Unter Lichtern.

Ich drehe mich ein letztes Mal um. Eigentlich ist der Nachmittag längst vorbei. Hat nur offenbar niemand dem Garten gesagt. Zwischen den Apfelbäumen hängen noch die Lichterketten. Das Feuer brennt kleiner als vorhin, aber immer noch groß genug, um ein paar der Gesichter orange auszuleuchten. Menschen sitzen darum herum, Bierflaschen irgendwo zwischen den Füßen, Jacken über den Schultern, Gespräche halb im Rauch und halb in der Nacht. Über ihnen Sterne. Vor ihnen Glut. Irgendwo läuft noch Musik. Und für einen kurzen Moment bleibe ich einfach stehen. Kamera in der Hand. Müde. Ziemlich im Arsch. Ziemlich glücklich. Vielleicht auch ein bisschen voll mit diesem ganzen Tag.

Am Feuer sitzen Menschen nebeneinander, die sich heute Mittag wahrscheinlich noch nicht mal kannten. Jetzt erzählen sie sich Sachen, die man einem Fremden eigentlich nicht erzählt. Zumindest nicht nach dem verschissenen, gesellschaftlich anerkanntem Zeitplan. Hier und Nachts funktioniert das offenbar anders. Vielleicht liegt es am Feuer. Vielleicht an der Musik. Vielleicht daran, dass irgendwann diese höfliche Schicht verschwindet, mit der wir tagsüber so durch die Gegend laufen. Beruf. Haus. Auto. Was machst du so? Ach interessant. Und irgendwann, Stunden später, sitzt man da und redet plötzlich über die Sachen, die tatsächlich interessant sind. Menschen. Liebe. Verlust. Irgendwelche vollkommen bescheuerten Entscheidungen. Die Dinge, die wehgetan haben. Die Dinge, die einen gerettet haben. Das Leben eben.

Keine Ahnung, wann genau dieser Nachmittag gekippt ist. Von einer Veranstaltung zu einem dieser Tage, die sich irgendwo festsetzen. Zu einem dieser Tage, die unbedingt bleiben dürfen, weil sie geil waren.  Vielleicht muss ich deshalb noch mal zurück. Ganz an den Anfang. Kurz nach eins.

Am Anfang

Der Garten liegt etwas außerhalb. Hinter der Stadt, nah am Fluss. Eichen stehen am Rand, Apfelbäume verteilen Schatten, auf einer gemähten Wiese stehen zwei Fußballtore und auf einer kleinen Bühne wird gerade der erste Soundcheck gemacht. Noch ist hier fast niemand. Ein paar Menschen laufen herum, tragen Sachen von links nach rechts, überprüfen Kabel, stellen Getränke hin und erledigen all diesen Kram, von dem später niemand etwas bemerkt, solange er funktioniert. Veranstaltungen sind vermutlich genau wie das Leben. Die schönsten Momente sehen immer wahnsinnig selbstverständlich aus, obwohl vorher irgendjemand acht Stunden lang Kabelbinder gesucht hat. Kannst du dir nicht ausdenken. Und nebenbei steht hier überall die Frage im Raum, ob überhaupt genug Leute kommen. Einschulungen sind an diesem Wochenende. Irgendwo gibt die Feuerwehr einen aus und schenkt wahrscheinlich heftig einen ein. Es gab schon Absagen. Diese übliche Mischung aus Hoffnung und leichter Veranstalterpanik also. Auf der Wiese interessiert das niemanden. Da spielen ein paar Jungs Fußball. Ein Ball. Ein Tor. Rennen. Fertig. Keins der Kids diskutiert dort Besucherzahlen oder Reichweite. Vielleicht sollten Erwachsene grundsätzlich häufiger Fußball auf gemähten Wiesen spielen. Würde einiges vereinfachen.

Das Wetter macht jedenfalls mit. Ein paar Wolken, bisschen Wind, kein Weltuntergang. Später wird niemand erzählen müssen, dass wir sechs Stunden unter einem Pavillon standen und so getan haben, als wäre Regen irgendwie romantisch. Und dann kommen die ersten Menschen. Dann noch welche. Dann mehr. Und ziemlich schnell sieht dieser Garten nicht mehr aus wie ein Garten. Sondern wie ein verdammt kleines Festival.

