Wenn ich tot bin.
Einige Anmerkungen...
Vor ein paar Tagen saß ich mit meinem Vater am Küchentisch. Draußen regnete es. Nicht besonders stark. Eher dieser gleichmäßige Regen norddeutscher Art, der irgendwann einfach dazugehört. Im Raum roch es nach Kaffee und ein bisschen nach dem schwarzen Tee, den mein Vater seit Jahren trinkt. Er las die Zeitung online. Zumindest sah es so aus. Zwischendurch blickte er immer wieder aus dem Fenster. Auf der Scheibe liefen Regentropfen nach unten. Manche schnell. Manche langsam. Einige blieben kurz hängen, bevor sie weiterzogen. Es sah aus wie ein kleines Wettrennen. Wer zuerst unten ankommt. Wer unterwegs die anderen einsammelt. Wer gewinnt. Vollkommen sinnlos natürlich. Aber erstaunlich viele Dinge sehen mit etwas Abstand wie ein Wettbewerb aus. Mein Vater beobachtete das eine Weile. Dann klickte er wieder und sagte kurz darauf: „Oliver Brandt ist auch gestorben.“
Der Name stimmt übrigens nicht. Den habe ich geändert. Nicht, weil die Geschichte dadurch besser wird. Sondern aus Respekt vor dem Menschen, um den es geht.
Er sagte es ungefähr in demselben Tonfall, in dem andere Menschen erwähnen würden, dass morgen Regen angesagt ist. Ich kannte Oliver Brandt nicht. Wobei das auf dem Land manchmal schwer zu sagen ist. Man kennt jemanden. Oder jemanden, der jemanden kennt. Vielleicht hat man irgendwann vor fünfundzwanzig Jahren zusammen in einer Schlange vor einer Pommesbude gestanden. Oder auf einer Dorffete nebeneinander an der Theke. Ein paar Worte gewechselt. Ein Bier getrunken. Oder drölf. Und heute erinnert man sich nicht mehr daran. „Jahrgang 80“, sagte mein Vater. Ich nickte. Das war der Moment, in dem die Zahl plötzlich größer wirkte als sonst. 1980. Das sind Menschen in meinem Alter. Menschen mitten im Leben. Menschen, die vielleicht noch Pläne hatten. Menschen, die vermutlich noch Rechnungen bezahlen mussten. Menschen, die vielleicht dachten, sie hätten noch Jahrzehnte Zeit für all die Dinge, die man immer auf später verschiebt. Menschen, die eigentlich noch jeden Tag Zeit mit ihrer Familie, mit ihren Kindern hätten verbringen sollen. Mein Vater las weiter. Draußen liefen die Regentropfen ihr Rennen. Drinnen wurde es für einen Moment still. Und ich dachte daran, wie merkwürdig das eigentlich ist. Irgendwann wird jeder von uns zu einer dieser kurzen Meldungen. Ein Name. Ein Alter. Zwei Sätze am Küchentisch. Keine große Ankündigung. Kein Trommelwirbel. Nur ein Satz zwischen Kaffee, Zeitung und Regen. „Die Lichterandacht ist am Donnerstag“, sagte mein Vater. Dann las er weiter. Die Bestattung finde im engsten Familienkreis statt, stand dort.
Früher hätte an dieser Stelle vermutlich noch etwas vom Rosenkranz gestanden. Zumindest hier im Oldenburger Münsterland. Wenn jemand starb, trafen sich die Menschen an mehreren Abenden in der Kirche. Es wurde gebetet. Nicht drei Minuten. Nicht zwischen zwei Terminen. Sondern richtig. Die Kirche war manchmal voll. Manchmal nicht. Heute gibt es immer häufiger eine Lichterandacht. Kerzen brennen. Menschen sitzen schweigend in den Bänken. Es ist ruhiger geworden. Vielleicht auch etwas persönlicher. Statt monotonem Gebet gibt es Lieder, Geschichten und Fürbitten. Oft werden Lieder gespielt, die die verstorbene Person gemocht hat. Sofern sie natürlich in den katholischen Rahmen passen. Ob das anderswo genauso ist, weiß ich nicht. Bayern macht bei solchen Dingen ohnehin gern sein eigenes Programm. Dort gibt es gefühlt so viele kirchliche Feiertage, dass man manchmal den Eindruck bekommt, die Termine würden nach dem Motto festgelegt: Jesus wird schon irgendetwas gemacht haben. Draußen liefen die Regentropfen noch immer über die Scheibe.
