Es liegt nicht an dir.
Vorgestern stand ich allein in einem Laden für Outdoorbekleidung in Oldenburg. Und allein ist in solchen Läden ein gefährlicher Zustand. Zumindest für Menschen wie mich. Weil niemand neben einem steht und sagt: „Torsten, leg das Messer wieder hin. Du brauchst kein Messer, mit dem man vermutlich einen Elch erlegen könnte. Du willst nur in den Wald. Nicht die Zivilisation neu gründen.“ Nee. Sagt keiner. Egal. Der Laden war jedenfalls großartig. Nicht so großartig im Sinne von „Ach, nett hier, da kann man mal gucken“, sondern eher im Sinne von, dass ich dort problemlos mehrere Stunden hätte verbringen können, ohne dass es mir selbst merkwürdig vorgekommen wäre. Messer. Lampen. Schlafsäcke. Socken. Hosen. Pullover. Jacken. Rucksäcke. Dinge, von denen man sofort glaubt, dass das eigene Leben deutlich besser sortiert wäre, wenn man sie besitzen würde. Das ist natürlich Schwachsinn. Aber ein sehr überzeugender.
Outdoorläden haben diese besondere Wirkung. Man betritt sie als Mensch, der eigentlich nur eine Hose sucht und zehn Minuten später steht man vor einem Regal mit Stirnlampen und denkt ernsthaft darüber nach, ob man nicht vielleicht doch eine Lichtquelle braucht, die auch bei minus zwölf Grad, Starkregen und mittelgroßer innerer Krise zuverlässig in Höhlen funktioniert, die man eigentlich nicht betreten darf. Dabei bringt man höchstens nur mal den Müll im dunklen raus. Aber gut. Ich war dort wegen einer Hose. Nicht irgendeiner Hose. Natürlich nicht. Ich hatte eine Vorstellung. Eine sehr klare sogar. Was bei mir meistens bedeutet, dass ich ganz genau weiß, was ich will, kann es aber nur ungefähr beschreiben und bin dann beleidigt, wenn die Realität nicht sofort mitmacht.
Ich brauche eine Hose für den Herbst. Oktober. November. Für draußen. Für Matsch. Für Wald. Für Wege, die nicht danach aussehen, als hätte sie jemand für Menschen mit weißen Sneakern geplant. Für eines meiner NICHT-IRGENDWANN-Ziele. Für dieses Gefühl, wenn man nicht nur irgendwo hinfährt, um dort kurz ein Foto zu machen, sondern wirklich draußen ist. Mit kalten Händen. Mit dreckigen Schuhen. Mit Kaffee aus einem Becher, der nach zwei Stunden ungefähr die Temperatur eines alten Gedankens hat. So eine Hose sollte das sein. Robust. Bequem. Nicht zu eng. Nicht zu modern. Nicht diese Art von Outdoorhose, mit der man aussieht, als würde man gleich in einem Start-up erklären, dass man am Wochenende „gern mal rauskommt“. Sondern eine Hose, die nach Wald aussieht. Nach Herbst. Nach Holzofen. Nach Rucksack. Nach „kann dreckig werden, ist nicht schlimm“.
Und natürlich fand ich sie. Klar. Das war ja das Problem. Sie hing da. Einfach so. Nicht besonders beleuchtet. Keine Engelschöre. Kein Windstoß aus Richtung Skandinavien. Sie hing einfach da. Sachlich. Dunkelgrün. Unbeeindruckt von meiner finanziellen Gesamtlage. Ich nahm sie vom Bügel und schon beim Anfassen merkte ich: Mist. Man merkt das ja manchmal sofort. Stoff. Gewicht. Verarbeitung. Taschen an Stellen, an denen Taschen Sinn ergeben. Nicht aus modischer Laune heraus, sondern weil dort tatsächlich Dinge hineinpassen könnten. Messer vielleicht. Oder eine Karte. Oder ein Handy. Oder ein Müsliriegel, den man irgendwann findet, wenn man längst vergessen hat, dass man ihn gekauft hat. Eine Axt. Natürlich eine Axt. Ich probierte sie an. Sie passte. Natürlich passte sie. Es wäre auch zu freundlich vom Leben gewesen, wenn sie irgendwo gedrückt hätte. Wenn sie zu kurz gewesen wäre. Zu lang. Zu weit. Zu irgendwas. Dann hätte ich sagen können: „Uiii. Wie blöd jetzt. Wäre schön gewesen. Aber passt nicht.“ Und wäre mit dem Gesichtsausdruck eines vernünftigen Mannes aus der Kabine gekommen.
Aber nein. Sie saß, als hätte sie vorher kurz meine Maße genommen. Ich stand also vor dem Spiegel in dieser Hose und sah für einen Moment aus wie jemand, der im Herbst ernsthaft Pläne hat. Nicht nur Gedanken. Nicht nur Instagram im Kopf. Sondern echte Pläne. Rausfahren. Losgehen. Im Bauwagen schlafen. Durch Wald laufen. Abends Holz nachlegen. Morgens mit zerknittertem Gesicht irgendwo stehen und so tun, als sei Kälte ein Charaktertest. Diese Hose konnte das alles. Ich vermutlich auch. Aber die Hose sah überzeugender aus. Dann sah ich auf den Preis. 199,99 Euro.
