Bier. Vans. Glück.
Der 28. November steht im Kalender. Dick und fett. Hi! Spencer. Bremen. Ja. Noch Monate hin. Weiß ich. Eigentlich vollkommen bescheuert, sich jetzt schon darauf zu freuen. Vernünftige Menschen würden vermutlich sagen, man solle erst einmal abwarten. Bis November könne schließlich noch einiges passieren. Wetter. Termine. Bahnstreiks. Weltuntergang. Die Deutsche Bahn braucht für eine Katastrophe bekanntlich nicht mal einen besonderen Anlass. Meistens reicht der Herbst, Sonne oder Schnee. Mir egal. Ich freue mich jetzt. Nicht erst am 28. November, wenn das Licht ausgeht, die ersten Gitarren einsetzen und irgendwo zwischen Bühne, Bierbechern und viel zu vielen Jacken plötzlich alles genau richtig ist. Nicht erst, wenn die ersten Takte von „Tel Aviv“ laufen und dieser eine Song für ein paar Minuten mehr Ordnung in meinem Kopf schafft als sämtliche vernünftigen Pläne der vergangenen Jahre. Hat er die letzten Tage. Ohne scheiß. Aber gut. Ich freue mich heute. Und morgen wahrscheinlich auch. Und übermorgen.
Vorfreude wird oft behandelt wie der kleine, etwas peinliche Bruder des eigentlichen Erlebnisses. Als würde sie nur im Vorraum sitzen und warten, bis endlich etwas Geiles passiert. Dabei ist sie längst mittendrin. Vorfreude verändert einen ganz normalen Dienstag. Man hat ja ein Datum. Ein Ziel. Eine Richtung. Ein Abend in Bremen, der noch nicht passiert ist und trotzdem schon jetzt irgendwo im Hintergrund läuft. Wie ein Song, den man leise hört, obwohl die Boxen noch gar nicht an sind. Ohrwurm, sagt man, glaub ich. Ich mag das. Ich mag es, mich auf Musik zu freuen. Auf den Moment, in dem der Raum dunkel wird. Auf Stimmen. Auf Schweiß. Auf einen Refrain, den plötzlich Hunderte Menschen gleichzeitig singen, obwohl wahrscheinlich jeder von ihnen mit etwas völlig anderem dort angekommen ist. Der eine hatte eine beschissene Woche. Die andere Liebeskummer. Jemand hat gerade einen neuen Job angefangen. Oder einen verloren. Jemand hat vielleicht sogar überhaupt keinen Plan, wie es weitergeht.
Und dann stehen sie da. Gemeinsam. Mit Bier in der Hand. In alten Jeans, die längst nicht mehr lässig verschlissen, sondern einfach nur verschlissen sind. Vans an den Füßen. Vielleicht etwas zu alt für die erste Reihe, aber ganz sicher zu jung, um nur hinten herumzustehen und vernünftig mit dem Kopf zu nicken. Also tanzen. Jaaa. Tanzen. Nicht gut. Darum geht es nicht. Einfach bewegen, springen, Bier verschütten, zu laut mitsingen und so tun, als wäre man für zwei Stunden nicht verantwortlich für Steuererklärungen, Termine, unbeantwortete Nachrichten und den ganzen anderen Erwachsenenkram, den offenbar irgendjemand mal erfunden hat, um uns von Konzerten fernzuhalten. Ich habe Bock darauf. Auf verrückte Scheiße. Auf Abende, die am nächsten Morgen vielleicht ein bisschen in den Knochen sitzen. Auf Geschichten, bei denen man später nicht genau weiß, ob sie wirklich so passiert sind oder ob das dritte Bier irgendwie nachgeholfen hat.
Auf peinlich sein. Richtig peinlich. Zu laut lachen. Falsch tanzen. Einen Song mitgrölen, obwohl man an einer Stelle den Text nicht kennt und deshalb einfach irgendeinen überzeugenden Laut produziert. Fotos machen, auf denen man scheiße aussieht. Aber auf keinen Fall das Konzert mit dem beschissenen Smartphone filmen. Selbst sehen. Selbst erlegen. Erinnerung schaffen und Momente sammeln.
