Sechs Monate.

Einfach aus Spaß!

Fuck ey. Ich habe keinen Plan. Für einen Moment habe ich sogar vergessen, welchen Wochentag wir haben. Mittwoch? Donnerstag? Keine Ahnung. Ich sitze auf einem Gartenstuhl, habe die Füße hochgelegt und gucke in einen ziemlich blauen Himmel. Das ist einer von diesen Nachmittagen, an denen Zeit plötzlich keine besonders wichtige Rolle mehr spielt. Welches Datum wir haben? Weiß ich doch nicht. Wie spät es ist? Häh? Vielleicht fünf. Vielleicht halb sechs. Vielleicht auch vollkommen egal. Mein Kopf ist ruhig. Und rattert trotzdem. Das kann er gut. Ich greife zu meinem Smartphone. Nicht, weil es dafür irgendeinen vernünftigen Grund gäbe. Eher aus Gewohnheit. Der moderne Mensch hält ungefähr zwölf Sekunden innere Ruhe aus und denkt dann, scheiße Karl-Otto, Vielleicht ist inzwischen irgendwas Geiles auf Instagram passiert. Ich scrolle. Natürlich. Ein Video. Zwei Videos. Vierundsiebzig Videos. Und dann spricht da so ein Typ direkt in die Kamera. Gut aussehend. Aber nicht so unangenehm gut aussehend, dass man sofort davon ausgeht, er habe für dieses Video vorher drei Stunden sein Gesicht ausgeleuchtet. Einfach ein normaler, sympathischer Typ. Aber keiner dieser Sorte Mensch, die einem erklären wollen, wie man mit drei Euro Startkapital und einer Morgenroutine bis 38 finanziell frei wird. Wäre eh zu spät. Egal. Er erzählt irgendwas von sechs Monaten. Sechs Monate, sagt er sinngemäß, würden reichen, um sich ein Leben aufzubauen, das man wirklich haben möchte.

Ah. Moin Ham. Natürlich. Wieder so ein Coach. Denke ich jedenfalls sofort, ohne ihm überhaupt richtig zuzuhören. Wahrscheinlich erzählt er mir gleich, dass ich nur um 4:30 Uhr aufstehen, kalt duschen, mein Dopamin resetten und anschließend seinen beschissenen Onlinekurs für 392,46 Euro kaufen muss. Early-Bird. Natürlich. Nur heute. Sonst bleibt mein Leben vermutlich für immer mittelmäßig. Ich wische weiter. Das geht ja schnell. Finger hoch. Mensch weg. Urteil gefällt. Und ungefähr im selben Moment denke ich: Kacke. Hör ihm doch wenigstens erstmal zu.

Das ist nämlich auch so eine Sache, die ich an mir selbst inzwischen ziemlich gut beobachten kann. Ich möchte gerne, dass Menschen mich nicht vorschnell vorverurteilen. Dass sie erst zuhören. Nachfragen. Versuchen zu verstehen, bevor sie irgendeine Schublade aufziehen und mich dort zwischen „komisch“, „anstrengend“ und „hat sein Leben nicht im Griff“ einsortieren. Ey. Und dann mache ich selbst genau das Gleiche. Geil Luttmann. Also scrolle ich zurück. Der Typ ist wieder da.

„Please never underestimate how quickly your life can change.“

Bitte unterschätze niemals, wie schnell sich dein Leben verändern kann. Musst du mir nicht erzählen, denke ich. Mir nicht. Echt nicht. Das weiß ich längst. Wenn ich in diesem Jahr irgendetwas gelernt habe, dann vermutlich genau das. So ein Leben kann sich erstaunlich schnell verändern. Dafür braucht es keinen Fünfjahresplan und manchmal nur einen verfickten Montag. Oder ein paar Entscheidungen. Die reichen. Ein Gespräch. Eine Trennung. Ein Anruf. Eine Nachricht. Ein Mensch. Ein verdammter Moment. Und plötzlich sieht das komplette Leben anders aus als noch ein paar Wochen vorher. Also ja. Den Punkt bekommt er. 1:0

Dann erzählt er etwas von seinem Account. Von Wachstum. Reichweite. Zahlen. Irgendwelchen Dingen, bei denen mein Finger schon wieder Richtung Bildschirm wandert, weil ich langsam doch den Geruch von Onlinekurs wahrzunehmen glaube. Ich will weiterwischen. Mache es aber nicht. Dieses Mal höre ich zu. Und dann sagt er:

„That’s the power of this completely delusional belief in yourself.“

Ich muss kurz darüber nachdenken. Die Macht dieses vollkommen größenwahnsinnigen Glaubens an sich selbst. Okay. Denke ich. Okay. Jetzt hast du mich. Ein bisschen. Denn genau darum geht es ihm. Nicht darum, dass man innerhalb von sechs Monaten Millionär wird, morgens um fünf lächelnd Burpees macht und anschließend vom Balkon seines Lofts auf Dubai schaut. Sondern darum, sich für sechs Monate etwas zu erlauben, das Erwachsene irgendwann erstaunlich gründlich verlernen:

Vollkommen bescheuert an sich selbst zu glauben.