Schon seltsam. Gestern habe ich noch darüber nachgedacht, wo ich mich in fünf Jahren sehe. Heute denke ich darüber nach, wie meine Beerdigung aussehen soll. Vielleicht gehört auch das zum Älterwerden. Dass man irgendwann feststellt, dass Fünfjahrespläne und Beerdigungen erstaunlich dicht beieinanderliegen können. Naja. Jedenfalls kam mir gerade der Gedanke, dass man solche Dinge vermutlich zu Lebzeiten sagen sollte. Danach ergibt es wenig Sinn. Dann entscheiden die Angehörigen. Und das ist auch völlig in Ordnung. Man selbst hat zu diesem Zeitpunkt vermutlich andere Termine. Deshalb mache ich das jetzt einfach öffentlich. So kann später niemand behaupten, er hätte von nichts gewusst. Außerdem sind Notare teuer. Ich vertraue stattdessen auf die Macht öffentlicher Dokumentation und das schlechte Gewissen einiger Hinterbliebener. Ob am Ende wirklich alles genauso umgesetzt wird, weiß ich natürlich nicht. Und ehrlich gesagt wird es mir dann auch ziemlich egal sein. Ich bin tot. Und wenn alles gut läuft, habe ich dann endlich meine Ruhe.
Was sein soll.
Ich bin nicht katholisch, nicht in der Kirche und dementsprechend fällt die Sache mit dem Rosenkranzgebet ohnehin schon mal weg. Hölle, Fegefeuer und ähnliche Einrichtungen sind schließlich eher christliche Angelegenheiten. Soweit ich weiß, bin ich davon nicht betroffen. Ich möchte aber auch keine Lichterandacht. Keine Abschiedsfeier. Keine Anzeige in der Zeitung. Keine Todesanzeige mit Sonnenuntergang, Tauben oder dem Satz, dass ich nun meinen Frieden gefunden hätte. Wenn ich meinen Frieden gefunden habe, werde ich das schon selbst merken.
Überhaupt habe ich nie verstanden, warum Menschen nach ihrem Tod plötzlich zu Veranstaltungen werden. Zu Programmpunkten. Zu Terminen mit Liederzetteln. Da stehen dann Menschen zusammen, die sich teilweise seit Jahren nicht gesehen haben. Manche wissen nicht so recht, was sie sagen sollen. Andere sagen deutlich mehr, als sie sollten. Irgendjemand fragt, ob es anschließend noch Kaffee und Kuchen gibt. Jemand erzählt eine Geschichte, die nicht ganz stimmt. Ein anderer erzählt eine, die niemand hören wollte. Und irgendwo sitzt ein entfernter Verwandter und überlegt, ob er anschließend noch zwei Frikadellen von Vorworld holen soll. So sind Menschen. Und das meine ich nicht einmal böse. Deshalb hätte ich gern die denkbar unspektakulärste Lösung.
Ich möchte verbrannt werden. Den Körper brauche ich dann ja eh nicht mehr. Ehrlicherweise war er in den letzten Monaten ohnehin zunehmend wartungsintensiv. Irgendwann fängt jedes Modell an zu klappern. Meistens fängt es von innen an. Außerdem hatte Feuer schon immer etwas Faszinierendes. Es spendet Wärme. Es beruhigt. Es vernichtet Dinge zuverlässig. Gut, letzteres klingt jetzt deutlich problematischer, als ich es gemeint habe. Ich möchte keine Grabstelle. Keinen Stein. Keine Vase. Kein Grablicht. Keinen Ort, an dem Menschen das Gefühl haben, sie müssten einmal im Jahr vorbeifahren, damit niemand denkt, sie hätten mich vergessen. Vergessen ist ohnehin ein merkwürdiges Wort. Die meisten Menschen werden nicht vergessen. Man denkt einfach nur nicht mehr an sie. Und das ist völlig normal.