Paul Post

Den Anfang macht Paul Post. Eine Hälfte von Wrong Chat aus Bremen. An diesem Nachmittag steht er allerdings allein auf der Bühne. Keine komplette Band. Kein riesiges Setup. Eine Gitarre. Stimme. Mehr braucht er gerade auch nicht. Es ist einer dieser Auftritte, bei denen man wieder merkt, dass Musik nicht automatisch besser wird, nur weil mehr Kram auf einer Bühne steht. Man hört seine Finger auf den Saiten. Die Pausen. Das Atmen. Kleine Unebenheiten. Genau das macht es gut.

Wrong Chat bewegen sich irgendwo zwischen Indie und Grunge. Gitarrenmusik mit Kanten. Kein Hochglanz. Kein klinisch sauberer Sound, bei dem am Ende jeder Ton perfekt sitzt und trotzdem niemand mehr weiß, wie er sich eigentlich angefühlt hat. Paul? Dewr steht da vorne und macht einfach. Und langsam füllt sich der Platz. Menschen bleiben stehen. Andere setzen sich ins Gras. Die ersten Gespräche beginnen. Dieser Nachmittag bekommt einen Puls. Noch langsam. Aber er ist da.

Später steht Jupiter Flynn auf der Bühne. Und zwischen zwei Liedern erzählt sie von der Pride-Flagge am Eingang. Davon, wie sie dieses Ding gesehen hat und sofort wusste: Geil. Hier bin ich sicher. So ein Satz bleibt hängen. Weil eine Fahne für manche Menschen einfach nur eine Fahne ist. Und für andere bedeutet sie: Geil, dass du da bist. Einfach so. Ohne Erklärung. Ohne Verteidigung. Ohne vorher zu prüfen, welche Version von dir gerade gesehen werden will.

Sie erzählt von ihrer ersten Liebe. Offen. Verletzlich. Weil sie sich sicher fühlt.  Und plötzlich verändert sich der ganze Auftritt. Die Musik ist immer noch Musik. Natürlich. Aber zwischen den Gitarren liegt jetzt etwas anderes. Vertrauen. Und Vertrauen kann man nicht am Mischpult einstellen. Das entsteht zwischen Menschen. Oder eben nicht. Hier entsteht es. Für ein paar Minuten wird diese kleine Bühne zu einem Ort, an dem jemand etwas erzählen kann, das vielleicht nicht überall erzählt werden könnte.

Eigentlich ziemlich beschissen, dass so etwas im Jahr 2025 überhaupt noch erwähnenswert ist. Ist es aber. Also erwähnt man es.

Während Jupiter Flynn noch über den Platz klingt, riecht es plötzlich nach Waffeln. Was wahrscheinlich der härteste Stilbruch dieses Festivals ist. Indie. Melancholie. Verletzlichkeit. Puderzucker. Kinder laufen mit heißen Waffeln durch den Garten und haben ungefähr so viel Puderzucker darauf, dass die Europäische Zentralbank vermutlich anfangen würde, die Menge zu regulieren. Natürlich essen die Erwachsenen auch welche. Erwachsene behaupten bei solchen Veranstaltungen gerne erst, sie bräuchten nichts. Dann sehen sie eine Waffel. Ende der Selbstbeherrschung.

Ich stehe mit Mareike, Marina und Ulrike irgendwo zwischen Bühne, Menschen und diesem ganzen wunderbaren Durcheinander. Wir reden. Lachen. Auf der Bühne ist kurz Pause, vom DJ-Pult kommt Musik. Einige tanzen. Andere springen in den Fluss. Auf der Wiese wird immer noch Fußball gespielt. Natürlich. Und ich merke irgendwann, dass hier gerade sehr viele verschiedene Nachmittage gleichzeitig stattfinden.

