Wagen 4.
Reisetagebuch Teil I
Bremen. Hauptbahnhof. 6:43 Uhr. Der ICE 515 nach München steht bereits am Gleis. Noch bewegt sich kaum etwas. Der Zug wartet. Die Menschen nicht. Auf den Bahnsteigen herrscht bereits Betrieb. Geschäftsleute mit Rollkoffern, die aussehen, als würden sie gleich ein Land übernehmen. Männer natürlich. Menschen in Malerhosen mit Thermobechern in der Hand. Frauen mit großen Schals und diesem Gesichtsausdruck von jenen, die seit Jahren zu wenig schlafen und trotzdem pünktlich funktionieren. Dazwischen Studenten, Familien, einzelne Reisende mit Rucksäcken, die aussehen, als wollten sie für mehrere Monate verschwinden, obwohl sie wahrscheinlich nur bis Kassel fahren.
Bahnhöfe riechen überall gleich. Nach Metall. Nach Bremsstaub. Nach Kaffee, der besser riecht als er schmeckt. Nach Backwaren, die seit vier Uhr morgens in beleuchteten Auslagen liegen und trotzdem so tun, als wären sie gerade erst aus dem Ofen gekommen. Und natürlich nach Zigarettenrauch. Offiziell gibt es dafür diese kleinen markierten Raucherbereiche auf dem Boden. In der Realität verteilt sich der Rauch aber wie eine schlechte politische Partei einfach überallhin. Direkt am Gleis, natürlich abseits des Raucherbereis, steht ein Mann im Anzug und raucht mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge davon die Zukunft Europas ab. Neben ihm diskutieren zwei ältere Frauen darüber, ob Gleis 3 schon immer auf der anderen Seite gewesen sei. Mir fällt auf, Menschen führen auf Bahnhöfen erstaunlich oft Gespräche über Gleise.
Ich guck kurz auf die Uhr und gehe schneller. Glas 2. Gleis 8. Treppen runter. Treppen rauf. Vorbei an Menschen, die entweder mehr Zeit haben als ich oder sich einfach nicht mehr beeilen. Beides wirkt plötzlich beneidenswert. Eine Familie bleibt mitten auf der Treppe stehen, weil der Vater beschlossen hat, jetzt sofort die Fahrkarten zu kontrollieren. Natürlich. Hinter ihm entsteht innerhalb weniger Sekunden eine Stimmung wie kurz vor einer kleinen Revolte. Als ich schließlich am Zug ankomme, piept die Tür dieses leicht vorwurfsvolle Geräusch, das Züge offenbar extra für Menschen entwickelt haben, die außer Atem einsteigen. Ein Knopfdruck. Die Tür öffnet sich. Wagen 4.
Drinnen sofort diese typische Ruhe. Gedämpfte Stimmen. Das Rascheln von Jacken. Menschen verstauen Taschen mit einer Hingabe, als würden sie komplizierte Möbel aufbauen. Eine Frau wischt sorgfältig ihren Platz am Tisch ab, obwohl er sauber aussieht. Auf einem Platz sitzt ein Mann mit Outdoorjacke und Nackenkissen, der schon jetzt aussieht, als hätte er die Reise emotional hinter sich gebracht. Ich nehme Platz am Fenster. Draußen ziehen noch Menschen über den Bahnsteig. Manche gestresst. Manche langsam. Manche mit diesem verlorenen Blick von Reisenden, die entweder zu früh oder zu spät dran sind. Ein junger Mann rennt plötzlich los, obwohl der Zug noch gar nicht fährt. Wahrscheinlich gehört Rennen einfach zum Bahnhofserlebnis dazu. Wie Kaffee oder schlechte Lautsprecherdurchsagen. Man kennt das. Dann setzt sich der Zug langsam in Bewegung. Diese ersten Sekunden mag ich immer. Das vorsichtige Rollen. Das leichte Zittern im Boden. Als würde der Zug erst selbst überlegen, ob er die Reise wirklich antreten möchte. Bremen beginnt langsam vorbeizugleiten. Beton. Gleise. Lagerhallen. Graffiti. Irgendwo sitzt ein Mann allein auf einer Bank und trinkt Kaffee aus einem Pappbecher, während hinter ihm die Stadt langsam heller wird. Ich lehne mich zurück. Sechs Stunden bis Ulm. Zum ersten Mal an diesem Morgen muss ich nirgendwo mehr hin.
