Eine ganz flotte Nummer.

Der Lautsprecher knackt. Kurz. Dieses Geräusch, bei dem man normalerweise erwartet, dass gleich jemand mit hörbarer Begeisterungslosigkeit erklärt, warum dieser Zug heute leider nur bis irgendwo fährt, wo eigentlich niemand wirklich hinwill. Nee. Diesmal nicht.

„Guten Morgen. Ich bin Ihr Zugbegleiter. Herzlich willkommen im RS 30 von Bremen nach Bad Zwischenahn.“

Die Stimme klingt verdächtig gut gelaunt. Der Mann neben mir schaut mich sogar seltsam an. Es ist nicht dieses berufliche Guten-Morgen, das eigentlich bedeutet, dass da jemand seit halb fünf wach ist und man froh sein darf, dass dieser jemand überhaupt noch vollständige Sätze bildet. Nein. Der Mann meint das ernst.

„Das wird heute eine ganz flotte Nummer. Versprochen. Wir halten in Delmenhorst, Hude, Oldenburg und brettern die restliche Strecke dazwischen mit 160 km/h durch. Zack. Sind wir da. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und jede Menge Gaudi.“

Ich muss lachen. Gaudi. Montagmorgen. Kurz nach acht. Regionalbahn zwischen Bremen und Bad Zwischenahn. Und irgendwo vorne sitzt oder steht ein Mann, der offenbar beschlossen hat, dass dieser Tag nicht mit dem üblichen Gesichtsausdruck einer Steuererklärung beginnen muss. Draußen scheint die Sonne. Der Himmel ist blau. Die Landschaft zieht am Fenster vorbei und ich denke darüber nach, wie positiv ein einzelner Mensch eigentlich sein kann. Und vor allem, was das mit anderen macht. Keine zehn Sekunden hat dieser Mann gesprochen. Er kennt mich nicht. Ich kenne ihn nicht. Ich hab ihn nicht gesehen. Er mich nicht. Und trotzdem hat er gerade meine Stimmung angehoben. Einfach so.

Vielleicht unterschätzen wir solche Sachen. Einen gut gelaunten Satz zum Beispiel. Oder ein Lächeln. Jemanden, der montagmorgens nicht so tut, als wäre allein die Tatsache, dass eine neue Woche begonnen hat, bereits ein mittelschwerer Schicksalsschlag. Ich nehme mein Handy aus der Tasche und öffne Instagram. Keine Ahnung warum. Vermutlich Muskelgedächtnis. Andere Menschen meditieren morgens, ich lasse mir von einem Algorithmus Dinge zeigen, nach denen ich nicht gefragt habe.

Diesmal bleibt mein Daumen allerdings ziemlich schnell ruhig. Da ist ein Beitrag. Einer dieser Beiträge, bei denen ich normalerweise inzwischen vorsichtig bin, weil im Internet krass viele Menschen wissen, wie mein Leben funktioniert, obwohl sie mich noch nie getroffen haben. Drei Slides gelesen und zack, Kindheit aufgearbeitet, Bindungsmuster erkannt, finanzielle Freiheit hergestellt. Nur die Spülmaschine räumt weiterhin niemand aus. Aber dieser Satz erwischt mich. Sinngemäß steht dort, dass sich etwas verändert, wenn man selbst anfängt, den eigenen Wert anzuerkennen. Wenn man sich nicht mehr permanent sabotiert. Wenn man aufhört, sich kleiner zu machen, als man ist. Wenn man beginnt, gut mit sich selbst umzugehen, verändern sich irgendwann auch die Dinge, die man zulässt. Die Menschen. Die Möglichkeiten. Das eigene Leben.

Ich lese es noch einmal. Und plötzlich frage ich mich, was hier eigentlich gerade abgeht. Hinter mir liegt eines der besten Wochenenden seit langer Zeit. Vielleicht sogar eines der besten überhaupt. Nicht, weil irgendetwas Spektakuläres passiert wäre. Keine Reise. Kein Fallschirmsprung. Kein Champagner auf irgendeiner Dachterrasse, auf der Menschen weiße Hemden tragen und aussehen, als hätten sie ihre Altersvorsorge verstanden. Nichts davon. Im Gegenteil. Ich war sogar ein bisschen krank. Husten. Hitzewallungen. Schlapp. Irgendwo zwischen Erkältung und dem medizinisch weiterhin unterschätzten Krankheitsbild Männergrippe. Ich wehre mich gegen diesen Begriff seit Jahren, aber wenn wir ehrlich sind, war ich mindestens zweimal kurz davor, mein Testament zu aktualisieren. Und trotzdem war dieses Wochenende großartig.

Vielleicht sogar gerade deshalb, weil nichts Großes passieren musste. Es gab Essen. Gespräche. Ruhe. Nähe. Alltag. Dieses vollkommen unspektakuläre Zusammensein, das auf keinem Reiseführer der Welt unter „Dinge, die man unbedingt erlebt haben muss“ auftauchen würde und trotzdem manchmal mehr mit einem macht als irgendein verdammter Sonnenuntergang auf Bali. Nicht, dass ich den schon mal erlebt hätte. Hab ich nicht. Ist auch egal. Ich musste nirgendwo hin. Nichts beweisen. Niemandem zeigen, dass es mir gut geht. Ich musste nicht besonders lustig sein, nicht interessant, nicht stark und auch nicht die Version von mir, von der ich glaube, dass andere Menschen sie gerade brauchen könnten. Ich war einfach da. Und es war gut. Vielleicht ist genau das der Punkt, denke ich, während der Zug Richtung Oldenburg fährt. Vielleicht besteht Selbstsabotage nämlich nicht nur aus den offensichtlich beschissenen Entscheidungen. Nicht nur daraus, Chancen abzulehnen oder sich Dinge nicht zuzutrauen. Vielleicht ist Selbstsabotage manchmal viel unscheinbarer.

