Milchglas
Es rasen die Zeiger der Uhr. Draußen fahren die Erntemaschinen über die Dorfstraßen. Mähdrescher, so groß, dass man sich bei Gegenverkehr kurz überlegen muss, ob der Straßengraben nicht vielleicht doch ganz gemütlich aussieht. Dahinter Traktoren mit Anhängern. Voll mit Korn. Für Brot. Für Kuchen. Für Nudeln. Für Tierfutter. Für Dinge, über die man sich beim Frühstück normalerweise keine großen Gedanken macht, solange das Brötchen da liegt und niemand erwartet, dass man selbst vorher einen Hektar aberntet. Bis der Mais dran ist, dauert es noch ein paar Wochen. Gerade bleiben Stoppeln, Reifenspuren und der Geruch nach Erde, Staub und Spätsommer. Wenn die Sonne langsam im Westen verschwindet, wird es ruhiger. Die Maschinen fahren zurück auf die Höfe. Ab nach Hause. Die Straßen werden wieder breiter. Zumindest gefühlt. Und manchmal kann man auf den abgeernteten Feldern Füchse sehen. Früher waren es mehr. Ich glaube, es sind weniger geworden. Vielleicht sind sie auch nur vorsichtiger. Vielleicht bin ich seltener draußen. Oder ich schaue nicht mehr richtig hin. Mit Gewissheit kann ich dazu nichts sagen. Ich habe keine Fuchsstatistik geführt. Keine Tabellen angelegt. Keine nächtlichen Zählungen veranstaltet. Es ist nur so ein Gefühl. Egal. Die Abende werden langsam kürzer. Die Nächte länger. Der Sommer macht zwar noch keine Anstalten zu verschwinden, aber er räumt schon mal ein bisschen auf. Und irgendwo zwischen Mähdreschern, Stoppelfeldern und dem Licht, das abends inzwischen ein paar Minuten früher aus den Straßen verschwindet, ist mir aufgefallen, dass ich etwas ziemlich lange vergessen hatte. Die Musik.
Mareike hat mir gestern Songs geschickt. Nicht einen. Einen nach dem anderen. 100 Kilo Herz. Drei Meter Feldweg. Broilers. Madsen. Liedfett. Feine Sahne Fischfilet. Gitarren. Trompeten. Stimmen, die nicht höflich fragen, ob sie kurz stören dürfen. Musik mit Schrammen. Musik, die nach draußen will. Musik, die nicht im Hintergrund steht und darauf wartet, dass jemand sie bemerkt. Macht sie nicht. Sie scheißt drauf. Sie macht einfach. Und ich habe daraus eine Playlist gemacht. „Mit Mund abwischen“ habe ich sie genannt. Das ist ein kleiner Insider. Den muss auch nicht jeder verstehen. Gestern Abend bin ich mit dieser Playlist spazieren gegangen. Einige Songs kannte ich noch von früher. Nicht unbedingt Wort für Wort. Aber mein Körper kannte sie offenbar noch. Der erkannte manche Stellen schneller als mein Kopf. Ein Gitarrenriff, ein Trompeteneinsatz, eine Stimme und plötzlich war da wieder etwas Vertrautes. Wie ein Mensch, den man seit Jahren nicht gesehen hat und bei dem man trotzdem sofort weiß, wie er seinen Kaffee trinkt.
Krass. Früher war Musik wichtig für mich. Richtig wichtig. Ich stand stundenlang in Plattenläden. Vor diesen Regalen mit CDs, deren Sortierung vermutlich nur von Menschen verstanden wurde, die dort seit 1987 arbeiteten. Ich zog Hüllen heraus, las Titel, schaute mir Cover an, hörte in Alben rein und versuchte anhand von dreißig Sekunden herauszufinden, ob diese Musik mein Leben verändern oder mich nur 29,99 Mark kosten würde. Manches fand ich scheiße. Manches fand ich sofort großartig. Und bei manchen CDs wusste ich es nicht. Die nahm ich trotzdem mit. Aus Hoffnung. Oder weil das Cover gut war. Oder weil der Typ hinter der Theke gesagt hatte, das müsse man gehört haben. Menschen hinter Plattenladentheken hatten damals eine Autorität, die heute vermutlich nur noch Apotheker und Bahnkontrolleure besitzen. Dann stand man da und musste sich entscheiden. Single oder Album. Auf der Single war der Song, den man mochte. In fünf Versionen. Glaub ich. Auf dem Album waren zusätzlich elf Lieder, von denen man neun noch gar nicht kannte und zwei vermutlich nie mögen würde. Ich nahm meistens das Album. Man wollte schließlich die Band unterstützen. Die Musiker. Die Plattenfirma. Den Einzelhandel. Den Mann hinter der Theke mit dem ungewaschenen Pullover. Irgendwie alle. Nee. War gelogen. Am Ende war das nur für mich. Und dann?
Dann wurde Musik leiser. Nicht plötzlich. So etwas passiert selten plötzlich. Es gibt ja keinen Morgen, an dem man aufwacht und beschließt, einen Teil von sich ab heute nicht mehr zu brauchen. Man unterschreibt dafür keinen Vertrag. Man gibt nichts ab. Es gibt keine Quittung. Es passiert einfach. So nebenbei. Am Anfang waren da Menschen, die nicht mochten, was ich hörte. Also drehte ich die Musik leiser. Nicht immer. Nicht bewusst. Nur ein bisschen. Dann vielleicht noch ein bisschen. Irgendwann war sie aus. Und wenn etwas lange genug leiser wird, wird es irgendwann auch in einem selbst stiller.
