Zwischen Delmenhorst und genug

Delmenhorst schläft noch. Jedenfalls sieht es aus dem Zug so aus. Ich sitze im IC Richtung Norddeich Mole. Bis Oldenburg. Der Zug steht an einer Einkaufspassage. EDEKA, ein Kino, ein Restaurant, ein Fitnesscenter. Die übliche Ansammlung von Möglichkeiten, Geld auszugeben, satt zu werden und den eigenen Körper anschließend dafür zur Verantwortung zu ziehen. Vor dem Restaurant stehen Tische und Stühle. Niemand sitzt dort. Die Fenster sind dunkel, obwohl der Morgen längst hell ist. Ich sehe keine Menschen. Keine Autos. Niemand trägt eine Einkaufstasche über den Platz. Niemand schließt eine Tür auf. Keiner läuft mit diesem leicht beleidigten Gesichtsausdruck zur Arbeit. Alles steht einfach. Bereit für einen Tag, der noch auf sich warten lässt. Natürlich weiß ich, dass Delmenhorst nicht schläft. Irgendwo wird jemand Brötchen aufschneiden. Oder vor einer Kaffeemaschine stehen und hoffen, dass sich mit dem ersten Schluck auch sein Verhältnis zur Menschheit verbessert. Aber in dieser Szene hinter der Scheibe passiert nichts. Und weil ich nur diesen Ausschnitt sehe, darf die Stadt für einen Moment genau so sein. Es beruhigt mich irgendwie, ihr dabei zuzusehen, wie sie nichts tut. Ich bin müde. Die Müdigkeit sitzt mir noch im Gesicht, hängt ein bisschen an den Augen und wird vermutlich auch nicht verschwinden, wenn ich besonders interessiert aus dem Fenster gucke. Aber sie stört mich nicht. Ich muss mich heute Morgen nicht gegen sie wehren. Ich sitze hier, lasse mich nach Oldenburg fahren und merke, dass es mir gut geht. Eine ziemlich einfache Feststellung. Und trotzdem bleibe ich innerlich an ihr hängen. Mir geht es gut.

Ich suche kurz nach dem Nachsatz. Nach dem Aber. Nach irgendeinem Haken, der sich normalerweise sofort meldet, sobald ich mit einer Sache zufrieden bin. Als müsste jemand dazwischenrufen, dass wir bei aller Begeisterung bitte nicht vergessen wollen, was noch alles ungeklärt ist. Es gäbe bestimmt genug aufzuzählen. Nur interessiert es mich gerade nicht. Der ganze dumme Bums darf später wieder anstrengend sein. Ich muss ihm nicht schon vor Oldenburg entgegenkommen. In mir ist Ruhe. Ich sitze auf einem Sitz der Deutschen Bahn, draußen steht ein leerer EDEKA, und ich empfinde etwas, für das ich früher vermutlich eine wesentlich aufwendigere Kulisse erwartet hätte. Vielleicht habe ich mir Luxus lange zu sichtbar vorgestellt. Ein teures Auto erkennt man. Eine Designertasche kann man auf den Tisch stellen. Auf einer Uhr steht im günstigsten Fall der Name eines Unternehmens, das einem für sehr viel Geld mitteilt, dass es bereits Viertel nach acht ist. Alles Kram, den man besitzen, zeigen und bewundern kann. Soll jeder seine Freude daran haben. Ich könnte mir wahrscheinlich auch eine verdammt lange Liste mit Dingen schreiben, die ich gern hätte. Aber heute Morgen fällt mir nichts ein, das ich gegen dieses Gefühl eintauschen möchte.

Diese Ruhe, wenn man sich gerade nicht fragt, ob man genug ist. Wenn man im Kopf nicht schon wieder an einer etwas vorzeigbareren Ausgabe von sich arbeitet. Eine, die weniger redet oder erfolgreicher ist, die vernünftiger plant, besser aussieht, seltener zweifelt und auf Familienfeiern ausschließlich Geschichten erzählt, bei denen sich garantiert niemand an seinem Kartoffelsalat verschluckt. Ich kenne dieses ständige Prüfen. Kann ich das sagen? Darf ich mich so freuen? Bin ich gerade zu viel? Was könnten die Leute denken? Irgendwann braucht man niemanden mehr, der solche Fragen stellt. Man fragt das einfach selbst. Sehr gewissenhaft sogar. Man sitzt mit Menschen zusammen und ist gleichzeitig damit beschäftigt, sich aus deren vermeintlicher Sicht zu beobachten. Ein anstrengender Nebenjob, für den es nicht einmal Geld gibt. Aber ich hab da gekündigt. Die Menschen hinter mir gelassen. Sie und ihre Vorstellungen von einem richtigen Leben.