Für die einen ist es ein Konzert. Für andere ein Familienfest. Für manche wahrscheinlich ein Wiedersehen. Für irgendwen vielleicht ein erstes Date. Für die Jungs auf der Wiese weiterhin einfach Fußball. Genau das macht den Garten gut und diesen Tag so unfassbar geil. Niemand muss dasselbe daraus machen.

Dann kommen Versacer. Vier Menschen, verteilt über Dresden, Berlin, Hannover und München. Was schon organisatorisch nach einem mittelschweren Problem klingt. Musikalisch hört man davon nichts. Deutsch. Englisch. Indie. Pop. Gitarren. Irgendwas dazwischen. Genregrenzen scheinen ihnen ungefähr so wichtig zu sein wie mir mittlerweile die Frage, ob irgendjemand etwas „in deinem Alter noch macht“. Kann man diskutieren. Muss man aber nicht. Einfach Musik an. Die Leute vor der Bühne sehen das ähnlich. Erst wippen ein paar. Dann bewegen sich mehr. Dann fliegen Arme hoch. Und irgendwann entsteht dieses leicht chaotische Gedränge, bei dem Außenstehende vermutlich glauben würden, es gäbe Streit.

Gibt es nicht. Im Gegenteil. Alle rasten aus, poggen oder wie das geschrieben wird und freuen sich darüber. Konzerte sind manchmal schon eine bemerkenswert bescheuerte gesellschaftliche Vereinbarung. Im Supermarkt wäre exakt dasselbe Verhalten ein Fall für den Sicherheitsdienst. Vor einer Bühne nennt man es Glück. Na dann lieber vor die Bühne. Oder rauf. Oder wieder runter. Keine Ahnung. Drauf geschissen. Hauptsache geil.

Zwischen den Bands gehe ich mit der Kamera durch die Menge. Das mache ich automatisch. Licht suchen. Gesichter. Hände. Bewegungen. Diese Sekunden, die eine halbe Sekunde später schon wieder vorbei sind. Fotografierende kennen das. Alle anderen dürfen einfach glauben, dass wir etwas Wichtiges tun.

Mareike entdeckt mich. Sie lacht. Sagt, wie schön es ist, dass ich da bin. Dann drückt sie plötzlich ihr Gesicht gegen meinen Oberarm. Ich bin kurz irritiert. Kann ja alles passieren auf so einem Festival. Dann sehe ich den Glitzer. Mein Arm funkelt. Sie war vorher am Kinderschminktisch. Damit wäre das geklärt. An diesem Tisch sitzen übrigens erstaunlich häufig Erwachsene. Kinder stehen davor und malen ihnen mit sehr ernsten Gesichtern Sterne, Herzen, Kreise und irgendwelche Formen ins Gesicht, die wahrscheinlich künstlerisch extrem wichtig sind und deren Bedeutung Erwachsene ohnehin nicht verstehen.

Und plötzlich laufen Menschen über diesen Platz, die im normalen Leben vielleicht Steuererklärungen machen, Teams führen oder irgendwo Entscheidungen treffen und jetzt einen schiefen pinken Stern auf der Wange tragen. Mega. Mehr davon. Echt jetzt. Weniger Würde. Gehörschutz für die Kleinsten gibt es übrigens auch. Das ist sinnvoll. Denn anschließend wird es laut. Richtig laut.

Eine junge Band aus den Niederlanden. „Diet Grunge Pop“ nennen sie ihren Sound selbst. Keine Ahnung, was genau man sich darunter vorstellen soll. Nach ungefähr dreißig Sekunden weiß man es trotzdem. Dreckige Gitarren. Popmelodien. Neunziger. Krach. Energie. Vor allem Energie. Joan de Bruyn Kops steht vorne und wirkt ungefähr so, als hätte ihr vor dem Auftritt jemand gesagt, sie solle sich bitte ein bisschen zurückhalten. Und sie hätte geantwortet: Fick Dich. Sie springt. Schreit. Singt. Geht voll in die Menge. Löst einen Moshpit aus und behandelt die imaginäre Grenze zwischen Publikum und Bühne eher wie eine unverbindliche Empfehlung.

