Am Straßenrand liegt ein letzter Fetzen Schnee. Grau. Zusammengedrückt. Schmutzig. Er erinnert sich nicht mehr an den Winter, aus dem er stammt. Der Tag ist noch nicht angekommen. Es ist dunkel. Kalt. Aber die Luft ist klar. Klar wie meine Gedanken in diesem Moment. Das kommt in letzter Zeit selten vor. Meist sind sie zerfasert. Sie kreisen um Dinge, die längst entschieden sind. Heute nicht. Heute ist da eine merkwürdige Ruhe, als hätte sich etwas sortiert, ohne dass ich geholfen habe. Ich gehe durch Straßen, die ich kenne. Und gleichzeitig nicht mehr. Mit jedem Schritt verlieren sie an Schärfe, rutschen langsam in diesen Bereich, den man Erinnerung nennt. Bald werden sie nichts anderes mehr sein als das. Fragmente einer Zeit, die sich stabil anfühlt, solange man sich in ihr bewegt. Bleibt man stehen, erkennt man, wie brüchig sie ist. Zeit. So etwas Seltsames. Wir haben Theorien über sie. Modelle. Pfeile. Achsen. Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft. Als ließe sie sich ordnen wie Akten in einem Schrank. Ich glaube, in Wahrheit verstehen wir sie nicht. Wir malen die Vergangenheit oft schöner, als sie war, damit sie erträglicher wird. Und wir verdunkeln die Zukunft, um vorbereitet zu sein auf das, was kommen könnte. Beides ist eine Form von Kontrolle. Beides eine Illusion. Aus einem der Häuser fällt Licht auf die Straße. Warm. Still. Ich bleibe kurz stehen. Hinter einem Fenster sehe ich ein weißes Hemd. Gebügelt. Makellos. Es hängt an einer Schranktür, sorgfältig und gut sichtbar platziert, obwohl das sicher nicht beabsichtigt war. Ich bilde mir ein, den Geruch frischer Wäsche wahrzunehmen. Kann ich aber nicht. Es ist nur die Erinnerung an etwas, das mir einmal Sicherheit versprochen hat. Solche Bilder bleiben. Nicht, weil sie wichtig sind. Sondern weil sie etwas in uns berühren, das wir selbst nicht benennen können. Vielleicht ist es genau das. Vielleicht ist es unser Versuch, Bedeutung in Momenten zu finden, die eigentlich nichts wollen. Und doch tragen wir sie weiter mit uns, als wären sie Beweise dafür, dass alles einen Sinn hatte. Ich gehe weiter. Der Schnee verschwindet. Das Licht kommt. Was bleibt ist der Gedanke, dass nichts fest ist. Nichts sicher. Und dass wir uns trotzdem an manchen Tagen so verhalten, als wäre es das.

Aber was bleibt dann? Diese Frage stellt sich mir. Was bleibt wirklich, wenn man beginnt, alles wegzunehmen. Die Rollen. Die Erklärungen. Die Pläne. Wenn nichts mehr funktioniert von dem, was man sich aufgebaut hat. Was bleibt dann übrig? Was bleibt von mir, wenn dieses Ich nicht mehr trägt? Dieses Ich, das ich jeden Tag verteidige, oft ohne es zu merken. Das ich erkläre, rechtfertige, beruhige. Als wäre es ein empfindliches Etwas, das jederzeit einstürzen könnte, wenn ich nicht aufpasse. Dieses Ich. Dieses Wort. Ich bleibe daran hängen. Vielleicht zu lange. Vielleicht, weil ich spüre, dass genau hier etwas nicht stimmt. Vielleicht ist dieses Ich nicht der Kern, sondern das Problem. Vielleicht war es das von Anfang an. Eine Verdichtung aus Gewohnheit, Angst und Wiederholung. Etwas, das entstanden ist, um durchzukommen. Nicht, um wirklich zu leben. Ich denke an all die Dinge, die ich festhalte. Nicht, weil sie lebendig sind. Sondern weil sie vertraut sind. Weil sie Ordnung versprechen. Kontrolle. Eine Form von Sicherheit, die sich ruhig anfühlt, solange man nicht zu genau hinsieht. Erst jetzt merke ich, wie dünn dieses Gefühl ist. Wie hauchdünn. Und wie viel Kraft es kostet, etwas zusammenzuhalten, das eigentlich längst zerbrochen ist. Wie oft nennen wir das Vernunft? Wie oft sagen wir, es sei klug, vorsichtig zu sein? Umsichtig. Realistisch. Aber vielleicht ist es etwas anderes. Vielleicht ist es Angst. Angst davor, etwas zuzulassen, das sich nicht erklären lässt. Angst davor, etwas zu verlieren, das uns längst nicht mehr gehört. Angst davor, stehen zu bleiben und zu merken, dass man sich selbst im Weg steht. Vielleicht geht es nicht darum, etwas Neues zu finden. Vielleicht geht es darum, endlich loszulassen, was nur noch Vorstellung ist.

Als ich gestern Nacht draußen stand, waren die Sterne zu sehen. Unzählige Punkte aus Licht, ohne erkennbare Ordnung. Ein scheinbares Chaos. Und doch wirkt es ruhig. Oder ich war es. Keine Ahnung. Vielleicht stimmt es, dass es mehr Galaxien gibt als Sandkörner an einem Strand. Ein Gedanke, den ich kaum begreifen kann. Und trotzdem fügt sich alles zusammen. Zu Einem. Dem Kosmos. Seinen endlosen Bewegungen. Seinen Träumen. Vielleicht sind wir nichts anderes als ein Teil davon. Der Kosmos, der für einen Moment anhält und sich selbst beobachtet. Meine Hände vergraben sich tiefer in den Taschen. Der Atem, kurz sichtbar, steht in der Luft, löst sich auf. Ich gehe weiter. Hinter mir liegen die Häuser, ihre Lichter, ihre Wärme. Vor mir nur Dunkelheit. Zwischen den Ästen der Bäume blitzt ein einzelner Stern auf. Hoch oben. Weit entfernt. Und für einen Moment lächle ich. Nicht aus Freude. Eher aus einem leisen Erkennen. Auch in mir ist ein Universum. Kein großes. Kein besonderes. Eines aus Bildern. Stimmen. Wegen, die ich gegangen bin. Menschen, die nur kurz da waren und trotzdem geblieben sind. Manche kenne ich. Manche habe ich nie wirklich gekannt. Und doch sind sie Teil davon. Wie Sterne, die es nicht mehr gibt, deren Licht aber noch unterwegs ist. Und langsam begreife ich, dass dieses Universum nicht einfach nur da ist. Ich erschaffe es. Jeden Tag. Mit dem, was ich zulasse. Und mit dem, was ich verhindere. Ich denke zu viel. Ich zerlege. Ich sichere ab. Ich warte. Als gäbe es irgendwann den Punkt, an dem keine Angst mehr da ist. Aber dieser Punkt kommt nicht. Er kam nie. Es gab nur Momente, in denen ich mutig war. Und andere, in denen ich Stillstand mit Frieden verwechselt habe. Dabei war es manchmal nur Betäubung. Eine Ruhe ohne Gewicht. Vielleicht zerbrechen Universen nicht in großen Explosionen. Vielleicht verlieren sie einfach ihre Bewegung. Ihre Weite. Vielleicht schrumpfen sie, wenn man aufhört zu träumen, zu riskieren, zu fühlen. Und irgendwann merkt man nachts, dass etwas fehlt. Kein Gedanke. Kein Plan. Etwas Tieferes. Etwas, das sich nicht benennen lässt. Vielleicht geht es nicht darum, alles zu verstehen. Nicht darum, immer alles richtig zu machen. Vielleicht geht es darum, sich selbst nicht länger im Weg zu stehen. Dinge zuzulassen, obwohl sie Angst machen. Loszulassen, obwohl nichts Neues garantiert ist. Mutig zu sein, ohne zu wissen, wohin der Weg führt, weil man ihn einfach noch nie gegangen ist oder weil es ihn bislang nicht gab. Ich glaube nicht, dass wir hier sind, um einer Sicherheit zu vertrauen, die existiert hat. Ich glaube, wir sind hier, um unser inneres Universum, unser eigenes nicht ständig zu verraten. Und vielleicht beginnt genau dort ein echtes Leben. Nicht, wenn alles klar ist. Sondern wenn man aufhört, sich selbst kleinzureden.

