständig. Ohne Eile. Ohne Druck. Auch wenn wir oft etwas anderes glauben.
Ich sitze am Fenster. Halte mit beiden Händen meine Tasse fest, als könnte ich die restliche Wärme speichern. Aber das kann ich nicht. Draußen hängt der Abend zwischen Grau und Gold. Es scheint fast, als hätte die Sonne vergessen, wohin sie gehört. Und irgendwie verstehe ich sie. Auf dem Fensterbrett steht eine alte Uhr. Ein Geschenk aus längst vergangenen Zeiten, von einem Menschen, der nicht mehr da ist. Sie hat einen Sprung im Glas. Noch tickt sie, aber unregelmäßig. Ich lächle, weil ich denke, dass sie ebenfalls einfach beschlossen hat, sich nicht mehr an die Regeln zu halten. Da ist dieses Zittern des Sekundenzeigers. Dieses nervöse, kleine Zucken, das doch alles bedeutet. Früher hätte ich mich darüber geärgert, weil die Zeit dieser Uhr nicht so läuft, wie man es erwartet. Heute lasse ich sie einfach laufen. Nicht alles muss repariert werden. In der Küche steht noch ein Topf auf dem Herd. Das Wasser darin spiegelt das Licht des Fensters. Für einen Moment erkenne ich mein Gesicht darin. Blasser als früher. Aber irgendwie klarer. Ich erinnere mich an Tage, die länger waren. Oder waren sie nur voller, gefüllt mit Eindrücken, die geblieben sind? Ich weiß es nicht. Da war Lärm. Da waren Stimmen. Da war Bewegung. Jetzt? In diesem Augenblick ist es still. Nur das Ticken der Uhr, fast gleichmäßig und doch beruhigend. Die Zeit geht weiter, auch wenn ich stehen bleibe. Zurück am Fenster sehe ich, wie die Schatten sich über den Boden schieben. Alles ist in Bewegung, auch das, was stillsteht. Ich hebe die Hand, als könnte ich den letzten Lichtstreifen halten, bevor er verschwindet. Draußen lösen sich Blätter von den Eichen. Der Wind zieht sie von den Ästen. Ohne Hast. Ohne Hektik. Vielleicht ist es nur der Moment, in dem sich etwas löst, sich dreht und lautlos zu Boden fällt. Auch das ist Zeit. Nicht das Ticken der Uhr. Nicht das, was wir zu messen versuchen. Sondern das Loslassen.
Ein Schluck Kaffee. Draußen fährt ein Auto über die Straße, trifft eine Pfütze, das Wasser spritzt in alle Richtungen. Zurück bleiben Wellen, die langsam auslaufen. Ein Teil des Wassers fließt in eine andere Ecke, ein Teil kehrt zurück. Und nichts ist mehr, wie es vorher war. So funktioniert Zeit. Nicht wie ein Strom, der fließt, sondern wie Bewegung, die Form verändert. Verlagerung. Ein Verschieben von dem, was war, zu dem, was sein wird. Und trotzdem zählen, messen, vergleichen wir. Ständig im Glauben Kontrolle zu haben, wenn wir dem Unendlichen Zahlen geben. Dabei haben wir keine Ahnung, wovon wir sprechen. Wir haben Maßeinheiten erschaffen, um uns selbst zu beruhigen. Sekunden. Meter. Kilogramm. Alles nur Worte, um uns in einem Universum zu orientieren, das wir nicht begreifen können. Wir sagen eine Sekunde, wenn sich die Erde ein Stück weiterdreht. Ein Jahr, wenn sie ihre Umlaufbahn vollendet hat. Und doch das sind nur Etiketten. Spuren in Sand geschrieben, bevor die Wellen kommen. Vielleicht ist Zeit nichts, das vergeht. Vielleicht ist sie die Veränderung selbst. Etwas, das nicht an uns vorbeizieht, sondern durch uns hindurch. Wir sind nicht außerhalb der Zeit, wir sind ihre Bewegung, ihre Dehnung, ihr Atem.
Wissenschaftlich, ja, kann man sie messen. Aber selbst dort bleibt sie relativ. So wie Einstein es mal sagte, sie ist nicht fest. Sie dehnt sich, krümmt sich, verlangsamt sich. Für den, der stillsteht, vergeht sie anders als für den, der sich schnell bewegt. Und vielleicht ist in gewisser Weise alles gleichzeitig. Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft. Alles Schichten derselben Landschaft. Nur unser Bewusstsein geht hindurch und nennt das Bewegung. Vielleicht ist es das, was Leben wirklich ist, ein Riss im Gewebe der Zeit, durch den das Bewusstsein hindurchsieht. Für einen Augenblick. Ich weiß, es klingt verrückt, aber manchmal stelle ich mir vor, dass alles, was war und sein wird, längst da ist. Dass nichts entsteht und nichts vergeht, sondern nur aufleuchtet, für den Bruchteil eines Moments. Und dass wir, während wir uns an Sekunden festhalten, glauben, etwas verstanden zu haben. Dabei sind wir nur Zeugen einer Illusion, die uns ruhig schlafen lässt. Vielleicht ist Zeit kein Maß, sondern ein Spiegel. Und was wir darin sehen, sind nicht die Jahre, die vergehen sondern immer die Veränderungen in uns, die wir nicht wahrhaben wollen.
Der Kaffee ist nur noch lauwarm. Die Dunkelheit liegt mittlerweile schwer über den Dächern der Vorstadtsiedlung. Draußen hat der Regen begonnen. Gleichmäßig, als würde die Nacht selbst atmen. Talko liegt neben mir, hebt den Kopf, seine Augen folgen mir, während ich den letzten Schluck trinke. Er steht auf, kommt näher, stupst mit der Nase gegen mein Bein. Ein Zeichen, das vielleicht mehr sagt als Worte. Vielleicht will er raus. Vielleicht merkt er nur, dass ich zu lange stillgesessen habe. Ich nehme die Leine und vergesse die Jacke. Die Tür fällt hinter uns ins Schloss. Die Luft draußen ist kalt. Schärfer, als sie es noch vor ein paar Wochen war. Der Sommer ist vorbei. Da ist kein Wind mehr, der Wärme trägt. Nur Regen, der fällt. Gleichgültig als wüsste er, dass alles irgendwann ausgelöscht wird. Selbst die Erinnerung daran, wie es einmal roch, wenn die Sonne die Straßen trocknete. Ich gehe langsam, höre das Tropfen auf dem Asphalt. Talko läuft voraus, bleibt stehen, dreht sich um, prüft, ob ich nachkomme. Ich tue es. Natürlich. Und vielleicht tue ich das schon mein ganzes Leben. Einfach folgen. Schritt für Schritt, durch das, was Zeit hinterlässt. Ich denke an die Tage, die hell waren. An Nachmittage, die sich wie Versprechen anfühlten. Aber sie sind vorbei, ohne dass ich es gemerkt hätte. Vielleicht ist das der wahre Trick der Zeit. Wie gesagt, sie nimmt dir nichts mit Gewalt. Sie lässt dich glauben, du hättest noch genug davon. Und während du rechnest, misst, planst, zieht sie leise Linien um dich herum, verschiebt das Licht auf den Dingen und eines Tages erkennst du die Welt nicht mehr wieder, obwohl du nie weg warst.
Wir biegen in die kleine Straße ein. Wasser sammelt sich in Rinnen, die Laternen spiegeln sich darin wie Erinnerungen, die sich weigern, endgültig zu verschwinden. Ich sehe wieder mein Spiegelbild. Diesmal verzerrt. Flüchtig, im Wasser eines Bordsteins. Nichts hält lange. Nicht der Regen. Nicht das Licht. Nicht wir. Man könnte meinen, dass alles vergeht, damit Bewegung bleibt. Der Sommer musste gehen, damit der Herbst Platz findet. Etwas Altes stirbt, damit etwas anderes atmen kann. Vielleicht hat die Zeit gar kein Ziel. Vielleicht ist sie einfach das, was bleibt, wenn alles andere aufhört, sich zu wehren.
Ich bleibe kurz stehen, sehe in den Himmel, wo kein Stern zu sehen ist. Nur Wolken, schwer und träge. Talko wartet, blickt mich an, und in seinem Blick liegt diese einfache Wahrheit, die Menschen selten begreifen. Das Leben ist keine Abfolge von Momenten. Sie ist eine einzige, endlose Gegenwart, die wir zu zerteilen versuchen, weil wir Angst vor ihrer Tiefe haben. Ich streiche ihm über den Kopf, gehe weiter. Der Regen wird stärker, die Straße glänzt. Und während wir durch die Dunkelheit laufen, denke ich immer noch über die Zeit nach. Sie ist das, was bleibt. Sie trägt uns, verändert uns, formt uns. Und wenn der Morgen kommt, wird alles ein wenig anders aussehen, ohne dass jemand sagen könnte, warum.
