Vielleicht lag es an Oldenburg.
Samstagvormittag. Mitten in Oldenburg. Ich sitze im MA vor einem Strammen Max. Also dem Frühstück. Spiegelei, Salami statt Schinken, Brot. Nicht irgendeinem Typen namens Max, der den Vorabend noch nicht ganz verarbeitet hat. Dazu Kaffee. Groß. Schwarz. Gegenüber sitzt mein Lieblingsmensch vor einer bunten Stulle. Mit Avocado-Creme. Ich gucke zu ihr rüber. Sie guckt zurück. Und eigentlich könnte der Tag an dieser Stelle schon ziemlich erfolgreich als gelungen verbucht werden. Aber wir haben ja gerade erst angefangen. Danach Innenstadt. Wir laufen einfach los. Ohne Ziel. Ohne Plan. Ohne diesen Quatsch, aus einem Samstag unbedingt eine Geschichte machen zu müssen, bei der hinterher alle denken: Scheiße, was haben die für ein geiles Leben. Ohne irgendwem beweisen zu müssen, dass man gerade verdammt viel Spaß hat. Das mag ich mit ihr. Man muss nicht ständig wissen, was als Nächstes kommt. Man kann einfach irgendwo langlaufen, stehenbleiben, sich umentscheiden, lachen, weitergehen. Mitten in der Fußgängerzone machen zwei Menschen Akrobatik. Andere bleiben stehen. Kinder gucken. Erwachsene auch, tun aber teilweise so, als würden sie nur zufällig gerade langsamer gehen. Wir bleiben natürlich auch stehen. Und als ich eher beiläufig frage, ob das jetzt eigentlich „Kunst“ ist, gucken mich ein paar Leute an, als hätte ich gerade öffentlich die Abschaffung von Kultur gefordert. Mein Lieblingsmensch lacht.
Wir laufen weiter. Etwas später sitzen wir im Extrablatt. Eigentlich davor. Alkoholfreies Hefeweizen. Keine Ahnung, ob Punkrockromantiker alkoholfreies Hefeweizen trinken dürfen. Vermutlich steht dazu irgendwas in der Hausordnung. Hab ich nicht gelesen. Nun gut, wir sitzen da, reden über irgendeinen Quatsch, gucken Menschen an, erfinden vielleicht für drei Sekunden komplette Lebensgeschichten zu Fremden und vergessen sie anschließend wieder. Genau mein Tempo. Wie lange wir dort saßen? Keine Ahnung. Irgendwann war Zeit einfach nichts, worüber wir nachgedacht haben. Aber dann wieder Innenstadt. Menschen. Geräusche. Samstag. Irgendwo am Rand der Fußgängerzone, in der Nähe des Pferdemarktes läuft plötzlich Musik. Ein kleiner Rave. Nicht riesig. Kein Festivalgelände. Keine zwölf Meter hohe Bühne mit LED-Wand und Einlasskontrolle. Einfach nur Musik. Ein DJ-Set. Ein paar Menschen tanzen. Ein paar Meter weiter spielen Kinder auf einem Spielplatz. Wir bleiben wieder stehen. Natürlich. Und für einen Moment sieht das alles erstaunlich logisch aus. Die einen springen zum Bass. Die anderen rutschen eine Rutsche runter. Im Grunde machen alle dasselbe. Sie haben gerade Bock. Wir gucken uns an und müssen lachen. Vielleicht, weil es schön ist. Vielleicht, weil die ganze Szene ein bisschen bescheuert ist. Vielleicht auch einfach, weil man mit manchen Menschen gar keinen besonderen Grund braucht.
Das ist sowieso eine der Sachen, die ich inzwischen ziemlich großartig finde. Mit dem richtigen Menschen muss nicht ständig etwas passieren. Man sitzt irgendwo. Man läuft irgendwo lang. Man trinkt irgendwas. Und trotzdem fühlt es sich nach ziemlich viel an. Wir ziehen weiter. Barcelona. Mitten in Oldenburg. Draußen sitzen. Fußgängerzone. Menschen gucken. Ich könnte das stundenlang. Mit ihr tatsächlich noch länger. Menschen laufen schließlich selten einfach nur von A nach B. Sie diskutieren. Suchen jemanden. Streiten darüber, wo man jetzt essen soll. Ziehen Kinder hinter sich her. Bleiben vor Schaufenstern stehen. Lachen zu laut. Gucken auf Handys. Küssen sich. Verlieren ihre Freunde. Finden sie fünf Minuten später wieder. Hier ein Junggesellenabschied, bei dem alle Bock haben. Zehn Meter weiter einer, der aussieht wie eine dienstliche Pflichtveranstaltung. Eine Innenstadt ist eigentlich nur ein sehr großes Theaterstück ohne Drehbuch. Und wir sitzen mittendrin. Reden. Lachen. Gucken. Manchmal reden wir über wichtiges Zeug. Manchmal komplette Scheiße. Beides find ich ziemlich gut. Ich glaub ja sowieso, dass Nähe oft völlig falsch beschrieben wird. Als müsste sie immer aus großen Gesprächen, Kerzenlicht und Sätzen bestehen, die später jemand auf eine Postkarte drucken könnte. Quatsch. Hühnerkacke. Manchmal ist Nähe einfach, zusammen in einer Fußgängerzone zu sitzen und sich gegenseitig auf irgendeinen Typen aufmerksam zu machen, der gerade seit fünf Minuten versucht, gleichzeitig ein Eis zu essen und eine Sprachnachricht aufzunehmen. Auch Liebe.