Am liebsten wäre mir deshalb, irgendein Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens fährt irgendwann los. Vielleicht an einem Dienstag. Vielleicht nach seiner Frühstückspause. Vielleicht hört er dabei Radio. Vielleicht denkt er an seinen Feierabend. Und irgendwo auf diesem Weg verstreut er das, was von mir übrig ist, dort, wo er darf. Ohne Rede. Ohne Publikum. Ohne bedeutungsvolle Musik. Einfach so. Die Vorstellung gefällt mir. Kein Ort, an dem man mich besuchen kann. Kein Ort, an dem man Blumen ablegt. Kein Ort, an dem man traurig sein muss. Die Menschen können stattdessen spazieren gehen. Kaffee trinken. Ein Buch lesen. Mit ihren Kindern Zeit verbringen. Sich verlieben. Sich streiten. Wieder versöhnen. Leben eben.
Das erscheint mir sinnvoller als um mich zu trauern oder an mich zu denken. Ich komm eh nicht nochmal zurück. Da müsste ich ja schon bescheuert sein. Und falls sich irgendwann doch jemand an mich erinnert, dann hoffentlich nicht wegen eines Grabsteins. Sondern wegen einer Geschichte. Oder eines Satzes. Oder weil ich irgendjemandem irgendwann völlig ungefragt erzählt habe, warum man nachts um drei spazieren gehen sollte oder wie wir von der Insel Spiekeroog geworfen wurden. Das würde mir reichen.
Der Gedanke gefällt mir. Einfach verschwinden. Ohne Abschied. Ohne Musik. Ohne Menschen, die sich fragen, ob sie etwas hätten anders machen können. Wie ein Tropfen Wasser, der kurz aus dem Ozean springt und irgendwann wieder Teil von ihm wird. So, wie er es eigentlich die ganze Zeit gewesen ist.
„Der Sportverein hat übrigens das Derby gegen den Nachbarort verloren“, sagte mein Vater.
Ich nickte. Dann wurde es wieder still. Das Leben hat eine bemerkenswerte Eigenschaft. Es geht weiter. Vollkommen unabhängig davon, was wir davon halten. Der Regen fällt. Irgendwo verliert jemand ein Fußballspiel. Irgendwo wird Kaffee gekocht. Irgendwo sitzt jemand am Küchentisch und macht Pläne für die nächsten zehn Jahre. Während ein anderer gerade erfährt, dass er vielleicht gar keine zehn Jahre mehr hat. Die Welt hält nicht an. Nicht für Fußballvereine. Nicht für Liebeskummer. Nicht für Trennungen. Nicht für uns. Und vielleicht liegt genau darin etwas, dass ich richtig gut finde. Vergessenwerden hat in meinen Gedanken nichts Bedrohliches mehr. Eher etwas Friedliches. Die meisten Menschen wollen Spuren hinterlassen. Etwas Bleibendes schaffen. Einen Ort, an dem man sich an sie erinnert. Ich kann das verstehen. Aber immer öfter denke ich, dass auch das Verschwinden seinen Reiz hat. Nicht ausgelöscht werden. Nicht ausradiert. Eher zurückkehren. In das große Durcheinander aus Erinnerungen, Geschichten und vergangenen Tagen. Dort, wo irgendwann alles landet. Die guten Entscheidungen. Die schlechten. Die großen Erfolge. Die peinlichen Momente. Die Gespräche. Die Spaziergänge. Die Menschen. Vielleicht, weil am Ende ohnehin alles weiterläuft und nichts von dem, was war noch wichtig ist. Alles läuft einfach weiter.
Der Regen.
Die Fußballspiele.
Und das Leben.
Nur man selbst ist irgendwann kein Teil mehr davon.
Und vielleicht ist auch das völlig in Ordnung.