Bis es still wird.
Und nichts mehr übrig ist als Staub.
Wir sind nur Geschichten, die sich selbst erzählen, bis sie verstummen. Zwischen Geburt und Tod ein paar Jahre, in denen wir glauben, irgendetwas zu verstehen. In den Fenstern spiegelt sich das Licht der Bildschirme, Gesichter leuchten kurz auf, verschwinden wieder. Menschen reden, ohne zuzuhören. Lachen, ohne Freude. Und irgendwo, mitten in all dem, sitzt jemand an einem Küchentisch, eine Tasse halbvoll und starrt auf die Wand gegenüber, als würde sie gleich etwas sagen. Vielleicht tut sie das auch. Vielleicht erzählt sie von all den Dingen, die wir längst vergessen haben. Aber wir hören nicht zu. Wir schreiben, lieben, verlieren. Machen Fehler, nennen es Erfahrung. Und jedes Mal, wenn wir glauben, es verstanden zu haben, zieht das Leben einfach weiter. Wortlos. Unbeeindruckt. Auf Fotos halten wir Gesichter fest, die wir irgendwann kaum noch erkennen. Stimmen klingen in der Erinnerung, aber sie bleiben nicht dieselben. Alles verblasst. Langsam. Wie Straßenkreide auf nassem Asphalt. Zurück bleibt nur das Knistern eines Moments, den man fast berühren konnte, bevor er sich auflöste. Vielleicht sind wir wirklich nur Echos. Wandernde Schatten auf einer Leinwand aus Zeit. Und manchmal, spät in der Nacht, wenn die Welt den Atem anhält und selbst die Uhr aufhört zu ticken, kann man sie hören. Leise, gebrochene Melodien, die von uns erzählen. Nicht laut. Nicht klar. Nur gerade genug, um zu wissen, dass wir einmal da waren.
Vielleicht geht es nicht darum, etwas zu verstehen. Vielleicht ist alles nur Bewegung. Das Leben, ein Fluss, der uns mitnimmt, egal, wie sehr wir uns an den Ufern festklammern. Und dann nennen wir es Sinn, wenn wir glauben, eine Richtung zu erkennen. Doch am Ende ist es auch nur Strömung. Die Tage kommen. Sie gehen. Ohne Abschied. Morgens riecht die Luft nach Regen. Mittags nach Beton. Abends nach nichts. Und zwischen all dem verschieben sich die Schatten auf den Wänden. Langsam. Als wollten sie uns zeigen, wie die Zeit vergeht, ohne sich zu entschuldigen. Manchmal denke ich, das Leben besteht aus lauter Wiederholungen. Denselben Fragen, denselben Fehlern, denselben stillen Momenten, in denen niemand hinsieht. Wir suchen nach Bedeutung in Dingen, die keine haben, und übersehen das, was uns still begleitet. Das Tropfen des Wassers im Waschbecken. Das Flackern einer Lampe. Das Atmen eines anderen Menschen. Es sind die kleinsten Geräusche, die uns verraten, dass wir noch hier sind. Und vielleicht ist das alles, was bleibt. Die Gewissheit, dass wir einmal existierten, für einen Moment, zwischen Licht und Dunkel. Danach wird es wieder still. Und irgendwer, irgendwann, erzählt unsere Geschichte weiter, ohne zu wissen, dass es eigentlich seine eigene ist.
Ich glaube, wir haben verlernt, still zu sein. Wir füllen jede Sekunde mit etwas, das uns ablenkt. Geräusche. Gesichter. Worte, die nichts bedeuten. Wir nennen es Verbindung, aber die Wahrheit ist, wir fürchten uns vor der Leere. Vor dem Moment, in dem nichts mehr antwortet. In dem man sich selbst hört. Ohne Filter. Ohne Kulisse. Vielleicht ist das der Grund, warum wir uns dauernd bewegen, dauernd reden, dauernd etwas festhalten müssen. Weil Stillstand uns immer an das erinnert, was wir verloren haben. Und vielleicht bin ich deshalb immer unterwegs. Getrieben. Ja, ich hab Fehler gemacht. Große und kleine. Manche haben leise geflüstert. Andere haben alles zum Einsturz gebracht. Ich hab geglaubt, man könne Menschen festhalten, wenn man sie nur genug liebt. Aber Liebe ist kein Griff. Kein Werkzeug. Sie ist ein Wind, der weht, wo er will. Ich habe zu spät verstanden, dass wir oft nur das wiederholen, was uns zerstört, weil es vertraut klingt. Und manchmal erkennst du erst, wer du wirklich bist, wenn du in den Trümmern stehst und siehst, dass da nichts mehr zu retten ist. Wir klammern uns an Dinge, die keinen Wert haben. An Namen, an Erinnerungen, an alte Nachrichten, als könnten sie irgendetwas beweisen. Doch alles, was bleibt, sind Fetzen. Bilder. Stimmen. Schatten. Und irgendwann merkst du, dass du dich an nichts mehr erinnerst, ohne dabei etwas zu verlieren. Je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass das Leben kein Kreis und keine Linie ist. Es ist nur ein langsames Verblassen. Eine Bewegung, die so gleichgültig ist, dass man sie kaum spürt. Und irgendwo dazwischen versuchen wir, Bedeutung zu finden, wo keine ist. Vielleicht ist das der wahre Irrtum, zu glauben, das Leben müsse etwas erklären Oder einen Sinn haben. Das tut es nicht. Das hat es nicht. Es passiert einfach. Und wenn es still wird, wenn das Rauschen der Welt endlich verstummt, dann bleibt vielleicht nur ein leiser Gedanke, der durchs Dunkel treibt. Wir waren hier. Und dass es, für einen kurzen Moment, genug war.
Ich fahre jetzt den Rechner runter. Das Licht des Bildschirms verblasst langsam. Das Smartphone liegt daneben. Es bleibt stumm. Keine Nachrichten. Keine Stimmen. Nur das schwache Spiegeln meines Gesichts im schwarzen Glas. Ich ziehe die alten Stiefel an, die an den Nähten aufgeplatzt sind. Das sie nicht mehr lange halten, ist mir klar. Aber manchmal habe ich das Gefühl, sie kennen die Wege besser als ich. Draußen hängt der Tag müde zwischen Regen und Sonne, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er noch leben will. Die Straße glänzt feucht, der Wind riecht nach altem Laub. Johann sagte mal zu mir, man solle alte Zöpfe abschneiden. Ich denke, ich habe mehr davon, als mir lieb ist. Menschen. Erinnerungen. Ideen. All die Dinge, die ich zu lange festgehalten habe, als könnten sie mich retten. Aber nichts rettet dich. Du lernst nur, das Gewicht zu tragen, bis du es nicht mehr spürst. Ich glaube, ein Teil von mir ist heute gestorben. Nicht mit Drama, nicht mit Schmerz. Einfach so. Leise, wie eine Tür, die zufällt, ohne dass man sich noch einmal umdreht. Ja. Der Tag geht zu Ende. Und das, was von mir übrig war, auch. Aber vielleicht ist das in Ordnung. Vielleicht geht es nicht darum, etwas festzuhalten, sondern darum, loszulassen, bevor man selbst zu einer Erinnerung wird. Ich gehe raus. Weiter. Schritt für Schritt, durch das Zwielicht, das über allem liegt. Kein Ziel, kein Plan. Nur Bewegung. Und irgendwo in der Ferne, hinter den Wolken, flackert ein Rest von Licht. So schwach, dass man nicht weiß, ob es bleibt oder schon vergeht.
Oktober.
Alles, was bleibt, ist der Augenblick.
Oktober. Er ist da. Er kam fast unscheinbar. Kein Feuerwerk. Kein lauter Auftakt. Nur ein sanftes Kippen der Tage. Leise, fast schüchtern. Man wacht auf und merkt, dass die Luft kühler ist, die Jacke am Haken plötzlich wieder Sinn hat. Auf den Straßen liegen Kastanien. Halb zertreten und doch glänzend wie Münzen, die niemand mehr aufhebt. Ein älterer Mann fegt das Laub von seiner Einfahrt, als würde er den Sommer endgültig ausradieren. Manchmal denke ich, der Oktober ist dieser Monat, der einem zeigt, wie schnell sich Dinge verändern, ohne dass man es wirklich bemerkt. Der Bus kommt wie immer zur gleichen Zeit. Der Nachbar trägt den Müll raus. Die Welt dreht sich weiter. Nur das Licht fällt anders. Tiefer, schräger, manchmal so, als wolle es die Wahrheit hervorholen, die man sonst übersieht. Und plötzlich merkt man, dass es genau diese leisen Bewegungen sind, die das Leben verändern.