Es geht nicht darum, ein neues Leben zu beginnen. Das geht gar nicht. Als könnte man ein Leben einfach austauschen. Neu starten. Nein. So funktioniert das nicht. Man trägt alles mit sich weiter. Die Jahre. Die Fehler. Die Muster. Die Bilder. Die Erinnerungen. Vielleicht geht es deshalb um etwas anderes. Nicht um Neubeginn, sondern um das bewusste Ablegen dessen, was längst nicht mehr trägt. Man lässt zurück, was zerbrochen ist. Menschen, die nur noch aus Gewohnheit da sind. Beziehungen, die nicht mehr funktionieren. Hoffnungen, die man aus Angst festhält, obwohl sie längst leer sind. Man nennt das Durchhalten. In Wahrheit ist es oft nur Erschöpfung, die sich noch nicht eingestehen will, dass etwas vorbei ist. Man lässt diese Dinge nicht los, weil man stark ist. Man lässt sie los, weil man müde geworden ist vom Festhalten. Und die Angst bleibt. Sie geht nicht weg. Sie sitzt daneben, beobachtet, kommentiert. Sie ist kein Warnsignal. Kein Beweis dafür, dass man falsch liegt. Sie ist der Preis. Die Grundvoraussetzung. Ohne Angst gäbe es keinen Mut. Und Mut beginnt nicht mit Zuversicht. Er beginnt mit Unsicherheit. Mit dem Wissen, dass man etwas verliert, bevor sich überhaupt die Möglichkeit von etwas Neuem zeigt. Dass man geht, ohne zu wissen, ob der Boden trägt. Vielleicht ist das der eigentliche Weg. Kein Aufbruch, kein Versprechen, kein neues Ich. Nur dieses stille Zurücklassen dessen, was nicht mehr mitkommt. Schritt für Schritt. Nicht aus Hoffnung. Sondern aus Wahrheit. Weil Stillstand irgendwann schmerzhafter wird als Bewegung. Und dann geht man weiter. Nicht, weil es leicht ist. Sondern weil es keine andere ehrliche Richtung mehr gibt. Und vielleicht liegt genau darin etwas Gutes. Nicht in der Gewissheit. Nicht in der Sicherheit. Sondern in der Klarheit, nichts mehr festhalten zu müssen, was längst vorbei ist. In der Erlaubnis, leichter zu werden. Ehrlicher. Weniger gebunden an Vorstellungen, die nichts mehr halten können. Scheiße ja, die Angst bleibt. Aber sie bestimmt nicht mehr alles. Sie geht mit, nicht voraus. Und manchmal, für kurze Momente, fühlt sich genau das wie Freiheit an. Kein großes Gefühl. Kein Versprechen. Nur ein leiser Raum, in dem man atmen kann.


Dieses Wochenende habe ich keine Termine. Keine Verabredungen. Es wird niemanden geben, der etwas von mir will. Ab Freitagmittag bin ich praktisch nicht mehr existent. Ich tauche ab. Die Welt darf weiterlaufen. Nur eben ohne mich. Die einzige Person, die mich lebend sehen wird, ist der Pizzabote. Darauf freue ich mich mehr, als es vernünftig wäre. Eine große Pizza. Fettige Finger. Der Fernseher an. Ein Film läuft. Welcher? Ist egal. Wichtig ist nur, dass er da ist. Ja. So wird es sein. Man sitzt da. Schaut hin. Und irgendwann schaut man nicht mehr richtig. Und dann? Dann passiert vielleicht gar nichts. Oder genau das, was sonst keinen Platz hat. Bilder. Geräusche. Sätze, die man lange nicht gedacht hat. Komisch. Erinnerung funktioniert nicht so, wie ich dachte. Sie hält sich nicht an Pläne. Nicht an Kalender. Sie ordnet sich nicht sauber. Nicht in das, was war. Nicht in das, was kommt. Sie taucht auf, wenn man still genug ist. Wir sind so sehr an Zeit gebunden. An ihre Richtung. An ihre Reihenfolge. Anfang, Mitte, Ende. Und trotzdem erinnere ich mich nie an die ganze Linie, sondern an die Momente dazwischen. Kleine Lücken auf dem Weg. Kurze Augenblicke. An Wärme. An Schwere. An das Gefühl, genau hier richtig zu sein. Oder komplett falsch. Vielleicht ist das hier ein Ende. Kein dramatisches. Eher eines, das leise kommt und sich nicht erklärt. Ich kenne den Weg. Ich weiß, wohin er führt. Und trotzdem gehe ich ihn. Ohne Widerstand. Ohne Abkürzung. Ich nehme ihn an. Und ich heiße jeden einzelnen Moment willkommen. Auch die unbequemen. Auch die stillen. Wenn du dein ganzes Leben von Anfang bis Ende sehen könntest, würdest du etwas ändern?

Schon seltsam. Man bekommt nur dieses eine Leben. Keinen Probelauf. Keine zweite Version, in der man klüger, mutiger oder weniger müde ist. Keine Version, in der man die Zeichen früher erkennt oder sich an anderen Stellen anders entscheidet. Es gibt keine zweite Chance. Man kann nicht zurück an die Stellen, an denen man hätte stehen bleiben sollen. Es läuft einfach. Still. Tag für Tag ein kleines Stück weiter. Während man glaubt, noch Zeit zu haben, ist es längst dabei, sich zu verabschieden. Unauffällig. Ohne Ankündigung. Man merkt es nicht an großen Momenten, sondern an Kleinigkeiten. An Tagen, die schneller vergehen. An Abenden, die sich kürzer anfühlen. An der Müdigkeit, die nicht mehr ganz verschwindet. Und dann feiern wir unsere Geburtstage. Wir stoßen an. Lächeln. Freuen uns über ein Jahr mehr. Als wäre Zeit etwas, das sich anhäuft. Als würde sie wachsen. Dabei ist es in Wahrheit immer ein Jahr weniger. Ein weiteres Stück, das nicht zurückkommt.

Die meisten merken das nicht. Oder sie wollen es nicht merken. Keine Ahnung. Vielleicht ist es einfacher so. Sie erzählen sich, dass später etwas anders sein wird. Am Wochenende. Im Urlaub. Wenn man erst einmal auf die Rente zusteuert. Mehr Zeit. Mehr Freiheit. Mehr Raum für das Eigentliche. Nein. Für das Wichtige. Als läge das Leben noch vor ihnen, ordentlich verpackt, bereit, irgendwann begonnen zu werden. Also schieben sie alles auf. Sie legen es an einen Horizont, der sich mit jedem Schritt weiter entfernt. Immer sichtbar. Aber nie erreichbar. Und während sie warten, füllt sich ihr Leben. Nicht mit dem, was sie eigentlich wollen, sondern mit dem, was übrig bleibt. Termine. Verpflichtungen. Erwartungen, die von außen kommen und irgendwann klingen, als wären sie die eigenen. Rollen, die man übernimmt, ohne sie je bewusst angenommen zu haben. Man wächst hinein. Man richtet sich ein. Man gewöhnt sich daran. Und irgendwann hört man auf zu fragen, ob man diese Rolle überhaupt spielen wollte. Oder ob man sie nur behalten hat, weil niemand einem gesagt hat, dass man sie auch ablegen darf. Man macht das eben so. Kennt man ja.

Dabei ist die Wahrheit einfach. Fast schon enttäuschend einfach. Du hast genau dieses eine Leben. Punkt. Nicht mehr. Nicht weniger. Und trotzdem fühlt es sich manchmal so fremd an. So flach. So wiederholt. Nicht, weil es leer ist, sondern weil man gelernt hat, es auf Abstand zu halten. Weil man an Sicherheit glaubt. Oder glauben will. Tage fühlen sich oft an wie Kopien, weil man sie nicht mehr wirklich lebt. Man steht auf. Funktioniert. Erledigt Dinge, die erledigt werden müssen. Vieles davon ist wichtig. Keine Frage. Aber das wenigste davon ist gewählt. Und dann diese Abende. Man bleibt zu lange wach, obwohl man müde ist. Nicht aus Lust. Nicht aus Energie. Sondern weil man spürt, dass der Tag einem noch etwas schuldet. Dass da etwas fehlt, das man nicht greifen kann. Kein greifbarer Moment. Kein Ereignis. Eher so ein Gefühl. Als hätte man es irgendwo unterwegs verloren und würde abends noch hoffen, es einzuholen. Aber es gibt diese kurzen Momente. Sie kommen nicht angekündigt. Man sucht sie nicht. Sie entstehen nebenbei. Beim Gehen. Beim Sitzen. In einem Satz, der plötzlich Sinn ergibt. In einem Blick, der länger hängen bleibt als gedacht. Für einen Augenblick ist alles an seinem Platz. Nein. Nicht das ganze Leben. Nur dieser eine Moment. Es fühlt sich stimmig an. Ruhig. Als wäre man für einen kurzen Augenblick nicht auf der Flucht vor sich selbst. Aber dann verschwindet es wieder. Leise. Ohne Abschied. Man merkt erst danach, dass dieser Moment da war.

Niemand wird dir am Ende danken, dass du vorsichtig warst. Dass du gewartet hast, bis sich etwas sicher angefühlt hat. Dass du dich angepasst hast, um niemanden zu stören. So erinnert sich niemand. Man erinnert sich nicht an reibungslose Abläufe. Man erzählt sich von den Dingen, die katastrophal waren und dann doch funktioniert haben. Man erinnert sich nicht an Menschen, die immer funktionieren wollten. Man erinnert sich an die, die etwas getan haben, obwohl es sich im ersten Moment falsch angefühlt hat. Weil es genau das oft ist. Das Richtige fühlt sich selten richtig an, wenn man davorsteht. Kündigen fühlt sich falsch an, solange man noch bleibt. Gehen fühlt sich falsch an, solange man den Schritt noch nicht gemacht hat. Und zu sagen, was man fühlt, fühlt sich fast immer zu früh an. Oder zu viel. Ich glaube, man erinnert sich immer auch an Momente, in denen jemand etwas gesagt hat, das nicht zurückgenommen werden konnte. Nicht laut. Aber ehrlich. Und endgültig. Sätze wie: Ich liebe dich. Du bedeutest mir etwas. Es ist schön, dass es dich in meinem Leben gibt. Doch man sagt sie zu selten. Oder nie. Und irgendwann ist es zu spät. Nicht plötzlich. Nicht mit Ansage. Sondern leise. Menschen gehen aus unserem Leben. Manche, weil sie es wollen. Manche, weil sie müssen. Manche, weil sie sterben. Und dann gibt es keine Gelegenheit mehr, noch etwas zu sagen. Kein später. Kein nächstes Mal. Dann bleibt nur, was man getan hat. Und was man nicht getan hat. Und die Frage, ob man den Mut hatte, Dinge auszusprechen und Schritte zu gehen, als es noch möglich war. Aber den Mut braucht man dann nicht mehr.

