Ein leiser Dezembertag.

Vom Gehen, vom Bleiben und von Dingen, die nichts wollen.

Der Samstag vor dem dritten Advent. Ein Tag im Dezember. Der Morgen war schon hell. Hell genug, um alles zu zeigen, aber weich genug, um nichts zu verraten. Vom Hügel aus konnte ich zur Stadt blicken. Verträumt lag sie da. Der Kirchturm wie ein dünner Strich in einem Himmel, der keine Meinung hatte. Die Luft war feucht. Nicht kalt. Sie roch nach Erde und nach dem, was übrig bleibt, wenn ein Jahr langsam leer wird. Wir gingen mit dem Hund. Ein Stück am Wasser entlang. Dort wurde alles stiller. Der Hund sprang einem Stock nach, schwamm durch den Fluss und kam mit seiner Beute zurück. Dann stand er da. Am Ufer. Schwarz vor dem grauen Spiegel. Die Pfoten im nassen Laub. Ein paar Kreise zogen noch über die Oberfläche, als hätte der Tag kurz gezuckt. Ein Stück weiter standen sie. Männer und Frauen, verteilt wie eine Linie am Rand einer großen Wiese. Orangefarbene Jacken zwischen Gras und leichtem Dunst. Kein Lärm. Kein Herumgebrüll. Nur Stimmen. Kurz. Funktional. Und diese besondere Konzentration, die Menschen bekommen, wenn sie gleich etwas tun, das nicht rückgängig zu machen ist. Man sah ihnen an, dass sie nicht hier waren, um gesehen zu werden. Wir gingen vorbei, ohne stehen zu bleiben. Der Hund war ruhig. Der Wald war ruhig. Und wir waren es auch.

Etwas später fuhren wir Richtung Arnsberg. Zum Wildwald Voßwinkel. Der Parkplatz war weit und offen. Eigentlich eine Wiese, aber an jenem Tag eher Ordnung. Es standen schon einige Autos dort. Frauen und Männer winkten die ankommenden Fahrzeuge ruhig in die richtige Richtung, so, als hätten sie Zeit. Als wir ankamen, lief Musik. All That She Wants von Ace of Base. Laut. Vielleicht zu laut. Aber es störte uns nicht. Im Gegenteil. Es machte den Moment leichter, als müsste er nichts beweisen. Wir reihten uns ein, stellten den Wagen ab, nahmen, was wir brauchten, und gingen los. Nach dem Eintritt kam die Wildbratwurst im Brötchen. Warm in der Hand. Etwas, das man festhalten konnte. Vor den Buden standen schon viele Menschen, schauten, verglichen, blieben stehen. Wir nicht. Wir ließen den Markt hinter uns und gingen Bratwurst essend in den Wald. Ich machte einen kurzen Scherz. Der allerdings wurde von jemandem missverstanden. Das passiert. Und es war egal. Im Wald waren in diesem Jahr mehr Menschen unterwegs, vielleicht mehr als sonst. Und doch merkte man schnell, dass die meisten nur wegen des Marktes dort waren. Nicht wegen des Waldes. Den Bäumen war es egal. Sie standen trotzdem da. Still. Ruhig. Ohne Erwartung. Und wir gingen weiter.

Wir kamen an eine Stelle im Wald, an der der Boden nicht mehr wirklich still war. Eine Lichtung. Eine größere Wiese. Vollständig umgewühlt von Wildschweinen. Die Erde lag offen, das Gras herausgerissen, die Wurzeln freigelegt. Es musste eine große Rotte gewesen sein. Und sie war gründlich. Überall Trittsiegel im feuchten Boden. Wir blieben stehen. Länger. Beugten uns hinunter, legten unsere Hände neben die Spuren, verglichen Größen, Formen, Tiefe. Man konnte die Kraft darin sehen. Den Hunger. Und etwas Ursprüngliches, das nichts erklärt und nichts entschuldigt. Nichts war zerstört. Es war benutzt worden. Der Wald nahm das hin. Wie er alles hinnimmt. Und genau das machte es beeindruckend.

