Zu viele Fragen.

Vielleicht ist das das Problem.

Es ist Montag. 5:54 Uhr. Vor der kleinen Bäckerei an der Hauptstraße stehen bereits vier Menschen. Handwerker in voller Montur. Zimmerleute. Ich finde das bemerkenswert. Um diese Uhrzeit sollten Menschen eigentlich noch träumen oder zumindest darüber nachdenken, sich noch einmal umzudrehen. Stattdessen stehen sie hier. Mit Jacken, Zimmermannshosen, Hammerketten. Mit Autoschlüsseln. Und mit Gesichtern, die aussehen, als hätten sie den Tag bereits geprüft und seien zu dem Ergebnis gekommen, dass man das Ganze durchaus kritisch sehen darf. Verständlich. Auf der anderen Straßenseite wartet ein Mann an der Fußgängerampel. Obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist. Er wartet trotzdem. Vielleicht aus Prinzip. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht hat er einfach nicht die Energie für eine Ordnungswidrigkeit. Oder er geht davon aus, dass irgendwo gerade ein Kind aus dem Fenster schaut und er kein schlechtes Vorbild sein möchte. Das wäre schon richtig cool. Neben ihm führt eine Frau ihren Hund an ihm vorbei. Sie gehen spazieren. Wobei „führen“ nicht ganz richtig ist. Der Hund wirkt deutlich motivierter als die Frau. Er hat offenbar Pläne. Sie sieht eher aus, als hätte sie gerne noch eine Stunde geschlafen. Autos rollen Richtung Arbeit. Die Fahrer blicken konzentriert nach vorne. Niemand winkt. Niemand lächelt. Niemand macht den Eindruck, als hätte er gerade gedacht: Mensch, Montagmorgen. Genau darauf habe ich mich gefreut. Morgens um kurz vor sechs begegnet man selten Optimisten. Und doch passiert etwas Merkwürdiges. An jedem Werktag stehen dieselben Menschen wieder auf. Kaufen dieselben Brötchen. Warten an derselben Ampel. Fahren dieselbe Strecke. Vielleicht ist das der eigentliche Beweis dafür, dass der Mensch eine erstaunlich zähe Spezies ist. Oder die Bäckerei verkauft wirklich gute Brötchen.

Arbeit ist ja generell ein Thema. Für die meisten Menschen jedenfalls. Das ist auch verständlich. Schließlich verbringen viele mehr Zeit mit ihren Kollegen als mit ihren Freunden. Manche vermutlich sogar mehr Zeit als mit ihren Partnern. Oder mit ihren Schwiegermüttern. Was vermutlich auch besser so ist. Fragt man jemanden, wer er ist, bekommt man nach dem Namen oft direkt den Beruf geliefert. „Ich bin Zimmermann“, würde wahrscheinlich einer der Männer vor der Bäckerei sagen. „Finanzbuchhalter“, vielleicht der Mann an der Ampel. Und die Frau mit dem Hund ist möglicherweise Geschäftsführerin eines Unternehmens, das Autoteile verkauft. Man weiß es nicht.

Interessant ist allerdings, dass kaum jemand antwortet: Ich lese gerne Krimis. Ich kann ausgezeichnet Kartoffelsalat machen. Ich habe vor acht Jahren einem verletzten Igel das Leben gerettet und meine Lieblingsfarbe ist Ocker. Nein. Wir sagen, was wir arbeiten. Als wäre das die Kurzfassung unseres Lebens. Es scheint fast, als wäre das Wer die Konsequenz des Was. Als würde man erst lange genug etwas tun müssen, damit man irgendwann genau das wird. Zimmermann. Buchhalter. Geschäftsführerin. Fotograf. Autor. Vielleicht funktioniert das Leben tatsächlich so. Vielleicht aber auch nicht. Wenn mich jemand fragt, was ich mache, wird es meistens etwas kompliziert. Ich schieße Fotos. Ich schreibe Texte. Ich veröffentliche Dinge im Internet. Je nachdem, wen man fragt, bin ich Fotograf, Autor oder Content Creator. Wobei Content Creator ungefähr so klingt, als würde ich morgens in einer Fabrik Content herstellen und ihn anschließend palettenweise ausliefern. Aber beantwortet das wirklich die Frage, wer ich bin? Ich bin mir nicht sicher.

Vielleicht beschäftigt mich die Frage auch mehr, als sie sollte. Während andere Menschen morgens Brötchen kaufen, zur Arbeit fahren und ihren Tag starten, gehe ich an einer Bäckerei vorbei und denke darüber nach, ob der Beruf eines Menschen wirklich die Antwort auf die Frage ist, wer er eigentlich ist. Das ist ja nicht besonders hilfreich. Also, es hilft mir nicht. Vielleicht wäre ich deshalb manchmal gerne etwas einfacher gestrickt. Etwas dümmer. Das soll nicht heißen, dass ich besonders intelligent wäre. Gott bewahre. Ganz im Gegenteil. Es gibt so viele, viele Sachen, von denen ich keine Ahnung habe. Aber ich glaube, dass Menschen, die etwas einfacher gestrickt sind, es im Alltag oft leichter haben. Sie hinterfragen nicht jede Kleinigkeit. Sie analysieren nicht jedes Gespräch. Sie überlegen nicht drei Tage später noch, was jemand mit einem bestimmten Satz gemeint haben könnte. Sie erleben eine Situation und gehen anschließend einfach weiter. Ich aber erlebe eine Situation und eröffne innerlich eine sechsköpfige Untersuchungskommission. Mit Protokoll. Und mehreren Ausschüssen.