Hinter Osnabrück wird der Himmel langsam heller. Dieses Morgenlicht, das alles gleichzeitig freundlich und etwas müde aussehen lässt. Felder ziehen am Fenster vorbei. Einzelne Höfe. Windräder. Dazwischen Straßen, auf denen bereits Menschen unterwegs sind, während ich hier im ICE sitze und seit einer Stunde nichts anderes tue, als aus dem Fenster zu sehen und Kaffee zu trinken, der vermutlich hauptsächlich aus heißem Wasser und Hoffnung besteht. Im Wagen ist es herrlich still. Dieses hektische Einsteigen liegt hinter allen. Die Menschen sind angekommen. Zumindest vorübergehend. Der Mann mit dem Nackenkissen schläft mittlerweile wirklich. Mund leicht offen. Hände auf dem Bauch verschränkt wie jemand, der entweder tiefenentspannt ist oder transportiert wird. Das er etwas sabbert, erzähl ich nicht. Quasi daneben, auf der anderen Seite des Ganges, arbeitet eine Frau hochkonzentriert an irgendetwas wichtigem. Mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge die Stabilität der europäischen Wirtschaft direkt von ihrem Getippe ab. Ich stehe auf und gehe kurz Richtung Bordbistro. Allein der Weg dorthin ist wie eine kleine Dokumentation über deutsche Bahnreisen. Menschen balancieren Kaffee durch die Gänge, als würden sie Sprengstoff transportieren. Irgendwo klingelt ein Handy. Zwei Männer in grünen Pullovern diskutieren mit beeindruckender Leidenschaft darüber, ob man in Bayern besser wandern könne als in Südtirol. Einer von ihnen trägt eine Hose mit so vielen Taschen, dass darin vermutlich Werkzeug, Müsliriegel und eine mittelgroße Midlife-Crisis gleichzeitig Platz hätten. Im Bordbistro riecht es nach Kaffee, Käsebrezeln und dieser eigentümlichen Wärme, die nur Züge erzeugen. Vor mir bestellt ein Mann drei Bier. Es ist kurz vor neun Uhr morgens. Niemand hinterfragt das. Vielleicht gelten im ICE andere Regeln. Vielleicht verliert Zeit auf Bahnfahrten einfach auch ihre Bedeutung. Ich nehme meinen zweiten Kaffee und gehe zurück zum Platz. Draußen wird die Landschaft langsam weiter. Grüner. Ruhiger. Deutschland sieht aus dem Zug oft friedlicher aus, als es wahrscheinlich ist.
Eigentlich fahre ich nach Oberstdorf. Über Ulm. Eine Ferienwohnung für ein paar Tage. Das erste Mal seit langer Zeit wirklich allein unterwegs. Kein Terminplan. Kein ständiges Telefon. Kein Gefühl, sofort irgendwo reagieren zu müssen. Mein Macbook habe ich trotzdem dabei. Natürlich. Wahrscheinlich gehört es inzwischen zur modernen Definition von Sicherheit, einen Computer mit sich herumzutragen, selbst wenn man eigentlich weg möchte. Außerdem fällt man mit einem MacBook im ICE deutlich weniger auf. Menschen mit MacBooks wirken automatisch so, als hätten sie einen Plan. Selbst wenn sie nur ziellos irgendwas öffnen und alle zehn Minuten an ihrem Kaffee nippen. Die Kamera liegt in der Tasche im Gepäckfach. Allein der Gedanke daran beruhigt mich etwas. Vielleicht weil eine Kamera immer bedeutet, dass man genauer hinsieht. Oder zumindest so tut. Ich freue mich auf Berge. Auf klare Luft. Auf dieses Gefühl, morgens irgendwo fremd zu sein, Kaffee zu trinken und nicht zu wissen, wie der Tag endet. Vielleicht laufe ich einfach durch Oberstdorf. Vielleicht sitze ich stundenlang irgendwo am Fenster einer Bäckerei und beobachte Menschen mit Wanderschuhen und Gehstöcken. Orte in den Bergen ziehen erstaunlich viele Männer an, die aussehen, als hätten sie sich vor zwei Wochen spontan entschieden, jetzt „outdoor“ zu sein. Der Zug fährt ruhig weiter. Ab und zu ruckelt es leicht. Irgendwo hinter Dortmund kommt plötzlich Sonne durch die Wolken und für einen kurzen Moment sieht selbst ein Industriegebiet fast schön aus. Ich lehne mich zurück und schalte mein Handy in den Flugmodus. Es ist erstaunlich, wie sehr sich Nicht-Erreichbarkeit inzwischen wie Luxus anfühlt.
