100 Dinge.

Ferdinand sagte das jetzt echt nicht feierlich. Das war das Gemeine daran. Er sagte es nicht an einem Kamin, nicht bei Regen am Fenster und auch nicht mit dieser Stimme, die Menschen manchmal benutzen, wenn sie glauben, gerade etwas gesagt zu haben, das später auf eine Postkarte gedruckt werden könnte. Nee. Ferdinand sagte es nebenbei. Irgendwo zwischen Kaffee, einem halben Stück Bienenstich und diesem Blick, den ältere Männer bekommen, wenn sie finden, dass die Welt inzwischen zu viele Ladegeräte hat. „Sterben“, meinte er, „muss das Letzte sein, was du tust.“

Ich sah ihn an. Verdutzt natürlich. Trotzdem klang es erst mal logisch. Sogar erstaunlich logisch. Sterben als letzter Programmpunkt. Ganz hinten auf der Liste. Nach Einkaufen, Steuererklärung, Zahnarzt, Fallschirmsprung, Buch schreiben, jemandem endlich sagen, was Sache ist und vielleicht noch einmal allein irgendwo ans Meer fahren, ohne vorher drei Wochen Wetter-Apps zu vergleichen. Menschen vergleichen heute ja sogar das Wetter für ihre Träume. Ferdinand nahm noch einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht, als hätte der Kaffee ihm gerade persönlich etwas vorgeworfen. Dann sagte er, dass nach dem Tod alles liegen bleibt. Nicht ordentlich sortiert. Nicht abgeheftet. Nicht mit einem gelben Zettel versehen. Einfach so. Unerledigt. Wie diese eine Schublade in der Küche, in der Kabel liegen, von denen man nicht mehr weiß, wofür sie eigentlich sind, die aber trotzdem nicht weggeworfen werden, weil sie vielleicht irgendwann noch wichtig sein könnten. Irgendwann. Dieses Wort, das klingt wie Hoffnung. Und sich oft benimmt wie eine Ausrede mit guter Handschrift.

„Deine Wünsche“, sagte Ferdinand, „macht danach keiner für dich.“

Das war einer dieser Sätze, die erst einmal völlig unspektakulär im Raum stehen. Wie ein Stuhl. Und dann merkt man langsam, dass es kein Stuhl ist, sondern ein Möbelstück aus Wahrheit, an dem man sich nachts noch das Schienbein stößt. Fuck. Er meinte, dass all die unerfüllten Träume nicht irgendwann von selbst losziehen. Kein anderer Mensch würde morgens aufwachen und sagen: Geil. Heute erfülle ich mal Torstens heimlichen Wunsch, nach Norwegen zu fahren, ein Buch zu veröffentlichen, sich in einem fremden Café an ein Fenster zu setzen und für drei Stunden so zu tun, als hätte das Leben gerade keine offenen Rechnungen. Niemand macht das. Nicht die Menschen, denen ich hinterhergelaufen bin. Nicht die, für die ich immer Zeit hatte. Nicht die, bei denen ich sofort geantwortet habe, obwohl meine eigenen Nachrichten in mir seit Monaten ungelesen herumlagen. Ein absurder Zustand übrigens. Innerlich ungelesene Nachrichten. Willkommen im Erwachsenenleben. Die Benutzeroberfläche ist schlecht, aber immerhin stürzt sie regelmäßig ab. Ferdinand meinte dann noch, ich solle aufhören zu glauben, dass Für-andere-da-sein automatisch bedeutet, dass irgendwann jemand für mich lebt. Das sei ein schöner Gedanke. Aber eben auch Quatsch. Also kein kleiner Quatsch. Eher so ein Quatsch mit Eigenheim, Carport und ordentlich gepflegter Hecke. Die meisten Menschen seien einfach damit beschäftigt, ihre eigenen Tage irgendwie durchzubekommen, ihre Termine nicht zu vergessen, ihre Pflanzen nicht umzubringen und beim Einkaufen nicht wieder mit drei Dingen nach Hause zu kommen, die sie nie wirklich brauchen werden. Da könne ich nicht erwarten, dass sie nebenbei noch meine Träume übernehmen. Oder mir dabei helfen. Geschissen. Und ich wusste, dass er recht hatte.

Er sagte das garnicht hart. Er war kein Mann für Härte. Eher für diese norddeutsche, trockene Form von Klarheit, bei der der Satz ohne Umwege ins Zimmer kommt, sich hinsetzt und bleibt. „Wenn du etwas erleben willst“, sagte er, „musst du es erleben. Nicht darüber reden. Nicht darauf warten. Nicht hoffen, dass das Leben irgendwann klingelt und sagt: Hallo, ich hätte da jetzt mal Zeit für dich.“ Das Leben klingelt nämlich selten. Meistens steht es irgendwo draußen, raucht heimlich, schaut auf die Uhr und fragt sich, warum wir so lange brauchen.

