Einfach Leben
Es war ein besonderer Samstag. In der Nähe von Langwedel lag Nebel über den Wiesen. Nicht dieser dramatische Nebel, bei dem man erwartet, dass gleich irgendein skandinavischer Kommissar aus nem Volvo steigt und eine Leiche untersucht. Nee. Einfach Nebel. Flach. Über dem Gras. Ruhig. Fast unbeweglich. Kühe standen da und machten das, was Kühe seit Jahrhunderten machen, wenn niemand sie dabei stört. Fressen. Gucken. Wieder fressen. Ein paar Rehe standen zwischen den Bäumen. Von der Alten Aller kamen Wildgänse, flogen eine Weile Richtung Norden und drehten dann irgendwann wieder um. Keine Ahnung warum. Vielleicht hatten sie etwas vergessen. Vielleicht waren sie sich mit dem Norden plötzlich auch nicht mehr so sicher. Kann passieren. Egal. Auf der Bremer Straße, die irgendwann zur Verdener Straße wird, war kaum Verkehr. Das fiel auf. An einem normalen Samstag fahren dort Autos. Viele Autos. Menschen müssen einkaufen, irgendwohin, irgendwen besuchen oder wenigstens so tun, als hätten sie einen vernünftigen Grund, gerade unterwegs zu sein. An diesem Morgen war das anders. Fast nichts. Feiertag. Deshalb würde auch niemand um halb neun den Rasenmäher anschmeißen. Niemand würde mit seinem Audi A-Irgendwas an der Waschstraße stehen und mit diesem leicht angespannten Gesichtsausdruck darauf warten, endlich an der Reihe zu sein, damit das Auto anschließend für ungefähr elf Minuten sauber bleibt. Und vermutlich schlief sogar die Kassiererin vom Penny noch. Ich gönnte es ihr. Ich stand währenddessen irgendwo zwischen Wiesen, Bäumen und Fluss. Kein besonderer Ort. Kein Aussichtspunkt. Kein Schild mit „Sehenswürdigkeit“ drauf. Nichts, wofür jemand drei Stunden Autofahrt in Kauf nehmen und anschließend bei Google fünf Sterne vergeben würde. Einfach Landschaft. Und Ruhe.
Der Nebel zog langsam übers Gras. Die Luft war feucht und kühl. Vom Wasser kam dieser Geruch, den ich nicht vernünftig beschreiben kann. Erde vielleicht. Wasser. Pflanzen. Herbst. Irgendwas dazwischen. Meine VANS waren inzwischen nass. Erst nur außen, dann irgendwann so, dass man langsam merkte, wie die Feuchtigkeit durch den Stoff kam und sich an die Füße heranschlich. Früher wäre das der Moment, an dem mich so etwas nervt. Nasse Schuhe sind schließlich keine poetische Erfahrung. Nasse Schuhe sind einfach nasse Schuhe. Und irgendwie auch scheiße. Aber da? An diesem Morgen? Da war es mir egal. Komplett. Und erstaunlich, erstaunlich, es fühlte sich genau so gut an. Ich stand da und merkte, wie diese Ruhe nicht mehr nur um mich herum war. Sie kam langsam auch im Kopf an. Und das war vielleicht das Ungewöhnlichste an diesem Samstag. Da war für ein paar Minuten nichts, was dringend sortiert werden musste. Kein gestern. Kein morgen. Kein „Wie geht es weiter?“. Kein „Was musst du noch?“. Kein „Was wäre, wenn?“. Nicht einmal dieses ewige innere Gespräch, bei dem irgendein Teil des Gehirns ständig glaubt, er müsse Sitzungen einberufen, obwohl niemand darum gebeten hat.
Einfach Ruhe.