Mareike steht neben mir, schaut nach vorne und sagt trocken: „Die Sängerin ist heiß.“ Ich schaue hin. Ja. Kann man so stehen lassen.

Währenddessen zerlegt HUNK weiter den Garten. Und obwohl die Band noch nicht besonders lange unterwegs ist, merkt man sofort, dass die keinen Bock darauf haben, Dinge einfach so zu machen, wie Bands sie eben machen. Zu Veröffentlichungen gibt es Spiele. Filme. Listening-Sessions. Ideen. Alles wirkt ein bisschen wie: Mal gucken, was passiert, wenn wir das jetzt einfach machen.

Ich mag solche Menschen. Wahrscheinlich, weil ich mir mittlerweile dieselbe Frage häufiger stelle. Mal gucken, was passiert. Das ist manchmal ein deutlich besserer Lebensplan als die Variante mit Excel-Tabelle. Live ist HUNK jedenfalls weniger Band als kontrollierter Unfall. Wut. Euphorie. Schweiß. Gitarren. Und dieser ganze kleine Garten bewegt sich.

Irgendwann wird es Abend. Sieben Uhr. Acht Uhr. Keine Ahnung. Ich habe wirklich kaum auf die Uhr gesehen. Was vermutlich das beste Zeichen für einen guten Tag ist. Vom Grill zieht Rauch über den Platz. Bratwürste. Nackensteaks. Vegetarisches. Veganes. Brot. Menschen stehen Schlange. Die Veranstalterinnen und Veranstalter selbst stehen hinter dem Grill, drehen Fleisch, reichen Teller rüber, schneiden Brot und sehen aus, als wäre genau das seit Jahren ihr eigentlicher Beruf. Niemand meckert über die Wartezeit. Auch bemerkenswert. Normalerweise reichen in Deutschland ungefähr vier Minuten Wartezeit, damit jemand ein grundsätzliches Problem mit dem System erkennt. Hier nicht. Hier steht man eben. Redet. Hört Musik. Holt Getränke. Und irgendwann bekommt man Essen. Verrücktes Konzept. Funktioniert.

Ich stehe ein Stück daneben und komme mit einem Mann ins Gespräch. Er verwaltet beruflich einen Friedhof. Natürlich. Wo sonst sollte man an einem Sommerabend zwischen Punkmusik und Bratwurst über Bestattungsformen sprechen? Er erzählt mir von Urnenfeldern. Baumgräbern. Reihengräbern. Anonymen Bestattungen. Irgendeiner Regenbestattung. Und mindestens einer weiteren Variante, deren Namen ich vergessen habe. Nach zehn Minuten bin ich überraschend umfassend darüber informiert, welche Möglichkeiten man in Deutschland besitzt, wenn man irgendwann nicht mehr mitfeiert. Neben uns brutzeln Nackensteaks. Jemand sortiert Bierflaschen. Menschen lachen. Und wir reden über Friedhöfe. Es passt überhaupt nicht. Also passt es perfekt. Denn wann bekommt man schon die Gelegenheit, jemanden so etwas zu fragen, wenn man es gerade nicht wissen muss? Normalerweise beschäftigt man sich mit Tod erst dann, wenn er irgendwo vor der Tür steht. Eigentlich ziemlich dämlich. Jetzt stehe ich jedenfalls auf einem Festival und bekomme zwischen zwei Bands eine kostenlose Fortbildung in Bestattungskultur. Kannste dir nicht ausdenken.

Nach einer niederländischen Band kommt dann eine Kölner Band mit niederländischem Namen.