Man gewöhnt sich daran.
Das ist vermutlich eine der gefährlichsten Fähigkeiten des Menschen. Wir können uns an fast alles gewöhnen. An Lärm. An Stille. An schlechte Matratzen. An Menschen, bei denen wir vorsichtiger sprechen. An Tage, in denen etwas fehlt, ohne dass wir genau sagen könnten, was. Und scheiße, irgendwann denkt man, es sei eben so. Man brauche das nicht mehr. Die Musik nicht. Das Tanzen nicht. Die Lautstärke nicht. Diese eine bestimmte Art von Freude, die keinen vernünftigen Anlass benötigt.
Aber das stimmt nicht.
Die Dinge, die uns fehlen, verschwinden nicht einfach. Sie liegen nur irgendwo herum. Unter Terminen. Unter Rücksicht. Unter Alltag. Unter all den Entscheidungen, die beschissen vernünftig aussehen und einen trotzdem Stück für Stück von sich selbst entfernen können. Und dann, schleichend und maximal scheiße legt sich etwas über das eigene Leben. Kein großer Schatten. Eher ein Schleier. Die Welt ist noch da. Die Farben auch. Die Menschen. Die Straßen. Die Felder. Der Kaffee am Morgen. Alles sieht aus wie vorher. Nur etwas trüber. Und weil es langsam passiert, merkt man es nicht. Man läuft weiter. Man erledigt Dinge. Man antwortet auf Nachrichten. Man kauft ein. Man funktioniert. Man glaubt, alles sei in Ordnung, weil nichts offensichtlich kaputt ist. Und irgendwann fällt einem einfach so auf, dass man aufgehört hat zu tanzen. Nicht sinnbildlich. Echt jetzt. Man tanzt nicht mehr.
Gestern habe ich wieder getanzt. Draußen. Auf der Straße. Beim Spazierengehen. Nicht besonders gut. Das sollte der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Es war weniger professionelles Tanzen als eine Mischung aus Wechselschritt, Vorwärtsbewegung und dem Versuch, dabei nicht in einen Graben zu geraten. Aber scheißegal, ich habe getanzt.
Trompeten im Ohr. Gitarren irgendwo zwischen Brustkorb und Kehle. Ska-Punk. Sommerabend. Sonne. Frische Luft. Die Hände nicht in den Taschen. Ein Schritt. Noch einer. Dann zwei zur Seite. Ein bisschen hüpfen. Ein bisschen laufen. Ein bisschen so tun, als sei die Dorfstraße gerade keine Dorfstraße, sondern die Hauptbühne eines Festivals, bei dem der Headliner erstaunlicherweise nur aus mir besteht. Ein paar Autofahrer haben natürlich geguckt. Manche haben gelacht. Vielleicht haben sie mich ausgelacht. Ist mir scheißegal. Vielleicht haben sie auch einfach gelacht, weil da jemand auf nem Bürgersteig getanzt hat. Das passiert hier nicht ständig. Normalerweise stehen Menschen am Straßenrand und beurteilen die Verkehrsentwicklung.
Ich jedenfalls musste ebenfalls lachen. Nicht, weil etwas besonders lustig gewesen wäre. Sondern weil es sich gut anfühlte. Leicht. Vertraut. Wie etwas, das lange weg war, obwohl es die ganze Zeit noch irgendwo in mir gesteckt hatte. Und während ich dort lief und tanzte, dachte ich an Mareike. Daran, dass sie wahrscheinlich einfach ein paar Songs verschickt hatte. Ohne großen Plan. Ohne pädagogisches Konzept. Das könnte sie definitv. Ohne zu wissen, was sie damit auslöst. Sie hat nicht gesagt, dass ich wieder mehr Musik hören soll. Sie hat nicht gefragt, wann ich eigentlich aufgehört habe zu tanzen. Sie hat nichts analysiert, nichts erklärt und schon gar keinen klugen Satz über Lebensfreude daruntergeschrieben. Sie hat einfach Musik geschickt.
Einen Song nach dem anderen. Und vielleicht war genau das genug. Manchmal braucht es keinen Menschen, der einen rettet. Das wäre ohnehin eine ziemlich große Aufgabe für einen Dienstagabend. Manchmal reicht jemand, der einem etwas gibt, das man irgendwann aus der Hand gelegt hat. Einen Song. Eine Erinnerung. Ein Gefühl. Mareike hat, ohne es zu wissen, einen Lappen genommen und eine Scheibe sauber gewischt, von der ich gar nicht bemerkt hatte, wie vergilbt sie inzwischen war.
Die Welt dahinter war die ganze Zeit noch da. Die Felder. Die Sonne. Die Straße. Die Füchse vielleicht. Und irgendwo dazwischen auch ich. Mit Trompeten im Ohr. Gitarren im Herzen. Und den Händen endlich wieder raus aus den Taschen. Geil. Echt jetzt.