Erntefest in Etelsen.
Die Straßen sind gesperrt. Nicht überall. Aber dort, wo später die Traktoren durchfahren sollen. Menschen stehen vor ihren Häusern. Sitzen auf Gartenstühlen am Straßenrand. Oder haben gleich ganze Tischgruppen nach draußen getragen. Kinder nutzen die Gelegenheit und machen das, was Kinder vermutlich immer machen würden, wenn Erwachsene ihnen häufiger die Straßen überlassen würden, sie nehmen sie einfach in Besitz. Sie fahren mit Rollern hin und her. Rennen über die roten und grauen Pflastersteine. Spielen Fangen und interessieren sich erstmal wenig dafür, dass hier gleich irgendein offizieller Umzug stattfinden soll. Das wird erst interessant, wenn es so weit ist und Bonbons fliegen. Vor manchen Häusern stehen Kisten Bier im Schatten. Auf Tischen stehen Kaffee in Thermoskannen und Kuchen auf Tellern, über die vorsichtshalber irgendwelche Hauben gestülpt wurden. Dorfveranstaltungen funktionieren offenbar nach einem einfachen Prinzip. Niemand weiß genau, wie lange es dauert, deshalb nimmt man sicherheitshalber genug Verpflegung für eine mittlere Naturkatastrophe mit. Hatte ich die Bierknacker erwähnt. Unfassbar gut. Egal. Die Häuser und Vorgärten sind geschmückt. Girlanden hängen zwischen Zäunen und Laternen. Auf Gartentischen stehen Kürbisse, Sonnenblumen und so Heidedingens. Hier und da wurden kleine Körbe aufgestellt, gefüllt mit Kartoffeln, Äpfeln, Maiskolben und allem, was irgendwie nach Herbst aussieht und vermutlich irgendwann einmal auf nem Feld gewachsen ist. In den Hecken hängen selbstgebastelte Drachen aus Papier, Holzleisten und bunten Bändern. Die sehen schon geil aus. Fliegen werden die vermutlich nie. Höchstens beim nächsten vernünftigen Sturm, wenn sie niemand weg räumt, dann hängen sie wahrscheinlich drei Grundstücke weiter in einer Tanne. Aber heute ist das auch scheißegal.
Es ist Ende September. Die Luft ist noch mild genug, dass niemand friert, aber der Sommer hat sich trotzdem weitgehend vom Acker gemacht. Die Sonne steht tiefer, das Licht wird wärmer und überall liegt dieser Geruch aus Erde, Herbst und irgendwo angezündetem Grill. Menschen begrüßen sich über die Straße hinweg. Andere bleiben stehen, weil sie jemanden entdecken, den sie offenbar seit mindestens vorgestern nicht mehr gesehen haben. Man redet. Man lacht. Man wartet. Und dann, nach gut zwei, drei Stunden Wartezeit, hört man die Musik. Erst nur irgendwo weiter hinten. Ein dumpfer Bass zwischen den Häusern, noch weit genug entfernt, dass man nicht erkennen kann, welcher Song läuft. Würd ich eh nicht. Techno und so. Die Kinder unterbrechen kurz ihr Spiel. Einige Erwachsene stehen auf. Köpfe drehen sich in dieselbe Richtung. Dann taucht der erste Traktor auf. Langsam fährt er durch die geschmückte Straße. Dahinter ein Anhänger, der mit ungefähr allem dekoriert wurde, was sich mit Kabelbindern, Holzlatten und ausreichend Optimismus an einem landwirtschaftlichen Fahrzeug befestigen lässt. Musik dröhnt aus Boxen. Menschen stehen und tanzen auf dem Wagen. Winken den Leuten am Straßenrand zu. Lachen. Rufen irgendetwas und tragen Kostüme, bei denen ich teilweise keine Ahnung habe, was sie mit Landwirtschaft zu tun haben sollen. Müssen sie offenbar auch nicht. Denn mir wird ziemlich schnell wird klar, dass nur weil das hier Ernteumzug heißt, bedeutet das noch lange nicht, dass sich irgendjemand ernsthaft an das Thema Ernte halten muss. Natürlich gibt es Wagen mit Strohballen, Ähren, Mais und allem, was man sich unter einem klassischen Erntefest vorstellt. Aber dazwischen fährt auch Zeug vorbei, bei dem der Zusammenhang mit Kartoffeln, Getreide oder Landwirtschaft ungefähr so eng ist wie meiner mit professionellem Standardtanz.
