NACHMITTAGE.
Früher habe ich ziemlich viel verpasst. Nicht, weil ich nicht da war. Ich war da. Ich habe nur irgendwann aufgehört, richtig hinzusehen. Habe funktioniert, genickt, Termine eingehalten und viel zu oft gedacht: Machste später. Scheiß auf später.
Heute drehe ich die Musik wieder auf. Gitarren dürfen scheppern. Entscheidungen dürfen unvernünftig sein. Ich stehe nach jedem Sturz wieder auf, verzeihe schneller, küsse langsam und halte mich lieber an Menschen als an Fünfjahrespläne. Ich will wieder merken, wenn das Leben passiert. Wenn jemand wichtig wird. Wenn ein Song trifft. Wenn ein Nachmittag plötzlich größer wird als der ganze beschissene Rest der Woche.
Genau daraus entstehen Nachmittage. Meine Kolumne über Menschen, Musik, Liebe, Abschiede, kaputte Pläne, gute Umwege und alles, was ein bisschen zu laut, zu nah oder zu echt ist, um einfach vorbeizugehen. Der Rest kann warten. Musik an. Hinschauen. Aufschreiben.
Nach dem Regen.
Aber es hört nie ganz auf zu regnen.
Der Regen hat aufgehört. Und doch ist die Welt noch voll davon. An einem Haus läuft Wasser aus den Rinnen des Daches, sammelt sich am Rand der Straße und findet immer neue Wege, um irgendwohin zu verschwinden. Der Himmel ist bleigrau. Wie längst gebrauchte Leichentücher, ohne Kontur, als hätte er die Form vergessen. Die Felder […]
Die Geometrie der Zeit.
Wir messen, was wir nicht verstehen.
Und vielleicht ist die Zeit ja gar kein gerader Weg. Kein Strom, der uns irgendwohin führt. Vielleicht ist sie mehr wie ein Raum, der sich dehnt und zusammenzieht. Wie ein Atem, den man nicht kontrollieren kann. Die meisten Menschen glauben, sie würde vergehen, als könnte man sie verlieren, wenn man nicht aufpasst. Aber das stimmt […]
Bis es still wird.
Und nichts mehr übrig ist als Staub.
Wir sind nur Geschichten, die sich selbst erzählen, bis sie verstummen. Zwischen Geburt und Tod ein paar Jahre, in denen wir glauben, irgendetwas zu verstehen. In den Fenstern spiegelt sich das Licht der Bildschirme, Gesichter leuchten kurz auf, verschwinden wieder. Menschen reden, ohne zuzuhören. Lachen, ohne Freude. Und irgendwo, mitten in all dem, sitzt jemand […]
Oktober.
Alles, was bleibt, ist der Augenblick.
Oktober. Er ist da. Er kam fast unscheinbar. Kein Feuerwerk. Kein lauter Auftakt. Nur ein sanftes Kippen der Tage. Leise, fast schüchtern. Man wacht auf und merkt, dass die Luft kühler ist, die Jacke am Haken plötzlich wieder Sinn hat. Auf den Straßen liegen Kastanien. Halb zertreten und doch glänzend wie Münzen, die niemand mehr […]
Der letzte Vorhang.
Aufgeben statt weiterspielen.
„Je mehr man über sich selbst und das, was man will, weiß, desto weniger lässt man an sich ran“, sagt Bill Murray in Lost in Translation. Ich schaue mich um. Das Licht im Raum ist gedämpft, die Luft still, als hielte sie etwas zurück. Zeit tropft von den Rändern, unbemerkt, fast so, als hätte sie […]