Ein Stück weiter entdeckten wir einen alten Bauwagen. Einsam zwischen den Bäumen. Fast so, als hätte man ihn vergessen. Von innen ausgebaut. Ein kleiner Holzofen, einfache Liegeflächen aus Holz. Davor eine schmale Terrasse. Kein Strom. Kein fließendes Wasser. Kein Empfang auf dem Smartphone. Nichts, was ablenkt. Etwas abseits ein Plumpsklo. Mehr nicht. Wir wussten, dass man diesen Wagen nutzen kann. Dass man hier eine Nacht bleiben darf. Oder mehrere. Der Gedanke blieb bei mir hängen. Als Idee. Als Vorstellung. Vielleicht sogar als Plan. Als leises Wissen, dass es Orte gibt, an denen man einfach bleiben kann. Und dass ich das einmal tun werde. Nicht jetzt. Aber nächstes Jahr.

Folgt man den hölzernen Wegepfeilen mit der Aufschrift Hirschrevier, erreicht man nach etwa der Hälfte des Weges einen Ort, der sich nicht wirklich ankündigt. Ein Waldbauernhof liegt dort seit über 750 Jahren. Fast schon so, als hätte er beschlossen zu bleiben, egal was um ihn herum passiert. Früher bestellten die Menschen dort ihre Äcker, ließen Schafe über die Flächen ziehen und trieben ihre Schweine zur Mast in den Wald. Man spürt das noch. Freilaufende Hühner bewegen sich auch heute über das weitläufige Gelände. Pommerngänse stehen beisammen, als hätten sie sonst nichts zu tun. Auf den umliegenden Weiden leben Esel, verschiedene Ziegenrassen, Schafe. Und natürlich eine Hofkatze, die sich nicht immer zeigt, aber dazugehört. Auf dem Hof wurde gegrillt. Es gab Kaffee, Kakao, Waffeln, Glühwein, Kinderpunsch. Mehrere Feuerstellen brannten, verteilten Wärme und Rauch und mit ihnen dieses leise Gefühl, dass hier nichts inszeniert wird. Der Hof war einfach da. Und für einen Moment durfte man es auch sein. Wie schön, dachte ich, müsste es sein, dort zu leben und in absoluter Stille Weihnachten zu feiern.

Wir ließen den Hof hinter uns und gingen weiter, hinein ins Hirschrevier. Der Weg führte durch ein etwas offeneres Gelände. Hier trat der Wald zurück, als wolle er Platz machen für das, was dort lebt. Rotwild, Sikawild, Muffel. Namen, die man kennt, aber die erst Bedeutung bekommen, wenn man ihnen gegenübersteht. Hirsche lagen am Rand des Waldes, ruhig, schwer, als gehörten sie dorthin wie die alten Bäume. Ihre Körper wirkten gelassen, fast gleichgültig gegenüber unserer Anwesenheit. Da war kein Fluchtreflex, kein Misstrauen. Nur dieses stille Wissen, dass sie hier zu Hause sind und nicht wir. Ihre Geweihe ragten hoch, verzweigt, getragen mit einer Selbstverständlichkeit, die beeindruckt, ohne zu drohen. Wir blieben stehen. Wieder einmal. Wir sprachen nicht, sondern guckten nur. Es lag etwas in der Luft, das man schwer beschreiben kann. Ein Zauber vielleicht. Oder einfach das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und der Wald hielt den Moment fest, ohne ihn einzufrieren. Für einen Augenblick schien alles langsamer zu werden. Die Schritte. Die Gedanken. Das Atmen. Als hätte der Tag beschlossen, uns noch ein Stück mitzunehmen.

