Zuhause. Mitten im Regen.
Am Freitag war in Langwedel Markt. So eine Art Kirmes. Oder Volksfest. Ich weiß nicht, wo da die genaue Grenze verläuft. Die Straßen waren gesperrt. Überall standen Buden. Es blinkte und leuchtete und an erstaunlich vielen Stellen konnte man Dinge kaufen, die entweder frittiert, gegrillt oder großzügig mit Zucker ausgestattet waren. Die Dunkelheit hatte sich längst über die Dächer gelegt. Von den Häusern sah man nur noch das, was die beleuchteten Stände von ihnen übrig ließen. Davor dieses bunte Licht, das einen Ort für ein paar Stunden verändert. Man läuft auf einer Straße, auf der sonst Autos fahren, schaut sich um und bekommt schon wieder Hunger, obwohl man drei Meter vorher eigentlich beschlossen hatte, erst einmal nur zu gucken. Es roch nach gebrannten Mandeln. Jedenfalls so lange, bis man in den Dunst der Bratwurstbude geriet. Dann kamen Pommes dazu. Irgendwo drehte sich Gyros und zwischendurch zog dieser süße Geruch von Zuckerwatte vorbei. Schon krass, wie etwas gleichzeitig so sehr nach Kindheit und klebrigen Fingern riechen kann. Natürlich gab es auch Champignons. Diese großen Pfannen, an denen man vorbeigeht und sofort denkt: Ach, komm. Scheiß drauf, die passen noch. Als hätte man für Pilze einen gesonderten Magen.
Ich war an diesem Abend auf dem Weg zu Mareike. Von Bremen aus. Mit dem Zug. So übers Wochenende. Ein überschaubarer Plan. Einsteigen. Zug fahren. Aussteigen. Da sein. Keine Ahnung. Zwei Stunden mit unzählbaren Geschichten, die ich mir selbst erzähle. Ich liebe das. In Bremen am Hauptbahnhof kam ihre Nachricht. Ich sollte sitzen bleiben. An dem Bahnhof, an dem ich sonst ausgestiegen wäre, würde sie zusteigen, und dann könnten wir gemeinsam weiterfahren. Nach Langwedel. Zum Markt. Kurz Pommes essen, was trinken, eine Runde über den Markt gehen und anschließend wieder zurück.
Fand ich gut. Sehr gut sogar. Ich mag solche Vorschläge. Man ist schon unterwegs, hat sich gedanklich ungefähr eingerichtet, weiß, wo man gleich aussteigt, und plötzlich bekommt der Abend noch eine Abzweigung. Dafür musste ich in diesem Fall nicht einmal aufstehen. Ich musste einfach nur eine Sache lassen, die ich ohnehin erst später vorgehabt hatte: aussteigen. Wir verabredeten uns im letzten Waggon. Damit wir uns schneller fanden und nicht einer vorne und der andere hinten saß, während beide auf ihr Handy guckten und Nachrichten schrieben wie: „Ich bin doch hier.“ Ein Satz, der geografisch ungefähr so hilfreich ist wie „auf der Erde“. Also ganz hinten. Klare Ansage. Das sollte funktionieren. Tat es auch. Erstaunlich problemlos sogar. Sie stieg ein. Wir fanden uns. Und auf einmal waren wir gemeinsam unterwegs. Eben noch saß ich allein im Zug und wollte zu ihr. Jetzt war sie da, und wir fuhren irgendwohin, wo ich an diesem Abend nicht mit gerechnet hatte. Ich musste grinsen. So schnell konnte das gehen.
Eine Pommes. Ein Getränk. Ein bisschen zwischen den Buden herumlaufen. Mehr hatten wir uns nicht vorgenommen. Ich hatte schließlich meinen Rucksack dabei, war auf Wochenendbesuch eingestellt und nicht darauf, mit Gepäck ein Volksfest zu besuchen. Aber kurz über den Markt, das ging. Natürlich ging das. Wobei „kurz“ ein ziemlich großzügiges Wort ist, sobald man mit dem richtigen Menschen unterwegs ist. Beim Warten auf einen Zug hat man recht genaue Vorstellungen davon, wie lang zehn Minuten sind. Bei einem schönen Abend wird man da plötzlich erheblich toleranter. Aber so weit dachte ich noch gar nicht. Mareike war da. In Langwedel gab es Pommes. So unser Plan. Das Leben hatte ihn offenbar auch gelesen. Und musste lachen.
