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Bis 2014 habe ich das Marketing für eine Bank gemacht. Das klingt erst einmal vernünftig. Nach Schreibtisch. Nach Besprechungsraum. Nach einem edlen Kugelschreiber mit Logo. Nach einem Leben, bei dem Menschen morgens wissen, wo sie parken und abends wissen, warum sie müde sind. Also nach etwas, das mir rückblickend fast verdächtig geordnet vorkommt. Danach habe ich mich selbstständig gemacht. Ich habe fotografiert. Texte geschrieben. Webseiten gebaut. Marketingkonzepte entwickelt. Unternehmen sichtbarer gemacht als ihre eigenen Hinweisschilder, was in manchen Fällen keine große Kunst war, weil diese Hinweisschilder irgendwo zwischen Efeu, Parkplatz und vollständiger Resignation hingen. Und das sah von außen oft ziemlich vernünftig aus. Echt jetzt. Kamera in der Hand. Termine im Kalender. Rechnungen im System. Kunden, die nickten. Webseiten, die online gingen. Texte, die besser klangen als das, was vorher auf irgendeiner Unterseite unter „Über uns“ stand und vermutlich seit 2009 niemand mehr freiwillig gelesen hatte.

Aber von innen war das alles manchmal eher ein wackeliger, alter Campingtisch. So einer, bei dem ein Bein immer ein bisschen zu kurz ist. Und auf diesem Tisch lagen Ideen, Rechnungen, halbfertige Pläne, zu viele Gedanken und diese besondere Form von Existenzangst, die morgens keinen Kaffee braucht, weil sie sowieso schon wach ist. Ich sag mal so, es war nicht immer einfach. Dann kam 2026.

Und plötzlich fiel nicht nur ein Stein aus der Mauer. Es fiel gleich die ganze verdammte Wand. Das Zuhause war weg. Das Auto war weg. Mein Hund war in einem neuen Zuhause. Nicht, weil er mir egal war. Sondern weil Liebe manchmal auch bedeutet, nicht der Mittelpunkt zu sein. Eine Erkenntnis, die grundsätzlich schön klingt, aber in der Praxis ungefähr so angenehm ist wie barfuß auf Lego zu treten. Ich saß da und dachte: Fuck. Das war es jetzt. Tschüss. Ende. Abspann. Nur ohne Musik. Ich glaube, das Kino des Lebens ist mitunter erstaunlich geizig, wenn es um dramatische Effekte geht. Kein Regen gegen die Scheibe. Kein Streichorchester. Kein letzter Blick in den Rückspiegel. Meistens sitzt man einfach irgendwo, trinkt schlechten Kaffee und merkt, dass selbst große Zusammenbrüche echt unspektakulär aussehen können. Eine Zeit lang war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt noch zurückkommen wollte. Einfach, weil manchmal alles so still wird, dass selbst der nächste Tag wie eine Zumutung wirkt. Ein paar Tage später wurde mir klar, dass dieser Gedanke verständlich war. Aber auch ziemlich unpraktisch.

Das Gute ist, ich war noch da. Nicht besonders sortiert. Nicht besonders erfolgreich. Nicht mit erhobenem Kopf und fester Stimme, wie Menschen das in Filmen tun, kurz bevor sie eine neue Firma gründen oder einen Berg besteigen. Eher mit müdem Blick, zu vielen offenen Fragen und diesem inneren Geräusch, das entsteht, wenn das Leben einmal kräftig durchgelüftet hat, ohne vorher zu fragen, ob noch wichtige Unterlagen auf dem Tisch liegen. Und da stellte ich mir einfach mal eine andere Frage. Was wäre, wenn das hier gar kein Ende ist? Was, wenn es einfach nur der Punkt ist, an dem nichts mehr hübsch eingerichtet werden kann? Kein Vielleicht-später. Kein Wenn-mal-Zeit-ist. Kein Irgendwann, dieses kleine feige Wort, mit dem man ganze Leben in die Abstellkammer stellt. Und ich glaube, auch daraus ist NICHT IRGENDWANN entstanden. Ich habe angefangen, über hundert Dinge nachzudenken, die ich erleben möchte, bevor ich sterbe. Nicht, weil ich plötzlich besonders mutig geworden wäre. Ich bin nicht morgens aufgewacht und hatte auf einmal einen Abenteuerbart, ein Taschenmesser und ein sehr ernstes Verhältnis zu Sonnenaufgängen. Mir ist nur einfach aufgefallen, wie leicht man sein ganzes Leben auf irgendwann verschiebt. Ist doch so. Irgendwann mache ich das. Irgendwann fahre ich dorthin. Irgendwann sage ich das, was ich immer schon sagen wollte. Irgendwann fange ich an. Und irgendwann ist oft nur ein anderes Wort für nie.

Naja. Der aktuelle Stand der Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie tun möchte, bevor ich sterbe? 0 von 100. Aber ich glaube, genau deshalb beginnt die Geschichte jetzt. Nicht irgendwann. Jetzt.