Ich sitze am Schreibtisch. Vor mir ein Notizbuch. Daneben ein Stift, der nicht mehr schreibt. Ein Glas, in dem nur noch ein Rest Wasser steht. Abgestanden. Geschmacklos. Nichts davon hat Bedeutung und trotzdem bleibt mein Blick daran hängen. Vielleicht, weil das Leben manchmal genau so ist. Es erscheint bedeutungslos in seinen Details und doch nicht auszuhalten ohne sie. Draußen knallt eine Autotür, dumpf, endgültig. Eine Frau fährt mit ihrem Fahrrad über die Straße. Talko seufzt unter dem Tisch, als wüsste er mehr als ich. Es sind immer Kleinigkeiten und doch haben sie Gewicht. Das Leben besteht nicht nur aus Höhepunkten. Wir tun nur oftmals so. Oder wir zeigen nur diese. Es kommt aufs Gleiche hinaus. Und dann warten wir auf diese Momente, die alles erklären, die uns retten sollen. Aber vielleicht ist das eine Lüge. Vielleicht sind diese großen Dinge nur das, was zwischen den Momenten passiert. Vielleicht ist es der Staub auf dem Tisch, das Knistern eines Blattes unter dem Schuh. Vielleicht sind es diese Dinge, die uns wirklich irgendwie verändern. Der Oktober zieht uns den Sommer aus den Händen, ohne uns zu fragen, und gibt uns dafür nichts als kürzere Tage und längere Nächte. Veränderung fragt nie, ob wir bereit sind. Sie passiert einfach. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem das Leben anfängt.
Vielleicht merke ich es gerade an mir selbst. Ich stehe jeden Morgen auf, noch bevor es hell wird, gehe mit Talko über alte Feldwege. Der Boden ist feucht, das Gras kalt, meine Gedanken lauter als der Wind. Ich zähle Schritte, aber sie zählen nicht wirklich. Eigentlich sind sie vollkommen belanglos. Und manchmal denke ich, dass ich mich so bewege, um nicht stillzustehen. Ich bin 44 Jahre alt und habe oft immer noch das Gefühl, nirgends wirklich angekommen zu sein. Kein Ort, an dem man sagt: hier bin ich richtig. Eher ein Zwischenraum, ein Warten, ein Dazwischen. Ich tue, was ich kann, ich arbeite, ich schreibe, ich laufe, ich halte durch. Aber es bleibt dieses Gefühl, dass sich das Leben nicht festhalten lässt, dass es durch die Finger rinnt wie Wasser aus einem Glas, das schon fast leer ist. Jammern auf hohem Niveau. Es sind keine großen Dramen, nur diese kleinen Dinge, die sich stapeln. Mein Blick in den Spiegel am frühen Morgen, der nichts Neues zeigt. Der Schritt in einen Raum, in dem die Stille schwer an den Wänden hängt. Der Gedanke, dass man längst hätte weiter sein sollen.
Ich denke schon, es ist dieser Gedanke, der mich immer wieder einholt und langsam begreife ich, dass nicht die großen Sprünge zählen, sondern die kleinen Dinge, die man selbst jeden Tag verändert. Oder verändern kann. Es braucht im eigenen Leben keine Revolution, keinen ständigen Neuanfang über Nacht, sondern winzige Handgriffe, die am Ende aber doch schwerer sind, als sie aussehen.
Ehrlich zu sich selbst sein. Klingt eigentlich ganz einfach. Man schaut in den Spiegel, nickt sich zu, sagt sich die Wahrheit. Aber in echt ist es wie ein Messer, das langsam angesetzt wird. Es schneidet durch die Geschichten, die man sich über Jahre erzählt hat. Und das kann weh tun.
Loslassen. Ob Menschen, alte Träume oder Vorstellungen. Jeder sagt, man solle loslassen, als sei es ein Knopfdruck. Und irgendwie habe ich das selbst immer getan. Doch in Wahrheit reißt es einen innerlich auseinander. Man verliert zuerst ein Stück seiner Identität, bevor man merkt, dass es nur Ballast war.
Nein sagen. Nur zwei Buchstaben, aber sie haben das Gewicht von tausend. Nein sagen heißt, Grenzen setzen. Heißt, vielleicht jemanden zu enttäuschen. Heißt, sich selbst nicht mehr ausverkaufen.
Vergeben. Nicht irgendwelchen anderen Menschen. Sondern sich selbst. Ich glaube, das ist die härteste Übung. Man schaut auf sein Leben und erkennt Fehler, Schwächen, Dinge, die man anders machen wollte aber nie getan hat. Und dann sagt man trotzdem: es ist okay.
Sich wirklich entscheiden. Wie oft habe ich das schon aufgeschoben, weil eine klare Entscheidung eben auch bedeutet, dass alle anderen Wege sterben. Aber am Ende frisst jede nicht getroffene Entscheidung Zeit, sie frisst Leben.
Der Schreibtisch liegt hinter mir. Ich stehe draußen. Oktoberluft auf der Haut. Klar. Kühl. Wie ein Versprechen, das keiner laut ausspricht. Die Jacke macht Sinn. Über mir hängen Wolken wie schwere Tücher, darunter ein schmaler Streifen Licht, der alles für einen Moment weich macht. Auf den Wegen liegt das Laub der Eichen, der Kastanien. Aufgeweicht. Zerrissen. Und doch hat jedes noch seine Form. Ich gehe weiter, höre Talkos Schritte neben meinen, das leise Rascheln, den Wind, der durch die Hecken zieht. Alles ist so einfach und so schwer zugleich. Nichts davon gehört mir und doch ist es alles, was ich habe. Oktober. Herbst. Er zeigt mir, dass Dinge fallen dürfen, dass Verluste nicht immer ein Ende sind, sondern Platz schaffen. Dieser Monat erinnert mich daran, dass das Leben kein Ziel ist, sondern ein Weg. Und vielleicht liegt darin mehr Trost, als ich mir eingestehen will. Ich muss nicht angekommen sein, wenn Leben bedeutet, unterwegs zu sein.
Der letzte Vorhang.
Aufgeben statt weiterspielen.
„Je mehr man über sich selbst und das, was man will, weiß, desto weniger lässt man an sich ran“, sagt Bill Murray in Lost in Translation. Ich schaue mich um. Das Licht im Raum ist gedämpft, die Luft still, als hielte sie etwas zurück. Zeit tropft von den Rändern, unbemerkt, fast so, als hätte sie beschlossen, in andere Richtungen zu verschwinden. Schritte verhallen. Türen schließen sich. Tage kommen und gehen, werfen Schatten über den Boden, die sich nicht festhalten lassen. Vielleicht bleibt am Ende nur das übrig, was unausgesprochen bleibt. Ein Rest von Nähe. Eine Erinnerung. Ein Fetzen von dem, was einmal groß erschien. Und vielleicht sind es die Rollen, die wir dabei verlieren oder jene, die wir nie hätten annehmen sollen. Masken, die irgendwann zu schwer werden. Sätze, die nicht die eigenen waren. Manchmal genügt ein Atemzug, um zu spüren, dass etwas zu Ende geht: ein Raum, ein Blick, ein stilles Nicken. Die Welt dreht sich weiter, während irgendwo ein Vorhang zum letzten Mal fällt…
Den Film habe ich nie gesehen. Zugegeben. Aber ich habe das Zitat irgendwo aufgeschnappt und länger darüber nachgedacht. Es klang im ersten Augenblick kalt, fast schon abweisend. Doch vielleicht meint Murray gar nicht Kälte, sondern Klarheit. Vielleicht bedeutet es, dass je genauer ich weiß, was ich will, desto weniger lasse ich die Dinge an mich ran, die mich von mir wegtragen. Erwartungen, Menschen, Geschichten, in denen ich nur eine Nebenrolle war.
Früher habe ich das verwechselt. Ich hielt Grenzen für Härte. Heute denke ich viel mehr, es sind Türen, die ich leise schließe, damit es in mir endlich still genug wird, meine eigene Stimme zu hören. Und wenn ich weiter darüber nachdenke, stelle ich fest: Ja, ich bin geflohen. Ich habe Dinge verbrannt, Ideen, Anläufe, ganze Räume. Wie ein Beweis, dass etwas passiert. Rauch statt Arbeit.
Das war immer ein schöner Trick, um nicht dorthin gehen zu müssen, wo es wehtut. Dahin, wo Entscheidungen fällig sind. Dahin, wo Gespräche warten, die ich vermeiden wollte. Dahin, wo die Aufgaben liegen, die niemand für mich erledigt. Stattdessen habe ich Rollen gewählt. Kostüme, die nach außen funktionieren und innen hohl sind. Man trägt sie, weil man gesehen werden will, weil man glaubt, sonst zu verschwinden. Doch langsam merke ich mehr und mehr, wie schwer sie geworden sind. Wie sie mir den Atem nehmen.