Iedereen. Bedeutet: Alle. Besser kann man einen Übergang kaum bauen. Iedereen sind allerdings nicht alle. Sondern zwei. Tom. Ron. Gitarre. Schlagzeug. Reicht vollkommen. Die beiden machen einen Lärm, als hätten sie heimlich noch vier Leute hinter der Bühne versteckt. Vor der Bühne bildet sich ein Circle Pit. Menschen rennen im Kreis. Arme fliegen. Körper knallen gegeneinander. Schweiß. Geschrei. Lachen. Das volle Programm. Ich stehe daneben. Kamera Berufliches Risiko und so. Egal. Sowas von.  Eigentlich wäre ich vermutlich gerne einmal mitten reingelaufen. Aber Kameras kosten Geld. Das ist ätzend. Aber verständlich. Menschen drehen sich immer schneller und der Garten, in dem am Nachmittag Kinder mit Waffeln über die Wiese gelaufen sind, sieht plötzlich aus, als würde hier gerade ein sehr freundlicher Aufstand stattfinden. Iedereen ziehen durch. Ohne Pause. Ohne Sicherheitsabstand. Als das Set vorbei ist, steht Tom vorne, komplett durchgeschwitzt. Ausgewrungen. Fertig. Glücklich. Und genau so muss das wahrscheinlich aussehen. Nicht schön. Echt.

Dann CAVA. Berlin. Mela Schulz. Peppi Ahrens. Garage Rock. Punk. Und eine Haltung, die nicht erst lange höflich anklopft. Die beiden kommen auf die Bühne und hauen los. Gehen rein. Mitten in die Fresse. Mit Anstand? Vergiss es. Keine zehnminütige Einleitung. Keine musikalische Bedienungsanleitung. Gitarre. Schlagzeug. Druck. Die Songs richten sich gegen Strukturen im Musikbusiness, gegen patriarchalen Mist, gegen Wegsehen, gegen Täterschutz und gegen die Vorstellung, man müsse sich mit Dingen arrangieren, nur weil sie schon immer so waren.

Das Schöne daran: Es klingt nicht nach Vortrag. Es klingt nach Musik. Nach Trotz. Nach Wut. Nach: Nein. So nicht. Halts Maul. Und genau deshalb funktioniert es. Menschen vor der Bühne tanzen. Andere hören einfach zu. CAVA müssen niemandem erklären, dass Haltung wichtig ist. Man hört sie. Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Haltung und Pose. Pose erzählt dir, dass sie Haltung besitzt. Haltung spielt einfach den nächsten Song.

Später wird das Feuer angezündet. Oder vielleicht brannte es schon vorher. Keine Ahnung. Wie gesagt: Uhrzeit ist nicht meine Kernkompetenz. Jedenfalls sitzen irgendwann Menschen darum herum. Die Flammen sind groß. Dann kleiner. Dann wieder größer, weil jemand Holz nachlegt. Zwischen den Apfelbäumen hängen weiterhin die Lichterketten. Über ihnen Sterne. Rauch zieht durch die Äste und alles riecht nac Holz, Sommer und diesem leicht verbrannten Zeug, das man morgens garantiert noch in der Jacke haben wird. An den Theken stehen Menschen. Andere sitzen auf Bänken. Manche auf dem Boden. Gespräche laufen gleichzeitig. Lachen. Musik. Flaschen klirren. Irgendjemand erzählt irgendjemandem irgendeine Geschichte.

Und ich gehe mit meiner Kamera dazwischen herum und merke irgendwann, dass ich heute Menschen getroffen habe, die ich vorher nicht kannte. Andere kenne ich schon lange. Und manche fühlen sich merkwürdigerweise vertrauter an, als die Zeit eigentlich erlauben würde. Mareike und Maike bringen mich an diesem Tag wahrscheinlich am häufigsten zum Lachen. Ein erstklassiges Currywurst-Date mit Mund abwischen. Fast wie früher. Wie ganz früher. Und vielleicht ist genau das einer dieser Momente, die man nicht groß erklären sollte. Weil sie kaputtgehen, wenn man sie zu lange analysiert. Es ist einfach schön. Fertig.

Was mir an diesem Garten auffällt: Die ganzen Unterschiede, mit denen wir uns draußen so wahnsinnig gerne beschäftigen, interessieren hier fast keine Sau. Welchen Beruf jemand hat. Was jemand verdient. Welches Auto draußen steht. Ob überhaupt eins draußen steht. Welche Uhr am Handgelenk hängt. Wer irgendwas erreicht hat. Wer gerade überhaupt nicht weiß, wohin. Vor der Bühne hilft dir deine verschissene Visitenkarte herzlich wenig. Im Circle Pit sowieso nicht. Und da, am Feuer fragt auch niemand nach deinem LinkedIn-Profil, bevor du eine Geschichte erzählen darfst.

