Der leise Monat.

Über das Sortieren dessen, was bleibt.

Es ist wieder Winter in der Stadt. Und Kaffee hilft nicht mehr. Die Tasse steht neben mir. Fast unangetastet. Meine Augen sind müde. Zu müde für diese Uhrzeit. Ich habe zu wenig geschlafen. Nicht ein bisschen. Viel zu wenig. Ich sitze am Fenster und schaue nach draußen. Unten zieht die Straße vorbei, als hätte sie es eilig, vergessen zu werden. Der Winter zeigt sich in diesen Stunden nicht von seiner guten Seite. Kein Glanz. Kein Versprechen. Nur Grau. Nässe. Stille. Es ist diese Art von Winter, die nichts schöner macht. Die nichts vorgibt. Sie ist einfach da. Unfreundlich. Unnachgiebig. Die Tage fühlen sich enger an. Als würde jemand die Räume verkleinern, ohne es anzukündigen. Die Wege werden kürzer. Nicht in der Länge. Im Gefühl. Und trotzdem rückt alles näher heran. Gedanken, die man sonst auf Abstand hält. Dinge, die man verschoben hat. Geräusche bleiben tief. Autos. Schritte. Stimmen. Nichts steigt auf. Nichts trägt weit. Es gibt keine Weite in diesen Tagen. Nur Nähe. Nähe zu sich selbst. Und mit ihr eine merkwürdige Schwere. Man geht langsamer, auch wenn man es nicht merkt. Man könnte sich wehren. Laut werden. Weitermachen wie immer. Aber der Winter lässt das nicht zu. Und dann steht man da. Wach. Müde. Und ungewöhnlich klar.

Der Muskelkater meldet sich. Im Rücken. In den Schultern. An Stellen, deren Namen ich nicht kenne und die trotzdem da sind. Der Körper erinnert sich früher als der Kopf. Er ist ehrlicher. Er diskutiert nicht. Er meldet nur zurück, was war. Talko liegt auf meinen Füßen. Er schläft. Tief. Vertrauensvoll. Ich beneide ihn darum. Nicht um den Schlaf. Um die Selbstverständlichkeit, mit der er ihn nimmt. Kein Zweifel. Kein Abgleich. Kein Nachdenken darüber, ob es gerade genug ist oder ob es richtig ist, zu schlafen. Der Januar hat noch ein paar Tage. Dann verschwindet er. Für immer. Kein Monat kommt zurück. Kein Jahr. Kein Augenblick. Wir tun nur so, als würde sich etwas wiederholen, um es erträglicher zu machen. Ich lasse ihn gehen, ohne ihm viel Aufmerksamkeit zu schenken. Er hat getan, was er konnte. Er hatte ein Highlight. Mehr war nicht drin. Und das ist in Ordnung. Monate müssen nichts leisten. Sie sind nur Zeit.

Mein Blick liegt auf dem, was danach kommt. Februar. Achtundzwanzig Tage. Kurz genug, um nichts zu versprechen. Lang genug, um Dinge nicht mehr aufzuschieben. Ein Monat ohne Puffer. Ohne Ausreden. Man kann sich nicht verlieren in ihm. Dafür ist er zu knapp. Der Februar zwingt dieses Jahr. Zur Nähe. Nicht zu anderen. Zu mir. Er ist kein Monat für große Pläne. Eher für Listen. Für das Abarbeiten dessen, was man zu lange liegen ließ. Gespräche, die man nicht mehr elegant umgeht. Entscheidungen, die man nicht weiter verschiebt, nur um sie nicht treffen zu müssen. Ich merke, dass ich weniger will. Aber das, was ich will, soll ehrlicher sein. Weniger Lärm. Weniger Optionen. Weniger Meinung. Ich räume auf. Nicht symbolisch. Konkret. Gründlich. Ehrlich.

Ich schraube Social Media runter. Nicht, weil etwas nicht stimmt. Sondern weil es laut ist. Unruhig. Dauernd in Bewegung. Zu viele Impulse für etwas, das eigentlich stiller werden soll. Unser zentrales Nervensystem ist kein Konzept. Es ist ein Schaltkreis. Es kennt nur Reiz oder Ruhe. Alarm oder Entwarnung. Es unterscheidet nicht zwischen Bedeutung und Simulation. Nicht zwischen Nähe und deren Abbild. Es reagiert einfach. Und was dort passiert, ist kein Austausch mehr. Es ist ein Dauerfeuer. Ein permanenter Zugriff. Kein Anfang. Kein Ende. Nur Signale. Likes. Reaktionen. Das Ausbleiben von Reaktionen. Vergleich. Projektion. Bestätigung. Entzug. Alles in schneller Folge. Unser Nervensystem ist dafür nicht gemacht. Es ist gebaut für langsame Veränderungen. Für klare Reize. Für Pausen. Für Stille dazwischen. Nicht für diesen Strom aus Mikroereignissen, die alle so tun, als wären sie wichtig.

Man kann das intellektuell einordnen. Man weiß, dass es Bilder sind. Ausschnitte. Abgepackte Momente. Aber das hilft nur dem Kopf. Das Nervensystem hört nicht zu. Es rechnet nicht. Es fragt nicht nach Kontext. Es reagiert, als wäre alles real. Als müsste man wach bleiben. Bereit. Ansprechbar. Die ganze Zeit. Kein Drama. Kein Zusammenbruch. Eher ein Zustand. Ein Grundton von Anspannung, der nicht laut ist, aber konstant. Ich merke, wie mir das Energie nimmt. Nicht emotional. Nicht sichtbar. Physiologisch. Die Konzentration wird breiter, aber flacher. Die Aufmerksamkeit springt, statt zu bleiben. Erholung fühlt sich kürzer an, als sie sein sollte. Ein leises Ziehen, das nicht verschwindet, solange der Strom nicht abreißt. Das ist keine Schwäche. Das ist Biologie.

Also nehme ich Tempo raus. Nicht als Statement. Sondern als Maßnahme. Aufmerksamkeit ist begrenzt. Und es gibt Phasen, in denen man sie nicht verteilen darf, wenn man etwas klären will. Arbeit. Ordnung. Entscheidungen. Dinge, die Gewicht haben. Dafür braucht es ein ruhiges System. Kein überwachtes. Kein dauernd angesprochenes. Sondern eines, das wieder unterscheiden kann, was wirklich da ist und was nur vorbeizieht.

Es gibt Dinge, die tragen einen eine Zeit lang. Und dann nicht mehr. Man merkt es nicht sofort. Erst, wenn sie schwer werden. Wenn sie Energie kosten, statt Halt zu geben. Wenn sie Aufmerksamkeit verlangen, ohne etwas zurückzugeben. Der Februar ist gut darin, das sichtbar zu machen. Draußen bleibt der Winter vielleicht noch. Drinnen wird es stiller. Ich arbeite. Erledige. Lasse liegen, was keinen Druck mehr macht. Ich versuche nicht, besser zu werden. Nur klarer. Das reicht. Und irgendwann, an einem dieser grauen Tage, wird man merken, dass man fester steht, wenn man weniger festhält. Und dann lässt man die Dinge da, wo sie Sinn ergeben.