Scheißegal.
Der nächste Wagen kommt. Dann der nächste. Wieder Musik. Wieder Menschen, die tanzen. Manche verkleidet, manche einfach so. Vom Straßenrand wird gewunken. Von den Anhängern zurück. Von irgendeinem Wagen schreit irgendwer meinen Namen und ich bin sogar gemeint. Kinder laufen ein paar Meter nebenher, bis irgendein Erwachsener sie wieder einsammelt. Bierflaschen werden geöffnet. Kaffeetassen nachgefüllt. Irgendwo wird gelacht. Und während sich Trecker für Trecker durch diese kleine geschmückte Straße schiebt, verstehe ich langsam, dass es wahrscheinlich genau darum geht. Nicht um ein perfektes Motto. Nicht darum, wer den schönsten Wagen gebaut hat. Und vermutlich auch nicht ausschließlich um die Ernte. Es geht darum, dass ein paar Straßen für einige Stunden keine Straßen mehr sind. Dass Gartenmöbel vor den Häusern stehen. Dass Kinder dort spielen, wo sonst Autos fahren. Dass Menschen zusammenkommen, die sich vielleicht sowieso ständig irgendwie sehen und trotzdem einen Grund gefunden haben, heute noch einmal gemeinsam draußen zu stehen. Alles darf. Nichts muss. Außer vielleicht ein bisschen Spaß. Und davon haben sie hier gerade verdammt viel.
Nachdem der letzte Wagen durch die Straße gezogen ist, passiert erst einmal erstaunlich wenig. Der Umzug ist vorbei, aber offenbar hat niemand gesagt, dass damit auch der Tag vorbei sein muss. Einige Menschen beginnen tatsächlich aufzuräumen. Gartenstühle werden zusammengeklappt, leere Kaffeetassen ins Haus getragen, Teller gestapelt und Getränkekisten wieder dorthin gebracht, wo sie vermutlich heute Morgen herkamen. Andere bleiben einfach sitzen. Kann man auch machen. Vielleicht sogar die bessere Idee. Der Kaffee wird irgendwann durch Bier ersetzt, irgendwo geht ein Grill an und aus einem Vorgarten kommt plötzlich Musik. Die Kinder spielen weiter. Die Erwachsenen reden weiter. Eigentlich hat sich nur verändert, dass keine Trecker mehr durch die Straße brettern. Der Rest scheint beschlossen zu haben, dass dieser Samstag noch lange nicht zu Ende ist. Wir aber gehen weiter Richtung Festplatz. Dort steht alles, was ein ordentliches Dorffest braucht. Bierbuden. Karussell. Burger. Pommes. Ein Weinstand für Menschen, die lieber Wein als Bier trinken. Dazu ein großes Zelt. Mit DJ. Musik. Ausreichend Platz, um später Entscheidungen zu treffen, die am nächsten Morgen möglicherweise nur noch lückenhaft rekonstruiert werden können. *räusper*
Um den Bierpavillon stehen die Menschen dicht gedrängt. Andere sitzen in Liegestühlen, lehnen an Stehtischen oder laufen mit Getränken über den Platz und bleiben alle paar Meter irgendwo hängen, weil sie jemanden kennen. Und wer hier niemanden kennt, wartet vermutlich einfach fünf Minuten. Läuft von allein. Das Wetter ist einfach geil. Ende September und trotzdem fühlt es sich für einen Moment an, als hätte der Sommer seinen Schlüssel noch nicht abgegeben. Die Sonne steht über dem Platz. Jacken hängen über Stuhllehnen oder werden um die Hüfte gebunden. Niemand scheint es besonders eilig zu haben. Warum auch? Heute muss niemand irgendwohin. Heute ist hier. Aus dem Festzelt kommt Musik. Nicht leise. Natürlich nicht. Auf diesem Erntefest wird offenbar nicht beschallt, sondern die nähere Umgebung darüber informiert, dass jetzt Wochenende ist. Zwischendurch drückt der Bass durch die Zeltplane nach draußen. Menschen gehen hinein. Andere kommen wieder raus. Manche mit Getränken. Manche mit roten Gesichtern. Manche offensichtlich nur, weil sie drinnen jemanden gesucht und unterwegs drei andere gefunden haben. Ich unterhalte mich mit verschiedenen Menschen. Mit Menschen, die ich vorher noch nie gesehen habe und von denen ich einige vermutlich auch nie wiedersehen werde. Namen fallen. Berufe. Geschichten. Irgendjemand kennt irgendjemanden, der wiederum jemanden kennt. Dorf eben. Wahrscheinlich könnte man hier innerhalb von zwanzig Minuten die komplette Bevölkerung über drei Ecken miteinander verbinden. Facebook brauchte dafür Milliarden. Auf dem Dorf reichen ein Bierpavillon und eine Tante, die alles weiß. Ich höre zu. Erzähle selbst. Lache. Dann steht schon wieder jemand anderes dabei. Ein neues Gesicht. Ein neues Gespräch. Nichts davon ist besonders weltbewegend. Niemand löst an diesem Nachmittag die großen Probleme der Menschheit. Zumindest bekomme ich davon nichts mit. Drauf geschissen. Wie es ist, darf es auch mal reichen.