Plötzlich kamen mir einige der Dinge in den Kopf, die ich immer verschoben habe, weil ich glaubte, der Zeitpunkt sei nicht richtig. Reisen. Texte. Gespräche. Entscheidungen. Kleine Abenteuer. Große auch. Dinge, die nicht vernünftig waren, aber vielleicht richtig. Orte, die ich sehen wollte. Sätze, die ich sagen wollte. Menschen, die ich loslassen müsste. Menschen, denen ich vielleicht viel zu lange hinterhergelaufen war, als wäre irgendwo am Ende dieser Strecke ein Pokal für emotionale Ausdauer aufgestellt. Fick dich. Da ist keiner. Kein Preis. Kein Pokal. Da steht nur Müdigkeit. Und manchmal ein Parkplatz. Ohne Auto.

Ferdinand meinte auf jeden Fall mit Nachdruck, der Tod sei nicht das Problem. Das Problem sei unser seltsames Talent, schon vorher so zu leben, als hätten wir Zeit. Als hätten wir unendlich viele Nachmittage. Unendlich viele Sommer. Unendlich viele Chancen, noch einmal anzufangen. Dabei wissen wir alle, dass das nicht stimmt. Wir wissen es. Wir tun nur so, als hätten wir die AGB des Lebens nicht gelesen. Was verständlich ist. Niemand liest AGB. Niemand. Und niemand lebt unser Leben.

„Du musst das schon selbst machen“, sagte Ferdinand.

Und da war er wieder. Dieser Satz. Einfach. Unangenehm. Wahr. Kein Pathos. Kein Applaus. Kein Sonnenuntergang. Nur ein alter Mann, ein Kaffee, ein Viertel Stück Bienenstich und die ziemlich klare Erkenntnis, dass niemand mein Leben für mich leben wird. Einfach, weil jeder sein eigenes hat. Und weil meine Träume, so schön sie vielleicht sind, nun mal nicht in fremden Kalendern stehen. Naja. Seitdem denke ich manchmal, dass Sterben tatsächlich das Letzte sein sollte, was ich tue. Auch aus organisatorischen Gründen. Vorher ist ja noch einiges offen. Nur weiß ich mit fünfundvierzig immer noch nicht genau, was es ist.

Das ist vielleicht das Komische daran. Man denkt ja immer, irgendwann käme dieser Moment, in dem das Leben sich endlich sortiert. Man steht morgens auf, trinkt Kaffee und plötzlich liegt da eine innere Liste auf dem Tisch. Sauber nummeriert. Keine Ahnung. Hundert Dinge, die du machen musst, bevor du den Löffel wieder abgibst. Alles klar. Oben steht: Leben. Unten steht: Sterben. Dazwischen ein paar mutige Entscheidungen, ein paar dumme Entscheidungen, ein paar Reisen, ein paar Menschen, ein paar Sätze, die man längst hätte sagen sollen. Aber so funktioniert es nicht.

Jedenfalls nicht bei mir. Bei mir liegt da eher ein Zettel mit Kaffeeflecken, drei halb lesbaren Gedanken und einem Satz, den ich irgendwann mal aufgeschrieben habe und selbst nicht mehr richtig entziffern kann. Vielleicht weiß ich auch einfach noch gar nicht, welche hundert Dinge ich machen möchte. Vielleicht weiß ich nur, dass es nicht nichts sein kann. Dass da noch etwas ist. Irgendwo zwischen den Tagen, die einfach vorbeigehen, den Nachrichten, auf die man wartet, den Menschen, denen man zu lange hinterherläuft und diesen Nachmittagen, an denen man merkt, dass man schon wieder mehr funktioniert als gelebt hat. Vielleicht beginnt so eine Liste nicht mit großen Träumen. Nicht mit Patagonien, Fallschirmsprung und einem Foto vor irgendeinem Wasserfall, an dem schon dreitausend Menschen so getan haben, als hätten sie gerade sich selbst gefunden. Vielleicht beginnt diese Liste viel kleiner. Mit der Frage, was ich eigentlich noch erleben will, bevor alles erledigt ist. Oder bevor ich selbst erledigt bin. Was ja, je nach Woche, manchmal erschreckend ähnlich wirkt.

Ich weiß es nicht. Und vielleicht ist genau das der Anfang. Nicht die fertige Liste. Nicht der große Plan. Nicht diese alberne Sicherheit, mit der Menschen im Internet behaupten, sie hätten ihr Leben verstanden, während im Hintergrund vermutlich die Motorleuchte im Auto blinkt. Sondern dieses ehrliche Davorstehen. Vor einem leeren Blatt. Vor hundert freien Zeilen. Vor der ziemlich klaren Erkenntnis, dass niemand diese Dinge für mich eintragen wird. Und schon gar nicht für mich erleben. Sterben kommt dann eben später. Ganz nach hinten. Hinter die Suche. Hinter die leeren Zeilen. Hinter die Dinge, von denen ich heute noch nicht weiß, dass ich sie eines Tages unbedingt erleben will. Und vor allem hinter das Leben, das vielleicht genau da beginnt, wo man endlich zugibt, dass man noch keine Ahnung hat.

Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe ein Blatt Papier. Und einen Stift. Immerhin. Man muss ja nicht gleich übertreiben.