Nicht irgendwann.
Jetzt.
Es ist kurz nach acht. Ich sitze in einer kleinen Bäckerei. Nicht in so einer Bäckerei, die aussieht, als hätte ein Innenarchitekt vorher drei Wochen überlegt, wie Brot möglichst skandinavisch wirken kann. Sondern in einer normalen Bäckerei. Mit kleinen Tischen, hellen Lampen, einer Theke, hinter der Menschen arbeiten, die morgens vermutlich schon mehr Sätze gehört haben als andere an einem ganzen Montag. Vor mir steht Kaffee. Daneben liegt ein belegtes Brötchen. Beides eine gute Entscheidung. Vielleicht sogar wie die beste Entscheidung heute morgen. Mein MacBook steht auf dem Tisch, was in einer Bäckerei immer ein bisschen aussieht, als hätte jemand sein Büro verloren und versuche jetzt, es zwischen Körnerbrötchen und Serviettenspender wieder aufzubauen. Egal. An der Theke bestellen Menschen Brötchen. Brot. Kaffee zum Mitnehmen. Eine Frau bestellt sechs normale Brötchen, dann doch acht, dann fragt sie nach Dinkel. Der Mann hinter ihr sieht kurz so aus, als hätte er innerlich bereits gekündigt. Nicht seinen Job. Den Tag. Einen Moment später bestellt jemand Kuchen. Kuchen. Morgens um acht.Ich finde das richtig.
Wahrscheinlich gibt es ohnehin viel zu wenige Menschen, die morgens um acht den Mut haben, Kuchen zu bestellen. Die meisten tun so, als gäbe es für Kuchen eine gesellschaftlich akzeptierte Uhrzeit. Als hätte irgendjemand in einem Ministerium festgelegt, dass Kuchen erst ab 15 Uhr als anständig gilt. Aber das ist natürlich Blödsinn. Kuchen kennt keine Uhrzeit. Kuchen ist eher so eine stille Übereinkunft mit dem Leben. Eine kleine, süße Kapitulation vor der Vernunft. Und irgendwo ist ja immer 15 Uhr. Vielleicht nicht hier. Aber irgendwo.
Ich nehme einen Schluck Kaffee und muss wieder an Ferdinand denken. Ferdinand hatte vor einiger Zeit diesen Satz gesagt, der seitdem in meinem Kopf herumliegt wie ein Gegenstand, den niemand wegräumt, weil alle ahnen, dass er noch gebraucht wird. „Sterben“, sagte Ferdinand, „ist immer das Letzte, was du tun solltest.“ Ferdinand sagt solche Dinge eher nebenbei. Als hätte er gerade festgestellt, dass der Kaffee etwas dünn. Aber der Satz blieb.
Sterben ist immer das Letzte, was du tun solltest.
Das klingt erst einmal nach einer dieser Wahrheiten, die so logisch sind, dass niemand sie ernst nimmt. Natürlich ist Sterben das Letzte. Rein organisatorisch betrachtet ist danach nicht mehr viel einzutragen. Kein Zahnarzttermin. Keine Steuererklärung. Kein „ich müsste eigentlich mal“. Kein „nächste Woche fange ich an“. Kein „wenn es ruhiger wird“. Keine Fitnessuhr, die einem mitteilt, dass die Regeneration nicht optimal sei. Sterben ist der letzte Punkt auf der Liste. Punkt. Aber vielleicht, denke ich, sollte vor diesem letzten Punkt in jedem Fall noch Kuchen stehen. Nicht unbedingt als Lebenskonzept. Eher als Sicherheitsmaßnahme.
