Acht Minuten.
Ich sitze am Bahnhof. Es ist kalt. Eine Stunde 35 Minuten. Ungefähr. Wolken ziehen über mir hinweg. Helle Wolken. Dunkle Wolken. Dazwischen blau, weil das Sonnenlicht auf die Moleküle unserer Atmosphäre trifft und dabei gestreut wird. Eigentlich ist das Sonnenlicht weiß. Doch in unserer Atmosphäre wird das kurzwellige blaue Licht besonders stark in alle Richtungen gestreut. Deshalb erscheint uns der Himmel blau, obwohl er selbst gar keine Farbe hat. Verrückt. Nachts fehlt das Sonnenlicht. Und wir blicken zu den Sternen. Dabei sind die Sterne die ganze Zeit da. Immer. Wir können sie nur nicht sehen. Und wenn wir sie sehen, gucken wir in die Vergangenheit. Jedes Mal. Das Licht mancher Sterne braucht Jahre, Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende, um uns zu erreichen. Wir sehen sie also nicht, wie sie heute sind, sondern wie sie einmal waren. Und einige dieser Sterne, gibt es vielleicht längst nicht mehr. Und jetzt kommt etwas, das mich gerade ziemlich beschäftigt.
Wir bestehen aus denselben Elementen wie das Universum. Der Wasserstoff in unserem Körper entstand größtenteils kurz nach dem Urknall. Jedenfalls gehen wir davon aus. Vor ungefähr 13,8 Milliarden Jahren. Andere Elemente, wie Kohlenstoff, Sauerstoff und Eisen, entstanden in Sternen und bei gewaltigen kosmischen Ereignissen. Das Eisen in meinem Blut. Der Kohlenstoff in meinen Zellen. Der Sauerstoff, den ich gerade einatme. Alles hat eine Geschichte, die lange vor meiner eigenen angefangen hat. Vielleicht war eines der Atome, aus denen ich heute bestehe, irgendwann einmal Teil einer Eiche. Vielleicht Teil eines Dinosauriers. Vielleicht schwamm es vor Millionen Jahren im Indischen Ozean. Vielleicht gehörte es sogar einmal zu einem anderen Menschen. Ich weiß es nicht. Aber theoretisch ist es möglich. Und irgendwann werde ich sterben. So wie jeder andere Mensch auch.
Dann wird mein Körper zerfallen. Stück für Stück. Atom um Atom. Die Verbindungen zwischen diesen werden sich wieder lösen. Ein Teil wird gasförmig, ein anderer Teil sickert zurück in den Boden. Irgendwann werden einzelne Atome vielleicht wieder Bestandteil eines Baumes, einer Blume oder eines anderen Lebewesens sein. Was heute mein Körper heute ist, wird dann etwas anderes sein. Nein. Die Materie, die mich heute ausmacht verschwindet nicht einfach. Sie verändert ihre Form.
Und ich? Ich sitze hier am Bahnhof. Mir ist kalt. Ich mache mir Gedanken über mein Leben, über Dinge, die schiefgelaufen sind, über Dinge, die ich verloren habe, und darüber, was aus mir werden soll. Dabei besteht mein Körper aus Materie, die Milliarden Jahre alt ist. Materie, die bereits unvorstellbar krass viele Veränderungen durchlaufen hat, bevor sie überhaupt ein Teil von mir wurde. Und ausgerechnet ich glaube manchmal, dass mein Leben so bleiben müsste, wie es gerade ist.
Was für ein bescheuerter Gedanke. Über mir ziehen die Wolken weiter. Die hellen und die dunklen. Keine bleibt für immer an derselben Stelle. Und in meinem Kopf ist es eigentlich genauso. Gedanken kommen. Gedanken gehen. Manche sind schön. Andere machen mir Angst. Aber nur weil ich etwas denke, muss es noch lange nicht wahr sein. Vielleicht bin ich viel zu lange davon ausgegangen, dass meine Gedanken beschreiben, wie mein Leben ist und wie es bleiben wird. Dabei beschreiben sie oft nur, wie ich es gerade sehe. Nicht mehr. Nicht weniger. Ich kann mir ein anderes Leben vorstellen. Ich kann es vor meinem inneren Auge sehen. Vielleicht ist es noch nicht Wirklichkeit. Vielleicht wird es auch anders aussehen, als ich es mir heute ausmale. Aber ich kann anfangen, darauf zuzugehen. Jetzt. Von nun an. Ich bin Teil einer Welt, in der sich seit Milliarden Jahren alles verändert. Sterne entstehen und vergehen. Aus ihrer Materie entstehen neue Sterne, Planeten und irgendwann sogar Menschen, die an Bahnhöfen sitzen und über Sterne nachdenken. Warum sollte ausgerechnet mein Leben von dieser Veränderung ausgenommen sein?
Ich schaue noch einmal nach oben. Die Wolken sind weitergezogen. Ein Stück blauer Himmel ist dazugekommen. Der Himmel hat sich nicht verändert. Nur das, was ich von ihm sehen kann. Und es ist nur Licht, das den Blick auf das, was dahinter liegt, verändert. Ich weiß, was dahinter liegt. Und ich weiß, dass es wahr ist. Jeder weiß das. Nur weil die Sonne hinter dichten Wolken liegt, heißt es nicht, dass sie nicht scheint. Und nur weil die dunklen Wolken am Himmel hängen, bedeutet das nicht, dass es regnen muss. Eine Stunde 27 Minuten. Ein Blick zur Sonne. Acht Minuten. Ich bin da. Ungefähr. Mir ist immer noch kalt.