Ich fühle mich geliebt. Das hinzuschreiben ist beinahe schwieriger, als es zu empfinden. Es steht dann so da, ziemlich ungeschützt, und ich könnte jetzt irgendeinen Witz hinterherschieben, damit niemand merkt, wie viel mir das bedeutet. Aber es bedeutet mir eben viel. Verdammt viel. Da ist dieses Gefühl, dass ich sein darf, wie ich bin. Auch müde. Auch mit Gedanken, die noch nicht zu Ende gedacht sind. Mit meiner Begeisterung, meinen Unsicherheiten und den Dingen, über die ich lachen muss, obwohl sie vermutlich nicht jedem einleuchten. Ich muss mich nicht erst zusammenreißen, bevor Nähe möglich wird. Ich muss keine bessere Zukunftsversion von mir versprechen, damit die gegenwärtige bleiben darf. Das ist neu für mich. Vor allem diese Selbstverständlichkeit darin. Kein Ziehen, kein Drücken. Kein vorsichtiges Abtasten, ob meine Freude vielleicht gerade unpassend ist. Ich merke erst jetzt, wie viel Kraft dieses Aufpassen kosten kann, weil ich sie in diesem Moment nicht brauche.

Neben mir sitzt ein Vater mit seinen beiden Kindern. Die beiden sind wach. Also richtig wach. Während Teile von Delmenhorst offenbar noch über den Beginn des Tages verhandeln, beschäftigen sie sich bereits mit den wesentlichen Fragen der menschlichen Existenz. „Kann ein Mensch so groß werden wie dieser Zug?“

Ich höre hin und lächle. Der Vater bemerkt es und lacht mich an. Wir müssen nicht reden. Die Frage gefällt mir. Ich wäre nicht auf sie gekommen. Ich hätte vermutlich wissen wollen, ob wir pünktlich sind. Das ist natürlich auch eine Frage, allerdings eine mit deutlich weniger Fantasie. Die Kinder schauen ihren Vater an und warten. Für sie scheint es vollkommen denkbar, dass irgendwo ein Mensch herumläuft, der so hoch ist wie ein IC. Man wird das ja wohl erst einmal klären dürfen. Der Vater überlegt kurz. Dann antwortet er. Ruhig, ohne die Frage wegzulächeln. Er nimmt sich Zeit für die Erklärung, und die beiden hören ihm zu.

„Kannst du so schnell laufen wie ein Auto, Papa?“ Offenbar steht als Nächstes seine persönliche Leistungsfähigkeit auf dem Prüfstand. Wieder diese großen Augen. Wieder diese ernsthafte Neugier. Und wieder nimmt er sich einen Moment, bevor er spricht. Er wirkt nicht so, als suche er den kürzesten Weg aus diesem Gespräch. Er erklärt. Die Kinder fragen weiter. Er bleibt dabei. Ich kenne diesen Mann nicht. Ich weiß nicht, wie sein Morgen bisher war, ob er gut geschlafen hat oder gerade zum achtzehnten Mal eine Frage beantwortet, während er eigentlich gern in ein Brötchen beißen würde. Ich sehe nur diese paar Minuten. Aber ich mag, wie er in ihnen mit seinen Kindern umgeht.

Keine ihrer Fragen scheint ihm peinlich zu sein. Er schaut nicht zu den anderen Fahrgästen, um sich vorsorglich für die Lautstärke ihrer Neugier zu entschuldigen. Er sitzt bei ihnen, hört zu und antwortet so, dass sie etwas damit anfangen können. Dabei wirkt nichts vorgeführt. Die beiden fragen ihn schließlich auch nicht, damit ich daneben einen schönen Gedanken haben kann. Sie wollen wissen, ob ihr Vater ein Auto überholen könnte. Ich schaue wieder kurz nach draußen, dann zurück zu den dreien. Vielleicht bleibe ich gerade deshalb an ihnen hängen, weil ich selbst so ruhig bin. Weil mein Kopf Platz hat für etwas anderes als mich. Ich kann einfach zuhören. Mich über eine Kinderfrage freuen. Über einen Vater, der sie ernst nimmt.

Die beiden müssen mit ihrer Neugier nirgendwo anders hin. Sie dürfen sie hier auspacken. Voll und ganz. Mitten im Zug, zwischen den Sitzen und Gepäck. Und wenn eine Antwort die nächste Frage hervorbringt, ist eben noch eine dran.

„Wie lang ist dieser Zug, Papa?“

Diesmal weiß er es nicht. Er sitzt einen Augenblick da. Dann dreht er sich zu mir und fragt, ob ich kurz auf das Gepäck achten könnte. „Selbstverständlich“, sage ich und lächle. Er dreht sich wieder seinen Kindern zu.

„Kommt. Wir gehen mal von vorne bis hinten.“

Ich gucke ihnen hinterher, bis sie am Ende des Wagens verschwinden. Die beiden Kinder, die wissen wollen, wie lang dieser Zug ist. Und ihr Papa, der es auch nicht weiß und einfach mal mitgeht. Ich bleibe da und passe auf fremdes Gepäck auf. Draußen zieht der Morgen vorbei. Ich bin immer noch müde und muss lächeln. Es gibt einiges, das ich nicht weiß. Wie die nächsten Monate werden. Welche meiner Pläne aufgehen. Wie ich manches hinbekommen soll. Normalerweise kann ich mich mit solchen Fragen eine ganze Zugfahrt beschäftigen und steige anschließend erschöpfter aus, als ich eingestiegen bin. Heute schaue ich aus dem Fenster. Denke an meinen Lieblingsmenschen und freue mich darauf, sie wiederzusehen. Bis Oldenburg sitze ich einfach hier. Und während nebenan zwei Kinder herausfinden, wie lang ein Zug ist, fällt mir auf, dass ich schon eine ganze Weile nicht mehr darüber nachdenke, was mir fehlt.