Vor einigen Wochen saß ich in einer Buchhandlung. Nicht weit von hier. Genauer gesagt saß ich auf einer Treppe, weil Buchhandlungen zu den wenigen Orten gehören, an denen erwachsene Menschen noch auf Treppen sitzen dürfen, ohne dass sofort jemand fragt, ob alles in Ordnung ist. In Buchhandlungen sieht fast alles nach Denken aus. Selbst Sitzen. Selbst zielloses Blättern. Selbst dieses Herumstehen vor einem Regal, bei dem man so tut, als suche man ein bestimmtes Buch, obwohl man in Wahrheit nur kurz aus dem eigenen Leben ausgestiegen ist. Ich hatte ein kleines Notizbuch in der Hand. Eine Bucket-List. Oder, wie es in Deutschland manchmal heißt: eine Löffelliste. Löffelliste ist natürlich ein Wort, bei dem sofort jede Sehnsucht in Hausschuhen das Zimmer verlässt. Bucket-List klingt nach weitem Himmel, altem Jeep, vielleicht ein bisschen Staub auf der Straße und einem Menschen, der am Meer steht und sein Leben neu sortiert. Löffelliste klingt nach Besteckkasten, Seniorenbeirat und einem laminierten Aushang im Vereinsheim. Aber gut. Sprache ist manchmal eine Zumutung. Wir haben uns daran gewöhnt. Immerhin sagen wir auch „Feierabend“ und meinen damit oft nur den Moment, in dem wir erschöpft auf dem Sofa sitzen und nicht mehr wissen, warum wir das Handy geöffnet haben.
Ich blätterte also in diesem Buch. Die Idee gefiel mir sofort. Eine Liste mit Dingen, die ich erleben möchte, bevor ich sterbe. Das ist im Grunde eine sehr einfache Sache. Fast brutal einfach. Du schreibst auf, was du noch machen willst. Nicht was vernünftig wäre. Nicht was andere erwarten. Nicht was sich gut in einem Gespräch anhört, in dem alle so tun, als hätten sie ihr Leben im Griff. Sondern das, was wirklich da ist. Die Reise. Der Ort. Das Gespräch. Der Sprung. Die Wanderung. Der Brief. Das Abenteuer. Der kleine Schwachsinn, der eigentlich keinen Zweck hat, aber trotzdem nach Leben riecht. Das Buch selbst gefiel mir allerdings nicht besonders.
Es war nicht schlecht. Das wäre ungerecht. Es lag da. Es hatte Seiten. Linien. Ein paar Zitate. Vermutlich gute Absichten. Und gute Absichten sind ja das, womit sehr viele Dinge anfangen, bevor sie dann aussehen wie ein Elternabend in Papierform. Aber mir fehlte etwas. Vielleicht Haltung. Vielleicht Humor. Vielleicht dieser kleine Schubser, den ein solches Buch braucht. Nicht im Sinne von „Du musst dein Leben ändern“, weil bei solchen Sätzen sofort irgendwo ein Coach aus einem Leasing-SUV steigt und ein Webinar verkaufen möchte. Nein. Eher im Sinne von: Jetzt schreib endlich auf, was du willst. Du musst dafür nicht sofort nackt durch Patagonien laufen und deine Kindheit komplett aufzuarbeiten. Es reicht, ehrlich zu sein. Und das Buch in meiner Hand war mir zu brav. Zu ordentlich. Zu lieb. Zu sehr „Hier kannst du deine Träume notieren“ und zu wenig „Junge, du bist Mitte vierzig, vielleicht solltest du langsam mal anfangen, bevor deine Knie eigene Interessen entwickeln.“ Ich saß also auf dieser Treppe, hielt dieses Notizbuch in der Hand und dachte: Das könnte ich irgendwann selbst machen.
Irgendwann.
Da war es. Dieses Wort. Dieses kleine, harmlose und trotzdem verfickte Wort. Irgendwann. Ich legte das Buch zurück, stellte es einfach wieder ins Regal, was die bürgerlichste Form der Ablehnung ist. Dann verließ ich die Buchhandlung, ging auf die Straße und musste lachen. Nicht laut. Nicht so, dass Leute stehen geblieben wären. Eher dieses kurze Lachen, das entsteht, wenn man merkt, dass man gerade selbst der Idiot in der Geschichte ist. Das ist zwar unangenehm. Aber immerhin ehrlich. Ich hatte ernsthaft gedacht, ich könnte irgendwann eine Bucket-List machen. Irgendwann. Eine Liste, deren einziger Zweck darin besteht, Dinge nicht auf irgendwann zu verschieben. So dumm. Das muss man auch erst einmal schaffen. Das ist ungefähr so, als würde man sich ein Buch über Ordnung kaufen und es dann ungelesen auf den Stapel mit den anderen Büchern über Ordnung legen. Oder als würde man eine App herunterladen, die einem helfen soll, weniger am Handy zu sein. Der Mensch ist ein erstaunliches Wesen. Er kann Feuer machen, Brücken bauen, Raumsonden losschicken und gleichzeitig denken, irgendwann eine Liste zu erstellen, mit Dingen, die er machen möchte, bevor er stirbt. Vielleicht ist „irgendwann“ überhaupt eines der gefährlichsten Wörter, die wir haben. Es klingt weich. Freundlich. Offen. Nach Möglichkeit. Aber in Wahrheit ist es oft nur ein hübscheres Wort für nie.