Langsam legte sich die Dunkelheit über den Markt. Der Geruch veränderte sich. Glühwein. Apfel-Zimt-Punsch. Gegrilltes. Fisch, der über offenem Feuer gar wurde. Die Stimmen wurden lauter. Dichter. Menschen schoben sich an den Ständen der Ausstellerinnen und Aussteller vorbei, was ein starker Kontrast zum Wald war. Ich sah mir die Handwerksarbeiten an. Den Schmuck, das Holz, die Dinge, die Zeit brauchen. Und irgendwo zwischen zwei Buden stellte sich die Frage ganz von selbst: ob es solche Märkte in zehn oder zwanzig Jahren noch geben wird. Wer diese Handwerkskunst weiterträgt. Wer sie kaufen will. Und wer sich dann noch hinter einen Stand stellt, um zu verkaufen. Viele schauten nur. Ich auch. Das gehörte dazu.

Auf dem Platz wurde ein Wildschwein geschätzt. Es hing an einem Haken, ausgenommen, aber unverarbeitet. Kopf und Borsten noch dran. Wer am nächsten am Gewicht lag, durfte es mitnehmen. Einige verschätzten sich deutlich. Es war leichter, als viele dachten. Wie viel genau, weiß ich nicht mehr. Nur, dass meine 18 oder 19 Kilo schon zu viel waren. Später saßen wir in einem kleinen Raum mit offener Feuerstelle. Aßen Burger mit Pulled Pork, dicke Pommes mit Mayo. Tranken etwas. Die Flammen warfen tanzende Schatten an die Wände. Ich fragte an einem Stand, ob ich eine Marone probieren dürfe. Durfte ich. Und ich stellte fest, dass ich den Hype nicht verstehe. Sie schmeckten mir nicht. Aber auch das ist in Ordnung. Nicht alles muss gefallen, nur weil es dazugehört.

Als wir später gingen, hatte der Tag nichts mehr vor. Der Markt lag hinter uns. Die Stimmen wurden leiser. Das Licht wurde weniger. Der Wald nahm alles wieder auf, ohne einen Unterschied zu machen. Es blieb kein Satz unausgesprochen. Kein Moment, den man hätte verlängern müssen. Alles war da gewesen, zur richtigen Zeit, in der richtigen Reihenfolge. Und dann durfte es gehen. Es war einer dieser Tage, die sich nicht aufdrängen. Kein Höhepunkt, kein Bild, das man anderen zeigen müsste. Eher ein leises Zusammenspiel aus Wegen, Gerüchen, Blicken und Pausen. Ein Tag, der nicht festgehalten werden will, sondern einfach bleibt, weil er darf. Man merkt es erst später. Vielleicht beim Nachdenken. Vielleicht auch nur daran, dass etwas ruhiger geworden ist.

Ich weiß nicht, ob man solche Tage bewusst sucht. Wahrscheinlich nicht. Sie entstehen irgendwo zwischen Gehen und Ankommen, zwischen Reden und Schweigen. Und manchmal erkennt man erst im Rückblick, dass sie etwas hinterlassen haben. Keine große Veränderung. Nur dieses feine Gefühl, dass etwas gut war, ohne dass man es erklären müsste. Er war schön. Wirklich schön. Einer dieser Tage, die sich ins Gedächtnis legen, ohne Spuren zu hinterlassen. Und genau darin liegt ihr Wert. Man nimmt sie mit, ohne sie mitzunehmen. Und man geht weiter. So wie immer.

Die stille Jahreszeit.

Von Momenten, die bleiben, wenn alles leiser wird.

