Kasse 3.

Mitten im echten Leben.

Der Supermarkt ist voller als sonst. Schon am Eingang stehen viele Menschen mit Einkaufswagen. Für einen Moment frage ich mich, ob ich einen Feiertag übersehen habe. Irgendeinen geheimen Feiertag vielleicht, von dem nur Rentner und Menschen mit Familien-WhatsApp-Gruppen etwas wissen. Nein. Pfingsten ist vorbei. Der nächste Feiertag liegt noch weiter Ferne. Es gibt eigentlich keinen Grund für diesen Ausnahmezustand. Trotzdem schieben sich die Wagen durch die Gänge wie Autos im Feierabendverkehr. Vor dem Obstregal stehen zwei ältere Damen und betrachten mich mit jener vorsichtigen Skepsis, die manche Menschen entwickeln, wenn Tätowierungen ins Spiel kommen. Es gibt ja Generationen, die bis heute davon überzeugt sind, dass tätowierte Menschen grundsätzlich kurz davorstehen, eine Bank zu überfallen, während Männer in Anzügen automatisch seriös wirken. Die vergangenen Jahrzehnte haben allerdings mehrfach bewiesen, dass beides nicht zwangsläufig stimmen muss. Aber gut. Lass sie. Denke ich.

An der Kasse vor mir steht ein Mann, der sichtbar mit diesem Tag kämpft. Vielleicht auch mit den Temperaturen. Vielleicht mit beidem. Sein T-Shirt klebt am Rücken. Mit einem Papiertuch tupft er sich immer wieder die Stirn ab, während er gleichzeitig versucht, seine Einkäufe aufs Band zu legen. Die Bewegung erinnert ein wenig an jemanden, der zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen muss und mit keiner davon wirklich zufrieden ist. Zwischen jedem Griff holt er hörbar Luft. Hinter der Kasse sitzt Frau Funke. Zumindest nehme ich an, dass sie so heißt. Ein Namensschild hängt an ihrer Brust. Frau Funke wirkt genervt. Nicht wirklich offensichtlich, sondern auf diese professionelle Art, die Menschen entwickeln, wenn sie seit Stunden dieselben Fragen beantworten, dieselben Produkte über den Scanner ziehen und dabei versuchen, freundlich zu bleiben. Warum sie genervt ist, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es am Wetter. Vielleicht an der Hitze. Vielleicht an dem Mann vor mir, der seinen Einkauf mit bemerkenswerter Ruhe aufs Band legt. Vielleicht auch an allem zusammen. Jedenfalls piept der Scanner weiter. Und für einen kurzen Moment denke ich, dass Supermärkte eigentlich faszinierende Orte sind. Man will nur schnell zwei Brötchen, einen Energydrink ohne Zucker und zwei Mister Tom holen. Und landet mitten im echten Leben.

Frau Funke zieht irgendwelche Dosen, Mineralwasser und Katzenfutter über das Band, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes getan. Der Mann vor mir kämpft sich wieder langsam durch seinen Einkauf. Doch statt die Waren aufs Band zu legen, muss er sie dieses Mal zunächst im Einkaufswagen der Größe nach sortieren. Warum, weiß vermutlich nur er. Vielleicht gibt es ein System. Vielleicht ist er ehemaliger Logistikleiter. Vielleicht beruhigt es ihn einfach. Keine Ahnung. Hinter mir diskutiert ein Paar darüber, ob man wirklich noch Eier braucht. Die Frau sagt nein. Der Mann meint, man könne nie genug Eier haben. Es wirkt nicht so, als wäre das die erste Diskussion dieser Art. Eher wie die 842. Folge einer Serie, die beide seit Jahren gemeinsam produzieren. Der Mann erwähnt, dass sie doch vom Hof Meyer holen könnten. Die Frau schaut ihn an. Er sagt nichts mehr. Wahrscheinlich bekommt er keine Eier an diesem Tag.

Manchmal frage ich mich wirklich, ob das die finale Version der Menschheit sein kann. Nicht böse gemeint. Eher aus ehrlicher Verwunderung. Ich meine, die Menschen entwickeln künstliche Intelligenz, bauen Teilchenbeschleuniger, schicken Raumsonden Milliarden Kilometer durchs All und gleichzeitig verlieren wir regelmäßig den Kampf gegen einen Einkaufswagen, wenn dieser nur ein nicht funktionierendes Rad besitzt.