Irgendwann fahre ich ans Meer.
Irgendwann springe ich mit dem Fallschirm.
Irgendwann melde ich mich bei dem Menschen.
Irgendwann fahre ich mit dem Van durch Norwegen.
Irgendwann fange ich wieder an zu filmen.
Irgendwann ändere ich etwas.
Irgendwann nehme ich mir Zeit.
Irgendwann ist praktisch. Es verlangt nichts. Es hat keinen Termin. Keine Uhrzeit. Keine Verantwortung. Es steht da wie ein sehr höflicher Ausweichtermin im Kalender des Lebens. Und genau deshalb ist es eigentlich ziemlich scheiße. Denn irgendwann fühlt sich nicht nach Aufgabe an. Es fühlt sich nach Hoffnung an. Dabei ist es oft nur eine Art Verschiebung mit besserem Image. Ich ging aus der Buchhandlung und dachte: Nein. NICHT IRGENDWANN.
Nicht, weil ich plötzlich ein anderer Mensch geworden wäre. So funktioniert das nicht. Niemand geht in eine Buchhandlung, sieht ein Notizbuch und kommt als disziplinierter Abenteurer wieder heraus. Das Leben ist keine Montage-Sequenz aus einem mittelmäßigen Film, in der jemand neue Schuhe anzieht, drei inspirierende Sätze hört und ab dann sein komplettes Leben im Griff hat. Aber manchmal reicht ein Moment. Eine Treppe. Ein Buch. Ein Satz. Ein dummes Wort an der falschen Stelle. Und plötzlich begreift man endlich, wie selten dämlich man sich selbst im Weg steht. Ich wollte kein braves Notizbuch, in das Menschen ihre Träume schreiben und es dann in eine Schublade legen, wo es zwischen Bedienungsanleitungen, alten Ladekabeln und vergessenen Garantiekarten langsam stirbt.
Ich wollte ein Buch, das ein bisschen mehr nach Leben klingt.
Nach Kaffee. Nach Zweifel. Nach Aufbruch. Nach „mach mal“. Nach „nicht perfekt, aber geil“. Nach Dingen, die nicht erst passieren dürfen, wenn Konto, Wetter, Rücken, Mut und innere Verfassung eine gemeinsame Freigabe erteilt haben. Denn wenn man auf den perfekten Moment wartet, kann man sich auch gleich einen Klappstuhl nehmen. Das dauert nämlich. Der perfekte Moment kommt selten. Oder nie. Meistens kommt ein Dienstag. Oder Regen. Oder eine Rechnung. Oder ein Anruf. Oder ein Körperteil, das plötzlich findet, es sei jetzt alt genug für Beschwerden. Oder irgendeine Nachricht, die den ganzen Tag in eine andere Richtung schiebt. Oder direkt der Todeszeitpunkt. Der kommt ja eh ungefragt. Das Leben fragt eben nicht, ob es gerade passt. Es läuft einfach weiter. In Bäckereien. An Theken. Auf Straßen. In Buchhandlungen. Zwischen Kaffee und Kuchen. Zwischen Plänen und Ausreden. Zwischen dem, was wir tun wollen, und dem, was wir dann tatsächlich tun.