Vielleicht ist es dieses ständige Misstrauen gegenüber dem Guten. Dieses innere: Kann das wirklich sein? Dieses Warten auf den Haken. Dieses vorsorgliche Kleinreden von Dingen, die eigentlich schön sind. Bloß nicht zu sehr freuen. Bloß nicht zu sicher fühlen. Bloß nicht glauben, dass etwas bleiben wird. Lieber schon mal gedanklich den Notausgang suchen, bevor überhaupt irgendjemand Feuer gerufen hat. Ich kenne das ziemlich gut. Wenn etwas schön ist, kann ich erstaunlich schnell Gründe finden, warum es vermutlich bald nicht mehr schön sein wird. Wenn jemand mich mag, kann ich mich fragen, wann dieser Mensch seine Meinung ändert. Wenn etwas funktioniert, suche ich vorsichtshalber nach dem Teil, das wahrscheinlich gleich kaputtgeht.

Das ist keine Bescheidenheit. Nee. Das ist anstrengend. Und vor allem verhindert es exakt gar nichts. Kein Verlust wird kleiner, nur weil man ihn vorher hundertmal im Kopf durchgespielt hat. Keine Enttäuschung tut weniger weh, weil man sich vorsorglich schon während der schönen Zeit Sorgen gemacht hat. Man bekommt für präventives Unglücklichsein am Ende keinen Bonuspunkt. Kein Sternchen ins Hausaufgabenheft. Man hat nur selbst viel weniger vom Guten gehabt. Vielleicht hat mich dieser Instagram-Beitrag deshalb erwischt. Nicht, weil irgendein fremder Mensch im Internet plötzlich mein Leben verstanden hätte. Sondern weil ich selbst in diesem Moment etwas verstanden habe.

Ich habe keine Lust mehr, gegen mein eigenes Leben zu arbeiten.

Keine Lust mehr, mich kleiner zu machen, damit bloß niemand denkt, ich hielte mich für etwas Besonderes. Keine Lust mehr, gute Dinge sofort auf ihre mögliche Haltbarkeit zu untersuchen. Keine Lust mehr, mich für Freude zu rechtfertigen, Nähe zu zerdenken oder bei jeder neuen Möglichkeit erst einmal eine interne Krisensitzung einzuberufen.

Alles darf auch einfach mal gut sein. Dieser Satz fühlt sich fast verboten an. Es darf gut sein. Nicht irgendwann, wenn alles geklärt ist. Nicht wenn die Wohnung da ist, der Kontostand stimmt, sämtliche offenen Fragen beantwortet wurden und irgendeine höhere Instanz mir schriftlich bestätigt hat, dass ich jetzt offiziell wieder am Leben teilnehmen darf.

Jetzt.

Mit Baustellen. Mit Unsicherheiten. Mit Husten. Mit Dingen, die ich noch nicht weiß. Mit einem Leben, das weiterhin nicht aussieht wie ein sauber ausgefüllter Fünfjahresplan. Aber eben auch mit Menschen, bei denen ich gerne bin. Mit Plänen, auf die ich mich freue. Mit Texten, die ich schreiben will. Mit Konzerten. Mit Zugfahrten. Mit Ideen. Mit diesem merkwürdigen Gefühl, dass gerade wieder verdammt viel möglich sein könnte, wenn ich nicht jedes Mal selbst im Weg stehen bleibe.

Der Zug fährt weiter. Delmenhorst. Hude. Oldenburg. Und während draußen die Sonne über die Felder fällt, denke ich noch einmal an den Mann aus dem Lautsprecher. An seine vollkommen unangemessen gute Laune für einen Montagmorgen. An seine 160 Kilometer pro Stunde. An sein „Zack. Sind wir da.“ Vielleicht brauche ich gerade gar keinen großen Lebensplan. Vielleicht reicht für den Anfang eine Entscheidung.

Schluss mit der Selbstsabotage. Schluss mit dem Kleinmachen. Schluss mit dem ständigen Warten darauf, dass irgendetwas schiefgeht. Der ganze Bums darf unterwegs passieren. Wenn etwas kommt, kümmere ich mich darum. Aber ich werde nicht mehr jeden guten Tag kaputtdenken, nur weil morgen etwas beschissenes passieren könnte. Vielleicht ist das gerade mein größtes Problem gewesen. Dass ich immer schon drei Bahnhöfe weiter war. Bei dem, was passieren könnte. Bei dem, was schiefgehen könnte. Bei Menschen, die irgendwann vielleicht gehen könnten. Während das Leben, um das es eigentlich ging, längst direkt neben mir saß.

Also gut. Montag. Kurz nach acht. Sonne. Oldenburg ist gleich da. Ein großartiges Wochenende hinter mir und keine Ahnung, was als Nächstes kommt. Muss ich auch nicht. Der Lautsprecher knackt noch einmal. Ich muss grinsen. Ganz flotte Nummer. Zack. Sind wir da. Ausstieg in Fahrtrichtung links.