Zum Glück. Vielleicht sind solche Orte deshalb wichtig. Nicht, weil dort plötzlich alle Menschen gleich sind. Sind sie nicht. Menschen bleiben unterschiedlich. Manche werden sich mögen. Andere nicht. Einige werden heute Nummern austauschen. Andere werden sich nie wiedersehen. Manche Geschichten beginnen vielleicht gerade. Andere enden hier. So ist das. Was willste machen? Aber für ein paar Stunden gibt es diesen gemeinsamen Raum. Musik. Essen. Feuer. Glitzer. Fußball. Menschen. Mehr braucht man offenbar gar nicht.

Irgendwann merke ich die Müdigkeit. Nicht diese kaputte Müdigkeit nach einem beschissenen Tag. Diese gute. Die, bei der der Körper sagt: Reicht jetzt Otto. War genug Leben für heute. Ich packe meine Sachen zusammen. Objektiv runter. Alles in die Tasche. Reißverschluss zu. Ich verabschiede mich gar nicht. Gehe einfach Richtung Auto. Auf dem Weg höre ich hinter mir noch Stimmen. Musik. Lachen. Das Feuer knackt. Ich lege die Kamera in den Kofferraum und setze mich hinter das Steuer. Aber ich fahre noch nicht. Durch die Scheibe sehe ich zurück in den Garten. Das Feuer ist kleiner geworden. Menschen sitzen immer noch dort. Und plötzlich denke ich darüber nach, wie bekloppt viel Zeit wir damit verbringen, Dinge zu sammeln, von denen wir glauben, sie würden irgendwann beweisen, dass unser Leben gut gewesen ist. Häuser. Autos. Geld. Uhren. Zeug. Kram. Schrott. Kann man alles haben. Ist auch überhaupt nichts dagegen einzuwenden. Ich hätte selbst gerne einen ziemlich guten Van.

Aber wenn ich daran denke, was von diesem Nachmittag bei mir bleibt, dann ist es nichts davon. Es ist Mareikes Glitzer auf meinem Arm. Ein Satz über eine Pride-Flagge. Kinder mit Waffeln. Ein Sänger, der völlig durchgeschwitzt auf einer Bühne steht. Ein Circle Pit auf einer Wiese. Ein Gespräch über Friedhöfe neben einem Grill. Mareike und Marina, die mich zum Lachen bringen. Eine Sängerin, die offenbar heiß ist. Menschen am Feuer. Geschichten. Das Zeug eben, das man nirgendwo kaufen kann. Vielleicht ist das überhaupt das Verrückteste an Erinnerungen: Sie kosten im Moment oft fast nichts. Und werden später unbezahlbar. Ich starte den Motor noch immer nicht. Draußen zieht jemand einen Stuhl näher ans Feuer. Eine Person lacht. Jemand hebt eine Flasche auf. Die Lichterketten hängen zwischen den Apfelbäumen und darüber steht dieser verdammt große Himmel, als hätte er den ganzen Abend nichts anderes gemacht, als auf diesen kleinen Garten aufzupassen. Man sagt immer, der erste Eindruck zählt. Kann sein. Ich glaube mittlerweile, der letzte ist mindestens genauso wichtig. Und meiner ist ziemlich einfach. Da sitzen Menschen. Nicht Lebensläufe. Nicht Berufe. Nicht Kontostände. Menschen. Sie erzählen sich Geschichten. Sie hören einander zu. Sie lachen. Sie tanzen. Sie machen sich ein bisschen lächerlich. Zum Glück.  Sie leben.

Ich steige noch einmal aus, mache den Kofferraum richtig zu. Am Feuer sitzen immer noch Menschen. Dann drehe ich mich ein letztes Mal um.