Und währenddessen dreht sich die Erde einfach weiter. Was sie ziemlich zuverlässig macht, selbst wenn wir Menschen gerade Wichtigeres zu tun haben. Die Sonne wandert langsam von Süden Richtung Westen. Erst merkt man es kaum. Dann werden die Schatten länger. Das Licht verändert sich. Die Häuser am Rand des Platzes sehen plötzlich wärmer aus, die Gesichter auch. Dieses goldene Licht, das Fotografen immer unbedingt festhalten wollen und das in Wirklichkeit meistens viel besser aussieht, wenn man das Handy einfach mal in der Tasche lässt. Irgendwann fällt das letzte direkte Sonnenlicht über die Dächer des Ortes.
Und plötzlich sind da die Lichterketten.
Sie hingen vermutlich den ganzen Nachmittag über dem Platz. Natürlich habe ich sie gesehen. Aber erst jetzt ergeben sie Sinn. Kleine warme Punkte über den Köpfen der Menschen. Dazu die Beleuchtung der Buden, das Karussell, das Zelt. Alles wird ein bisschen gelber, ein bisschen wärmer, ein bisschen gemütlicher. Die Luft dagegen wird kühler. Erste Jacken werden wieder angezogen. Hände verschwinden in Taschen. Irgendjemand bestellt trotzdem noch ein kaltes Bier. Der Herbst ist da. Nicht dieser Herbst aus Möbelhausprospekten mit Wolldecke, Duftkerze und einer Tasse Tee, die selbstverständlich mit beiden Händen gehalten werden muss. Der echte. Der mit kalter werdender Luft, feuchtem Gras, Bierbuden, Lichterketten und Menschen, die noch nicht nach Hause wollen. Es wird voller im Zelt. Die Musik lauter. Oder vielleicht wirkt sie nur so, weil es draußen langsam ruhiger wird. Menschen tanzen. Andere stehen am Rand und singen trotzdem mit. Manche können den Text. Andere kennen offenbar nur den Refrain und lösen das Problem durch Lautstärke. Funktioniert richtig gut. Es wird gelacht. Getanzt. Gesungen. Menschen legen einander die Arme um die Schultern. Freunde begrüßen sich, als hätten sie sich seit Jahren nicht gesehen, obwohl es möglicherweise nur seit Dienstag war. Irgendwo drückt jemand einen anderen Menschen fest an sich. Paare stehen etwas abseits. Menschen küssen sich. Andere sitzen nebeneinander und reden. Manche sagen gar nichts.
Und ich stehe mittendrin.
Nicht daneben. Nicht als Beobachter am Rand, der sich schon während des Erlebens überlegt, wie er später darüber schreiben könnte. Zumindest nicht die ganze Zeit. Ich bin einfach da. Rede mit Menschen. Höre Musik. Lache. Schaue irgendwann hoch zu diesen verdammten Lichterketten und denke für einen kurzen Moment überhaupt nichts. Das passiert mir nicht besonders häufig. Vielleicht gefällt mir genau deshalb dieser Abend so sehr. Weil hier gerade nichts Geiles passieren muss. Niemand braucht eine Erkenntnis. Niemand muss sich neu erfinden. Niemand muss irgendwo ankommen, etwas erreichen oder beweisen, dass er sein Leben inzwischen organisatorisch im Griff hat. Wir stehen einfach auf einem Festplatz irgendwo zwischen Bierpavillon, Burgerbude und Karussell. Es ist Ende September. Die Sonne ist weg. Die Lichterketten leuchten. Aus dem Zelt kommt Musik. Neben mir lachen Menschen.
Mehr passiert gerade nicht. Und verdammt, manchmal ist genau das das Leben von seiner ziemlich schönen Sorte.