Jetzt, so langsam, je mehr ich über mich weiß, desto deutlicher spüre ich, was nicht mehr an mich darf. Es sind die geliehenen Sätze, die gelernten Gesten, die Lügen in freundlichen Farben. Und wenn das wegfällt, bleibt die Arbeit übrig: all die Masken fallen zu lassen. Ohne Drama. Ohne Pose. Man darf aufhören zu spielen, auch wenn noch Licht auf der Bühne liegt. Man darf aufstehen. Runter von den Brettern, die eben nicht die Welt bedeuten. Runtergehen in den Flur, wo das normale Licht brennt. Dorthin, wo keine Musik, kein Text, kein Publikum zu finden ist. Nur Schritte. Nur Atem. Und dann kommt dieses kleine, unspektakuläre Nicken vor dem eigenen Spiegel. Ja. Aufgeben statt weiterspielen. Das ist in Ordnung. Das ist kein Scheitern. Keine Niederlage. Sondern ein Beginn.
Vielleicht war auch die Seite nachmittage.de auch nur wieder eine dieser Rollen. Ein weiteres Projekt, das ich verbrannt habe. Ich habe gemerkt, dass ich mich da wieder in etwas hineinzwang, das nicht wirklich zu mir gehörte. Eine Fassade, die schön aussah, aber schwer zu tragen war. Wieder ein Kostüm. Wieder ein Spiel, das nicht meins war. Ich wollte etwas sein, etwas darstellen, das ich am Ende nicht ausfüllen konnte.
Aber das muss ich nicht. Es reicht, einfach zu tun, was mir Spaß macht. Schreiben, wenn ein Gedanke länger bleibt. Fotografieren, wenn ein Bild mir zufällig begegnet. Ein Video drehen, weil es Freude macht, nicht weil es Pflicht ist. Ohne Themen, ohne festen Rahmen. Ohne den Druck, dass daraus etwas Großes werden muss. Ich denke, so werde ich es zukünftig machen. Unter meinem Namen. Dem Namen, den meine Eltern mir geschenkt haben. Ohne Masken. Ohne Spiel. Einfach so, wie ich bin. Vielleicht sind es Geschichten, die ich mir ausdenke. Vielleicht ein Gedicht, das mir auf einem Spaziergang einfällt. Vielleicht gar nichts davon. Aber es wird echt sein. Kein Programm. Kein Kalender. Keine Erwartungen. Nur Worte, Bilder, Sätze, wenn sie entstehen wollen.
Es heißt ja oft, man dürfe nie aufgeben. Doch vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht bedeutet Aufgeben manchmal, endlich weiterzugehen. Rollen loszulassen, die nie die eigenen waren. Projekte oder Ideen, die nur Maske und nicht Wahrheit waren. Aber auch Menschen. Beziehungen enden. Jobs, in die man Jahre gesteckt hat, verlieren vielleicht einfach ihre Bedeutung. Freunde, von denen man dachte, sie wären für immer, verschwinden ohne ein Wort. Früher hat mich das verunsichert. Ich fand es beschissen und habe geglaubt, man könne Dinge festhalten, wenn man nur genug investiert. Oder indem man nur noch stärker eine Rolle spielt. Aber all das stimmt nicht. So verliert man sich am schnellsten selbst. Fakt ist: Wer oder was bleiben will, bleibt. Und was geht, geht. Heute sage ich mir öfter: Niemand muss bleiben. Und das gilt auch für mich. Ich muss und will nicht mehr an Rollen, Menschen, Orten, Projekten, Ideen, Träumen oder Umständen hängen, die mir dann doch nicht guttun. Heute denke ich, aufgeben statt weiterspielen. Und wie gesagt, das ist kein Scheitern. Kein Ende. Sondern der Beginn von etwas Neuem. Von etwas Echtem.
Kein Donnerschlag.
Nur Staub auf der Haut.
Der Kaffee auf dem Tisch ist halb leer, längst kalt, doch er gehört dazu wie das Schweigen zwischen zwei Sätzen. Draußen zieht die Welt ihre Bahnen, als wäre alles längst entschieden. Sterne stürzen vom Nachthimmel, ohne dass jemand es bemerkt. Vielleicht ist unser Leben nicht mehr als ein kurzer Wimpernschlag im Dunkel, ein Atemzug, der sich verliert. Und trotzdem bleibt da dieses Drängen, die Nähe einer Haut, das Gewicht einer Hand. Manchmal reicht ein Blick, um alles infrage zu stellen. Ein Raum, zwei Menschen, ein Herzschlag zu viel. Die Zeit hält nicht an, aber für einen Moment tut sie so, als könnte sie es…
Manchmal meint man es, aber die Welt ändert sich nicht laut. Sie tut es leise. Ein Schatten verschiebt sich. Ein Blick dauert länger als er sollte. Eine Tür fällt ins Schloss. Und plötzlich bist du nicht mehr der, der du gestern warst. Veränderungen kommen nicht wie Stürme. Sie kommen wie Staub, der sich unbemerkt auf deine Haut legt, bis du merkst, dass du eine andere Gestalt angenommen hast. Ende und Anfang sind kein Gegensatz. Sie sind das gleiche Gesicht im Spiegel. Nur leicht anders. Man verliert etwas, das man für unverrückbar hielt und findet sich in einer neuen Ordnung wieder, die längst auf dich gewartet hat. Vielleicht ist das Leben nichts weiter als ein ständiges Verlernen, ein Auflösen in dem, was bleibt. Und wenn man Glück hat, ist da jemand, der still neben einem sitzt. Jemand, der den Kaffee nicht trinkt, aber versteht, warum er kalt werden durfte.
Man sagt, Kafka habe einmal geschrieben, das Leben sei ein Maskenball, und er schäme sich, ohne Maske erschienen zu sein. Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht. Egal. Ich verstehe das. Doch bei mir ist es anders. Ich habe fast nie ohne Maske am Leben teilgenommen. Ich habe sie gewählt. Immer. Keine einzige wurde mir aufgezwungen. Ich trug sie wie eine zweite Haut. Aus Angst. Aus Schwäche. Aus dem Wunsch, gesehen zu werden. Und doch führten sie mich weg von dem, der ich wirklich bin. Vielleicht war ihr einziger Sinn, mich zu schützen. Nicht, weil ich mich nicht ertrug, sondern weil ich Angst davor hatte, nicht genug zu sein. Nur selten gab es Ausnahmen. Zwei, vielleicht drei Menschen, vor denen ich sein konnte, wer ich wirklich bin. Bei ihnen durfte ich lachen, ohne den Gedanken zu tragen, was dieses Lachen kosten könnte. Ohne Angst haben zu müssen, dass es mir wieder genommen wird. Sie gehören zu den Besten meines Lebens.
Ende September. Der Herbst nimmt dem Sommer das Leben. Nicht auf einmal, sondern in kleinen Zügen. Erst die Nächte, die kühler werden. Dann das Licht, das nicht mehr warm, sondern scharf durch die Bäume fällt. Am Ende sind es die Blätter, die fallen. Eines nach dem anderen, bis der Sommer nur noch in der Erinnerung weiterlebt. Und man beginnt zu sortieren, was bleibt. Momente in der Heide, das trockene Gras unter den Füßen, die Luft, die nach Erde roch, der Regen am Schafstall. Wege zwischen den Bruchhauser Steinen, leicht und hell, als würde alles von selbst getragen. Gespräche, die ohne Gewicht waren und gerade deshalb blieben. Ein Lächeln, das nicht gesucht werden musste. Worte, die keinen Zweck hatten, außer da zu sein. Und Kalle, der kleine Deutsch-Jagdterrier, der wie ein Wächter immer wieder vorauslief, verschwand, zurückkam, als wollte er sagen: Hier ist es gut. Zufällige Berührungen, beiläufig, fast unscheinbar und doch das, was im Gedächtnis Wurzeln schlägt. Vielleicht ist es so, dass die schönsten Augenblicke immer jene sind, in denen keine Maske nötig ist. In denen man nicht nachdenkt, nicht spielt, sondern einfach ist. Echt. So schlicht, dass selbst ein ausgestreckter Mittelfinger Teil der Nähe wird. Ein Scherz und zugleich ein Versprechen.
Und jetzt, da der Herbst das grüne Laub von den Ästen zieht und der Sommer in ihnen stirbt, versteht man, dass Wert nichts mit den Augen der anderen zu tun hat. Man muss nichts leisten, um zu gefallen. Man muss nichts vortäuschen. Es geschieht von selbst, wenn man sich zeigt, wie man ist. Und wer bleibt, bleibt deshalb. Die, die gehen, waren nie wirklich Teil von einem. Sie hielten sich nur an den Masken fest.
