Der Weg nach unten.
Ich erinnere mich noch ziemlich genau daran, wie einmal jemand zu mir sagte, dass alles Schöne endlich sein müsse. Ich weiß sogar noch, wer es war. Wo wir waren. Wie dieser Satz fiel. Wahrscheinlich habe ich damals genickt, weil man bei solchen Sätzen eben nickt. Sie klingen richtig. Nach einer dieser Wahrheiten, die Menschen schon so oft ausgesprochen haben, dass niemand mehr fragt, ob sie eigentlich stimmen. Ein anderer Mensch sagte irgendwann zu mir, man müsse gehen, bevor man gegangen wird. An den Menschen erinnere ich mich nicht mehr. Nur an den Satz. Verrückt eigentlich. Menschen verschwinden manchmal aus unserem Leben und lassen ein paar Wörter zurück, die länger bleiben als sie selbst. Lange habe ich beide Sätze nicht wirklich verstanden. Vielleicht verstehe ich sie auch heute noch nicht. Vielleicht bilde ich mir das nur ein.
Aber ich denke in letzter Zeit öfter an Berge. Jeder Berg hat einen Gipfel. Oben. Natürlich oben. Das ist schließlich der ganze verdammte Sinn der Sache. Man steht irgendwann unten, schaut nach oben und läuft los. Erst ist der Weg noch einfach. Dann wird er steiler. Die Beine werden schwer. Das Atmen lauter. Die Schritte kleiner. Man guckt irgendwann nicht mehr ständig nach oben, sondern nur noch auf die nächsten Meter vor den eigenen Füßen. Die Hände auf den Knien. Als würde das helfen. Einen Schritt. Noch einen. Weiter. Und dann? Dann steht man oben. Plötzlich ist da nichts mehr, was höher liegt. Kein weiterer Anstieg. Kein nächster Meter, den man sich erarbeiten muss. Man steht einfach da. Vielleicht geht gerade die Sonne auf. Vielleicht ist es noch kalt. Die Luft riecht anders als unten. Und irgendwo zwischen den Bergen hängt der letzte Nebel des Morgens. Man sieht Wege, Wälder, Baumspitzen und Orte, die von dort oben plötzlich lächerlich klein aussehen. Dinge, die unten wichtig erschienen, verlieren für einen Moment ihren Wert. Und dann steht man da oben und macht was, dass Menschen richtig gut können. Man vergisst, dass man wieder runter muss.
Für einen Moment glaubt man vielleicht sogar, dieser Gipfel sei ein Ort, an dem man bleiben könnte. Weil es gerade schön ist. Weil man lange unterwegs war. Weil man angekommen ist. Oder glaubt, angekommen zu sein. Weil die Aussicht stimmt und die Welt für einen Augenblick nicht nach einem weiteren verfickten Plan schreit. Man möchte diesen Moment festhalten. Noch fünf Minuten. Noch einmal gucken. Noch ein Foto. Noch ein bisschen bleiben. Und natürlich darf man das. Vielleicht sollte man das sogar. Aber der Abstieg kommt doch. Immer. Nicht, weil der Gipfel plötzlich weniger schön geworden wäre. Nicht, weil die Aussicht schlechter ist. Nicht, weil irgendetwas passiert sein muss. Sondern weil Gipfel keine Orte zum Bleiben sind.
Vielleicht ist das mit manchen Momenten genauso. Mit Nachmittagen. Mit Nächten. Mit Reisen. Vielleicht sogar mit Menschen. Es gibt diese seltenen Augenblicke, in denen man nichts verbessern möchte. Nichts hinzufügen. Nichts erklären. Man sitzt irgendwo und weiß für ein paar Sekunden ziemlich genau, dass man gerade etwas erlebt, an das man sich später erinnern wird. Und genau dann möchte man natürlich nicht gehen. Warum auch? Aber der Punkt kommt. Immer.
Ich habe diesen Satz früher nie wirklich verstanden. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Ich hielt ihn für eine dieser bescheuerten Regeln, die Erwachsene einfach erfunden haben, vermutlich gemeinsam mit „Vorfreude ist die schönste Freude“ und der Behauptung, dass man von Zugluft krank wird. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht geht man nicht, weil etwas nicht mehr schön ist. Vielleicht geht man gerade deshalb, weil es schön war. Bevor aus Nähe Gewohnheit wird. Bevor aus Leichtigkeit Anstrengung wird. Bevor man anfängt, etwas festzuhalten, das längst begonnen hat, sich zu verändern. Vielleicht wartet man nicht darauf, dass die Musik zu Ende ist, das Licht angeht und irgendjemand anfängt, die leeren Gläser einzusammeln. Vielleicht nimmt man seine Jacke vorher. Seinen Rucksack. Seine Sachen. Nicht aus Angst. Nicht aus Wut. Und auch nicht, weil man weniger fühlt. Vielleicht gerade weil man viel fühlt. Zu viel. Dann geht man woanders hin und trägt das, was war noch in sich. Die Musik. Einen Blick. Ein Lachen. Einen Satz. Vielleicht eine Berührung. Einen Kuss. All diese kleinen Dinge, von denen man in dem Moment noch nicht weiß, welche davon später bleiben werden. Oder dürfen. Vielleicht bedeutet „gehen, wenn es am schönsten ist“ deshalb gar nicht, einen schönen Moment abzubrechen. Vielleicht bedeutet es, ihm kein anderes Ende aufzuzwingen. Man lässt ihn dort, wo er gut war.