Ich wollte nirgendwo hin. Ich musste nichts erledigen, nichts beantworten, nichts klären und auch nichts verstehen. Ich musste aus diesem Augenblick nichts machen. Kein Foto mit Bedeutung. Keine Erkenntnis. Keinen Plan. Ich musste nicht überlegen, ob das gerade gut für mich war und warum. Es war einfach gut. Das müsste eigentlich reichen. Ich stellte meinen Verstand für eine Weile auf Flugmodus und sah mich um. Wirklich hin. Nicht dieses Gucken, das man inzwischen perfektioniert hat, während man gleichzeitig über drei andere Dinge nachdenkt. Ich sah auf die Wiese. Auf die Bäume. Auf den Nebel. Auf die Gänse. Auf das Wasser irgendwo hinter dem Gras. Und irgendwann kam mir dieser Satz in den Kopf.
„Hier ist überhaupt nichts los.“
So ein Satz, den Menschen gerne über Gegenden wie diese sagen. Hier ist nichts. Langweilig. Man kann nichts machen. Keine Innenstadt. Kein Kino. Keine Pommes. Kein Laden, in dem ein Kaffee sechs Euro kostet und irgendein Mensch dir erst mal erklärt, welche Hafermilch sie benutzen. Keine Attraktion. Kein Programm. Kein Grund, aufgeregt zu sein. Nur Wiesen. Nur Wasser. Nur Tiere. Nur Nebel. Und genau da merkte ich, wie bescheuert dieser Satz eigentlich ist.
Hier war nämlich eine ganze Menge los.

Die Gänse flogen über den Fluss und entschieden sich offenbar unterwegs noch einmal um. Die Rehe bewegten sich zwischen den Bäumen. Der Nebel wanderte langsam über die Weite. Irgendwo floss Wasser. Gras war nass. Blätter bewegten sich. Kühe kauten mit einer Ruhe vor sich hin, für die andere Menschen wahrscheinlich drei Wochen Retreat buchen würden, inklusive Klangschale und irgendeinem Mann namens Juan, der erklärt, man müsse wieder lernen, bei sich anzukommen. Die Kühe waren längst da.
Vielleicht ist das unser Problem. Vielleicht glauben wir inzwischen, dass nur dann etwas passiert, wenn es laut ist. Wenn irgendwo Menschen stehen. Wenn Musik läuft. Wenn das Handy vibriert. Wenn etwas geplant wurde. Wenn etwas Geld kostet. Wenn man später erzählen kann, was man gemacht hat. Wenn ein Termin im Kalender steht und man anschließend das Gefühl hat, den Tag vernünftig genutzt zu haben. Wir haben uns daran gewöhnt, Leben mit Beschäftigung zu verwechseln. Ein freier Nachmittag braucht plötzlich ein Programm. Ein Wochenende eine Unternehmung. Ein Spaziergang Schritte. Ein Lauf Kilometer. Ein Essen ein Foto. Ein Urlaub Beweise. Und wenn einfach mal nichts davon passiert, wenn niemand etwas von uns will und nichts blinkt, klingelt oder dringend erledigt werden muss, entsteht erstaunlich schnell dieses Gefühl, hier ist nichts los.
Vielleicht halten wir Ruhe inzwischen einfach nicht mehr besonders gut aus. Vielleicht macht sie uns sogar nervös, weil plötzlich nichts mehr zwischen uns und dem eigenen Kopf steht. Kein Termin. Kein Geräusch. Kein Bildschirm. Kein nächstes Ding.
Nur man selbst.
Kann unangenehm sein. Kann aber auch verdammt geil sein. Ich stand noch eine Weile da. Die Schuhe nass. Die Hände kalt. Irgendwo vor mir die Alte Aller. Es passierte nichts Spektakuläres. Niemand kam vorbei. Niemand sagte etwas. Es gab keinen besonderen Moment, den man später groß erzählen müsste. Und trotzdem war da alles. Bewegung. Geräusche. Gerüche. Licht. Tiere. Wasser. Zeit. Vielleicht ist „Hier ist überhaupt nichts los“ deshalb einer dieser Sätze, die weniger über einen Ort erzählen als über uns selbst.
Denn nichts war dort nicht. Es war nur leise. Und vielleicht ist das manchmal genau der Unterschied. Das hier hieß nicht Veranstaltung. Es hieß einfach Leben.
Und als ich zurück kam, stand da jemand mit einem heißen Kaffee für mich in der Hand:
„Na? Hast du alles gesehen.“
Ich lachte. „Ja. Alles.“