Der Kaffee auf dem Tisch ist längst leer, die Tasse kalt. Und doch erzählt er von dem, was bleibt, wenn alles andere vergeht. Wie ein Beweis dafür, dass die Zeit nicht anzuhalten ist. Ich will keine Masken mehr tragen. Nicht jetzt, nicht später. Aber Masken fallen nicht in einem Augenblick. Sie kleben, weil man sie zu lange getragen hat. Veränderung kommt nicht wie ein Donnerschlag. Sie kommt leise, fast unbemerkt. Ein Gedanke, der anders klingt. Ein Satz, den man nicht mehr glaubt. Ein neuer, der sich langsam über den alten legt. Was so einfach scheint, wird schwer, wenn man merkt, wie tief die alten Überzeugungen in einem wurzeln. Sie halten fest, wie Ketten, die niemand angelegt hat außer man selbst. Und doch lässt sich etwas lösen. Schritt für Schritt. Man legt ab, was nicht mehr zu einem gehört. Man schafft neue Sätze, neue Wahrheiten. Sie brauchen Zeit, bis sie Teil werden von dem, der man ist. Vielleicht ist das der Weg. Langsam, unbeholfen, schmerzhaft und zugleich notwendig. Ein Blick, ein Atemzug, eine Geste, die andeutet, dass Veränderung möglich ist.
Und vielleicht genügt genau das, um zu beginnen.
Egal, wie spät es ist.
Unterwegs mit Kalle.
Ein Deutsch Jagdterrier im Sauerland
Das Ziel? Die Bruchhauser Steine. Wir kamen an, Denise, Kalle und ich. Der Hund sprang aus dem Auto, schnupperte, markierte, als müsse er den Platz sofort zu seinem machen. Unsere Rucksäcke wurden geschultert, die Schuhe festgezogen, und schon waren wir unterwegs. Der Weg begann harmlos, Kies unter den Sohlen, Bäume dicht an dicht. Es roch nach Wald, nach Erde, nach einem Sommer, der langsam auslief. Kalle zog manchmal an der Leine, verschwand ins Gebüsch, tauchte wieder auf, mit einem Stück Holz, groß genug, um fast komisch zu wirken. Denise und ich lachten. Der Aufstieg war gleichmäßig. Oben eine herrliche Ruhe. Die Steine waren grau, schwer, unbeeindruckt von allem. Für sie gibt es keinen Sommer, keinen Herbst, nur Zeit. Wir standen da, sahen uns um, sprachen, lachten.
Wenn Sommer geht.
Ein Weg zu den Steinen.
Der Sommer zieht vorbei. Die alten Fachwerkfassaden lehnen sich dicht aneinander, schwarz und weiß wie ein Gedicht, das niemand je zu Ende geschrieben hat. Auf den Pflastersteinen liegt das erste welke Laub. Man bemerkt es kaum, und doch erzählen die Blätter, dass diese Jahreszeit vergeht. Im Wind liegt der Geruch von feuchtem Holz, von einer Kühle, die bleiben wird. Auf einer Mauer streckt sich eine Katze, träge, als sei auch sie ein Teil dieser Müdigkeit. Sie hebt kurz den Kopf, als jemand vorbei geht und legt ihn unbeeindruckt wieder ab. Am Ende des Augusts sortiert man, was von den Wochen übrig ist. Manche Bilder verblassen schnell, andere öffnet man immer wieder, wie kleine Schachteln voller Licht. Ob der Sommer gut oder schlecht war, spielt keine Rolle mehr. Wichtig ist nur, was bleibt. Die Abende, die man nicht vergessen will. Das Lachen, das man aufbewahrt. Die kleinen Stunden, die wärmen, wenn die Tage dunkel werden. Vielleicht ist es ja das Beste, die letzten Tage des Sommers mit Momenten zu füllen, die genau das tragen. Damit man sie hervorkramen kann, wenn der Himmel dunkelgrau ist und der Wind kälter durch die Gassen zieht.
Wir steigen ins Auto. Eine knappe Stunde Fahrt liegt vor uns. Genug Zeit, um zu reden, während die Straßen sich durch Felder und kleine Orte ziehen. Noch bevor wir den Ort verlassen, halten wir an einer Bäckerei. Drinnen riecht es nach frischem Brot, nach Kaffee und süßem Gebäck. Ein paar Brötchen, frisch geschmiert und in Papier gewickelt, wandern in die Tüte, dann in den Rucksack. Nichts Besonderes, doch genau das Richtige für diesen Tag. Der Himmel wirkt, als wolle er sich öffnen. Graue Schleier hängen tief, schwer und fast unbeweglich über den Dächern. Doch an diesem Tag reißen sie nicht. Er bleibt geschlossen, als hielte er den Regen zurück. Die Landschaft zieht vorbei, erst sanft, dann rauer, bis in der Ferne die Konturen der Bruchhauser Steine auftauchen. Ein Ort, der wirkt, als sei er schon immer dort gewesen, gleichgültig gegenüber allem, was vergeht.
Am Parkplatz vor dem Info-Center liegt eine eigentümliche Ruhe. Nur wenige Autos stehen in der Reihe. Als die Klappe des Kofferraums aufgeht, springt Kalle, der Deutsch-Jagdterrier, sofort hinaus. Er landet, schüttelt sich und beginnt, die Umgebung in Besitz zu nehmen. Er schnuppert an Büschen, verschwindet halb in einem Strauch, hebt die Nase und atmet die Luft, als wollte er sie ganz für sich beanspruchen. Nach Sekunden ist klar, dass dieser Ort jetzt auch zu seinem Revier gehört. Ich muss lachen. Wir nehmen uns Zeit, schnüren die Schuhe fest, ziehen die Rucksäcke zurecht. Vor dem Info-Center hängt der Geruch von Wald und trockener Erde. Drinnen kaufen wir die Tickets. Der Weg beginnt harmlos, zwischen Bäumen, die dicht stehen und deren Kronen den Himmel fast verschließen. Es riecht nach Moos und Pilzen, nach einer Wärme, die noch vom Sommer erzählt. Unter den Schuhen knirscht feiner Kies, leise, gleichmäßig und irgendwie schön. Kalle läuft an der Leine voraus, zieht mal nach links, mal nach rechts, als wolle er nichts verpassen. Für mich ist es der zweite Aufstieg in diesem Jahr. Und das allein sagt genug. Man kehrt nicht zurück, wenn ein Ort nichts in einem berührt. Die Steine dort oben sind mehr als nur Felsen. Sie stehen da, unbewegt, und doch erzählen sie Geschichten von Zeiten, die wir vergessen haben, von einer Welt, die ohne uns weitergeht. Ich glaube, wer dafür empfänglich ist, der findet hier etwas, das bleibt.
Wie erwähnt, ich war in diesem Jahr schon hier. Allein. Es war ein Tag, an dem der Sommer in vollem Saft stand. Die Luft flimmerte, das Grün der Wälder leuchtete. Es gab kein Gespräch, niemand war neben mir. Nur meine und Talkos Schritte auf dem Kies, das gleichmäßige Atmen, das sich mit dem Summen der Insekten mischte. Ich erinnere mich an die Pausen, an das Wasser, das in der Flasche längst warm geworden war, und an die Ruhe, die sich in mir ausbreitete. Sie hatte nichts Einsames, sondern etwas Schönes, als würde mich dieser Ort aufnehmen, ohne etwas zu verlangen.
Jetzt, Ende August, ist es ein anderer Weg, obwohl es derselbe ist. Die Luft ist kühler, der Himmel schwerer, die Farben stumpfer. Das Grün, das im Juli noch überquoll, hat an Glanz verloren. Es ist, als hätte die Natur in wenigen Wochen ein Kapitel abgeschlossen, das man nicht zurückblättern kann. Neben mir eine vertraute Stimme, Gespräche, ein Hund, der manchmal ungeduldig an der Leine zieht. Es ist ein anderes Gehen, lauter und trotzdem mit derselben Ahnung, dass auch dieser Tag sich in Erinnerung verwandeln wird. Seltsam, denke ich, wie nah beides beieinanderliegt und sich doch anfühlt, als läge ein ganzer Sommer dazwischen. Was eben noch Gegenwart war, ist jetzt Erinnerung. Was wir heute erleben, wird morgen dasselbe Schicksal haben. Dann sortiert man diese Tage ein wie kleine Schachteln, legt manche einfach weg und öffnet andere wieder und wieder, weil sie einen wärmen.