Vielleicht braucht man deshalb so eine Liste. Jetzt nicht als Beweis, dass man ein besonders aufregender Mensch ist. Nicht als Wettbewerb. Nicht als Instagram-Futter für Leute, die barfuß auf Felsen stehen und in die Ferne schauen, als hätten sie gerade ihre Stromabrechnung spirituell verarbeitet. Sondern für sich. Als Erinnerung. An das, was noch offen ist. An das, was noch ruft. An das, was nicht erledigt werden will, sondern erlebt.
Ich glaube, eine Bucket-List ist keine Liste für den Tod. Sie ist eine Liste für das Leben. Der Tod steht nur am Ende daneben und macht diese unangenehme Sache, die er nun mal macht: Er sorgt dafür, dass die Zeit nicht unendlich wirkt. Was unhöflich ist, aber vermutlich wirkungsvoll. Ferdinand, die alte Hundelunge hatte also recht. Sterben ist immer das Letzte, was du tun solltest. Vorher sollte man noch ein paar Dinge machen. Vielleicht erstmal eine Liste schreiben. Nicht irgendwann. Jetzt. Oder wenigstens heute.
Das klingt klein. Ist es aber nicht. Ich sitze noch immer in der Bäckerei. Der Kaffee ist inzwischen fast leer. Das Brötchen aufgegessen. An der Theke bestellt jemand zwei Franzbrötchen und sagt sicherheitshalber dazu, dass es „nur für zwei Personen“ sei. Niemand fragt nach. Und es interessiert auch niemanden. Das ist wahrscheinlich das Schöne an Bäckereien. Sie urteilen nicht. Sie verkaufen. Ich klappe mein MacBook nicht zu. Noch nicht. Denn genau hier, zwischen Kaffee, Brötchen, Kuchen und dem ganz normalen Morgenbetrieb, arbeite ich die Idee weiter aus. Meine Bucket-List ist fertig. Also nicht die Liste, sondern das Werkzeug. Das Buch. 247 Seiten. Eine Möglichkeit, die Dinge zu finden, die nicht länger auf irgendwann warten sollen. Hundert Dinge Dinge. Große. Kleine. Dumme. Mutige. Peinliche. Schöne. Unnötige. Wichtige. Dinge, bei denen man später vielleicht sagt: War nicht vernünftig. Aber gut. Und vielleicht ist genau das ein ziemlich brauchbarer Maßstab. Nicht alles muss vernünftig sein. Manches muss nur lebendig sein.

Und dann passierte etwas, das ich in solchen Momenten selbst immer ein bisschen verdächtig finde. Ich habe es gemacht. Nicht perfekt. Nicht mit einem Businessplan, der so umfangreich ist, dass schon beim Lesen der Wille zur Existenz verschwindet. Ich habe mich einfach hingesetzt. An den Küchentisch. In Cafés. In Bäckereien. Überall dort, wo ein MacBook stehen kann, ohne dass jemand sofort fragt, ob das jetzt Arbeit oder Flucht ist. Wobei die Grenze da manchmal erstaunlich dünn ist. Ein belegtes Brötchen daneben, Kaffee in Reichweite, Kopf irgendwo zwischen „Das könnte gut werden“ und „Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?“ Also im Grunde der aktuelle Normalzustand in meinem Leben.
Ich fing an, Texte zu schreiben. Ich zog Linien. Setzte Seiten. Schob Kästen von links nach rechts und wieder zurück, weil Menschen offenbar nicht nur Möbel umstellen, sondern auch Textfelder. Ich überlegte, wo Platz sein musste. Wo Luft. Wo jemand später etwas eintragen würde. Wo eine Frage stehen sollte. Wo besser keine Frage stand. Ich schrieb Überschriften. Verwarf Überschriften. Schrieb neue Überschriften. Dann sah ich sie mir an und dachte: Hm. Dieses „Hm“ ist beim Gestalten ein sehr ernstzunehmender Moment. Es bedeutet selten etwas Gutes, aber fast immer etwas Nötiges.
