Wo es begann.
Ich weiß nicht mehr genau, welcher Song zuerst lief. Vielleicht Madsen. Vielleicht Hi! Spencer. Vielleicht irgendwas mit Gitarren, das schon in den ersten zehn Sekunden klang, als würde gleich jemand eine Tür eintreten, hinter der ich jahrelang gesessen hatte. Ist im Grunde auch scheißegal. Wichtig ist nur: Die Musik war laut. Echt keine Hintergrundmusik. Nicht dieses belanglose Gedudel, das in Supermärkten läuft, damit man beim Kauf von Klopapier nicht aus Versehen über die eigene Vergänglichkeit nachdenkt. Laut. Mit Schlagzeug. Mit Gitarren. Trompeten. Mit Texten, die nicht so taten, als wäre alles gut, aber trotzdem nicht bereit waren, sich auf den Boden zu legen und dort zu bleiben. Ich stand irgendwo zwischen Kaffeetasse, Handy und einem Leben, das in den Monaten davor ziemlich gründlich gegen die Wand gefahren war.
Nicht elegant. Kein kleiner Parkrempler. Eher Totalschaden mit herumliegenden Einzelteilen, von denen niemand so genau wusste, ob sie noch gebraucht werden. Und plötzlich war da dieser Song. Dann noch einer. Und noch einer. Eine Playlist wurde länger. Mit Mund abwischen. Der Kaffee wurde kalt. Die Musik blieb laut. Ich hörte 100 Kilo Herz, Drei Meter Feldweg, Broilers, Jupiter Jones, Liedfett, Madsen und Hi! Spencer. Bands, die mir irgendwie nicht versprachen, dass morgen alles besser wird.
Sie machten etwas viel Wichtigeres. Sie klangen, als dürfte morgen trotzdem kommen. Vielleicht begann es genau da. Ich saß da. Wahrscheinlich stand irgendwo eine Tasse Kaffee herum. Wahrscheinlich hatte ich zu viele Nachrichten offen, zu viele Gedanken im Kopf und noch immer keinen vernünftigen Plan. Aber ich hatte plötzlich Bock. Erst nur auf einen weiteren Song. Dann auf ein Konzert. Dann auf eine Zugfahrt. Auf einen Nachmittag irgendwo. Auf Menschen. Auf Pläne. Auf völligen Schwachsinn. Darauf, auch von Leuten nach dem Hochamt als peinlich betitelt zu werden. Und das klingt kleiner, als es war.
Denn eine ganze Weile hatte ich auf vieles keinen Bock mehr gehabt. Ich hatte funktioniert, Dinge erledigt, nachgedacht, gezweifelt und versucht, den Scherbenhaufen meines Lebens wenigstens so ordentlich zusammenzufegen, dass niemand darüber stolpert. Vor allem nicht die anderen. Die anderen sollten sich bloß nicht unwohl fühlen. Die anderen sollten verstehen, warum ich etwas tat. Die anderen sollten nicht enttäuscht sein. Die anderen sollten mich weiterhin für einen halbwegs vernünftigen Menschen halten. Hat hervorragend geklappt. Nur ich selbst ging mir dabei langsam verloren.
Vielleicht ist das jetzt genau das Gegenteil davon. Ich weiß, dass du das anders siehst. Und ich mache es trotzdem. Nicht aus Wut. Aus Freiheit. Ich kaufte Konzertkarten, Monate im Voraus, und freute mich darüber wie ein Kind, das noch nicht gelernt hat, Vorfreude angemessen herunterzuregulieren. Vier Monate. Vier verdammte Monate Vorfreude. Kann man peinlich finden. Kann man kindisch finden. Kann man auch einfach geil finden. Ich entschied mich für geil.
Ich fuhr mit Regionalzügen fast dreihundert Kilometer, um eine Pizza zu essen. Ich buchte ein Hotel, das ungefähr dort lag, wo ich nicht hinmusste. Ich stand an Bahnhöfen, schleppte meinen Rucksack herum und fragte mich mehr als einmal, ob ich eigentlich komplett bescheuert geworden war. Die Antwort lautet vermutlich: ein bisschen. Aber ich war unterwegs. Das war neu. Nicht das Reisen. Das Wollen. Ich wollte wieder irgendwohin. Ich wollte Menschen sehen. Konzerte besuchen. Schreiben. Fotografieren. Einen Wagen kaufen. Eine Wohnung finden. Meine Website umbauen. Ziele verfolgen, die niemand verstehen muss. Zeit mit den Menschen verbringen, bei denen sich nichts nach Kampf anfühlt. Ich wollte mein Leben nicht mehr nur irgendwie reparieren. Ich wollte es benutzen. Auch mit Kratzern. Auch mit fehlenden Teilen. Auch ohne Bedienungsanleitung. Vor allem ohne Bedienungsanleitung. Es gibt natürlich weiterhin beschissene Tage. Wird es immer geben. Freude ist kein Schutzhelm. Sie verhindert nicht, dass Dinge wehtun. Menschen gehen trotzdem. Pläne platzen trotzdem. Manchmal sitzt man nachts da und versteht überhaupt nichts.