Die Steine tauchen auf. Sie kennen keinen Juli, keinen August, keinen Unterschied zwischen einem heißen Sommertag und einem kühlen Spätsommer. Für sie ist alles nur Zeit, die vergeht. Gleichgültig, endlos. Für mich aber sind es Bilder, die nebeneinanderliegen. Ein Tag im Juli, hell und drückend, allein. Ein Tag Ende August, grauer, geteilt mit jemandem, den ich mag. Zwei Augenblicke, die schon beginnen zu verblassen und die doch bleiben, weil man sie nicht vergessen will.
Der Sommer zieht vorbei. Ob er heute, morgen oder erst in ein paar Tagen endet, spielt keine Rolle. Der Kalender mag zwar seine Linien ziehen, doch in Wirklichkeit gibt es keine scharfen Kanten. Alles fließt. Alles geht immer ineinander über. Tag und Nacht. Ebbe und Flut. Anfang und Ende sind nur Namen, die wir erfinden, um Wandel für uns greifbar zu machen. Trotzdem schließe ich das Kapitel des Sommers 2025 mit dem heutigen Tag. Mit einem lachenden Auge. Vielleicht auch mit einem, das ein wenig wehmütig zurückschaut, denn ich weiß, dass manche Stunden dieses Sommers nie wiederkehren werden. Sie mögen sich eines Tages ähneln, aber niemals werden sie noch einmal so sein, wie sie waren. Und ich glaube, darin liegt ihr Wert. Sie sind einmalig, Singulär. Flüchtig und gerade deshalb so unfassbar wertvoll. Trotzdem kämpfe nicht mehr darum, dass etwas bleibt. Stattdessen lasse ich alles ziehen, was gehen will. Ich nehme an, was kommt, und bewahre, was geht, als Erinnerung, so wie es war.
Ja, vielleicht ist es genau das, was die Bruchhauser Steine einem zuflüstern. Also, dass alles vergeht und doch immer etwas irgendwie bleibt. Nicht die Tage selbst, nicht die Stunden, sondern die Bilder, die wir in uns tragen. Ein Tag im Juli. Ein Tag Ende August. Zwei Augenblicke, die längst beginnen zu verblassen und doch leuchten, weil man sie nicht vergisst. Wir gehen den Weg zurück, über Kies und Laub, vorbei an Büschen, an denen der Hund noch einmal schnuppert. Der Himmel bleibt geschlossen, das Ende des Sommers leise. Aber in mir ist er noch da. Als Erinnerung. Als etwas, das bleibt.
Unter Lichtern.
Ich drehe mich ein letztes Mal um. Eigentlich ist der Nachmittag längst vorbei. Hat nur offenbar niemand dem Garten gesagt. Zwischen den Apfelbäumen hängen noch die Lichterketten. Das Feuer brennt kleiner als vorhin, aber immer noch groß genug, um ein paar der Gesichter orange auszuleuchten. Menschen sitzen darum herum, Bierflaschen irgendwo zwischen den Füßen, Jacken über den Schultern, Gespräche halb im Rauch und halb in der Nacht. Über ihnen Sterne. Vor ihnen Glut. Irgendwo läuft noch Musik. Und für einen kurzen Moment bleibe ich einfach stehen. Kamera in der Hand. Müde. Ziemlich im Arsch. Ziemlich glücklich. Vielleicht auch ein bisschen voll mit diesem ganzen Tag.
Am Feuer sitzen Menschen nebeneinander, die sich heute Mittag wahrscheinlich noch nicht mal kannten. Jetzt erzählen sie sich Sachen, die man einem Fremden eigentlich nicht erzählt. Zumindest nicht nach dem verschissenen, gesellschaftlich anerkanntem Zeitplan. Hier und Nachts funktioniert das offenbar anders. Vielleicht liegt es am Feuer. Vielleicht an der Musik. Vielleicht daran, dass irgendwann diese höfliche Schicht verschwindet, mit der wir tagsüber so durch die Gegend laufen. Beruf. Haus. Auto. Was machst du so? Ach interessant. Und irgendwann, Stunden später, sitzt man da und redet plötzlich über die Sachen, die tatsächlich interessant sind. Menschen. Liebe. Verlust. Irgendwelche vollkommen bescheuerten Entscheidungen. Die Dinge, die wehgetan haben. Die Dinge, die einen gerettet haben. Das Leben eben.
Keine Ahnung, wann genau dieser Nachmittag gekippt ist. Von einer Veranstaltung zu einem dieser Tage, die sich irgendwo festsetzen. Zu einem dieser Tage, die unbedingt bleiben dürfen, weil sie geil waren. Vielleicht muss ich deshalb noch mal zurück. Ganz an den Anfang. Kurz nach eins.
Am Anfang
Der Garten liegt etwas außerhalb. Hinter der Stadt, nah am Fluss. Eichen stehen am Rand, Apfelbäume verteilen Schatten, auf einer gemähten Wiese stehen zwei Fußballtore und auf einer kleinen Bühne wird gerade der erste Soundcheck gemacht. Noch ist hier fast niemand. Ein paar Menschen laufen herum, tragen Sachen von links nach rechts, überprüfen Kabel, stellen Getränke hin und erledigen all diesen Kram, von dem später niemand etwas bemerkt, solange er funktioniert. Veranstaltungen sind vermutlich genau wie das Leben. Die schönsten Momente sehen immer wahnsinnig selbstverständlich aus, obwohl vorher irgendjemand acht Stunden lang Kabelbinder gesucht hat. Kannst du dir nicht ausdenken. Und nebenbei steht hier überall die Frage im Raum, ob überhaupt genug Leute kommen. Einschulungen sind an diesem Wochenende. Irgendwo gibt die Feuerwehr einen aus und schenkt wahrscheinlich heftig einen ein. Es gab schon Absagen. Diese übliche Mischung aus Hoffnung und leichter Veranstalterpanik also. Auf der Wiese interessiert das niemanden. Da spielen ein paar Jungs Fußball. Ein Ball. Ein Tor. Rennen. Fertig. Keins der Kids diskutiert dort Besucherzahlen oder Reichweite. Vielleicht sollten Erwachsene grundsätzlich häufiger Fußball auf gemähten Wiesen spielen. Würde einiges vereinfachen.
Das Wetter macht jedenfalls mit. Ein paar Wolken, bisschen Wind, kein Weltuntergang. Später wird niemand erzählen müssen, dass wir sechs Stunden unter einem Pavillon standen und so getan haben, als wäre Regen irgendwie romantisch. Und dann kommen die ersten Menschen. Dann noch welche. Dann mehr. Und ziemlich schnell sieht dieser Garten nicht mehr aus wie ein Garten. Sondern wie ein verdammt kleines Festival.
Paul Post
Den Anfang macht Paul Post. Eine Hälfte von Wrong Chat aus Bremen. An diesem Nachmittag steht er allerdings allein auf der Bühne. Keine komplette Band. Kein riesiges Setup. Eine Gitarre. Stimme. Mehr braucht er gerade auch nicht. Es ist einer dieser Auftritte, bei denen man wieder merkt, dass Musik nicht automatisch besser wird, nur weil mehr Kram auf einer Bühne steht. Man hört seine Finger auf den Saiten. Die Pausen. Das Atmen. Kleine Unebenheiten. Genau das macht es gut.
Wrong Chat bewegen sich irgendwo zwischen Indie und Grunge. Gitarrenmusik mit Kanten. Kein Hochglanz. Kein klinisch sauberer Sound, bei dem am Ende jeder Ton perfekt sitzt und trotzdem niemand mehr weiß, wie er sich eigentlich angefühlt hat. Paul? Dewr steht da vorne und macht einfach. Und langsam füllt sich der Platz. Menschen bleiben stehen. Andere setzen sich ins Gras. Die ersten Gespräche beginnen. Dieser Nachmittag bekommt einen Puls. Noch langsam. Aber er ist da.
Später steht Jupiter Flynn auf der Bühne. Und zwischen zwei Liedern erzählt sie von der Pride-Flagge am Eingang. Davon, wie sie dieses Ding gesehen hat und sofort wusste: Geil. Hier bin ich sicher. So ein Satz bleibt hängen. Weil eine Fahne für manche Menschen einfach nur eine Fahne ist. Und für andere bedeutet sie: Geil, dass du da bist. Einfach so. Ohne Erklärung. Ohne Verteidigung. Ohne vorher zu prüfen, welche Version von dir gerade gesehen werden will.
Sie erzählt von ihrer ersten Liebe. Offen. Verletzlich. Weil sie sich sicher fühlt. Und plötzlich verändert sich der ganze Auftritt. Die Musik ist immer noch Musik. Natürlich. Aber zwischen den Gitarren liegt jetzt etwas anderes. Vertrauen. Und Vertrauen kann man nicht am Mischpult einstellen. Das entsteht zwischen Menschen. Oder eben nicht. Hier entsteht es. Für ein paar Minuten wird diese kleine Bühne zu einem Ort, an dem jemand etwas erzählen kann, das vielleicht nicht überall erzählt werden könnte.