Ein Tag im Dezember. Der Morgen lag schwer über den Hügeln, als hätte die Nacht vergessen, sich ganz zurückzuziehen. Dünner Nebel hing zwischen den Tannen, grau wie der Atem eines alten Tieres. Der Regen war kaum mehr als ein Flüstern, ein leiser Rhythmus auf den kahlen Ästen, die sich unter der Last des Jahres beugten. Und doch glitzerte er auf der Straße nach Eversberg, und jeder Schritt klang dumpf auf dem feuchten Asphalt. Ein Traktor stand am Rand eines Feldes, verlassen, die Scheiben beschlagen. Aus einem nahen Schornstein stieg Rauch, langsam, als wüsste er selbst nicht, wohin mit sich. Dieser typische Winterrauch, der nach Holz und nach gestern roch. Ein Hund trottete über den Hof, schüttelte sich einmal, dann verschwand er hinter einer Scheune, deren Dach unter dem Gewicht des Winters leicht knirschte. Die Luft war klar und still. Überall diese besondere Stille, die nur im Dezember entsteht, wenn die Welt ein wenig langsamer wird und jeder Ton eine Sekunde länger bleibt. Und genau in solchen Momenten, in denen nichts passiert und alles da ist, spürt man eine Wärme, die sich nicht erklären lässt. Keine, die aus Lichtern kommt, sondern aus der Art, wie der Winter die Welt hält. Fest, aber sanft. Ein Atemzug, den man nicht bemerkt hätte, wäre man nicht gerade hier gewesen.

Der 10. Dezember. Noch vierzehn Tage bis zum Heiligen Abend. Und alles fühlt sich in diesem Jahr anders an. Vielleicht liegt der eigentliche Zauber von Weihnachten ja nicht in den Lichtern, dem Glanz und den Geschenken, sondern in den Stunden davor und dazwischen. In den Momenten, in denen die Welt ein Stück leiser wird. In denen man zum ersten Mal seit Monaten das Gefühl hat, wieder richtig zu atmen. Die Tage sind kurz. Die Nächte lang. Und irgendwo zwischen all dem liegt eine Wärme, die nicht laut ist und niemandem gehört. Man sitzt am Fenster, sieht dem Abend dabei zu, wie er das Land verschluckt und merkt, dass etwas in einem weicher wird. Also nicht schwach. Einfach nur weicher. Als würde die Dunkelheit einen nicht mehr aufregen, sondern einfach nur einhüllen. Es ist diese Zeit, in der man selbst kurz stehen bleibt. Stehen bleiben darf. Nicht, um sich zu öffnen. Sondern um zu spüren, dass es okay ist, ein bisschen Abstand zu haben und trotzdem nicht allein zu sein.

Mein Weihnachten wird dieses Jahr stiller. Weniger Erwartungen. Weniger Stimmen. Weniger Gesichter. Weniger „Muss“. Mehr „Darf“. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum es sich auf eine seltsame Weise richtiger anfühlt. Man wird nicht gezogen. Nicht gedrängt. Man darf einfach auftauchen. So weit oder so nah, wie man kann. Draußen brennen Lichter, die niemand festhalten will. Drinnen liegt ein Raum, der nichts verlangt, nichts erwartet. Eine Tasse, die langsam auskühlt. Ein Hund, der leise atmet. Und irgendwo im eigenen Innern ein kleiner, aber warmer Gedanke, der sagt: Es ist in Ordnung, wenn es dieses Jahr anders ist als früher. Es ist in Ordnung, wenn man sich verändert hat. Es ist in Ordnung, wenn man dieses Weihnachten einen einzigen stillen Moment für sich behält und ihn wie ein Geschenk in den Händen dreht. Es ist in Ordnung, wenn man nur die Menschen sieht, die man wirklich sehen will, und all die anderen ihr eigenes Leben leben lässt.

Es ist in Ordnung.

Vielleicht ist es genau das, was Weihnachten wirklich braucht. Also einen Augenblick, in dem man nicht kämpfen muss. In dem man einfach sein darf. In dem man spürt, dass ein leises Leben manchmal genauso genügt wie ein großes. Und dass Wärme auch dann existiert, wenn man sich ihr nicht ganz nähert. Ein stilles Fest. Ein warmer Gedanke. Mehr braucht es für manche Herzen nicht. Mehr brauche ich dieses Jahr nicht.