Ich erstellte Grafiken mit KI. Das muss man heute dazusagen, weil wir in einer Zeit leben, in der Menschen einerseits Raumsonden zum Mars schicken, andererseits aber noch immer nicht zuverlässig erkennen, ob ein Bild echt ist, wenn eine Hand plötzlich zwölf Finger hat und der Hintergrund aussieht, als hätte ein Architekt im Fieber geträumt. Also ja. KI. Nicht als Ersatz für Idee. Eher als Werkzeug. Wie ein Stift. Nur mit mehr Rechenleistung und einer gelegentlich fragwürdigen Auffassung von menschlicher Anatomie.
Dann stellte ich alles selbst zusammen. In Illustrator. Text. Grafik. Linien. Seitenzahlen. Abstände. Weißräume. Und dann lag da eine Datei. Eine fertige Datei. Was natürlich gelogen ist. Sowas ist nie fertig. Sie ist nur der Moment, in dem man entscheidet, dass weitere Änderungen vermutlich mehr Schaden anrichten als Nutzen. Auch das ist eine Lebensweisheit, die nicht auf Kaffeetassen gedruckt werden sollte, obwohl sie vermutlich wahrer ist als die meisten. Dann kam der Probedruck. Ich schlug das Paket auf wie jemand, der gleichzeitig neugierig und bereit für eine kleine persönliche Niederlage ist. Auch das kennt man ja. Diese Mischung aus Vorfreude und dem leisen Verdacht, dass gleich irgendwo ein sehr offensichtlicher Fehler auftaucht, den man vorher 189 Mal übersehen hat.
Und natürlich fand ich Dinge. Kleine Dinge. Abstände. Linien. Seiten. Stellen, die plötzlich anders wirkten. Texte, die auf Papier nicht mehr ganz so klangen wie auf dem Bildschirm. Grafiken, die noch Luft brauchten. Oder weniger Luft. Oder einfach einen Menschen, der sich kurz zusammenreißt und eine Entscheidung trifft. Also überarbeitete ich alles noch einmal. Nicht ein bisschen. Richtig. Ich ging wieder rein. Seite für Seite. Zeile für Zeile. Ich veränderte, strich, setzte neu, prüfte, zweifelte und tat zwischendurch so, als hätte ich alles im Griff. Und jetzt ist es fertig.
Das Buch ist fertig. Ein echtes Buch. Eines, das bald gekauft werden kann. Eines, in das Menschen schreiben können. Eines, das nicht nur hübsch herumliegen soll, damit ein Couchtisch wirkt, als hätte der Besitzer ein Innenleben. Sondern eines, das benutzt werden will. Angefasst. Aufgeschlagen. Vollgeschrieben. Vielleicht auch ein bisschen schief. Mit Kaffee daneben. Mit durchgestrichenen Ideen. Mit Dingen, die erst albern wirken und später vielleicht wichtiger werden, als gedacht. Und während ich auf den Probedruck wartete, tat ich allerdings nicht das, was vernünftige Menschen vielleicht getan hätten. Also warten.
Ich kann das nicht besonders gut. Warten ist für mich eine Tätigkeit, bei der der Körper still ist und der Kopf Möbel rückt. Also schrieb ich eine Webseite. Natürlich. Weil es nicht reicht, ein Buch zu machen. Nein. Da muss dann noch eine Webseite her. Ein Ort für das Projekt. Ein Zuhause im Internet. Eine Seite für dieses Buch. Für diese Idee. Für dieses „Nicht irgendwann“. Für Texte über Ziele, Wünsche, Träume und diesen ganzen Kram, der sofort schlimm klingt, wenn Menschen mit zu weißen Zähnen darüber sprechen, aber erstaunlich brauchbar wird, wenn man ihn ernst meint und trotzdem nicht so tut, als hätte das Universum einem persönlich eine PowerPoint geschickt. Und weil eine Webseite offenbar noch nicht reichte, schrieb ich auch ein WordPress-Plugin. Für eine Bucket-List.
Das klingt schon ziemlich bescheuert. I know. Aber genau dieses Bescheuerte gefällt mir daran. Ich baue ein Buch, in das Menschen ihre Ziele schreiben können, und programmiere nebenbei ein Plugin, mit dem sich solche Ziele digital organisieren lassen. Sortieren. Eintragen. Verschieben. Wiederfinden. Nicht abarbeiten. Das Wort mag ich nicht.