Und jetzt sitze ich immer irgendwo und brainstorme. Kinnas. Was für ein schönes Wort. Brainstorming klingt immer, als säßen irgendwo kluge Menschen mit Whiteboard-Stiften in einem hellen Raum und würden Zukunft gestalten. Bei mir sieht es eher so aus, dass ich Notizen mache, wieder streiche, Kaffee trinke, kurz aufs Handy gucke, mich selbst dafür verachte, wieder Notizen mache und zwischendurch überlege, ob „mit Haien tauchen“ wirklich ein Ziel ist oder nur ein sehr aufwendiger Weg, um später von einem Tier ignoriert zu werden. Aber genau darum geht es. Ich will diese hundert Dinge eben nicht so auswählen, dass sie auf Instagram gut aussehen. Das wäre ja vermutlich sogar der einfachste Weg. Ballonfahrt bei Sonnenaufgang. Irgendein Berg. Irgendein See. Irgendein Foto, auf dem jemand von hinten in die Ferne schaut, als hätte er gerade in einem sehr teuren Onlinekurs gelernt, dass Freiheit auch nur ein anderes Wort für eine neue Jacke ist. Nein. Es sollen meine Ziele sein.

Nicht die Ziele, die besonders gut wirken. Nicht die Ziele, die andere beeindrucken. Nicht die Ziele, bei denen irgendjemand denkt: „Stark, der hat sein Leben im Griff.“ Das wäre ohnehin gelogen. Ich habe aktuell nicht einmal meine Kabel im Griff. Und Kabel sind im Vergleich zum Leben noch relativ überschaubar, obwohl auch das vermutlich eine gewagte Behauptung ist. Ich will Dinge aufschreiben, die wirklich etwas mit mir zu tun haben. Kleine Dinge. Große Dinge. Bescheuerte Dinge. Mutige Dinge. Dinge, die mir Angst machen. Dinge, die vielleicht niemand versteht. Dinge, bei denen andere sagen: „Warum ausgerechnet das?“ Und genau dann wird es wahrscheinlich interessant. Denn es sind meine Ziele. Nicht die der anderen. Nicht die des Algorithmus. Nicht die einer Zielgruppe, die angeblich zwischen 18 und 49 liegt und sich laut Statistik besonders für Authentizität interessiert, solange sie gut ausgeleuchtet ist.

Und ich will diese Geschichte erzählen. Nicht perfekt. Nicht glatt. Nicht mit dieser unangenehmen Selbstgewissheit von Menschen, die schon beim Frühstück klingen, als hätten sie drei Bücher über Disziplin gelesen und dabei ihren eigenen Schatten motiviert. Ich will filmen. Ich will fotografieren. Ich will zeigen, wie diese Liste entsteht. Wie ich überlege. Wie ich zweifle. Wie ich Ziele finde und wieder verwerfe. Wie ich vielleicht Dinge tue, die am Anfang unangenehm sind. Peinlich. Unbeholfen. Cringe, wie Menschen sagen, die wahrscheinlich auch schon einmal „Content Journey“ gesagt haben und danach trotzdem weiterleben durften. Es wird diesen Berg des Cringe geben. Fick dich. Ja. Ganz sicher. Vielleicht sogar mehrere. Kleine Mittelgebirge aus Unsicherheit, komischen Videos, schiefem Licht, falschen Sätzen und diesem Moment, in dem man sich selbst auf dem Bildschirm sieht und sofort versteht, warum manche Tiere lieber im Wald bleiben. Aber da muss ich rüber. Nicht, weil ich plötzlich Influencer werden will. Sondern weil ich glaube, dass diese Geschichte erzählt werden muss, während sie passiert. Nicht hinterher, wenn alles hübsch sortiert ist. Nicht erst dann, wenn aus dem Chaos eine Erfolgsgeschichte geworden ist und man in Interviews so tun kann, als hätte man die ganze Zeit einen Plan gehabt.

Ich habe keinen Plan.

Das ist vielleicht der ehrlichste Teil daran.

Ich habe ein Buch, das mir als Werkzeug dienen soll. Ein Buch, das ich selbst benutze, selbst gemacht habe. Nicht als Deko. Nicht als schönes Objekt für Menschen, die gerne Notizbücher kaufen und dann ehrfürchtig unbenutzt ins Regal stellen, als wären sie kleine Altäre der eigenen Möglichkeiten. Sondern als Arbeitsfläche. Als Liste. Als Erinnerung. Als Tritt in den Arsch, wenn das Leben wieder anfängt, sich in Ausreden einzurichten. Und ja, dieses Buch kann man kaufen. Nicht, weil ich plötzlich so tue, als hätte ich die große Antwort gefunden. Habe ich nicht. Ich habe nicht mal die kleine Antwort gefunden. Ich habe bisher 0 von 100. Das ist kein Expertenstatus. Das ist eher ein sehr sauber dokumentierter Anfang. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.

Ich habe außerdem ein Plugin gebastelt. Kostenlos. Für alle, die ihre eigene Liste auf ihrer Webseite zeigen wollen. Ihre Ziele. Ihre Fortschritte. Ihre Geschichten. Nicht als Leistungsschau. Nicht als digitales Schulterklopfen. Sondern als sichtbare Erinnerung daran, dass man Dinge nicht ewig im Kopf parken sollte. Im Kopf stehen sie nämlich irgendwann herum wie alte Kartons im Keller. Man weiß, dass sie da sind, aber man geht nicht mehr gern hin. Also: Buch. Webseite. Videos. Fotos. Plugin. Liste. Geschichte. Und irgendwo dazwischen ich. Mit ziemlich wenig Sicherheit, aber mit dem Gefühl, dass genau das gerade richtig ist.

All in, nennt man das wohl.

Oder, etwas weniger cool formuliert, ich werfe jetzt einfach alles auf den Tisch und schaue, was davon stehen bleibt. Der Tisch wackelt sowieso schon. Dann kann auch etwas Sinnvolles draufliegen.