23. Dezember.

Vor dem, was kommt.

Es gibt Abende, an denen die Welt nicht einfach nur dunkel wird. Sie wird stiller. Dieser Abend gehört dazu. Kein Feiertag. Kein Versprechen. Nur ein dünnes Band aus Zeit, das sich zwischen die Tage legt wie ein Atemzug, den niemand laut ausspricht. Die Dörfer wirken, als hätte jemand die Stimmen herausgefiltert. Die Wege, die sonst nur daliegen, beginnen plötzlich, etwas zu erzählen. Man geht sie wie immer. Nur langsamer. Vorsichtiger. Die Luft ist kälter, aber nicht hart. Eher wie eine Hand, die kurz den Ärmel berührt, nur um daran zu erinnern, dass der Winter längst da ist. Auch wenn man ihn nicht sieht. Zwischen den Bäumen hängt ein Rest Helligkeit, der sich nicht entscheiden kann, ob er bleiben oder gehen soll. Und irgendwo dahinter liegt ein Schweigen, das nicht leer ist, sondern dicht. Man spürt es an diesem Abend, lange bevor man es versteht.

Die Häuser der kleinen Vorstadtsiedlungen tragen ihr Licht wie etwas Fragiles. Gedämpft. Zurückhaltend. Und doch warm. Kein Funkeln, keine Einladung. Nur ein Zeichen, dass jemand da ist. Jemand, der vielleicht gerade den Tisch deckt oder eine alte Kiste mit Weihnachtsschmuck aus dem Schrank holt. Man sieht es nicht, aber man weiß es. Und manchmal reicht das. Vielleicht ist der 23. Dezember deshalb so eigenartig. Er schafft Platz, ohne etwas zu öffnen. Er hält einen zurück, ohne zu bremsen. Ein kleiner Zwischenraum, in dem man zum ersten Mal im Jahr spürt, wie müde man eigentlich ist. Nicht erschöpft. Nur müde von all dem, was man getragen hat, ohne dass jemand es bemerkt hat. Müde von Gedanken, die sich im Kreis gedreht haben. Von Worten, die man verschwiegen hat, obwohl sie längst fertig geschrieben waren.

Der 23. Dezember. Vielleicht liegt die Besonderheit dieses Abends darin, dass er wie eine stille Vorhalle wirkt. Wie etwas, das weder beginnt noch endet, sondern einfach nur da ist. Für einen Atemzug länger als nötig. In den nächsten Tagen werden viele so tun, als sei alles gut. Es wird Tische geben, an denen Platz geschaffen wird, weil man es jedes Jahr so macht. Die Zimmer werden wärmer, die Stimmen heller. Überall kleine Rituale, die mehr aus Gewohnheit bestehen als aus Gefühl. Manche werden sich wirklich freuen. Andere werden lächeln, weil man es von ihnen erwartet. Wieder andere werden an einem Tisch sitzen und genau wissen, dass jemand fehlt. Der eine Stuhl steht da, leer und viel zu sichtbar. Und doch versucht man, nicht hinzusehen. Man tut so, als wäre das inzwischen normal geworden, obwohl es wehtut, jedes Jahr aufs Neue. Es wird Wohnungen geben, in denen nur ein Teller auf dem Tisch steht. Eine Tasse. Ein Stück Brot. Vielleicht ein kleines Licht. Auch das ist Weihnachten. Ein Fest, das gleichzeitig erfüllt und überfordert. Das wärmt und auskühlt, je nachdem, wie nah man ihm noch kommt.

Aber dieser Abend, heute, will nichts. Kein Zusammensein. Kein Glück. Keine Antworten. In dieser Nacht gehört die Welt den leisen Geschichten. Den unausgesprochenen Sätzen. Den Worten, die niemand sagt. Diese Nacht gehört den Erinnerungen, die nur auftauchen, wenn alles andere schweigt. Und irgendwo in dieser Stille merkt man, dass genau das der Schutz ist, den man manchmal braucht. Nicht vor der Kälte draußen. Sondern vor der, die sich im Inneren gesammelt hat. Vielleicht ist dieser Abend deshalb so wichtig. Er will nichts, er erwartet nichts, er ist einfach da. Er lässt zu, dass man für einen Moment aus der Zeit fällt, bevor sie morgen wieder mit all ihrer Aufgeregtheit beginnt.

Vielleicht reicht das ja. Dass man heute Abend still bleibt und sich erlaubt, ein wenig weicher zu werden. Also nicht für andere. Für sich selbst. Dass man spürt, wie das Jahr langsam zur Ruhe kommt. Mit all seinen Brüchen. Mit seinen kleinen Siegen, seinen offenen Enden. Und wie das neue Jahr schon leise an die Tür klopft. Dieses Mal, ohne etwas zu versprechen. Nur als Möglichkeit. Nicht als Forderung. Vielleicht ist das, was man Weihnachten wünscht, am Ende nichts Großes. Keine großen Worte. Keine übervollen Zimmer. Vielleicht reicht ein warmes Zimmer. Ein Licht, das bleibt, auch wenn es draußen dunkler wird. Ein Mensch, der nicht geht. Der bleibt. Egal, was ist. Oder einfach die stille Gewissheit, dass man selbst noch hier ist. Mit all dem, was einen wirklich hält. Und mit all dem, was trotzdem fehlt. Vielleicht liegt darin schon eine Art Frieden, den man nicht benennen, aber fühlen kann.

Naja. Für manche wird es wieder ein lautes Fest. Für andere dieses Mal ein stilles. Manche öffnen Türen, manche schließen sie. Manche warten auf jemanden. Andere warten auf nichts mehr. Und alles davon ist richtig. Alles davon hat Platz.

Ich wünsche euch, dass diese Tage euch nicht überfordern. Dass sie nicht mehr erwarten, als ihr geben könnt. Und dass ihr irgendwo einen Moment findet, der euch gut tut. Einen, der ruhig ist. Einen, der euch atmen lässt, ohne dass dafür etwas Besonderes passieren muss. Vielleicht ein warmes Zimmer. Ein kurzer Blick aus dem Fenster. Ein stiller Abend, an dem niemand etwas von euch erwartet. Mehr muss es nicht sein. Wirklich nicht.

Frohe Weihnachten.

Randnotiz: Titelbild, mit KI erstellt.