Ulm hat angeblich den höchsten Kirchturm der Welt. Das sagt zumindest jeder zweite Mensch, sobald das Wort „Ulm“ fällt. Ich konnte ihn tatsächlich vom Bahnhof aus sehen. Groß. Eindrucksvoll. Sehr gotisch. Besichtigt habe ich ihn trotzdem nicht. Wahrscheinlich gibt es zwei Arten von Reisenden. Die einen sehen eine historische Sehenswürdigkeit und denken sofort an Kultur. Die anderen sehen eine historische Sehenswürdigkeit und fragen sich, ob man vorher noch irgendwo etwas essen kann. Ich gehöre zuverlässig zur zweiten Gruppe. Also laufe ich erstmal fast blind über die Straße, Richtung Innenstadt und hole mir etwas zu essen. Nichts Besonderes. Irgendein schneller Imbiss zwischen Bäckerei, Handyladen und Menschen, die aussehen, als hätten sie den Anschlusszug gerade um sieben Sekunden verpasst. Bahnhofsviertel gleichen sich erstaunlich oft. Egal ob Bremen, Hannover oder Ulm. Überall dieselben Geschäfte. Dieselben Gerüche. Dieselben Tauben mit dieser Selbstverständlichkeit, als würde ihnen all die Gebäude gehören. Eine Stunde Aufenthalt in Ulm klingt auf dem Papier nach ausreichend Zeit. In der Realität reicht es ungefähr für drei Dinge: kurz orientieren, etwas essen und sich einmal unnötig stressen, obwohl eigentlich genug Zeit ist.
Zurück am Bahnhof wartet auf Gleis 4 Süd bereits die R75 Richtung Oberstdorf. Deutlich kleiner als der ICE. Weniger Businessmenschen. Mehr Wanderschuhe. Mehr Rucksäcke. Mehr Menschen, die funktionale Outdoorbekleidung tragen, als würden sie gleich alleine den Himalaya überqueren, obwohl vermutlich die meisten einfach nur irgendwo eine Ferienwohnung mit WLAN gebucht haben. Ich steige ein und suche mir einen Platz am Fenster. Noch gute zwei Stunden. Dann bin ich da.
Dann gibt es Kaffee. Frische Luft. Vielleicht ein offenes Fenster irgendwo mit Blick auf Berge. Vielleicht einfach mal Ruhe ohne irgendein Gerät, das blinkt oder vibriert oder dringend Aufmerksamkeit möchte. Vorher muss ich allerdings noch einkaufen. Lebensmittel. Wasser. Irgendwelche Süßigkeiten, die man im Alltag nie kaufen würde, im Urlaub aber plötzlich für absolut vernünftige Entscheidungen hält. Und Unterhosen. Wobei Letzteres inzwischen fast schon traditionell zu meinen schlechtesten Reisevorbereitungen gehört. Andere Menschen denken vor Abfahrten offenbar an Zahnbürsten, Ladegeräte oder Wetterberichte. Ich fahre knapp achthundert Kilometer Richtung Alpen und stelle irgendwo hinter Ulm fest, dass mein Verhältnis zu sauberer Wäsche eher von Hoffnung als von Planung geprägt ist. Tja. Egal. Das wird schon. Irgendwie.