Leben bedeutet nicht, alles mitzunehmen. Auch wenn man uns das gern glauben lässt. Es ist eine bequeme Vorstellung. Sie verspricht, dass man nichts verlieren muss. Dass man alles offenhalten kann. Alle Möglichkeiten. Alle Menschen. Alle Wege. Aber genau so funktioniert es nicht. Leben besteht auch aus Verlust. Aus Auswahl. Aus dem Weglassen von Möglichkeiten, damit etwas anderes überhaupt Platz haben kann. Leben entsteht erst dort, wo man entscheidet. Für etwas. Und damit zwangsläufig gegen etwas anderes. Gegen Lärm, der nur beschäftigt. Gegen Nähe, die sich vertraut anfühlt, aber leer ist. Gegen diese inneren Erklärungen, mit denen man sich beruhigt, wenn man wieder nichts getan hat. Man kann nicht alles behalten. Wer das versucht, bleibt stehen. Du musst nicht alles erklären. Nicht jede Entscheidung begründen. Nicht jeden Schritt rechtfertigen. Du musst nicht überall dazugehören. Und du musst nicht verstanden werden. Es reicht, wenn du dir selbst nicht ausweichst. Wenn du aufhörst, dich mit vernünftigen Gründen davon abzuhalten, das zu tun, was du längst weißt. Wenn du aufhörst, dir Geschichten zu erzählen, die dich ruhig halten, aber klein. Doch das ist der schwierige Teil. Nicht die Umsetzung. Die Ehrlichkeit. Alles andere ist Technik. Oder Ausrede.

Am Ende bleibt nicht viel. Niemand stellt Container vor die Tür. Niemand nimmt Bankkonten mit. Es spielt keine Rolle mehr, wie oft du umgezogen bist oder wie ordentlich dein Leben organisiert war. Auf Beerdigungen stehen keine Umzugsunternehmen. Dort interessieren keine Kontoauszüge. Da wird nichts abgehakt. Doch, eine Sache. Aber selbst die zählt nicht mehr. Was wirklich bleibt, sind Geschichten. Die, die Menschen erzählen, die dich wirklich gekannt haben. Oder geglaubt haben, dich zu kennen. Bilder. Erinnerungen. Kleine Szenen, die niemand geplant hat. Ein Lachen. Ein Blick. Ein Satz zur falschen Zeit, der genau richtig war. Ein Moment, in dem jemand geblieben ist. Oder gegangen. Und warum. Vielleicht bleibt ein Hund, der sich an deine Beine gelegt hat, als wäre das selbstverständlich. Vielleicht eine Katze. Vielleicht ein Raum, in dem noch etwas von dir hängt. Vielleicht nur dieses eine Gefühl, dass jemand da war. Wirklich da. Nicht perfekt. Aber echt. Und es bleiben die Gedanken der anderen. Die leisen. Die unausgesprochenen. Diese kurzen Augenblicke, in denen jemand sich selbst zuflüstert: Ach, hätte ich doch. Hätte ich doch angerufen. Hätte ich doch zugehört. Hätte ich doch gesagt, was ich gefühlt habe. Hätte ich mich doch getraut. Diese Sätze kommen immer zu spät. Dann, wenn niemand mehr antworten kann.

Ein Leben. Vielleicht reicht genau das. Vielleicht war es nie wichtig, alles richtig zu machen. Vielleicht ging es nur darum, etwas zu hinterlassen, das bleibt, wenn alles andere geht. Nicht Besitz. Nicht Ordnung. Sondern Spuren in Menschen. Erinnerungen, die wehtun dürfen, weil sie echt sind. Und wenn es dann vorbei ist, zählt nicht, was möglich gewesen wäre. Sondern ob es dein Leben war. Nicht das der anderen.

Und jetzt?
Wenn du dein ganzes Leben von Anfang bis Ende sehen könntest?
Würdest du etwas ändern?

Der leise Monat.

Über das Sortieren dessen, was bleibt.

Es ist wieder Winter in der Stadt. Und Kaffee hilft nicht mehr. Die Tasse steht neben mir. Fast unangetastet. Meine Augen sind müde. Zu müde für diese Uhrzeit. Ich habe zu wenig geschlafen. Nicht ein bisschen. Viel zu wenig. Ich sitze am Fenster und schaue nach draußen. Unten zieht die Straße vorbei, als hätte sie es eilig, vergessen zu werden. Der Winter zeigt sich in diesen Stunden nicht von seiner guten Seite. Kein Glanz. Kein Versprechen. Nur Grau. Nässe. Stille. Es ist diese Art von Winter, die nichts schöner macht. Die nichts vorgibt. Sie ist einfach da. Unfreundlich. Unnachgiebig. Die Tage fühlen sich enger an. Als würde jemand die Räume verkleinern, ohne es anzukündigen. Die Wege werden kürzer. Nicht in der Länge. Im Gefühl. Und trotzdem rückt alles näher heran. Gedanken, die man sonst auf Abstand hält. Dinge, die man verschoben hat. Geräusche bleiben tief. Autos. Schritte. Stimmen. Nichts steigt auf. Nichts trägt weit. Es gibt keine Weite in diesen Tagen. Nur Nähe. Nähe zu sich selbst. Und mit ihr eine merkwürdige Schwere. Man geht langsamer, auch wenn man es nicht merkt. Man könnte sich wehren. Laut werden. Weitermachen wie immer. Aber der Winter lässt das nicht zu. Und dann steht man da. Wach. Müde. Und ungewöhnlich klar.

Der Muskelkater meldet sich. Im Rücken. In den Schultern. An Stellen, deren Namen ich nicht kenne und die trotzdem da sind. Der Körper erinnert sich früher als der Kopf. Er ist ehrlicher. Er diskutiert nicht. Er meldet nur zurück, was war. Talko liegt auf meinen Füßen. Er schläft. Tief. Vertrauensvoll. Ich beneide ihn darum. Nicht um den Schlaf. Um die Selbstverständlichkeit, mit der er ihn nimmt. Kein Zweifel. Kein Abgleich. Kein Nachdenken darüber, ob es gerade genug ist oder ob es richtig ist, zu schlafen. Der Januar hat noch ein paar Tage. Dann verschwindet er. Für immer. Kein Monat kommt zurück. Kein Jahr. Kein Augenblick. Wir tun nur so, als würde sich etwas wiederholen, um es erträglicher zu machen. Ich lasse ihn gehen, ohne ihm viel Aufmerksamkeit zu schenken. Er hat getan, was er konnte. Er hatte ein Highlight. Mehr war nicht drin. Und das ist in Ordnung. Monate müssen nichts leisten. Sie sind nur Zeit.

Mein Blick liegt auf dem, was danach kommt. Februar. Achtundzwanzig Tage. Kurz genug, um nichts zu versprechen. Lang genug, um Dinge nicht mehr aufzuschieben. Ein Monat ohne Puffer. Ohne Ausreden. Man kann sich nicht verlieren in ihm. Dafür ist er zu knapp. Der Februar zwingt dieses Jahr. Zur Nähe. Nicht zu anderen. Zu mir. Er ist kein Monat für große Pläne. Eher für Listen. Für das Abarbeiten dessen, was man zu lange liegen ließ. Gespräche, die man nicht mehr elegant umgeht. Entscheidungen, die man nicht weiter verschiebt, nur um sie nicht treffen zu müssen. Ich merke, dass ich weniger will. Aber das, was ich will, soll ehrlicher sein. Weniger Lärm. Weniger Optionen. Weniger Meinung. Ich räume auf. Nicht symbolisch. Konkret. Gründlich. Ehrlich.

Ich schraube Social Media runter. Nicht, weil etwas nicht stimmt. Sondern weil es laut ist. Unruhig. Dauernd in Bewegung. Zu viele Impulse für etwas, das eigentlich stiller werden soll. Unser zentrales Nervensystem ist kein Konzept. Es ist ein Schaltkreis. Es kennt nur Reiz oder Ruhe. Alarm oder Entwarnung. Es unterscheidet nicht zwischen Bedeutung und Simulation. Nicht zwischen Nähe und deren Abbild. Es reagiert einfach. Und was dort passiert, ist kein Austausch mehr. Es ist ein Dauerfeuer. Ein permanenter Zugriff. Kein Anfang. Kein Ende. Nur Signale. Likes. Reaktionen. Das Ausbleiben von Reaktionen. Vergleich. Projektion. Bestätigung. Entzug. Alles in schneller Folge. Unser Nervensystem ist dafür nicht gemacht. Es ist gebaut für langsame Veränderungen. Für klare Reize. Für Pausen. Für Stille dazwischen. Nicht für diesen Strom aus Mikroereignissen, die alle so tun, als wären sie wichtig.