Und das betrifft eben nicht nur Dinge, die passiert sind. Auch die Dinge, die vielleicht passieren könnten. Ich spiele jedes bevorstehende Szenario tausendfach durch. Gespräche. Termine. Begegnungen. Entscheidungen. Nachrichten, die noch gar nicht geschrieben wurden. Ich kenne von allem bereits die Langfassung. Die Kurzfassung. Die Katastrophenfassung. Und meistens sehe ich natürlich nicht die Version, in der alles gut läuft. Sondern die, in der ich etwas Falsches sage. In der jemand komisch guckt. In der ein Satz falsch verstanden wird. In der ich zu spät komme. Oder irgendwo stehe und plötzlich nicht mehr weiß, warum ich überhaupt gekommen bin. Mein Kopf ist in solchen Momenten kein Kopf. Er ist ein schlecht geführtes Krisenzentrum. Mit Neonlicht. Kaltem Kaffee. Ohne gelbe Sicherheitswesten. Vielleicht lebt es sich leichter, wenn man die Dinge einfach hinnimmt, wie sie sind.

Und schon wieder sind tausend Tabs in meinem Kopf geöffnet. Der Mann an der Ampel scheint mir zum Beispiel nicht besonders belastet von der Frage zu sein, wer er wirklich ist. Er wartet einfach. Auf Grün. Seit gefühlt drei Stunden. Obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist. Vielleicht hat er die Sache verstanden. Vielleicht ist er einfach nur auf dem Weg zur Arbeit. Man weiß es nicht. Jedenfalls wirkt er nicht wie jemand, der morgens um kurz vor sechs über Identität, Lebenswege und die großen Fragen des Lebens nachdenkt. Er steht da. Die Ampel ist rot. Also wartet er. Fertig. Und ich? Ich versuche herauszufinden, wer ich bin, was ich mache, warum ich es mache und ob das überhaupt einen Unterschied macht. Wie viele Bundesländer hat Niedersachsen? Ich weiß es nicht. Wofür steht AOK? Keine Ahnung. Warum bleiben Menschen freiwillig um 5:59 Uhr an einer Fußgängerampel stehen, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist? Ebenfalls keine Ahnung.

Vielleicht ist das überhaupt mein Problem. Nicht, dass ich zu wenig Antworten habe. Sondern dass ich zu viele Fragen stelle. Warum hat jemand das gesagt? Warum hat jemand etwas nicht gesagt? Warum meldet sich jemand nicht? Warum verhält sich jemand so? Warum verhält sich jemand anders? Warum passiert etwas? Warum passiert etwas nicht? Irgendwann sitzt man zwischen all diesen Fragen wie ein Hausmeister in einem Gebäude voller Alarmanlagen und hat längst vergessen, welcher Ton eigentlich wichtig war. Dabei gibt es für viele Dinge vermutlich eine erstaunlich einfache Lösung. Menschen verhalten sich manchmal seltsam. Lass sie. Menschen antworten nicht. Lass sie. Menschen melden sich nicht mehr. Lass sie. Menschen treffen Entscheidungen, die man selbst niemals treffen würde. Lass sie.

Ich muss nicht alles verstehen, nicht, nicht alles analysieren. Nicht alles braucht einen Abschlussbericht meiner sechsköpfigen Untersuchungskommission. Vielleicht ist das der Grund, warum der Mann an der Ampel deutlich entspannter wirkt als ich. Die Ampel ist rot. Also wartet er. Die Ampel wird irgendwann grün. Also geht er weiter. Fertig. Kein Grübeln. Kein Hinterfragen. Keine Ausschüsse. Keine Protokolle. Nur ein Mann. Eine Ampel. Ein Montagmorgen. Und vielleicht steckt in dieser Ampel mehr Lebensweisheit als in den meisten Büchern über Persönlichkeitsentwicklung. Die Ampel springt auf Grün. Der Mann geht los. Die Frau mit dem Hund verschwindet um die nächste Ecke. Die Handwerker fahren aufn Bau. Und ich gehe weiter. Immer noch mit deutlich mehr Fragen als Antworten. Aber vielleicht ist das auch in Ordnung. Man muss schließlich nicht alles wissen. Zum Beispiel nicht, wofür AOK steht. Oder wie viele Bundesländer Niedersachsen hat. Wobei. Niedersachsen ist ja selbst ein Bundesland.