Abarbeiten klingt nach Aktenordner. Nach Pflicht. Nach Montagmorgen. Nach Menschen, die „Workflow“ sagen und dabei ernst bleiben. Eine Bucket-List sollte nicht abgearbeitet werden. Sie sollte erlebt werden. Vielleicht Schritt für Schritt. Vielleicht chaotisch. Vielleicht mit Umwegen. Vielleicht mit Fehlern. Aber nicht wie eine Liste im Baumarkt, auf der Dübel, Silikon und ein Gefühl von innerer Leere stehen.
Ich fing auch selbst an, meine Liste zu erarbeiten. Und das war der Moment, in dem aus dem Projekt noch einmal etwas anderes wurde. Denn plötzlich war es nicht mehr nur ein Buch, das ich gemacht hatte. Es war ein Werkzeug. Für mich. Das klingt klein, ist es aber nicht. Ich saß da und schrieb Dinge auf. Große Dinge. Kleine Dinge. Dinge, die sofort machbar wirkten. Dinge, bei denen ich selbst dachte: Torsten, komm mal kurz klar. Dinge, die mich reizten. Dinge, die mich überforderten. Dinge, die eigentlich keinen Nutzen hatten, außer dass sie sich nach Leben anfühlten.
Und genau das war der Punkt. Es baute mich auf. Nicht auf diese „Du kannst alles schaffen“-Art, bei der man schon nach drei Sekunden das Bedürfnis bekommt, jemanden mit einem Motivationskalender zu erschlagen. Ich merkte, was passiert, wenn man wieder Ziele hat. Nicht Pflichten. Ziele. Nicht diese Ziele, die in Bewerbungsgesprächen gut klingen. Nicht „in fünf Jahren sehe ich mich in einer verantwortungsvollen Position mit Entwicklungspotenzial“, während innerlich ein kleiner Teil bereits den Notausgang sucht. Sondern Ziele, die etwas mit einem selbst zu tun haben.
Mit Sehnsucht. Mit Neugier. Mit Trotz. Mit Lust. Mit dem Bedürfnis, nicht nur zu funktionieren, sondern wieder irgendwohin zu wollen. Ich spielte mit Ideen. Ich spann herum. Ich schrieb Dinge auf, ohne sie sofort zu überprüfen. Ohne direkt zu fragen, ob sie realistisch sind. Ob sie sinnvoll sind. Ob sie vernünftig sind. Ob irgendjemand das nachvollziehen kann. Dieses ständige Überprüfen, was andere denken und finden könnten, ist ohnehin eine der zuverlässigsten Methoden, sein eigenes Leben klein zu halten. Natürlich muss nicht jede Idee umgesetzt werden. Nicht jeder Gedanke ist ein Auftrag. Nicht jeder Wunsch ist ein Projekt.
Aber es macht etwas mit einem, wenn wieder Möglichkeiten im Raum stehen. Wenn der Kopf nicht nur Probleme sortiert, sondern Wege sieht. Wenn das Leben nicht nur aus Reaktion besteht, sondern wieder aus Richtung. Ich habe in dieser Zeit Entscheidungen getroffen, die sich im ersten Moment vollkommen falsch angefühlt haben. Vielleicht waren sie auch falsch.
Das ist ja das Gemeine an Entscheidungen. Die tragen kein kleines Schild um den Hals, auf dem steht: „Keine Sorge, ich bin später mal wichtig.“ Entscheidungen kommen selten mit Garantiekarte. Meistens kommen sie mit Bauchschmerzen, Schlafmangel und diesem Blick auf die Zimmerdecke, den man bekommt, wenn das Gehirn morgens um 3:17 Uhr findet, jetzt sei ein guter Zeitpunkt für eine Grundsatzdebatte.
Aber manche Entscheidungen müssen sich vielleicht erst falsch anfühlen, weil sie etwas Altes verlassen. Eine Sicherheit. Eine Gewohnheit. Eine Version von sich selbst, die zwar nicht mehr passte, aber wenigstens bekannt war. Und bekannt fühlt sich oft sicher an. Selbst dann, wenn es eng geworden ist.