Ein paar Minuten später stiegen wir in Langwedel aus. Vom Bahnhof bis zum Markt war es nicht weit. Ein kurzer Fußweg und wir waren mittendrin. Wir liefen über die Straße, schauten nach links und rechts und gingen erst einmal bis zum Ende durch. Dann wieder zurück. Erst mal gucken. Das macht man so. Irgendwo stand eine große Bühne. Wo genau, könnte ich heute nicht mehr sagen. Ich könnte vermutlich noch in die ungefähre Richtung zeigen, aber darauf sollte man sich nicht verlassen. Vor der Bühne standen Menschen unter freiem Himmel. Auf der Bühne spielte eine Band. Eine Coverband. Was zunächst einmal alles heißen kann. Es gibt Veranstaltungen, da hört man die ersten drei Takte und weiß bereits, dass man jetzt dringend weitergehen muss. Wir blieben stehen. Da kamen Gitarren von der Bühne. Ordentlich Gitarren. System of a Down. Linkin Park. Metallica. AC/DC. Disturbed. Volbeat. Diese ganze wunderbare Abteilung von Musik, bei der ein Schlagzeug auch benutzt werden darf. Ich war gerade noch mit der Frage beschäftigt gewesen, was ich essen wollte. Jetzt wollte ich erst einmal hören, was die als Nächstes spielten. Also standen wir da. Hörten zu. Tranken etwas. Kamen mit Menschen ins Gespräch. Zwischendurch wurde getanzt, dann wieder geredet und sobald ein Lied kam, das wir kannten, sangen wir mit. Nicht schön. Aber laut. So wie die anderen auch. Ich mag das, wenn Musik so etwas macht. Eben stehen da noch Menschen, die einander überhaupt nicht kennen und einen Refrain später singen sie gemeinsam, als hätten sie dafür wochenlang geprobt. Haben sie natürlich nicht. Hört man auch. Aber es stört niemanden. Man grinst sich kurz an, weil der andere offenbar genauso viel Bock auf diesen Song hat und singt weiter.
Aus unserem kurzen Stehenbleiben wurde noch ein Lied. Und noch eins. Dann konnte man bei dem nächsten natürlich auch nicht einfach gehen. Es gab keinen richtigen Beschluss, länger zu bleiben. Wir blieben einfach. Der Abend lief. Die Band spielte. Mareike war neben mir und ich hatte überhaupt kein Interesse daran, irgendwo anders zu sein. Dann kündigten sie ihren letzten Song an. Welcher das war, weiß ich nicht mehr. Ich weiß noch, dass danach Schluss war und sie anfingen, ihre Sachen abzubauen. Eben noch Musik, jetzt wurden Kabel zusammengerollt. Für die da oben war offenbar Feierabend. Für uns hatte sich das noch nicht so eindeutig geklärt. Im Hintergrund übernahm ein DJ. Ungefähr zur gleichen Zeit fing es an zu regnen. Erst ein bisschen. So ein Regen, bei dem man kurz nach oben schaut und beschließt, dass das wohl nicht weiter schlimm werden wird. Eine Wetterprognose, die hauptsächlich auf dem Wunsch beruht, recht zu behalten. Hielten wir eine Weile für belastbar. Dann regnete es stärker.
Vor der Bühne wurde es leerer. Die Menschen rückten unter die Vordächer der Geschäfte und unter das Dach des Bierpavillons. Einige gingen vermutlich nach Hause. Vielleicht waren die vernünftig. Vielleicht waren sie müde. Vielleicht hatten sie auch einfach keine Lust, nass zu werden. Mareike und ich suchten uns einen Platz unter dem Vordach eines Fachgeschäfts und blieben dort einfach erstmal stehen. Was für ein Fachgeschäft? Keine Ahnung. Es hatte ein Dach. Das war in diesem Moment die für uns entscheidende Fachkompetenz. Wir tranken noch etwas und hörten der Musik zu. Der DJ machte seine Sache nämlich ebenfalls ziemlich gut. Nicht mehr ganz so harte Gitarren wie vorher, aber immer noch amtlich. Madsen. Sportfreunde Stiller. Die Ärzte. Was sonst noch lief, bekomme ich nicht mehr zusammen. Ich habe an diesem Abend offensichtlich wenig für eine lückenlose Dokumentation getan. Weder wusste ich noch, wie spät es war, noch dachte ich daran, dass ich die ganze Zeit meinen Rucksack auf dem Rücken hatte. Drauf geschissen. Den hatte ich längst vergessen.