Heute z.B. sah ich einen Mann, der drei verschiedene Sorten Grillsoßen mit der Ernsthaftigkeit eines Weinexperten in Südfrankreich betrachtet hat. Eine Frau hielt eine Avocado in der Hand und drückt alle drei Sekunden vorsichtig dagegen, als würde sie versuchen, diese irgendwie reanimieren zu können. Ein kleiner Junge rast mit dem Einkaufswagen um eine Kurve und verfehlt ein Regal um wenige Zentimeter. Seine Mutter rief seinen Namen da schon zum sechsten Mal. „LUUUUKAAAAS.“ Das Kind reagiert überhaupt nicht. Es bewegt sich mit der Gelassenheit eines Menschen, der weiß, dass er zwar Ärger bekommen wird, aber erst später. Draußen. Wahrscheinlich im Auto.

Eigentlich ist Lukas auch gar nicht so dumm. Vielleicht ist das ja überhaupt das Geheimnis des Lebens. Probleme möglichst weit in die Zukunft verschieben. Das machen Erwachsene schließlich auch. Manche verschieben Zahnarzttermine. Manche ihre Steuererklärung. Und manche ihre Trennung. Wenn man genau hinsieht, erkennt man solche Paare manchmal sogar im Supermarkt. Sie reden kaum noch miteinander. Einer schiebt den Wagen. Der andere läuft zwei Meter dahinter. Beide wirken, als hätten sie sich vor Jahren verlaufen und würden nun aus Gewohnheit dieselbe Route gehen. Und dann kriegen sie sich wegen den Eiern in die Haare. Oder der Mayo. Vielleicht auch wegen des Biers. Irgendwann geht es bei solchen Diskussionen ohnehin längst nicht mehr um das eigentliche Thema. Aber trotzdem lassen sie sich nicht scheiden. Natürlich kann ich mich irren. Vielleicht sind sie auch einfach nur müde. Vielleicht haben sie Kinder. Vielleicht beides. Andererseits kostet ein durchschnittlicher Wocheneinkauf inzwischen ungefähr so viel wie früher ein Kleinwagen. Und eine Scheidung ist noch einmal deutlich teurer. Da kann man schon verstehen, warum manche Menschen einfach noch ein paar Jahre durchhalten, bis der Tod sie scheidet.

Der echter Vorteil einer Trennung ist, dass man möglicherweise die Schwiegermutter los ist. Wobei Schwiegermütter natürlich auch Mütter sind. Und Mütter machen das, was Mütter seit Jahrhunderten tun. Sie sorgen sich. Sie helfen. Sie geben Ratschläge. Auch dann, wenn niemand danach gefragt hat. Manche kommen nur kurz vorbei und sitzen vier Stunden später immer noch in der Küche. Irgendwann haben sie ihren festen Platz am Tisch. Sie wissen, wo die Kaffeefilter liegen, welcher Schrank klemmt und warum man die Pfanne angeblich falsch einräumt. Sie meinen es meistens gut. Das ist ja das Gefährliche daran. Ich glaube jedenfalls nicht, dass morgens eine Schwiegermutter aufsteht und denkt: Heute mische ich mich langsam und unauffällig in diese Ehe ein. Das passiert schleichend. Erst wird nur etwas vorgeschlagen. Dann etwas empfohlen. Dann etwas hinterfragt. Und irgendwann sitzt plötzlich eine dritte Meinung mit am Esstisch, obwohl eigentlich nur zwei eingeladen waren. Das Merkwürdige ist, dass einer das meistens sofort bemerkt. Der andere überhaupt nicht. Der hält das alles für völlig normal. Jahre später heißt es dann, man habe sich auseinandergelebt. Man habe sich verloren. Man habe zu wenig Zeit miteinander verbracht. Was durchaus sein kann. Andererseits ist es schwierig, Zeit zu zweit zu verbringen, wenn regelmäßig noch jemand wissen möchte, warum der Schrank nicht an der anderen Wand steht oder weshalb man die Kartoffeln falsch lagert. Vielleicht ist das am Ende der eigentliche Grund, warum manche Menschen nach einer Trennung plötzlich so erleichtert wirken. Nicht unbedingt wegen der Trennung. Sondern weil sie zum ersten Mal seit Jahren wieder das Gefühl haben, dass die Wohnung tatsächlich ihnen gehört. Wobei ich darüber vermutlich nicht urteilen sollte. Ich stehe schließlich immer noch mit zwei Brötchen, einem Energydrink ohne Zucker und zwei Mister Tom an einer Supermarktkasse und analysiere das Privatleben fremder Menschen, nur weil sich hinter mir ein Paar nicht auf Eier einigen konnte.

Frau Funke nennt den Betrag. Der Mann vor mir bezahlt. Mit Karte. Oder wie er sagt: „Mit Plastik.“ Dann lacht er. Frau Funke lacht nicht. Ich glaube, ich weiß inzwischen, warum sie genervt ist. Schließlich hat sie es jeden Tag mit der finalen Version der Menschheit zu tun.