Autonomie.
Ich saß letztens, an einem Freitag im Zug und wusste nicht genau, ob das, was ich gerade machte, vernünftig war. Das kommt inzwischen häufiger vor. Ich steige irgendwo ein, fahre los, buche ein Hotel oder beschließe am Abend, am nächsten Morgen knapp 300 Kilometer mit Regionalzügen zu fahren, um irgendwo eine Pizza zu essen. Nicht alles, was ich mittlerweile so mache, ist besonders durchdacht. Manches ist sogar objektiv betrachtet, ein bisschen, ähm, komplett bescheuert. Aber während ich aus dem Fenster sah und draußen Felder, Gewerbegebiete und diese kleinen Bahnhöfe vorbeizogen, an denen irgendwie nie wirklich jemand ein- oder aussteigt, dachte ich: Wen müsste ich eigentlich fragen, ob ich das darf? Wen müsste ich noch fragen, ob er damit einverstanden ist.
Die Antwort ist schon ziemlich geil: niemanden. Trotzdem fühlt es sich manchmal noch so an, als müsste ich meine Entscheidungen und vorhaben irgendwo absegnen lassen. Zur Prüfung. Mit kurzer Begründung, Anlagen und der freundlichen Bitte um Zustimmung. Ich habe das jahrelang gemacht. Nicht offiziell. Es gab kein Formular. Aber in meinem Leben saßen ziemlich viele Menschen an einem sehr langen Tisch und hatten zu allem eine Meinung. Was vernünftig ist. Was sich gehört. Was man in meinem Alter macht. Was man besser lässt. Was andere denken könnten. Und ich stand davor und versuchte, eine Version meines Lebens zu präsentieren, gegen die möglichst niemand Einspruch erhebt. Hat natürlich nicht geklappt.
Ich wollte gefallen. Das ist die ungeschönte Wahrheit. Ich wollte, dass Menschen mich mögen, meine Entscheidungen verstehen und mich für einen vernünftigen, guten Menschen halten. Also sagte ich viel zu oft Ja, obwohl ich Nein meinte. Ich erklärte Dinge, die niemanden etwas angingen. Ich rechtfertigte Entscheidungen, die nur mein eigenes Leben betrafen. Und wenn jemand enttäuscht von mir war, fragte ich mich nicht zuerst, ob meine Entscheidung trotzdem richtig gewesen war. Ich überlegte, wie ich sie wieder zurücknehmen konnte. Hat auch funktioniert. Viele Menschen waren vermutlich ziemlich zufrieden mit mir. Ich selbst wurde es immer weniger.
Das Merkwürdige ist, dass der ganze Bums von außen wahrscheinlich gar nicht unfrei ausgesehen hat. Ich war erwachsen. Ich konnte arbeiten, reisen, Geld ausgeben, Verträge unterschreiben und in einem Baumarkt eigenständig Dübel kaufen, obwohl auch das nicht unterschätzt werden sollte. Niemand hielt mich fest. Niemand verbot mir, irgendwohin zu fahren oder etwas Neues anzufangen. Und trotzdem bestand ein großer Teil meines Lebens daraus, Erwartungen zu erfüllen. Manche waren ausgesprochen. Viele nicht. Einige hatte ich mir vermutlich selbst ausgedacht, weil echte Erwartungen offenbar noch nicht genug waren. Man ist ja schon irgendwie bescheuert, wenn man immer jedem gefallen möchte.
Autonomie klingt nach einem Begriff, über den ein Mann mit Rollkragenpullover neunzig Minuten in einem Podcast spricht. Dabei ist sie im Alltag oft ziemlich unspektakulär. Sie beginnt nicht mit wehenden Haaren auf einer Klippe. Bei mir wäre das schon aus biologischen Gründen schwierig. Sie beginnt mit einem Nein. Mit einer Entscheidung, die nicht jeder verstehen muss. Mit dem Moment, in dem ich nicht mehr sofort zurückrudere, nur weil jemand anders meine Grenze unbequem findet.