Man kann das intellektuell einordnen. Man weiß, dass es Bilder sind. Ausschnitte. Abgepackte Momente. Aber das hilft nur dem Kopf. Das Nervensystem hört nicht zu. Es rechnet nicht. Es fragt nicht nach Kontext. Es reagiert, als wäre alles real. Als müsste man wach bleiben. Bereit. Ansprechbar. Die ganze Zeit. Kein Drama. Kein Zusammenbruch. Eher ein Zustand. Ein Grundton von Anspannung, der nicht laut ist, aber konstant. Ich merke, wie mir das Energie nimmt. Nicht emotional. Nicht sichtbar. Physiologisch. Die Konzentration wird breiter, aber flacher. Die Aufmerksamkeit springt, statt zu bleiben. Erholung fühlt sich kürzer an, als sie sein sollte. Ein leises Ziehen, das nicht verschwindet, solange der Strom nicht abreißt. Das ist keine Schwäche. Das ist Biologie.

Also nehme ich Tempo raus. Nicht als Statement. Sondern als Maßnahme. Aufmerksamkeit ist begrenzt. Und es gibt Phasen, in denen man sie nicht verteilen darf, wenn man etwas klären will. Arbeit. Ordnung. Entscheidungen. Dinge, die Gewicht haben. Dafür braucht es ein ruhiges System. Kein überwachtes. Kein dauernd angesprochenes. Sondern eines, das wieder unterscheiden kann, was wirklich da ist und was nur vorbeizieht.

Es gibt Dinge, die tragen einen eine Zeit lang. Und dann nicht mehr. Man merkt es nicht sofort. Erst, wenn sie schwer werden. Wenn sie Energie kosten, statt Halt zu geben. Wenn sie Aufmerksamkeit verlangen, ohne etwas zurückzugeben. Der Februar ist gut darin, das sichtbar zu machen. Draußen bleibt der Winter vielleicht noch. Drinnen wird es stiller. Ich arbeite. Erledige. Lasse liegen, was keinen Druck mehr macht. Ich versuche nicht, besser zu werden. Nur klarer. Das reicht. Und irgendwann, an einem dieser grauen Tage, wird man merken, dass man fester steht, wenn man weniger festhält. Und dann lässt man die Dinge da, wo sie Sinn ergeben.

23. Dezember.

Vor dem, was kommt.

Es gibt Abende, an denen die Welt nicht einfach nur dunkel wird. Sie wird stiller. Dieser Abend gehört dazu. Kein Feiertag. Kein Versprechen. Nur ein dünnes Band aus Zeit, das sich zwischen die Tage legt wie ein Atemzug, den niemand laut ausspricht. Die Dörfer wirken, als hätte jemand die Stimmen herausgefiltert. Die Wege, die sonst nur daliegen, beginnen plötzlich, etwas zu erzählen. Man geht sie wie immer. Nur langsamer. Vorsichtiger. Die Luft ist kälter, aber nicht hart. Eher wie eine Hand, die kurz den Ärmel berührt, nur um daran zu erinnern, dass der Winter längst da ist. Auch wenn man ihn nicht sieht. Zwischen den Bäumen hängt ein Rest Helligkeit, der sich nicht entscheiden kann, ob er bleiben oder gehen soll. Und irgendwo dahinter liegt ein Schweigen, das nicht leer ist, sondern dicht. Man spürt es an diesem Abend, lange bevor man es versteht.

Die Häuser der kleinen Vorstadtsiedlungen tragen ihr Licht wie etwas Fragiles. Gedämpft. Zurückhaltend. Und doch warm. Kein Funkeln, keine Einladung. Nur ein Zeichen, dass jemand da ist. Jemand, der vielleicht gerade den Tisch deckt oder eine alte Kiste mit Weihnachtsschmuck aus dem Schrank holt. Man sieht es nicht, aber man weiß es. Und manchmal reicht das. Vielleicht ist der 23. Dezember deshalb so eigenartig. Er schafft Platz, ohne etwas zu öffnen. Er hält einen zurück, ohne zu bremsen. Ein kleiner Zwischenraum, in dem man zum ersten Mal im Jahr spürt, wie müde man eigentlich ist. Nicht erschöpft. Nur müde von all dem, was man getragen hat, ohne dass jemand es bemerkt hat. Müde von Gedanken, die sich im Kreis gedreht haben. Von Worten, die man verschwiegen hat, obwohl sie längst fertig geschrieben waren.

Der 23. Dezember. Vielleicht liegt die Besonderheit dieses Abends darin, dass er wie eine stille Vorhalle wirkt. Wie etwas, das weder beginnt noch endet, sondern einfach nur da ist. Für einen Atemzug länger als nötig. In den nächsten Tagen werden viele so tun, als sei alles gut. Es wird Tische geben, an denen Platz geschaffen wird, weil man es jedes Jahr so macht. Die Zimmer werden wärmer, die Stimmen heller. Überall kleine Rituale, die mehr aus Gewohnheit bestehen als aus Gefühl. Manche werden sich wirklich freuen. Andere werden lächeln, weil man es von ihnen erwartet. Wieder andere werden an einem Tisch sitzen und genau wissen, dass jemand fehlt. Der eine Stuhl steht da, leer und viel zu sichtbar. Und doch versucht man, nicht hinzusehen. Man tut so, als wäre das inzwischen normal geworden, obwohl es wehtut, jedes Jahr aufs Neue. Es wird Wohnungen geben, in denen nur ein Teller auf dem Tisch steht. Eine Tasse. Ein Stück Brot. Vielleicht ein kleines Licht. Auch das ist Weihnachten. Ein Fest, das gleichzeitig erfüllt und überfordert. Das wärmt und auskühlt, je nachdem, wie nah man ihm noch kommt.

Aber dieser Abend, heute, will nichts. Kein Zusammensein. Kein Glück. Keine Antworten. In dieser Nacht gehört die Welt den leisen Geschichten. Den unausgesprochenen Sätzen. Den Worten, die niemand sagt. Diese Nacht gehört den Erinnerungen, die nur auftauchen, wenn alles andere schweigt. Und irgendwo in dieser Stille merkt man, dass genau das der Schutz ist, den man manchmal braucht. Nicht vor der Kälte draußen. Sondern vor der, die sich im Inneren gesammelt hat. Vielleicht ist dieser Abend deshalb so wichtig. Er will nichts, er erwartet nichts, er ist einfach da. Er lässt zu, dass man für einen Moment aus der Zeit fällt, bevor sie morgen wieder mit all ihrer Aufgeregtheit beginnt.

Vielleicht reicht das ja. Dass man heute Abend still bleibt und sich erlaubt, ein wenig weicher zu werden. Also nicht für andere. Für sich selbst. Dass man spürt, wie das Jahr langsam zur Ruhe kommt. Mit all seinen Brüchen. Mit seinen kleinen Siegen, seinen offenen Enden. Und wie das neue Jahr schon leise an die Tür klopft. Dieses Mal, ohne etwas zu versprechen. Nur als Möglichkeit. Nicht als Forderung. Vielleicht ist das, was man Weihnachten wünscht, am Ende nichts Großes. Keine großen Worte. Keine übervollen Zimmer. Vielleicht reicht ein warmes Zimmer. Ein Licht, das bleibt, auch wenn es draußen dunkler wird. Ein Mensch, der nicht geht. Der bleibt. Egal, was ist. Oder einfach die stille Gewissheit, dass man selbst noch hier ist. Mit all dem, was einen wirklich hält. Und mit all dem, was trotzdem fehlt. Vielleicht liegt darin schon eine Art Frieden, den man nicht benennen, aber fühlen kann.

Naja. Für manche wird es wieder ein lautes Fest. Für andere dieses Mal ein stilles. Manche öffnen Türen, manche schließen sie. Manche warten auf jemanden. Andere warten auf nichts mehr. Und alles davon ist richtig. Alles davon hat Platz.

Ich wünsche euch, dass diese Tage euch nicht überfordern. Dass sie nicht mehr erwarten, als ihr geben könnt. Und dass ihr irgendwo einen Moment findet, der euch gut tut. Einen, der ruhig ist. Einen, der euch atmen lässt, ohne dass dafür etwas Besonderes passieren muss. Vielleicht ein warmes Zimmer. Ein kurzer Blick aus dem Fenster. Ein stiller Abend, an dem niemand etwas von euch erwartet. Mehr muss es nicht sein. Wirklich nicht.

Frohe Weihnachten.

Randnotiz: Titelbild, mit KI erstellt.

Der Moment dazwischen.

Ein Atemzug zwischen zwei Leben.