Irgendwann sagt sie, ich müsse was essen. Es gibt einen neu eröffneten Dönerladen. Also rein da. Döner mit Granatapfel und verdammt gutem Schafskäse. Granatapfel. Auf einem Döner. Mein Lieblingsmensch ist genauso begeistert wie ich, und spätestens jetzt ist klar, dass dieser Tag kulinarisch keinerlei Interesse mehr an Vernunft hat. Ich weiß ja nicht, wer von den Dönermenschen mal gesagt hat: „Da müssen noch kleine rote Kerne drauf.“ Aber ich hoffe, dieser Mensch bekommt regelmäßig Anerkennung.
Danach kurz in die Ols Brauerei. Ein Bier. „Kurz“ ist übrigens eines dieser Wörter, bei denen man samstags grundsätzlich vorsichtig sein sollte. Genau wie „nur eins“. Oder: „Wir gucken mal.“ Wir gucken also mal. Zusammen. Zwischen älteren Herrschaften, die auch auf Sylt sitzen könnten, läuft ein Nirvana-Song und irgendjemand ruft: „Geil Offspring.“
Danach Wallstraße. Nur bis zur nächsten Kreuzung. Nur mal gucken. Klar. Plötzlich ein Irish Pub. Handgemachte Musik. Und spätestens hier bekommt der Tag einen anderen Takt. Es ist voll. Menschen stehen an der Theke, sitzen an Tischen, lehnen irgendwo herum, reden durcheinander. Man trifft Leute, die man kennt. Und Leute, die man nicht kennt. Was kein besonders großer Unterschied bleibt. Wir kommen ins Gespräch. Mit diesem. Mit jener. Mit Menschen, deren Namen man fünf Minuten später vielleicht schon wieder vergessen hat, deren Geschichte man aber trotzdem für einen Moment kennt. Zwischendurch finde ich meinen Lieblingsmenschen immer irgendwo zwischen all diesen Leuten wieder. Sie lacht. Und ich denke kurz: Ja. Genau das.
Keine Ahnung, wie man solche Augenblicke vernünftig beschreibt, ohne sofort in irgendeinen romantischen Unfall zu geraten. Also lasse ich es. Es war einfach schön. Richtig schön. Ich mag solche Abende. Nicht dieses Sehen-und-gesehen-werden-Gedöns. Sondern Abende, an denen Menschen einfach Bock haben. Auf Musik. Auf Bier. Auf Gespräche. Aufeinander. Die Leute lachen. Singen. Tanzen. Und wir mittendrin. Auf dem Weg nach Hause landen wir natürlich noch in einer Karaoke-Bar. Natürlich. Es gibt Momente im Leben, bei denen man vorher ziemlich genau weiß, dass sie am nächsten Morgen nur schwer vernünftig zu erklären sein werden. Eine Karaoke-Bar gehört dazu.Es läuft Justin Bieber. „Baby.“ Und plötzlich verliert die komplette Bar kollektiv den Verstand. Abriss. Wirklich. Menschen singen. Menschen brüllen. Menschen tanzen. Und wir eben auch. Oder zumindest etwas, das unter großzügiger Auslegung als Tanzen durchgeht. Menschen, denen man morgens um elf vermutlich niemals zugetraut hätte, freiwillig Justin Bieber mitzusingen, geben um diese Uhrzeit alles, als hinge die Zukunft der gesamten Zivilisation davon ab, diesen Refrain gemeinsam zu überleben. Geil. Ich gucke zu meinem Lieblingsmenschen. Sie kennt den Song eigentlich gar nicht. Was die komplette Bar allerdings nicht als gültige Ausrede akzeptiert. Die ganze Bande da singt. Und in diesem Moment ist mir vollkommen scheißegal, dass Justin Bieber wahrscheinlich nicht unbedingt zum offiziellen Soundtrack meines Lebens gehört. Aber vielleicht besteht ein wirklich guter Abend genau daraus. Dass für ein paar Stunden niemand cool sein muss. Dass niemand darüber nachdenkt, ob das gerade peinlich ist. Dass irgendein Lied läuft, das man unter normalen Umständen vielleicht sofort wegdrücken würde, und plötzlich liegt man sich fast mit Fremden in den Armen und singt mit. Und vielleicht besteht ein wirklich guter Tag auch daraus, jemanden neben sich zu haben, mit dem man diesen ganzen Quatsch teilen will. Das Frühstück. Das Herumlaufen. Das Menschenbeobachten. Den Döner. Das Bier. Die Gespräche. Die Musik. Den komplett bescheuerten, kollektiven Justin-Bieber-Zusammenbruch einer Karaoke-Bar. Nicht, weil jeder dieser Momente für sich riesig wäre. Sondern weil sie zusammen plötzlich etwas werden.
Unser Samstag. Viel zu spät gehen wir schlafen. Drei Stunden. Mehr werden es nicht. Völlig bescheuert. Natürlich. Vernünftige Menschen hätten irgendwann gesagt: „Wir sollten langsam.“ Haben wir nicht. Zum Glück. Denn am nächsten Morgen bin ich müde wie ein Mensch, der eine sehr schlechte wirtschaftliche Entscheidung getroffen hat. Und während mein Körper offenbar versucht, offiziell Beschwerde gegen mich einzureichen, denke ich nur: Scheiße. Was für ein guter Tag.
Vielleicht lag es an Oldenburg. Vielleicht am Döner. Vielleicht an Justin Bieber. Aber eigentlich weiß ich ziemlich genau, woran es wirklich lag.