Noch gar nicht lange her, da hätte ich vermutlich darüber nachgedacht, was andere Menschen davon halten. Heute denke ich mir, wenn man etwas macht, das einen wirklich glücklich macht, sieht es für Menschen, die gerade nur zuschauen, manchmal eben peinlich aus. Dann ist das so. Vielleicht ist peinlich gar nicht das Gegenteil von würdevoll. Vielleicht ist es manchmal nur das Gegenteil von kontrolliert. Und Kontrolle wird ohnehin überschätzt. Wer auf einem Konzert die ganze Zeit darauf achtet, wie er wirkt, kann auch direkt zu Hause bleiben, sich ordentlich auf das Sofa setzen und dort kontrolliert ein Glas stilles Wasser trinken.
Kann man machen. Ist dann nur kein besonders guter Abend. Musik kann etwas, das nur wenige Dinge können. Sie löst nicht alles. Aber sie bringt den Körper wieder dazu, sich zu bewegen, obwohl der Kopf noch irgendwo festhängt. Sie macht aus fremden Menschen für einen Abend eine verdammt laute Gemeinschaft. Sie trägt einen manchmal ein paar Meter weiter.
Vorfreude kann das auch. Sie macht aus einem Datum einen kleinen Rettungsring im Kalender. Jetzt echt nicht so dramatisch. Einfach etwas, worauf man zusteuert. Und es ist ja längst nicht nur das Konzert. Ich freue mich auf gutes Essen vorher. Auf einen Tisch, an dem die richtigen Menschen sitzen. Auf Bier, Wein, Pommes, Pizza oder irgendetwas, das nachts um halb eins plötzlich schmeckt, als hätte ein Sternekoch persönlich beschlossen, einem das Leben zu retten. Ich freue mich auf Gespräche, die 100% nicht mehr vernünftig sind. Auf dieses eine Lachen, bei dem man kurz vergisst, wie viel Scheiße eigentlich noch ungeklärt ist.
Ich freue mich auf Menschen, die mir mittlerweile von Bedeutung sind. Nicht, weil sie mein Leben retten sollen. Das ist ein beschissener Job und außerdem eine Zumutung für jeden Menschen. Sondern weil manche Menschen einen Raum verändern, sobald sie ihn betreten. Weil ein Abend mit ihnen mehr sein kann als nur ein Abend. Weil man bei manchen Menschen nicht ständig überlegen muss, ob man gerade zu laut, zu direkt, zu viel, zu peinlich oder irgendwie falsch ist. Man ist einfach da. Mit verschlissener Jeans. Mit Vans. Mit Bier. Mit ziemlich schlechten Tanzbewegungen. Mit verrückten Ideen. Mit allem, was man ist. Das reicht. Und vielleicht ist genau das Vorfreude.
Nicht nur die Hoffnung, dass später etwas Schönes passiert. Sondern der Beweis, dass man wieder an ein Später glaubt. Dass man wieder Termine macht. Karten kauft. Tische reserviert. Nee, das nicht. Aber das man Songs hört und sich dabei ausmalt, wie es sein wird, wenn sie live gespielt werden. Dass man Menschen vermisst, obwohl man sie bald wiedersehen wird. Dass man morgens aufsteht und weiß, da kommt noch was.
Das ist nicht wenig. Es gab ja Zeiten, da war Zukunft für mich kein Ort, auf den ich mich gefreut habe. Eher etwas, das irgendwie erledigt werden musste. Tage kamen. Tage gingen. Funktionieren. Durchhalten. Kaffee. Noch ein Tag. Noch einer. Jetzt steht da Bremen im Kalender. Der 28. November. Hi! Spencer. „Tel Aviv“. Hörst du noch seinen Namen und weißt du noch, wie er rief? Er rief, das Leben ist so kurz, steh bitte auf nach jedem Sturz. Vergib schnell, küsse langsam, mein Freund. Musik. Bier. Essen. Menschen, die wichtig sind. Alte Jeans. Vans. Tanzen. Verrückte Scheiße. Sich zum Horst machen und irgendwann merken, dass genau das vielleicht Glück ist.
Nicht schön aussehen. Nicht alles im Griff haben. Nicht vernünftig sein. Da sein. Und natürlich ist bis dahin noch Zeit. Zum Glück. Denn Vorfreude ist nicht das Warten auf das Leben. Sie ist längst ein Teil davon. Der 28. November kommt früh genug. Bis dahin drehe ich die Musik auf.