Es ist so geil. Ich lerne gerade, dass Freiheit nicht bedeutet, alles tun zu können. Das kann ohnehin niemand. Jede Entscheidung hat Folgen. Jeder Weg schließt einen anderen aus. Wenn ich losfahre, kann ich nicht gleichzeitig zu Hause bleiben. Wenn ich Nein sage, wird vielleicht jemand enttäuscht sein. Wenn ich mein eigenes Leben führe, passt es zwangsläufig nicht mehr vollständig in die Vorstellungen anderer Menschen. Genau das habe ich lange vermeiden wollen. Vielleicht habe ich Freiheit deshalb immer an den falschen Orten gesucht. In Reisen. In neuen Städten. Auf Feldwegen, Bahnhöfen und in Hotelzimmern. Ich dachte, ich müsste nur weit genug wegfahren, dann wäre ich frei. Aber man kann 300 Kilometer entfernt in einem Hotel sitzen und trotzdem noch darüber nachdenken, ob jemand zu Hause die eigene Entscheidung gut findet. Man kann allein reisen und innerlich weiterhin um Erlaubnis bitten.
Das möchte ich nicht mehr.
Ich möchte Entscheidungen treffen, weil sie für mich richtig sind. Nicht, weil ich sie besonders überzeugend erklären kann. Ich möchte losfahren, wenn ich losfahren will. Bleiben, wenn ich bleiben möchte. Menschen mögen, ohne vorher zu prüfen, ob das klug ist. Ziele verfolgen, die andere für unnötig, klein oder komplett bekloppt halten. Ich möchte Fehler machen dürfen, die wenigstens meine eigenen sind.
Das heißt nicht, dass mir andere Menschen egal werden. Im Gegenteil. Es gibt Menschen, die mir wichtig sind. Längst nicht alle. Aber ein paar. Ihre Gefühle auch. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Rücksicht und Selbstaufgabe. Rücksicht bedeutet, andere mitzudenken. Selbstaufgabe bedeutet, sich selbst dabei ständig zu vergessen. Ich habe diesen Unterschied lange nicht besonders sauber hinbekommen.
Autonomie bedeutet für mich deshalb nicht: Ich mache, was ich will, und alle anderen können mich mal. Das wäre keine Freiheit, sondern vermutlich einfach nur ein ziemlich anstrengender Charakterzug. Autonomie bedeutet: Ich höre zu, aber ich entscheide selbst. Ich nehme andere ernst, aber nicht mehr wichtiger als mich. Ich kann jemanden enttäuschen, ohne deshalb automatisch etwas Falsches getan zu haben.
Das ist wahrscheinlich der schwierigste Teil. Auszuhalten, dass nicht jeder die eigene Entscheidung gut findet. Dass Menschen einen vielleicht egoistisch nennen. Dass manche Beziehungen nur so lange einfach waren, so lange man selbst ordentlich und dem Dorfleben entsprechend funktioniert hat. Dass ein Nein manchmal mehr über eine Verbindung zeigt als hundert freundliche Jas.
Ich weiß noch nicht, ob ich das schon gut kann. Wahrscheinlich nicht. Alte Gewohnheiten verschwinden nicht, nur weil man einen klugen Begriff dafür gefunden hat. Manchmal erkläre ich mich noch immer zu viel. Manchmal denke ich zuerst darüber nach, was andere erwarten. Manchmal möchte ich eine Entscheidung am liebsten so lange begründen, bis selbst der letzte Mensch im Raum zustimmt.
Aber ich merke es inzwischen. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Naja. Neulich saß ich also in diesem Zug, sah aus dem Fenster und wusste nicht, ob mein Plan vernünftig war. Irgendwo hinter mir lagen Menschen, Erwartungen und all die guten Gründe, etwas nicht zu tun. Vor mir lagen ein Bahnhof, ein Hotel und vermutlich wieder irgendein unnötig komplizierter Umstieg. Ich bin trotzdem weitergefahren. Nicht, weil es allen gefallen hätte. Sondern weil ich es wollte. Und dann sind Menschen verschwunden. Aber das ist egal. Die richtigen bleiben. Der Rest passt nicht.