Die Straßen um Arnsberg wirkten, als hätte jemand die Welt leiser gestellt. Sieben Grad. Feiner Regen. Regen, der alles dunkel glänzen ließ. Die Felder. Die Dächer. Die langen Wege, die hinauf in die Wälder führten. Die Luft roch nach nassem Laub. Nach etwas, das vergeht, ohne Spuren zu hinterlassen. Über den Hängen lagen die Wolken wie ein graues Band. Tief genug, um die Kronen der Fichten zu streifen. Der Wind kam nur in kurzen Atemzügen. Fast so, als würde er prüfen, ob noch jemand zuhört. Auf der Ruhr trieb ein einzelnes Blatt einer Eiche. Langsam. Wie etwas, das sich nicht entscheiden kann, wohin es gehört. In Niedereimer brannte ein einziges Licht, gedämpft hinter einem Vorhang. Vor der Tür standen Stiefel, schmutzig vom Acker. Nebeneinander wie zwei Gedanken, die man nicht weiterverfolgt. Ein Hund bellte. Einmal. Zweimal. Dann hörte man wieder nur den Regen. Dieses gedämpfte Ticken, das weder stört noch tröstet. Und in diesem Schweigen lag ein Moment, der so still war, dass niemand etwas von ihm wollte. Man hätte sagen können, der Tag sei müde geworden.

Ich denke an die Stiefel. Ungeputzt. Echt. Nicht geplant. Nicht inszeniert. Einfach so, wie das Leben spielt. Ohne Erwartung. Ohne Druck. Es ist Nikolaus. Und man sagt, dass am Abend davor manchmal Stiefel vor den Türen stehen. Als Zeichen. Als Geste. Gestern auch. Und heute? Heute sind manche gefüllt. Andere nicht. Vielleicht liegt darin schon die ganze Wahrheit. Nicht jeder Tag hinterlässt etwas. Und nicht alles, was leer bleibt, bedeutet Verlust. Vielleicht stellt man nichts hinaus und erwartet auch nichts. Man hört den Regen. Den Hund irgendwo im Dorf. Und spürt die Stille, die sich um einen legt wie eine zweite Haut. Während manche nach etwas suchen, reicht es anderen, wenn der eigene Atem ruhig bleibt. Manche Tage schenken nichts. Sie nehmen nichts. Sie lassen einen stehen. Irgendwo zwischen Tür und Dunkelheit. Und oft ist genau das der Moment, der einen weitergehen lässt.

Man geht weiter. Ohne Ziel. Ohne Grund. Einfach, weil es das Einzige ist, was bleibt, wenn ein Tag zu keiner Antwort mehr fähig ist. Die Straßen wirken fremd. Selbst wenn man sie seit Jahren kennt. Das Licht der Laternen liegt flach auf dem nassen Asphalt. Es lässt die Pfützen aussehen wie kleine Spiegel, in denen sich nichts wirklich spiegelt. Die Häuser stehen da wie schweigende Zeugen eines Lebens, das an ihnen vorbeigeht, ohne viel zu hinterlassen. Hinter manchen Fenstern brennt Licht. Ein warmes Rechteck im Dunkeln, das einem nicht gehört und sich trotzdem kurz wie eine Erinnerung anfühlt. Die Gesichter, die man ewig kennt, sind in solchen Momenten flüchtige Fremde. Man merkt, wie die Kälte unter die Jacke kriecht. Leise. Unaufdringlich. Fast höflich. Als wolle sie einen nur daran erinnern, dass man noch da ist. Vielleicht liegt darin die eigentliche Ruhe solcher Abende. Man geht durch sie hindurch. Ungestört. Unbeachtet. Und einen Moment lang muss man nicht mehr sein als eine Silhouette zwischen Regen und Nacht. Die Schritte setzen sich wie ein leiser Rhythmus durch die Dunkelheit. Und irgendwann versteht man, dass dieses Weitergehen kein Fluchtversuch ist. Es ist ein stilles Einverständnis. Mit dem, was war. Mit dem, was ausblieb. Mit dem, was kommen wird. Mit der Tatsache, dass manche Tage nichts erwarten. Und dass genau daraus die Kraft entsteht, die man später fälschlicherweise Mut nennt.

Ich glaube, manchmal merkt man erst viel später, dass ein Wendepunkt längst stattgefunden hat. Da war kein besonderer Tag. Kein Satz, an den man sich erinnern kann. Nur eine unscheinbare Bewegung. Ein Nachgeben irgendwo im Inneren. Ein Gefühl, das sich erst zeigt, wenn man weitergegangen ist. Entscheidungen kommen selten wie Entscheidungen. Sie schleichen sich an, unauffällig, wie ein Gedanke, der zu lange im Hintergrund stand und irgendwann keinen Widerspruch mehr hört. Vielleicht beginnt ein Neuanfang so. Nicht mit Mut. Nicht mit Klarheit. Sondern mit dem schlichten Eingeständnis, dass etwas vorbei ist. Nicht, weil es zerbrochen wäre. Sondern weil es keinen Platz mehr hat im Leben, das vor einem liegt.

Und während man durch die nasse Dunkelheit geht, wird spürbar, wie leicht Dinge werden, sobald man aufhört, sie zu tragen. Es gibt keinen letzten Vorhang. Nur ein sanftes Ausatmen. Ein Loslassen, das niemand sonst bemerkt. Manche Wege öffnen sich erst, wenn man unbemerkt die Richtung geändert hat. Und irgendwann steht man an einem Punkt, an dem man zurückblickt und nicht mehr genau weiß, wann man den alten Weg verlassen hat. Vielleicht war es ein leiser Abend wie dieser. Ein stiller Gedanke, der nicht gefragt hat, ob man bereit ist. Ein Moment zwischen zwei Schritten, in dem man einfach weitermacht, ohne zu wissen, wohin es führt.

Es gibt Tage, die verlangen nichts. Sie fordern keine Erklärung, keine Antwort, kein Bekenntnis. Sie lassen einen stehen, ohne festzuhalten. Sie lassen einen nach vorne gehen, ohne etwas zurückzufordern. Vielleicht ist es das, was Neuanfänge wirklich ausmacht. Nicht der Mut, etwas zu beginnen, sondern die Ruhe, etwas zu beenden. Lautlos. Unaufgeregt. Als hätte es nie anders sein sollen.

Vor dem Licht.

Ein Flimmern im frühen Dezember.

Auf dem alten Holztisch liegt noch ein Buch. Aufgeschlagen. Seine Seiten atmen die Müdigkeit eines langen Tages aus. Fast so, als hätten sie selbst aufgegeben, weiterzuerzählen. Das Licht einer Straßenlaterne fällt durch ein Fenster flach darüber. Ein schiefer Winkel aus Abendrest und Schweigen, fast wie das Leben selbst. Ein Satz darin bleibt einfach unberührt, als hätte niemand mehr die Kraft, ihn zu Ende zu denken. „Manchmal gibt es keine Wahrheit, nur die Entscheidung, mit welcher Version man leben kann.“ Er trifft. Nicht laut. Nicht hart. Eher wie ein kalter Luftzug. Einer, der von innen kommt. Vielleicht bleibt er deshalb unberührt. Weiterblättern hieße, sich selbst nicht länger zu schonen. Vielleicht, weil jede Version, mit der man leben kann, zugleich die ist, an der man ein wenig zerbricht. Manchmal endet ein Tag im Dunkeln, ohne dass man noch etwas denkt. Und manchmal beginnt er so.

Ja. Manchmal beginnt ein Tag im Dunkeln. Noch bevor man etwas denkt. Der Wald liegt am Rande des Dorfes. Still. Die Luft ist kühl und schwer. Verregnet. Irgendwo zwischen den Zweigen glühen ein paar rote Beeren wie kleine Versprechen, die niemand laut ausspricht. Es ist ein Bild, eine Art Licht, das nicht wärmt, aber etwas in einem weckt. Ein leiser Hinweis, dass selbst im tiefsten Schatten noch Farbe steckt. Während ich den Weg entlangging, hörte ich das Knacken der Äste unter den Schuhen, allerdings gedämpft vom feuchten Boden. Es ist Dezember, und die Welt scheint sich langsamer zu drehen. So, als würde sie Rücksicht nehmen auf etwas, das ich selbst noch nicht verstehe. Und die Kälte, die noch kein winterlicher Frost ist, sondern irgendetwas davor, hat ihre eigene Ruhe. In ihr ordnen sich die Gedanken anders. Klarer. Vorsichtiger. Heute ist so ein Tag, an dem man nicht viel braucht. Ein Schritt nach dem anderen. Das reicht.

Während ich so spaziere, erinnere ich mich an einen Klang. Nichts Auffälliges. Ein Stimmengewirr. Irgendwie, als hätte jemand die Lautstärke der Welt heruntergedreht. Ich denke an einen Ort. Einen besonderen. Einen, an dem Menschen zusammenkommen, ohne zu vergessen, wo sie sind. Mitten im Wald. Mitten im Winter. Es gibt Feuer, warme Getränke, den Geruch von Holz, der sich in die Kleidung legt wie eine Erinnerung, die man erst später versteht. Auf dem Weg sieht man Lichter. Kleine, warme Punkte zwischen den Bäumen. Sie versprechen nichts, außer dem, was sie sind: etwas Helligkeit in der frühen Dunkelheit. Man folgt ihnen nicht, um etwas zu finden, sondern um für einen Moment weniger verloren zu wirken. Die Menschen um einen herum, die dort stehen, sprechen leise. Sie halten ihre Becher mit beiden Händen, atmen kleine Wolken in die Luft und lassen die Zeit einfach ziehen. Niemand drängt. Niemand fordert. Es gibt keine Erwartungen. Und vielleicht ist das einfach das Schönste dort, dass es keine Erwartungen gibt. Man darf einfach sein, zwischen fremden Gesichtern, warmem Licht und dem vertrauten Geräusch des Windes, der durch die Bäume zieht.