Um uns herum standen die Menschen unter den Dächern, redeten, tranken, rauchten. Davor fiel der Regen auf die Straße. Wir standen zunächst noch bei ihnen. Einigermaßen trocken, hörten zu und sangen mit. Dann wurde aus dem Mitsingen wieder Tanzen. Ich weiß nicht mehr, wer angefangen hat. Wer zuerst einen Schritt nach draußen gemacht hat. Ob einer von uns den anderen mitgezogen hat oder wir einfach irgendwann dort standen. Auf einmal waren Mareike und ich nicht mehr unter dem Dach. Wir tanzten daneben. Neben dem Fachgeschäft, neben dem Bierpavillon, auf dem Platz. Über uns nichts, was den Regen hätte abhalten können. Den hatte ich durchaus bemerkt. Er hörte bloß auf, ein Grund zu sein, sich wieder unterzustellen. Da lief Musik, die wir liebten, und vor mir war diese Frau, mit der ich eigentlich nur kurz eine Pommes hatte essen wollen. Ich sah sie an. Sie sang. Ich sang mit. Wir bewegten uns. Zur Musik. Und was davon tatsächlich im Takt war, lässt sich hinterher zum Glück nicht mehr feststellen. Mein Rucksack machte jedenfalls alles mit. Die anderen Menschen waren noch da. Unter den Vordächern, am Bierpavillon, nur ein paar Schritte von uns entfernt. Aber ich achtete nicht mehr auf sie. Ich wusste nicht, ob jemand zu uns herübersah. Es war mir auch egal. Ich war viel zu beschäftigt damit, Mareike anzusehen, mitzusingen und bei ihr zu sein. Es regnete. Wir tanzten weiter. Mitten auf dieser verdammten Straße. Und nach Hause wollten wir gerade beide nicht.
Und genau da, irgendwo zwischen der Musik und dem Regen, bemerkte ich etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Wir tanzten immer noch auf derselben Straße. Ich hatte immer noch diesen bescheuerten Rucksack auf. Aber ich dachte nicht mehr darüber nach, wie ich aussah. Ob ich mich merkwürdig bewegte. Ob ich zu laut sang. Ich war einfach da. Bei ihr. Und musste mich um nichts davon kümmern. Ich musste mich nicht erklären. Nicht vorsichtshalber einen Teil von mir zurückhalten oder kurz überprüfen, ob ich gerade noch in Ordnung war. Sie sah mich an und ich hatte nicht das Gefühl, irgendetwas korrigieren zu müssen. Ich durfte so bleiben. Mit meiner Lautstärke, meinen Bewegungen und meiner bemerkenswerten Fähigkeit, auch bekannte Liedtexte stellenweise durch selbst erfundene Laute zu ergänzen.
Vielleicht hatte ich mir Zuhause deshalb immer zu eng vorgestellt. Als etwas mit einer Adresse. Einer Haustür, zu der man einen Schlüssel besitzt. Einem Zimmer, in dem die eigenen Sachen stehen. Und natürlich wollte ich so einen Ort. Aber während ich da mit ihr im Regen stand, begriff ich, dass dieses Gefühl auch mitten auf einer Straße entstehen konnte. Weit weg von den eigenen vier Wänden. Bei einem Menschen, in dessen Nähe man aufhört, sich selbst von außen zu betrachten. Mareike tanzte mit mir. Sie stand nicht daneben und wartete darauf, dass ich mich wieder benahm. Sie fragte nicht, ob das jetzt sein musste oder was die anderen denken könnten. Sie hatte selbst Bock darauf. Auf die Musik. Auf diesen Abend. Auf uns. Ich musste sie nicht erst davon überzeugen, dass man das machen durfte. Sie war längst dabei.
Und ich liebte es, sie so zu sehen. Ihr Lachen. Ihren Blick. Diese Freude, die sie nicht kleiner machte, nur weil um uns herum noch andere Menschen standen. Ich wollte, dass sie sich bei mir genauso frei fühlen konnte wie ich mich bei ihr. Dass sie laut sein konnte, albern, still, müde, was auch immer sie gerade war. Dass sie mir nichts vorspielen musste. Auch an einem Abend, an dem ihr nicht nach Tanzen zumute wäre. Ich glaube, das war es, was mich so berührte. Ich stand vor dieser Frau und wollte gerade überhaupt nichts an ihr anders haben. Ich wollte keinen besseren Moment. Ich wollte nicht irgendwohin, wo es schöner, wärmer oder trockener war. Sie sah mich an und ich war glücklich, dass ausgerechnet ich der Mensch sein durfte, der da mit ihr im Regen stand.
Irgendwann schauten wir dann doch auf die Uhr. Offenbar war die Zeit währenddessen unbeaufsichtigt weitergelaufen. Wir konnten noch einen Zug bekommen. Ich glaube, es war der letzte. Ganz sicher bin ich nicht mehr. Jedenfalls war es einer, bei dem es einfach nötig war, jetzt tatsächlich Richtung Bahnhof zu gehen. Die Pommesbuden hatten längst geschlossen. Dafür waren wir ursprünglich hergefahren. Kurz etwas essen, ein Getränk, dann wieder zurück. Hatte eher mittelgut funktioniert. Wir waren nass. Es war spät. Die geplanten Pommes hatten wir nicht bekommen. Aber das war scheißegal. Vollkommen scheißegal. Auf dem Weg zum Bahnhof hielt ich ihre Hand. Die Musik wurde hinter uns leiser und wir gingen nebeneinander durch Langwedel. Ich wusste wieder, wohin wir mussten. Aber dieses Gefühl von eben blieb. Mein Zuhause lief neben mir.
Und falls mich jemand fragt: Ich habe ihre Hand bis heute nicht losgelassen.