Eigentlich ziemlich beschissen, dass so etwas im Jahr 2025 überhaupt noch erwähnenswert ist. Ist es aber. Also erwähnt man es.
Während Jupiter Flynn noch über den Platz klingt, riecht es plötzlich nach Waffeln. Was wahrscheinlich der härteste Stilbruch dieses Festivals ist. Indie. Melancholie. Verletzlichkeit. Puderzucker. Kinder laufen mit heißen Waffeln durch den Garten und haben ungefähr so viel Puderzucker darauf, dass die Europäische Zentralbank vermutlich anfangen würde, die Menge zu regulieren. Natürlich essen die Erwachsenen auch welche. Erwachsene behaupten bei solchen Veranstaltungen gerne erst, sie bräuchten nichts. Dann sehen sie eine Waffel. Ende der Selbstbeherrschung.
Ich stehe mit Mareike, Marina und Ulrike irgendwo zwischen Bühne, Menschen und diesem ganzen wunderbaren Durcheinander. Wir reden. Lachen. Auf der Bühne ist kurz Pause, vom DJ-Pult kommt Musik. Einige tanzen. Andere springen in den Fluss. Auf der Wiese wird immer noch Fußball gespielt. Natürlich. Und ich merke irgendwann, dass hier gerade sehr viele verschiedene Nachmittage gleichzeitig stattfinden.
Für die einen ist es ein Konzert. Für andere ein Familienfest. Für manche wahrscheinlich ein Wiedersehen. Für irgendwen vielleicht ein erstes Date. Für die Jungs auf der Wiese weiterhin einfach Fußball. Genau das macht den Garten gut und diesen Tag so unfassbar geil. Niemand muss dasselbe daraus machen.
Dann kommen Versacer. Vier Menschen, verteilt über Dresden, Berlin, Hannover und München. Was schon organisatorisch nach einem mittelschweren Problem klingt. Musikalisch hört man davon nichts. Deutsch. Englisch. Indie. Pop. Gitarren. Irgendwas dazwischen. Genregrenzen scheinen ihnen ungefähr so wichtig zu sein wie mir mittlerweile die Frage, ob irgendjemand etwas „in deinem Alter noch macht“. Kann man diskutieren. Muss man aber nicht. Einfach Musik an. Die Leute vor der Bühne sehen das ähnlich. Erst wippen ein paar. Dann bewegen sich mehr. Dann fliegen Arme hoch. Und irgendwann entsteht dieses leicht chaotische Gedränge, bei dem Außenstehende vermutlich glauben würden, es gäbe Streit.
Gibt es nicht. Im Gegenteil. Alle rasten aus, poggen oder wie das geschrieben wird und freuen sich darüber. Konzerte sind manchmal schon eine bemerkenswert bescheuerte gesellschaftliche Vereinbarung. Im Supermarkt wäre exakt dasselbe Verhalten ein Fall für den Sicherheitsdienst. Vor einer Bühne nennt man es Glück. Na dann lieber vor die Bühne. Oder rauf. Oder wieder runter. Keine Ahnung. Drauf geschissen. Hauptsache geil.
Zwischen den Bands gehe ich mit der Kamera durch die Menge. Das mache ich automatisch. Licht suchen. Gesichter. Hände. Bewegungen. Diese Sekunden, die eine halbe Sekunde später schon wieder vorbei sind. Fotografierende kennen das. Alle anderen dürfen einfach glauben, dass wir etwas Wichtiges tun.
Mareike entdeckt mich. Sie lacht. Sagt, wie schön es ist, dass ich da bin. Dann drückt sie plötzlich ihr Gesicht gegen meinen Oberarm. Ich bin kurz irritiert. Kann ja alles passieren auf so einem Festival. Dann sehe ich den Glitzer. Mein Arm funkelt. Sie war vorher am Kinderschminktisch. Damit wäre das geklärt. An diesem Tisch sitzen übrigens erstaunlich häufig Erwachsene. Kinder stehen davor und malen ihnen mit sehr ernsten Gesichtern Sterne, Herzen, Kreise und irgendwelche Formen ins Gesicht, die wahrscheinlich künstlerisch extrem wichtig sind und deren Bedeutung Erwachsene ohnehin nicht verstehen.
Und plötzlich laufen Menschen über diesen Platz, die im normalen Leben vielleicht Steuererklärungen machen, Teams führen oder irgendwo Entscheidungen treffen und jetzt einen schiefen pinken Stern auf der Wange tragen. Mega. Mehr davon. Echt jetzt. Weniger Würde. Gehörschutz für die Kleinsten gibt es übrigens auch. Das ist sinnvoll. Denn anschließend wird es laut. Richtig laut.
Eine junge Band aus den Niederlanden. „Diet Grunge Pop“ nennen sie ihren Sound selbst. Keine Ahnung, was genau man sich darunter vorstellen soll. Nach ungefähr dreißig Sekunden weiß man es trotzdem. Dreckige Gitarren. Popmelodien. Neunziger. Krach. Energie. Vor allem Energie. Joan de Bruyn Kops steht vorne und wirkt ungefähr so, als hätte ihr vor dem Auftritt jemand gesagt, sie solle sich bitte ein bisschen zurückhalten. Und sie hätte geantwortet: Fick Dich. Sie springt. Schreit. Singt. Geht voll in die Menge. Löst einen Moshpit aus und behandelt die imaginäre Grenze zwischen Publikum und Bühne eher wie eine unverbindliche Empfehlung.
Mareike steht neben mir, schaut nach vorne und sagt trocken: „Die Sängerin ist heiß.“ Ich schaue hin. Ja. Kann man so stehen lassen.
Währenddessen zerlegt HUNK weiter den Garten. Und obwohl die Band noch nicht besonders lange unterwegs ist, merkt man sofort, dass die keinen Bock darauf haben, Dinge einfach so zu machen, wie Bands sie eben machen. Zu Veröffentlichungen gibt es Spiele. Filme. Listening-Sessions. Ideen. Alles wirkt ein bisschen wie: Mal gucken, was passiert, wenn wir das jetzt einfach machen.
Ich mag solche Menschen. Wahrscheinlich, weil ich mir mittlerweile dieselbe Frage häufiger stelle. Mal gucken, was passiert. Das ist manchmal ein deutlich besserer Lebensplan als die Variante mit Excel-Tabelle. Live ist HUNK jedenfalls weniger Band als kontrollierter Unfall. Wut. Euphorie. Schweiß. Gitarren. Und dieser ganze kleine Garten bewegt sich.
Irgendwann wird es Abend. Sieben Uhr. Acht Uhr. Keine Ahnung. Ich habe wirklich kaum auf die Uhr gesehen. Was vermutlich das beste Zeichen für einen guten Tag ist. Vom Grill zieht Rauch über den Platz. Bratwürste. Nackensteaks. Vegetarisches. Veganes. Brot. Menschen stehen Schlange. Die Veranstalterinnen und Veranstalter selbst stehen hinter dem Grill, drehen Fleisch, reichen Teller rüber, schneiden Brot und sehen aus, als wäre genau das seit Jahren ihr eigentlicher Beruf. Niemand meckert über die Wartezeit. Auch bemerkenswert. Normalerweise reichen in Deutschland ungefähr vier Minuten Wartezeit, damit jemand ein grundsätzliches Problem mit dem System erkennt. Hier nicht. Hier steht man eben. Redet. Hört Musik. Holt Getränke. Und irgendwann bekommt man Essen. Verrücktes Konzept. Funktioniert.
Ich stehe ein Stück daneben und komme mit einem Mann ins Gespräch. Er verwaltet beruflich einen Friedhof. Natürlich. Wo sonst sollte man an einem Sommerabend zwischen Punkmusik und Bratwurst über Bestattungsformen sprechen? Er erzählt mir von Urnenfeldern. Baumgräbern. Reihengräbern. Anonymen Bestattungen. Irgendeiner Regenbestattung. Und mindestens einer weiteren Variante, deren Namen ich vergessen habe. Nach zehn Minuten bin ich überraschend umfassend darüber informiert, welche Möglichkeiten man in Deutschland besitzt, wenn man irgendwann nicht mehr mitfeiert. Neben uns brutzeln Nackensteaks. Jemand sortiert Bierflaschen. Menschen lachen. Und wir reden über Friedhöfe. Es passt überhaupt nicht. Also passt es perfekt. Denn wann bekommt man schon die Gelegenheit, jemanden so etwas zu fragen, wenn man es gerade nicht wissen muss? Normalerweise beschäftigt man sich mit Tod erst dann, wenn er irgendwo vor der Tür steht. Eigentlich ziemlich dämlich. Jetzt stehe ich jedenfalls auf einem Festival und bekomme zwischen zwei Bands eine kostenlose Fortbildung in Bestattungskultur. Kannste dir nicht ausdenken.