Als ich den Weg, den Wald und die Felder hinter mir lasse und das Dorf wieder erreiche, steht irgendwo am Rand ein altes Haus. Ich sehe es jeden Tag. Die Fassade ist gemauert, dunkel, das Holz der Tür verwittert, wahrscheinlich, weil sie mehr Winter gesehen hat als ich. Ein schmaler Lichtstreifen fällt unter dem Türspalt hervor. Früher, denke ich, als ich an dem Haus vorbeigehe, hätten die Kinder an einem Abend wie diesem ihre Stiefel dort abgestellt. Sauber geputzt, in der Hoffnung, dass jemand sie füllt. Vielleicht nicht aus Glauben, sondern aus einem leisen Wunsch nach Wärme. Jetzt steht nichts vor der Tür. Nur das Ende eines Morgens. Nur der Wind, der über die Stufen streicht. Ich gehe weiter. Alles ist still. Vielleicht bereitet sich etwas vor. Vielleicht auch nicht. Man wird es sehen.

Weiter, aber anders.

Von stillen Entscheidungen und der Freiheit danach.

Manchmal wirken die Tage, als hätten sie sich verlaufen. Als wären sie nur ein leiser Zwischenraum. Die Stiefel trocknen vom morgendlichen Spaziergang, der Kaffee kühlt aus, und der Boden unter den Füßen trägt die Müdigkeit wie eine alte Geschichte. Draußen läuft die Zeit weiter. Unbeirrt. Fast gleichgültig. Drinnen sitzt jemand im Halbdunkel, hört dem eigenen Atem zu und wartet nicht auf Antworten. Vielleicht sind wir wirklich nur Sekundenbruchteile, die versuchen, warm zu bleiben, während alles andere vorbeizieht. Ein bisschen Licht. Ein bisschen Dunkelheit. Und irgendwo zwischen Atemzug und Erinnerung bleibt nur dieser kurze Moment.

Es gibt Augenblicke, in denen man spürt, dass ein Weg weitergeht, aber nicht mehr so, wie man ihn einmal gedacht hat. Man steht da, vielleicht nur für einen Atemzug und begreift, dass eine Entscheidung fällig ist. Nicht aus Wut. Nicht aus Hoffnung. Sondern aus dem stillen Bedürfnis, das entsteht, wenn man merkt, dass man zu lange gewartet hat. Manche Entscheidungen wirken anfangs klein. Fast unscheinbar. Ein Satz. Eine Geste. Ein Schritt. Und dann tragen sie etwas in sich, das größer ist als wir selbst. Wir haben Angst vor ihnen, weil wir wissen, dass sie uns verändern, dass sie alles verändern. Weil hinter ihnen, diesen Entscheidungen, etwas liegt, das wir noch nicht sehen können.

Angst ist ein dichter Raum. Sie hält fest, macht die Luft schwer, zwingt uns, im Kreis zu gehen. Doch irgendwann begreift man, dass hinter dieser Angst etwas wartet, das sich nur zeigt, wenn man weitergeht. Mut ist nicht laut. Mut ist ein einfacher Vorgang: Man hebt den Fuß, obwohl sich alles in einem dagegen sträubt. Und in genau dieser winzigen Bewegung verschiebt sich etwas. Vielleicht führt die Entscheidung nicht zu dem, was man sich vorgestellt hat. Vielleicht wird alles anders. Aber genau darin entsteht oft der erste klare Blick seit langer Zeit – ein Blick auf das eigene Leben, das man zu lange nicht gelebt hat.

Es ist merkwürdig. Also, wie still Veränderungen mitunter beginnen. Sie kündigen sich nicht an. Sie erscheinen nicht plötzlich im Kalender. Niemand fragt danach. Sie entstehen in einem selbst. Manchmal in einer Nacht, in der man nicht schlafen kann. Manchmal erst nach Jahren, in denen man vielleicht zu viel geschlafen hat. Und dann sitzt man da, sieht sich sein eigenes Leben an und versteht, dass etwas geschehen muss. Dass man nicht weitermachen kann wie bisher. Man denkt darüber nach, schweigt, steht auf, setzt sich wieder. Und dann trifft man eine Entscheidung.

Ich werde nicht darüber sprechen, welche es war. Manche Dinge verlieren nämlich ihre Wahrheit, wenn man sie erklärt. Aber seit diesem Moment hat sich etwas in mir gelöst. Und das ist etwas Gutes. Seitdem ist da ein anderes Gefühl. Eine Art Freiheit, die ich lange nicht mehr gespürt habe. Sie ist nicht laut. Sie ruft auch nicht nach Aufmerksamkeit. Sie ist einfach da. Eine Leere, die mich nicht bedroht, sondern mir neuen Raum schenkt. Eine Schwere, die sich zurückzieht, ohne dass man weiß, wohin. Ich empfinde mich seitdem als weniger gebunden. Die Fesseln, die ich jahrelang als selbstverständlich hingenommen habe, wirken plötzlich künstlich. Ich sehe sie an und frage mich, wie ich sie so lange tragen konnte.

Man spricht oft von Mut, als wäre er ein großes, beeindruckendes Ereignis. Aber Mut ist nichts weiter als eine kleine, klare Entscheidung. Ein Schritt, den man macht, obwohl man Angst hat. Ein Satz, den man sagt, obwohl die Stimme zittrig ist. Mut ist eigentlich unspektakulär. Er findet in uns statt. Meistens ohne Zeugen, ohne Beifall. Und doch verändert er die Linien des eigenen Lebens. Und jetzt stehe ich hier, wie jemand, der ein altes Zimmer verlassen hat, ohne die Tür laut zu schließen. Ich weiß noch nicht, wohin dieser neue Weg führt. Vielleicht ist er besser. Vielleicht auch nicht. Aber er gibt mir etwas zurück, das ich verloren hatte, das Gefühl, nicht mehr festzustecken. Es ist ein stilles Freiwerden, einen inneren Frieden. Und ganz ehrlich? Vielleicht reicht das für den Anfang.

Der letzte Monat.

Ein Übergang ohne Bedeutung.

Ich dachte, der Dezember kommt ohne Geräusch. Ein stiller Schnitt im Kalender. Aber das stimmt nicht. Heute Morgen hat der Frost eine dünne Haut über die Dinge gelegt. Nicht genug, um Spuren festzuhalten. Aber genug, um sie hörbar zu machen. Der Weg und das Gras knackten leise unter den Stiefeln, als hätte die Nacht versucht, die Welt einzufrieren und es dann doch gelassen. Talko lief voraus. Wie immer. Den Kopf dabei so tief, als suche er etwas, das nur Hunde finden können. Wahrscheinlich ist dem auch so. Der Himmel war klar. Ein kaltes Blau, das nichts versprach außer Ehrlichkeit. Ich denke oft, dass der Dezember der Monat ist, in dem alles langsamer wird. Ob man will oder nicht. Der Monat, in dem man merkt, was bleibt, wenn nichts mehr laut ist. Ich mag diese Art von Tagen. Die stillen. Die, an denen man nichts erklären muss. Und jetzt? Das Ende des Jahres hat begonnen und es macht es wie immer. Ohne Rücksicht. Einfach so.

Vielleicht liegt es daran, dass es der letzte Monat ist. Vielleicht an der Kälte. An der frühen Dunkelheit. An den Lichtern. Ich denke in diesen Tagen häufiger zurück. Nicht in der Art, wie Menschen Rückblicke machen, mit Listen und Höhepunkten, sondern eher beiläufig. Ich sehe die Monate wie Räume, durch die ich gegangen bin. Manche waren eng, andere weit, einige fast leer. Ich erinnere mich an Tage, an denen ich dachte, dass nichts mehr geht, und an andere, an denen einfach nur alles still war. Es war kein gutes Jahr, aber auch kein schlechtes. Es war ein Jahr, das mich gezwungen hat, genauer hinzusehen. Auf mich. Auf das, was ich tue, und das, was ich lasse. Auf den Menschen, der ich sein will. Manches hat sich verändert, ohne dass ich es wollte. Manches, weil ich es wollte. Anderes erst, weil ich es nicht mehr verhindern konnte. Und jetzt, da es zu Ende geht, sehe ich klarer, was davon bleibt und was nicht mehr zurückkommt. Das klingt einfacher, als es ist. Veränderungen tragen selten ein Schild. Sie sind meist leise, unscheinbar, schleichen sich in die Tage wie Frost in den Boden. Und erst wenn man stehen bleibt, merkt man, dass etwas anders ist.

Ich weiß, dass das nächste Jahr nicht wird wie die Jahre davor. Es wird härter in manchen Dingen, leichter in anderen. Einige Türen, die lange offen standen, werde ich schließen müssen. Andere werde ich öffnen, obwohl ich nicht weiß, was dahinter liegt. Vielleicht ist es genau das, was mich ruhiger macht. Die Erkenntnis, dass man nicht alles wissen muss, um weiterzugehen. Ich denke manchmal, es gibt diesen Moment, kurz vor dem Jahresende, in dem man begreift, dass man niemandem etwas schuldet, außer sich selbst. Kein perfektes Leben, kein ständiges Funktionieren, kein Bild, das anderen gefallen muss. Es reicht, die eigenen Schritte auszuhalten und die Wahrheit nicht mehr zu umgehen. Veränderungen kommen. Immer. Ob man sie will oder nicht. Man muss sie nicht erklären, nicht feiern, nicht dramatisieren. Man muss sie nur annehmen. Still, ohne Erwartung. Ich bin vollkommen bereit, weiterzugehen.