Aber ein beschissener Tag ist kein beschissenes Leben. Das ist der Unterschied.
Früher hätte ich vielleicht gewartet, bis alles geklärt ist. Bis Ruhe eingekehrt ist. Bis kein Mensch mehr eine Frage hat. Bis jede Entscheidung erklärt, jedes Problem gelöst und jede Socke ihrem rechtmäßigen Partner zugeführt wurde. Dann darf man wieder leben. So ungefähr war der Plan. Rückblickend war das natürlich völliger Schwachsinn. Das Leben wird nicht fertig. Es steht nicht irgendwann frisch gestrichen vor einem, reicht einem den Schlüssel und sagt:
„So, Torsten. Jetzt kannst du einziehen.“
Irgendwas ist immer. Eine Rechnung. Eine Trennung. Eine Sorge. Ein Termin. Ein Mensch, der ungefragt erklärt, wie man sprechen, fühlen oder leben sollte. Wartet man darauf, dass alles geregelt ist, kann man sich direkt einen bequemen Stuhl kaufen. Man sitzt länger.
Also Musik an. Nicht, um irgendetwas zu verdrängen. Sondern um wieder etwas zu spüren. Der Bass. Das Schlagzeug. Eine Stimme, die an der richtigen Stelle sitzt oder verkackt. Ein Refrain, der den Raum größer macht. Diese Musik war kein Soundtrack zu einem perfekten Neuanfang. Sie war der Lärm einer Baustelle. Da wurde nichts feierlich eröffnet. Da wurde gehämmert. Geflucht. Abgerissen. Neu angesetzt. Manchmal schief. Manchmal viel zu laut. Aber es entstand etwas. Ich. Nicht neu. Eher wieder. Nur ohne die ganzen Versionen, die ich jahrelang für andere Menschen gespielt hatte. Die freundliche Version. Die angepasste Version. Die Version, die Ja sagt, obwohl sie Nein meint. Die Version, die hinterherläuft. Fickt Euch. Das mach ich nicht mehr. Die Version, die sich erklärt, bis von der eigenen Entscheidung nichts mehr übrig ist. Die können alle weg. Sperrmüll.
Heute bin ich glücklich. Der Satz fühlt sich noch immer ungewohnt an. Fast verdächtig. Als müsste direkt jemand um die Ecke kommen und fragen, ob ich dafür überhaupt eine Genehmigung habe. Habe ich nicht. Brauche ich auch nicht. Ich bin nicht glücklich, weil plötzlich alles funktioniert. Tut es nicht. Ich bin glücklich, weil ich nicht mehr darauf warte.
Ich habe jetzt Menschen in meinem Leben, bei denen ich nichts beweisen muss. Ich mache Pläne, obwohl andere Dinge noch offen sind. Ich fahre los, auch wenn die Verbindung scheiße ist. Ich freue mich zu laut. Ich rede, wie ich rede. Ich trage Klamotten, die mir gefallen. Ich höre Musik, die irgendetwas in mir aufrichtet. Und ich mache mich vermutlich gelegentlich zum Horst.
Gut.
Wer nie peinlich ist, war wahrscheinlich auch nie richtig begeistert. Wo es begann? Vielleicht mit einem Song. Vielleicht mit einer Nachricht, die besagt, dass sich jemand freut, mich zu sehen. Vielleicht mit einer Konzertkarte. Vielleicht an irgendeinem Nachmittag, an dem ich plötzlich gemerkt habe, dass ich nicht mehr nur darüber nachdachte, was alles vorbei war.
Sondern darüber, was als Nächstes kommt. Aus den Boxen liefen Gitarren. Ich trank Hefeweizen im Sonnenlicht. Trockenen Weißwein auf einer Terrasse. Mein Leben war noch immer nicht sortiert. Aber irgendwo setzte das Schlagzeug ein. Und ich stand auf.