Das ist ein Preis, bei dem Menschen gern sagen: „Ja gut, Qualität kostet eben.“ Stimmt. Qualität kostet. Aber Kontoauszüge haben leider selten Verständnis für Lebensgefühl. Die sagen nicht: „Ach Torsten, mach ruhig. Herbst. Wald. Aufbruch. Persönliche Entwicklung. Dunkelgrün steht dir.“ Kontoauszüge sind da eher norddeutsch. Trocken. Unromantisch. Fast schon beleidigend sachlich. 199,99 Euro sind 200 Euro. Da kann man noch so lange diese eine Cent-Lüge stehen lassen. Wir wissen alle, was gemeint ist. Niemand steht an der Kasse und denkt: „Zum Glück keine 200.“ Außer vielleicht Menschen, die auch glauben, ein Croissant sei ein ausgewogenes Frühstück, wenn ein Salatblatt draufliegt. Ich stand also da. In einer Hose, die perfekt war. In einem Laden, der sowieso gefährlich war. Mit einem Ziel im Kopf, das nach Herbst roch. Und mit einer Vernunft, die unangenehm wach wurde. Ich hätte sie kaufen können. Irgendwie. Klar. Kaufen kann man vieles. Zur Not kann man heute alles kaufen und sich morgen erzählen, es sei eine Investition gewesen. Menschen nennen sehr viel „Investition“, wenn sie eigentlich nur meinen: „Ich wollte das haben.“ Ich kenne das. Ich bin da nicht besser. Ich bin sogar ziemlich gut darin, mir Gründe zurechtzulegen. Das ist eine meiner unterschätzten Fähigkeiten. Wenn ich etwas wirklich will, arbeitet mein Kopf nicht mehr als Berater. Er arbeitet als Anwalt. Und zwar als einer dieser unangenehm ehrgeizigen Anwälte, die selbst aus einem klaren Fall noch ein dreiteiliges Argumentationspapier machen.
„Du brauchst die Hose ja wirklich.“ „Für den Herbst.“ „Für dein Ziel.“ „Billig kaufen heißt zweimal kaufen.“ „Du willst doch nicht frieren.“ „Du fängst neu an, aber gerade deshalb brauchst du gute Dinge.“ „Außerdem sitzt sie perfekt.“
Das klang alles nicht falsch. Das ist das Gemeine. Die besten Ausreden sind selten kompletter Blödsinn. Sie sind meistens halbwahr. Und Halbwahrheiten sind gefährlich, weil sie sich anfühlen wie Vernunft mit besserer Jacke.
Aber da war eben auch die andere Seite.
Ich beginne gerade noch einmal neu. Theoretisch. Praktisch auch. Schritt für Schritt. Rechnen. Sortieren. Prioritäten. Nicht jeden Wunsch sofort in den Einkaufswagen werfen, nur weil er gut aussieht und Taschen an den richtigen Stellen hat. Das ist nicht besonders romantisch. Auf gar keinen Fall geil. Aber notwendig. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man merkt, ob man es ernst meint.
Nicht bei den großen Sätzen. Nicht bei den Plänen. Nicht bei den Momenten, in denen man anderen erzählt, was man vorhat. Sondern in so einem Laden in Oldenburg, allein vor einem Spiegel, in einer Hose, die wirklich verdammt gut sitzt, während irgendwo im Hintergrund wahrscheinlich ein Mann überlegt, ob er für seinen Campingkocher noch einen Adapter braucht, obwohl er seit 2003 nicht mehr zelten war.
Da entscheidet sich manchmal mehr, als man denkt. Ich zog die Hose wieder aus, hängte sie zurück. Es gibt Klamotten, die hängt man nicht zurück, man trennt sich von ihnen auf Probe. So fühlte sich das an. Vielleicht kaufe ich sie irgendwann. Vielleicht finde ich sie günstiger. Vielleicht gibt es eine Alternative. Vielleicht ist genau diese Hose später immer noch da. Vielleicht auch nicht. Das Leben ist hart. Besonders bei Outdoorbekleidung in Dark Olive. Aber vorgestern habe ich sie nicht gekauft. Und das war richtig. Nicht, weil ich sie nicht wollte. Ich wollte sie echt. Sondern weil ich gemerkt habe, wie sehr ich versucht habe, Gründe zu finden, sie kaufen zu können. Kleine, stabile, vernünftig aussehende Gründe. Gründe mit Reißverschluss und verstärkten Knien. Und genau da liegt für mich inzwischen eine ziemlich einfache Regel.
Wenn ich Gründe suchen muss, um etwas zu tun, sollte ich es meistens lassen.
Wenn ich allerdings Gründe suche, um etwas nicht zu tun, dann ist es oft genau das, was ich machen muss.
Klingt einfach. Ist es auch. Nur leider steht man im echten Leben selten mit dieser Erkenntnis auf einem Berggipfel, während die Sonne aufgeht und irgendein Adler symbolisch durchs Bild fliegt. Man steht eher in Oldenburg in einem Outdoorladen. In Socken. Vor einem Spiegel. Und versucht, einer Hose zu erklären, dass es gerade nicht an ihr liegt.