Vielleicht bleibt mir vom Jahr am Ende weniger übrig, als ich glaube. Ein paar Sätze, ein paar Orte, ein paar Entscheidungen, die ich getroffen habe, ohne später noch lange darüber zu sprechen oder nachzudenken. Der Rest verblasst. Menschen, die gekommen und gegangen sind. Tage, die man ausgehalten hat. Andere, die man hätte besser festhalten sollen. Es ist erstaunlich, wie wenig davon wirklich Gewicht hat, wenn man genauer hinsieht. Und doch reicht es. Man blickt zurück, stellt fest, was war, was nicht mehr ist, und was man ohne großes TamTam mitnimmt. Der Dezember macht es einem leicht. Er sagt nichts. Er fragt nichts. Er verlangt nichts. Er lässt einen stehen, genau dort, wo man ist. Und manchmal ist das der ehrlichste Punkt, von dem aus man weitergehen kann.

Die Ordnung der Dinge.

Alles läuft, bis einer stehen bleibt und fragt, warum.

Ich war nie ein Freund der großen Städte. Zu viel Beton. Zu viele Stimmen, die nichts sagen. Zu viele Gesichter ohne Namen. Mir ist das zu eng, obwohl alles riesig ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich am Rand eines Dorfs groß geworden bin. Unter alten Eichen. Hinter dem Hof lagen echte Hektar. Felder bis zum Horizont. Und zwischen der Einfahrt zu meinem Elternhaus und der nächsten Siedlung lag Wiese, lang wie ein Nachmittag im Sommer. Nachts war es so still, dass man die eigenen Gedanken gehen hörte. Später bin ich weggezogen. Natürlich nicht in die Stadt. Immer mit Abstand. Immer so weit von ihr entfernt, dass sie nur ein Lichtkranz am Himmel bleibt und sonst nichts. Ich brauche das einfach. Raum, in dem nichts so tut, als wäre es wichtig. Der Wind hat hier keine Meinung. Die Eichen auch nicht. Und manchmal denke ich, je dichter die Häuser beieinander stehen, desto leichter vergisst man, wer man ist. Vielleicht täusche ich mich auch. Aber weit weg von allen Dächern, sieht dich die Weite an und lügt nicht.

Nun gut. Aber auch das Dorf hat seine eigene Ordnung. Es sind nicht nur die alten Höfe und offenen Felder, nicht nur die langen Wege zwischen den Bäumen und der weite Himmel, der abends glüht. Es gibt auch diese Siedlungen, die man schon aus der Weite erkennt. Oftmals gleiche Dächer, gleiche Fassaden, gleiche Hecken. Häuser, die sich irgendwie gegenseitig im Blick behalten, ohne wirklich hinzusehen. Und überall riecht es gleich. Nach frisch gemähtem Rasen. Nach Grillkohle im Sommer. Nach Weichspüler, dessen Duft aus den geöffneten Fenstern zieht. Vor manchen Häusern steht ein SUV, glänzend, frisch gewaschen, fast schon irgendwie stolz. Andere verstecken ihre Autos in den Garagen, als hätten sie Angst, jemand könnte vergleichen, urteilen, als könne man nicht mit den Nachbarn mithalten. Ja, ich glaube schon, man kennt sich hier. Aber was man eigentlich meint, ist, man beobachtet sich.

Drinnen flimmert das Fernsehen, draußen brummt der Rasenmäher. Immer dieselben Geräusche, dieselben Rituale, als wäre der ganze Ort auf eine unsichtbare Uhr abgestimmt. Einer zündet den Grill an, zwei Gärten weiter antwortet ein anderer mit dem gleichen Zischen. Und irgendwo, am Ende der Straße, hängt eine kleine Fahne, ausgebleicht vom Wind. Aber noch immer da, obwohl niemand sie überhaupt noch wahrnimmt. Vielleicht, weil sie längst nichts mehr bedeutet. Hier, in diesem Siedlungen wohnt das Leben, das man führen soll. Ein Leben, das funktioniert. Geordnet, solide, frei von Überraschungen. Ein Leben, das man erst „erschafft“ und dann verteidigt. Man nennt es Beständigkeit. Aber vielleicht ist es auch Stillstand. Man arbeitet, spart, baut, pflegt. Man sorgt sich um den Rasen, um den Eindruck, um das, was Nachbarn vielleicht denken könnten. Man grüßt freundlich, lacht kurz, sagt, alles sei gut. Und wenn jemand doch mal stiller wird, fragt keiner warum. Man lässt es, weil man gelernt hat, dass man über sowas nicht spricht. Man fragt, wie es geht, und hofft, keine ehrliche Antwort zu bekommen. Alles funktioniert. Nur keiner weiß mehr, wofür.

Man heiratet. Man baut ein Haus. Zwei Kinder. Ein Hund. Im Sommer dann der Campingurlaub in Dänemark. Oder anders. Hauptsache weg. So macht man das hier. Und wenn all das geschafft ist, sagen alle: Gut gemacht. Als wäre das der Sinn gewesen. Als würde am Ende jemand kommen und eine unsichtbare Liste abhaken. Ich habe oft gesehen, wie Menschen ihr Leben einrichten, als wären sie Figuren in einem Schaubild. Wohnzimmer, Küche, Garten, Garage. Ordnung in allem. Nichts Unbekanntes. Morgens läuft das Radio, abends der Fernseher. Dazwischen liegen Termine, Rasenpflege, Autowäsche, Hecken schneiden. Manchmal glaube ich, das Geräusch des Lebens hier ist das leise Surren der Rolläden, wenn sie sich automatisch schließen. Immer zur selben Zeit. Jeden Tag.

Ich sehe oft diese Gesichter. Freundlich, aber irgendwie müde. Die Hände fest am Lenkrad, die Gedanken schon beim nächsten Einkauf. Ober beim Wochenende. Manchmal habe ich das Gefühl, die meisten haben gelernt, nicht zu fragen. Nicht nach dem Warum. Nicht nach dem Danach. Und ich glaube, ich selbst habe zu lange nicht gefragt. Die meisten nennen es Verantwortung, Pflicht, Stabilität. Oder einfach Erwachsensein. Doch oft ist es nur Angst, verkleidet als Vernunft. Die Angst, etwas zu verlieren, das man nie wirklich wollte. Die Angst, aufzufallen, wenn man plötzlich anders lebt. Die Angst davor, plötzlich der Böse in einer Geschichte zu sein. Und dann? Dann bleibt man lieber dort, wo man alle Regeln kennt. Wo man weiß, wie laut man lachen darf, wann man grüßt und wann man besser nichts sagt. Man bleibt, weil man glaubt, Sicherheit sei wichtiger als Wahrheit. Aber Sicherheit ist nur ein anderes Wort für Stillstand. Und Stillstand, das weiß jeder, der nachts einmal wach gelegen hat, fühlt sich irgendwann an wie Ersticken. Nur leiser.

Niemand will auffallen. Niemand will anders sein. Alles läuft. Oder muss laufen. Und vielleicht ist es genau dieses ewige Funktionieren, das was mich mehr und mehr stört. Diese saubere Wiederholung der Tage, als würde das Leben eine Routine verlangen. Man steht auf, arbeitet, redet, lächelt. Man baut, spart, bleibt immer irgendwie vernünftig. Und irgendwo dazwischen verliert man den eigenen Ton. Natürlich nicht auf einmal. Sondern leise. Schicht für Schicht. Ich habe auch lange geglaubt, das müsse so sein. Dass Sicherheit das Gleiche ist wie Frieden. Aber irgendwann begreift man, dass beides nichts miteinander zu tun hat. Sicherheit hält dich fest, Frieden lässt dich gehen.

Und vielleicht ist das der Moment, an dem man anfängt, zu hören, was man sich jahrelang ausgeredet hat. Dass man eigentlich etwas anderes wollte. Etwas, das nicht in diese Straßen passt, nicht in diese Häuser, nicht in diese Sprache. Aber dann kommen diese Sätze. Irgendjemand sagt: „Das gehört sich so.“ Irgendjemand meint. „Das macht man so.“ Sätze, die leicht gesagt werden, fast beiläufig, wie die Ausrede eines ganzen Lebens. Sätze, die klingen, als hätten sie Gewicht. Aber sie sind sie hohl. Nichts anderes. Man sagt sie, um nicht denken zu müssen. Um nicht zu fühlen, dass man längst aufgehört hat, zu leben. Aber es passt nun Mal nicht jeder in diese Ordnung. Nicht jeder findet Ruhe in der Wiederholung. Und das ist kein Fehler. Manchmal ist es einfach nur ehrlich.