Vielleicht waren diese Entscheidungen nicht bequem. Vielleicht waren sie nicht elegant. Vielleicht sahen sie von außen nicht nach Plan aus. Aber im Nachhinein, glaube ich, werden sie richtig gewesen sein. Nicht, weil plötzlich alles leicht wird. Das wäre Schwachsinn. Dinge werden nicht leicht, nur weil man sie endlich macht. Manchmal werden sie sogar erst einmal komplizierter. Aber sie werden wahrer. Und das ist mehr wert, als man denkt.
Aus dieser kleinen Idee ist ein Projekt geworden. Ein echtes Projekt. Eines, das mich mehr erfüllt als vieles, was ich in den letzten Jahren gemacht habe. Und das ist ein Satz, den ich nicht leichtfertig schreibe. Denn Erfüllung ist auch so ein Wort, das inzwischen oft klingt, als müsste man dazu morgens um fünf meditieren, Selleriesaft trinken und seinem Spiegelbild danken. Fick Dich. Muss man nicht. Manchmal reicht es, an etwas zu arbeiten, das sich richtig anfühlt, obwohl es noch nicht fertig ist. Oder gerade deshalb.
Dieses Projekt verbindet plötzlich Dinge, die vorher lose herumlagen. Schreiben. Gestalten. Fotografieren. Webseiten bauen. Programmieren. Filmen. Beobachten. Erzählen. Menschen erreichen. Sich selbst wieder ein Stück sortieren. Nicht im Sinne von: Jetzt ergibt alles einen großen, sauberen Sinn. So einfach ist das Leben nicht. Und wenn es so einfach wäre, hätten Menschen vermutlich längst eine App daraus gemacht, inklusive Premium-Abo und Push-Nachrichten mit schlecht formulierten Lebensweisheiten.
Aber es entsteht eine Linie. Eine Richtung. Etwas, das vorher vielleicht schon da war, aber verstreut. Wie Zettel auf einem Tisch. Jeder für sich nicht falsch. Aber erst zusammen wird sichtbar, dass daraus etwas werden kann. Vielleicht war vieles von dem, was war, nicht umsonst. Vielleicht waren die Umwege keine Fehler. Vielleicht waren sie Material. Für Texte. Für Bücher. Für Geschichten. Für diesen Blick auf die Welt. Für dieses Projekt. Für ein Buch, das nicht sagt: Werde ein anderer Mensch. Sondern eher: Fang mit dem Menschen an, der du bist. Der reicht erst einmal. Auch wenn er morgens in einer Bäckerei sitzt, Kaffee trinkt, Kuchen um acht Uhr für eine vertretbare Entscheidung hält und ein Buch darüber baut, dass „irgendwann“ ein ziemlich schlechter Ort zum Leben ist.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht warten, bis alles richtig ist. Nicht warten, bis alles verheilt ist. Nicht warten, bis niemand mehr Zweifel hat. Nicht warten, bis das Leben aussieht, als hätte es eine ordentliche Struktur.
Sondern anfangen. Mit dem, was da ist. Mit dem Kopf, den man hat. Mit den Möglichkeiten, die gerade erreichbar sind. Mit den Ideen, die drängeln. Mit den Träumen, die noch nicht beleidigt gegangen sind. Mit den Zielen, die vielleicht erst albern wirken und später wichtig werden. Ich sitze also hier. Kaffee fast leer. Brötchen weg. Kuchen immer noch eine Option.
Und aus einem Gedanken, der vor ein paar Wochen auf einer Buchhandlungstreppe begann, ist etwas geworden, das jetzt wirklich existiert.
Ein Buch. Eine Webseite. Ein Plugin. Eine Liste. Ein Anfang. Nicht alles muss sofort groß sein. Nicht alles muss sofort verstanden werden. Nicht alles muss sofort funktionieren. Aber etwas muss beginnen. Denn irgendwann ist ein sehr gemütliches Wort. Nur leider wohnt da niemand. Nee. Nie wieder. Nicht irgendwann. Jetzt.