Nicht vernünftig. Auch nicht so vorsichtig. Auf keinen Fall dieses erwachsene „Mal gucken, wie sich die Dinge entwickeln“. Sondern wirklich zu glauben, dass man sein Leben verändern kann. Auch wenn die Faktenlage vielleicht noch ein bisschen ziemlich scheiße ist. Oder wenn andere Menschen kurz die Stirn runzeln. Auch wenn man selbst morgens aufwacht und denkt: Was zur Hölle mache ich hier eigentlich? Sechs Monate, sagt er. Sechs Monate mit diesem vollkommen übertriebenen, vielleicht sogar leicht größenwahnsinnigen Glauben daran, dass man etwas verändern kann. Dass man sich ein anderes Leben bauen kann. Nicht irgendwann. Jetzt. Moin Ham. Da werde ich natürlich erstmal stutzig.

Aber genau da wird es für mich schon irgendwie interessant. Nicht, weil ich plötzlich glaube, dass ich in sechs Monaten Millionär werde, einen perfekten Körper habe, in irgendeinem Loft wohne und morgens um fünf mit einem Proteinshake auf meinen persönlichen Erfolg anstoße. Um Gottes willen. Nee. Aber ich denke darüber nach, den Bums einfach auszuprobieren. Sechs Monate. Jetzt nicht als Challenge oder. Auch nicht als Selbstoptimierungsprogramm. Auf keinen Fall als „Ab jetzt werde ich die beste Version meiner selbst“. Nee. Bei solchen Sätzen zucke inzwischen körperlich zusammen.

Einfach als Experiment. Was passiert, wenn ich für sechs Monate so tue, als wäre ziemlich viel möglich? Und noch etwas anderes. Was passiert, wenn ich alles, was ich in diesen sechs Monaten mache, aus Spaß mache? Das klingt erstmal bescheuert. Vielleicht sogar ein bisschen saudumm. Schließlich gibt es Dinge, die man nicht macht, weil sie wahnsinnig viel Spaß machen. Steuererklärungen zum Beispiel. Oder Formulare. Oder Warteschleifen bei Krankenkassen. Aber ich meine etwas anderes. Ich könnte Bewerbungen schreiben, einfach auf Spaß. Vielleicht auch mal auf Stellen, für die ich eigentlich gänzlich ungeeignet bin. Einfach aus Spaß. Ich könnte doch einfach denken:
Mal gucken, was passiert. Bewerbung abschicken. Aus Spaß. Vielleicht werde ich ja eingeladen. Dann fahre ich hin. Auch aus Spaß. Setze mich da rein, rede mit Menschen, erzähle, was ich kann, höre mir an, was sie suchen, stelle Fragen und schaue anschließend, ob wir überhaupt zueinander passen.

Verrücktes Konzept eigentlich. Ein Bewerbungsgespräch nicht als Prüfung zu betrachten, bei der auf der einen Seite die Erwachsenen sitzen und auf der anderen ich. Sondern als Gespräch. Zwischen Menschen. Vielleicht wollen die mich. Vielleicht will ich da arbeiten. Vielleicht auch nicht. Aber dann war ich halt da. Ich könnte Projekte anfangen, weil ich Bock darauf habe. Texte schreiben, weil mir etwas durch den Kopf geht. Fotos machen, weil mich etwas interessiert. Irgendwohin fahren, weil ich wissen will, wie es dort ist. Dieses. Jenes. Einfach so einen Bums. Nicht alles müsste sofort einen Sinn ergeben. Nicht jede Entscheidung müsste Teil irgendeines genialen Masterplans sein. Nicht aus allem müsste ein Geschäftsmodell, ein Ziel oder eine persönliche Weiterentwicklung werden. Vielleicht darf das auch einfach nur Spaß machen. Und ich merke gerade, wie ungewohnt dieser Gedanke für mich ist.

Ich habe lange genug ziemlich viele Dinge mit einem inneren Taschenrechner gemacht. Was bringt mir das? Ist das vernünftig? Lohnt sich das? Was denken andere? Was, wenn es schiefgeht? Vielleicht nehme ich diesen Taschenrechner für sechs Monate einfach mal aus der Hand. Nicht komplett. Ich bin 45. Aber vielleicht muss Vernunft nicht jedes verdammte Treffen leiten. Vielleicht darf Spaß auch mal mit am Tisch sitzen. Und vielleicht ist genau das dieser größenwahnsinnige Glaube an sich selbst, von dem der Typ gesprochen hat. Nicht zu denken: Ich werde alles schaffen. Sondern: Ich darf alles versuchen.

Na gut. Es ist mittlerweile 18:00 Uhr. Der Tag heute ist gelutscht. Ich hab auch keinen Bock mehr. Müde bin ich auch. Und mir fehlt was Cooles zu trinken und Musik. Morgen. Morgen geht es los. Einfach so. Aus Spaß. Und vielleicht dreh ich Videos darüber. Auch einfach aus Spaß. Jeden Tag zehn Reels.

Warum eigentlich nicht? Einfach aus Spaß!