Wir haben nur dieses eine Leben. Und alles, was wir nicht leben, bleibt. Es zieht Kreise, leise, unsichtbar. Alles was wir verdrängen, nicht tun, obwohl wir es wollen, wird zu Reue, zu Müdigkeit, zu diesem stillen Druck im Brustkorb, der sich meldet, wenn alles still geworden ist. Bleiben, obwohl man längst gehen will, ist auch eine Entscheidung. Aber sie kostet dich dich selbst. Und wenn du das irgendwann begreifst, ist es meist zu spät, um noch loszugehen. Vielleicht liegt das Glück nicht im Dazugehören, sondern im Mut, sich zu entfernen, zu gehen, abzuschließen. Nicht trotzig, nicht laut, nicht im Streit. Sondern einfach, weil man spürt, dass das hier nicht mehr das eigene Leben ist.

Draußen ist es still geworden. Ein paar Lichter, mehr nicht. Der Wind streift über die Felder, als wollte er die letzten Stimmen einsammeln, bevor die Nacht sie verschluckt. Irgendwo klappert ein Garagentor, irgendwo schließt sich eine Tür. Alles klingt nach Gewohnheit. Nach einem Leben, das einfach weiterläuft, egal wer hinsieht. Ich stehe am Fenster, sehe hinaus, sage nichts. In der Scheibe spiegelt sich mein Gesicht, dahinter ist alles dunkel, endlos. Für einen Moment scheint alles stillzustehen. Nur mein Atem. Der Klang der Tasse, als ich sie aufs Fensterbrett stelle. Vielleicht ist das der Punkt, an dem man begreift, dass man nicht jeden Platz ausfüllen muss, nur weil man ihn kennt. Nicht jede Geschichte zu Ende erzählen, nur weil man einmal Teil davon war. Ich sehe hinaus, bis das Bild verschwimmt. Und irgendwo dazwischen wird mir klar, dass ich kein Teil dieser Geschichte mehr bin. Vielleicht war ich es nie. Vielleicht hab ich nur zu lange geglaubt, dass man bleiben muss, um dazuzugehören. Draußen hebt der Wind an, trägt kalte Luft durchs offene Fenster. Und während alles weiterläuft, wird etwas in mir still. Nicht traurig, nicht verloren, nicht verletzt. Nur bereit.

Am Ende des Weges.

Was war, darf liegen bleiben.

Als ich losging, war alles dunkel. Die Sonne lag noch hinter dem Horizont. Die Bäume wirkten im fahlen Licht des Mondes wie Schatten. Mit jedem Schritt, den ich ging, wurde der Tag etwas heller. Der Morgen lag schwer über den Feldern. Nebel verfing sich in der Landschaft und zwischen den Ästen der Kiefern und Eichen. Fast so, als wolle er die Welt noch einen Moment lang verbergen. Montag. Einer dieser tristen Tage, an denen nichts neu beginnt und doch alles danach riecht. Die Straßen und Wege waren feucht. Die Luft kalt. Jeder Schritt klang, als würde ich über alte Erinnerungen laufen. Talko lief voraus, zog mal mehr, mal weniger an der Leine. Fast so, als wolle er mich daran erinnern, dass es weitergehen muss. Manchmal blieb er stehen, schnupperte, drehte sich kurz um. Ein paar Krähen zogen über uns hinweg, verschwanden im Grau. Ich denke an das, was sich über Jahre angesammelt hat. Worte, die ich nie ausgesprochen habe. Aufgaben, die ich immer wieder aufgeschoben habe. Gedanken, die wie Staub in den Ecken sitzen. Vielleicht kommt irgendwann der Punkt, an dem man das alles ablegen muss, um wieder klarzusehen. Ich glaube, heute ist dieser Punkt. Kein großes Versprechen. Kein klares Ziel. Nur der Entschluss, leichter zu werden. Ballast abzuwerfen, offene Kapitel zu schließen, Ungelöstes endlich zu Ende zu bringen und aufzuräumen, was mich festhält. 2026 beginnt bald. Und ich denke darüber nach. Hier. Auf diesem Weg. Mitten im Nebel. Leise. Ohne Ansage. Nur ein Schritt nach dem anderen.

Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht mir gut. Auch wenn sich das vielleicht anders liest. Ich bin nur müde. Nicht im Kopf, sondern im Kern. Jeder Anfang kostet Kraft. Und dieser frisst sich durch Schichten, die man jahrelang wachsen ließ. Er nimmt mir die Ausreden, die Bequemlichkeiten, das falsche Gefühl von Sicherheit. Veränderung ist kein romantischer Akt. Sie ist ein kalter Morgen, an dem du dich zwingst, weiterzugehen, obwohl alles in dir stehen bleiben will. Talko läuft neben mir, atmet schwer. Seine Pfoten hinterlassen Spuren im nassen Sand, und für einen Moment denke ich, dass alles genau so sein muss – anstrengend, aber echt. Jeder neue Anfang ist ein stiller Kampf. Gegen Müdigkeit, gegen Gewohnheit, gegen das eigene Abwarten. Der Wind frischt auf. Es riecht nach Erde, nach Holz, nach einem leisen Versprechen von etwas Neuem. Ich sehe zurück und erkenne, wie eng die Kreise geworden sind, in denen ich mich bewegt habe. Komfort, Routine, all das, was man mit Ruhe verwechselt. Doch jede Komfortzone ist am Ende nur ein Raum ohne Fenster. Ein Gefängnis. Nur mit dem Unterschied, dass man gar nicht merkt, wie man sich selbst einsperrt. Man bleibt, weil man glaubt, dass es draußen gefährlicher ist. Aber das ist die Lüge, die uns ruhig hält.

Es geht mir gut. Vielleicht besser als seit Langem. Schreibt man das so? Egal. Es geht mir gut, weil ich aufhöre, mich selbst zu beruhigen. Weil ich erkenne, dass der Preis der Freiheit immer das Ungewisse ist. Ich habe mich entschlossen, weiterzugehen. Langsam. Schritt für Schritt. Durch Nebel, Müdigkeit, Zweifel, durch Regen und Dunkelheit. Und wenn das Jahr zu Ende geht, will ich so leer sein, dass nur noch Platz bleibt für das, was wirklich zählt. Für das, was wirklich echt ist.

Manchmal braucht man eine Inventur. Denke ich. Ich meine nicht dieses Listenmachen oder Aufschreiben. Ich meine diesen einen ehrlichen Blick. Was schenkt mir Kraft, was frisst mich auf. Menschen, Routinen, Gedanken. Ich merke, wie vieles in mir längst Staub angesetzt hat. Wie viel davon ich weitertrage, weil es einfacher ist, als es loszulassen. Vielleicht beginnt alles mit Aufräumen. Nicht in der Wohnung, sondern im Kopf. Weg mit dem Überflüssigen. Den alten Nachrichten, den Stimmen, den falschen Sicherheiten. Vielleicht reicht manchmal schon Schweigen. Ein paar Tage nichts sagen, nichts senden, nichts rechtfertigen. Nur hören, was in einem übrig bleibt, wenn der Lärm im Außen leiser wird.

Ich denke auch an Social Media. Was für ein Quatsch, meistens jedenfalls. Eine digitale Welt, in der jeder redet, aber kaum jemand zuhört. An die Feeds, das endlose Scrollen, Gesichter, die man nicht kennt, Meinungen, die nichts bedeuten. Echt jetzt, ich muss nicht jedem folgen, der glaubt, etwas zu sagen zu haben. Und nicht jeder, der mir folgt, muss in meiner Liste bleiben. Das ist kein Verlust. Es ist Reinigung. Manche schauen ohnehin nur, weil sie neugierig sind. Sie wollen wissen, wie tief man vielleicht gefallen ist oder ob man sich wieder aufrappelt. Und dann reden sie darüber, statt zu fragen. Diese Art von Aufmerksamkeit hat kein Gewicht. Sie bleibt an der Oberfläche, wie Regen auf kaltem Asphalt, auf den auch keiner wirklich Bock hat. Ich will nichts mehr für Menschen tun, die nur sehen, aber nie wirklich hinschauen.

Ein Rückzug aus dem Dauerrauschen, das vorgibt, Verbindung zu sein. Ich will mir die Stille zurückholen. Den echten Blick. Die echten Menschen. Ich glaube, das ist der Punkt. Klärung. Herausfinden, was und wer mitkommen darf, wenn das Jahr endet und ein neues beginnt. Was bleibt, wenn alles andere verschwindet. Das, was ich dann in der Hand halte, ist mein Kompass. Und vielleicht ist das das Beste, nicht mehr funktionieren wie früher. Nicht mehr essen, schlafen, arbeiten, denken wie jemand, der sich selbst vergessen hat. Sondern neu werden. Von innen heraus. Und ich denke, man braucht dafür kein Ziel. Nur Rückgrat. Keine Analyse mehr, kein Warum. Nur anfangen, anders zu handeln. Leise. Konsequent. Und wenn es weh tut, dann ist das normal. Abschiede tun das. Sie reißen Löcher, durch die Licht fällt.

10 Km. Der Wind hat nachgelassen. Über den Feldern hängt der Nebel noch immer, aber er wirkt heller. Talko bleibt stehen, blickt nach vorn, dann zu mir. Für einen Moment ist alles ruhig. Kein Gedanke, kein Plan. Nur der Atem, das Knirschen unter den Schuhen, das leise Tropfen der Äste. Vielleicht ist das genug. Kein Anfang, kein Ende. Nur dieser Weg hier, jetzt, unter einem Himmel, der tut, als wüsste er nichts von uns.