Nach einer niederländischen Band kommt dann eine Kölner Band mit niederländischem Namen.
Iedereen. Bedeutet: Alle. Besser kann man einen Übergang kaum bauen. Iedereen sind allerdings nicht alle. Sondern zwei. Tom. Ron. Gitarre. Schlagzeug. Reicht vollkommen. Die beiden machen einen Lärm, als hätten sie heimlich noch vier Leute hinter der Bühne versteckt. Vor der Bühne bildet sich ein Circle Pit. Menschen rennen im Kreis. Arme fliegen. Körper knallen gegeneinander. Schweiß. Geschrei. Lachen. Das volle Programm. Ich stehe daneben. Kamera Berufliches Risiko und so. Egal. Sowas von. Eigentlich wäre ich vermutlich gerne einmal mitten reingelaufen. Aber Kameras kosten Geld. Das ist ätzend. Aber verständlich. Menschen drehen sich immer schneller und der Garten, in dem am Nachmittag Kinder mit Waffeln über die Wiese gelaufen sind, sieht plötzlich aus, als würde hier gerade ein sehr freundlicher Aufstand stattfinden. Iedereen ziehen durch. Ohne Pause. Ohne Sicherheitsabstand. Als das Set vorbei ist, steht Tom vorne, komplett durchgeschwitzt. Ausgewrungen. Fertig. Glücklich. Und genau so muss das wahrscheinlich aussehen. Nicht schön. Echt.
Dann CAVA. Berlin. Mela Schulz. Peppi Ahrens. Garage Rock. Punk. Und eine Haltung, die nicht erst lange höflich anklopft. Die beiden kommen auf die Bühne und hauen los. Gehen rein. Mitten in die Fresse. Mit Anstand? Vergiss es. Keine zehnminütige Einleitung. Keine musikalische Bedienungsanleitung. Gitarre. Schlagzeug. Druck. Die Songs richten sich gegen Strukturen im Musikbusiness, gegen patriarchalen Mist, gegen Wegsehen, gegen Täterschutz und gegen die Vorstellung, man müsse sich mit Dingen arrangieren, nur weil sie schon immer so waren.
Das Schöne daran: Es klingt nicht nach Vortrag. Es klingt nach Musik. Nach Trotz. Nach Wut. Nach: Nein. So nicht. Halts Maul. Und genau deshalb funktioniert es. Menschen vor der Bühne tanzen. Andere hören einfach zu. CAVA müssen niemandem erklären, dass Haltung wichtig ist. Man hört sie. Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Haltung und Pose. Pose erzählt dir, dass sie Haltung besitzt. Haltung spielt einfach den nächsten Song.
Später wird das Feuer angezündet. Oder vielleicht brannte es schon vorher. Keine Ahnung. Wie gesagt: Uhrzeit ist nicht meine Kernkompetenz. Jedenfalls sitzen irgendwann Menschen darum herum. Die Flammen sind groß. Dann kleiner. Dann wieder größer, weil jemand Holz nachlegt. Zwischen den Apfelbäumen hängen weiterhin die Lichterketten. Über ihnen Sterne. Rauch zieht durch die Äste und alles riecht nac Holz, Sommer und diesem leicht verbrannten Zeug, das man morgens garantiert noch in der Jacke haben wird. An den Theken stehen Menschen. Andere sitzen auf Bänken. Manche auf dem Boden. Gespräche laufen gleichzeitig. Lachen. Musik. Flaschen klirren. Irgendjemand erzählt irgendjemandem irgendeine Geschichte.
Und ich gehe mit meiner Kamera dazwischen herum und merke irgendwann, dass ich heute Menschen getroffen habe, die ich vorher nicht kannte. Andere kenne ich schon lange. Und manche fühlen sich merkwürdigerweise vertrauter an, als die Zeit eigentlich erlauben würde. Mareike und Maike bringen mich an diesem Tag wahrscheinlich am häufigsten zum Lachen. Ein erstklassiges Currywurst-Date mit Mund abwischen. Fast wie früher. Wie ganz früher. Und vielleicht ist genau das einer dieser Momente, die man nicht groß erklären sollte. Weil sie kaputtgehen, wenn man sie zu lange analysiert. Es ist einfach schön. Fertig.
Was mir an diesem Garten auffällt: Die ganzen Unterschiede, mit denen wir uns draußen so wahnsinnig gerne beschäftigen, interessieren hier fast keine Sau. Welchen Beruf jemand hat. Was jemand verdient. Welches Auto draußen steht. Ob überhaupt eins draußen steht. Welche Uhr am Handgelenk hängt. Wer irgendwas erreicht hat. Wer gerade überhaupt nicht weiß, wohin. Vor der Bühne hilft dir deine verschissene Visitenkarte herzlich wenig. Im Circle Pit sowieso nicht. Und da, am Feuer fragt auch niemand nach deinem LinkedIn-Profil, bevor du eine Geschichte erzählen darfst.
Zum Glück. Vielleicht sind solche Orte deshalb wichtig. Nicht, weil dort plötzlich alle Menschen gleich sind. Sind sie nicht. Menschen bleiben unterschiedlich. Manche werden sich mögen. Andere nicht. Einige werden heute Nummern austauschen. Andere werden sich nie wiedersehen. Manche Geschichten beginnen vielleicht gerade. Andere enden hier. So ist das. Was willste machen? Aber für ein paar Stunden gibt es diesen gemeinsamen Raum. Musik. Essen. Feuer. Glitzer. Fußball. Menschen. Mehr braucht man offenbar gar nicht.
Irgendwann merke ich die Müdigkeit. Nicht diese kaputte Müdigkeit nach einem beschissenen Tag. Diese gute. Die, bei der der Körper sagt: Reicht jetzt Otto. War genug Leben für heute. Ich packe meine Sachen zusammen. Objektiv runter. Alles in die Tasche. Reißverschluss zu. Ich verabschiede mich gar nicht. Gehe einfach Richtung Auto. Auf dem Weg höre ich hinter mir noch Stimmen. Musik. Lachen. Das Feuer knackt. Ich lege die Kamera in den Kofferraum und setze mich hinter das Steuer. Aber ich fahre noch nicht. Durch die Scheibe sehe ich zurück in den Garten. Das Feuer ist kleiner geworden. Menschen sitzen immer noch dort. Und plötzlich denke ich darüber nach, wie bekloppt viel Zeit wir damit verbringen, Dinge zu sammeln, von denen wir glauben, sie würden irgendwann beweisen, dass unser Leben gut gewesen ist. Häuser. Autos. Geld. Uhren. Zeug. Kram. Schrott. Kann man alles haben. Ist auch überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Ich hätte selbst gerne einen ziemlich guten Van.
Aber wenn ich daran denke, was von diesem Nachmittag bei mir bleibt, dann ist es nichts davon. Es ist Mareikes Glitzer auf meinem Arm. Ein Satz über eine Pride-Flagge. Kinder mit Waffeln. Ein Sänger, der völlig durchgeschwitzt auf einer Bühne steht. Ein Circle Pit auf einer Wiese. Ein Gespräch über Friedhöfe neben einem Grill. Mareike und Marina, die mich zum Lachen bringen. Eine Sängerin, die offenbar heiß ist. Menschen am Feuer. Geschichten. Das Zeug eben, das man nirgendwo kaufen kann. Vielleicht ist das überhaupt das Verrückteste an Erinnerungen: Sie kosten im Moment oft fast nichts. Und werden später unbezahlbar. Ich starte den Motor noch immer nicht. Draußen zieht jemand einen Stuhl näher ans Feuer. Eine Person lacht. Jemand hebt eine Flasche auf. Die Lichterketten hängen zwischen den Apfelbäumen und darüber steht dieser verdammt große Himmel, als hätte er den ganzen Abend nichts anderes gemacht, als auf diesen kleinen Garten aufzupassen. Man sagt immer, der erste Eindruck zählt. Kann sein. Ich glaube mittlerweile, der letzte ist mindestens genauso wichtig. Und meiner ist ziemlich einfach. Da sitzen Menschen. Nicht Lebensläufe. Nicht Berufe. Nicht Kontostände. Menschen. Sie erzählen sich Geschichten. Sie hören einander zu. Sie lachen. Sie tanzen. Sie machen sich ein bisschen lächerlich. Zum Glück. Sie leben.
Ich steige noch einmal aus, mache den Kofferraum richtig zu. Am Feuer sitzen immer noch Menschen. Dann drehe ich mich ein letztes Mal um.