Unbeschädigt.
Ich weiß nicht, ob das stimmt. Wirklich nicht. Vielleicht ist das auch nur eine ziemlich aufwendige Erklärung dafür, warum Abschiede manchmal leichter erscheinen, wenn man selbst entscheidet, wann sie stattfinden. Vielleicht sollte man manchmal bleiben. Vielleicht sollte man kämpfen. Vielleicht sollte man noch eine Stunde sitzen bleiben, noch einen Kaffee bestellen und einfach gucken, was passiert. Aber das könne Weh tun. Keine Ahnung. Ich habe keine Antwort darauf, die wirklich stimmt.
Ich weiß nur, dass jeder Berg einen Gipfel hat. Und dass man dort oben ruhig eine zeitlang stehen darf. Man darf die Aussicht genießen. Man darf tief einatmen. Man darf sich umsehen und für einen Moment vergessen, wie man überhaupt hierhergekommen ist. Man darf glücklich sein. Aber irgendwann dreht man sich um. Vor einem liegt derselbe Weg. Nur in die andere Richtung.
Und dann kommt der Abstieg. Man weiß, dass er kommt. Eigentlich wusste man es die ganze Zeit. Schon auf dem Weg nach oben. Vielleicht sogar in dem Moment, in dem man den ersten Schritt gemacht hat. Jeder Berg hat einen Gipfel. Und jeder Gipfel bedeutet, dass es von dort aus irgendwann nur noch in eine andere Richtung weitergeht. Trotzdem steht man oben und möchte bleiben. Nur noch ein bisschen. Man guckt in die Ferne. Hört nichts außer dem Wind. Und man versucht, sich alles zu merken. Das Licht. Die Luft. Die Ruhe. Dieses seltene Gefühl, für einen Moment genau dort zu sein, wo man sein möchte. Vielleicht bleibt man deshalb länger als man sollte. Weil man längst weiß, dass dies einer dieser Augenblicke ist, die schon beim Erleben anfangen, Erinnerung zu werden. Doch dann geht man. Nicht, weil man möchte. Nicht, weil es nicht mehr schön ist. Sondern obwohl es noch schön ist. Und vielleicht ist genau das so schwer. Zu gehen, bevor etwas kaputtgeht. Bevor aus einem schönen Moment ein anderer wird. Bevor man irgendwann zurück guckt und sich nicht mehr an den Gipfel erinnert, sondern nur noch daran, wie es dort oben langsam kälter wurde.
Der erste Schritt bergab fühlt sich falsch an. Der zweite auch. Und wahrscheinlich möchte man sich noch einmal umdrehen. Nur kurz. Noch einmal sehen, was man gerade zurücklässt. Vielleicht ist genau das der Moment, in dem man es nicht tun sollte. Nicht weil das, was hinter einem liegt, plötzlich unwichtig geworden wäre. Sondern weil es wichtig war. Weil es schön war. Weil man dort oben etwas hatte, von dem man gern geglaubt hätte, dass es so bleiben kann. Aber manche Dinge bleiben nicht. Egal, wie sehr man es möchte.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie einmal jemand zu mir sagte, dass alles Schöne endlich sein müsse. Damals mochte ich diesen Satz nicht. Heute mag ich ihn noch immer nicht. Aber ich verstehe ihn besser. Vielleicht weil ich inzwischen weiß, dass nicht alles erst kaputtgehen muss, bevor man es loslassen darf. Nicht jeder schöne Moment braucht ein hässliches Ende, damit man versteht, dass er vorbei ist. Nicht jede Nähe muss erst wehtun. Nicht jede Aussicht muss im Nebel verschwinden. Manchmal steht man noch immer auf diesem verdammten Gipfel. Die Sonne scheint. Die Aussicht ist dieselbe. Eigentlich gibt es keinen Grund zu gehen. Außer diesem leisen Wissen, dass man nicht für immer dort oben bleiben kann.
Und vielleicht ist genau das so schwer zu akzeptieren. Dass etwas schön sein kann und trotzdem endlich. Dass man etwas sehr wollen und trotzdem loslassen kann. Dass man gehen kann, ohne vorher einen Grund dafür finden zu müssen, warum Bleiben plötzlich falsch wäre. Man kann noch fünf Minuten bleiben. Oder zehn. Vielleicht eine Stunde. Man kann versuchen, sich das Licht zu merken. Den Wind. Die Luft. Die Aussicht. Man kann noch einmal tief einatmen und sich wünschen, dass dieser eine Augenblick einfach so bleibt, wie er ist.
Tut er aber nicht.
Man geht weiter. Vielleicht dreht man sich noch einmal um. Vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht einmal, was davon richtiger wäre. Vielleicht gibt es bei manchen Abschieden überhaupt kein richtig. Nur diesen einen Moment, in dem man merkt, dass Bleiben nichts mehr daran ändern würde, dass etwas zu Ende geht. Also geht man. Und hinter einem bleibt der Gipfel. Die Aussicht. Das Licht. Alles noch da. Nichts davon ist plötzlich kaputt. Nichts davon weniger schön. Nichts davon weniger wichtig, nur weil man weiter geht. Es ist nur mit jedem Schritt ein bisschen weiter weg. Vielleicht ist das alles, was Endlichkeit bedeutet.vNicht, dass etwas nicht mehr da ist.vSondern dass man selbst nicht mehr dort ist.
Und irgendwann dreht man sich nicht mehr um.
